Ransom Canyon: Wild Horse Springs

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Am Ransom Canyon gilt das Gesetz des Rechts – aber das Schicksal sorgt für das Gesetz der Liebe.

Sheriff Dan Brigman ist ein Ehrenmann, berechenbar und pflichtbewusst. Als er jedoch eines Tages mitten auf einem verlassenen Highway einen einzelnen, funkelnd blauen Cowboystiefel entdeckt, geht seine Fantasie mit ihm durch. Wild und frei stellt er sich dessen Besitzerin vor. Er muss sie finden …

Die schöne Sängerin Brandi Malone tingelt durch Texas. Ein echtes Zuhause will sie nicht, das würde sie nur an den größten Verlust ihres Lebens erinnern. Bis der attraktive Sheriff von Crossroads sie glauben lässt, dass ihre sexy Stiefel für immer unter seinem Bett einen Platz haben könnten …

Ein beunruhigender Anruf: Lauren macht sich sofort auf den Weg in ihre alte Heimat. Eigentlich wollte sie nie wieder zurück, denn dort lebt Lucas Reyes, und jede Begegnung mit ihrer Jugendliebe ist gefährlich für ihr Herz. Aber dieses Risiko muss sie, die Tochter des Sheriffs, im Namen der Gerechtigkeit eingehen …


  • Erscheinungstag 28.02.2026
  • Bandnummer 5
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538848
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jodi Thomas

Ransom Canyon: Wild Horse Springs

1. KAPITEL

Mitternacht,

Freitag

Dan Brigman war schon sein halbes Leben lang Sheriff. Er kannte das County, die Leute und die Schlaglöcher im Umkreis mehrerer Meilen von Crossroads, Texas. Seit seine Tochter Lauren erwachsen war, füllte die Arbeit als Gesetzeshüter seine Zeit aus. Er hatte sich in seinem Alleinsein eingerichtet und hielt sich für glücklich.

Als er am dritten Freitag im November auf die Landstraße bog, wirbelten federleichte Schneeflocken im Scheinwerferlicht des Streifenwagens, als würden die Lichtkegel den Atem des Winters einfangen, der auf dem stillen Highway im Dunkeln tanzte. Der erste Frost der Saison lag zart über dem flachen Land, aber Dan fürchtete, dass in ein paar Stunden ein Sturm wüten würde.

Er lächelte. Er liebte diese Jahreszeit. Die meisten Leute beschwerten sich über die Kälte, die kurzen Tage und die farblose Landschaft, aber ihm gefiel es, nach einem langen Tag hereinzukommen und sich am Kamin aufzuwärmen. Er liebte es, während der Footballspiele ein Nickerchen zu machen, und er sehnte sich nach all den Köstlichkeiten, die diese Jahreszeit mit sich brachte: Green Chili Enchiladas, Hopkins County Stew, scharfe Schweinerippchen, die den ganzen Tag im Slow Cooker schmorten.

Der Sheriff lachte laut auf. Langsam hörte er sich an wie ein alter Mann. Gut, an seinen Schläfen zeigte sich ein Hauch von Grau, aber innerlich fühlte er sich immer noch jung. Sollte er bis dahin wiedergewählt werden, würde er in zwanzig Jahren in den Ruhestand gehen und Zeit haben, von seinem Steg am Seehaus aus zu angeln. Sollte ihm langweilig werden, könnte er in seinem alten Büro vorbeischauen, um dem nächsten Sheriff beizubringen, wie man das County führte. Er war nie mit den Stieren durch Pamplona gerannt, hatte nicht den Everest bestiegen und keine fremden Länder gesehen, aber er hatte trotzdem ein erfülltes Leben gehabt.

Etwas Helles blitzte direkt vor ihm im Licht seiner Scheinwerfer auf.

Dan trat auf die Bremse.

Ohne das Fernlicht auszuschalten, stieg er aus dem Streifenwagen. In der einen Hand hielt er eine Taschenlampe, die andere lag am Griff seiner Dienstwaffe. Die Landstraße mochte heute Nacht ruhig sein, aber dies war die 111, der Highwayabschnitt, auf dem er vor vier Jahren in einen Hinterhalt geraten war.

Jener Tag blitzte eher in Form von Geräuschen als von Bildern in seinem Kopf auf. Kugeln, die wie Hagelkörner gegen die Seiten seines Streifenwagens prallten. Reifen, die mit einem Knall platzten. Quietschende Bremsen, während er um die Kontrolle über den Wagen kämpfte. Die zersplitternde Windschutzscheibe und Glas, das auf den Asphalt prasselte.

Dann, als der Lärm verstummte, hatte er nur noch den Schmerz gespürt.

Drei Kugeln wurden wenige Stunden später im OP aus seinem Körper geholt. Die sechs Monate der Genesung schienen endlos. Seitdem waren vier ruhige Jahre vergangen, und doch konnte er die Geräusche jenes Tages immer noch hören. Er hatte zugesehen, wie sich sein Blut wie ein winziger Fluss über den Highway schlängelte und im Dreck sammelte. Er hatte seine Herzschläge gezählt, als müsste er sich ausrechnen, wie viele ihm noch blieben.

Wäre da nicht dieser Junge gewesen, der ihn aus dem Kugelhagel gezogen hatte, läge er jetzt auf dem Ransom Canyon Friedhof und sein Grab wäre heute Nacht von Schnee bedeckt.

Dan schob die Erinnerungen beiseite, während er den Lichtkegel der Taschenlampe auf ein glitzerndes blaues Objekt auf der Straße richtete.

Ein Stiefel. Ein ziemlich großer blauer Damenstiefel stand stolz auf dem Mittelstreifen. Einer dieser schicken Stiefel mit Strasssteinen und Ziernähten vom Knöchel aufwärts. Einer, wie ihn Cowgirls trugen, um bis zur Sperrstunde in der Bar zu tanzen. Einer, den niemand bei der Arbeit mit Rindern tragen würde.

Dan entspannte sich, als er auf den Stiefel hinabblickte. Die County Road 111 wurde hauptsächlich von Einheimischen befahren, und keiner der Rancher trug so schicke Schuhe wie diese.

„Das ist ein Rätsel“, sagte Dan laut. Ihm war klar, dass er mit sich selbst redete, aber wer sollte etwas dagegen haben?

Er hob den Stiefel auf und ging zurück zu seinem Wagen. Wenn ihn jemand aus dem Fenster geworfen hätte, was unwahrscheinlich war, hätte er wohl kaum aufrecht auf dem Mittelstreifen gestanden. Keiner hätte nur einen einzigen Stiefel weggeworfen, selbst wenn er sie gehasst hätte. Ein Paar wie dieses hier kostete wahrscheinlich fünfhundert Dollar oder mehr.

Im Licht des Wagens untersuchte er seinen Fund. Tiefblau, wie der Himmel kurz vor dem Regen. Die Sohle war abgenutzt. Keine anderen Kratzer. Wer auch immer diesen Stiefel getragen hatte, hatte ihn nie in einen Steigbügel geschoben.

Dan stellte den Stiefel auf den Beifahrersitz und legte den Gang ein. „Na, hübsche Lady“, lachte er. „Wie wär’s, heute Nacht mit mir zu fahren?“

Jede Frau, die einen solchen Stiefel trug, würde ihn zur Schau stellen. Sie würde enge Jeans tragen und in den Stiefelschaft stecken. Sie wäre aufgeschlossen, vielleicht wild. Sie würde gerne und oft lachen und sich wahrscheinlich lautstark streiten. Sie würde das Leben in vollen Zügen genießen.

So eine Frau würde sich nie zu jemandem wie ihm hingezogen fühlen. Dan war so solide wie die Canyonwände, wahrscheinlich grenzwertig langweilig, wenn er genauer darüber nachdachte, und, wie seine Tochter ihn oft erinnerte, berechenbar.

Dan erlaubte sich nie, Tagträumen nachzuhängen. Er war immer ernst, ein Mann, der eins mit seinem Beruf war, nicht nur einer, der die Uniform trug. Aber heute Nacht, unter dem bewölkten, sternenlosen Himmel, wirkte die Welt eher wie eine Fantasie als wie etwas Reales, und das sattblaue Leder glänzte im Licht des Armaturenbretts.

„Ich sollte wohl besser anfangen, nach Aschenputtel zu suchen, denn eine Cowgirl-Prinzessin hat ihren Schuh verloren.“

Er dachte daran, wie Lauren ihm immer sagte, er müsse ab und zu ausgehen. Vielleicht sollte er ihr ein Bild von dem Stiefel schicken und ihr mitteilen, dass er den ersten Schritt getan hatte. Lauren hatte wahrscheinlich gemeint, er sollte eine der Frauen aus dem Kirchenkreis daten. Hin und wieder baten sie ihn um einen Gefallen, wie zum Beispiel die Marmeladenwettbewerbe für wohltätige Zwecke zu bewerten oder luden ihn zum Frühstück am Mittwochmorgen ein, weil „sie mehr Männer brauchten“. Seine Tochter hatte bestimmt nicht gemeint, dass er sich mit Frauen einlassen sollte, die Strassstiefel trugen.

Es war fast ein Uhr, als der Sheriff auf den staubigen Parkplatz des Two Step Saloon fuhr. Die Bar lag ein paar Meilen außerhalb der Stadtgrenzen von Crossroads, aber Dan könnte schwören, dass er an manchen Abenden die Bässe in dem Büro hörte. An den meisten Freitagabenden hätte er inzwischen schon mindestens einen Anruf vom Barkeeper erhalten. Aber seit der Nowhere Club dreißig Meilen südlich von Crossroads eröffnet hatte, hatte das Geschäft nachgelassen, ebenso wie die Verhaftungen in Dans County.

Dan nahm den Stiefel und betrat das Two Step. Wenn der Laden nicht zu laut oder die Leute nicht zu betrunken waren, würde sich vielleicht jemand an eine Lady mit blauen Stiefeln erinnern.

Er entspannte sich. Der Hauptraum war nur halb gefüllt, und die meisten Gäste wirkten weitaus interessierter am Reden als an Streitereien. Der Besitzer Ike Perez hatte einen großen Fernseher aufgestellt. Wenn gerade kein Spiel lief, zeigte er Wiederholungen. Den Betrunkenen schien das egal zu sein. Sie jubelten und wetteten, als hätten sie das Spiel nicht schon gesehen.

„N’Abend, Sheriff“, grüßte die Barkeeperin, als sie nach einer Tasse und der Kaffeekanne griff. „Hab mich schon gefragt, ob du heute noch vorbeikommst.“

Mit dem Rücken fast an der Wand, stand Dan in einer Ecke der Bar. Das war der einzige Platz, von dem aus er den ganzen Laden überblicken konnte. „N’Abend, Kimmie.“

Die Barkeeperin ging seit etwa zehn Jahren zu den Anonymen Alkoholikern, arbeitete aber immer noch hinter der Bar. Sie erinnerte Dan an einen alten Rodeoreiter, der am Abend vor dem Wettkampf noch immer zwischen den Bullen zu finden war. Kimmie ritt vielleicht nicht mehr selbst, aber sie blieb in der Nähe von dem Lärm und der Aufregung.

Als er den schicken Stiefel neben seine Tasse stellte, zwinkerte Kimmie ihm zu. „Falls das dein Date ist, hast du unterwegs wohl etwas verloren.“

Dan zuckte mit den Schultern. „So läuft es bei mir doch immer. Ich gehe mit einer Frau aus, und am Ende bleibt mir nur ein Stiefel.“

Kimmie verschränkte die Arme und lehnte sich gegen die Theke, die für sie genau die richtige Höhe hatte, um ihre Oberweite darauf abzulegen. „Es könnte helfen, Sheriff, wenn du bei einem Date nicht die Waffe und die Uniform tragen würdest. Du bist wirklich ein verdammt gut aussehender Mann, groß, schlank und mit gerade genug Grau im Haar, um einer Frau zu zeigen, dass du wahrscheinlich weißt, was du tust, aber Süßer, das ganze Eisenzeug an deinem Gürtel wird keine Frau dazu bringen, sich an dich zu kuscheln.“

Dan nahm einen großen Schluck von seinem Kaffee. Er kommentierte es nie, wenn Kimmie anfing, ihm zu erzählen, wie er sein Leben leben sollte. Sie war Ende dreißig, also im richtigen Alter für ein Date mit ihm, aber sie würde nie sein Typ sein.

Inzwischen war Dan zu dem Schluss gekommen, dass er wohl keinen bestimmten Typ hatte. Alle Frauen, die ihm gefielen, liefen ihm meistens davon. Die erste und lauteste war vor zwanzig Jahren seine Ehefrau gewesen. Als er sich geweigert hatte, nach Dallas zu ziehen, hatte Margaret ihre Koffer gepackt und ihn mit ihrem einzigen Kind zurückgelassen. Er hatte Lauren allein großgezogen und seine Frau noch lange Zeit geliebt, in der Hoffnung, sie würde zurückkommen. Stattdessen rief sie nur einmal im Monat an, um ihm Vorträge darüber zu halten, was er bei seiner Arbeit, in der Stadt und vor allem bei der Erziehung ihrer Tochter alles falsch machte.

Es hatte Jahre gedauert, bis er auch nur versuchte, mit einer Frau zu reden, ohne sie nach ihrem Führerschein zu fragen. Und selbst dann schien keine die Richtige zu sein. Manche hörten nie auf zu reden. Andere erwarteten von ihm, dass er das Gespräch am Laufen hielt.

Als er sich schließlich zu ein paar Dates durchgerungen hatte, fühlte sich bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er lange genug blieb, keine in seinen Armen richtig an, oder schlimmer noch, sie schien einfach nicht sonderlich an ihm interessiert zu sein. Zuerst hatte er gedacht, es läge daran, dass er geschieden war und seine Tochter großzog, oder an seinem Beruf, den er so sehr liebte. Aber in letzter Zeit schien es im ganzen Bundesstaat keine Frau zu geben, die er daten wollte.

Dan kam auf sein eigentliches Problem zu sprechen. „Ich habe diesen Stiefel draußen an der 111 gefunden. Ich dachte, du hast vielleicht jemanden gesehen, der ihn getragen hat.“

Kimmie schüttelte den Kopf. „Ich habe mal einen Cowboystiefel unter meinem Bett gefunden. Abgetragen und schlammig. Mir ist nie wieder eingefallen, wem er gehörte.“

Dan wollte nichts weiter aus dem Liebesleben der Barkeeperin hören. Wenn sie je dazu käme, alles aufzuschreiben, woran sie sich im nüchternen Zustand noch erinnerte, würden die heißen Begegnungen ein ganzes Regal füllen. Seit sie mit dem Trinken aufgehört hatte, war es zu ihrer liebsten Beschäftigung geworden, über Sex zu reden. „Wo ist Ike?“

„Er ist rübergegangen, um sich diese neue Bar anzusehen. Sie nennen ihn den Nowhere Club, als ob das etwas Besonderes wäre. Was ist das denn für ein Name für eine Bar? Irgendwer meinte, sie hätten dort jemanden, der richtig singen kann. Kannst du dir vorstellen, dass jemand versucht, für einen Haufen Betrunkener zu singen?“

Dan hob den blauen Stiefel auf. „Vielleicht schaue ich da mal vorbei.“

Kimmie räumte seine leere Kaffeetasse ab und wischte die Theke sauber. „Ich halte die Augen nach einer Frau offen, die auf einem einzelnen Stiefel herumhumpelt. Wenn ich sie entdecke, schicke ich sie zu dir.“

„Danke.“ Dan ging und dachte darüber nach, wie die Besitzerin des Stiefels wohl aussehen mochte. Groß, schätzte er, um einen so hohen Stiefel zu tragen. Und wild wie der Wind von West-Texas. Den Rest von ihr malte sich seine Fantasie die ganze Nacht hindurch aus, als er eigentlich hätte schlafen sollen.

Am Montagmorgen trug er den Stiefel in sein Büro und stellte ihn auf eine Ecke seines Schreibtisches. Er dachte immer noch darüber nach, was für eine Frau die Besitzerin sein mochte. Es könnte schön sein, sie nach Dienstschluss zu treffen, wenn er nicht in Uniform war. Vielleicht war es in der Mitte seines Lebens an der Zeit, etwas Unvorhersehbares zu tun.

Den ganzen Vormittag arbeitete er sich durch den Papierkram, der sich nach dem Wochenende immer wie die Reste vom Sonntagsessen stapelte.

Der blaue Stiefel geriet immer wieder in sein Blickfeld, als wollte er ihm etwas zuflüstern.

Die County-Sekretärin Pearly kam um kurz nach elf mit der Post herein. „Sind Sie jetzt an Cross-Dressing interessiert, Sheriff?“, fragte sie, als sie den Stiefel entdeckte.

Dan starrte sie nur an. Pearly hatte seit Jahren keine Frage mehr gestellt, die eine Antwort wert gewesen wäre.

„Ich muss weg.“ Er stand auf. „Ich bin in etwa einer Stunde zurück.“

„Wenn Sie schon mal draußen sind, können Sie auch gleich etwas essen, Sheriff.“ Pearly begann, seinen Tag zu planen. „Es ist schon fast Mittagszeit, und Sie wissen doch, wenn Sie zurückkommen, müssen Sie einige Rückrufe tätigen, und bis Sie damit fertig sind, ist es zu spät für’s Mittagsessen. Und wenn dann Lauren das nächste Mal aus Dallas nach Hause kommt, beschwert sie sich darüber, wie dünn Sie aussehen, und sagt mir, ich soll mich besser um ihren Vater kümmern, als hätte sie mir die Verantwortung für Sie übergeben.“

„Und was genau wollen sie damit sagen, Pearly?“

Sie plusterte sich auf. „Essen!“, rief sie und betonte jede Silbe.

Dan fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das dringend einen Schnitt nötig hatte, und setzte seinen Stetson auf. „Danke, Mom, ich werde dran denken.“ Er schnappte sich den Stiefel und stapfte an Pearly vorbei. Dan hasste es, bemuttert zu werden, aber manchen Frauen lag dieses Gen einfach im Blut.

Er war zwei Meilen außerhalb der Stadt, als er zum Stiefel hinüberschaute und grinste. „Wohin soll’s gehen, Süße?“, fragte er, als säße eine Frau neben ihm.

Seltsam. Irgendetwas an dem Stiefel auf dem Beifahrersitz gab Sheriff Dan Brigman das Gefühl, leichtsinnig zu sein.

2. KAPITEL

Mittag,

Montag

Brandi Malone beobachtete, wie ein Sheriff den Nowhere Club betrat, während sie im Halbdunkel der kleinen Bühne arbeitete. Der Laden würde erst in ein paar Stunden öffnen. Sie hatte vorgehabt, eine Weile zu proben, aber damit war es erst einmal vorbei, solange der Sheriff hier war. Irgendwie fühlte es sich an, als würde sie für einen Voyeur singen, wenn jemand dabei zusah, wie sie an den kleinen Holprigkeiten ihrer Darbietung arbeitete.

Sie mochte diese Tageszeit in der Bar, wenn alles ruhig war und die Luft sich fast sauber anfühlte.

In einer großen Familie aufzuwachsen war laut, und als Erwachsene in ihrer Nähe zu leben, gab ihr immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Die Familien ihrer beiden Brüder und ihrer Schwester hatten sich in Sichtweite ihres Elternhauses niedergelassen. Aber selbst als Brandi mit zwanzig hierher zurückgezogen war, war Malone Valley nicht der Ort gewesen, an dem sie sein wollte. Als sie das zweite Mal weggegangen war, schwor sie, wie schon beim letzten Mal, dass sie niemals zurückkehren würde.

Seit vierzehn Monaten war die Straße ihr Zuhause. Brandi hatte kein Haus, keine Adresse und niemanden, bei dem sie sich melden musste, und das war ihr nur recht.

Ihr Wohnzimmer war da, wo sie einen Auftritt hatte, und nachts trat sie hinaus auf ihre Veranda, die Bühne. Brandi Malone war frei wie ein Schmetterling, und sie wollte es so.

Sie stand vollkommen still da, war nicht mehr als ein Schatten, und wartete darauf, dass der Mann in Uniform aus ihrer Welt verschwand.

Der Sheriff ging den Flur hinunter ins Büro des Besitzers. Sie war nicht neugierig. Ihre Aufgabe bestand darin, jeden Abend für drei Sets auf der Bühne zu stehen. Das war alles. Das hier war eine Bar. Natürlich schauten hin und wieder Gesetzeshüter vorbei. Der Sheriff überprüfte wahrscheinlich nur die neue Schanklizenz, so wie es letzte Woche schon ein anderer Sheriff getan hatte. Oder vielleicht suchte er nach einem Kriminellen, obwohl dieser Laden nicht gerade wie eine Bar für Kriminelle aussah.

Sie schob das Mikrofon näher ans Klavier, wo sie ihre Lieder für heute Abend bereitgelegt hatte. Obwohl sie alle auswendig konnte, ließ sie die Notenblätter immer in der Nähe, nur für den Fall, dass ihre Gedanken abschweiften.

Brandi machte sich nicht viele Sorgen, weder darüber, wo sie lebte, noch was sie aß oder auch nur, in welcher Stadt sie sich gerade befand. Doch sie wollte, dass jeder Auftritt perfekt war. Das musste er sein. Es war alles, was in ihrer Welt noch zählte.

Vielleicht wollte sie, wenn auch nur für wenige Minuten, dass all jene, die nüchtern genug waren, um zuzuhören, ihre Probleme vergaßen und einfach nur den Moment genossen. Sie wollte, dass sie in die Musik eintauchten und auf dem sägemehlbedeckten Boden oder in ihren Gedanken tanzten. Das war es, was sie wollte. Wenn ihre Lieder genau richtig waren, vergaß sie für ein paar Stunden das klaffende Loch in ihrem Herzen und bewegte sich zur Musik. In diesen Nächten passten sich ihre Gedanken dem Takt an, und für eine kurze Zeit ließ sie sich treiben. Sie atmete tief durch und glaubte beinahe, dass das Leben lebenswert war.

„Brandi!“, polterte Hank, der Besitzer. „Der Sheriff hat was für dich.“

Der große Mann in der hellbraunen Uniform bewegte sich auf sie zu, und einen Moment lang überlegte sie, wegzulaufen. Aber er stand zwischen ihr und der Tür, und das Gesicht des Mannes im Schatten seines Hutes sah so aus, als würde er sich streng an die Vorschriften halten.

Sie hatte keine offenen Rechnungen, Bußgelder oder Strafzettel. Sie hatte kein Verbrechen begangen. Es gab keinen Grund, warum die Polizei sie suchen sollte, also musste der Sheriff Fragen zur Bar haben, oder vielleicht zu ihrem alten Van, der draußen parkte …

Brandi stand da und wartete, während der Sheriff näherkam. Sie war stärker als noch vor Monaten. Sie musste nicht mehr vor Fragen davonlaufen.

Als sie anfangs unterwegs gewesen war, hatte sie es gehasst, wenn Fremde sie fragten, woher sie kam, oder irgendetwas über ihre Familie wissen wollten. Sie wollte über nichts als ihre Musik reden. Nichts anderes zählte. Nichts anderes existierte.

Doch als dieser Fremde in Uniform seinen Blick hob, um zu ihr auf die kleine Bühne hinaufzusehen, lächelte er, als würde er sich freuen, sie zu sehen. „Morgen, Ma’am“, sagte er.

Ihr entging nicht, dass der Gesetzeshüter den Blick über ihren Körper wandern ließ, bevor er ihr ins Gesicht sah. Hatte er sie gerade gemustert? Bestimmt nicht. Nicht, wenn er sie Ma’am nannte.

„Morgen“, brachte sie heraus. „Gibt es ein Problem?“

„Nein. Kein Problem.“ Er lächelte wieder, und sie hatte das Gefühl, dass er ein Mann war, der nicht oft lächelte. Brandi entspannte sich ein wenig. Er hatte ehrliche blaue Augen.

„Gehört der hier zufällig Ihnen?“, fragte er, während er einen Stiefel hob. „Irgendwie sieht er aus, als würde er zu Ihnen passen.“

Brandi fing lauthals an zu lachen. „Ja! Jemand hat sie vor zwei Wochen aus meinem Van gestohlen. In ihrer Eile haben sie den linken auf dem Parkplatz fallen lassen.“ Sie sprang von der etwa sechzig Zentimeter hohen Bühne herunter. „Ich habe diese Stiefel geliebt. Ich dachte, ich hätte diesen hier für immer verloren, aber ich konnte es nicht übers Herz bringen, den anderen wegzuwerfen.“

Der Sheriff stand steif wie eine Schaufensterpuppe da, während sie ihn umarmte. „Danke. Danke.“ Sie griff nach dem Stiefel.

Er zog ihn zurück. „Moment mal. Ich brauche einen Beweis.“ Er lächelte wieder und genoss sichtlich die Situation. „Vielleicht müssen Sie ihn anprobieren. Der Schuh muss passen. Ich glaube, das ist Gesetz. Oder vielleicht auch nur eine Regel.“

Sie sah auf ihre Turnschuhe hinunter. „Ich muss diesen Stiefel zurückhaben. Ich habe das Gegenstück. Ein Stiefel allein nützt mir nichts.“

„Ich muss erst den linken sehen, bevor ich diesen hier herausrücke.“

„Folgen Sie mir.“ Sie spielte sein Spiel mit und nahm Haltung an, als wollte sie marschieren.

Ihre langen Beine machten es ihr leicht, auf die Bühne zu steigen. Sie eilte hinter einen schwarzen Vorhang und öffnete eine fast unsichtbare Tür. Sie hoffte, dass der Sheriff ihr mit ihrem Stiefel in der Hand folgte. Da sie davon ausging, dass er jede ihrer Bewegungen beobachtete, lief sie in einen schmalen Gang und dann links in ihre Garderobe.

Er war direkt hinter ihr.

Der Sheriff war in den Vierzigern, vielleicht fünf oder sechs Jahre älter als sie und definitiv ein interessanter Mann. Männer mit ehrlichen Augen hatten ihr schon immer gefallen. Sie waren selten.

Brandi grinste, als sie zu erraten versuchte, wie der Sheriff privat sein mochte. Er war auf eine Art gut aussehend, die den meisten Frauen gar nicht auffiel. Er hatte etwas so Solides an sich, dass er hart wirkte, außer vielleicht sein Mund. Dieser Mann hatte Lippen zum Küssen, aber sie würde wetten, dass er noch nie einen leichtsinnigen Gedanken gehegt hatte.

Und er war nichts für sie. Vergiss das mit der „Anziehung auf den ersten Blick“. Sie handelte nicht mehr impulsiv. Brandi hatte nicht nur den Männern abgeschworen, sondern auch der Familie und den Freunden. Monatelang hatte sie sich einfach treiben lassen und sich eingeredet, dass es keine Zukunft oder Vergangenheit gab, nur das Hier und Jetzt. Wenn sie sich darauf konzentrierte, nur einen Tag nach dem anderen zu überstehen, konnte sie überleben und fast vergessen, dass ihr Lebensinhalt ausgelöscht worden war.

Vierzehn Monate, und sie würde es auch noch länger schaffen. Jetzt war nicht die Zeit, ihren Weg zu unterbrechen, nicht einmal für einen Freund oder Liebhaber. Allein der Gedanke, sich nach all den Jahren mit einem Mann einzulassen, brachte sie zum Lächeln. Sollte sie sich jemals wieder einen Liebhaber nehmen, dann hätte er blaue Augen wie die des Sheriffs. Treu und blau.

Sie öffnete die Tür zu einem kleinen Raum, der gleichzeitig als ihre Garderobe und Lager für die Bar und die Toiletten diente.

Der Sheriff folgte ihr hinein.

„Lassen Sie die Tür offen“, befahl sie.

„Natürlich“, antwortete er, als wäre das eine Regel, die er schon kannte.

Er schien die Hälfte ihres kleinen Quartiers einzunehmen, während sie auf der Suche nach dem anderen Stiefel ihre Kleidung herumwarf.

„Ich bin nicht sehr ordentlich“, gab sie zu.

„Ich habe schon Eichhörnchen gesehen, die ordentlicher waren.“ Er verschränkte die Arme und wartete.

„Der Stiefel ist irgendwo hier.“ Sie hatte schon fast ihre ganze Kleidung auf dem Arm und konnte ihn trotzdem nicht entdecken. „Vielleicht wäre es einfacher, den anzuprobieren, den Sie haben.“ Sie plumpste auf den einzigen Stuhl im Zimmer und zog ihren Turnschuh aus. Ihre Leggings waren warm und saßen wie eine zweite Haut. „Wenn er passt, darf ich ihn behalten, oder?“

Zu ihrer Überraschung ließ er sich auf ein Knie herab und half ihr in den Stiefel. Seine Hand glitt ihre Wade entlang, als er ihren Fuß sanft in das Leder schob.

Brandi konnte sich nicht bewegen. Seine Hand glitt vor dem Stiefel ihr Bein hinauf, bis seine Finger knapp über ihrem Knie ruhten. Sie spürte seine Wärme durch den Stoff, als er sanft zudrückte, als wollte er prüfen, ob sie echt war.

„Er passt perfekt“, stellte er fest. „Ich glaube, ich habe Aschenputtel gefunden.“

„Danke, dass Sie ihn mir zurückgebracht haben. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, Sheriff.“

„Gern geschehen. Das gehört zu meinem Job.“ Er stand auf und reichte ihr die Hand. „Dan Brigman.“

Sie nahm seine Hand und stand auf. Während sie auf dem einen Stiefel balancierte, bemerkte sie, dass er nur wenige Zentimeter größer war als sie. „Darf ich Ihnen als Dankeschön einen Drink spendieren, Sheriff?“

„Nein danke.“

Er hatte ihre Finger nicht losgelassen und sie überlegte, ob sie ihre Hand einfach zurückziehen sollte. Als sie nach unten blickte, entdeckte sie die blaue Spitze ihres anderen blauen Cowboystiefels. Sie quietschte auf und riss sie Hand los. Dann kroch sie unter den Kartentisch, der ihr als Schminktisch diente.

Er versuchte, zur Seite zu treten, aber ihr Gesäß stieß mehrmals gegen ihn, bevor sie wieder unter dem wackeligen Tisch hervorkroch. Dann hüpfte sie herum und versuchte, sich den zweiten Stiefel anzuziehen, wobei sie ihn versehentlich wieder anrempelte.

Er packte sie an der Taille und hielt sie fest, bis sie den Stiefel endlich angezogen hatte.

Als sie sich aufrichtete, ließ er sie los. Dann hob er eine Hand, um ihr die Haare aus dem Gesicht zu streichen.

„Sie haben wirklich langes Haar, hübsche Lady. Es sieht aus wie eine Mitternachtswolke, wenn es um sie herumweht. Meine Tochter hat genauso langes Haar, aber ihres ist glatt und hat die Farbe von Sonnenschein.“

„Tut mir leid.“ Sie warf den Kopf zurück. „Meine Haare hatten schon immer ihren eigenen Willen. Wahrscheinlich habe ich Sie nicht nur getreten, als ich den Stiefel angezogen habe, Sie haben wahrscheinlich auch einen Mund voll Locken abbekommen.“

„Ich werde es überleben.“ Er lachte.

„Sicher, dass Sie den Drink nicht annehmen wollen? Ich habe das Gefühl, ich schulde Ihnen einen, Sheriff.“

„Nein, aber vielleicht lasse ich mich von Ihnen zum Mittagessen einladen. Das beste mexikanische Restaurant im Umkreis von hundert Meilen ist direkt gegenüber.“

Brandi hatte nicht vor, sich abschleppen zu lassen, und sie konnte nicht sagen, ob der Sheriff darauf aus war. Falls ja, dann war er wirklich aus der Übung. Sie musste dem schnell ein Ende setzen. „Würden Sie nicht lieber nach Hause gehen und mit Ihrer Familie zu Mittag essen?“ Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, sich auf einen verheirateten Mann einzulassen.

Er zögerte, wich aber nicht zurück, wie es ein Mann vielleicht getan hätte, der einen Flirtversuch unternommen hatte. „Meine Frau hat mich vor zwanzig Jahren verlassen, und meine Tochter ist erwachsen und lebt in Dallas. Wenn Sie nicht mitkommen, gehe ich trotzdem mexikanisch essen. Meine Sekretärin Pearly hat mir aufgetragen, vor meiner Rückkehr zu Mittag zu essen, und mit ihr ist nicht gut Kirschen essen.“

Brandi kam sich wie ein Dummkopf vor. Der Sheriff wollte nicht mit ihr flirten. Falls doch, war das so ziemlich der schlechteste Versuch, den sie je erlebt hatte. Er hatte ihr die Fakten seines Lebens erzählt, wie es die Leute in einer Kleinstadt taten. Wie es Menschen taten, die nichts zu verbergen haben.

„Mein Name ist Brandi Malone.“

„Das habe ich mir gedacht. Es steht auf dem Schild da vorne.“ Er ging ein paar Schritte zur Tür zurück. „Es war schön, Sie kennenzulernen, Miss Malone. Vielleicht komme ich mal vorbei und höre Sie singen.“

„Tun Sie das.“ Sie bemerkte, dass sich keiner von beiden verabschiedete.

Nachdem er gegangen war, entschied sie, dass der Sheriff schüchtern war. Sie hatte ihn in Verlegenheit gebracht, als sie ihm unterstellt hatte, er versuche zu flirten. Oder vielleicht hatte er das Gefühl gehabt, einer völlig Fremden zu viele Informationen aufgedrängt zu haben.

Sie wühlte in ihrem Kleiderhaufen und zog ihre Lederjacke mit den Fransen an. Für das Wetter war sie nicht warm genug, aber sie hatte keine Zeit, nach einem anderen Mantel zu suchen.

Fünf Minuten später verließ sie das Nowhere und ging über die Straße. Der Streifenwagen des Sheriffs stand als einziges Auto auf dem Parkplatz des Cafés. Die Mittagszeit war längst vorbei. Es überraschte sie nicht, dass er Wort gehalten hatte.

Brandi zitterte, als sie den Tisch im hinteren Teil des Raumes erreichte, an dem er alleine saß.

Er blickte von seinem Handy auf, und sie bemerkte die Überraschung in seinen Augen, bevor er den Blick abwandte.

„Ich zahle Ihr Mittagessen, Sheriff. Haben Sie ein Problem damit?“

„Nein.“ Er stand auf und nahm seinen Hut von dem leeren Stuhl. „Könnten Sie mich vielleicht Dan nennen? Beim Essen bin ich nicht im Dienst.“

Sie ließ sich langsam auf den gegenüberliegenden Platz gleiten und starrte auf die Speisekarte. Die meisten Männer, einschließlich ihres Vaters, waren Lügner oder Manipulatoren. Aber dieser hier hatte etwas an sich, dass man ihm vertrauen konnte, wenigstens für die Dauer eines Mittagessens. Sie musste nur noch herausfinden, ob Sheriff Dan Brigman derjenige war, der er zu sein schien. Nicht, dass sie vorhatte, lange zu bleiben. Aber wenn diese ehrlichen Augen die Wahrheit sagten, könnte sie vielleicht wieder an die Menschheit glauben.

Es könnte zur Abwechslung mal Spaß machen, gemeinsam mit jemandem zu essen. Sie konnte so tun, als wäre sie glücklich, interessiert – und normal.

Sie schaute noch ein paar Sekunden lang auf die Speisekarte und bestellte dann das Mittagsangebot bei der Kellnerin. Das Mädchen sah müde oder vielleicht gelangweilt aus und kümmerte sich nicht übermäßig um die letzten beiden Kunden im Lokal.

Als die Kellnerin wieder durch die Küchentür verschwand, wurde Brandi plötzlich bewusst, dass sie mit dem Sheriff allein war.

„Sie sehen genauso aus wie die Frau, die ich mir zu diesem Stiefel vorgestellt habe“, sagte er, als wollte er ein Gespräch beginnen.

„Wie denn?“

„Wild und frei. Wunderschön.“ Er blickte nach unten und drehte eine Pommes in der kleinen Schale mit scharfer Soße.

Da ist wieder dieses schüchterne Lächeln, dachte sie. Ein weiterer Hinweis darauf, dass der Sheriff einer der wenigen echten Menschen in dieser Welt voller Marionetten sein könnte. „Es stört Sie nicht, wenn ich wild bin, oder? Ich hätte gedacht, so etwas würde einen Sheriff nervös machen.“

„Nein. Stört mich nicht. Sie sind die Art von Schönheit, die einen Mann in seinen Träumen verfolgen könnte, Brandi Malone. Wildheit macht die Perfektion nur noch aufregender.“

Seit Jahren hatte niemand mehr so etwas Nettes zu ihr gesagt. Er schien sie so zu sehen, wie sie gerne sein wollte. Wild und frei, hätte sie fast laut geflüstert.

Um ihm zu beweisen, dass er recht hatte, beugte Brandi sich vor und küsste ihn auf den Mund.

Als sie sich zurückzog, flüsterte sie: „Du schmeckst nach Salsa, Sheriff.“

Er starrte sie nur an, und sie hätte schwören können, dass sie sich von diesen stahlblauen Augen hypnotisieren lassen könnte.

Brandi aß eine von seinen Pommes, nachdem sie sie in die scharfe Soße getunkt hatte, dann nahm sie einen Schluck von seinem Eistee. Er beobachtete sie einfach nur. Seit Jahren hatte sie niemand mehr als wild und frei bezeichnet, und sie liebte es. Sie liebte die Version ihrer selbst, die sie in seinen Augen sah.

Sie blickte sich in dem leeren Café um. Die einzige Kellnerin war wahrscheinlich hinten und wärmte die letzten beiden Tagesgerichte auf. „Willst du gar nichts dazu sagen, dass ich dich geküsst habe?“

Er lehnte sich zurück und sprach so leise, dass ihn selbst Leute am Nebentisch nicht gehört hätten. „Ich hätte nichts dagegen, wenn du das noch einmal tun würdest.“

Bevor sie sich entscheiden konnte, schwang die Küchentür auf, und die Kellnerin kam mit zwei Tellern Enchiladas heraus.

„Vielleicht später.“ Sie grinste wie die wilde Frau, für die er sie hielt. „Wenn ich dann noch da bin und du noch zu haben bist.“ Was konnte ein weiterer Kuss schon schaden?

Während sie aßen, fragte der Sheriff sie, woher sie kam und wie sie im Nowhere Club gelandet war.

Sie wich der Frage aus und fragte ihn stattdessen, wie lange es her war, dass er geküsst worden war.

Im Gegensatz zu ihr antwortete Dan direkt. „Vor drei Jahren, an Silvester.“

Brandi nickte. „Ein Mitternachtskuss. Mit offenem oder geschlossenem Mund?“

Als er nicht antwortete, wusste sie Bescheid. Geschlossen, entschied sie. Sie hätte schwören können, dass der gut aussehende Sheriff errötete.

„Du hast recht, was mich angeht, Sheriff. Aber ich bin nicht einfach frei, ich lasse mich treiben. Ich lebe aus dem Koffer und reise, wann und wohin ich will. Ich bin nicht auf der Suche nach einem Mann, der mich zähmt, mich einengt oder mir sagt, dass er mich liebt. Ich mache keine Versprechungen, aber wenn du ab und zu eine Mahlzeit oder so etwas mit mir teilen möchtest, wäre ich vielleicht interessiert.“

Brandi konnte nicht glauben, dass sie ihre Komfortzone verließ, um auch nur daran zu denken, sich mit ihm auf irgendetwas einzulassen. Aber ein Kuss von ihm war wie Salsa auf einer salzigen Pommes. Sie wollte mehr davon.

Dan nahm einen langen Schluck von seinem Eistee.

Sie wusste, dass sie ihn schockiert hatte, aber wenn sie zum ersten Mal seit Jahren wieder Zeit mit einem Mann verbringen wollte, dann würde sie mit offenen Karten spielen. Sie wollte als unvergessliche Begegnung in Erinnerung bleiben, ganz gleich, wie kurz diese auch sein mochte. Sie wäre gern die eine Frau, die eine Erinnerung, die Dan Brigman immer wieder zum Lächeln bringen würde.

Er aß, während sie in ihrem Essen herumstocherte.

Schließlich brach er das Schweigen. „Wann ist dein letzter Auftritt heute Abend vorbei?“

„Um elf. Warum?“

„Ich hole dich zu einem späten Abendessen ab.“

„Wenn du hier in der Gegend noch ein Lokal findest, das offen hat. Ich werde bestimmt Hunger haben.“

Er ließ einen Zwanziger auf dem Tisch liegen und stand auf.

„Ich …“ Sie hatte ihm angeboten, die Rechnung zu übernehmen, und das hatte sie auch vor.

„Kommt nicht infrage“, unterbrach er sie, als wüsste er, was sie sagen wollte.

Sie folgte ihm und fragte sich bereits, ob es richtig gewesen war, sich hier mit ihm zu treffen. Sie hasste herrische Männer, aber vielleicht gab es ja eine Vorschrift, dass Sheriffs keine Geschenke annehmen durften, nicht mal ein Mittagessen.

Sie war bestens ohne Männer zurechtgekommen. Sie war gern allein. Sie verabscheute Verpflichtungen und hatte vor, den Rest ihres Lebens ohne Bindungen zu leben. Warum also hatte sie ein weiteres Versprechen angedeutet? Ein weiteres Treffen? Warum hatte sie angeboten, Zeit mit ihm zu verbringen, bevor sie überhaupt wusste, was für ein Mann er wirklich war? Vielleicht konnten auch ehrliche blaue Augen lügen? Sie hatte nicht genug Erfahrung, um das zu wissen.

In Gedanken gab Brandi sich eine Ohrfeige. Sie dachte zu viel darüber nach. Lass es einfach geschehen. Sie war wild, nicht wahr?

Vielleicht reichte es aus, dass er küssbare Lippen hatte und sie sich durch ihn wieder jung fühlte, wie vor zehn Jahren, als sie zum ersten Mal unterwegs gewesen war. Damals war sie fünfundzwanzig gewesen und hatte das wilde Leben einer Sängerin genossen.

Als sie aus dem Restaurant in den kleinen Windfang traten, drehte sich der Sheriff um und half ihr in den Mantel. Das Plastikfenster in der Eingangstür sah aus, als würde es zittern, während der Wind heulte.

Er hob ihr lockiges Haar an, das sich unter ihrem Kragen verfangen hatte. „Bevor wir rausgehen, möchte ich dir etwas zurückgeben.“

Bevor sie ein Wort erwidern konnte, drückte er sie gegen die klappernde, eiskalte Blechwand und küsste sie richtig. Mit offenem Mund.

Ihr Sheriff mochte ruhig sein, aber er war definitiv nicht schüchtern.

Brandi vergaß völlig, dass ihr kalt war. Zum ersten Mal, seit sie sich erinnern konnte, fühlte sie sich lebendig. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss, als könnte es der letzte in ihrem Leben sein.

Seine Arme schlossen sich fester um sie, und sie lehnte sich an ihn. Das war kein zögerlicher erster Kuss. Sie konnte seinen Atem spüren, sein Herz, das neben ihrem hämmerte. Ein winziger Funke erwachte in ihr, wo so lange Zeit nur kalte Asche gewesen war.

Als er sich aus dem Kuss löste, sagte er kein Wort. Er legte nur einen Arm um ihre Schultern und hielt sie fest, während sie sich in den Wind lehnten und über die Straße zurückeilten.

Drinnen im Nowhere Club verstummte die ganze Welt. Niemand war da. Keine Musik. Einen Moment lang hielt er sie fest, als könnte er sie nicht loslassen. Obwohl er sich nicht bewegt hatte, spürte sie, wie er sich zurückzog und wieder zum kontrollierten Sheriff wurde. Er drückte ihr einen schnellen Kuss auf ihre Stirn. „Du bist unglaublich.“

„Du auch“, flüsterte sie und hätte schwören können, dass sie Leidenschaft in seinen blauen Augen funkeln sah.

Dann nickte er sehr förmlich, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.

Brandi grinste, als sie zusah, wie er in seinen Streifenwagen stieg. Heute Abend würde sie ihrem letzten Set den Song A Little Less Talk and a Lot More Action von Toby Keith hinzufügen. Wenn der Sheriff jemanden wollte, der wild und frei war, konnte sie das arrangieren.

In ein paar Wochen würde sie diesen Ort verlassen. Vielleicht würde sie dann selbst eine Erinnerung mitnehmen. Aber mehr als das passte nicht in ihr Gepäck.

Eine Erinnerung. Mehr nicht.

3. KAPITEL

Regnerische Nächte in Dallas waren nie so schön gewesen wie in ihrer Kindheit in dem Haus am See etwas außerhalb von Crossroads. Dort flüsterten die alten Pappeln im Wind, und der Regen, der nur wenige Meter vor ihrem Fenster auf das Wasser trommelte, hatte sie oft in den Schlaf gewiegt.

Ihre Heimatstadt schien heute Nacht meilenweit entfernt. Sie sah aus dem Fenster ihrer Wohnung auf die massive Backsteinmauer des Nachbarhauses. Keine schöne Aussicht.

Wenn ihr Pop sie dann nicht für eine Versagerin halten würde, würde sie ihre ganzen Sachen in einen Transporter laden und nach Hause fahren. In fünf oder sechs Stunden könnte sie da sein. Sie würde ihrem Vater Frühstück machen und dann mit ihm ins Büro gehen und den ganzen Tag seine Akten sortieren. Sie würden in Dorothys Diner auf der anderen Straßenseite zu Mittag essen und so tun, als wäre sie wieder sechzehn. Als läge die ganze Welt noch vor ihr und sie könnte es nicht erwarten, erwachsen zu werden. Als wäre sie nicht fünfundzwanzig und wartete darauf, dass die Welt erkannte, dass sie eine Versagerin war.

Lauren holte ihr Handy hervor und überlegte, ihren Pop anzurufen. Es war fast neun. Wahrscheinlich machte er gerade Feiertag, fuhr mit seinem Abendessen in einer Tüte nach Hause und freute sich darauf, vor dem Fernseher zu essen und sich dabei ein Footballspiel anzusehen. In etwa einer Stunde würde er in seinem Fernsehsessel tief und fest schlafen.

Ihr Pop war so vorhersehbar. Als sie aufwuchs, kochte er jede Woche dieselben Gerichte. Montags gab es Chilidogs, dienstags Pfannkuchen mit verbrannten Würstchen, mittwochs gegrilltes Hähnchen und Ofenkartoffeln, donnerstags Hackbraten oder Spaghetti. Freitags gab es Pizza zum Mitnehmen und samstags Reste, falls welche übrig waren. Sonntags aßen sie auswärts oder wärmten Dosensuppe auf. Oh, das hätte sie fast vergessen: Wenn er spät nach Hause kam, gab es meistens Hamburger. Hätte sie sich nicht schon früh selbst das Kochen beigebracht, hätte er diesen Speiseplan wahrscheinlich beibehalten, bis sie aufs College ging. Sie war zwölf gewesen, als sie gelernt hatte, dass Vorspeisen auch etwas anderes als Kartoffelchips sein konnten.

Jetzt liefen ihre Gespräche immer gleich ab. Ihre Arbeit war immer großartig, ja, sie fand neue Freunde, nein, sie brauchte kein Geld. Er wiederum erzählte ihr vom Wetter, erzählte von den Leuten in der Stadt, die nach ihr fragten, und versicherte ihr, nein, er wäre nicht einsam, es ginge ihm gut.

Lauren stopfte ihr Handy zurück in die Tasche. Sie rief nicht an. Sie war sich nicht sicher, ob sie es heute Abend ertragen könnte, noch einmal zu hören, wie stolz er auf sie war.

Seine Lauren machte Karriere und schärfte ihre Fähigkeiten als Schriftstellerin. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ein Buch geschrieben hatte und auf der Bestsellerliste stand. Crossroads müsste vielleicht eine Buchhandlung eröffnen, da Laurens erstes Buch jeden Tag erscheinen konnte und Tim O’Grady an seinem vierten Roman arbeitete.

Sie hatte gehört, wie ihr Pop vor allen damit prahlte, und hatte kein Wort dazu gesagt. Sie hatte in einem Jahr drei Jobs gehabt, und alle hatten mit Entlassung geendet. Keiner davon im Verlagswesen. Sie machte weder Karriere, noch arbeitete sie an ihrem Buch. Die Chance, dass man in Crossroads ein ganzes Regal mit ihrem Buch füllen würde, war höchst unwahrscheinlich, da ihr Manuskript noch nicht fertig war und Tims Romane nur als E-Books erschiene.

Sollte die Crossroads Buchhandlung jemals eröffnen, würde das Regal für „Einheimische Autoren“ leer bleiben.

Lauren wurde aus ihrem Selbstmitleid gerissen, als ihr Handy summte.

Tim O’Gradys Name leuchtete auf, zusammen mit einem Foto seines lächelnden Gesichts.

Sie grinste und nahm den Anruf an. „Hallo, Hemingway, sag nicht, du hast gerade wieder ein Buch beendet.“ Lauren versuchte, fröhlich zu klingen. Er rief immer an, um am Telefon zu feiern, wenn er etwas fertiggestellt hatte. Die Gliederung. Das Lektorat. Die Endfassung.

Sie tat immer begeistert, und sie vermutete, dass er immer sein Bestes tat, um nüchtern zu klingen.

„Hi, L. Fürs Erste klang er tatsächlich nüchtern. „Kannst du reden? Du bist nicht auf einem Date oder so was?“ Er hielt inne. Als sie nicht antwortete, fügte er hinzu: „Und nein, bevor du fragst, das Buch ist nicht fertig. Heute Abend habe ich es mit dem echten Leben zu tun.“

„Ich bin zu Hause.“ Sie ließ sich auf die Couch fallen. „Allein. Was ist los? Erzähl.“Sie brauchte ein kleines Stück Heimat, und mit dem Jungen zu reden, mit dem sie groß geworden war, könnte helfen.

„Ich bin nicht sicher, was du tun kannst, aber ich brauche Hilfe. Wir haben hier ein echtes Problem, und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.“

„Was ist passiert?“ Sie spürte, dass schlechte Nachrichten im Anmarsch waren, und wünschte, jemand würde einen Regenschirm erfinden, der sie nur einen Atemzug lang beschützen könnte, damit sie vorbereitet wäre.

„Thatcher Jones ist im Gefängnis.“ Tim stieß die Worte hervor, als müsste er sie schnell loswerden. „Er ist achtzehn, also keine Jugendhaft für ihn. Er ist oben in den Büros des Countys eingesperrt.“

„Was? Weiß Pop davon? Was ist passiert? Geht es ihm gut?“

„Langsam, L.“ In Tims Lachen schwang nicht viel Humor mit. „Natürlich weiß dein Pop davon. Er hat ihn schließlich verhaftet. Was ein Glück für den Jungen war. Thatcher ist umgänglich, aber wenn er wütend wird, explodiert er. Dein Pop kann mit ihm umgehen.“

„Fakten, Tim, gib mir die Fakten.“

„Kennst du noch den Rastplatz am Lubbock Highway? Der, an dem wir immer angehalten haben, weil du es vom College nicht ganz nach Hause geschafft hast, ohne eine Pinkelpause einzulegen, und dich dann immer beschwert hast, wie dreckig es war.“

„Ich erinnere mich. Auf der einen Seite gibt es einen kleinen Lebensmittelladen. Hat von allem zwei Dosen, einschließlich Motoröl.“

„Ich weiß nicht, was Thatcher da draußen zu suchen hatte. Das ist die entgegengesetzte Richtung von Charley Collins’ Haus, und er behauptet, er war auf dem Heimweg von der Schule. Man sollte meinen, Charley wäre ein guter Einfluss auf ihn. Aber ich schätze, manche Leute sind einfach dazu bestimmt, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.“

Lauren verdrehte die Augen. Charley Collins war in der Highschool so leichtsinnig gewesen, wie man nur sein konnte. Sein eigener Vater hatte ihn verstoßen, aber Charley war trotz allem ein guter Kerl und Thatcher auch. „Tim, hör auf, wie eine Zeile aus einem Buch zu klingen. Erzähl weiter, was mit Thatcher passiert ist.“

Sie hätte schwören können, dass sie Tim fast nicken hörte. „Richtig. Thatcher war in dem Laden am Rastplatz mit einem Rucksack voller unbezahlter Lebensmittel. Er sagte, er wollte sie zurückbringen, aber der alte Luther, dem der Laden gehört, glaubte ihm nicht. Er nannte Thatcher einen verlogenen Dieb. Sagte, er kenne drei Generationen seiner Leute, und sie wären alle Abschaum gewesen.“

„Was ist dann passiert?“

„Thatcher hat zugeschlagen. Hat Luther k. o. geschlagen, wie ich gehört habe.“

Lauren schloss die Augen und konnte sich die Szene beinahe vorstellen. „Weiter“, flüsterte sie ins Telefon.

„Thatcher hat den Notruf gewählt. Als der Sheriff und die Sanitäter ankamen, sagte Luther, er würde Anzeige wegen Körperverletzung und Raubes erstatten. Die Sanitäter brachten Luther zur Untersuchung in die Klinik, und dein Vater brachte Thatcher ins Gefängnis.“

„Nein!“

Tim fluchte. „Glaub mir, L, dein Vater war davon nicht begeistert. Er sah aus, als würde er den Jungen am liebsten erwürgen, weil er ihn in diese Lage gebracht hatte.“

„Wann ist das alles passiert?“

„Vor ein paar Stunden. Als ich die Sirenen gehört habe, bin ich zu den County Büros gefahren, weil ich dachte, dass ich mir eine Inspiration für eine Story holen könnte. Ich hörte Thatcher schon rumschreien, als ich zur Tür hereinkam. Er war wütend, hatte Angst und strotzte nur so vor Energie.“

Tim hielt inne. Als er weitersprach, brachte er die Worte nur langsam hervor. „Wir dürfen nicht zulassen, dass er ins Gefängnis kommt, L.“

Sie dachte daran zu erwähnen, dass sie nicht seine Eltern waren, aber auf seltsame Weise fühlte sich die ganze Stadt für ihn verantwortlich. Thatcher Jones war in der Schule über ein Jahr im Rückstand gewesen und hatte sich stets auf dem schmalen Grat zwischen Recht und Unrecht bewegt, als Charley Collins von der Lone Heart Ranch ihn bei sich aufgenommen hatte. Jeder konnte sehen, dass der Junge ein Herz hatte, das größer war als Texas, aber er war stolz und hatte einen Dickkopf.

„Was sollen wir tun?“, fragte Tim dumpf, als ob er nicht wirklich eine Antwort von ihr erwartete.

„Du hast recht. Wir müssen uns darum kümmern. Thatcher hat Dad einmal das Leben gerettet. Damals war er erst vierzehn oder fünfzehn, aber er rannte durchs Schussfeuer, um Dad in Sicherheit zu bringen. Dad wird seinen Job machen, er hat sich immer an die Vorschriften gehalten, aber er wird auch helfen, wo er kann.“ Ihr logischer Verstand begann, alle Puzzleteile, die sie kannte, zusammenzusetzen. „Warum sollte Thatcher Essen stehlen? Ich habe gehört, dass es bei Charley großartig läuft.“

„Er schwört, dass er es nicht getan hat. Er sagt, er wollte nur die Konserven zurückbringen, aber er behauptet, er wisse nicht mehr, von wem er sie bekommen hat. Er wollte dem Sheriff nicht einmal sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, die sie gestohlen haben. Er wiederholt immer nur, dass er es nicht sagen kann.“ Tim lachte. „Während Luther ohnmächtig war, hat Thatcher die Lebensmittel wieder ins Regal gestellt, also weiß keiner so richtig, was genau gestohlen wurde.“

„Es gibt also keine Beweise für ein Verbrechen?“

„Richtig, es sei denn, du zählst das Veilchen in Luthers Gesicht.“ Tim zögerte. „L, du hast doch mal Jura studiert. Dir wird schon was einfallen.“

„Ich habe nie Jura studiert, schon vergessen? Ich habe beschlossen, Schriftstellerin zu werden. Nur scheint das nicht so gut für mich zu funktionieren. Ich glaube nicht, dass das Entgegennehmen von Kundenbeschwerden im Einkaufszentrum als Ausbildung zählt.“ Sie wollte nicht alle Gründe für ihr Scheitern aufzählen. Ein Teil von ihr wollte einfach nur zugeben, dass sie in der realen Welt versagte.

„Komm nach Hause.“ Tim beendete das Schweigen. „Thatcher braucht dich – und ich vermisse dich.“

„Ich werde sehen, ob ich morgen Mittag freibekomme. Ich bin um fünf da.“

„Gut.“ Tim zögerte. „Wie wär’s, wenn du dieses Mal bei mir wohnst? Ich habe das alte Haus meiner Eltern am See komplett umgestaltet. Es würde dir gefallen. Außerdem weiß dein Vater, dass du erwachsen bist. Er würde es verstehen. Du könntest einfach sagen, dass wir eine Übernachtungsparty für Erwachsene machen.“

„Ich werde darüber nachdenken“, antwortete sie. Tim hatte sie schon einmal danach gefragt, aber sie war noch nicht bereit für eine feste Bindung mit ihm. Bei ihm zu übernachten bedeutete, miteinander zu schlafen. „Ich rufe an, wenn ich in der Nähe von Crossroads bin, damit du mich im Büro des Countys treffen kannst.“ Sie legte auf, ohne sich zu verabschieden, und saß dann ganz still da und dachte an Tim, nicht an Thatcher.

Sie war mit Tim O’Grady aufgewachsen und hatte im Alter von zehn Jahren mit ihm im See nackt gebadet. Sie hatte Tausende Stunden damit verbracht, mit ihm zu reden. Er war ihr bester Freund.

Ein Freund mit gewissen Vorzügen, dachte sie, obwohl sie die Nächte, die sie miteinander verbracht hatten, an einer Hand abzählen konnte. Natürlich liebte sie ihn, aber nicht so, wie er von ihr geliebt werden wollte. Wenn sie gelegentlich miteinander schliefen, dann eher aus dem Bedürfnis heraus, nicht allein zu sein, als aus Leidenschaft. Sie hasste es, dass sie seine Art zu lieben als langweilig empfand, aber irgendwie wollte sie mehr. Alle sagten, sie wären wie füreinander geschaffen, ein perfektes Paar. Nur dass sich alle irrten.

Tim liebte sie, liebte sie wirklich, aber sie konnte seine Liebe nicht erwidern. Sie sprachen nie darüber, aber irgendwie kannten sie beide die Wahrheit, und diese stille Wahrheit brach ihnen beiden das Herz.

Sie würde nach Hause fahren. Sie würde einen Weg finden, Thatcher zu helfen. Aber dieses Mal würde sie nicht mit Tim schlafen. Auch wenn es sich für eine Weile gut anfühlte. Auch wenn sie beide die stillen Regeln verstanden.

Sie würde nicht mit Tim schlafen, weil sie den Blick nicht ertragen konnte, den er ihr zuwarf, wenn sie wieder gehen musste. Jedes Mal. Immer.

4. KAPITEL

Dienstag

Schwaches Nachmittagssonnenlicht fiel durch die Jalousien und erinnerte Dan Brigman daran, dass eine weitere Stunde ohne Schlaf vergangen war und der Tag nur noch schlimmer wurde. Er hatte kaum Zeit gehabt, seine Tochter zu umarmen, da war sie schon die Stufen zum dritten Stock des Büros des Countys hinaufgestürmt. Der Regen, der den ganzen Nachmittag über immer wieder einsetzte, hatte ihm bereits Kopfschmerzen bereitet, und dass Lauren nun auftauchte, um sich in seine Arbeit einzumischen, machte es nicht besser.

Er hatte die sexy Sängerin gestern nach dem Mittagessen verlassen und sich darauf gefreut, sie vor Mitternacht wiederzusehen. Doch ein Anruf, der eine Stunde nach seiner Rückkehr im Büro einging, hatte diese Möglichkeit zunichtegemacht. Gestern um vier Uhr hatte er einen Jungen, der ihm am Herzen lag, wegen Körperverletzung verhaften und dann ein Dutzend Anrufe von Leuten entgegennehmen müssen, die ihm sagten, wie er seinen Job zu machen habe. Mitternacht verging, und er saß wach in der Arrestzelle im dritten Stock bei einem Teenager, der sich weigerte, darüber zu sprechen, was er getan hatte. Jetzt, nachdem er fast dreißig Stunden nicht geschlafen hatte, kam seine Tochter und wollte wissen, ob er den Verstand verloren hatte.

An diesem Punkt war sich Dan nicht sicher, ob seine Ohren noch funktionierten. Die ganze Stadt konnte sich dabei abwechseln, ihm zu erklären, wie er sein Amt als Sheriff zu führen hatte, und trotzdem würde er Thatcher Jones nicht freilassen, ehe der Richter eine Kaution festsetzte. Sobald er wusste, wie hoch sie sein würde, hatte Dan schon beschlossen, sie selbst zu bezahlen.

Seine Tochter zählte Fakten über das Verbrechen auf, die er bereits kannte, also folgte Dan ihr einfach mit einem Schritt Abstand, als sie die Treppe hinaufging.

„Jetzt beruhige dich, Lauren“, kommentierte er, als sie endlich Luft holte. „Wir tun doch schon, was wir können. Der Richter sagt, er kann auf Kaution freikommen, wenn er eine Aussage macht, aber Thatcher kooperiert nicht.“

„Hast du ihm einen Anwalt angeboten?“

Dan schnaubte. „Habe ich. Er sagte, er brauche keinen Anwalt, um mir zu sagen, dass er nicht reden wird. Das kann er auch selbst.“

Sie hörte nicht zu, und er konnte es ihr auch nicht verübeln. Wenn sie alles tun würden, was in ihrer Macht stünde, wäre Thatcher Jones wohl kaum immer noch eingesperrt. Seine Tochter dachte immer, die Welt müsse fair sein, aber das war sie einfach nicht.

Wenn sie auch nur ein bisschen fair wäre, würde er jetzt seinen Rausch nach einer wilden Nacht ausschlafen und keinen vierzigstündigen Arbeitstag einlegen.

Er hätte fast geflucht. Wenn die Welt gerecht wäre, hätte er gestern Abend wie geplant mit der Sängerin Brandi Malone Zeit verbracht, anstatt hier festzusitzen und auf Thatcher aufpassen zu müssen. Der Junge war so wild, dass er wahrscheinlich die Gitterstäbe durchgenagt hätte, wenn man ihn allein gelassen hätte.

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