Julia Exklusiv Band 399

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  • Erscheinungstag 28.02.2026
  • Bandnummer 399
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541282
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kate Hewitt, Melanie Milburne, Elisa Marshall

JULIA EXKLUSIV BAND 399

Kate Hewitt

1. KAPITEL

„Er kommt!“

Mia James’ Magen verkrampfte sich vor Nervosität, als sie sich rasch hinter ihren Schreibtisch stellte, die Schultern straffte und das Kinn reckte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Jetzt ist er im Fahrstuhl …“

Die Ziffern über den silbernen Metalltüren blinkten eine nach der anderen auf. Zwei … drei …

Aus dem Augenwinkel sah Mia, dass ihre Kollegen bei Dillard Investments das Gleiche taten wie sie. Sie eilten zu ihren Tischen und stellten sich kerzengerade hin – wie Schulkinder, die auf die Inspektion eines Oberlehrers warteten. Eines besonders strengen, vielleicht sogar grausamen Oberlehrers – nämlich des notorisch skrupellosen Alessandro Costa, Selfmade-Milliardär und seit gestern neuer Geschäftsführer der Firma.

Er hatte Dillard Investments durch einen so geschickten Schachzug in die Hände bekommen, dass jeder, der beruflich mit dem Unternehmen zu tun hatte, bis ins Mark erschüttert war, darunter auch Mias Chef und bisheriger Geschäftsführer Henry Dillard.

Der arme Henry war am Boden zerstört. Als er erfahren hatte, dass Costa den entscheidenden Aktienanteil erworben und sich wie ein Raubtier mit unstillbarem Hunger die Firma einverleibt hatte, war er um zehn Jahre gealtert.

Vier … fünf …

Mit einem Ping glitt die Fahrstuhltür auf. Mia zuckte unwillkürlich zusammen, als der neue Geschäftsführer von Dillard Investments das Büro betrat. Die Fotos, die sie am Abend zuvor von ihm im Internet gesehen hatte, wurden ihm ganz offensichtlich nicht gerecht.

Was sie bei ihren Recherchen herausgefunden hatte, war nicht gerade beruhigend gewesen. Alessandro Costa war auf feindliche Übernahmen spezialisiert und nahm die erworbenen Firmen komplett auseinander – Massenentlassungen inklusive –, bevor er sie seinem gigantischen Multikonzern Costa International einverleibte.

Vor ein paar Monaten hatte er schon einmal einen kleinen, etwas altmodischen Familienbetrieb wie Dillard übernommen, und inzwischen war das Unternehmen buchstäblich verschwunden – geschluckt von dem Mann, der in diesem Augenblick das Obergeschoss des Firmengebäudes von Dillard in Mayfair betrat.

Bewusst vermied Mia jeglichen Blickkontakt mit Alessandro Costa, musterte ihn jedoch unverhohlen. Zu ihrer Bestürzung stellte sie fest, dass er eine geradezu magische Wirkung auf sie hatte. Er strahlte eine unglaubliche Energie aus. Es war, als umgebe ihn ein energetisches Kraftfeld, das die Atmosphäre förmlich zum Knistern brachte.

Er hatte kurz geschnittenes tiefschwarzes Haar, ein markantes, aristokratisches Gesicht mit dunklen Augenbrauen über stahlgrauen Augen und war groß gewachsen und muskulös. Sein durch und durch männlicher Körper steckte in einem maßgeschneiderten grauen Seidenanzug mit silbrig schimmernder Krawatte, die perfekt zu seinen Augen passte. Bei ihrem Anblick musste Mia sofort an Laserstrahlen oder Schwerter denken … jedenfalls etwas Mächtiges und Gefährliches. Oder gar Tödliches …

Rasch betrat er das Großraumbüro und sah sich aufmerksam um, wobei er nacheinander sämtliche Mitarbeiter mit seinem Blick festnagelte. Die Luft war zum Zerreißen gespannt. Mia begann zu zittern. Alessandro Costa war wirklich unglaublich einschüchternd.

Ihr war nur allzu bewusst, dass die meisten Angestellten hier mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Jobs verlieren würden. Man munkelte, dass Costa bei seiner letzten feindlichen Übernahme nur drei von vierzig Leuten behalten hatte. Als persönliche Assistentin des Geschäftsführers konnte sie höchstwahrscheinlich gleich ihre Sachen packen. Zweifellos hatte Costa bereits eine Assistentin.

Trotzdem war Mia fest entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihren Job zu behalten. Schließlich arbeitete sie schon für Dillard Investments, seit sie neunzehn und endlich unabhängig gewesen war.

Ihre ganze Kindheit hatte sie unter der Fuchtel ihres unerträglich herrschsüchtigen Vaters gestanden und nach seiner Pfeife tanzen müssen, sodass sie sich schon früh vorgenommen hatte, so schnell wie möglich auszuziehen – und vor allem, nie den Fehler ihrer Mutter zu wiederholen und einen charmanten, aber herrschsüchtigen Mann zu heiraten … oder überhaupt jemanden.

Natürlich konnte sie problemlos einen neuen Job finden, aber irgendwie sah sie es nicht ein, gehen zu müssen, obwohl sie sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Sie arbeitete sehr hart und kannte hier jeden. Daher wollte sie zumindest versuchen, ihre Stelle zu behalten. Kampflos aufzugeben kam schon allein aus Prinzip nicht infrage!

Alessandro Costa stellte sich breitbeinig in der Mitte des Raums auf, stützte die Hände in die Hüften und sah sich um wie ein König, der sein Imperium betrachtete. Wie ein Märchenkönig, nur im Dreiteiler.

„Wer ist Mia James?“, hallte seine klare Stimme mit einem leichten italienischen Akzent durch den Raum.

Sofort spürte Mia, wie sich sämtliche Blicke ihrer Kollegen auf sie richteten. Sie meldete sich wie eine Schülerin, die von ihrem Lehrer aufgerufen wurde, und bemühte sich um eine möglichst klare, deutliche Stimme, um ihre Nervosität zu verbergen. Wobei sie offensichtlich etwas übers Ziel hinausschoss, denn ihr „Ich!“ klang schärfer als beabsichtigt. Womöglich sogar aggressiv.

Aus schmalen Augen musterte Alessandro Costa sie abschätzig und presste missbilligend die Lippen zusammen. „Folgen Sie mir“, sagte er kurz angebunden und betrat Henry Dillards Büro – das einzige Einzelbüro auf diesem Stockwerk. Mit seiner Holzvertäfelung, den ledernen Clubsesseln, Ölgemälden und schweren Vorhängen erinnerte es eher an einen Gentlemen’s Club oder das Arbeitszimmer einer hochherrschaftlichen Stadtvilla als an ein Büro. Vielleicht war es sogar einmal ein Arbeitszimmer gewesen. Die Firma befand sich nämlich in einem ehemaligen Wohnhaus, obwohl die meisten Zwischenwände entfernt worden waren, um Platz für Schreibtische zu schaffen.

Costa ging zu Henrys großem Mahagonischreibtisch, vor dem Mia sich oft Notizen gemacht oder Diktate aufgenommen hatte. Henry war außerordentlich altmodisch. Seinen ersten Laptop hatte er sich erst vor ein paar Jahren zugelegt, es aber trotzdem Mia überlassen, sich um seine Mails und Kalkulationstabellen zu kümmern, weil er damit überfordert gewesen war.

Die Erkenntnis, dass das alles jetzt vorbei sein sollte, war sehr schmerzlich. Henry hatte sich auf seinen Landsitz in Surrey zurückgezogen, und sie wusste nicht, ob sie ihn je wiedersehen würde. Als er gestern Abend das Büro verlassen hatte, hatte er wie ein gebrochener Mann gewirkt. Er hatte ihr unglaublich leidgetan. Und das war alles nur die Schuld dieses Mannes hier!

Mit den Händen stützte Costa sich auf Henrys antiken Schreibtisch und sah Mia intensiv an. Sein Blick strahlte eine nur mühsam gezügelte Energie aus. Er wirkte sehr fokussiert … aber nicht wirklich unfreundlich. Eher wie jemand, der es kaum erwarten konnte, endlich loszulegen. Mia spürte, dass das nicht ohne Wirkung auf sie blieb. Seine Energie war irgendwie ansteckend.

„Ich brauche Sie“, sagte er.

Mias Herz setzte einen Schlag aus, auch wenn er das natürlich nicht so meinte. Aber vielleicht hieß das ja, dass sie ihren Job behalten würde … „Tun Sie das?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Costa nickte. „Zumindest vorerst.“ Er löste die Hände von der ledernen Schreibtischplatte und musterte sie kühl. „Wie lange waren Sie Dillards Assistentin?“

„Sieben Jahre.“

Wieder nickte er. „Ohne Sie wäre die Firma wahrscheinlich schon viel eher den Bach runtergegangen.“

Das war so grausam direkt, dass Mia schockiert blinzelte. „So weit würde ich nicht gehen“, erwiderte sie, obwohl zugegebenermaßen ein Körnchen Wahrheit darin steckte. Ohne sie hätte Henry Dillard sich vermutlich gar nicht mehr um die von seinem Vater gegründete Firma gekümmert und nur noch Golf gespielt. Im Grunde war Dillard Investments schon lange reif für eine Übernahme gewesen.

„Okay, das ist vielleicht etwas übertrieben“, räumte Costa ein, „aber Dillard hat selbst zugegeben, nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein. Was natürlich auch auf viele seiner Kunden zutrifft“, fügte er trocken hinzu.

„Warum haben Sie die Firma dann übernommen?“, fragte Mia, bevor sie sich davon abhalten konnte. Als Costa die Augenbrauen hob und ihren Blick erwiderte, begann es lustvoll in ihrem Unterleib zu pulsieren, so unangenehm ihr das auch war.

„Berechtigte Frage“, entgegnete er. „Wie gut, dass Sie das nicht zu kümmern braucht.“

Womit er sie wieder an ihren Platz verwies. „Okay.“ Äußerlich ungerührt erwiderte sie seinen stahlharten Blick, so schwer ihr das auch fiel. Denn jedes Mal, wenn er sie ansah, wurde ihr ganz heiß, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Der Mann war ziemlich Furcht einflößend, wobei sie sich irgendwie ein bisschen zu ihm hingezogen fühlte. Wahrscheinlich lag das an seiner energetischen Ausstrahlung.

Sie beschloss, direkt zur Sache zu kommen. „Und wofür genau brauchen Sie mich?“

„Ich will, dass Sie mir alles über Henrys Kunden mitteilen, was Sie wissen, damit ich besser mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Noch sind Sie also nützlich für mich.“

Mia wusste nicht, ob das eine kaum verhüllte Drohung sein sollte oder ob Costa bloß eine Tatsache feststellte. „Und wenn ich Ihnen nicht mehr ‚nützlich‘ bin?“, fragte sie, obwohl sie nicht wusste, ob sie die Antwort wirklich hören wollte.

„Dann werden Sie entlassen“, erklärte Costa schonungslos direkt. „Ich behalte keine nutzlosen Angestellten. Das ist nicht gut fürs Geschäft.“

„Was ist mit dem Rest des Personals?“

„Dieses Problem braucht Sie ebenfalls nicht zu kümmern.“

Wow! Der Mann beschönigte wirklich nichts. Aber aus irgendeinem Grund wirkte er trotzdem nicht grausam auf Mia, nur sachlich. Zwar gab sie es nicht gerne zu, trotzdem empfand sie Achtung vor ihm, so unsympathisch er ihr sonst auch sein mochte. „Na schön.“ Sie straffte die Schultern und reckte das Kinn, fest entschlossen, sich professionell zu verhalten. „Und wie genau stellen Sie sich das vor?“

Etwas blitzte in Alessandros grauen Augen auf, das fast so aussah wie Bewunderung. Mia wurde sofort wieder ganz heiß, und sie erschauerte von Kopf bis Fuß.

„Ich will die Akten von Dillards wichtigsten Kunden mitsamt Ihren Anmerkungen zu ihren Eigenheiten, Gewohnheiten und Neigungen sowie weiteren relevanten Informationen. In genau einer Stunde werden wir dann alles gemeinsam durchgehen.“

„Okay.“ Das würde sie schon irgendwie hinkriegen, wenngleich die Zeit ziemlich knapp bemessen war.

Wortlos verließ Alessandro Costa das Büro und schloss die Tür hinter sich.

Erleichtert aufatmend ließ Mia sich auf den Sessel vor dem Schreibtisch sinken. Erst jetzt, da Costa weg war, wurde ihr bewusst, wie energieraubend und anstrengend er war. Ihr Herz schlug immer noch heftig, und ihr war ein bisschen schwindlig. Das Gespräch mit ihm war wie ein geistiger Marathon gewesen, obwohl es nur zehn Minuten gedauert hatte. Doch seltsamerweise war sie nicht nur erschöpft, sondern auch energiegeladen …

Der Mann hatte eindeutig eine starke Wirkung auf sie. Er besaß sowohl Persönlichkeit als auch ein unglaubliches Charisma. Sie konnte den Blick kaum von ihm losreißen – oder sich seinen intensiven Blicken und seiner kaum gezügelten Energie entziehen. In der Luft hing immer noch der Duft seines Aftershaves – irgendetwas mit Sandelholz. Als sie ihn einatmete, unterdrückte sie einen wohligen Schauer.

Auf immer noch wackligen Beinen stand Mia wieder auf. Sie musste Alessandro Costa beweisen, dass sie „nützlich“ war. Oder vielmehr sogar unentbehrlich. Denn die Alternative kam nicht infrage. Dieser Job hier war das Einzige, was sie hatte.

Entschlossen verließ sie Henrys früheres Büro und ging zu ihrem Schreibtisch, der direkt davor stand. Ihre Kollegen waren inzwischen zu ihren Tischen zurückgekehrt und arbeiteten oder taten zumindest so, als ob.

Von Alessandro war nichts mehr zu sehen. Was er wohl gerade machte? Jemanden feuern vielleicht? Wenn an den Gerüchten über ihn etwas dran war, dann war hier kein Job mehr sicher, aber daran durfte sie gerade nicht denken. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen.

Der Zustand von Dillard Investments war sogar noch schlimmer, als Alessandro gedacht hatte. Nachdem er den ganzen Vormittag hindurch mit den Angestellten gesprochen und sich einen Eindruck von der Gesamtsituation verschafft hatte, empfand er nur noch Verachtung für Henry Dillard, hinter dessen jovialer Art sich offensichtlich nichts als Schwäche verbarg – eine Schwäche, die ihn seine Firma, seine Kunden ihr Vermögen und seine Angestellten ihre Existenz gekostet hatte. Alessandro war froh, dieser Unfähigkeit ein Ende zu bereiten.

Denn wenn er das nicht tat, würde es früher oder später jemand anderes tun, und er war mit Sicherheit das geringere Übel. Schließlich hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, schwächelnde oder korrupte Unternehmen zu übernehmen, um sie entweder aufzulösen oder sie gesundzuschrumpfen. Auch wenn er dafür wie in diesem Fall erst mal ein Drittel der Angestellten entlassen musste. Anscheinend hatte Dillard nie jemanden rausgeworfen, sei es nun aus Sentimentalität, Dummheit oder einfach nur aus Faulheit.

Normalerweise versuchte Alessandro immer, gekündigte Angestellte in seinen anderen Firmen unterzubringen, aber die meisten hier schienen diese Chance nicht zu verdienen. Mia James war eine erfreuliche Ausnahme …

Irgendwie faszinierte sie ihn, obwohl er beim besten Willen nicht verstand, warum. Sie war zwar ganz hübsch auf ihre langweilige englische Art mit ihrem glatten blonden Haar, den blauen Augen, der zarten rosigen Haut und der sportlichen Figur, aber nichts Besonderes. Niemand, der ihn normalerweise sexuell reizen würde. Dass er sich trotzdem zu ihr hingezogen fühlte, passte ihm gar nicht.

Sie wartete schon auf ihn, als er exakt eine Stunde später wieder Dillards Büro betrat. Gut so! Er legte großen Wert auf Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, auch bei sich selbst. Es war ihm sehr wichtig, sogar solch scheinbare Kleinigkeiten im Griff zu haben, schon allein aus Prinzip.

„Und?“, fragte er schroffer als beabsichtigt. „Haben Sie die Akten?“

Bei seinem Eintreten war Mia aufgestanden, sodass ihm wider Willen ihre langen schlanken Beine auffielen, die in einer schwarzen Strumpfhose und Schuhen mit niedrigen Absätzen steckten. Sie trug einen schwarzen Bleistiftrock mit Blazer, eine weiße Bluse und eine schlichte Goldkette mit Anhänger und hatte sich das lange weizenblonde Haar im Nacken mit einer Spange zurückgebunden. An ihrem Erscheinungsbild war eigentlich nichts auszusetzen, trotzdem irritierte es ihn maßlos.

Er wusste selbst nicht, warum sie ihn so aus der Fassung brachte. Eigentlich hatte er sich immer komplett im Griff und ließ emotional nichts an sich heran. In seiner kaputten Kindheit hatte er oft genug miterlebt, welches Chaos Emotionen anrichten konnten, was ihn ein für alle Mal davon kuriert hatte.

„Ich habe alles hier“, antwortete Mia ruhig. Sie wirkte geradezu unerschütterlich – ganz im Gegensatz zu ihm in diesem Moment, was seine Irritation nur noch verstärkte. „Das hier sind die Akten von Dillards zehn wichtigsten Kunden mitsamt allen nötigen Zusatzinformationen.“

„Und nach welchen Kriterien haben Sie diese Kunden ausgesucht?“, fragte Alessandro ungeduldig.

Kühl erwiderte sie seinen Blick aus klaren blauen Augen. Sein gereizter Tonfall schien an ihr abzuprallen. „Sie haben die größten Einlagen und sind am längsten bei uns.“

„Dillards Kunden sind alle schon seit der Steinzeit hier“, erwiderte Alessandro verächtlich. Seine Irritation machte ihn kaltschnäuziger, als er normalerweise war. „Der ganze Laden hier stammt noch aus der Steinzeit.“

„Dillard war immer sehr stolz auf sein Traditionsbewusstsein“, wandte Mia ein.

Sie hatte eine sehr angenehme Stimme, wie Alessandro plötzlich auffiel. Anscheinend würde sie sich nicht von ihm aus der Fassung bringen lassen. Noch etwas, das für sie sprach, auch wenn ihn das irrationalerweise noch mehr irritierte.

Betont lässig lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und winkte sie zu sich. „Dann zeigen Sie mal her.“

Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte Mia, bevor sie mit den Akten um den Schreibtisch herumkam – etwas, das Alessandro vermutlich gar nicht aufgefallen wäre, wenn er nicht so merkwürdig fixiert auf sie wäre.

Sie legte den Stapel vor ihm auf die Tischplatte und schlug die erste Akte auf. „Das hier ist James Davis, ein Millionär, der eine Firma gegründet hat, um sein Geld anzulegen. Er hat eine Menge Geld geerbt und ist unglaublich großzügig, locker und umgänglich, aber nicht besonders klug. Er lässt sich leicht lenken.“

Schweigend hörte Alessandro ihr zu. Insgeheim war er tief beeindruckt, wie gut es Mia gelang, sich auf die wesentlichen Fakten zu beschränken und auf alles Überflüssige zu verzichten – genauso, wie er es mochte. Nur wenigen Menschen gelang es, ihn zu beeindrucken, aber Mia James schaffte das mühelos. In mehr als nur einer Hinsicht …

Er betrachtete die Liste mit den Investitionen des Mannes, doch die Zahlen verschwammen vor seinen Augen, als ihm plötzlich Mia James’ Duft in die Nase stieg – ein dezentes Parfüm mit Zitrusnote. Sie stand so dicht neben ihm, dass ihre Brüste auf Augenhöhe mit ihm waren. Nicht, dass er hinsah, aber ihm fiel auf, wie gut ihre weiße Bluse ihre schlanke Figur betonte. Vielleicht wurden Kurven ja überschätzt …

Was ist bloß los mit mir?!

Jetzt ärgerte er sich erst recht über sich selbst und seine außer Kontrolle geratenen Gedanken. Entnervt blätterte er die Akte durch und versuchte, sich auf die relevanten Details zu konzentrieren. „Er macht Verluste“, stellte er nach einer Weile fest.

„Ja.“ Wieder zögerte sie kaum merklich. „Das liegt an der derzeitigen wirtschaftlichen Situation. Henry – Mr. Dillard – war jedoch zuversichtlich, dass sich das in den nächsten anderthalb Jahren ändern würde.“

Bis dahin hätte Henry Dillard sich sowieso zur Ruhe gesetzt und sich keine Sorgen mehr über die Finanzmärkte und deren Auswirkungen auf seine Kunden zu machen brauchen. Alessandro wusste das deshalb, weil er gestern nach der Übernahme mit Henry Dillard telefoniert hatte. Das machte er immer, denn er legte Wert darauf, seine Gegner gut zu behandeln – vor allem nachdem er sie besiegt hatte. Was ihm eigentlich immer gelang.

Dillard hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er Alessandro als gesellschaftlich weit unter ihm stehend betrachtete, was Alessandro jedoch ungerührt hingenommen hatte. So etwas passierte ihm öfter, wenn er Firmen aufkaufte, die von Männern wie Henry Dillard geleitet wurden – privilegiert, reich und verweichlicht.

Dillard tat Alessandro fast leid. Immerhin war er nicht korrupt gewesen wie viele andere Geschäftsführer, nur unfähig. Aber er hatte das Firmenvermögen verplempert, ohne an seine Kunden zu denken, und Alessandro hatte keinen Respekt vor solchen Menschen. Im Laufe seines Lebens hatte er einfach schon viel zu viele von ihnen kennengelernt.

„Anderthalb Jahre sind auf dem Aktienmarkt ein ganzes Leben“, erklärte er Mia. „Das hätte Henry Dillard eigentlich wissen müssen.“

„Wie schon gesagt, Traditionsbewusstsein …“

„… war Dillards Stärke, ich weiß“, fiel Alessandro ihr ungeduldig ins Wort. „Aber jetzt nicht mehr.“ Er drehte seinen Stuhl so, dass er ihr in die unglaublich blauen Augen sehen konnte. Als ihre Blicke sich trafen, durchzuckte es ihn heiß. Er spürte die Erschütterung von Kopf bis Fuß. Mia schien es ähnlich zu gehen, denn ihre Pupillen wurden ganz groß, und sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Setzen Sie sich hin!“, befahl er schroff.

Für einen Moment sah sie ihn ganz erschrocken an, bevor sie schweigend gehorchte und ihm gegenüber Platz nahm – auf der anderen Seite des Schreibtisches. Schon besser! Jetzt würde er sich nicht mehr so leicht ablenken lassen. „Die nächste Akte, bitte.“

Mia ging den Rest der Kunden mit ihm durch, die allesamt altes Geld und völlig altmodische Ansichten zu Investitionen und Risiken vertraten. Die Firma hatte sich offensichtlich viel zu lange auf längst vertrockneten Lorbeeren ausgeruht.

Nachdem er sich alles durchgesehen und sich einen Überblick verschafft hatte, schaute Alessandro erneut zu Mia, die kerzengerade auf ihrem Sessel saß, die Beine übereinandergeschlagen. Sie wirkte komplett gelassen und anmutig – so wie eine Herzogin. Irgendwie nervte ihn das. Alles an ihr nervte ihn, so irrational das auch war. Wahrscheinlich lag das daran, dass er sich lieber über jemanden ärgerte, als sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Und Letzteres ließ sich leider nicht bestreiten. „Danke“, sagte er kurz angebunden.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

Er dachte kurz nach. „Wie gut kennen Sie Dillards Kunden?“

Kurz wirkte sie etwas überrascht, zuckte dann jedoch mit den Achseln. „Ziemlich gut, glaube ich.“

„Haben Sie öfter mit ihnen zu tun?“

„Wenn sie ins Büro kommen, schon. Ich unterhalte mich dann mit ihnen und bringe ihnen Kaffee.“ Forschend sah sie ihn an, als wolle sie herausfinden, worauf er hinauswollte. „Ich habe auch die jährliche Gartenparty für die Kunden und ihre Familien auf Mr. Dillards Landsitz in Surrey organisiert.“

„Haben Sie das?“ Alessandro hätte gedacht, dass Dillard für solch eine exklusive Veranstaltung einen Eventplaner engagierte, aber vermutlich war er sogar dafür zu faul. „Das muss ganz schön zeitraubend gewesen sein.“

„Stimmt, aber ich habe es gern gemacht. Ich verstehe mich gut mit den Kunden. Mit einigen habe ich mich sogar angefreundet – natürlich nur beruflich.“

Alessandro sah förmlich vor sich, wie Mia sich unauffällig unter die Leute mischte und dafür sorgte, dass jeder bekam, was er brauchte – ein Taschentuch, ein Glas Champagner, ein wenig Small Talk. Dabei hatte sie bestimmt auch eine Menge aufgeschnappt, das nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen war. Was Mia James für ihn unentbehrlich machte … vorerst zumindest. Vielleicht könnte sie ihm dabei helfen, mit Dillards Kunden ins Gespräch zu kommen, damit er besser entscheiden konnte, wen von ihnen er behielt und wen nicht …

„Sie können tatsächlich noch etwas für mich tun“, sagte er, nachdem die Idee in seinem Kopf gereift war. „Indem Sie mich heute Abend auf eine Wohltätigkeitsgala begleiten.“

2. KAPITEL

Mia traute kaum ihren Ohren. „Wie bitte?“, fragte sie verwirrt.

Wenn sie doch nur nicht so durcheinander wäre! Seit Alessandro in das Büro gestürmt war, hatte sie sich große Mühe gegeben, die perfekte Assistentin zu sein, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ, aber in Augenblicken wie diesen gelang es ihr nur schwer, die Fassade aufrechtzuerhalten.

„Es handelt sich um eine Gala im Ritz“, erklärte Alessandro ein wenig ungeduldig, so, als sei sie schwer von Begriff. „Viele von Dillards Kunden werden dort sein. Ich will ihnen vermitteln, dass sie sich keine Sorgen um ihr Vermögen machen müssen. Und dafür brauche ich Sie.“

Anscheinend war das eine Arbeitsanweisung, sodass sie schlecht ablehnen konnte. In Mias Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie war noch nie bei einer so exklusiven Veranstaltung gewesen. In welcher Funktion wollte er sie eigentlich mitnehmen? Als seine Assistentin? Als sein Date?!

Nein, natürlich nicht, das wäre ja völlig verrückt! Aber irgendetwas an der Art, wie er „Ich brauche Sie“ gesagt hatte, hatte irgendwie … besitzergreifend geklungen. Als erhebe er Anspruch auf sie.

So ganz nachvollziehen konnte sie seinen Wunsch nicht. Bei den Gartenpartys von Henry Dillard war sie immer nur die Organisatorin gewesen und hatte sich deshalb unauffällig im Hintergrund gehalten. Sie hatte hinter den Kulissen agiert und versucht, unentbehrlich und unsichtbar gleichzeitig zu sein. Bei anderen gesellschaftlichen Anlässen wie Bällen, Cocktailpartys und Abendessen in Sternerestaurants war sie nie gewesen. Wozu auch?

„Ich weiß nicht recht …“ Sie stockte, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Dass sie die falsche Ansprechpartnerin war? Dass sie sonst nie zu solchen Veranstaltungen ging? Dass sie keine Ahnung hatte, wie man sich da verhielt? Das traf zwar alles zu, aber sie wollte keine Schwäche zeigen. Alessandro Costa schien nur auf einen guten Grund zu warten, um sie zu feuern, und diesen Gefallen würde sie ihm auf keinen Fall tun!

„Was wissen Sie nicht recht?“, hakte er nach.

Mia schluckte und reckte trotzig das Kinn. „Wann findet die Gala statt?“

Das leichte Zucken um seine Mundwinkel gab ihr fast den Rest. Der Mann war auch so schon umwerfend, aber wenn er lächelte … Seine Augen schimmerten wie Silber, sodass Mia förmlich dahinschmolz.

„Um sieben.“

Wieder überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf. Das war zweifellos eine exklusive Veranstaltung, bei der Abendgarderobe erforderlich war, und sie besaß nur ein ziemlich langweiliges Cocktailkleid. Außerdem würde sie fast eine Stunde nach Hause und zurück brauchen, um es zu holen, und …

„Was ist los?“, fragte Alessandro, der allmählich offensichtlich die Geduld verlor. „Warum sehen Sie mich so an, als würde ich etwas völlig Abwegiges von Ihnen verlangen? Gibt es irgendein Problem?“

„Nein, gar keins“, versicherte Mia ihm rasch. Sie würde das schon irgendwie hinkriegen. „Ich werde um sieben da sein.“

„Um Viertel vor sieben“, korrigierte Alessandro sie. „Ich erscheine gern pünktlich.“

Als Mia wieder an ihrem Schreibtisch saß, konnte sie sich auf nichts anderes mehr konzentrieren als auf die Gala. Nicht, dass sie gerade viel zu tun hatte. Sie hing in der Schwebe, so wie alle anderen auch, bis sie wusste, was Alessandro mit der Firma vorhatte und ob sie ihre Jobs morgen noch haben würden oder nicht.

Ein paar Minuten nach ihr verließ Alessandro sein Büro und ging zum Fahrstuhl, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie versuchte zu ignorieren, wie gut seine breiten Schultern den teuren Maßanzug ausfüllten oder wie herrlich sein blauschwarzes Haar im Licht schimmerte. Sie würde auch nicht daran denken, wie heftig es vorhin zwischen ihnen geknistert hatte, als sie neben ihm am Schreibtisch gestanden hatte. So etwas war gerade völlig irrelevant.

Mit klopfendem Herzen nahm sie ihre Handtasche und verließ das Büro. Hoffentlich hatte Alessandro schon das Gebäude verlassen. Es war zwar schon Mittag, sodass sie das Recht hatte, eine Pause zu machen, aber sie hatte immer noch Angst, ihren Job zu verlieren, ganz egal, wie „nützlich“ sie im Moment noch für ihn war.

Anderthalb Stunden später eilte sie atemlos zurück ins Büro, ihr Kleid und dazu passende Schuhe in einem Beutel an die Brust gedrückt. Als sie den Fahrstuhl verließ, rannte sie direkt in Alessandro Costa hinein.

Ihr blieb buchstäblich die Luft weg. Hätte Alessandro sie nicht an den Schultern festgehalten, wäre sie vielleicht sogar hingefallen. Seine Nähe war so überwältigend, dass ihr für einen Moment fast schwarz vor Augen wurde. Er hatte wirklich eine unglaubliche Ausstrahlung.

Benommen legte sie die Hände auf seinen muskulösen Oberkörper und spreizte instinktiv die Finger, um mehr von ihm zu spüren. Ihr Kopf war wie leer gefegt, sodass ihr nichts einfiel, was sie sagen konnte. Sie vermochte sich noch nicht einmal zu rühren, so sehr lähmte seine Nähe sie. Wenn sie die Hüften jetzt nur ein winziges Stück vorschob, würde sie ihn tatsächlich berühren …

Doch plötzlich ließ Alessandro sie los und trat einen Schritt zurück. Missbilligend presste er die Lippen zusammen. „Wo haben Sie gesteckt?“

„Haben Sie nach mir gesucht?“

„Ich brauche die Unterlagen zu Dillards anderen Kunden, oder dachten Sie etwa, die ersten zehn würden mir reichen?“ Er hörte selbst, wie verärgert er klang, aber er war einfach zu angespannt, um sich zu beherrschen.

„Tut mir leid, ich habe Mittagspause gemacht.“

„Anderthalb Stunden lang?“

Mia schüttelte den Kopf. Ihr brannte das Gesicht vor Verlegenheit. Genau vor so einer Szene hatte sie Angst gehabt und wusste daher nicht, wie sie reagieren sollte. Er stand immer noch viel zu dicht vor ihr, sodass sie mit jedem Atemzug sein Aftershave wahrnahm und seine Körperwärme spürte. „Nein, natürlich nicht.“

Sie richtete sich zu ihrer vollen Körpergröße auf und versuchte, sich zusammenzureißen. „Wenn Sie es genau wissen wollen – ich bin zu meiner Wohnung gefahren, um ein Kleid für heute Abend zu holen. Ich bringe Ihnen gleich die anderen Unterlagen, versprochen.“

Für einen weiteren qualvoll langen Moment sah Alessandro sie an, bevor er nickte. „Na schön. Ich erwarte die Unterlagen in einer Stunde. Pünktlich auf die Minute.“

Mia zweifelte keine Sekunde daran, dass er die Uhr im Auge behalten würde. Der Mann war total pedantisch.

Zurück an ihrem Schreibtisch hängte sie das Kleid an einen Haken an der Tür und eilte zu den Akten. Mit fliegenden Fingern gelang es ihr, alles zusammenzutragen und das Wichtigste zu notieren, bevor sie eine Minute früher als erwartet Henrys – inzwischen Alessandros – Büro betrat. Alessandro warf einen Blick auf seine Armbanduhr und lächelte flüchtig.

Bei dem Anblick stockte ihr erneut der Atem. Großer Gott, steh mir bei!

„Beeindruckend“, sagte er halb belustigt, halb bewundernd. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie das in einer Stunde hinkriegen.“

„Sie unterschätzen mich eben, Mr. Costa.“

Er musterte sie so intensiv, dass ihr ganzer Körper zu kribbeln begann. „Mag sein“, murmelte er und streckte die Hand nach den Unterlagen aus.

Mia reichte sie ihm und ging einen Kunden nach dem anderen mit ihm durch, wobei sie ihm wieder gegenübersaß, so wie er es vorhin von ihr verlangt hatte.

Es war eindeutig besser, ein bisschen auf Abstand zu ihm zu bleiben. Seine Nähe hatte nämlich die verstörende Wirkung, ihr Denkvermögen zu beeinträchtigen. Sie hatte keine Ahnung, ob das an seiner einschüchternden Art, seinem unleugbaren Charisma oder seinem umwerfend guten Aussehen lag, dass sie in seiner Gegenwart keinen klaren Gedanken fassen konnte, aber so war es leider, so unangenehm ihr das auch war.

Auf keinen Fall wollte sie nämlich, dass irgendjemand Macht über sie hatte. Schon allein bei der Vorstellung bekam sie Panik.

„Brauchen Sie sonst noch etwas?“, fragte sie, als sie fertig waren. Sie hatte inzwischen schon Kopfschmerzen vor lauter Anstrengung, auf Abstand zu ihm zu bleiben und seine Bartstoppeln sowie seine muskulösen, behaarten Unterarme unter seinen hochgekrempelten Ärmeln zu ignorieren.

„Ja“, sagte Alessandro. „Zeigen Sie mir Ihr Kleid.“

Ihr klappte die Kinnlade herunter. „Mein … äh … Kleid?“, stammelte sie.

„Ja, Ihr Kleid. Ich will mich vergewissern, dass es passt. Als meine Begleitung ist es wichtig, wie Sie aussehen.“

„Ihre Begleitung …“ Wieder fiel es ihr schwer, klar zu denken. Er wollte doch nicht etwa andeuten …?

„Wir tauchen dort zusammen auf“, betonte Alessandro. „Deshalb sollten Sie dem Anlass entsprechend gekleidet sein. Jetzt zeigen Sie schon her.“

Wortlos stand Mia auf. Sie hatte zwar keine Ahnung, was Alessandro Costa für „dem Anlass entsprechend“ hielt, befürchtete jedoch, dass das nicht auf ihr schwarzes Cocktailkleid zutraf, das sie im Sonderangebot gekauft hatte. Es sei denn, er wollte, dass sie nicht weiter auffiel, so wie Henry Dillard das von ihr erwartet hatte.

Für sie war das nie ein Problem gewesen. Schon als Kind hatte sie sich angewöhnt, sich möglichst unauffällig zu verhalten, um sich nicht den Zorn ihres Vaters zuzuziehen. Ehrlich gesagt konnte sie gar nicht anders.

Sie holte ihr Kleid und kehrte damit ins Büro zurück. „Und?“, fragte sie, wobei es ihr nicht ganz gelang, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. Bisher hatte sie ihre Kleidung noch nie von ihrem Chef absegnen lassen, und es gefiel ihr überhaupt nicht. Sie hasste es, wenn man über sie bestimmte, auch bei einer solchen Kleinigkeit.

Das wollen Sie anziehen?“, fragte Alessandro halb verärgert, halb verächtlich. „Soll man Sie etwa mit dem Personal verwechseln?“

Trotzig reckte Mia das Kinn. „Ich finde es passend.“

„Es ist schrecklich! Darin werden Sie wie eine Auszubildende bei einer Weihnachtsfeier aussehen. Auf keinen Fall ziehen Sie das an!“

Da Mia das Kleid tatsächlich bei der letzten Weihnachtsfeier getragen hatte, ging sie nicht auf die erste Bemerkung ein. Alessandro war zwar ganz schön direkt, aber er hatte nicht ganz unrecht, so ungern sie das auch zugab. „Aber ich habe nichts anderes! Und wenn ich mitkommen soll …“

„Dann besorge ich Ihnen eben etwas Neues.“ Er zog sein Handy aus der Hosentasche. „Ich will nicht, dass Sie an meiner Seite aussehen wie Aschenputtel in Lumpen.“

„Dann sind Sie also meine gute Fee?“, platzte es aus ihr heraus, bevor sie sich zurückhalten konnte. Über Henry Dillard hatte sie sich nie so geärgert, aber der war ihr gegenüber auch nie so arrogant und selbstherrlich gewesen.

Erneut schimmerten Alessandros Augen wie geschmolzenes Silber, als seine Mundwinkel zuckten.

Und prompt reagierte Mia wieder körperlich darauf, so unpassend das auch war. Sie beschloss, es zu ignorieren.

„Das ist das erste Mal, dass mich jemand so genannt hat“, sagte er. Sein Lächeln vertiefte sich sogar.

Mia zwang sich wegzusehen.

Telefonisch bestellte Alessandro eine Stylistin ins Büro. Als er sich wieder zu Mia umdrehte, versuchte er, nicht darauf zu achten, wie ihre Brust sich unter ihren erregten Atemzügen hob und senkte.

Offensichtlich gefiel ihr nicht, dass er bestimmte, was sie anzog. Dabei sollte sie ihm eigentlich dankbar sein. Der schwarze Sack, den sie Kleid nannte, sah total billig und langweilig aus.

„Ich sehe keinerlei Veranlassung, als Ihre Assistentin ein Abendkleid zu tragen“, protestierte Mia. „Oder warum ich überhaupt zu dieser Gala mitkommen soll. Es ist schließlich nicht üblich …“

„Sie sollen mitkommen, weil auch viele von Dillards Kunden hingehen“, erklärte Alessandro ungeduldig. „Die Sie besser kennen als ich. Ich brauche Ihre Expertise.“

„Trotzdem …“

„Und dafür brauchen Sie ein für den Anlass angemessenes Kleid“, fiel er ihr ins Wort. Es gefiel ihm nicht, dass sie ihm ständig widersprach. An so etwas war er einfach nicht gewöhnt. Normalerweise überschlugen seine Angestellten sich förmlich, ihm zu Diensten zu sein.

„Die Kunden wissen doch sowieso, dass ich Henrys Assistentin war“, protestierte sie. „Wenn ich mich plötzlich wie sie kleide, werden sie mich vielleicht für einen Emporkömmling halten und …“

„Sie sind jetzt meine Assistentin, und Sie sind mein Gast“, erwiderte Alessandro. „Sie werden schon etwas Passendes finden. Die meisten Frauen würden sich über so eine Gelegenheit freuen.“

„Dann bin ich anscheinend anders als die meisten Frauen“, erwiderte Mia spitz und brachte ihn damit wieder zum Lächeln.

„Das stimmt. Trotzdem bestehe ich darauf.“

Mias Augen blitzten wie blaues Eis. „Na schön“, fauchte sie.

„Bis die Stylistin da ist, können Sie gern weiterarbeiten.“

Mia machte auf dem Absatz kehrt und marschierte aus dem Büro, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuzog, dass sie fast ins Schloss knallte.

Halb verärgert, halb belustigt sah Alessandro ihr hinterher. Eigentlich konnte er es nicht ausstehen, wenn man sich ihm widersetzte. Er hasste Ungehorsam und Respektlosigkeit. Er legte nämlich großen Wert darauf, dass alles wie am Schnürchen lief, und Aufsässigkeit war so ineffizient wie zeitraubend. Doch obwohl Mias Aufsässigkeit ihn irgendwie nervte, machte ihr Widerspruchsgeist ihn auch irgendwie … scharf.

Diese Erkenntnis war ziemlich beunruhigend. Er musste sich dringend zusammenreißen! Am Arbeitsplatz hatten solche Empfindungen nichts zu suchen, und er hielt sonst immer viel von seiner Selbstbeherrschung. Nicht umsonst hatte er es so weit gebracht.

Als die Stylistin telefonisch ihre Ankunft mitteilte, stand Alessandro auf, um Mia zu informieren, die an ihrem Schreibtisch saß. Beim Anblick ihres Computerbildschirms stutzte er. „Sie arbeiten an Ihrem Lebenslauf?“, fragte er missbilligend.

Ruckartig drehte sie sich auf ihrem Schreibtischstuhl zu ihm um. „Ja. Für den Zeitpunkt, an dem ich für Sie nicht mehr nützlich bin“, erklärte sie kühl.

„Noch ist es nicht so weit.“ Alessandro schloss einfach ihr Dokument, ohne die Änderungen zu speichern. „Die Stylistin ist da. Sie können zur Anprobe mein Büro benutzen.“

Als Mias Augen wütend aufblitzten, fragte er sich, wo eigentlich ihr Problem lag – dass er ihr Kleid verworfen hatte oder ein neues bestellte? Oder lag es an seiner rücksichtslosen Art? Er wusste, dass er noch herrschsüchtiger war als sonst, aber anders konnte er sich nun mal nicht gegen die Wirkung wehren, die sie auf ihn hatte.

Sogar jetzt ertappte er sich dabei, die verlockende helle Haut über dem nur allzu züchtigen Ausschnitt ihrer Bluse zu betrachten oder die sanfte Rundung ihrer Wangen und die Art, wie ihr eine goldene Strähne ins Gesicht fiel. Es juckte ihn in den Fingern, sie ihr hinter das Ohr zu streichen – eine Vorstellung, die viel zu bizarr war, als dass er sie ernsthaft in Erwägung gezogen hätte.

Er machte so etwas nicht. Nie. Er hatte keine Beziehungen, und Sex war für ihn nichts weiter als die Befriedigung eines körperlichen Bedürfnisses. Bisher war es ihm immer gelungen, Frauen zu finden, die mit seinen Bedingungen einverstanden waren. Warum hatte er dann plötzlich so seltsame Empfindungen Mia James gegenüber?

Nein. Er hatte keine. Oder zumindest würde er keine haben. Er würde das einfach nicht zulassen. Seine Arbeit war zu wichtig. Auf keinen Fall würde er sie für einen flüchtigen Augenblick körperlicher Befriedigung aufs Spiel setzen, noch nicht einmal für eine Frau, die so ärgerlich faszinierend war wie die vor ihm.

„Kommen Sie?“, fragte er schroff. Nickend und voll unbewusster Anmut stand sie auf und folgte ihm. Als Alessandro sich dabei ertappte, ihre schönen langen Beine und ihren Hüftschwung zu betrachten, wandte er entschlossen den Blick ab.

Wenige Minuten später traf die Stylistin mit in Plastik gehüllten Kleidern und einer Assistentin mit mehreren Schachteln und Tüten im Schlepptau auf. Alessandro beaufsichtigte den Aufbau, bevor er beschloss, den Rest Mia zu überlassen. „Zeigen Sie mir anschließend, was Sie sich ausgesucht haben“, befahl er.

Sie hob eine Augenbraue. „Damit Sie es absegnen?“

„Natürlich.“ Das war ja schließlich der Sinn und Zweck dieser Aktion, oder nicht? Doch er unterdrückte diesen Hinweis ihr zuliebe. „Danke, dass Sie mitmachen.“

Sie presste die Lippen aufeinander. „Bleibt mir denn eine Wahl?“

Irritiert runzelte Alessandro die Stirn. „Ich kaufe Ihnen ein Kleid. Was ist dagegen einzuwenden?“

„Sie wissen ganz genau, dass es nicht um das Kleid geht“, erwiderte sie scharf.

Zu seiner eigenen Überraschung musste er lachen. „Nein, wahrscheinlich nicht.“

„Es liegt an Ihrer ganzen Art“, fügte sie hinzu.

Er nickte. „Das ist mir bewusst“, sagte er trocken. „Zumindest in dieser Hinsicht sind wir uns einig.“

In den nächsten Stunden stellte er fest, dass er sich nicht auf seine Aufgaben konzentrieren konnte, was ihn genauso nervte wie alles andere an Mia James. Was hatte diese Frau nur an sich, dass sie ihm so unter die Haut ging? Lag es nur an ihrer Attraktivität, die sie unleugbar besaß, oder noch an etwas anderem? An ihrer abwehrenden Haltung vielleicht oder ihrer Verletzlichkeit, die er deutlich unter der kühlen Oberfläche spürte? Aber warum, zum Teufel, machte er sich überhaupt Gedanken darüber?

Es war äußerst ärgerlich und alarmierend. Und es musste aufhören!

„Mr. Costa?“, riss ihn die Stimme der Stylistin aus seinen nicht zu bändigenden Gedanken. Wie lange starrte er eigentlich schon blicklos auf den Bildschirm seines Laptops? „Miss James hat sich für ein Kleid entschieden.“

„Danke.“ Er stand auf und betrat rasch sein Büro, wobei er sich innerlich gegen das wappnete, was er gleich zu sehen bekommen würde. Trotzdem war Mias Anblick in einem hautengen, eisblau schimmernden Mermaid-Seidenkleid ein Schock. Ihr Haar war zu einem eleganten Chignon frisiert, und Diamanten funkelten an ihren Ohren und an ihrem Hals. Sie sah aus wie eine nordische Göttin. Oder wie eine Eiskönigin – eine kühle, betörende, eisige Schönheit.

Sein Verlangen überwältigte ihn mit solcher Heftigkeit, dass er ihr am liebsten die mit Diamanten besetzten Nadeln aus dem Haar gezogen hätte. Er verspürte den unbändigen Wunsch, den Reißverschluss ihres Kleides zu öffnen, einen Finger über ihre Wirbelsäule gleiten zu lassen und die Lippen auf ihre nackte Haut zu pressen.

Er begehrte sie. Und so etwas ließ er grundsätzlich nicht zu.

„Und?“, fragte Mia kühl. „Bestanden?“

„Ja“, stieß er nach einer weiteren spannungsgeladenen Sekunde hervor. „Sie haben bestanden.“

Sie stieß einen verächtlichen Laut aus und wandte sich von ihm ab. Die Stylistin wirkte etwas enttäuscht wegen seines schwachen Lobs, aber das war Alessandro egal. Jetzt schon bereute er seine Idee, Mia heute Abend mitzunehmen, denn er freute sich mehr darauf, als er sollte.

„Ich ziehe mich jetzt selbst um“, sagte er, nachdem weitere Sekunden verstrichen waren, in denen niemand etwas sagte. „Seien Sie in zehn Minuten bereit.“

Mia nickte, ohne ihn anzusehen. Wieder war Alessandro zutiefst fasziniert von ihrem Gesicht, ihrem Hals, dem Schwung ihrer Taille. Sein Verlangen, sie zu berühren, ihren Körper zu erforschen, wurde so stark, dass er sich rasch umwandte und wortlos aus dem Büro marschierte.

Je schneller dieser Abend vorbeiging, desto besser! Sein Verlangen war so unpassend wie überwältigend und unerwünscht. Aber er würde es beherrschen, so wie alles andere in seinem Leben auch. Er würde sich dafür eben nur ein bisschen mehr Mühe geben müssen als sonst.

3. KAPITEL

Mia hatte das Gefühl, in einer Art Wunderland gelandet zu sein … einer Parallelwelt, in der sie in Limousinen saß, Champagner trank und an der Seite des attraktivsten Mannes weit und breit einen glitzernden Ballsaal betrat.

Als Dillards Assistentin war sie natürlich öfter in Limousinen mitgefahren und hatte jede Menge Champagner getrunken, aber immer nur als Angestellte. Als jemand, der dafür sorgte, dass der Champagner floss und die Limousine pünktlich kam. Der sich nicht unter die Gäste mischte, sondern darauf achtete, dass alles reibungslos funktionierte, und sich ansonsten im Hintergrund hielt.

Doch heute Abend war irgendwie alles anders, denn heute Abend kam sie sich wie die Ballkönigin vor. Es war total bizarr, aber auch berauschend – viel berauschender als Champagner.

Mit der Stylistin hatte alles angefangen. Mia hatte sich immer viel auf ihre Bodenständigkeit und ihren Pragmatismus eingebildet und war sich daher bei der Anprobe total dekadent und verwöhnt vorgekommen. Nie hätte sie damit gerechnet, dass ihr so etwas Spaß machen würde, aber es hatte ihr Spaß gemacht. Großen Spaß sogar.

Was ganz schön besorgniserregend war. Andererseits handelte es sich nur um einen Abend. Einen zauberhaften Abend nach Jahren voller harter Arbeit und Selbstbeschränkungen. Was sprach also dagegen, ihn einfach zu genießen?

Plötzlich musste sie daran denken, wie Alessandro sie vorhin angesehen hatte – voller Bewunderung. Aber vermutlich hatte sie sich das nur eingebildet. Das hier war schließlich Alessandro Costa – ihr skrupelloser, arroganter, Angst einflößender Chef. Niemand jedenfalls, der sich je für sie interessieren würde. Er war auch nicht ihr Date, auch wenn es ihr fast so vorkam.

Was sie am meisten an diesem Abend beunruhigte, war, dass ihr das alles gefiel – ihr, die der Liebe, Romantik und sogar dem Flirten abgeschworen hatte, um niemandem Macht über sich zu geben! Ihre Mutter hatte ihren Vater schließlich auch geliebt, und das Ergebnis war so abschreckend, dass es Mia für den Rest ihres Lebens reichte.

„Er liebt mich, Mia, wirklich. Er kann es nur nicht richtig zeigen“, hatte ihre Mutter ihr immer wieder versichert. Mia war erst vierzehn gewesen, als sie an Krebs gestorben war, und hatte noch vier ganze Jahre ausharren müssen, bevor sie sich endlich von ihrem Vater hatte befreien können. Seitdem war es ihr Lebenszweck, stark und unabhängig zu sein. Allein. Das war das Sicherste so.

Heute jedoch brach sie ihre Regeln – tat so, als würden sie gar nicht existieren. Aber wie schon gesagt, es handelte sich schließlich nur um einen Abend. Nur einen wundervollen Abend, an dem sie ein paar Stunden lang so tun konnte, als sei sie eine glamouröse junge Frau mit einem tollen Mann an ihrer Seite – Aschenputtel mit ihrem Prinz –, bevor die Uhr unweigerlich Mitternacht schlug.

Als Mia bei ihrer Ankunft vor dem Hotel aus der Limousine stieg, wurde sie von einem Blitzlichtgewitter empfangen. Sie war nicht daran gewöhnt, im Rampenlicht zu stehen. Normalerweise blieb sie immer im Hintergrund und sah bloß zu. Daher war es ein seltsames Gefühl, ausnahmsweise einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, vor allem als Alessandro sich bei ihr unterhakte und fast Kopf an Kopf mit ihr in die Kameras lächelte.

Was macht er denn da? Und warum?

Noch immer begriff sie nicht ganz, warum er sie unbedingt hatte mitnehmen wollen. Klar, sie kannte Dillards Kunden, aber sie hatte Alessandro schon sämtliche relevanten Informationen mitgeteilt. Und das hier war eine Wohltätigkeitsveranstaltung, kein Geschäftsmeeting. Er kannte bestimmt jede Menge viel besser hierher passende Frauen, die ihn sofort begleiten würden. Mia hatte keine Ahnung, wie sie mit diesen Menschen hier umgehen sollte. Sie fühlte sich ziemlich fehl am Platz, vor allem als Alessandro auf eine Gruppe Gäste zusteuerte und sie als seine „Begleiterin“ vorstellte.

„Warum sagen Sie nicht einfach, dass ich Ihre Assistentin bin?“, fragte sie ihn, als sie wieder unter sich waren. Sie hatte rasch nacheinander zwei Gläser Champagner geleert – eher um sich zu beschäftigen, als um sich zu betrinken –, doch der Alkohol lockerte ihre Zunge.

„Weil Sie heute einfach nur eine schöne Frau sind, die mich zu einer Gala begleitet.“

„Aber …“ Verwirrt schüttelte sie den Kopf. Sie wurde immer noch nicht schlau aus ihm. „Warum?“

Er zuckte mit den Achseln. „Warum nicht?“

„Sie kommen mir nicht vor wie jemand, der irgendetwas einfach nur so macht. Ihr ‚Warum nicht?‘ kaufe ich Ihnen daher nicht ab.“

„Nicht?“ Belustigt hob er eine dunkle Augenbraue. „Sie sind erstaunlich scharfsinnig, Miss James.“

„Wenn ich wirklich Ihre Begleiterin bin, sollten Sie mich Mia nennen.“

Als sie so etwas wie Begierde in seinen Augen aufblitzen sah, erschauerte Mia lustvoll. Sie hatte gar nicht die Absicht gehabt zu flirten, aber anscheinend hatte sie gerade genau das getan … und diese Erkenntnis machte ihr noch nicht einmal etwas aus.

„Na schön“, sagte Alessandro. „Mia.“ Seine samtweiche Stimme mit dem leichten italienischen Akzent schien die beiden Silben förmlich zu liebkosen.

„Wo kommen Sie eigentlich her? Bei meinen Online-Recherchen habe ich nichts darüber gefunden.“

Er hob die Augenbrauen. „Sie haben Recherchen über mich angestellt?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Na klar. Informationen sind Macht.“

„Stimmt.“ Nachdenklich sah er sie an. „Und das wollen Sie? Macht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will nur meinen Job behalten. Und meinen Chef besser zu kennen hilft mir dabei.“ Wieder lief Mia ein lustvoller Schauer über den Rücken, als sie seinen Bick erwiderte.

Vielleicht war ein Abend ja doch zu viel. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, wegen Alessandro Costa den Kopf zu verlieren. Der Mann war viel zu gefährlich für sie, und es stand viel zu viel auf dem Spiel. Nicht nur ihr Job, sondern auch sie selbst war in Gefahr. Sie durfte nicht zulassen, dass er alles zunichtemachte, was sie sich so mühsam aufgebaut hatte. Begierden in ihr weckte. Sie schwach machte. Noch nicht einmal eine Sekunde lang.

Doch als er ihr ein weiteres Glas Champagner reichte, griff sie automatisch danach und ließ sich von ihm zu einer weiteren Menschengruppe führen. „Wo … wo wollen wir hin?“

„Uns unter die Leute mischen natürlich. Deshalb sind wir schließlich hier. Sie werden mich jetzt all diesen Gästen vorstellen und mir ihre schmutzigen Geheimnisse verraten.“

„Ich dachte, Ersteres hätte ich schon heute Nachmittag getan. Und schmutzige Geheimnisse kenne ich keine.“

„Den meisten Gesichtern kann ich immer noch keine Namen zuordnen. Und ich glaube, Sie kennen mehr Geheimnisse, als Ihnen bewusst ist. Wenn man immer hinter den Kulissen arbeitet und lauscht …“

„Das klingt ja, als sei ich eine Spionin!“

„Nein, aber Sie sind klug.“ Durchdringend sah er sie an und legte ihr die Hand auf die Hüfte. Mia wurde ganz heiß. Wieder einmal war sie in Gefahr, sich von ihren Empfindungen hinreißen zu lassen. „Mr. Costa …“

„Nennen Sie mich Alessandro.“

„Sie müssen aufhören, so zu tun, als sei ich Ihr Date.“ Ihr wurde bewusst, dass sie das nie gesagt hätte, wenn sie nicht zweieinhalb Gläser Champagner intus hätte.

„Warum? Sie sind doch mein Date“, erwiderte er ungerührt.

Nervös sah sie sich um und stellte fest, dass man Alessandro und sie verstohlen beobachtete. „Das bin ich keineswegs.“

„Oh doch.“ Inzwischen waren sie bei den anderen angekommen. Alessandro ließ die Hand auf ihrer Hüfte, als er die andere zur Begrüßung ausstreckte. „Hallo, ich bin Alessandro Costa, Geschäftsführer von Dillard Investments.“ Die anderen Gäste schüttelten ihm die Hand – manche erfreut und interessiert, andere eher geringschätzig.

Wieder fragte Mia sich, was Alessandro hier wollte. Was er von ihr wollte. Wer er war. Und ob sie das alles wirklich wissen wollte.

Während Alessandro Höflichkeiten austauschte, beobachtete sie ihn unauffällig. Er konnte anscheinend sehr charmant sein, wenn er wollte, was ziemlich beunruhigend war. Wenn Alessandro Costa schon eine so starke Wirkung auf sie hatte, wenn er unhöflich und taktlos war, dann Gnade ihr Gott, wenn er charmant wurde!

Irgendwie gelang es ihr, Small Talk mit den anderen Gästen zu machen, doch insgeheim hoffte sie, dass der Abend bald vorbei sein würde, ohne dass sie sich blamierte oder wegen des Mannes an ihrer Seite noch komplett den Verstand verlor.

Als Alessandro und sie wieder allein waren und sie ihr drittes Glas Champagner leerte, war ihre Zunge so gelockert, dass sie ihm ein paar direktere Fragen stellte: „Was wollen Sie eigentlich von all diesen Leuten? Warum haben Sie Dillard Investments wirklich gekauft?“

Plötzlich wirkte er wieder ziemlich zugeknöpft. „Warum kauft man überhaupt Firmen?“, fragte er achselzuckend.

„Sagen Sie mir das.“

Er zögerte für den Bruchteil einer Sekunde. „Um Geld zu verdienen.“

„Sie haben doch selbst gesagt, dass Dillard Verluste macht.“

„Das muss nicht zwangsläufig so bleiben.“

„Trotzdem …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ein Mann wie Sie …“

„Ein Mann wie ich?“, wiederholte Alessandro belustigt. „Was soll das heißen?“

„Nichts. Nur, dass für Sie etwas dabei rausspringen muss, sonst würden Sie das nicht machen.“

„Stimmt.“ Er musterte sie eindringlich. „Was haben Sie eigentlich noch alles über mich rausgefunden, als Sie mich online gestalkt haben?“

Mia lachte erstickt. „Das kann man ja wohl kaum als Stalking bezeichnen!“

„Nicht?“

„Nein. Ich habe nur Informationen gesammelt, das ist ein gewaltiger Unterschied.“

„Hm …“

Ihr wurde fast schwindlig bei dem Wortgefecht. Fast kam es ihr so vor, als … als würden sie flirten. Aber natürlich war das ausgeschlossen.

„Also?“, fragte Alessandro und trat einen Schritt näher. „Was haben Sie noch über mich rausgefunden, Mia?“

Alessandro hatte diese Frage eigentlich gar nicht stellen wollen, weil die Antwort sowieso nichts ändern würde. Aber er war neugierig, obwohl er sonst nie Neugier empfand, was andere Menschen anging. „Irgendetwas Interessantes?“, fragte er provokativ.

Mit der Zunge fuhr Mia sich über die vollen Lippen – eine Reaktion, die ihn sofort beunruhigend heftig erregte. „Eigentlich nicht.“ Sie schaffte es kaum, seinem Blick standzuhalten.

„Verraten Sie es mir trotzdem“, befahl er mit einem verführerischen Unterton, den er eigentlich gar nicht beabsichtigt hatte. Als Mia seinen Blick erwiderte, sahen ihre Augen sehr blau und klar aus. Er könnte in ihnen versinken.

Unwillkürlich trat er noch einen Schritt näher. „Sagen Sie es mir“, wiederholte er leise.

„Also …“ Wieder befeuchtete sie sich die Lippen mit der Zunge. „Sie haben den Ruf, skrupellos zu sein. Sie übernehmen Firmen, verkaufen das Inventar und feuern etwa neunzig Prozent des Personals, bevor Sie die Firma Costa International einverleiben.“

Das war die Essenz, wenn auch nicht die volle Wahrheit. Doch Alessandro hatte nicht die Absicht, sich zu verteidigen. Seine Handlungen sprachen für sich.

„Haben Sie das Gleiche mit Dillard vor?“ Trotzig reckte sie das Kinn. „Wollen Sie uns alle feuern und die Firma auflösen?“

Alessandro verspürte da...

Autor

Melanie Milburne

Eigentlich hätte Melanie Milburne ja für ein High-School-Examen lernen müssen, doch dann fiel ihr ihr erster Liebesroman in die Hände. Damals – sie war siebzehn – stand für sie fest: Sie würde weiterhin romantische Romane lesen – und einen Mann heiraten, der ebenso attraktiv war wie die Helden der Romances....

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