Ransom Canyon: Indigo Lake

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Ransom Canyon 6: Indigo Lake

Kann eine unerwartete Liebe den Hass besiegen, der zwischen den Hamiltons und den Davisʼ am Indigo Lake brennt?

Von Crossroads, Texas hat Blade Hamilton noch nie gehört. Bis er am geheimnisvollen Indigo Lake ein verwittertes Ranchhaus erbt. Er, der im Auftrag der Regierung immer unterwegs ist, hat plötzlich ein Zuhause – und Nachbarn, mit denen die Hamiltons eine uralte Fehde verbindet …

Groß, breitschultrig und diese merkwürdigen silbergrauen Augen: Als Dakota Davis einem sexy Biker hilft, ahnt sie, dass er ein Hamilton sein muss. Ein Nachfahre jener Familie, mit der die Davis’ seit ewigen Zeiten verfeindet sind, ein Mann, um den sie einen großen Bogen machen sollte. Und der sie trotzdem nicht loslässt …

Zwölf Jahre ist die Nacht jetzt her, seit Lauren Brigman mit dem Tod tanzte und mit dem Leben davonkam. Noch immer ist die Erinnerung daran wie ein dunkler Schatten. Dabei weiß sie: Damals wie heute kann es für sie keine Liebe ohne den Mann geben, der damals mit dabei war. Und kein Glück für sie an einem anderen Ort als Crossroads …


  • Erscheinungstag 30.05.2026
  • Bandnummer 6
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538855
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jodi Thomas

Ransom Canyon: Indigo Lake

PROLOG

Die Iden des März, 2016

Tief im Hinterland, wo keine asphaltierten Straßen verlaufen und Legenden im hohen Büffelgras wispern, liegt ein See, der von kalten unterirdischen Quellen gespeist wird.

Indigofarbenes Wasser, dunkel und still, zieht über seine Oberfläche, unter der Geheimnisse verborgen liegen und ein alter Fluch in leisen Wellen nachklingt.

Zwei Ranches grenzen an seine Ufer. Zwei Familien, die seit hundert Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben.

Einige der Alteingesessenen behaupten, das Blut, das dort fortgespült wurde, hätte das Wasser des Indigo Lake so dunkel gefärbt.

Doch heute Nacht steht da ein Mann, lauscht, grübelt und fragt sich, ob der Bruch mit der Tradition ihn retten oder töten wird.

1. KAPITEL

Letzter Februartag, 2016

Blade Hamilton trat an den Rand des dunklen Wassers und starrte in den Indigo Lake. Er gehörte nicht hierher. Er gehörte nirgendwohin. Es war pure Zeitverschwendung, dass er an dieses Nichts von einem Ort gekommen war.

Durch seine Herkunft gehörte ihm das Land. „Sie sind der Letzte aus Ihrem Zweig der Hamilton-Linie“, hatte der Richter in Crossroads vor einer Stunde festgestellt, als er ihm die Besitzurkunde für Hamilton Acres überreicht hatte. Nur hatte Blade bis vor einer Woche noch nie von diesem alten Gehöft gehört. Er hatte nichts über seinen Vater oder eine baufällige Ranch gewusst, die seinen Nachnamen trug.

Er hatte sich in der Stadt beim Sheriff die Schlüssel und eine Landkarte abgeholt und war vor Einbruch der Dunkelheit auf seiner Harley-Davidson losgefahren. Sechzigtausend hatte er für die Harley Baujahr 1948 bezahlt, und Blade hätte gewettet, dass sie mehr wert war als sein geerbtes Land und das Haus zusammen.

Die letzte Viertelmeile bestand aus einem Feldweg, an dessen Ende sich eine alte Brücke befand. Sie ächzte, als er sie überquerte und auf das Grundstück fuhr, das der Richter als das alte Hamilton-Anwesen bezeichnet hatte.

Ein verwittertes zweistöckiges Haus stand knapp hundert Meter von der Straße entfernt, wie ein Wachposten, der ihm den Zutritt versperrte. Vor etwa fünfzig Jahren muss es jemand leuchtend rot gestrichen haben, aber das Holz war inzwischen zu einem Sangria-Farbton verwittert, der fast so aussah wie der Schlamm am Seeufer. Riesige Pappeln ragten mit ihren knochigen Wurzeln und gespenstischen, vom Winter noch kahlen skelettartigen Ästen ins Wasser.

Ein Bach mit einem breiten, flachen Wasserfall, der das offene Land überflutete, ließ zu seiner Linken kleine Bäume und Büsche wie einen wilden Miniaturwald wachsen. Das Haus stand auf einer Anhöhe, wo winterbraune Ranken über den Boden zu kriechen und die Veranda fast vollständig zu bedecken schienen. Noch ein paar Jahre, und die Ranken würden das Haus wahrscheinlich zum Einsturz bringen.

Er ließ das Motorrad auf trockenem Grund neben einer kleinen Scheune stehen und ging langsam auf das Haus zu. In Gedanken plante er bereits den Weg zurück nach Denver. Er war in großen Städten aufgewachsen und die Stille des Landes bereitete ihm Unbehagen.

Blade ließ seine Satteltaschen auf die Veranda fallen und schloss die Tür auf. Langsam betrat er einen Raum, der aussah wie ein Museum aus harten Zeiten.

Die meisten Fenster im Erdgeschoss waren mit Brettern zugenagelt, also benutzte er eine Taschenlampe, um sich zurechtzufinden. In Gestellen an den Wänden hingen Gewehre, und Tierfelle dienten als Teppiche. Der Ort musste zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eingerichtet und dann dem Verfall überlassen worden sein. Der Geruch von Verwahrlosung hing in der feuchten Luft, und eine dicke Staubschicht lag auf den verhängten Möbeln.

Im Treppenhaus hingen Bilder, die vier oder vielleicht fünf Generationen zeigten. Die Gesichter, die ihm aus den Rahmen entgegenstarrten, ähnelten ihm so sehr, dass Blade ein zweites Mal hinsehen musste. Rancher hoch zu Pferd, Soldaten in Uniform, ein Ölfeldarbeiter, der sich über die Absperrung einer Bohranlage lehnte, ein Fischer neben einem alten Jeep, ein Mann im Anzug mit einer Schnurkrawatte. Ihre Namen standen auf winzigen Schildern am unteren Rand der Rahmen.

Hamilton-Männer, von denen viele „Blade“ als Vor- oder Zweitnamen trugen. Sein Vater, Henry Blade Hamilton, starrte ihn von einem Armeefoto an. Vietnam, schätzte Blade. Es musste aufgenommen worden sein, als er etwa in Blades Alter gewesen war, also Anfang dreißig.

Bis vor einer Woche hatte er nicht einmal gewusst, dass er nach dem Mann benannt worden war, den seine Mutter noch vor seiner Geburt verlassen hatte.

Als er seiner Mutter letzte Woche einen Besuch abgestattet hatte, hatte sie ihm einen riesigen Umschlag gereicht und verkündet: „Sieht aus, als wäre das von der Familie deines Vaters.“

„Es gibt eine Familie meines Vaters?“, hatte Blade missmutig gebrummt und gedacht, dass das ein verdammt schlechter Anfang für seinen monatlichen Besuch bei ihr war.

Sie warf ihm ihren „Du-bist-dumm-wie-Bohnenstroh“-Blick zu, den sie schon zu seiner Teenagerzeit perfektioniert hatte, und ging weg.

Blade hatte geflucht und lauthals geschimpft. Er hätte sich die Mühe sparen können, vorbeizuschauen. Sie wollte sowieso nie mit ihm reden. Oder vielleicht wollte er auch einfach nicht hören, was sie zu sagen hatte. In seiner Kindheit hatte er sich eingeredet, er wäre von einem anderen Planeten adoptiert worden und seine Mutter das einzige weibliche Wesen, das bereit gewesen war, ihn aufzunehmen.

Sie nahm auch streunende Hunde und Katzen und gelegentlich einen arbeitslosen Säufer bei sich auf, also hätte er sich auch dann nicht als etwas Besonderes gefühlt, wenn das mit der Adoption gestimmt hätte.

Die übliche Antwort seiner Mutter auf jegliche Fragen nach seinem anderen Elternteil war nur das Zuknallen einer Tür gewesen, also hatte Blade früh gelernt, nicht mehr danach zu fragen. Er würde schwören, dass seine Mutter ihn von seiner Geburt an nicht gemocht hatte. Als er von zu Hause weggegangen war, hatte sie nie gefragt, wo er lebte oder was er tat. Ein paar Mal, als er vorbeigekommen war, um nach ihr zu sehen, hatte sie sogar die Dreistigkeit besessen, ihn anzusehen, als hätte sie ihn völlig vergessen. Er hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, sich ihr vorzustellen.

Seine Mutter wäre vielleicht überrascht gewesen, wenn sie sich über sein Leben auf dem Laufenden gehalten hätte. Er war nicht der Verlierer, als den sie ihn immer bezeichnet hatte. Nach der Armee hatte er sein Studium abgeschlossen, und es ging ihm ziemlich gut. Es stellte sich heraus, dass er gut darin war, Rätsel zu lösen, und als Agent beim Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe (kurz ATF) bekam er dazu reichlich Gelegenheit. Er war zwar in Denver stationiert, reiste aber als Sonderermittler oft herum.

Blade schob die Gedanken an seine Mutter beiseite, während er die Treppe hinaufstieg und aus dem einzigen nicht vernagelten Fenster des alten Hamilton-Hauses nach draußen schaute. Das riesige Fenster im zweiten Stock blickte auf das offene Land von Hamilton Acres. Das schwere Bleiglas war in einer Form ähnlich einem Spinnennetz zusammengesetzt, wodurch es zerbrochen wirkte. Eine geborstene Welt, wieder zusammengesetzt.

„Unheimlich“, flüsterte er, als er sich daran erinnerte, wie der Sheriff von Crossroads ihm aus dem Bezirksamt gefolgt war und ihn gewarnt hatte, er solle vorsichtig sein.

Blade hatte sich formell vorgestellt und dem Sheriff sogar seinen Bundesausweis gezeigt. Aber Sheriff Brigman hatte ihm trotzdem diesen besorgten Blick zugeworfen, den Gesetzeshüter aufsetzten, wenn sie dachten, jemand könnte in Schwierigkeiten geraten, die ihm über den Kopf wuchsen.

Blade grinste. Diesen Blick kannte er inzwischen gut. Er sah ihn jedes Mal, wenn er mit dem Fallschirm hinter der Brandlinie absprang oder gemeinsam mit dem Bombenräumkommando die Ausrüstung anlegte. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass man, um Antworten zu finden, dorthin gehen musste, wo die Schwierigkeiten angefangen hatten.

Es war nicht der Adrenalinschub, der ihn dazu brachte, sich in Gefahr zu begeben, oder der Glaube daran, dass seine Fähigkeiten ihn immer retten würden. Blade war gut in seinem Job, aber der Grund, dass er stets die Nerven behielt, war das Fehlen von Angst. Er dachte nicht an morgen. Er glaubte nicht daran.

Er lebte nur für heute.

Von seinem Aussichtspunkt am Fenster im ersten Stock konnte er den prächtigen Sonnenuntergang sehen, der sich über den westlichen Himmel ausbreitete. Eine einsame Windmühle war das einzige Anzeichen von Zivilisation in dieser Richtung. Von hier aus konnte man fast glauben, einen Blick in die Zukunft oder vielleicht in die Vergangenheit zu erhaschen.

Zum ersten Mal war er auf ein Stück Land gestoßen, das so einsam war, wie er sich fühlte. Auf seltsame Weise spürte er, dass er zu dieser ungezähmten Landschaft eine Verbindung aufbauen konnte. Vielleicht lag es daran, dass Generationen seiner Familie hier begraben worden waren. Oder vielleicht wollte Blade nur ein einziges Mal in seinem Leben das Gefühl haben, dazuzugehören.

Hamilton-Land. Sein Land. Wurzeln, mit denen Blade nach einem Leben ohne festen Halt nicht umzugehen wusste.

Als er seine Mutter anrief, um ihr mitzuteilen, dass er eine Ranch in Texas geerbt hatte, lachte sie und sagte: „Na klar hast du das. Am besten gehst du los und kaufst dir ein paar Cowboystiefel. Ich habe gehört, die Viehzüchter dort stehen nicht auf Bikerboots.“

„Willst du nicht mitkommen und dir die Ranch ansehen? Immerhin warst du mit Henry Blade Hamilton verheiratet.“ Als sie nicht antwortete, fügte Blade hinzu: „Du erinnerst dich doch noch an den Namen des Mannes, der mich gezeugt hat?“

„Ich habe ihn Hank genannt und versuche seit dreißig Jahren, ihn zu vergessen.“ Sie fluchte, wie immer in einem wirren Durcheinander von Worten. „Es war nicht leicht, ihn aus meiner Erinnerung zu verdrängen, wenn du ihm wie aus dem Gesicht geschnitten bist.“

„Dann komm mit mir. Er ist tot, also wirst du ihm wohl eher nicht begegnen. Wir besuchen sein Grab, vielleicht kannst du dann die Erinnerung begraben.“

„Auf keinen Fall. Als wir geheiratet haben, meinte er, die Ranch wäre wertlos. Nichts als Unkraut und wilde Pflaumenbüsche. Zu nichts zu gebrauchen. Er auch nicht, wie sich herausstellte.“

„War er ein Cowboy?“, fragte Blade.

„Ich weiß es nicht mehr.“ Sie beendete das Gespräch, ohne sich zu verabschieden.

Er rief nicht zurück und versuchte auch nicht, sie wiederzusehen. Stattdessen packte er etwas Kleidung zum Wechseln ein, stieg auf seine Harley und verließ Denver, um einen Teil der Familie zu erkunden, von dessen Existenz er nie gewusst hatte.

Bis jetzt hatte ihn an diesem Ort mit Ausnahme des Sonnenuntergangs noch nichts beeindruckt. Der See war dunkel, das Land felsig, und das Haus sah aus, als wäre es einem Psychothriller entsprungen. Offensichtlich gab es nichts, was sich zu stehlen lohnte, sonst hätte es schon vor Jahren jemand geplündert. Der Anwalt hatte ihm am Telefon mitgeteilt, dass sein Vater vor sechs Monaten in New Orleans gestorben war. Anscheinend hatte der alte Hank keinen Fuß mehr auf die Ranch gesetzt, seit er den Ort im Alter von sechzehn verlassen hatte.

Allerdings hatte Henry Hamilton jedes Jahr die Steuern bezahlt und sein Testament sowohl bei dem Anwalt in New Orleans als auch beim Countybüro in Crossroads, Texas, hinterlegt. Henry hatte zwar nie den Kontakt zu Blade gesucht, aber aus irgendeinem Grund hatte er gewollt, dass sein Sohn das Land bekam.

Als er die Treppe wieder hinunterging, bemerkte Blade, dass kein einziges Bild einer Frau an der Wand hing. Es musste doch Ehefrauen gegeben haben, Mütter dieser Männer, eine Großmutter oder Urgroßmutter für ihn. Vielleicht war keine von ihnen länger geblieben, als es dauerte, die nächste Generation zur Welt zu bringen. Anhand der Daten und Namen auf den Rahmen zeichnete Blade seinen Familienstammbaum nach.

Er hatte das dunkle Haar seines Vaters und Großvaters, ihre grauen Augen, ihre Haut, die nie einen Sonnenbrand bekam, sondern immer braun wurde. Ihre große Statur und den breitschultrigen Körperbau.

Aber mehr auch nicht. Sie waren Fremde für ihn.

Alle anderen Bilder waren schwarz-weiß, aber wären sie in Farbe gewesen, hätte er gewettet, dass sie die gleichen körperlichen Merkmale gezeigt hätten.

Langsam ging Blade von Zimmer zu Zimmer. Es sah so aus, als hätte jemand den Ort eines Tages überstürzt verlassen. Mottenzerfressene Kleider hingen in den Schränken, Geschirr stand in der Spüle, verrottende Bettdecken und Kissen lagen noch auf den Betten.

Kein Strom, kein Wasser.

Als er die Hintertür öffnete, versperrten ihm wilde Rosensträucher den Ausgang. Ranken wanden und schlängelten sich am Haus empor, fast bis in den zweiten Stock. Sie waren dornig und kahl. Als er einen Ast umbog, um zu sehen, ob er abgestorben war, stach ihn ein Dorn in den Finger. Es war tatsächlich noch Leben in ihm, und er hatte das Gefühl, als würde die Pflanze sein Blut trinken. Blade ließ den Ast los und schloss die Tür. Seinetwegen konnten die Rosen das Haus gerne haben, aber noch mehr von seinem Blut würden sie nicht bekommen.

Als die Dämmerung hereinbrach, ging er zum See hinaus, müde und bedrückt, weil er keinerlei Erinnerungen an den Mann hatte, der ihn gezeugt hatte. Er hätte energischer Antworten von seiner Mutter verlangen sollen, aber jedes Mal, wenn er sie nach der Vergangenheit gefragt hatte, hatte sie ihn damit abgespeist, dass die Zeit zum Reden noch kommen würde.

Allerdings hatte er das Gefühl, dass das niemals der Fall sein würde. Seit seiner Geburt hatte sie dreimal geheiratet. Jedes Mal hatte sie sich wie ein Chamäleon verändert und war zu einem neuen Menschen geworden, den er kaum wiedererkannte. Sie war die Frau eines Predigers in Kansas gewesen, dann mit einem Ölfeldarbeiter verheiratet, der durch ganz Oklahoma zog, und für ein paar Monate wurde sie zur Frau eines arbeitslosen Schauspielers in Kalifornien. Zwischen diesen Ehen hatte sie hier und da als Kellnerin gearbeitet, einmal in Houston Autos verkauft und sich schließlich als Immobilienmaklerin in Denver niedergelassen. Er bezweifelte, dass sie sich überhaupt noch daran erinnerte, wie sie vor dreißig Jahren gewesen war, als sie ihn im Alter von achtzehn Jahren zur Welt gebracht hatte.

Blade versuchte sich einzureden, dass es ihm egal war. Sie lebte ihr Leben, von dem er schon seit Jahren kein Teil mehr war. Es kümmerte sie auch nicht, ob er einmal im Monat vorbeikam oder einmal im Jahr.

Er trat hinaus auf die alte Veranda des Hauses. Die Dielen knarrten unter seinen Stiefeln, aber das Haus musste eine solide Substanz haben, da es immerhin noch stand.

Es war an der Zeit, aufzubrechen. Hier wollte er sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht aufhalten. Vielleicht würde er zurück in die Stadt fahren und sich ein Hotel suchen. Morgen würde er sich noch einmal umschauen, nicht nach etwas zum Mitnehmen, sondern um vielleicht ein Gefühl für den Mann zu bekommen, nach dem er benannt worden war. Henry musste hier aufgewachsen sein.

Blade spürte, dass sich eine Veränderung anbahnte, wie schon ein Dutzend Mal zuvor in seinem Leben. Seine Mutter hatte nie Wurzeln geschlagen, und sie hatte einen Sohn großgezogen, der es ihr gleichgetan hatte – bis jetzt.

Wurzeln, die ich nicht will, ermahnte er sich erneut. Er wusste nichts über dieses Land, diese Familie. Er war sich nicht sicher, ob er es überhaupt wollte. Und er hatte das Gefühl, dass die Geschichten, die dieses Haus verbarg, traurige Geschichten waren.

Im Osten zuckte ein Blitz über den Himmel, und er erkannte ein weiteres Haus auf der anderen Seite des Sees. Es war niedrig gebaut und fügte sich harmonisch in die Landschaft ein. Wahrscheinlich ebenfalls verlassen. Noch mehr Land, das die nächste Generation nicht haben wollte.

Er zog den Reißverschluss seiner Lederjacke hoch und ging zu seinem Motorrad. Sollten sich doch die Kojoten und die Falken um diesen Ort streiten. Vielleicht morgen noch eine Runde über die Ländereien, und dann war er weg. Sobald er in Denver ankam, würde er den Anwalt anrufen, der ihn wegen des Erbes kontaktiert hatte, und nach einem Makler fragen, der das Anwesen verkaufen würde. Land, Haus und Erbe. Sie konnten alles kaufen.

2. KAPITEL

Dakota Davis bog von der Landstraße ab und fuhr dabei viel schneller als erlaubt. In fünf Minuten würde der Feldweg eine einzige Schlammpiste sein. Wenn sie nach Hause kommen wollte, ohne dass ihr gesamter Einkauf durchnässt wurde, sollte sie den Pick-up der Farm besser zum Fliegen bringen.

Als sie ein paar Minuten später am alten Hamilton-Anwesen vorbeifuhr, glaubte sie zu halluzinieren. Ein schwarz gekleideter Mann stand knietief im schlammigen See und sah aus, als würde er den Himmel verfluchen.

Für einen kurzen Moment erinnerte der Anblick sie daran, was ihre Shichu, ihre Großmutter, einmal erzählt hatte. Der Legende nach wäre der letzte Mann, der im Kampf um das Land gestorben war, ein starker Krieger gewesen. Doch er wäre einfach tief in den Indigo Lake hineingegangen, bis das Wasser über seinem Kopf zusammenschlug, weil er seinen Lebenswillen verloren hatte. Es gab viele Legenden über die Apachen, ihr Volk, das um dieses Land gekämpft hatte und dafür gestorben war, aber diese Geschichte handelte von den Hamiltons.

Ihre Shichu, ihre Großmutter, kannte sie alle. Uralte Sagen und Geschichten von Kämpfen zwischen Nachbarn, die sich vor über hundert Jahren hier an dem ruhigen See niedergelassen hatten. Die Familie Davis und der Hamilton-Clan. Flüche, die einst über das Wasser hinweg geschrien worden waren, flüsterten heute nur noch in den Bäumen, die seine Ufer säumten.

Großmutter behauptete, das Land wäre verdammt, und alle, die darum kämpften, würden im Wasser sterben. Vielleicht ist das der Grund, warum sich der letzte von ihnen, Henry Hamilton, fernhält, dachte Dakota, während sie den Blick nicht von der Erscheinung vor ihr abwenden konnte.

Als der Mann in Schwarz sich umdrehte und auf ihren Pick-up starrte, musste sie sich selbst daran erinnern, dass sie nicht an Geister glaubte. Doch der Fremde sah genauso aus wie die Hamilton-Männer, die sie auf Bildern im Museum bei Crossroads gesehen hatte: groß, breitschultrig, schlank.

Nur dass alle Hamilton-Männer tot waren, sogar Henry, dem sie nie begegnet war. Die Leute in der Stadt behaupteten, er wäre vor sechs Monaten bei einem Autounfall irgendwo in Louisiana ums Leben gekommen. Soweit man sich erinnerte, war er seit vierzig Jahren nicht mehr an diesem Ort gewesen. Aber die Franklin-Schwestern erzählten hinter vorgehaltener Hand, bei dem Unfall wären sowohl sein Auto als auch er selbst von der Straße ins Wasser geschleudert worden.

Der Mann, der da im See stand, sah jedoch sehr lebendig aus und fing an, heftig zu winken. Offenbar brauchte er Hilfe. Die Neugier siegte, Dakota wandte sich von ihrer Farm ab und fuhr in Richtung Hamilton Acres.

Einen Herzschlag später trat sie voll auf die Bremse.

Die Brücke, die sich normalerweise über den Bach spannte, der in den See mündete, lag zur Hälfte im Wasser. Es musste einen Unfall gegeben haben: Etwas, das aussah wie das Hinterrad eines Motorrads, drehte sich im See, als ob es versuchte, sich über Wasser zu halten.

Sie sprang aus dem Wagen und rief dem Mann zu: „Brauchen Sie Hilfe?“

„Nein“, schrie er zurück. „Mir geht’s super. Mein Motorrad wollte bloß mal schwimmen gehen.“

Dakota runzelte die Stirn, dann drehte sie sich um. „Oh, na gut. Entschuldigen Sie die Störung.“ Sie stieg wieder in den Truck.

„Warten Sie.“ Der Mann stürmte aus dem Wasser. „Tut mir leid. Die Brücke ist eingestürzt, als ich wegfahren wollte. Ich habe gerade zusehen müssen, wie eine klassische Harley Baujahr 1948 ertrinkt.“

„Das sehe ich.“ Sie überlegte, ihn zu fragen, was er überhaupt auf Hamilton Acres zu suchen hatte, aber sie hatte das Gefühl, dass er hierhergehörte. Schwarzes Haar. Wütend. Zu laut für einen Geist. „Warum ziehen Sie sie nicht raus und lassen sie trocknen?“

„So funktioniert das nicht. Ich müsste sie auseinandernehmen und neu zusammenbauen. Es wäre dann kein Original mehr, und die Ersatzteile kosten mehr als das ganze Motorrad, falls ich überhaupt welche besorgen kann.“

Zu viele Informationen. Sie hatte keine Zeit, um zu plaudern oder den Verlust eines Motorrads zu betrauern.

Ihre Großmutter hatte ihr einmal erzählt, dass es bei den Männern dieser Ranch nur zwei Möglichkeiten gab: Sie waren entweder stur oder verrückt.

Dieser hier war beides, und außerdem sah er auch aus wie ein Hamilton. Sie hätte wetten können, dass seine Augen dieses seltsame Wolfsgrau hatten. „Gibt es noch etwas in Sachen Motorräder, worüber Sie mich aufklären möchten? Ich muss diese Vorräte nach Hause bringen.“

„Sie würden mir wohl nicht helfen, mein Motorrad herauszuziehen?“, fragte er, jetzt in einem ruhigeren Ton.

„Nein. Ich betrete kein Hamilton-Land. Darauf liegt ein Fluch. Jeder Mensch mit dem Namen Davis, der dieses Land betritt, stirbt einen gewaltsamen Tod.“ Durch eine Hamilton-Kugel, aber das fügte sie nicht hinzu. Man sollte Wahnsinnigen keine Ideen in den Kopf setzen.

„Wir sterben alle irgendwann, Lady.“

Sie stieg in ihren Truck. „Ich werde den Fluch ein anderes Mal auf die Probe stellen müssen. Viel Glück mit Ihrem Motorrad.“ Ein dunkler Donner grollte über das Land, als wollte er sie verjagen. „Ich habe es wirklich eilig.“

„Warten Sie. Tut mir leid. Lassen Sie es mich noch einmal versuchen. Ich bin Blade Hamilton und habe gerade ein Sechzigtausend-Dollar-Motorrad im Schlamm versenkt. Sehen Sie es mir nach, wenn mir ein alter Fluch oder Ihre Einkäufe deshalb gerade nicht so wichtig sind.“

„Ich verzeihe Ihnen, Hamilton, aber ich werde Ihr Land nicht betreten. Die gute Nachricht ist, dass das Motorrad nirgendwo hingeht. Es wird morgen immer noch genau da im Schlamm stecken, aber wenn diese Vorräte nass werden, verlieren wir das Einkommen einer ganzen Woche.“

Ein Blitz zuckte wie auf Kommando über den Himmel. Das kurze Licht erhellte die skelettartigen Bäume, die nahe am Wasser im Wind tanzten. Dakota kämpfte gegen den Drang an, Gas zu geben. Solange sie denken konnte, hatte sie sich immer vor diesem Grundstück gefürchtet. Es fühlte sich an wie eine Halloween-Nacht ohne Licht.

Der Mann schien weder das Wetter noch die unheimliche Stimmung wahrzunehmen. Wer weiß – vielleicht waren die Hamiltons unheimliche Nächte gewohnt.

„Schön“, antwortete er. „Besteht vielleicht die Möglichkeit, dass Sie mir Ihren Truck ausleihen? Ich brauche ihn nur für zehn Minuten, und ich zahle Ihnen einen Fünfziger.“

„Nein“, erwiderte sie. „Aber ich leihe ihn Ihnen, wenn Sie mir helfen, diese Vorräte ins Trockene zu bringen, bevor es anfängt zu regnen.“

„Abgemacht“, versicherte er und ging auf die Beifahrerseite ihres alten Fords zu.

„Hinten drauf, Hamilton“, befahl sie. „Ich will keinen Schlamm auf meinen Sitzen.“ Sie kämpfte gegen den Drang an, hinzuzufügen: „Oder dich so nah bei mir, dass du mich erwürgen könntest.“ Ihre Großmutter hatte ihr einmal erzählt, dass es einen alten Friedhof auf dem Land der Davis gab, wo alle Todesursachen auf den Grabsteinen verzeichnet waren. Gestorben bei der Geburt. Tod durch Cholera. Tod durch Unfall. Tod durch Hamilton.

Außerdem hatte sie keine Zeit, die ganzen Immobilienangebote von ihrem Beifahrersitz zu räumen. Ihr mobiles Büro war stets ein Chaos. An vier Vormittagen in der Woche war der Farm-Truck ihr Firmenwagen.

Blade schwang sich mit der Leichtigkeit eines Mannes, der das schon viele Male getan hatte, auf die Ladefläche des Trucks. Sie setzte bereits zurück, bevor er überhaupt saß. Je eher sie sicher zu Hause war, desto besser. Sie würde ihm den Pick-up leihen und ihm sagen, er solle die Schlüssel einfach stecken lassen. Er konnte über die Weide zu seinem Grundstück zurücklaufen.

Der Weg zwischen ihrem und seinem Land war holprig, aber sie raste nach Hause, ohne sich groß darum zu scheren, ob der Mann herunterfiel oder nicht. Ihre Familie hatte die Hamiltons schon immer gehasst. Sie erzählten sich Geschichten darüber, wie bösartig sie waren, und obwohl man ihr gesagt hatte, sie wären alle tot, fand sie, sie schuldete es ihren Ahnen, dieses neue Exemplar ebenfalls zu hassen.

Also, warum lieh sie ihm überhaupt ihren Truck?

Dakota schüttelte den Kopf. Es war einfach eine nachbarschaftliche Geste. Die Tatsache, dass sie von einer Großmutter mit Apachen-Blut und einem irischen Großvater abstammte, hatte sie fürs Leben gezeichnet.

Ein Kerl, mit dem sie vor ein paar Jahren zusammen gewesen war, hatte mit ihr Schluss gemacht, weil er meinte, sie besäße die Geschicklichkeit einer Apachin, mit einem Messer umzugehen, gepaart mit einem irischen Temperament. Sie hätte ihn beinahe geschlagen, weil er beide Seiten ihrer Familie auf einmal beleidigt hatte, aber damit hätte sie ihn nur bestätigt. Sie hatte erwidert, das hier wäre das einundzwanzigste Jahrhundert und sie wäre eine ebenso talentierte Köchin wie ihre Schwester. Das stimmte zwar nicht, aber es hörte sich gut an. Er hatte sie verlassen, bevor sie ihm etwas kochen und sich damit auch noch als Lügnerin entpuppen konnte. Sie hatte gehört, wie er murmelte, er hätte Angst, neben ihr zu schlafen, aus Angst, sie würde ihn zerstückeln und in dünne Scheiben schneiden, wenn er schnarchte. Er hatte sie noch hitzköpfig genannt, dann den Motor aufheulen lassen und war aus ihrem Leben gerast.

Dakota umklammerte das Lenkrad und erkannte, dass ihr Ex-Freund recht gehabt hatte: Sie hatte wirklich ein aufbrausendes Temperament, aber mit einem Hamilton auf der Ladefläche ihres Trucks schien jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine Selbstanalyse zu sein.

Sie konnte nett sein. Sie würde Hamilton den Truck leihen, und wenn er ihn zurückbrachte, würde sie ihm sagen, er solle nie wieder einen Fuß auf das Land der Davis setzen. So einfach war das.

Als sie ein paar Meter von der Küchentür ihres Hauses zum Stehen kam, drehte sie sich um. Er war immer noch da, und Regentropfen begannen, gegen ihre Windschutzscheibe zu klatschen.

Sie sprang hinaus und fing an, die Kisten mit den Vorräten unter das Vordach zu schleppen.

Man musste ihm zugutehalten, dass er seinen Teil beitrug. Mehr als seinen Teil, um genau zu sein, denn er trug bei jedem Gang eine doppelte Ladung.

Der Kerl war stark und offensichtlich gut gebaut. Und ein Biker. Schwarze Lederjacke. Lederhosen, die sich an seine Beine schmiegten. Stiefel bis zu den Knien. Seine Cowboy-Vorfahren drehten sich wahrscheinlich in ihren Gräbern um.

Innerhalb weniger Minuten hatten sie die Kisten auf die überdachte Veranda gebracht, gerade noch, bevor der Regen in Strömen herab prasselte.

„Wir haben es geschafft.“ Sie lachte. „Danke. Nichts ist nass geworden.“

„Ich bin froh, dass ich helfen konnte. Ich triefe sowieso schon, also macht mir der Regen nichts aus.“

Sie fand, dass es sich nicht so anhörte, als meinte er das mit der Freude am Helfen ernst. Vielleicht lag es am Tonfall seiner Stimme – ohne den texanischen Akzent klang es irgendwie nicht aufrichtig. Sie sah ihn stirnrunzelnd an und fragte sich, aus welchem Nordstaat er wohl kam.

Er blickte mit seinen grauen Wolfsaugen auf sie herab und meinte: „Wenn Sie nass werden, könnten Sie einlaufen, und dann wären Sie ungefähr so groß wie eine Elfe.“

Dakota musterte ihn einen Moment lang. Keine offensichtlichen Anzeichen von Wahnsinn. „Sie haben nicht viele Freunde, oder, Hamilton?“ Sie warf ihm ihren Autoschlüssel zu. „Parken Sie den Truck an der Abzweigung auf meinem Land. Dann müssen Sie nicht so weit laufen. Lassen Sie die Schlüssel im Handschuhfach.“

„Haben sie keine Angst, dass ihn jemand stiehlt?“

„Nein. Niemand außer Ihnen.“

Er nickte und verschwand im Wolkenbruch.

Dakota richtete sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter siebenundfünfzig auf und runzelte die Stirn. „Klingt genau wie etwas, das ein Hamilton sagen würde“, murmelte sie und dachte, dass es garantiert die Hamiltons gewesen waren, die damals die Fehde begonnen hatten.

So groß wie eine Elfe. Das hatte noch nie jemand zu ihr gesagt.

3. KAPITEL

Lauren Brigman stand im Schatten hundertjähriger Pappeln, die gepflanzt worden waren, um den Wind von der Prärie abzufangen. Die Lichter der Stadt waren in der Ferne nichts weiter als das Glimmen von Teelichtern.

Der Atem der Nacht ließ die trockenen Blätter in den Bäumen rascheln, so wie schon vor Dutzenden von Jahren. Sie verspürte einen Hauch der alten Angst, während eine Erinnerung durch ihre Gedanken kreiste.

Seltsam, wie man tausend Tage und tausend Nächte erleben konnte, aber nur wenige von ihnen im Gedächtnis hängen blieben oder im Herzen, so klar und deutlich wie in dem Moment, als sie stattfanden.

Sie starrte auf das Haus, das ihre Highschool-Freunde als Gypsy House bezeichnet hatten. Von der alten Frau, die dort vor Jahrzehnten gestorben war, war fast nur noch das Skelett übrig gewesen, als endlich jemand nach ihr gesehen hatte. Nach ihrem Tod überließ man das Haus dem Verfall, und es wurde zum Schauplatz von Geistergeschichten, die sich die Leute am Lagerfeuer erzählten.

Irgendwann war der Enkel der alten Frau, Yancy Gray, nach Crossroads gekommen und fühlte sich von dem Ort angezogen. Er hatte herausgefunden, dass ihm das Haus gehörte, und es komplett renoviert. Yancy hatte die Außenseite cremefarben gestrichen und Fensterläden angebracht, deren dunkles Orange an das letzte Glühen des Sonnenuntergangs erinnerte. Er hatte den zweiten Stock vergrößert und den Garten wunderschön gestaltet.

Doch in Laurens Vorstellung war das Haus immer noch verlassen und verrottet, so wie es ausgesehen hatte, als sie fünfzehn war. In jener Nacht vor zwölf Jahren hatte sie mit dem Tod getanzt. Sie alle hatten es. Tim O’Grady, Reid Collins, Lucas Reyes und sie. Vier Jugendliche auf dem Heimweg, die nichts zu tun hatten und auf ein Abenteuer hofften, mit dem sie in der Schule prahlen konnten.

Drei Jungen in ihren Teenagerjahren und sie, die Jüngste von ihnen, das einzige Mädchen. Manchmal fühlte es sich an, als wären sie durch die Angst und die Lüge, die sie alle seit dieser Nacht bewahrten, aneinandergebunden. Sie würde die Erinnerung daran niemals loswerden. Eines Tages würde sie vom Alter gebeugt sein, aber sie würde immer noch jedes Jahr an diesen Ort kommen und sich daran erinnern, was passiert war.

Hinter ihr trommelte ein schnelles Stakkato von Schritten über den nassen Asphalt, während über ihr der Donner grollte.

Lauren trat weiter in die Schatten zurück und beobachtete das Geschehen. Reid Collins’ schneller, selbstbewusster Schritt war unverkennbar. Er mochte jetzt achtundzwanzig und reich sein, was er einem Treuhandfonds seiner Großeltern und einer Ranch ein paar Meilen von der Stadt entfernt zu verdanken hatte, aber es steckte immer noch ein bisschen von dem kleinen Jungen in ihm. Verwöhnt, arrogant und gut aussehend. Man munkelte, dass er im Herbst für das Amt des Bürgermeisters von Crossroads kandidieren würde, mit Blick auf den Senat des Staates Texas in zehn Jahren, aber Laurens Stimme würde Reid niemals bekommen.

Soweit sie wusste, hatte er weder das College abgeschlossen, noch irgendetwas anderes, das er je angefangen hatte. Ihr Vater, der Sheriff der Stadt, hatte Lauren vor ein paar Monaten erzählt, Reid damit zu beauftragen, wäre der sicherste Weg, ein kommunales Projekt zur Verbesserung der Infrastruktur zu Fall zu bringen. Er würde es nie zur Planungssitzung schaffen, geschweige denn zur Fertigstellung.

Das Klacken seiner Stiefel verstummte ein paar Meter vor den Pappeln. „Ich weiß, dass du da bist, Lauren. Dein langes blondes Haar leuchtet im Dunkeln. Du kannst genauso gut rauskommen.“ Sein Lachen war nicht ganz echt. Zu poliert, zu einstudiert.

Langsam trat sie auf die Straße. „Ich hätte nicht gedacht, dass du in der Stadt bist, Reid. Gibts in der großen Stadt nicht mehr genug Partys?“ Er sah nicht ganz nüchtern aus, aber das erwähnte sie nicht. „Pop meinte, sie hätten die Stadtratssitzung abgesagt, weil du heute nach Austin musstest.“

„Ich bin gerade zurückgekommen. Diese Gouverneursbälle sind nicht mehr das, was sie mal waren.“ Er lächelte, als würde er sie zur Abwechslung einmal wirklich ansehen. „Weißt du, Lauren, ich vermisse unsere jährlichen Dates im College. Du warst von den ganzen Mädchen, mit denen ich hin und wieder ausgegangen bin, die Einzige, mit der ich nie geschlafen habe.“ Er ließ den Blick über ihren langgliedrigen, schlanken Körper wandern.

Sie vermisste ihn nicht. Diese Dates waren eine Qual gewesen. Seine lauten egozentrischen Verbindungsbrüder ertragen zu müssen, zu versuchen, so zu tun, als hätte sie Spaß, während sie ihnen beim Angeben zusah. Er hatte einmal gesagt, dass er es genoss, eine große Blondine als Begleitung zu haben, so, als wäre sie ein Accessoire.

Sie und Reid stammten aus derselben Stadt. Ihre Väter waren Freunde gewesen, deshalb war sie ein paar Mal mit Reid Collins ausgegangen. Sie war sich sicher, dass die halbe Stadt gedacht hatte, sie würden heiraten, aber sie passte einfach nicht zu ihm. Sie liebte das Lernen fast so sehr wie er das Feiern.

„Ich war ein perfekter Gentleman“, prahlte er, während er näherkam, bis seine Nase beinahe ihre berührte. „Ich habe nicht einmal einen Annäherungsversuch gemacht.“

„Da hast du recht, aber ich bin überrascht, dass du dich überhaupt an meine Gegenwart erinnerst. Warst du während deiner Zeit an der Tech University nicht zwei- oder dreimal verlobt?“

„Zweimal. Das dritte Mal hat sie sich nur eingebildet. Als ich nach Hause kam, um die Ranch zu leiten, war mir so langweilig, dass ich fast das erste Mädchen geheiratet hätte, das mir über den Weg gelaufen ist. Großer Fehler. Sie verbreitet immer noch Müll über mich.“ Er versuchte, seinen Arm um ihre Schulter zu legen, aber sie trat einen Schritt zurück. „Du siehst gut aus, Lauren. Dein Alter steht dir.“

„Ich bin siebenundzwanzig, Reid, nicht gerade eine Hundertjährige.“

„Ich weiß, aber du würdest nicht glauben, wie sich manche Frauen nach dem College verändern. Ich war beim Planungstreffen für mein zehnjähriges Highschool-Jubiläum und einige der Leute, mit denen ich meinen Abschluss gemacht habe, sind echt alt geworden. Ich dachte, eins der Mädchen hätte ihre Mutter zu dem Treffen geschickt.“ Einige seiner Worte waren tatsächlich gelallt.

Lauren unterhielt sich schon unter normalen Umständen nicht gerne mit Reid Collins und noch weniger am Jahrestag des Unfalls im alten Gypsy House. „Ich bin nur hergekommen, um mich an das zu erinnern, was vor zwölf Jahren passiert ist. Und du?“

Collins sah sich um, als hätte er keine Ahnung, wovon sie sprach. Soweit sie wusste, hatte er die Nacht des Unfalls gegenüber keinem von ihnen jemals erwähnt. Er hatte einfach nur den Ruhm dafür eingeheimst, in jener Nacht alle gerettet zu haben. Eine Darstellung, die keiner der anderen teilte.

Sie lächelte und fragte sich, warum sie schweigend zugesehen hatten, wie er den Helden spielte. Die Schule hatte sogar extra eine Versammlung angesetzt, und der Bürgermeister hatte ihm einen Schlüssel zur Stadt überreicht. Lauren, Lucas und Tim hatten geschwiegen und die Lüge über die Geschehnisse dieser Nacht nie klargestellt, obwohl die Wahrheit jetzt keinem mehr schaden würde.

„Ich habe deinen Wagen am Rastplatz entdeckt und beschlossen, mir nach der langen Fahrt die Beine zu vertreten. Dachte, du wärst vielleicht in diese Richtung gelaufen“, antwortete Reid etwas zu laut, fast so, als dächte er, jemand könnte ihn hören, und als legte er es darauf an. „Seltsam, dass wir uns hier kurz vor Mitternacht begegnen. Die Leute in dieser Stadt sind wie Ameisen. Sie verschwinden, sobald es dunkel wird.“

„Vielleicht verschwinden sie nicht. Vielleicht bemerkst du sie nur nicht.“

„Willst du was trinken gehen?“, fragte er plötzlich, als hätte ein Wecker in seinem Gehirn geklingelt und ihm signalisiert, dass es Zeit für den nächsten Drink war.

„Nein.“ Sie machte sich gar nicht erst die Mühe, ihre Entscheidung zu begründen.

Er wippte auf den Fersen und redete weiter. „Ich bezweifle, dass sich außer dir noch irgendjemand an die Nacht erinnert, in der wir im alten Gypsy House gefangen waren, Lauren. Das ist doch längst Geschichte. Vier Jugendliche wären fast gestorben, als sie sich in ein verlassenes Haus wagten. Warum schreibst du nicht einen Artikel darüber in deiner kleinen Onlinezeitung?“

„Glaubst du wirklich, niemand erinnert sich daran? Heute vor zwölf Jahren wurde Tim schwer verletzt. Er hinkt immer noch ein bisschen, also wird er es wohl kaum jemals vergessen.“

„Oh, ja, das stimmt. Ich wurde auch verletzt, weißt du.“ Reid trat ein paar Schritte zurück, als wollte er nicht, dass sie ihn so deutlich sehen konnte. „Mein Knöchel macht mir immer noch Probleme, wenn ich Tennis spiele.“ Er redete schnell weiter, als müsste er dringend das Thema wechseln. „Meine letzte Stiefmutter hat beim Haupthaus der Ranch einen Platz und einen Pool anlegen lassen, um sicherzustellen, dass ich den Fuß regelmäßig trainiere.“

„Wie geht es deinem Vater und seiner neuesten Braut?“ Lauren hatte keine Ahnung, ob es Nummer fünf oder sechs war.

Reid zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Sie reisen hauptsächlich. Sie hasst die Ranch, also hat Dad ihr ein Stadthaus in Dallas gekauft, und dank ihres letzten Mannes gehört ihr ein Weingut außerhalb von Paris. Dad hatte Glück, sie zu heiraten. Er spielt Golf, und sie geht shoppen, wenn sie in Amerika sind, und wer weiß, was sie in Paris treiben? Ich leite die Ranch, weißt du, schon seit Jahren. Das ist ein echter Albtraum. Dad und ich wären sie beide gerne los. Er hat schon mehrere Weideflächen verkauft, bevor er vor zwei Jahren die Stadt verlassen hat.“

Sie ging los und er schloss sich ihr an. Keiner von beiden erwähnte den leichten Regen.

„Warum kommst du nicht mal am Wochenende vorbei? Es sind nur ein paar Meilen von hier, aber es könnte sich für dich wie ein Kurzurlaub anfühlen, nach dem Leben in der Stadt. Wir könnten über unsere College-Zeit plaudern, uns vielleicht ein Tech-Spiel ansehen. Ich habe die ganze Herbstsaison aufgezeichnet. Mann, ich vermisse diese Tage an der Tech. Die Spiele, die Partys, das unbeschwerte Leben.“

Sie lächelte. Die Vorlesungen hatte er nicht erwähnt. „Du könntest auch Tim O’Grady und Lucas Reyes einladen. Vielleicht könnten wir über die Nacht plaudern, in der uns das alte Haus fast verschluckt hätte.“

„Sicher.“ Er zog das Wort in die Länge. „Aber wenn ich es mir recht überlege, stecke ich gerade bis über beide Ohren in Arbeit. Wir haben Probleme mit einigen der alten Cowboys auf der Ranch, die schon vor Jahren hätten gefeuert werden sollen. Mein Vater hat sie immer den Laden schmeißen lassen, aber ich verändere jetzt alles, ich modernisiere. Das Land lässt sich noch für viel mehr nutzen als nur zur Viehzucht.“

Lauren hörte auf, Reids Ausreden zuzuhören, als sie den schlanken Schatten eines Mannes auf sie zukommen sah. Sein Kopf war gesenkt und sein Kragen gegen den Wind hochgeschlagen, während er hinkend die Straße entlang ging. Das strubbelige rote Haar, das ständig einen Schnitt brauchte, und der dunkle, rotbraune Bart waren unverkennbar.

„Tim!“ Lauren stürmte auf ihn zu. „Du bist in der Stadt.“

Der Schattenmann hob den Kopf und richtete sich auf. Einen Moment später lag sie in seinen Armen, und er wirbelte sie herum.

„Ich dachte mir schon, dass du hier draußen sein würdest, L.“ Tim hielt sie fest, wie es nur lebenslange Freunde tun. „Musstest du wie ich zum Schauplatz zurückkehren? Ich denke, einmal im Jahr ist es okay, die Erinnerung über mich hereinbrechen zu lassen.“

Sie zog sich zurück. „Reid ist auch gekommen.“

„Mit dir?“, flüsterte Tim.

Lauren schüttelte den Kopf, und Tim wandte sich Reid zu. „Hallo, Collins. Hab dich schon eine Weile nicht mehr gesehen. Man munkelt, du verbringst auch nicht viel mehr Zeit auf der Ranch als dein Dad. Eine Collins Ranch ohne Collins-Leute. Vielleicht solltest du dir einen anderen Namen überlegen.“

Reid streckte ihm seine Hand hin, doch seine Worte waren kälter als die Nachtluft. „Schön, dich zu sehen, Tim. Schreibst du immer noch diese kleinen unsichtbaren Bücher? E-Books, richtig? Kann man mit solchen Geschichten überhaupt Geld machen?“

Tim wandte sich wieder Lauren zu, als hätte er Reids Hand nicht gesehen, aber sie spürte die Spannung zwischen den beiden. Sie waren einmal beste Freunde gewesen, vor dem Unfall. Highschool-Footballspieler, sechzehn und unbesiegbar. Sie erinnerte sich, dass sie in jener Nacht beide ihre Footballjacken getragen hatten. Tim hatte danach nie wieder gespielt und, soweit sie wusste, auch nie wieder diese Jacke getragen.

„Meine Bücher bringen mehr Geld ein als sein unsichtbares Vieh, schätze ich“, flüsterte Tim Lauren zu.

Sie unterdrückte ein Lachen, hakte sich bei beiden Männern unter und marschierte in Richtung Stadt. Je weniger Zeit die beiden zum Reden hatten, desto besser.

Es war zwölf Jahre her, seit sie diesen Weg gemeinsam gegangen waren. Sie waren erwachsen geworden. Sie hatten sich auseinandergelebt, aber in vielerlei Hinsicht hatte sich nichts geändert. Tim war immer noch der Träumer. Reid war immer noch von sich selbst eingenommen, und sie wartete immer noch darauf, dass ihr Leben endlich begann.

Als sie sich dem Zentrum näherten, stellte sie fest, dass sie alle auf dem Parkplatz des schicken neuen Rastplatzes geparkt hatten, dessen Lichter so hell waren, dass Lauren sicher war, man könnte ihn vom Weltraum aus sehen. Vor Jahren war diese Stelle, an der sich zwei Highways kreuzten, nur eine kleine Tankstelle mit einem Laden und einem Trailerpark dahinter gewesen. Jetzt nahm der Rastplatz den ganzen Block ein und hatte rund um die Uhr geöffnet.

Tims alter Jeep, den er um nichts in der Welt eintauschen wollte, stand bei den Zapfsäulen. Reid hatte seinen Mercedes an der Seite abgestellt, und ihr eigener alter blauer Explorer parkte in der Nähe der Eingangstür. Neben Reids Wagen stand ein rostiger, schrottreifer Pick-up, an dem ein Mann lehnte. Seine Stiefel ruhten auf dem Kotflügel von Reids Mercedes.

„Lucas!“ Reid riss sich von Lauren los und stürmte auf die Lichter des Rastplatzes zu. „Ich wusste, dass das passieren würde. Verdammt, Reyes, nimm deine Stiefel von meinem Auto!“ Sein Befehl klang hohl in der stillen Luft, da keiner da war, der ihn hören konnte, abgesehen von der großen Gestalt, die keine Anstalten machte, die Stiefel von dem Mercedes zu nehmen.

Lauren und Tim verlangsamten ihr Tempo und blieben in den Schatten zwischen den Lichtkegeln stehen. „Was soll denn das?“, flüsterte sie.

Tim lachte. „Ich bin nicht sicher, aber ich glaube, Lucas Reyes wird Reid Collins jetzt endlich verprügeln.“

„Das ist unmöglich. Lucas ist immer vernünftig.“ Sie sah zu, wie Reid auf Lucas zustürmte und im Takt seiner Schritte Flüche ausstieß. Reid hatte bereits die Kontrolle verloren, doch Lucas wirkte ruhig, entschlossen und todernst. Irgendwas stimmte nicht.

„Du musst sie aufhalten.“ Sie versuchte, Tim mitzuziehen. Da niemand sonst an der Tankstelle war, war Tim ihre einzige Hoffnung.

„Aufhalten? Zum Teufel, ich werde mir den Kampf anschauen und dann schwören, dass ich nichts gesehen habe. Es ist an der Zeit, dass jemand eine Lüge richtigstellt, die Reid seit zwölf Jahren verbreitet. Vielleicht hat Lucas es einfach satt, dass er dieses Lügengespinst immer weiter ausbaut. Wir wissen alle, dass Reid in dieser Nacht nicht der Held war, L, aber er gibt immer weiter damit an, er hätte uns alle gerettet. Vor ein paar Monaten hat er dem Texas Monthly sogar ein Interview darüber gegeben.“

Lauren zog Tim mit sich. „Nein. Hier geht es nicht um die Lüge, die er im Gypsy House erzählt hat. Das hier ist etwas anderes.“ Schon an seiner Haltung erkannte sie, dass Lucas Reyes nicht gekommen war, um zu reden.

Noch bevor ihre Worte verklungen waren, hatte Reid Lucas erreicht und befahl ihm erneut, seine Stiefel vom Mercedes zu nehmen.

Als Lucas sich nicht rührte, fing Reid an, ihn zu beschimpfen, als wären sie in der Highschool und nicht Ende zwanzig.

Lucas, heute in Westernkleidung und nicht im Anzug wie vor Gericht, richtete sich langsam auf und stellte sich breitbeinig hin, als Reid auf ihn zustürmte.

Reid zeigte mit dem Finger auf Lucas, während er Schimpfwörter wie Salven aus einem Maschinengewehr abfeuerte.

Lucas hob eine Faust und schlug zu.

Lauren und Tim erstarrten und sahen zu. Die Faust des Anwalts traf das Gesicht des Teilzeit-Ranchers. Das Geräusch des Aufschlags hallte in der wolkigen Nacht wider, so scharf wie ein Schuss. Dann war es still, und Reid brach zusammen.

„Hast du das gesehen?“, flüsterte sie.

„Ja. Er hat den Kerl mit einem Schlag umgehauen. Ich hätte große Lust, rüberzugehen und Reid zu treten, weil er sich nicht mehr gewehrt hat.“

Sie waren noch drei Meter entfernt, als Lucas wegfuhr und einen der reichsten Männer von Crossroads – Stadtrat, Playboy und Lügner in einer Person – auf dem ölverschmierten Asphalt liegen ließ.

Tim erreichte Reid zuerst und rüttelte ihn an der Schulter. „Alles in Ordnung, Champion?“, fragte er spöttisch.

Reid stöhnte und rollte sich durch Blut und Parkplatzschmutz auf die Seite.

Tim bot ihm seine Hand an und zog Reid auf die Beine.

„Habt ihr gesehen, was dieser Mistkerl gerade getan hat?“, fluchte Reid und spuckte Blut auf den Boden. „Verdammt, ich habe mir einen Zahn gelockert, als ich gestürzt bin. Ich schwöre, ich werde Anzeige erstatten. Er mag vielleicht ein Großstadtanwalt sein, aber er kann mich nicht einfach auf offener Straße angreifen, nur weil ich seinen alten Herrn gefeuert habe.“

Tim ließ ihn abrupt los, sodass Reid gegen sein Auto fiel, wobei seine Nase wieder zu bluten anfing. Doch Tim schien das egal zu sein. „Reyes ist seit Jahren Vorarbeiter auf deiner Ranch. Sie hätte niemals überlebt, wenn er nicht da gewesen wäre, während du und dein Vater durch das ganze Land getingelt seid.“ Tim ballte eine Faust. „Du hast ihn gefeuert? Das ist ja wohl das Dümmste, was du je getan hast, Reid.“

Lauren packte Tims Arm, aus Angst, Reid würde gleich den nächsten Schlag einstecken.

Reid bemerkte es nicht einmal. Er spuckte immer noch Blut aus. „Genau deshalb ist die Ranch ja auch so ihrer Zeit hinterher. Ich musste den ganzen alten Ballast loswerden. Ich habe Pläne.“

Er wischte sich die Nase an seinem Jackett ab. „Lucas wird es noch leidtun, dass er mir das angetan hat. Ich werde Anzeige erstatten. Er wird seine Anwaltszulassung verlieren. Ich habe euch beide als Zeugen.“

Tim schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Reid, ich habe nichts gesehen. Ich habe versucht, Lauren zu küssen. Ich glaube, dass ich ein Geräusch gehört habe, aber ich bin mir nicht sicher.“

„Was?“, rief Reid und fluchte. „Ich hätte wissen müssen, dass ich mich nicht auf dich verlassen kann.“ Er sah Lauren an. „Wenigstens ist Lauren ehrlich.“

Lauren richtete sich auf und tat etwas, was sie sonst nie tat. Sie log. „Ich war damit beschäftigt, Tim abzuwehren. Er versucht, mich zu küssen, seit wir sechs waren. Tut mir leid, ich habe nichts gesehen, außer dass du plötzlich neben deinem Auto lagst. Ich dachte, du wärst mal wieder betrunken. Das könnte ich sogar beschwören, wenn du willst. Ich habe dich oft genug betrunken gesehen, um zu wissen, wie das aussieht.“

Reid öffnete seine Autotür und ignorierte das Blut, das auf seine weißen Polster tropfte. „Das werdet ihr noch bereuen. Ich kann nicht glauben, dass ich euch jemals für Freunde gehalten habe. Je eher ich aus dieser Stadt herauskomme, desto besser.“

Sie sahen ihm nach, wie er davonbrauste, dann flüsterte Tim: „Bereust du es, L?“

„Nö. Und du?“

„Ich bedaure, dass ich rein gar nichts gesehen habe. Ich hätte Reid wirklich gern geholfen“, erwiderte Tim mit gespieltem Ernst. „Er ist doch so ein guter Freund von mir.“ Die Lügen sprudelten schneller aus Tims Mund als das Blut aus Reids Nase.

„Ja, ich auch.“ Sie lachte, während sie ihn zu ihrem Auto zog. „Wie wär’s, wenn wir nach Lucas sehen?“

„Hast du eine Ahnung, wo er sein könnte?“

„Ich habe da eine Idee.“

Lauren stapfte im Licht des Mitternachtshimmels über das Grasland der Double-K-Ranch. Sie befand sich jetzt auf dem Land der Kirklands. Dies war die erste Ranch, die in diesem Teil des Landes aufgebaut worden war, und immer noch das größte Anwesen im Umkreis von hundert Meilen.

Staten Kirkland wusste, dass sie und Lucas vor Jahren regelmäßig hierhergekommen waren, um die Sterne zu beobachten. Es würde ihn wahrscheinlich nicht überraschen, dass sie es immer noch taten. Die Collins-Ranch, auf der Lucas’ Vater Vorarbeiter gewesen war, grenzte direkt an die der Kirklands. Lucas war ganz in der Nähe aufgewachsen und hatte während seiner Studienzeit an den Wochenenden als Cowboy für die Double-K gearbeitet. Schon als Junge war er über die beiden Anwesen geritten und kannte jeden Winkel.

Lauren wusste, wenn es eine Chance gab, Lucas irgendwo zu finden, dann an diesem einsamen Ort, den kein Licht aus der Stadt oder einem Farmhaus erreichen konnte.

Sie parkte ihr Auto an der Landstraße, zog ihren Regenmantel an und schlüpfte durch den Zaun. Als sie sich dem Windrad näherte, sah sie zwar nirgendwo sein Auto, erkannte aber die Umrisse des alten Pick-ups, den er in der Stadt gefahren hatte.

Sie lächelte. Lucas war vielleicht dumm genug gewesen, Reid Collins zu schlagen, aber er besaß genug Verstand, um mit seinem tiefergelegten BMW nicht über unbefestigte Wege zu fahren.

Langsam trat sie auf die Silhouette zu. Sie spürte, dass er sie erkannte. Er richtete sich auf und wandte sich ihr zu. Lucas Reyes mochte zwar jetzt Anwalt sein, aber er gehörte auch hierher. Er war genauso ein Teil dieses Lands, wie es ein Teil von ihm war.

„Wo ist dein neuer BMW, von dem deine Mutter mir erzählt hat?“

„Ich habe ihn gegen den Pick-up eingetauscht. Habe meinem Dad gesagt, er soll damit eine Spritztour unternehmen.“ Lucas’ Stimme war klar, doch sein Gesicht verlor sich in der Nacht. „Mom meinte, ein Urlaub könnte ihm guttun. Mein Vater hat sich seit Jahren nicht mehr als ein langes Wochenende freigenommen.“

„Wo ist Tim?“, fragte der Schatten, als sie noch etwa drei Meter von ihm entfernt war.

„Er hat nicht geglaubt, dass du hier draußen sein würdest. Tim sagte, er würde wetten, dass du in einer Bar sitzt. Es gibt nur zwei, aber er meinte, es würde bis zur Sperrstunde dauern, bis er die Läden abgeklappert hat.“

Lucas schnaubte, sparte sich aber jeglichen Kommentar.

Sie trat näher und wusste nicht, was sie zu einem Mann sagen sollte, den sie seit über einem Jahr nicht gesehen hatte, der aber fast jeden Tag durch ihren Kopf spukte. Sie hatten sich einmal nahegestanden, aber jetzt hatte sie das Gefühl, ihn kaum zu kennen. Vielleicht hatte sie das nie getan. Seine dunkle Erscheinung und sein gutes Aussehen waren unverändert, doch der hispanische Akzent war fast aus seiner Stimme verschwunden.

„Reid wird mich wahrscheinlich verklagen, weil ich ihn geschlagen habe, aber ich bereue es nicht.“

„Das würde er vielleicht, wenn er einen Zeugen hätte.“

Lucas hob den Kopf. „Ihr beide standet direkt daneben. Ihr müsst es doch gesehen haben.“

„Ich habe nicht hingeschaut“, antwortete sie. „Und Tim hat auch nichts gesehen.“

Lucas entspannte sich. „Wenn ich vor Gericht gefragt werde, werde ich nicht lügen. Ich habe ihn immerhin geschlagen.“

Da war sie wieder, dachte sie, diese tiefsitzende Ehrlichkeit, die sie an Lucas liebte. Seit sie ihn kannte, hatte Lucas immer das Richtige für seine Familie, seine Karriere, seine Eltern getan. Die Einzige, die er dabei ausgelassen hatte, war sie gewesen. In seinem Leben war kein Platz für sie, nicht in der Highschool, nicht im College und auch jetzt nicht.

„Reid wird es nicht darauf ankommen lassen. Er wird annehmen, dass du einfach lügen würdest, genauso wie er es an deiner Stelle tun würde.“

„Du hast recht. Man darf nicht davon ausgehen, dass die Leute ehrlich sind. Das habe ich vor Gericht gelernt.“

Sie schob die Gedanken an eine Liebe beiseite, die schon vor langer Zeit gestorben war, und versuchte, sich auf Lucas’ Problem zu konzentrieren. „Du hast keinem erzählt, dass Reid in jener Nacht aus dem Gypsy House weggelaufen ist, statt uns zu retten. Er hat die ganze Stadt davon überzeugt, dass er ein Held war. Erinnerst du dich? Sie haben sogar eine Versammlung abgehalten, um ihn zu ehren. Ich war zu schüchtern, um etwas zu sagen, und Tim hat sich zu der Zeit zu Hause erholt, aber du hättest widersprechen können.“

„Keiner hat mich gefragt, was passiert ist.“ Lucas legte seine Hände auf ihre Taille und hob sie auf die offene Ladeklappe des Pick-ups. „Alle haben ihm zugehört. Es ist nicht so, dass ich gelogen hätte. Ich habe nur nichts gesagt.“ Er trat einen Schritt zurück und lehnte sich an die Seite des Trucks.

Lauren lächelte. Sie genoss es, mit ihm auf Augenhöhe zu sein, und spürte, dass sie sich beide in der Gegenwart des anderen immer noch so wohlfühlten wie eh und je. In der Dunkelheit schien es fast, als wären sie wieder Teenager und nicht ein Großstadtanwalt und eine Kleinstadt-Zeitungsredakteurin. „Streite niemals mit einem Anwalt, richtig?“

„Und glaube niemals einem Geschichtenerzähler, richtig?“, ergänzte er. „Ich habe deine Artikel ‚Legenden der Prärie‘ online gelesen. Ich bezweifle, dass all unsere Vorfahren so tapfer waren, wie du sie dargestellt hast.“

Sie lachten beide.

Er hob die Hand und streichelte ihre Wange. „Ich habe dich vermisst, Lauren. Ich denke oft an dich.“ 

Als er sich vorbeugte, um sie zu küssen, wich sie zurück. „Wir sind Freunde, Lucas, mehr nicht. Das ist alles, was es zwischen uns geben kann.“ Fast hätte sie noch hinzugefügt, dass ihr Herz keine weitere Enttäuschung ertragen würde. Sie hatten im Laufe der Jahre ein Dutzend Mal beinahe zueinandergefunden, und es hatte immer damit geendet, dass er ging.

„Warum bist du dann hier?“ Seine Worte kamen schnell und kalt. „Ich dachte, du wärst gekommen, um mich zu sehen, aber du suchst wohl nur nach einer Story?“

Vielleicht hatte sie seinen Stolz verletzt oder ihn einfach nur daran erinnert, dass zwischen ihnen nichts anderes als Freundschaft funktionierte. Die unbeschwerte Art, mit der sie gerade eben noch miteinander umgegangen waren, war verschwunden. Sie wünschte sie sich zurück, doch sie war nicht mutig genug, ihn abzuwehren, wenn er ihr wieder näherkam.

„Ich mache mir Sorgen um dich, das ist alles“, antwortete sie. „Hat Reid deinen Vater wirklich gefeuert? Er ist der beste Vorarbeiter weit und breit.“

Lucas zögerte, und sie befürchtete, dass er nicht darüber reden wollte. Rancher behielten ihre Angelegenheiten für gewöhnlich für sich. Doch dann begann er mit leiser Stimme zu sprechen. „Ja. Er hat ihn gestern Morgen gefeuert und ihm gesagt, er solle bis morgen vor Sonnenaufgang ausgezogen sein. Nach dreißig Jahren hatten meine Eltern achtundvierzig Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen.“ Seine Stimme war ausdruckslos, ohne jede Emotion. „Er ha...

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