Bianca Exklusiv Band 398

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WIE VIEL MUT KOSTET DAS GLÜCK? von CHRISTINE WENGER

Ein grausames Schicksal raubt der kleinen Rose die Eltern – und plötzlich ist Lisa ihr Vormund. Aber nicht allein: Sully, ihr arroganter Feind der ersten Stunde, kümmert sich auch um Rose! Hat Lisa deshalb Herzklopfen bei dem Gedanken, dass sie ab sofort eine kleine Familie sind?

WAS MUSS ICH TUN, DAMIT DU BLEIBST? von TERESA SOUTHWICK

Auch wenn ihr Herz bricht, Olivia kündigt. Denn Brady O’Keefe ist viel mehr als ein Boss für sie. Schon viel zu lange ist sie in ihn verliebt! Der Tycoon von Blackwater Lake dagegen scheint in ihr nur die Hilfe, nicht die Frau zu sehen. Doch auf ihre Kündigung reagiert er unerwartet …

EIN JUNGGESELLE, EIN BABY UND ICH von SHERI WHITEFEATHER

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  • Erscheinungstag 28.02.2026
  • Bandnummer 398
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538190
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christine Wenger, Teresa Southwick, Sheri WhiteFeather

BIANCA EXKLUSIV BAND 398

Christine Wenger

1. KAPITEL

Die Haustür des riesigen Anwesens aus dem späten neunzehnten Jahrhundert schwang auf, und herein kam – Brett „Sully“Sullivan. Als er in Cowboystiefeln ins Haus ging, hallten seine Schritte dumpf von dem glänzenden Dielenboden wider.

Inzwischen war er in der Mitte des Wohnzimmers angekommen, und mit seiner großen, muskulösen Statur dominierte er den ganzen Raum. Den schwarzen Cowboyhut hatte er abgenommen und drehte ihn nervös zwischen Daumen und Zeigefinger herum.

Drei Jahre lang hatte Lisa Phillips ihn nicht mehr gesehen, und seitdem hatte er sich nicht gerade zu seinen Ungunsten verändert. Das rabenschwarze Haar trug er kurz und leicht zerzaust, was ihn etwas verwegen wirken ließ und damit perfekt zu seiner Persönlichkeit passte. Wenn die Cowboystiefel und der Hut nicht wären, würde man ihn in seinem grauen Anzug und mit der braunen Krawatte wohl eher für einen Anwalt halten und nicht für das, was er wirklich war: einen Rodeo-Champion.

„Wo ist denn Rose?“, fragte Sully und blickte sie mit seinen türkisblauen Augen besorgt an.

„In ihrem Zimmer. Meine und deine Eltern bringen sie gerade ins Bett“, erwiderte Lisa und gab einen Löffel Zucker in ihren Kaffee.

Er nickte. Dann trat er von einem Bein aufs andere – als wäre er unsicher, ob er überhaupt noch hierbleiben sollte. Wahrscheinlich würde er sich jetzt am liebsten wieder in sein Wohnmobil zurückziehen, statt Höflichkeitsfloskeln mit den Nachbarn und Verwandten auszutauschen, die vorbeikamen, um ihr Beileid auszusprechen.

Lisa selbst wäre jetzt am liebsten auf eine einsame Insel geflogen, um sich dort ganz allein an den Strand zu legen, sich vom Wasser umspülen zu lassen und die Sonne in sich aufzusaugen. Vielleicht hätte sie dann irgendwann aufhören können zu weinen.

„Hast du da etwa Kaffee?“, erkundigte sich Sully schließlich.

„Ja. Er ist sogar richtig heiß und stark.“

Sully setzte sich neben sie auf einen Stuhl und schenkte sich selbst einen Becher aus der Kanne ein, die ihr jemand freundlicherweise gebracht hatte. Offenbar trank er seinen Kaffee schwarz, wie man es von einem harten Cowboy auch erwartete.

Unwillkürlich musste Lisa an die sehr festliche Tauffeier ihrer Nichte Rose denken, bei der sie und Sully die Paten gewesen waren. Abends hatten Sullys Bruder Rick und Lisas Schwester Carol sich dann mit ihnen zusammengesetzt und sie beide darum gebeten, sich um Rose zu kümmern, falls ihnen jemals etwas zustoßen sollte.

Lisa war völlig perplex gewesen und hatte sich gleichzeitig geschmeichelt gefühlt.

Dann war das Undenkbare eingetreten.

Jetzt waren Rick und Carol nicht mehr bei ihnen. Ihr Auto hatte auf der nassen Straße keinen Halt mehr gefunden und war gegen einen Brückenpfeiler geprallt. Ihre dreijährige Tochter Rose hatte hinten auf dem Kindersitz gesessen und wie durch ein Wunder überlebt – ohne einen Kratzer.

Dass Lisa ihre Schwester Carol nie wiedersehen würde, erschütterte sie bis ins Mark, immer wieder schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen.

Es war so schrecklich … auch für Rose, die jetzt eine Vollwaise war.

Nun hatten Lisa und Sully das Sorgerecht.

„Sully?“

„Hm?“ Er wandte sich zu ihr um. Seine blauen Augen waren blutunterlaufen, darunter zeichneten sich dunkle Ringe ab. Bei seinem Anblick zog sich ihr das Herz zusammen: Der Mann hatte seinen Bruder verloren, und auch Lisa hatte Rick sehr geliebt.

„Weißt du noch, vor drei Jahren?“, sagte sie. „Da haben Rick und Carol uns gebeten, eine Sorgerechtsverfügung für Rose zu unterschreiben.“

„Ja.“

„Das heißt, dass wir jetzt ihre Erziehungsberechtigten sind.“

„Ich weiß.“ Er starrte auf seinen Cowboyhut. „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass …“

„Ich auch nicht. Außerdem bin ich dieser Mutterrolle überhaupt nicht gewachsen.“

„Und ich wäre ein richtig mieser Vater.“

„Was hat sich meine Schwester eigentlich dabei gedacht?“

„Mein Bruder muss besoffen gewesen sein.“

Lisa trank noch einen Schluck Kaffee, der so stark war, dass sie noch etwas Sahne dazugeben musste. „Und was machen wir nun?“

„Keine Ahnung.“

Erst streifte sie die hochhackigen Schuhe ab, dann den schwarzen Blazer, der so gut zu ihrem ebenfalls schwarzen Rock passte. Sie hasste dieses Kostüm, das sie immer nur zu Beerdigungen anzog.

Im Wandspiegel betrachtete sie ihr hellblondes Haar, das sich im Nieselregen auf dem Friedhof leicht gekräuselt hatte. Obwohl sie bewusst Make-up aufgetragen hatte, war sie aschfahl. Die ganze Zeit versuchte sie ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, aber jetzt drohten die Tränen sie doch zu überwältigen. Am liebsten hätte sie sich im nächstgelegenen Schlafzimmer aufs Bett geworfen, sich die Decke über den Kopf gezogen und geschlafen. Wenn sie dann wieder aufwachte, würde sie vielleicht feststellen, dass alles nur ein Albtraum gewesen war.

Bevor sie und Sully sich noch weiter unterhalten konnten, klingelte es an der Haustür, und Mrs. Turner von gegenüber ließ weitere Nachbarn herein. Alle hatten Kuchen oder etwas Warmes zu essen dabei. Lisa war der tüchtigen Mrs. Turner unendlich dankbar dafür, dass sie sich gerade um alles kümmerte.

Das Stimmengewirr in dem großen Raum mit der hohen Decke schwoll an, als hätte jemand den Lautstärkeregler hochgedreht. Am deutlichsten hörte man Sullys und Lisas Eltern heraus, Gordon und Betsy Sullivan sowie Clyde und Melanie Phillips. Die heftige Diskussion schien gerade ihren Höhepunkt zu erreichen.

„Wir können die Kleine doch zu uns nehmen“, sagte Betsy. „In unserer Eigentumswohnung in Florida haben wir genug Platz und eine tolle Aussicht. Sie liegt im achten Stock.“

„Das ist doch nichts für ein kleines Kind“, gab Melanie zurück. „Bei uns in Kentucky hat sie viele Gleichaltrige zum Spielen, wir wohnen in einer sehr kinderfreundlichen Kommune.“

„Klar, da können sie dann alle zusammen ein neues Gemeinschafts-Plumpsklo für die ganzen Hippies ausbuddeln“, fügte Gordon hinzu.

„Sag mal – spinnst du?“, fuhr Melanie Sullys Vater an.

In diesem Moment stand Sully auf und ging auf die beiden Elternpaare zu. „Jetzt reicht es aber“, sagte er mit fester Stimme.

Lisa stellte sich daneben. „Ich will nicht, dass Rose mitbekommt, dass sich ihre Großeltern beschimpfen. Außerdem steht längst fest, wer das Sorgerecht bekommt, nämlich Sully und ich.“

In diesem Moment übertönte eine tiefe männliche Stimme die Geräuschkulisse: „Das ist allerdings richtig.“

Alle drehten sich zu dem gepflegten weißhaarigen Mann im Dreiteiler um.

„Mein Name ist Glen Randolph, und ich bin Carols und Ricks Anwalt, außerdem waren wir gut befreundet. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie unterbreche. Meine Klienten haben mir gegenüber schon angedeutet, dass ich mich im Fall der Fälle auf so etwas gefasst machen müsste. Wo wir hier alle versammelt sind, würde ich mich gern in Ruhe mit Roses Großeltern, Brett Sullivan und Lisa Phillips zusammensetzen.“ Der Anwalt ließ den Blick über die anderen Besucher schweifen. Alle hatten ihre Gespräche unterbrochen, um zu hören, was er zu sagen hatte. „Kommen Sie, wir setzen uns dafür ins Ricks Arbeitszimmer.“

Die tüchtige Mrs. Turner forderte die Gäste auf, sich am Buffet zu bedienen, während Lisa, Sully und ihre Eltern dem Mann schweigend folgten.

Nachdem alle in dem kleinen Zimmer Platz genommen hatten, sahen sie ihn erwartungsvoll an.

„Wie gesagt – ich heiße Glen Randolph und war ein guter Freund von Carol und Rick“, begann er, und blickte seinen Gesprächspartnern nacheinander in die Augen. Als Nächstes öffnete er eine Fächermappe und zog mehrere bedruckte Bögen heraus. „Sie alle wissen ja, dass die beiden Brett und Lisa das Sorgerecht für Rose übertragen haben, und …“

„Sully?“, unterbrach Gordon Sullivan den Mann. „Ich fasse es nicht! Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass mein Sohn in einem Wohnmobil lebt und als Rodeo-Cowboy kein geregeltes Leben führt, sondern ständig von einem Event zum nächsten fährt? Und er soll sich um eine Dreijährige kümmern?“

Gordons Gesicht war puterrot geworden – so rot, dass Lisa befürchtete, er könnte gleich einen Herzinfarkt bekommen. Und obwohl sie nicht besonders viel für Sully übrig hatte, fand sie Gordons Bemerkungen seinem Sohn gegenüber ziemlich unverschämt. Wobei sie durchaus der gleichen Meinung war.

Sully biss sich auf die Unterlippe. „Rick hat mir seine Tochter anvertraut, da lasse ich ihn nicht im Stich.“

„Und ich lasse Carol nicht im Stich“, fügte Lisa hinzu.

„Wie soll denn das gehen?“ Ihre Mutter verdrehte die Augen. „Du bist doch genau wie Sully und kannst dem Kind kein stabiles Zuhause bieten. Weil du ja in einer Tour diese Kerosinfresser um die halbe Welt fliegst und damit nach und nach unseren Planeten zerstörst. In deinem teuren Apartment wohnst du praktisch gar nicht. Wie willst du da bitte eine Dreijährige großziehen?“

Wie bitte, ich bin genau wie Sully?

Auf gar keinen Fall!

„Ihr zwei seid mir ein schönes Paar“, fügte ihr Vater hinzu.

„Wir sind überhaupt kein Paar“, klärte Lisa ihn auf.

„Ganz bestimmt nicht“, presste Sully hervor und trommelte mit den Fingern auf Ricks Schreibtischplatte. Dabei bewegte sich sein großer Ring mit dem Türkisstein auf und ab – derselbe Ring, den Sully vor drei Jahren bei Roses Taufe getragen hatte. Daran erinnerte sich Lisa noch sehr gut. Überhaupt erinnerte sie sich an sehr vieles, was mit ihm zu tun hatte.

Obwohl der Mann ihr eigentlich herzlich egal war, schaute sie sich jedes Mal das Bullenreiten im Fernsehen an, wenn er dabei war. In letzter Zeit hatte er einen richtigen Lauf und stand fast ganz oben auf der Rangliste der besten Rodeo-Cowboys.

Allerdings konnte er schlecht weiter seine Rodeo-Karriere verfolgen und sich gleichzeitig um Rose kümmern. Auch Lisas Flugpläne ließen sich nicht wirklich mit Roses Bedürfnissen vereinbaren.

Sie schluckte. Aber was sollte sie machen, sie musste doch von etwas leben! Sie war nun mal Pilotin, das war für sie mehr als nur ein Beruf, sondern ein Teil ihrer Persönlichkeit.

„Sie beide werden mit Rose hier im Haus wohnen, das haben sich Carol und Rick so gewünscht“, fuhr der Anwalt fort. „Das Anwesen ist abbezahlt, und sie haben es Lisa und Brett hinterlassen. Ich schaue immer wieder unangekündigt vorbei, um sicherzustellen, dass es dem Mädchen gutgeht. Auch das haben Carol und Rick so angeordnet. Die beiden haben eine sehr großzügige Unterhaltsregelung getroffen, das Geld wird monatlich überwiesen. Sie haben auch einen Treuhandfonds für Rose eingerichtet. Damit kann sie entweder ihr Studium finanzieren, oder sie bekommt das Geld zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag ausgezahlt.“

„Ich verstehe“, murmelte Lisa. Sofort schossen ihr wieder die Tränen in die Augen: Nie wieder würde sie die Stimme ihrer Schwester am Telefon hören, nie wieder würde sie sie sehen und in die Arme schließen können.

„Mir ist durchaus bewusst, dass Sie gerade eine schwere, sehr traurige Zeit durchleben und dass das, was ich gleich sagen werde, ziemlich drastisch klingt. Aber falls Lisa und Sully sich gegen das Sorgerecht entscheiden sollten, oder falls meine Kontrollbesuche negativ ausfallen, kommt Rose zu ihren Großeltern. Dann wohnt sie im Wechsel ein halbes Jahr bei Mr. und Mrs. Phillips und anschließend bei Mr. und Mrs. Sullivan.“

Die beiden Großelternpaare blickten ihn interessiert an, aber Lisa war erschüttert. Diese Regelung hatte sie ganz vergessen. Für Rose wäre so ein Leben viel zu unruhig, das musste jedem klar sein.

„Haben Sie noch Fragen?“, erkundigte sich Mr. Randolph.

„Ich bitte Roses Großeltern um ihre Unterstützung“, meldete Sully sich zu Wort. „Lisa, Rose und ich müssen uns erst mal ein bisschen besser kennenlernen und aneinander gewöhnen. Da wäre es wirklich hilfreich, wenn ihr innerhalb der nächsten Woche abreisen würdet. Natürlich könnt ihr Rose gern hier anrufen.“ Er stand auf. „Was meinst du dazu, Lisa?“

„Ich sehe das ganz genauso“, sagte sie.

„Hoffentlich kriegt ihr beide das hin“, bemerkte ihr Vater. „Wir sind jedenfalls immer für euch da, ihr braucht nur bei uns durchzuklingeln.“

Sullys Mutter fingerte nervös an ihrem Diamantohrstecker herum. „Ich kann Rose ja für den Fall der Fälle schon mal ein Kinderzimmer in unserem Apartment einrichten.“

„Haltet euch mit solchen Bemerkungen bitte zurück.“ Lisa stand ebenfalls auf. „Wir tun alles, damit es Rose gut bei uns hat, das könnt ihr uns glauben.“

Sullys Mutter nickte. „Das glaube ich dir auch, entschuldige bitte.“

„Danke.“ Jetzt entspannte sich Lisa wieder etwas. „Ich weiß ja, dass ihr auch nur das Beste für Rose wollt.“ Inzwischen schien draußen die Sonne, also beschloss sie, sich für einen Moment in Carols wunderschönen Garten zu setzen, zwischen die duftenden Frühlingsblumen.

Sie entschuldigte sich und schlängelte sich zwischen den vielen Menschen am Buffet vorbei, während sie sich dafür bedankte, dass sie vorbeigekommen waren. Alle wirkten sehr freundlich. Schade eigentlich, dass Lisa ihre eigenen Nachbarn in Atlanta nie näher kennengelernt hatte, aber so selten, wie sie zu Hause war, war das kaum möglich gewesen.

Draußen im Garten setzte sie sich auf eine Bank. Sie holte tief Luft und atmete den Duft von Narzissen, Tulpen und Hyazinthen ein. Genau das vermisste sie in der Großstadt am meisten: diese Zeit, wenn der Schnee geschmolzen war und die ersten Frühlingsblumen blühten.

Ob sie es wohl schaffen würde, sich gut um Carols Garten zu kümmern? Und ob sie Rose wohl eine gute Mutter sein würde? Auch das wusste sie noch nicht.

Nachdenklich betrachtete sie das riesige Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert, ließ dabei den Blick bewundernd über die Türmchen und Vordächer gleiten. Das Haus hatte mehr Zimmer als so manche Pension, eigentlich hatten Carol und Rick viele Kinderzimmer daraus machen wollen.

Lisa schaute nach rechts und erblickte dort die große Statue einer griechischen Göttin. Athene vielleicht? Die Frau goss Wasser aus einem Krug in ein Betonbassin.

Ein Stück von ihr entfernt stand Sully und warf das Lasso nach Athene. Erst brachte er es über seinem Kopf zum Kreisen, dann ließ er es los, sodass es die Göttin zwischen ihren Brüsten und dem Krug umfing. Hin und wieder hielt er inne und schaute in die Ferne, als würde er über etwas nachdenken.

Immer wieder warf er das Lasso nach der Göttin, immer wieder verlor sich sein Blick im Nirgendwo … bis er schließlich den Kopf schüttelte und zu Lisa herüberkam.

„Darf ich mich zu dir setzen?“ Er lockerte die Krawatte und öffnete die obersten Hemdknöpfe. Dann warf er das Seil auf den Boden.

„Bist du jetzt fertig mit deinen Lasso-Übungen?“

„Das hilft mir beim Nachdenken.“

Sie rückte ein Stück zur Seite, um ihm Platz zu machen. „Ich habe auch gerade über alles nachgedacht.“

„Wir müssen uns wohl beide über ein paar Dinge klar werden.“

„Allerdings. Vielleicht sollte ich mich auch mal mit dem Lasso anfreunden.“

Sully zog eine tiefschwarze Augenbraue hoch. „Das kann ich dir gern beibringen, für mich ist es die perfekte Therapie.“

Und dann diese dichten Wimpern! Lisa hingegen war ein so heller Typ, dass sie dick Mascara auftragen und ihre Augenbrauen nachziehen musste, damit man sah, dass sie überhaupt Wimpern und Augenbrauen hatte.

Mit seinen blauen Augen sah er sie an. „Meinst du denn, dass wir miteinander auskommen? Wir können uns ja nicht mal besonders gut leiden. Das spürt Rose bestimmt sofort.“

Aber Hallo, er nahm schon mal kein Blatt vor den Mund.

Sully holte tief Luft, dann sprach er weiter: „Wir sind beide erwachsen, und Rose liegt uns sehr am Herzen. Außerdem will ich auf keinen Fall, dass sie zu meinen Eltern kommt. Die zwei sind viel zu autoritär, besonders mein Vater. Rick und mich hat er früher immer herumkommandiert wie ein Feldwebel.“

„Tja, und ich will nicht, dass sie bei meinen Eltern aufwächst. Die sind nämlich das Gegenteil und lassen ihr alles durchgehen“, erklärte Lisa. „In eine fremde Pflegefamilie soll sie auch nicht. Also ist sie auf uns angewiesen.“

„Das arme Mädchen.“ Sully lächelte ihr verschmitzt zu.

In diesem Moment verstand sie sehr gut, warum ihm so viele Rodeo-Groupies zu Füßen lagen: Wenn Sully seinen Cowboy-Charme spielen ließ, war es schwer, ihm zu widerstehen.

„Ja, die Arme“, stimmte sie ihm zu.

Dann lächelten sie sich an. Schon wieder waren sie sich einig – das kannte sie von ihren bisherigen Begegnungen ganz anders.

Plötzlich wurde sie wieder ernst, und Tränen liefen ihr über die Wangen … weil Carol und Rick ihr kleines Mädchen nicht mehr aufwachsen sehen konnten. Und weil Rose ihre Eltern verloren hatte.

Vorsichtig griff Sully nach ihrer Hand, und sie hatte nicht die Kraft, sie wegzuziehen. Im Grunde tat ihr die Geste sogar gut. Als er seine Finger um ihre schloss, spürte sie seine Kraft und seine Wärme.

„Ich will Rose nicht zumuten, alle sechs Monate von einem Großelternpaar zum anderen zu wechseln“, sagte er erneut. „Es ist so schon schwer genug für sie.“

„Absolut.“

„Dann müssen wir wohl dafür sorgen, dass das mit uns beiden funktioniert, Lisa.“

„Ich weiß. Aber ich habe Angst.“

„Ich auch. Komisch eigentlich: So ein wild gewordener tonnenschwerer Bulle mit riesigen Hörnern kann mich nicht einschüchtern, aber bei dem Gedanken daran, ein kleines Mädchen großzuziehen, wird mir ganz anders.“

„Ach was, ich habe doch gesehen, wie du mit ihr umgehst, und ich finde, dass du einen sehr guten Draht zu ihr hast. Sie vergöttert dich richtig.“ Ansonsten hielt Lisa zwar nicht viel von Sully, aber das musste sie ihm lassen.

„Danke, gleichfalls.“ Er hielt kurz inne, dann schüttelte er den Kopf. „Trotzdem kann ich nicht ständig am selben Ort wohnen, so bin ich einfach nicht gestrickt.“

„Ich auch nicht“, erwiderte Lisa. „Außerdem können wir schlecht zu dritt in dein Wohnmobil ziehen, und mein Apartment in Atlanta kommt auch nicht infrage. Carol und Rick haben sich ausdrücklich gewünscht, dass Rose hier in diesem Haus aufwächst.“

„Ich weiß. Rose braucht …“ Er wies auf das riesige Gebäude. „… dieses weiße Monstrum.“

„Und wovon sollen wir leben?“, hakte Lisa nach. „Gut, Carol und Rick haben dafür gesorgt, dass wir hier regelmäßige Geldeingänge haben, aber die sind ja für Rose gedacht.“

„Dann müssen wir uns eben etwas überlegen. Jedenfalls muss ich unbedingt dieses Jahr beim großen Rodeo-Finale in Las Vegas dabei sein. Ich habe nämlich gute Chancen, den ersten Platz zu machen.“

Hatte er da eben Las Vegas gesagt? Die Stadt lag Tausende von Kilometern von der Salmon Falls im Bundesstaat New York entfernt, auf der anderen Seite der USA.

„Aber wir haben jetzt April, und das große Finale ist erst im November“, warf sie ein.

„Ach, und woher weißt du das? Schaust du dir die Wettkämpfe etwa im Fernsehen an?“

„Natürlich nicht!“, log sie. „Wahrscheinlich habe ich bloß irgendwo eine Ankündigung gesehen.“

Seltsamerweise freute sie sich immer auf die Wochenenden, an denen das Bullenreiten übertragen wurden und sie Sullys Fortschritte verfolgen konnte. Und wenn sie an besagten Wochenenden eine Maschine fliegen musste, zeichnete sie die Sendungen auf. Warum eigentlich? Das wusste sie selbst nicht. Fühlte sie sich vielleicht insgeheim zu ihm hingezogen? Nein, absolut nicht. Sie hatte einfach nur eine Schwäche fürs Bullenreiten als Sport, es war … eben mal etwas anderes. Und da Sully gar nicht mal so schlecht war und sie ihn dazu persönlich kannte, feuerte sie eben ihn an.

„Okay, über die Las-Vegas-Geschichte können wir uns später noch Gedanken machen“, sagte Lisa.

„Nein, eben nicht. Wenn ich da gewinnen will, muss ich vorher an allen Wettkämpfen teilnehmen, um mich überhaupt erst zu qualifizieren.“ Während er sprach, ließ er sein rechtes Bein auf- und abwippen, als wäre er nervös. „Das sind insgesamt noch siebzehn, wenn ich richtig gerechnet habe. Vier pro Monat, nur im Sommer gibt’s eine längere Pause.“

„Und ich muss weiter als Pilotin arbeiten und meine Flugpläne einhalten. Das ist mir auch wichtig.“

Er verstärkte den leichten Druck auf ihre Hand, die er immer noch umschlossen hielt, dann sah er Lisa an. „Sollen wir dem Anwalt sagen, dass wir doch noch nicht so weit sind?“

Verdammt, waren seine Augen blau! „Das stimmt zwar vielleicht, aber das können wir nicht tun“, erwiderte sie. „Und wahrscheinlich ahnt Mr. Randolph schon, dass wir unseren Lebensstil ganz schön umstellen müssen, um Rose gerecht zu werden. Deswegen will er unangekündigt bei uns vorbeischauen.“

„Ich weiß.“

Lisa seufzte. „Außerdem waren wir uns noch nie besonders sympathisch, dafür sind wir viel zu verschieden. Du bist eine richtige Rampensau, und ich …“

„Du bist eher eine Langweilerin“, beendete er ihren Satz.

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Soll das eine Anspielung auf Roses Tauffeier sein? Als du dieses Bierfass mitgebracht hast und alle Männer dazu angestiftet hast, mit dir Football zu schauen und Zigarre zu rauchen, und ich damit nicht einverstanden war? Falls du das meinst, dann kann ich dir nur zustimmen. Dann bin ich wirklich eine Langweilerin.“

„Auf jeden Fall nimmst du in solchen Fällen kein Blatt vor den Mund.“

„Wenn sich jemand wie ein Idiot aufführt, dann bestimmt nicht ich. Darf ich dich bei der Gelegenheit auch noch an Ricks Junggesellenabschied erinnern?“, fügte sie hinzu.

„Oh, bitte nicht. Davon hab ich mich immer noch nicht erholt …“

„Außerdem gab es da noch dieses eine Mal …“

„… als du dich wie eine arrogante Zimtzicke verhalten hast, meinst du das? Ich …“ Plötzlich hielt Sully inne. „Lass uns lieber aufhören, das passt gerade nicht hierher.“

„Da hast du wohl recht.“

Einige Sekunden lang saßen sie schweigend nebeneinander. „Wenn Rose nicht zu unseren Eltern soll, dann kann sie nur zu uns“, erklärte Lisa schließlich. „Da hatten Carol und Rick keine andere Wahl. Sonst gibt es keine näheren Verwandten mehr, jedenfalls nicht auf meiner Seite.“

„Das sieht bei mir nicht anders aus“, sagte Sully. Er begegnete ihrem Blick, und für eine Millisekunde versank sie in seinen tiefblauen Augen. „Und weil wir Rose beide lieben, müssen wir uns zusammenreißen und die Sache durchziehen.“

2. KAPITEL

„Ich will meine Mommy und meinen Daddy wiederhaben!“ Die Tränen standen Rose in den Augen. „Ich will nicht, dass sie im Himmel sind. Sie sollen hier bei mir sein!“

Der schneeweiße Kater Snowball, der sich links neben Rose zu einem flauschigen Knäuel zusammengerollt hatte, musterte das Mädchen aufmerksam. Und Molly, eine kleine Promenadenmischung mit kurzem schwarzem Haar, blickte vom Boden aus zu ihr hoch.

Lisa selbst hatte als Kind nie Tiere gehabt, aber ihr war sofort klar, dass Snowball und Molly spürten, in welcher Not Rose sich befand. Seit dem Tod ihrer Eltern waren sie nicht von ihrer Seite gewichen.

Lisa selbst saß rechts neben Rose und hatte ihr einen Arm um die schmalen Schultern gelegt. Beide Großelternpaare waren morgens abgereist, jetzt herrschte eine himmlische Ruhe im Haus.

Bis eben hatte sie Rose noch etwas vorgelesen, und alles hatte gut ausgesehen, aber dann hatte Rose plötzlich das Buch zugeschlagen. Ihre Unterlippe zitterte. „Ich will nicht, dass sie im Himmel sind.“

„Deine Mommy und dein Daddy denken die ganze Zeit an dich … so, wie du auch an sie denkst.“ Lisa zog ihre Nichte sanft an sich. Wenn ihr doch nur die richtigen Worte einfallen würden, um das Mädchen zu beruhigen! Und sich selbst gleich dazu, denn sie vermisste ihre Schwester schmerzlich. „Die beiden schauen dir jetzt vom Himmel aus zu, und sie lieben dich sehr. Ich liebe dich auch, und Onkel Sully liebt dich auch. Und alle deine Großeltern natürlich.“ Vorsichtig tupfte sie Rose die Tränen mit einem Taschentuch von den Wangen und forderte sie auf, auszuschnauben. Währenddessen legte Molly dem Mädchen die Schnauze auf das Bein, und Rose fuhr der Hündin über den Kopf. Dann schlug sie das Buch wieder auf, blätterte darin, zeigte auf dieses und jenes Bild und benannte die darauf dargestellten Gegenstände.

Lisa konnte kaum glauben, dass sie und Sully inzwischen schon seit einer Woche mit Rose in Carols und Ricks Haus wohnten. Seit der Beerdigung war sie nicht mehr in ihrem Apartment in Atlanta gewesen, insofern war sie auf die wenigen Kleidungsstücke in ihrem Koffer angewiesen und musste sie immer wieder durchwaschen.

Sully und sie hatten jeweils ein Zimmer im Erdgeschoss bezogen, die einander gegenüberlagen. In seinem hatte er zwar schon einige seiner Sachen untergebracht, aber Lisa wusste, dass es ihn immer wieder zu seinem Wohnmobil zurückzog. Wenn sie nachts nicht einschlafen konnte, bekam sie oft mit, dass er sich aus dem Haus schlich und erst sehr viel später wiederkam: Sie hörte die Türen knarren und seine Schritte auf dem Holzboden.

„Hey, Rose, wie wär’s, wenn du mir etwas aus dem Buch vorliest?“, schlug sie ihrer Nichte vor. „Du kennst die Geschichte doch schon.“

Das Mädchen wischte sich die Nase am Ärmel ab und legte das Buch auf den Schoß. Und während Rose sich eine Geschichte über ein Häschen ausdachte, das auf dem Markt Gemüse für eine Party einkaufte, lauschte Lisa dem Rasenmäher im Vorgarten. Nach mehreren Winken mit dem Zaunpfahl hatte Sully endlich aufgehört, sein Lasso über die blöde Göttinnenstatue im Garten zu werfen, und das Fahrzeug aus dem Schuppen geholt. Und nachdem er einige Stunden daran herumgebastelt und dabei literweise Kaffee getrunken hatte, hatte er es sogar zum Laufen gebracht.

Jetzt hörte Lisa, wie der Rasenmäher sich näherte. Sie und Rose drehten sich auf dem Sofa um und sahen aus dem großen Panoramafenster dahinter nach draußen in den Garten und winkten Sully zu.

Er hob ebenfalls einen Arm zum Gruß und stieß ein lautes „Yee-haw!“ aus, während er an ihnen vorbeituckerte. Bei der nächsten Runde wiederholte er das Spiel. Dann nahm er sich den Cowboyhut vom Kopf und fächerte dem Motor damit demonstrativ Luft zu.

Schließlich hielt er sein kleines Gefährt an, tat, als würde er stattdessen von einem wilden Bullen steigen, und verneigte sich vor seinem Publikum.

Er stieg wieder auf, legte einen Hebel um … und hatte offenbar damit gerechnet, dass sich der Rasenmäher vorwärtsbewegen würde, stattdessen fuhr er rückwärts. Ein Bild für die Götter!

Lisa und Rosa prusteten los, und Sully spielte den Entrüsteten. Darüber mussten die beiden nur noch mehr lachen. Es fühlte sich wunderbar befreiend an.

Sully tat Rose gut.

Vielleicht tat er sogar ihr selbst gut?

Sully wusch sich gerade seine öl- und grasverschmierten Hände am Becken in der Waschküche, als er einen seltsamen Geruch wahrnahm. Es roch irgendwie … verbrannt.

Kaum kam er in die Küche gestürzt, ging auch schon der Rauchmelder los. Rose fing sofort an zu weinen. Lisa wiederum stand vor der geöffneten Ofentür und versuchte, den daraus aufsteigenden Qualm mit einem Küchentuch wegzuwedeln.

Sully schnappte sich zwei Topflappen, schubste Lisa mit der Hüfte zur Seite und zog eine Fettpfanne heraus, auf der ein paar verkohlte undefinierbare Reste lagen, die dazu lichterloh brannten.

Er ließ die brennende Fettpfanne ins Waschbecken fallen. Zu spät wurde ihm klar, dass es voller Spülwasser war, sodass es erst ein lautes, zischendes Geräusch gab und dann eine kleine Explosion. Danach war es totenstill, selbst Rose gab keinen Laut mehr von sich.

Sully knurrte der Magen. Er konnte nur hoffen, dass eben keine saftigen Steaks im Ofen verkohlt waren. Genau darauf hätte er jetzt nämlich so richtig Lust.

Weiß wie eine Wand und stocksteif stand Lisa neben der Spüle.

„Hey, alles in Ordnung? Hast du dich verbrannt?“ Er griff nach ihren Händen und untersuchte sie vorsichtig.

Statt seine Frage zu beantworten, starrte sie ihn nur weiter an.

„Lisa?“ Er zog sie weg von dem Becken, in dem gerade ihr … nun ja, Abendessen lag, zu dem Spülbecken daneben. Dort ließ er ihr kaltes Wasser über die Hände laufen und suchte weiter nach Verbrennungen – aber es schien alles in Ordnung zu sein.

Dann zwinkerte er Rose zu, die sich gerade an Lisas Hosenbein festkrallte. „Es ist alles okay, Rose“, sagte er. „Lisa geht es gut. Stimmt’s, Lisa?“

Allmählich nahmen ihr Gesicht und ihre Lippen wieder Farbe an. „Alles in Ordnung, meine Süße, mach dir keine Sorgen“, sagte Lisa und fuhr dem Mädchen durchs Haar. Dann seufzte sie. „Eigentlich sollte das Hackbraten mit Ofenkartoffeln werden. Stattdessen habe ich euch Kohle in Seifenwasser gekocht.“

„Nicht so schlimm.“ Sully streckte eine Hand nach Rose aus, und das Mädchen ergriff sie. „Wir können ja essen gehen. Wo wollt ihr hin?“

„Erst zu Pete’s Pizza und dann zum Eisladen“, schlug Rose wie aus der Pistole geschossen vor.

Lisa grinste. „Gute Idee.“

„Okay, ich gehe nur schnell unter die Dusche, dann bin ich wieder bei euch“, sagte Sully. Er ging in sein Zimmer und suchte dort als Erstes saubere Sachen zusammen. Dann duschte er im angrenzenden Badezimmer.

Er fuhr sich noch schnell mit einem Kamm durchs Haar und nahm sich vor, beim nächsten Stadtspaziergang mit Rose schnell beim Friseur vorbeizuschauen. Er hatte nämlich keine Lust darauf, dass sich die Fernsehkommentatoren wieder über sein zu langes Haar lustig machten.

Wenn er an das Bullenreiten dachte, wurde ihm vor Aufregung warm, und sein Herzschlag beschleunigte sich. Das nächste Rodeo fand in Fort Lauderdale in Florida statt, und zwar gleich am kommenden Samstag. In nur sechs Tagen also. Wenn er seinen Platz in der Rangliste halten wollte, musste er auf jeden Fall teilnehmen.

Dann wollte er das große Finale gewinnen.

Und dann wollte er mit dem Sport aufhören.

Um als Fernsehkommentator beim Rodeo weiterzuarbeiten.

Mittlerweile war er fast dreißig, und das Bullenreiten war nur etwas für junge Männer. Weil er sich aber ein Leben ohne diesen Sport nicht vorstellen konnte, kam für ihn bloß noch eine Karriere als Sportreporter infrage. Und solche Stellen wurden nur an die Besten der Besten vergeben.

Von der Kleinstadt Salmon Falls nach Fort Lauderdale in Florida musste er etwa vierundzwanzig Stunden reine Fahrzeit in seinem Wohnmobil rechnen. Wenn er also am Donnerstag losfuhr, konnte er Dienstag früh wieder hier sein.

Er nahm den Cowboyhut von der Kommode und setzte ihn auf. Doch während er sich im Spiegel betrachtete, wurde ihm klar, dass er ein wichtiges Detail nicht bedacht hatte. Zwei wichtige Details, genaugenommen: Lisa und Rose. Die konnte er nicht einfach übergehen. Das war für ihn völlig neu, früher hatte er bei seinen Entscheidungen nie auf andere Menschen Rücksicht nehmen müssen.

Sully öffnete die Zimmertür, nahm Ricks Autoschlüssel von der Kommode und machte sich auf die Suche nach den beiden Damen, mit denen er gleich zum Essen verabredet war.

Eine Stunde später saß er auch schon mit Lisa und Rose bei Pete’s Pizza und aß dort die beste Pizza, die ihm je untergekommen war. Rose hatte sich den Belag im ganzen Gesicht und auf ihrem Oberteil verteilt, und Lisa war gerade damit beschäftigt, ihr wenigstens das Gesicht sauber zu wischen.

„Darf ich jetzt spielen gehen?“ Das Mädchen zeigte auf ein Bällebad, das sich mitten in einem knallblauen aufblasbaren Märchenschloss befand. Einige Kinder tobten schon lautstark darin herum.

Lisa runzelte die Stirn und sah zu Sully herüber. „Ich weiß nicht“, sagte sie. „Nicht, dass sie sich wehtut.“

„Ach was, da passiert schon nichts“, erwiderte er. „Lass sie einfach spielen. Oder willst du dich mit ihr reinsetzen und auf sie aufpassen?“

„Dafür bin ich zu schwer, da drüben steht etwas von einem Höchstgewicht.“

„Ach, du liebe Güte, du hast dir das ja ernsthaft überlegt“, stellte Sully lachend fest. „Schau mal, da hinten sitzt ein Mitarbeiter, der hat die Kinder die ganze Zeit im Auge. Außerdem können wir Rose von unserem Tisch aus sehr gut sehen. Und jetzt lass sie mit den anderen spielen.“

„Lieber nicht.“

„Komm schon, Lisa, sei doch nicht so.“

„Also gut.“ Sie wandte sich Rose zu. „Sei bitte vorsichtig, meine Süße.“

„Versprochen.“ Sofort lief das Mädchen zu den anderen Kindern – für Sully die Gelegenheit, sich endlich in Ruhe mit Lisa zu unterhalten.

„Ich muss am Wochenende zum Rodeo in Fort Lauderdale“, setzte er an und schaute suchend nach Rose im Bällebad.

„Da drüben ist sie!“ Lisa zeigte in die entsprechende Richtung und winkte ihrer Nichte zu.

„Lisa, ich muss dringend nach Fort Lauderdale.“

Sie tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab. „Und wann genau geht dein Flug? Am Samstag? Kommst du Sonntag spät zurück?“

„Ich fliege grundsätzlich nicht, auf gar keinen Fall. Wenn man mich in ein Flugzeug kriegen will, muss man mich mit Whisky abfüllen und fesseln. Nein, ich bleibe lieber mit beiden Beinen auf dem Boden.“ Er gab Rose ein „Daumen hoch“-Zeichen.

„Guck mal, wie ich springe, Tante Lisa!“, rief das Mädchen zu ihnen herüber. Dann machte sie einen Bauchklatscher mitten ins Bällebad, und Lisa applaudierte kräftig.

Als Rose sich erneut den anderen Kindern zuwandte, nahm Lisa das Thema wieder auf. „Und warum fliegst du grundsätzlich nicht, du todesmutiger Rodeo-Cowboy?“

„Weil ich fest an das Gesetz der Schwerkraft glaube. Und das spricht nun mal dagegen, dass sich mehrere Tonnen Metall, Glas und Gepäck über längere Zeit in der Luft halten können.“ Er erblickte Rose und winkte.

„Möchtest du eine technische Erklärung dafür?“

„Lass gut sein, ich glaube dir sowieso nicht.“ Er grinste. „Genau aus diesem Grund habe ich mir übrigens das Wohnmobil zugelegt – damit ich zu allen Veranstaltungen fahren kann. Am Donnerstag wollte ich in Richtung Fort Lauderdale aufbrechen, am Dienstag wäre ich wieder da.“

„Ist das eine Frage, oder stellst du mich vor vollendete Tatsachen?“ Sie klatschte in die Hände, als Rose sich erneut in die Bälle warf.

„Normalerweise bitte ich niemanden erst groß um Erlaubnis, also würde ich sagen … Letzteres.“ Rose versuchte aufzustehen, verlor aber das Gleichgewicht. Darüber musste Sully laut lachen.

Lisa verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. Dabei sah sie Sully zum ersten Mal in die Augen, seit sie das Gespräch begonnen hatten. „Das war uns beiden klar – dass das irgendwann kommen würde, oder?“

Er nickte. „Im Gegenzug darfst du auch mal irgendwohin fliegen.“

„Wie bitte? Ich darf auch mal irgendwohin fliegen? Gibt du mir gnädigerweise die Erlaubnis dazu?“

Sully kniff die Lippen zusammen. „Oha. Hab ich mich gerade etwas unglücklich ausgedrückt?“

„Etwas sehr unglücklich, würde ich sagen.“

Mit einem Daumen schob er sich den Hut in den Nacken. Meistens erinnerte Lisa ihn an Mrs. Moth, seine Lehrerin in der zweiten Klasse. Fehlte nur noch das Lineal, mit dem sie ihm damals immer auf die Finger gehauen hatte.

„Ach, komm schon, du weißt genau, wie ich das eben gemeint habe.“

„Moment, ich muss mir gerade wieder die letzte Woche vor Augen führen. Wie war das noch mal?“ Sie räusperte sich. „Ach ja: Da habe ich mich die ganze Zeit mit unseren beiden Elternpaaren herumgeärgert, während du dich täglich bis abends mit Rose aus dem Staub gemacht hast. Und wenn du wieder da warst, hast du dich gleich in deinem Wohnwagen versteckt. Inzwischen hab ich einen ganz schönen Lagerkoller, das kannst du mir glauben.“

„Das tut mir wirklich leid“, sagte er. „Aber unsere Mütter wollten dir ja unbedingt das Kochen beibringen.“

„Ja, und unsere beiden Väter hatten einen Riesenspaß dabei“, gab sie verärgert zurück.

Sie hatte recht, er hatte sie wirklich ganz schön im Stich gelassen. Aber er hatte es einfach nicht mehr im Haus ausgehalten. Schließlich war er sonst meistens allein und hatte seine Ruhe.

„Mir würde ein Tapetenwechsel übrigens auch mal ganz guttun“, sagte Lisa. „Darum lasse ich dich unter zwei Bedingungen nach Fort Lauderdale fahren.“

Er suchte ihren Blick. Was sie hier gerade abzog, war sogar noch schlimmer als alles, was er von seiner Grundschullehrerin gewohnt war. „Und die wären?“

Lisa hielt zwei Finger hoch, genau wie Mrs. Moth damals. „Erstens will ich dafür zwei Flüge übernehmen, während du auf Rose aufpasst.“

„Einverstanden.“ Das war ja nur halb so wild.

„Und zweitens kommen Rose und ich mit nach Fort Lauderdale.“

Sully runzelte die Stirn. „Habe ich dir nicht eben erst erklärt, dass ihr mich in kein Flugzeug kriegt?“

„Dann fahren wir eben alle zusammen mit deinem Wohnmobil hin. Dabei können wir gleich die ganze Woche wegbleiben und uns besser kennenlernen.“

„Wie bitte? Du willst mit mir eine Woche lang in diesem engen Ding wohnen? Gehen wir uns da nicht gegenseitig an die Gurgel?“

„Kann schon sein.“ Lisa lachte, und das gefiel ihm. Wenn es nach ihm ginge, könnte sie das viel öfter tun, aber dafür gab es wohl kaum einen guten Grund – immerhin hatte sie gerade ihre Schwester verloren …

„Onkel Sully, Tante Lisa, guckt doch mal!“, rief Rose zu ihnen herüber.

Beide hoben den Kopf, und das Mädchen sprang etwa zum hundertsten Mal ins Bällebad. Lisa applaudierte, Sully pfiff lautstark durch die Zähne.

„Okay, Sully …“ Lisa holte tief Luft, und er machte sich innerlich für das bereit, was jetzt kommen würde. „Dann stelle ich mich jetzt als Pilotin für private Charterflüge zur Verfügung, statt einen festen Flugplan bei einer Fluggesellschaft zu übernehmen. Das bedeutet, dass man mich von Mal zu Mal nach Absprache buchen kann. Außerdem kann ich dann von Albany aus fliegen, das liegt ja ganz in der Nähe von Salmon Falls.“

Jetzt konnte er schon wieder ruhiger atmen. „Klingt gut.“

„Finde ich auch. Und für Rose ist es auch besser.“

„Das weiß ich wirklich zu schätzen, Lisa.“ Mit so einem Entgegenkommen hatte er nicht gerechnet.

Sie nickte. „Und was hältst du von meiner Idee, dass wir alle zusammen nach Fort Lauderdale fahren?“

Am liebsten hätte er sich wieder sein Lasso geschnappt und es nach der Statue im Garten geworfen, um sich dabei alle Vor- und Nachteile durch den Kopf gehen zu lassen. „In Ordnung“, sagte er plötzlich.

Lisa reichte ihm die Hand, und er schlug ein. Irgendwie gefiel ihm ihre nüchterne, geschäftsmäßige Art. Bei ihr wusste er, woran er war. Und sie beide hatten das gleiche Ziel: Sie wollten nur das Beste für Rose.

Das Mädchen tobte immer noch durch die Bälle, ihr Gesicht glühte vor Aufregung und Freude. Ganz offensichtlich hatte sie gerade einen Riesenspaß. Vielleicht konnte sie dabei sogar vorübergehend vergessen, dass sie erst vor Kurzem ihre Eltern verloren hatte … und sich jetzt mit Tante Lisa und Onkel Sully zufriedengeben musste.

Gerade er selbst war alles andere als ein typischer Familienvater. Er hatte noch nie geregelte Arbeitszeiten gehabt und war schon immer ein richtiges Partytier gewesen. Egal, dann würde er eben dafür sorgen, dass Rose ihren Spaß am Leben hatte. Um Regeln, Pflichten und den ganzen Langweilerkram konnte sich ja Lisa kümmern.

3. KAPITEL

Drei Tage lang beluden Sully, Lisa und Rose das Wohnmobil für die Fahrt nach Fort Lauderdale. Die Schränke und Schubladen waren schnell voll, weil Lisa und Rose extra noch eingekauft hatten. Gerade kamen die beiden mit einem weiteren Schwung Plastikboxen auf den Wagen zu.

„Wir haben Hotdogs gekauft“, verkündete Rose. „Und Zutaten für Hamburger.“ Mit ihren braunen Augen, die ihn so sehr an seinen Bruder Rick erinnerten, schaute sie zu ihm hoch. „Wann besuchen wir eigentlich Micky Maus?“ Damit meinte sie offenbar Disney World in Orlando, das immerhin ein paar Hundert Kilometer von Fort Lauderdale entfernt lag. Für einen Abstecher dahin hatten sie eigentlich keine Zeit. „Wenn Tante Lisa endlich fertig ist, würde ich gern losfahren“, sagte er.

Campen schien nicht Lisas größte Stärke zu sein, und er war unsicher, wie sie in den nächsten Tagen miteinander zurechtkommen würden.

Trotzdem berührte es ihn, wenn er mitbekam, wie nah ihr der Verlust ihrer Schwester ging. Manchmal saß sie lange auf der Gartenbank und starrte in die Ferne. Hin und wieder war er kurz davor, sich zu ihr zu setzen und sie ein bisschen zu trösten, doch er befürchtete, das könnte ihr nicht recht sein.

Jetzt kam sie gerade die Stufen zum Wohnwagen hoch. „Okay, wir können los. Es ist neun Uhr dreißig, genau wie geplant.“

Sully konnte sich nicht daran erinnern, dass sie eine bestimmte Abfahrtszeit vereinbart hatten. Aber egal. „Okay, auf geht’s! Schnallt euch bitte an.“ Er deutete auf den Tisch mit den Sitzbänken, die alle mit Gurten versehen waren. „Ihr könnt beide hier hinten sitzen, aber der Beifahrerplatz neben mir ist auch noch frei.“

Sofort rutschte Lisa auf die Sitzbank und Rose nahm ihr gegenüber Platz. Beide schnallten sich an. Dann würde er heute wohl ohne Beifahrerin reisen müssen.

Eigentlich reist es sich so ganz gemütlich, dachte Lisa, als sie Rose vorsichtig zudeckte. Wenn sie den Küchentisch hochklappte, verhinderte der, dass das Mädchen beim Schlafen von der Sitzbank rollte. Außerdem war es gar nicht so schlecht, immer eine Toilette dabei zu haben.

Trotzdem wäre sie lieber nach Florida geflogen.

In diesem Augenblick klingelte ihr Handy. Das Display zeigte an, dass der Anruf von ihrer Freundin Luann von der kleinen Charterfluggesellschaft JFW Aviation kam. Luann war diejenige, die die Piloten für die Flüge buchte.

Augenblicklich beschleunigte sich Lisas Herzschlag. Das konnte nur bedeuten, dass sie bald wieder fliegen würde … wie hatte sie das vermisst! „Hallo Luann! Hast du etwas für mich?“

„Allerdings. Hier wollen ein paar Glücksspieler von Albany nach Las Vegas und wieder zurück geflogen werden. Und du wohnst doch ganz in der Nähe von Albany. Es ist auch nur ein Kurztrip, nach drei Tagen bist du wieder zu Hause.“

„Heißt das, dass ich solange in Las Vegas bleiben soll?“

„Klar. Es lohnt sich ja kaum, dich per Linienflug zurück- und dann wieder hinzuschicken, damit du die Chartermaschine zurückfliegen kannst.“

Anders herum hieße das aber, dass sie drei Tage unterwegs wäre …

„Wann soll ich denn fliegen?“, erkundigte sich Lisa und zog Kalender und Stift aus der Handtasche. „Okay, alles klar.“ Sie notierte sich alle wichtigen Informationen. „Das müsste schon klappen, aber ich bestätige dir das noch mal. Vielen Dank, Luann.“

Endlich wieder fliegen! Bei dem Gedanken fühlte sie sich beschwingt.

Aber Moment – die Flugtermine fielen ja auf ein Wochenende! Und sie hatte Sully versprochen, nur Aufträge in der Woche zu übernehmen, damit er an Samstagen und Sonntagen reiten konnte. Und jetzt? Sie wollte ihr erstes Angebot nicht gleich ablehnen, außerdem passte der Auftrag perfekt, weil sie gleich vom Nachbarort Albany aus fliegen würde.

Also musste sie mit Sully wohl etwas aushandeln.

Sie fuhren noch eine Weile den Highway entlang, dann lenkte Sully den Wagen auf eine Ausfahrt und weiter auf einen Campingplatz. „Bin gleich wieder da, ich melde uns nur kurz an.“

Lisa schloss die Augen. Inzwischen war es Abend, und sie war ganz schön müde. Vielleicht schnitt sie das Thema mit dem Charterflug lieber erst morgen früh an …

Offenbar war sie eingeschlafen, denn als Nächstes hörte sie, dass Sully übers Handy telefonierte. „Natürlich bin ich dabei, Chet“, sagte er gerade. „Klar, ich gebe danach gern eine Autogrammstunde. Wann ist das noch mal? In zwei Wochen? Und in Anaheim, sagst du? Verstanden, kein Problem.“

So ein Mist. Jetzt hatte er an ihrem Flugwochenende einen Termin zugesagt.

Lisa seufzte. Wenn sie den Rodeo-Ablauf richtig im Kopf hatte, war gerade die nächste Veranstaltung besonders wichtig für ihn: Da würden die Cowboys mit den wenigsten Punkten ausscheiden. Momentan stand Sully zwar ziemlich gut da, aber das konnte sich beim Rodeo schnell ändern.

Inzwischen war es halb acht Uhr abends, und Lisa hätte sich am liebsten sofort schlafen gelegt, so müde war sie. Aber das ging nicht, sie musste jetzt eine gute Mutter sein und mit Rose in das Schwimmbad hier auf dem Campingplatz gehen. Kaum hatte Rose davon gehört, hatte sie auch schon ihren Badeanzug herausgesucht. Hoffentlich hatte Sully auch eine vernünftige Badehose dabei …

Er lenkte den Wagen auf ihren Stellplatz, dann kümmerte er sich um die Anschlüsse. In der Zwischenzeit schlüpfte Lisa in ihre provisorischen Schwimmsachen: Shorts und ein dunkles T-Shirt. Sie hatte nicht daran gedacht, einen Badeanzug mitzunehmen.

Sully hatte offenbar auch keine Badehose dabei, also zog er sich abgeschnittene Jeans über.

Hand in Hand gingen die drei zum Pool, Rose zwischen den beiden Erwachsenen. Die Sterne funkelten am fast schwarzen Abendhimmel, und der Vollmond lächelte sanft auf sie herab.

Sully blickte erst zu Rose, dann zu Lisa. Er zwinkerte ihr zu. „Ist das nicht eine tolle Nacht?“

„Auf jeden Fall. Wir gehen erst mal schwimmen, was, Rose?“, wandte Lisa sich an ihre Nichte.

„Oh ja! Ich will schwimmen! Kommst du mit, Onkel Sully?“

„Aber klar doch. Wir gehen gleich alle drei.“

Rose jubelte und sprang aufgeregt auf und ab. Sully und Lisa hielten sie fest, damit sie nicht stolperte und hinschlug.

Wie echte Eltern, dachte Lisa.

Eine halbe Stunde später waren sie zu dritt im Pool. Sully hielt Rose fest, während sie mit den Armen durchs Wasser ruderte und dabei so tat, als würde sie schwimmen.

Als Nächstes drehte er sich zu Lisa um. Das Wasser lief ihm über die muskulöse Brust und seine durchtrainierten Arme. Sein zerzaustes Haar glänzte, und er lächelte. Das gefiel ihr. Dabei strahlte sein ganzes Gesicht.

Dass die Rodeo-Häschen ihn so sexy fanden, konnte sie in diesem Moment gut verstehen. Außerdem ging er vorbildlich mit Rose um, konnte sich wunderbar auf sie einlassen … vielleicht weil er in gewisser Hinsicht selbst wie ein Kind war.

Wie lange das wohl so gutgehen würde mit ihm und seiner Vaterrolle? Ob er seine neuen Pflichten bald wieder vergaß, um stattdessen mit seinen Kumpels und ein paar Rodeo-Groupies um die Häuser zu ziehen?

Rose schlief tief und fest in ihrem Küchentisch-Bett. Die Promenadenmischung Molly lag neben ihr auf dem Boden, und Snowball hatte sich ins Katzenklo im Bad verkrochen.

Eben hatte Rose noch angekündigt, dass sie ein Gute-Nacht-Gebet sprechen wollte. „Ich bete jetzt für Mommy und Daddy im Himmel“, hatte sie erklärt. „Hoffentlich haben sie gesehen, wie gut ich heute geschwommen bin. Ich will ihnen auch erzählen, dass ich morgen in der Disney World bin.“

Ihre Worte brachen Sully das Herz. Rick würde sein kleines Mädchen nicht aufwachsen sehen. Er würde nicht miterleben, dass sie ihren Schulabschluss machte, heiratete oder selbst Kinder bekam.

Nicht zum ersten Mal bekam Sully mit, dass Lisa und Rose von dem Vergnügungspark sprachen. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als einen Abstecher dorthin einzuplanen – sonst würde er sich selbst im Spiegel nicht mehr in die Augen schauen können.

Während Rose allmählich einschlief, setzten er und Lisa sich vorn auf den Fahrer- und Beifahrersitz. Er selbst gönnte sich ein Bier, Lisa trank eine Cola Light. „Warum hast du mir eigentlich nicht vorher gesagt, dass du mit Rose zur Disney World willst?“

„Weil das gar nicht so gedacht war. Ich hatte ihr bloß erzählt, dass wir nach Florida fahren, also in den Bundesstaat, in dem auch die Disney World ist … und schon war für sie klar, dass wir vorbeifahren. Das nächste Mal passe ich besser auf.“

„Schon gut, ist doch nicht schlimm. Ich habe bloß ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich nicht selbst darauf gekommen bin. Dann sehe ich zu, dass wir das hinkriegen.“

„Das ist wirklich lieb von dir.“ Mit ihren smaragdgrünen Augen blickte sie ihn an und versuchte vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken.

„Leg dich nach hinten aufs Bett“, sagte er. „Ich schlafe auf dem Boden.“

„Aber ich kann dir doch nicht deinen Schlafplatz wegnehmen.“ Lisa legte den Kopf schief, als wollte sie mit ihm flirten. Dabei war sie überhaupt nicht der Typ dafür, sie war viel zu ernst und unterkühlt.

Und natürlich kam der Fußboden als Schlafplatz für sie nicht infrage.

„Ich kann gern auf dem Boden schlafen, mach dir keine Gedanken“, sagte er. „Als ich noch meine Ranch in Montana hatte, habe ich sogar unter freiem Himmel genächtigt.“

Diese Äußerung schien Lisa zu überraschen. „Dass du aus Montana kommst, war mir ja bewusst … mir ist bloß nicht klar gewesen, dass du sogar eine eigene Ranch hattest.“

„Natürlich. Die Mountain View Ranch in Elsie. Für mich war das der schönste Ort auf der Welt.“ Er hielt kurz inne, dann fuhr er fort: „Als das mit dem Bullenreiten immer intensiver wurde, war ich kaum noch dort, da habe ich sie an einen Kumpel verkauft.“

„Das hätte ich nie gedacht – dass du mal Rancher warst“, bemerkte Lisa.

„Was soll das denn heißen?“

„Für mich warst du immer so ein ruheloser Typ.“

„So wie du selbst, meinst du? Haben das nicht auch unsere beiden Elternpaare neulich über uns gesagt?“

Sie verdrehte die Augen. „Die werden schon noch sehen, dass Rose gut bei uns aufgehoben ist.“

„Klar.“ Gleichzeitig wusste er, dass er in den Augen seiner Eltern nie an seinen Bruder heranreichen würde. Rick war immer Gordon und Betsy Sullivans ganzer Stolz gewesen. Er hatte mehrere Millionen an der Wall Street gemacht, ohne viel dafür tun zu müssen. Und dann hatte er auch noch die perfekte Frau geheiratet. Als Rick und Carol ihnen auch noch das erste Enkelkind geschenkt hatte, war er in ihrem Ansehen sogar noch weiter gestiegen, falls das überhaupt möglich gewesen war.

Trotzdem war Sully nie eifersüchtig auf seinen Bruder gewesen. Rick war ein toller, liebenswerter Mensch gewesen, auf den man sich wirklich verlassen konnte … der beste große Bruder der Welt.

Brett Sullivan, der zweite Sohn von Colonel und Mrs. Sullivan, war in den Augen seiner Eltern allerdings eine große Enttäuschung: Statt zur Armee zu gehen oder eine sichere Beamtenlaufbahn einzuschlagen, hatte er schon früh mit dem Bullenreiten angefangen.

Die meisten sahen ihn als modernen Nomaden, als Herumtreiber, Cowboy und Lebenskünstler, der tat, was er wollte, und immer nur im Augenblick lebte. Seine Beziehungen zu Frauen waren grundsätzlich für beide Seiten befriedigend, aber nicht tiefgehend. Das wollte er so. Sie hielten auch jeweils nur kurz.

„Sully?“, sprach Lisa in seine Gedanken hinein. „Woran denkst du gerade?“

„An nichts Besonderes.“

„Der Tag heute ist gut gelaufen, oder?“

„Klar, ganz wunderbar.“ Das wollte sie doch hören. „Wir haben uns nicht gestritten, Rose hatte ihren Spaß und hat sich auf der langen Fahrt nicht gelangweilt. In erster Linie wohl deswegen, weil du die ganze Zeit mit ihr gespielt hast. Und dann durfte sie auch noch ins Schwimmbad. Jetzt schläft sie wie ein dreijähriger kleiner Engel.“

„Du hast sie immer wieder zum Lachen gebracht, ich habe eher dafür gesorgt, dass sie nicht ertrinkt.“ Lisa gähnte. „Dass sie jetzt ausgerechnet auf uns beide angewiesen ist, macht mich immer noch ziemlich nervös.“

„Entspann dich, Lisa. Du bist ja schon eine richtige Helikopter-Mutter.“

„Und du bist das absolute Gegenteil!“

„Ach, weißt du … wir sind zwar vielleicht sehr unterschiedlich, aber wir kriegen das alles bestimmt gut hin – weil wir Rose beide lieben“, erwiderte er. „Und bestimmt werden wir allmählich immer selbstsicherer dabei … oder lernen wenigstens langsam dazu.“

Das hätte Lisa nie für möglich gehalten: Auf einmal bestand ihr Lebenssinn darin, ihrer Nichte im Bad zu helfen, mit Puppen zu spielen, Tiere zu füttern und Wäsche zu waschen. Sie freute sich immer auf Roses Nachmittagsschlaf, dann hatte sie etwas Zeit für sich und konnte in Ruhe dasitzen oder ein bisschen lesen. Und zum Glück gab es Fertiggerichte, die man schnell in der Mikrowelle warmmachen konnte.

Lisa ging in den vorderen Teil des Wohnwagens und setzte sich neben Sully auf den Beifahrersitz.

„Jetzt sind wir schon seit drei Tagen unterwegs, und ich finde, es reicht allmählich“, sagte er. „Diese Nacht fahre ich durch. Dann sind wir morgen früh in Fort Lauderdale.“ Er warf einen Blick auf das Navigationssystem. „Wir übernachten dann direkt bei der Arena.“

„Und wo genau da?“

„Auf der anderen Seite des Eingangs. Da sind auch die anderen Männer mit ihren Familien.“

Lisa hatte schon oft gehört, dass Rodeo-Cowboys ihre Wagen im Kreis aufstellten und die Nacht zum Tag machten. Für sie war das nichts, und für Rose erst recht nicht. „Bist du völlig verrückt geworden? Rose und ich übernachten bestimmt nicht auf einem Parkplatz.“ Dabei sprach sie so leise wie möglich, um das Mädchen nicht zu wecken.

„Warum denn nicht? Da sind viele andere Kinder, mit denen Rose spiele...

Autor

Teresa Southwick

Teresa Southwick hat mehr als 40 Liebesromane geschrieben. Wie beliebt ihre Bücher sind, lässt sich an der Liste ihrer Auszeichnungen ablesen. So war sie z.B. zwei Mal für den Romantic Times Reviewer’s Choice Award nominiert, bevor sie ihn 2006 mit ihrem Titel „In Good Company“ gewann. 2003 war die Autorin...

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Sheri White Feather

Sheri WhiteFeather hat schon viele Berufe ausprobiert: Sie war Verkaufsleiterin, Visagistin und Kunsthandwerkerin. All das gibt ihr für ihre Romances Anregungen, aber am meisten wird sie von ihrem Ehemann inspiriert. Er stammt von den Muskogee-Creek-Indianern ab und ist Silberschmied. Er ist sehr tierlieb, so dass in ihrem Haushalt eine ganze...

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