Julia Weekend Band 140

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MILLIONÄR GESUCHT, LIEBE GEFUNDEN von CHARLOTTE PHILLIPS

Filmproduzent Alex hilft einer jungen Journalistin bei Recherchen zum Thema „Wie angelt man sich einen Millionär“. Auf den gemeinsamen Streifzügen durch Londons High Society kommt er der quirligen Jen näher als geplant. Ist der vermögende Frauenheld etwa dabei, sich zu verlieben?

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  • Erscheinungstag 28.02.2026
  • Bandnummer 140
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539555
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Charlotte Phillips, Bella Bucannon, Lynne Graham

JULIA WEEKEND BAND 140

Charlotte Phillips

1. KAPITEL

Wie angelt man sich einen Millionär in zehn Schritten

von Jennifer Brown

Champagnerempfänge, exotische Orte, Delikatessen und Designerklamotten. Das ist die Welt der Reichen und Berühmten, oder ist das alles nur Hype? Eine oberflächliche Welt, zu der man sich Zutritt verschaffen kann, indem man einige Regeln befolgt, die richtigen Sachen trägt? Oder braucht man mehr als eine Typveränderung, um sich einen der begehrtesten Junggesellen Großbritanniens zu angeln?

Kein reicher Mann wird eine Frau eines Blickes würdigen, von der er glaubt, sie wäre hinter seinem Geld her. Also muss man den Anschein erwecken, als würde man auch dazugehören.

Schließt euch meiner Undercovermission an. Ich möchte herausfinden, ob eine Durchschnittsfrau wie ich mit einem geregelten Job und einer monatlichen Hypothek sich neu erfinden und sich Zutritt zu der Welt der Reichen und Schönen verschaffen kann, um den Hauptpreis zu gewinnen: das Herz eines Millionärs!

Regel Nummer eins: Zieh in den richtigen Stadtteil, auch wenn du in einer Bruchbude wohnen musst.

Jen Brown stand im Dunkeln reglos hinter der Schlafzimmertür, den Arm mit der Vase erhoben. Als die Tür aufschwang, ging ihr ein letzter Gedanke durch den Kopf, bevor kalte Panik sie erfasste. Nicht zum ersten Mal in dieser Woche wünschte sie, sie wäre wieder in dem Cottage ihrer Mutter auf dem Land, wo man die Haustür nie abzuschließen brauchte.

Hier in Chelsea schützten einen offenbar nicht einmal eine Hightech-Alarmanlage und eine massive Eingangstür davor, im Bett ermordet zu werden.

Als nun das Licht eingeschaltet wurde, sprang Jen schreiend aus ihrem Versteck und holte aus. Ehe sie sich versah, flog sie nach hinten und landete rücklings auf dem Bett. Der Eindringling drückte ihre Handgelenke mit eisernem Griff auf die Matratze, und als er sich über sie beugte, schrie sie, so laut sie konnte.

Während er zusammenzuckte, erkannte sie ihn. Erst am Vortag hatte sie ihn auf der Titelseite der Zeitung gesehen. In natura sah er noch toller aus, wirkte allerdings auch viel wütender.

Sie hatte gerade versucht, die einflussreichste Person in der britischen Filmindustrie umzubringen.

„Beruhigen Sie sich, ich tue Ihnen nicht weh!“, rief er mit einem verzweifelten Unterton. Und während Jen tief Luft holte, um erneut zu schreien, fügte er hinzu: „Lassen Sie die verdammte Vase fallen, dann gebe ich Sie frei!“

Seine dunkelgrünen Augen waren nur wenige Zentimeter von ihren entfernt. Der würzige Duft seines Aftershaves verwirrte ihr die Sinne. Mit aller Kraft versuchte sie, sich zu befreien, doch er war durchtrainiert und kräftig und hielt sie mühelos fest.

Sollte sie die Vase wirklich fallen lassen? Zum Glück gab es in dieser Wohnung genügend weitere schwere Kunstgegenstände, mit denen sie nach ihm hätte werfen können.

„Lassen Sie mich zuerst los“, konterte sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, doch sie schaffte es, seinem Blick standzuhalten.

Er machte allerdings keine Anstalten. „Legen Sie die Vase weg“, erwiderte er sachlich. „Und dann verraten Sie mir, was Sie in meinem Apartment machen.“

Eigentlich hätte sie sich denken können, dass nur der Eigentümer dieser Wohnung in der Lage wäre, das Sicherheitssystem zu überwinden. Kein Wunder, dass die Agentur, die Haussitter vermittelte, keine Einzelheiten über ihre Auftraggeber preisgab!

In den vergangenen beiden Tagen hatte Jen sich ausgemalt, wie der Besitzer dieses Luxusapartments wohl sein mochte. In Chelsea konnte man selbst eine Bruchbude nur mieten, wenn man reich und/oder berühmt war. Vorzugsweise beides. Und dieses Apartment hatte eine ausgesprochen maskuline Note. Die unverputzten Wände, die schwarzen Ledersofas und mehrere Flatscreen-Fernseher ließen auf einen männlichen Bewohner schließen. Auf einen alleinstehenden, denn es gab zu viele Kunstobjekte in Form nackter Frauenkörper. Jen konnte nicht an dem riesigen Gemälde im Flur vorbeigehen, ohne daran erinnert zu werden, dass sie eine eher knabenhafte Figur hatte. Und sie war davon überzeugt, dass ausschließlich Frauen hierherkamen, die eine oder wenige Nächte blieben und kein Mitspracherecht bei der Einrichtung hatten.

Nun gratulierte sie sich selbst zu ihrem Scharfsinn. Offenbar hatte sie den falschen Beruf ergriffen.

Alexander Hammond. Filmproduzent. Vielfacher Preisträger. Playboy und Millionär.

Jen ließ die Vase los. Daraufhin gab er ihre Hände frei und stand auf.

Er trug einen perfekt sitzenden dunklen Anzug mit einem weißen Hemd, das am Kragen offenstand. Sein dichtes dunkles Haar war kurz, sein Teint leicht gebräunt. Er war unrasiert, was seine markanten Züge noch unterstrich.

Plötzlich wurde Jen bewusst, was für einen Anblick sie bieten musste. Sie errötete und erhob sich ebenfalls vom Bett. Dabei erhaschte sie leider einen Blick in den Spiegel auf der gegenüberliegenden Wand. Auf einer Seite klebte ihr das Haar am Kopf, auf der anderen war es völlig zerzaust. Außerdem trug sie einen uralten Pyjama mit kurzer Hose, in dem sie nicht unscheinbarer hätte wirken können.

Um ihre Unsicherheit zu überspielen, atmete sie tief durch und funkelte ihn an. „Sie bezahlen mich dafür, dass ich hier wohne“, erinnerte sie ihn.

„Ich tue was?“, fuhr Alex Hammond sie an.

„Sagt Ihnen Housesitters.com etwas? Ich bin hier, um doppelten Schutz gegen Eindringlinge zu gewährleisten.“

„Indem Sie mir meine eigene Vase auf den Kopf schlagen?“

Eine Entschuldigung konnte sie von ihm also nicht erwarten. Eine solche Arroganz war typisch für diese Medienleute!

„Was hatten Sie denn erwartet? Schließlich sollten Sie im Ausland sein“, erklärte Jen ärgerlich. „Ich bin nur hier, damit das Apartment bewohnt aussieht.“

Beschwichtigend hob er die Hand. „Dass ich Sie aufs Bett geworfen habe, war eine automatische Reaktion. Gleich beim Eintreten hatte ich das Gefühl, dass jemand hier eingedrungen ist.“ Er nahm die Vase vom Bett und stellte sie wieder auf die Kommode. „Meine Assistentin hatte Sie gebucht. Anscheinend hat sie vergessen, es wieder rückgängig zu machen.“

„Rückgängig?“

Alex blickte sie an. „Offenbar liegt ein Missverständnis vor. Die Situation hat sich geändert, und ich brauche meine Wohnung selbst.“

Ja, sie hatte es in der Zeitung gelesen. Und für sie bedeutete es, dass sie gleich gehen und ihren Job bei der Littleford Gazette wieder aufnehmen konnte – und das kam überhaupt nicht infrage.

Momentan hatte sie unbezahlten Urlaub. Das Blatt war wirklich gut, aber sie hatte keine Lust, bis zum Ende ihrer beruflichen Laufbahn über Gummistiefelweitwurfwettbewerbe und Vandalismus am Dorfteich zu berichten. Sie hatte große Pläne. Und das hier war der Anfang, denn sie gab dieses Apartment als ihres aus.

Vor drei Monaten hatte sie ein Praktikum bei Gossip! begonnen, einem auflagenstarken Frauenmagazin. Sie hatte sich förmlich in die Arbeit gestürzt und sich von ihrem bescheidenen Honorar nur ein möbliertes Zimmer in Hackney leisten können. Am Ende ihres Praktikums hatte sie der Chefredakteurin vorgeschlagen, selbst einen Artikel zu schreiben, und von dieser grünes Licht bekommen.

Sie wollte das Leben der Millionäre aus der Sicht einer Durchschnittsfrau schildern. Und wenn sie mit diesem Artikel einen Erfolg landete, wäre dieser ihre Eintrittskarte für eine Festanstellung.

Schon seit Jahren interessierte sie sich für den Lebensstil der Reichen und Schönen. Wer hätte es nicht getan mit einem Vater, der beides war? Nur leider verfügte er über keine der anderen Eigenschaften, die ein Vater haben sollte – oder er sparte sie für seine ehelichen Kinder auf. Schon seit ihrer Kindheit hatte Jen sich gefragt, wie ihr Leben in einer Parallelwelt aussehen könnte. Nun hatte sie die Gelegenheit, es herauszufinden und gleichzeitig beruflich aufzusteigen.

Sie konnte entweder Karriere bei einer der größten Frauenzeitschriften Großbritanniens machen und in ihrer Traumstadt London leben oder wieder über Hundeschauen in der Littleford Gazette berichten.

Und kein Mann würde sie davon abbringen, ihre Ziele zu verwirklichen, nicht einmal Alex Hammond. Da sie selbst einen Millionär zum Vater hatte, ließ sie sich von reichen Männern wenigstens nicht einschüchtern. Reiche, umwerfend attraktive Männer machten sie allerdings etwas nervös …

„Sie können hier übernachten, aber morgen früh müssen Sie Ihre Sachen packen“, informierte Alex sie. „Keine Angst, die Agentur findet sicher schnell eine neue Bleibe für Sie.“

Er klang so, als würde er ihr einen großen Gefallen tun. Und zu allem Überfluss lächelte er nun auch noch gewinnend, sodass ihr Herz einen Schlag aussetzte. Schnell verschränkte Jen die Arme vor der Brust.

Alex hatte sich bereits abgewandt und ging zur Tür. Wie gnädig von ihm, sie noch vier Stunden bleiben zu lassen! Ihre Verachtung für ihn wich jedoch schnell nackter Panik. Wie sollte sie ihren Artikel fertigstellen, wenn sie hier rausflog? Sie musste in dieser Wohnung bleiben.

„Ich habe einen Vertrag!“, rief sie Alex nach, bemüht, nicht verzweifelt zu klingen. „Und das bedeutet, dass ich vier Wochen Kündigungsfrist habe.“

Alex blieb stehen und drehte sich schließlich stirnrunzelnd zu ihr um.

„Sie profitieren auch davon“, fuhr sie schnell fort. „Ich zahle Miete. Und ich bin bis Neujahr hier. Ich habe sogar einen Tannenbaum aufgestellt. Sie können nicht einfach hier auftauchen und mich rauswerfen. Wer Sie sind, interessiert mich nicht.“

Ein kalter Ausdruck trat in seine grünen Augen. Gut so. Nun wusste Alex, dass sie sich nicht von seiner gesellschaftlichen Stellung beeindrucken ließ.

„Verstehe“, meinte er. „Natürlich entschädige ich Sie für alle Unannehmlichkeiten.“

Er glaubte tatsächlich, sie wäre hinter seinem Geld her? Verächtlich schüttelte Jen den Kopf. „Ich will Ihr Geld nicht.“

Aber warum überraschte sie das? Schließlich kannte sie diesen Typ Mann. Er dachte, jeder wäre käuflich, und würde niemals ihr verzweifeltes Bedürfnis verstehen, sich selbst zu beweisen.

Sie setzte sich aufs Bett.

Alex betrachtete sie eine Weile.

„Lassen Sie uns in der Küche darüber reden“, sagte er dann.

Alex blätterte den Vertrag durch, den er auf dem Küchentisch gefunden hatte. Anscheinend hatte sie recht. Zwei Minuten später kam sie barfuß herein und schlüpfte dabei in einen Morgenmantel. Da dieser sehr kurz war, fiel sein Blick sofort auf ihre endlos langen Beine, und heißes Verlangen flammte in ihm auf. Noch vor wenigen Wochen hätte die Anwesenheit einer spärlich bekleideten Frau in seinem Apartment ihn vermutlich veranlasst, sie ins Bett zu bekommen und ihr den One-Night-Stand ihres Lebens zu verschaffen, aber momentan kam das nicht infrage. In nächster Zeit musste er ein ganz anderer Mann sein.

Sie blieb auf der Schwelle stehen, lehnte sich an den Rahmen und betrachtete ihn.

„Ich will Ihr Geld nicht“, bekräftigte sie. „Nicht alle Menschen lassen sich kaufen.“

Alex zuckte die Schultern. „Meiner Erfahrung nach schon. Es ist nur eine Frage des Preises. Nennen Sie mir Ihren, und wir können uns dieses ganze Theater sparen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bleibe, aber ich betrachte das hier als Kündigung. Also muss ich erst in vier Wochen ausziehen.“

Unwillkürlich bewunderte er ihre Hartnäckigkeit. „Ich habe den Vertrag gelesen“ Schnell warf er einen Blick auf ihren Namen. „Jennifer, und ich sehe das Problem nicht. Ich werde dafür sorgen, dass die Agentur etwas Gleichwertiges für Sie findet, und zahle Ihnen eine großzügige Entschädigung. Was ist dagegen einzuwenden?“

„Nein, es muss diese Wohnung sein.“

Ihr verzweifelter Unterton ließ Alex aufhorchen. War sie etwa eine Art Stalkerin? Na toll! Genau das hatte er gebraucht.

„Hören Sie, Jennifer, ich weiß, dass ich viele Fans habe, und dafür bin ich auch dankbar. Aber Sie müssen verstehen, dass ich mein Berufs- und mein Privatleben voneinander trennen möchte.“

Oder vielmehr musste er das von jetzt an.

„Es geht überhaupt nicht um Sie“, brauste Jennifer auf, „sondern um die Adresse.“

Das ergab keinen Sinn. Plötzlich fühlte Alex sich furchtbar müde. Kein Wunder nach den anstrengenden letzten Tagen und dem langen Flug aus den USA.

„Was ist denn so wichtig an dieser Adresse?“

Sie senkte den Blick und spielte mit dem Gürtel ihres Morgenmantels.

„Sie ist ein wichtiger Bestandteil meiner Titelstory“, erwiderte sie dann. „Es hängt zu viel davon ab. Und ich habe nur wenig Zeit und beschränkte Mittel.“

„Wovon, zum Teufel, reden Sie eigentlich? Titelstory?“

„Ich bin Journalistin.“

Er war Tausende von Meilen geflogen, um der Pressemeute zu entfliehen, nur um dann festzustellen, dass eine Journalistin bei ihm eingezogen war? Obwohl er sie am liebsten hinausgeworfen hätte, bemühte er sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.

„Und was für eine Journalistin?“

„In meinem Artikel geht es darum, dass ich eine andere Identität annehme“, antwortete Jennifer. „Das Haussitten ist eine preiswerte Möglichkeit, eine Adresse in der richtigen Gegend zu bekommen. Mein Budget ist ziemlich knapp bemessen.“

„Für welches Blatt arbeiten Sie?“

Sie wandte den Blick ab. „Ich bin freiberuflich tätig.“

„Holen Sie Ihre Sachen, und verschwinden Sie“, forderte Alex sie auf. „Ich pfeife auf den Vertrag. Meine Anwälte werden sich um alles kümmern.“

Nun reckte sie das Kinn, als sei ihr gerade etwas eingefallen. „Wissen Sie, Mr Hammond, es würde mich nur ein paar Anrufe kosten, und noch vor Sonnenaufgang hätte sich eine Horde Paparazzi vor diesem Haus versammelt.“

Als er den entschlossenen Ausdruck in ihren blauen Augen sah, musste er die aufkeimende Wut unterdrücken.

„Wollen Sie mir etwa drohen, Miss Brown?“

Schnell schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ich interessiere mich wirklich überhaupt nicht für Ihr Leben.“

Da musste sie die einzige Journalistin im ganzen Land sein.

„Sie erwarten doch nicht allen Ernstes, dass ich aus meiner eigenen Wohnung ausziehe, oder?“ Hier hatte er seine Ruhe und konnte sich seinen nächsten Schritt überlegen. Und dazu brauchte er keine Gesellschaft.

„Nein, das tue ich nicht“, erwiderte Jennifer.

Dann durchquerte sie die Küche und stellte sich auf Zehenspitzen, um ein Glas aus einem der Regale zu nehmen. Wieder kostete es ihn Mühe, den Blick von ihren langen, wohlgeformten Beinen abzuwenden. Als sie zu dem Wasserspender neben dem Kühlschrank ging und das Glas fühlte, bewegte sie sich so selbstverständlich, als würde sie hier leben und er wäre der Gast.

„Ich werde Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten. Stellen Sie sich einfach vor, Sie hätten bis zum neuen Jahr einen ganz unkomplizierten Gast. Und die Wohnung ist groß genug, dass wir uns aus dem Weg gehen können.“

„Und was ist, wenn ich Nein sage?“

Jennifer zuckte die Schultern. „Wenn Sie mir jetzt einen Strich durch die Rechnung machen, muss ich ein anderes lukratives Projekt finden.“

Ihr Blick sagte alles. Wenn er ihre Pläne durchkreuzte, wäre er Gegenstand ihres nächsten Artikels.

„Verschwinden Sie aus meiner Wohnung“, befahl Alex. „Ihr Gepäck können Sie morgen in der Agentur abholen.“

Statt die Küche zu verlassen, kam sie noch näher.

„Ihr Reichen seid doch alle gleich. Ich habe das Recht, noch vier Wochen zu bleiben.“

Er war so unendlich müde. „Ich verstehe das nicht“, erklärte er betont ruhig. „Ich bin bereit, für all Ihre Kosten und Ihren Verdienstausfall aufzukommen. Eine andere Adresse kann doch keinen so großen Unterschied machen.“

Jennifer trank einen Schluck Wasser, und er stellte zufrieden fest, dass ihre Hände leicht zitterten.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

„Und warum nicht, verdammt?“

„Weil ich meine Adresse schon überall bekanntgegeben habe. Außerdem lasse ich mich nicht kaufen, wie ich bereits sagte. Sie können sich hier vor der Presse verstecken, und ich kann meinen Artikel beenden. Wir profitieren also beide davon.“

Energisch verschränkte sie die Arme vor der Brust. Offenbar war sie bereit, die ganze Nacht zu diskutieren, falls nötig, und plötzlich reichte es ihm.

„Dann schlafen Sie eben hier“, verkündete Alex wütend. „Aber morgen verschwinden Sie gleich nach dem Aufstehen.“

Sofort verließ sie die Küche und kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Starr blickte er ihr nach. In wenigen Stunden hätten seine Anwälte alles geklärt, und er konnte sie endlich aus dem Apartment werfen.

Das Telefon am Ohr, blickte Alex aus dem Schlafzimmerfenster auf den Platz unten. Zu dieser Zeit war auf der Straße noch nicht viel los. Nach einigen Stunden Schlaf hatte seine Stimmung sich nicht gebessert, und er war innerlich unruhiger denn je. Mark Dunn war seit zehn Jahren sein Anwalt und enger Freund und sowohl im privaten als auch beruflichen Belangen ein guter Ratgeber.

„Heißt das, ich kann sie nicht aus meiner eigenen Wohnung werfen? Es muss doch irgendeine Gesetzeslücke geben.“ Alex klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter, um den Vertrag noch einmal durchblättern zu können.

„Normalerweise nicht“, erwiderte Mark sachlich. „Fax mir den Vertrag, damit ich ihn durchgehen kann. Du könntest natürlich trotzdem darauf bestehen, dass sie geht, aber das wäre unter den gegebenen Umständen wohl nicht besonders klug. Wie ist sie eigentlich?“

Jung, schlank, mit tollen blauen Augen und endlos langen Beinen.

„Sehr beharrlich“, sagte Alex. „Sie hat mir zu verstehen gegeben, dass sie Ärger machen könnte.“

„Ja, das wäre denkbar. Stell dir vor, wie es aussehen könnte, wenn sie es entsprechend darstellen würde. All die Artikel über dich und Viveca Holt. In ein paar Wochen finden die ganzen Preisverleihungen statt, und in dem Zusammenhang möchtest du sicher nicht das Wort Besetzungscouch hören.“

Die vertraute Wut stieg in Alex auf. Am liebsten hätte er eine Presseerklärung herausgegeben. Ja, er habe eine Affäre mit Viveca gehabt, sie haben beide ihren Spaß gehabt, und sicher würde es ihrer Karriere nicht schaden. Aber es würde niemanden etwas angehen.

„Diese Geschichte muss endlich in Vergessenheit geraten“, fuhr Mark fort. „Hör ausnahmsweise mal auf dein PR-Team. Bleib ein paar Tage zu Hause, und lass dich dann an den richtigen Orten sehen. Alle müssen den Eindruck gewinnen, dass du ruhige Weihnachtstage verbringst. Spätestens im neuen Jahr ist dann alles vergessen. Auf keinen Fall darf irgendein Journalist davon Wind bekommen, dass du deine Mieterin auf die Straße setzt. Jeder Vorfall wäre ein willkommener Vorwand, um den Skandal wieder auf die Titelseiten zu bringen.“

In Alex’ Zorn mischte sich nun Frustation. Die letzten Tage waren die Hölle gewesen. Da er ständig von Paparazzi belagert worden war, hatte er nicht arbeiten können. Dazu waren die Probleme mit seinen Produzenten gekommen. Wenn sein Ruf keinen Schaden erleiden sollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mitzuspielen. Schließlich hatte sein Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren für ihn an erster Stelle gestanden.

„Was schlägst du also vor?“, fragte Alex.

„An deiner Stelle würde ich sie bei dir wohnen lassen und alles tun, um sie versöhnlich zu stimmen, während wir uns eine Lösung überlegen.“ Nach einer Pause fügte Mark hinzu: „Aber nicht zu versöhnlich, Alex. Auf die Art und Weise hast du dich ja in diese Situation gebracht.“

2. KAPITEL

Regel Nummer zwei: Bevor man das Herz eines Millionärs erobert, muss man ihn als solchen erkennen. Und um herauszufinden, was einen reichen Mann von der Masse unterscheidet, muss man ihn in seiner gewohnten Umgebung beobachten.

Als Jen am nächsten Morgen die Hightech-Küche betrat, in der Hochglanzfronten und viel Edelstahl eine kühle, beinah sterile Atmosphäre schufen, fühlte sie sich darin unwohler denn je. Krampfhaft versuchte sie sich einzureden, dass sie sich überhaupt nicht zu Alex Hammond hingezogen fühlte, doch ihr Unterbewusstsein schien die Botschaft nicht zu verstehen.

Nach der Begegnung mit ihm hatte sie nicht mehr schlafen können, weil sie ständig daran hatte denken müssen, wie er auf ihr gelegen und sie mit seinem muskulösen Körper aufs Bett gedrückt hatte. Außerdem hatte die Auseinandersetzung mit ihm ihren Adrenalinspiegel nachhaltig in die Höhe getrieben. Sie war völlig übernächtigt, und zum ersten Mal seit Wochen sehnte sie sich nach ihrer gemütlichen Küche mit dem alten Sofa in der Ecke, auf dem sie immer mit ihrer Katze kuschelte.

Alex schlief offenbar noch. Einen Moment lang lauschte sie angestrengt, um sicherzugehen …

Nichts. Die Gelegenheit war also günstig.

Schnell fischte Jen die Zeitung vom Vortag aus dem Mülleimer und verstreute dabei etwas Abfall. Nachdem sie sie auf den grauen Fliesen ausgebreitet und glatt gestrichen hatte, begann sie, den Artikel zu lesen, den sie beim ersten Mal nur überflogen hatte.

Da die Zeitung etwas gelitten hatte, war sein Gesicht auf dem Foto nicht mehr zu erkennen. Dem Artikel entnahm sie, dass er sein Junggesellendasein nach seiner kostspieligen Scheidung vor fünf Jahren in vollen Zügen ausgekostet hatte. Fast jede Woche war er mit einer anderen schönen und zumeist auch bekannten Frau zusammen gewesen. Eigentlich hätte er sich also nicht zu wundern brauchen, dass sich die eine oder andere Affäre später rächte.

Der neueste Film von Alex Hammonds überaus erfolgreicher Produktionsgesellschaft, Todesmutig, galt bei den demnächst stattfindenden Preisverleihungen als heißer Favorit. Die Hauptdarstellerin, Viveca Holt, eine junge und atemberaubend attraktive Schauspielerin, war vorher völlig unbekannt gewesen und hatte beim Casting viele berühmte Kolleginnen ausgestochen. Die Presse hatte diese Tatsache allerdings erst ausgebreitet, nachdem Fotos aufgetaucht waren, die Alex Hammond und Viveca Holt während der Dreharbeiten privat zeigten. Daraufhin hatte die Gerüchteküche gebrodelt.

Angeblich hatte Viveca die Rolle über die Besetzungscouch bekommen, und diese Art von Publicity war natürlich nicht förderlich für einen Film, der den Anspruch erhob, künstlerisch zu sein.

Als Alex im nächsten Moment den Raum betrat, erschrak Jen und knüllte die Zeitung schnell zusammen. Er betrachtete den verstreuten Müll und blickte sie dann mit hochgezogenen Brauen an, woraufhin sie errötete.

„Was machen Sie da?“ Lässig ging er zum Tresen und schaltete die Kaffeemaschine ein.

Schnell stopfte sie die Zeitung wieder in den Mülleimer und wischte den Abfall mit einem Papiertuch weg.

„Recycling“, behauptete sie, bevor sie aufstand und sich die Hände in der großen Spüle wusch. „Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, unseren Planeten zu retten.“

Alex blickte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Dann schüttelte er leicht den Kopf.

„Kaffee?“, erkundigte er sich höflich-kühl.

„Ja, bitte“, erwiderte sie. „Schwarz, ohne Zucker.“

Er öffnete einen der vielen Schränke und nahm zwei große Tassen heraus. Nachdem er ihnen Kaffee eingeschenkt und ihr eine Tasse gereicht hatte, lehnte er sich an den Tresen und betrachtete sie.

Es war wirklich unfair! Obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, sah er fantastisch aus. Sein Haar war noch feucht vom Duschen, und er trug ein lässiges dunkelgraues Poloshirt und Jeans, die vermutlich teurer gewesen waren als ihre gesamte Garderobe. Sie trug ein schlichtes weißes T-Shirt von der Stange und ebensolche Jeans. Schnell trank sie einen Schluck Kaffee.

„Und, haben Sie den Vertrag von Ihrem Anwalt überprüfen lassen?“, griff sie das Thema wieder auf.

Alex lächelte anzüglich. „Natürlich.“

Natürlich. Männer wie er überließen nichts dem Zufall. Jen machte sich auf eine weitere Diskussion gefasst. Wahrscheinlich hatte er die besten Anwälte der Welt, für die es eine Kleinigkeit wäre, einen Standardmietvertrag auseinanderzupflücken. Sie wusste allerdings, dass sie einen wunden Punkt bei ihm getroffen hatte, als sie die Presse erwähnte, selbst wenn sie nur geblufft hatte. Ihr letzter Artikel vor Beginn Ihres Praktikums hatte von einer entlaufenen Katze gehandelt. Das waren die Berühmtheiten, über die sie normalerweise berichtete.

Schweigend betrachtete Alex sie weiter mit einem anerkennenden Ausdruck in den grünen Augen, der sie verlegen machte.

„Und?“, hakte sie schließlich nach.

Er trank einen Schluck Kaffee. „Die Agentur wäre sicher bereit, den Vertrag aufzuheben …“ Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, wen Alex hier für den Querulanten hielt. „Aber Sie haben mir erzählt, wie wichtig es für Sie ist, diese Adresse zu behalten. Deswegen gebe ich nach und halte mich an den Vertrag. Ich möchte Ihnen keine Probleme machen.“

Dass er sich so großmütig gab, ärgerte sie, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Sie glaubte ihm kein Wort. Er konnte sich einfach keinen Skandal leisten. Dass sie nicht beabsichtigte, ihm die Presse auf den Hals zu hetzen, musste sie ihm allerdings nicht unbedingt erzählen.

Sollte er ruhig glauben, sie hätte die Privatnummern sämtlicher Chefredakteure von Londons Regenbogenpresse.

„Das ist nett von Ihnen“, brachte sie hervor. „Danke.“ Sie wartete, bis er auf seinem Smartphone zu scrollen begann.

„Feiert Viveca Weihnachten mit Ihnen?“, erkundigte sie sich demonstrativ.

Als er aufblickte, war seine Miene ebenso finster wie unergründlich. „Nein, tut sie nicht. Es ist eine rein berufliche Beziehung.“

„In den Zeitungen steht aber etwas anderes.“

„Und die haben natürlich immer recht.“ Wütend knallte er seinen Becher auf die Arbeitsplatte und verschüttete dabei etwas Kaffee. „Wir haben uns nur ein paarmal getroffen, und das ist schon Monate her. Kann ich nicht mal mit einer Frau ausgehen, ohne dass die Presse es gleich ausschlachtet?“

Natürlich nicht. „Genau darum geht es ja. Sie sind eine bekannte Persönlichkeit und können es den Leuten nicht verwehren, mehr über Sie zu erfahren.“

„Sie haben gut reden. Schließlich gehören Sie ja zu diesen Aasgeiern. Sie hoffen auch auf eine Exklusivstory, stimmt’s? Aber es gibt keine. Ich bin Single. Ich gehe nur mit Frauen aus, wenn ich muss, und das geht niemanden etwas an.“

Ärgerlich fragte Jen sich, warum sie so aufmerksam zuhörte. Dass Alex Single war, interessierte sie nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er umwerfend aussah. Zum einen würde sie nur ihre Zeit vergeuden, denn neben Viveca wirkte sie wie eine graue Maus. Zum anderen würde sie niemals dieselben Fehler begehen wie ihre Mutter und auf einen Mann wie ihn hereinfallen.

Jen zuckte die Schultern. „Das Problem ist, dass Sie für die Presse viel zu interessant sind. Sie müssen sich etwas bedeckt halten. Vielleicht sollten Sie zur Abwechslung mal mit einer ganz normalen Frau ausgehen.“

Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Sie meinen, mit jemandem wie Ihnen?“

Plötzlich wurde ihr ganz heiß. „Ich halte mich nicht für normal.“

Sie spürte, wie ihr die Wangen brannten, als sie die Küche durchquerte. Betont lässig öffnete sie den Schrank, in den sie ihre Einkäufe getan hatte. Nachdem sie einige Male tief durchgeatmet hatte, nahm sie das Toastbrot heraus.

Vor einigen Tagen hatte sie bei einem Kurzbesuch zu Hause einen Großeinkauf gemacht. Die Hälfte der Sachen hatte sie bei ihrer Mutter gelassen, die andere hatte sie mit nach London genommen.

Während sie zwei Scheiben in den Edelstahltoaster tat, blickte Alex, immer noch an den Tresen gelehnt, wieder auf sein Handy.

Mit Alex Hammond zu diskutieren ist ja schön und gut, aber ich muss mich unbedingt auf meine Arbeit konzentrieren, nahm Jen sich vor. Zum Glück konnte sie vorerst hier wohnen bleiben. Ihr erster richtiger Undercovereinsatz würde am nächsten Abend stattfinden. Zwar hatte sie ihre Garderobe noch nicht zusammen, doch Gordon, der Redakteur für das Kunstressort bei der Littleford Gazette, hatte ihr eine Eintrittskarte für eine Vernissage geschenkt. Sie hatte gar nicht gewusst, dass er privat ein Kulturfanatiker war und auf allen exklusiven Mailinglisten stand. Als sie ihm von ihrem geplanten Artikel erzählte, hatte er ihr die Karte spendiert.

Auf keinen Fall durfte sie sich die Gelegenheit entgehen lassen, denn zweifellos waren unzählige reiche Singles zu dieser Ausstellungseröffnung geladen. Leider hatte sie bisher noch keine Zeit gehabt, nach Designersachen zu suchen. Also würde sie ihr kleines Schwarzes tragen und sich im Hintergrund halten. Kurzum, sie würde den Abend nutzen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, welches Image sie sich aufbauen sollte.

Der Gedanke, sich auf Neuland vorzuwagen und an einem derart glamourösen Event teilzunehmen, machte ihr jedoch Angst. Also musste sie sich darauf einstimmen, indem sie Leute beobachtete. Aber wo hielten sich die Reichen und Schönen an einem Wochentag in London auf?

Als Alex plötzlich eine Bewegung machte und ihr Blick auf seine große goldene Armbanduhr fiel, hatte Jen eine Idee.

Vor ihr stand der Inbegriff des reichen, alleinstehenden Mannes, eine schier unerschöpfliche Informationsquelle. In Anbetracht seiner Lebenssituation würde er einem Artikel darüber, wie man sich einen Millionär angelte, allerdings sicher nichts abgewinnen können. Also musste sie ihm alle Informationen indirekt entlocken.

Sie schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. „Möchten Sie einen Toast?“

Zehn Minuten später saßen sie nebeneinander an dem Granittresen. Alex beobachtete, wie Jen ihre zweite Scheibe Toast aß. Plötzlich ertappte er sich dabei, wie er sie fasziniert betrachtete, als sie sich einige Krümel von den Lippen wischte. Schnell riss er sich zusammen. Eingedenk Marks Warnung, sie versöhnlich zu stimmen, hatte er sich nur zum gemeinsamen Frühstück bereit erklärt, weil er sie wegen Viveca so angefahren hatte.

Er trank einen Schluck Kaffee, und als er aufblickte, stellte er fest, dass sie aufgegessen hatte und nun sein Handgelenk betrachtete.

„Ihre Uhr ist sehr schön“, bemerkte sie.

Geistesabwesend lächelte er. Was führte sie jetzt im Schilde?

„Danke.“

„Kann ich sie mir mal näher ansehen?“

Ehe er antworten konnte, sprang sie vom Barhocker und kam näher, um sein Handgelenk zu umfassen und die Uhr zu begutachten.

„Cartier …“, sagte sie leise.

Nun, da sie vor ihm stand, konnte er ihre großen blauen Augen aus nächster Nähe bewundern, ebenso wie ihre vollen Lippen. Sie hatte das dunkelblonde Haar zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden, und er bemerkte die losen Strähnen in ihrem Nacken. Plötzlich musste er an das letzte Mal denken, als er mit ihr auf Augenhöhe gewesen war – in der Nacht auf dem Bett. Prompt wurde ihm heiß.

Das war kein gutes Zeichen, denn vor weniger als vier Tagen hatte er den Frauen abgeschworen.

Unvermittelt entzog er ihr seine Hand. „Ich habe in zwanzig Minuten eine Konferenzschaltung, auf die ich mich noch vorbereiten muss“, schwindelte er.

Sichtlich überrascht trat Jen einen Schritt zurück, den Blick immer noch auf seine Uhr gerichtet.

„Kein Problem. Ich wollte sowieso weggehen.“ Sie räumte die Teller in die Spülmaschine. „Können Sie mir ein Restaurant empfehlen, in dem ich zu Mittag essen kann?“, erkundigte sie sich mit dem Rücken zu ihm. „Ich möchte über diese Gegend recherchieren – welche Leute hier wohnen, was sie anziehen und so weiter.“

Alex zuckte die Schultern. „Das hängt davon ab, was Sie essen und wie viel Sie ausgeben wollen. Einige Restaurants sind ziemlich exklusiv und teuer.“

Als sie sich zu ihm umdrehte, huschte ein Schatten über ihr Gesicht.

„Ich wollte damit nicht andeuten, dass Sie dort fehl am Platz sind“, fügte er schnell hinzu und fragte sich, warum er sich Gedanken darüber machte, ob er sie gekränkt hatte.

„Warum verraten Sie mir nicht einfach, wo Sie hingehen würden?“

Er überlegte einen Moment. „La Brasserie“, erwiderte er dann. „Gute französische Küche. Es ist sehr beliebt.“

„Toll, danke!“

„Danken Sie mir nicht zu früh. Vielleicht haben wir ja einen völlig unterschiedlichen Geschmack.“

Als sie den Raum verließ, redete Alex sich ein, dass der Anblick ihres Pos in den engen Jeans ihn kaltließ. Er musste eine Möglichkeit finden, sie loszuwerden.

Tatsächlich besaß das Restaurant so viel französisches Flair, dass Jen sich mitten in Paris wähnte, als sie es betrat. Die Lichterketten und das Tannengrün unterstrichen die gemütliche Atmosphäre. Als sie sich an einen Tisch in der Ecke setzte, kam sie zu dem Schluss, dass dies der ideale Ort war, um Leute zu beobachten.

Sie warf einen Blick in die Speisekarte und schluckte. Im Coffeeshop in Littleford zahlte man für alle Hauptgerichte nur einen Bruchteil der Preise hier. Allerdings hätten die Bewohner mit den Namen dieser Gerichte wohl kaum etwas anfangen können.

Als der Ober an ihren Tisch kam, bestellte sie nur einen Kaffee und ein pain au chocolat. Dabei verspürte sie leises Bedauern, weil sie sich nichts anderes leisten konnte. Sie brauchte mehr Geld, wenn sie öfter Restaurants wie dieses besuchen und so wirken wollte, als würde sie dorthin gehören. Die Gruppe junger Frauen am Tisch gegenüber vermittelte ihr den Eindruck, dass sie unsichtbar war. Sie brauchte unbedingt eine Designergarderobe.

Die Frauen sahen toll aus. Langes, natürlich fallendes Haar mit dezenten Highlights, perfekte Zähne, natürliches Make-up statt künstlicher Bräune. Edle Klamotten. Pelz schien das Must-have dieses Winters zu sein.

Dies war also die Welt, in der ihr Vater sich bewegte. Ihre Mutter und sie gehörten nicht mehr dazu, nachdem er sich ihrer vor vierundzwanzig Jahren entledigt und sie mit etwas Geld abgespeist hatte. Vermutlich hatte sie sich noch nie so sehr wie eine Außenseiterin gefühlt wie in diesen Moment. Sie kam sich langweilig und unscheinbar vor, und das Schlimmste war, dass es ihr zu schaffen machte.

Ging es in ihrem Artikel nicht eigentlich darum, diese Welt des Luxus aus dem Blickwinkel einer ganz normalen jungen Frau zu betrachten?

Jen war wütend auf sich selbst. Sie war Journalistin und sammelte Hintergrundinformationen für ihre Story. Deshalb hätte sie das Ganze amüsant finden müssen, statt sich minderwertig zu fühlen. Doch sie konnte die innere Stimme nicht ignorieren, die sie daran erinnerte, dass dies auch ihre Welt hätte sein können, wenn die Dinge sich anders entwickelt hätten.

Es wurde bereits dunkel, als Jen das Restaurant verließ, und die eisige Luft wehte ihr ins Gesicht. Trotzdem zwang sie sich, durch die Brompton Road zu bummeln. Als sie sich in den Chanel Store wagte und dort eine schwarze Tweedjacke vom Ständer nahm, spürte sie die Blicke der perfekt gestylten Verkäuferinnen auf sich. Der Preis verschlug ihr den Atem. Dafür hätte sie mindestens ihr Auto verkaufen müssen.

Betont lässig hängte sie die Jacke wieder zurück. Auf dem Weg zur Tür sah sie sich noch einige Handtaschen und einen Schal an, um sich einen guten Abgang zu verschaffen. Keine der Verkäuferinnen kam auf sie zu, offenbar weil sie wussten, dass es sich bei ihr nicht lohnte. Insgeheim sehnte sie sich nach dem verschlafenen Littleford zurück.

Reiß dich zusammen, sagte Jen sich dann. Sie hatte nur ein bisschen Heimweh, und das würde vorübergehen. Diese letzten drei Monate in London waren wie im Flug vergangen, und sie hatte jede Sekunde ausgekostet. Weihnachten in Chelsea war ein Erlebnis – überall weiße Lichterketten, Mistelzweige, perfekt aufeinander abgestimmte Farben und kein kitschiger Weihnachtsschmuck weit und breit. Der Unterschied zu Littleford hätte nicht größer sein können.

Sie wollte in London bleiben, und dies war ihre Chance. Die Chance, zu beweisen, dass sie es ganz allein nach oben schaffen konnte. Sie brauchte keinen reichen Vater, der ihr den Weg ebnete.

Eine Stunde später sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Jen staunte darüber, was die Leute alles im Internet verkauften. Mit dem Laptop auf dem Schoß, eine Tasse heiße Schokolade auf dem Nachttisch, saß sie im Bett und klickte sich durch die verschiedenen Auktionen. Da sie wenig Zeit hatte, konzentrierte sie sich auf die Sofortkaufangebote.

Nach einer halben Stunde im Shoppingwahn hatte sie eine Jeans, eine lässig-elegante Bluse, ein atemberaubendes Cocktailkleid aus Samt und Ankleboots erworben – alles Teile von bekannten Designern, deren Namen sie nur aus den Trendmagazinen kannte. Sie wandte den Blick vom Display ab und versuchte ihren rasenden Puls damit zu beruhigen, dass sie alles wieder verkaufen konnte, sobald das Projekt beendet wäre.

Aus einem Impuls heraus erstand sie dann noch eine fantastische Ledertasche. Als sie anschließend die Preise zusammenrechnete, musste sie schlucken. Sie hatte zwar ihr ganzes Erspartes in dieses Projekt gesteckt, aber sie musste ein Auge auf die Ausgaben haben.

Die Miete für das Apartment war zwar eher symbolisch, beanspruchte allerdings den Löwenanteil ihres Budgets. Wenn sie dann die übrigen Kosten wie Eintrittskarten, Essen und Trinken hinzuzählte, blieb ihr für die Typveränderung kaum noch etwas übrig. Diese war jedoch dringend notwendig, wie Jen im Restaurant festgestellt hatte.

Und Designersachen allein reichten nicht aus. Sie musste zum Friseur, ins Nagel- und ins Sonnenstudio und brauchte eine ganze Palette Make-up. Leider betrug ihr Restguthaben nur noch zehn Pfund und zwanzig Pence.

„Habe ich richtig gehört? Du teilst dir ein Apartment mit Alex Hammond?“

„Ja, das stimmt.“

Obwohl Jen den Hörer ein wenig vom Ohr weghielt, hörte sie Elsie kreischen. Das war typisch für ihre Freundin. Diese hatte ihr ganzes Leben in Littleford verbracht, und ihr Arbeitstag bestand darin, den Rentnerinnen im Ort Dauerwellen und bläuliche Tönungen zu verpassen. So musste die Nachricht, dass ihre Freundin bei einem Promi wohnte, für sie das Highlight des Jahres sein. Sobald Elsie verstummte, hielt Jen sich den Hörer wieder ans Ohr.

„Ist es der Alex Hammond?“, hakte Elsie atemlos nach. „Der, der heute mit nacktem Oberkörper auf der Titelseite der Zeitung ist? So ein Sixpack habe ich noch nie gesehen.“

Elsies Ungläubigkeit kränkte Jen. War es denn wirklich so unwahrscheinlich, dass sie in diesen Kreisen verkehrte?

„Ja, es ist der Alex Hammond“, bestätigte sie.

Elsie seufzte. „Dann kommst du Weihnachten auf keinen Fall nach Hause, stimmt’s? Ohne dich langweile ich mich hier zu Tode. Wie ist er denn so?“

„In natura lange nicht so toll“, schwindelte Jen.

Nie hätte sie für möglich gehalten, dass Elsie so auf Promis flog. Es dauerte einige Minuten, bis sie das Thema von Alex’ fantastischem Körper auf ihr Anliegen lenken konnte.

„Ich brauche deine Hilfe“, verkündete sie, als sie endlich zu Wort kam. „Der Erfolg meines Artikels hängt davon ab.“

„Inwiefern?“

„Ich muss wie eine Göttin aussehen, aber ich habe kein Geld und wenig Zeit.“

„Wie viel Zeit?“, hakte Elsie nach.

„Einen Tag. Sag mal, gibt es irgendein Produkt, dass mein Haar aussehen lässt, als wäre es von der Sonne geküsst?“

Ihre Freundin stieß einen verächtlichen Laut aus. „So etwas brauchst du nicht mehr. Schließlich hast du einen Profi im Team. Ich nehme mir die Zeit für dich.“

„Aber du bist in Littleford. Selbst wenn du hier übernachten könntest, hätte ich kein Geld für deine Fahrkarte.“ Jen verschwieg ihr geflissentlich, was es sie gekostet hatte, in diesem Apartment zu bleiben.

Elsie seufzte enttäuscht. „Schade, ich hätte Alex so gern kennengelernt. Und ich habe dich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

Jen unterdrückte einen plötzlichen Anflug von Heimweh. Aber sosehr sie ihre Freundin auch vermisste, diese würde sofort über Alex herfallen, wenn sie in seine Nähe kam.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Aber er ist sowieso kaum zu Hause. Und was ich brauche, ist dieser typische Look der It-Girls. Ich glaube, der ist in Littleford nicht so gefragt.“

Elsie schnaufte verächtlich. „Meine Kundinnen sind zwar hauptsächlich Seniorinnen, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht über das nötige Know-how verfüge. Ich schicke dir heute Abend eine Farbe, ja?“

Jens strahlte. „Das kann ich also selbst machen? Könntest du mir eine Gebrauchsanweisung schicken?“

„Nein, ich werde dich persönlich via Skype anweisen“, verkündete Elsie, als wäre sie eine gefragte Stylistin. Dann ruinierte sie alles, indem sie hinzufügte: „Und jetzt gib mir Alex Hammonds Adresse.“

Nachdem er alle Anrufe erwidert und E-Mails beantwortet hatte, die während seiner Abwesenheit aufgelaufen waren, ging Alex in die Küche, weil er etwas in Erfahrung bringen musste. Mark hatte ihn an diesem Nachmittag angerufen.

„Meine Kontaktpersonen bei der Presse kennen keine Jennifer Brown“, hatte er ihn informiert. „Aber es ist kein ungewöhnlicher Name, und es gibt unzählige Freiberufler, die versuchen, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Allerdings könnte sie dir genau deshalb gefährlich werden. Sie bekommt einen Einblick in deinen Alltag, und früher oder später wird sie auf die Idee kommen, dass sie daraus eine Exklusivstory machen könnte.“

Da heute wieder einige Artikel von ihm und Viveca in den Zeitungen gewesen waren, war Alex ohnehin mit seiner Geduld am Ende. Er hatte drei Filme in unterschiedlichen Produktionsstufen in Arbeit und saß nun hier zu Hause fest. Besonders zu dieser Jahreszeit wollte, ja, musste er beschäftigt sein. Nichts war schlimmer, als hier untätig herumzusitzen und sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was alles hätte sein können.

„Dann beschaff dir Informationen über sie!“, fuhr er Mark an. „So haben wir etwas gegen sie in der Hand, falls sie auf dumme Gedanken kommt.“

„Dafür muss ich erst einmal herausfinden, wer sie ist“, protestierte dieser. „Ich sage es dir zwar nicht gern, aber …“ Er atmete tief durch. „… du musst sie unbedingt bei Laune halten.“

3. KAPITEL

Als er sie in der Küche nicht antraf, folgte Alex dem Geräusch des Fernsehers und fand Jen in dem kleinen Wohnzimmer daneben. Dieses war gemütlicher als das große und mit einem kleinen Sofa sowie einigen Sesseln möbliert. Ein riesiger Flachbildfernseher beherrschte den Raum.

Jen hatte es sich auf einer Ecke des Sofas mit einem etwas abgenutzten Patchworkquilt, den er nicht kannte, bequem gemacht. Als er sich umblickte, entdeckte er noch mehr Gegenstände, die ihm nicht vertraut waren. Auf dem Sideboard standen einige gerahmte Fotos und Weihnachtskarten, außerdem entdeckte er einen kleinen Tannenbaum in einem Kübel in der Nähe des Fensters und noch mehr Weihnachtsdeko. Im Kamin brannte ein Feuer.

Plötzlich verspürte Alex einen Anflug von Neid. Jen hatte sich hier eingelebt. Sie war von Dingen umgeben, die ihr etwas bedeuteten und sie an ihr Zuhause und an ihre Familie erinnerten. Wann hatte er so etwas das letzte Mal getan? Wann hatte er das letzte Mal zu Weihnachten seine Wohnung dekoriert? In letzter Zeit schien es ihm die Mühe nicht wert. Er fühlte sich überall zu Hause, und für eine Familie war in seinem Leben kein Platz mehr. Das hatte er Susan zu verdanken.

Jen trug eine Brille und aß Toast mit Käse von einem Teller, der auf der Sofalehne stand. Sie wirkte sehr zerbrechlich.

Nun blickte sie ihn an. „Hallo.“

Mit einem Nicken deutete Alex auf einen der Sessel. „Darf ich?“

Jen zuckte die Schultern, drehte jedoch die Lautstärke hinunter und nahm ihre Brille ab.

„Ich dachte, der Reiz beim Haussitten würde vor allem darin bestehen, dass die Leute Luxus kennenlernen, den sie sich normalerweise nicht leisten können“, meinte er, während er sich setzte.

Erstaunt betrachtete sie ihn. Dass sie so wenig Wert auf ihr Äußeres legte, gefiel ihm. Wieder hatte sie das Haar nachlässig zusammengesteckt, und erst jetzt bemerkte er die winzigen Sommersprossen auf ihrer Nase. Offenbar stand sie nicht stundenlang vor dem Spiegel. Er hingegen war an perfekt gestylte Frauen gewöhnt, für die ihr Aussehen das Wichtigste war.

„Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet hier essen?“, erkundigte sich Alex. „Außer der Küche ist dies offenbar der einzige Raum, den Sie benutzen.“

„Wo sollte ich es denn sonst tun?“, erwiderte Jen. „An dem riesigen Glastisch im Esszimmer?“ Dann blickte sie sich um. „Hier finde ich es viel gemütlicher. Sie können das große Wohnzimmer mit dem Monsterfernseher gern für sich haben.“

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund musste er plötzlich an seine Kindheit denken. Damals hatten sie keinen Glastisch und nur einen uralten Fernseher besessen. Ihre Gleichgültigkeit, ja, Abneigung gegen den ganzen Luxus in seiner Wohnung faszinierte ihn. Aber hatte Jen nicht gesagt, in ihrem Artikel würde es um den opulenten Lebensstil im Südwesten von London gehen? Er musste unbedingt mehr darüber erfahren.

„Möchten Sie Kaffee?“, fragte er.

Als er fünf Minuten später mit zwei großen Tassen ins Wohnzimmer zurückkehrte, hatte sie aufgegessen, und der leere Teller stand auf dem Beistelltisch.

„Und, wie fanden Sie es in der Brasserie?“

Den Becher in Händen, lächelte sie ihn an. „Es war toll.“

„Konnten Sie einige Informationen sammeln?“

Sie zuckte die Schultern. „Ein paar. Die Speisekarte war wirklich beeindruckend. Und auch die Gäste. Ich wollte wissen, wie die jungen Frauen in Chelsea angezogen sind und wie sie sich verhalten.“

Lebhaft berichtete sie von ihrem Projekt. Absurderweise rührte ihn ihre Begeisterung über ein Restaurant, das er schon unzählige Male besucht hatte, und über Dinge, die er gar nicht mehr wahrnahm.

„Und, was denken Sie?“

„Die Frauen sind alle so glamourös. Diese Klamotten! Eine hatte sogar einen kleinen Hund in ihrer Handtasche!“

Als er schallend lachte, lächelte sie verhalten. Plötzlich fiel ihm auf, wie atemberaubend ihre blauen Augen waren. Aber zum Glück hatte er Mark, der dafür sorgte, dass er nicht auf dumme Gedanken kam.

„Wo leben Sie denn normalerweise?“, erkundigte sich Alex. „Bestimmt irgendwo in London, oder?“

Jen musste sich einen Moment sammeln. Eine Wohnung mit Alex zu teilen war eine Sache, ihm persönliche Dinge zu erzählen eine ganz andere. Am Vormittag hatte sie gute Anregungen für ihr Image bekommen. Elsie würde ihr beim Styling helfen, und die entsprechende Kleidung hatte sie auch erstanden.

Was ihr noch fehlte, waren Informationen über den Typ Mann, den sie mit ihrem Äußeren beeindrucken wollte. Sie hatte überhaupt keine Erfahrung auf dem Gebiet. Ihre Mutter hatte immer um jeden Preis vermieden, über ihren Vater zu sprechen, und wenn sie es tat, hatte sie ihn nur beschimpft. Ihr Besuch im Restaurant hatte sie in der Hinsicht auch nicht weitergebracht. Wohlhabende Geschäftsmänner waren offenbar zu sehr damit beschäftigt, noch mehr Geld zu verdienen, um mitten an einem Wochentag irgendwo zu relaxen.

Wenn sie mit Alex Small Talk machte, konnte sie vielleicht einige Tipps von ihm bekommen und sich von dem Gefühl der Einsamkeit ablenken, das sie seit dem Restaurantbesuch verspürte.

„Ich wohne seit drei Monaten in London, aber eigentlich komme ich aus Littleford“, erwiderte Jen. „Es ist eine Kleinstadt im Westen. Sie haben bestimmt noch nie davon gehört.“

„Liegt es in der Nähe von Bath?“

„Kennen Sie es?“, fragte sie verblüfft.

Alex schüttelte den Kopf. „Nein, aber die Gegend. Ich bin in Bristol aufgewachsen.“

„Sie kommen aus Bristol?“

Ein spöttischer Ausdruck trat in seine grünen Augen. „Ich habe nicht immer so gelebt wie jetzt. Mein Vater war Lkw-Fahrer, und meine Mutter hat in der Schulkantine gearbeitet.“

„Wirklich?“

„Ich könnte Ihre Verblüffung durchaus als Kränkung auffassen“, bemerkte er.

„Na ja, ich dachte, Sie kämen aus … privilegierten Verhältnissen.“

„Warum? Weil jemand mit meiner Herkunft es nicht bis ganz nach oben schaffen kann?“ Sein lässiger Tonfall strafte den Ausdruck in seinen Augen Lügen.

„So habe ich es nicht gemeint. Aber Sie haben eine Bilderbuchkarriere gemacht. Hollywood, London, Cannes …“

Alex schüttelte den Kopf. „Ich habe klein angefangen.“

Er trank einen Schluck Kaffee. Jen wartete darauf, dass er mehr erzählte, doch offenbar fand er seine Welt bei weitem nicht so interessant wie sie.

„Und, wie ist es in Littleford?“, erkundigte er sich schließlich.

„Ruhig. Es gibt einen Pub, ein paar Geschäfte, eine Kirche und einen Dorfteich“, erwiderte sie kurz angebunden, um das Thema wieder auf ihn zu bringen. „Wie haben Sie denn angefangen?“

Vorerst vergaß sie ihr Vorhaben, ihn darüber auszufragen, welche Anzüge er trug, weil sie sich brennend für seine Kindheit interessierte. Sie hatte geglaubt, er hätte reiche Eltern und ein Kindermädchen gehabt, Internate besucht und es später mithilfe von Beziehungen bis an die Spitze geschafft. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können?

Alex blickte in seine Tasse. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich schätze, ich hatte schon immer hochtrabende Ideen.“

Als Jen ebenfalls lächelte, schüttelte er den Kopf.

„Wo ich aufgewachsen bin, musste man die Schule beenden und dann gleich anfangen, Geld zu verdienen. Hochtrabende Ideen galten als Zeitverschwendung. Ich habe endlose Diskussionen mit meinen Eltern geführt, damit ich studieren konnte. Ich habe viel gejobbt, um die Gebühren zahlen zu können, und hatte immer das Gefühl, dass es Geldverschwendung wäre. Aber ich hatte Glück. Ich hatte einen sehr engagierten Dozenten und wollte unbedingt Erfolg haben. Ich habe einen Kurzfilm gedreht, mit einem geradezu lächerlich niedrigen Budget. Ich wusste, dass er gut war.“ Er lachte leise. „Mit Spielfilmen habe ich erst viel später angefangen. Meinen Größenwahn konnte ich nie ganz ablegen.“

„Das macht doch nichts“, erwiderte Jen. „Wenn man nur herumsitzt, erreicht man auch nichts.“

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass er sie wahnsinnig beeindruckte. Schnell rief sie sich ins Gedächtnis, dass er es zwar aus eigener Kraft geschafft hatte, aber seine Herkunft inzwischen vergessen zu haben schienen. Offenbar fand er es nicht unter seiner Würde, sein Geld dafür zu benutzen, sich rücksichtslos über andere hinwegzusetzen.

„Sie leben also allein?“

Sein Tonfall war beiläufig, und Alex blickte ihr nicht in die Augen. Ein Schauer rieselte ihr über den Rücken, und Jen kam sich etwas lächerlich vor. Die Vorstellung, dass Alex Hammond sich für sie interessieren könnte, war wirklich lächerlich.

„Ich wohne mit meiner Mutter zusammen“, erwiderte sie.

Ein plötzlicher Anflug von Heimweh überkam sie. Sosehr sie sich auch bemühte, sie fühlte sich in diesem Apartment einfach nicht zu Hause. Sie freute sich darauf, Weihnachten nach Littleford zu fahren, aber momentan konnte sie nur an ihren Artikel denken.

„Sie hat vor kurzem ihren Job verloren, und da ich das Praktikum gemacht habe, war es finanziell etwas eng. Ich hoffe, mein Artikel wird veröffentlicht, denn er wäre der Einstieg zu einem tollen Job. Wenn ich mehr verdiene, kann sie etwas kürzertreten.“

Elsie hatte ihr schon oft vorgeschlagen, sich mit ihrem Vater in Verbindung zu setzen und ihn um ein Almosen zu bitten. Das kam für sie allerdings nicht infrage, weil sie zu stolz war.

„Dann sind Sie also auf der Suche nach lukrativen Storys?“, hakte Alex nach.

Sein argwöhnischer Gesichtsausdruck entging ihr nicht.

„Sie wollen wissen, ob ich eine Enthüllungsstory über Sie plane, stimmt’s? Sind Sie deshalb so nett zu mir?“

„Ich treibe nur Konversation“, erwiderte er ruhig.

Jen stellte ihre Tasse auf den Tisch und stand auf. Wie hatte sie nur so naiv sein können zu glauben, Alex würde sich tatsächlich für sie interessieren? Er musste sich maßlos darüber ärgern, dass sie hier bei ihm wohnte, wenn er sich die Mühe machte, ihr zu schmeicheln. Aber das konnte ihr nur recht sein. Solange sie nicht auszuziehen brauchte, sollte er sich ruhig ärgern.

„Ich sagte Ihnen doch bereits, dass ich kein Interesse an Ihnen habe, solange ich an diesem Projekt arbeite. Solange Sie mich nicht rauswerfen, brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ihre Geheimnisse sind bei mir sicher.“

„Sie kennen keins meiner Geheimnisse.“

Sie ging um seinen Sessel herum, legte ihm die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm hinunter. Leider war sie nicht darauf gefasst gewesen, dass der Duft seiner warmen Haut und seines teuren Aftershaves ihr sofort zu Kopf stieg. Deshalb bemühte sie sich um einen energischen Tonfall.

„Was ich nicht weiß, kann ich jederzeit erfinden“, bel...

Autor

Bella Bucannon
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Lynne Graham

Lynne Graham ist eine populäre Autorin aus Nord-Irland. Seit 1987 hat sie über 60 Romances geschrieben, die auf vielen Bestseller-Listen stehen. Bereits im Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Liebesroman, leider wurde er abgelehnt. Nachdem sie wegen ihres Babys zu Hause blieb, begann sie erneut mit dem Schreiben....

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Charlotte Phillips
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