Tür an Tür mit der schönen Feindin

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Ein belesener, selbstloser Mann, der auf keinen Fall so ist wie ihr Vater, der das Familienvermögen verspielt hat – das scheint zu viel verlangt, und so konzentriert Venus Merriwell all ihre Energie auf das überfüllte Waisenhaus, in dem sie arbeitet. Das leer stehende Nachbarhaus wäre ideal, um zu erweitern. Leider wurde es gerade von einem Mann gekauft, der andere Pläne damit hat – ausgerechnet eine Spielhölle will er eröffnen! Und dieser unmögliche und leider unglaublich gut aussehende Galahad Sinclair scheint sie und die Kinder sogar aus der Nachbarschaft vertreiben zu wollen. Da hat er die Rechnung ohne Venus gemacht!


  • Erscheinungstag 28.02.2026
  • Bandnummer 183
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540360
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Virginia Heath

Tür an Tür mit der schönen Feindin

Virginia Heath

Schon als kleines Mädchen hat Virginia Heath sich fantastische Geschichten ausgedacht, wenn sie nicht einschlafen konnte. Schließlich hat sie beschlossen, dass Schlaf nicht so wichtig ist, und angefangen, die Geschichten aufzuschreiben. Mittlerweile hat sie über zwanzig Bücher veröffentlicht und wurde bereits zweimal für den Romantic Novel of the Year Award nominiert.

Liebes Tagebuch,

jetzt, da das Frausein mir bevorsteht, ist es an der Zeit, all meine kindischen Tagträume beiseitezuräumen und der Art von Mann, den ich mir als zukünftigen Ehemann wünsche, ein paar ernsthafte Gedanken zu widmen. Ich hätte natürlich gern einen, der gut aussieht, aber ich bin nicht so oberflächlich, dass eine solche Geringfügigkeit der Weisheit letzter Schluss sein soll. Solange er nett ist, Kinder liebt (denn ich plane, mindestens sechs Stück zu bekommen) und von den hohen moralischen Standards geleitet wird, die erforderlich sind, um Kinder richtig aufzuziehen, bin ich bereit, über ein schlichtes Aussehen hinwegzusehen.

Ich habe jedoch entschieden, dass bestimmte Kriterien unabdingbar sind. Zuallererst muss er Bücher lieben. Zweitens muss er mich mehr lieben als jedes Buch, und sei die Geschichte darin auch noch so wunderbar. Und schließlich – und wenn ich das sage, ist das nicht als Respektlosigkeit meinem lieben Papa gegenüber gemeint, wo auch immer er sein möge – werde ich keinen Mann ertragen, der exzessiv trinkt oder seine Abende auf schändliche Art mit dem Glücksspiel zubringt …

Aus dem Tagebuch der Miss Venus Merriwell, 14 Jahre alt

1. KAPITEL

November 1830

„Haben wir ein Übereinkommen, Mr. Sinclair?“

Während Lord Mallory noch immer mit Galahads Kehrseite sprach, schlenderte der zum am weitesten entfernten Fenster hinüber und inspizierte die Wand, von der der Putz abblätterte. Dadurch dehnte er das Schweigen noch ein wenig aus. Es war eine Taktik, die sein Großvater ihm damals in New York beigebracht hatte. Dadurch konnte man andere dazu bringen, nervös zu werden und die Karten auf den Tisch zu legen, bloß um damit die Leere zu füllen.

Sein Begleiter enttäuschte ihn nicht.

„Es wäre klug, heute zuzuschlagen, Mr. Sinclair, denn ich bezweifle, dass diese beeindruckenden Gebäude lange auf dem Markt bleiben werden.“

Gal klopfte mit den Fingerknöcheln den Riss in der Wand ab, der am bedenklichsten aussah, und wie er gehofft hatte, löste sich ein großes Stück vom Putz und bröckelte zu seinen Füßen auf den Boden. Um noch einen draufzusetzen, trat er gegen ein vergammeltes Stück der Sockelleiste unter dem undichten Fensterrahmen, das er sorgfältig ausgewählt hatte, und es löste sich ebenfalls sofort in Staub auf.

Dann schüttelte er den Kopf.

Er sagte nichts. Das musste er gar nicht. Denn sein gewiefter Großvater hatte ihm auch beigebracht, dass keine Worte manchmal viel besser wirkten als die schlausten Worte der Welt. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Immobilienverkäufer schwitzte, während er auf sein Urteil wartete, obwohl es kalt war. Und zwar so stark, dass Gal fast hören konnte, wie ihm der Schweiß aus den Poren tropfte.

„Ich könnte nochmals fünfhundert heruntergehen, Mr. Sinclair, aber das ist mein unterstes Limit.“ Was wunderbarerweise das oberste Limit für Gal war. „Das ist ein Schnäppchen für den Preis. Ein absolutes Schnäppchen. Ich bezweifle, dass Sie in Covent Garden etwas Günstigeres finden.“

Es mochte zwar die Möglichkeiten seiner Geldbörse übersteigen, aber der Begriff „Schnäppchen“ konnte das hier nicht einmal annähernd beschreiben.

Drei nebeneinanderliegende vierstöckige Stadtvillen im Herzen des pulsierenden Vergnügungsviertels von London, für gerade einmal knappe sechstausend Pfund, das war das Geschäft des Jahrhunderts! Es mochten heruntergekommene leere Hüllen sein, aber die Mauern waren so solide wie nur irgend möglich. Er hatte ein Jahr lang nach einem Anwesen wie diesem gesucht, und alles, was er sich angesehen hatte, war kleiner, doppelt so teuer und nicht einmal annähernd so gut gelegen wie dieses Trio zusammengehöriger Schönheiten.

In ihm hatte noch nie ein Tänzer gesteckt, aber jetzt drehte er innerlich Pirouetten, während sein Gesichtsausdruck weiter regungslos und wenig überzeugt blieb. Indessen überdachte er im Geiste bereits seine ursprünglichen Pläne und schmiedete neue. Denn wie sein schlauer Grandpa ebenfalls oft gesagt hatte, sollten Pläne, wie Träume auch, nie in Stein gemeißelt werden, sondern sich mit den Gezeiten ändern dürfen; ein weiser Mann passte sie ständig an. Ganz besonders dann, wenn die Gelegenheit all seine Erwartungen übertraf. Und Junge, das hier war eindeutig so ein Fall!

Drei Gebäude! Alle in einer Reihe!

Nach fünf weiteren Minuten dieses schwirrenden Gedankenkarussells wusste er bereits, dass er aus ihnen eine einzige großartige Räumlichkeit schaffen wollte. Jedes Stockwerk sollte nach einem bestimmten Thema gestaltet werden. Musik, Sänger, Tänzerinnen und eine Bar, in der der Alkohol niemals versiegen dürfte, würden im Erdgeschoss all die Vergnügungssüchtigen anlocken, wenn sie aus den nahegelegenen Theatern herausströmten. Spieltische im ersten und zweiten Stock. Im ersten würde es eher lärmend zugehen und wäre günstiger, für die Gelegenheitsspieler, die mit einem begrenzten Budget eine gute Zeit verbringen wollten. Im zweiten wären die Einsätze höher, die Atmosphäre wäre exklusiver und intimer. So müssten diejenigen, die es ernst meinten mit ihrem Geld, keine Zeit mit den Freizeitspielern vergeuden. Dieses Stockwerk wäre der heilige Gral. Protzig und luxuriös, und man bekäme nur mit einer Einladung Zutritt. Dorthin würde eine separate vergoldete, bewachte Treppe führen, die sich in der Lobby für alle sichtbar majestätisch erheben würde – aber nur ein paar Auserwählte dürften sie erklimmen. Es sollte etwas Erstrebenswertes sein, denn die Briten liebten nichts mehr, als sich ihren Mitmenschen gegenüber überlegen zu fühlen.

Auch die Frauen.

Er wollte nämlich ganz gegen den üblichen Trend seine Tore für jeden öffnen, der eine pralle Geldbörse bereithielt. Gal war es egal, wer seine zukünftigen Kunden waren, sofern sie ihr Geld bei ihm ausgeben wollten. Ganz abgesehen davon wärmte es die egalitäre amerikanische Hälfte seines Herzens, innerhalb der spießigen und oft stickigen Begrenzungen der englischen Gesellschaft für gehörigen Wirbel zu sorgen.

Das gesamte Dachgeschoss würde er sich für sein Büro und seine Wohnung unter den Nagel reißen, denn er hatte genug von temporären Unterkünften. Nach mehr als einem Jahrzehnt des Umherziehens wollte er einen Ort, den er sein Eigen nennen konnte. Seine eigenen vier Wände, die er nach seinem Gusto gestalten konnte. Seine eigene Ausstattung, seine eigenen Möbel. Das Gefühl von Herd und Heim, das er schon viel zu lange vermisst hatte. Selbst das Albany, in dem sein adliger Cousin irgendwie eine Suite mit gut ausgestatteten Räumen für ihn organisiert hatte, machte für Gals Geschmack zu viele Regeln und Vorsichtsmaßnahmen geltend. Und es war zu einengend. Zu … englisch.

Mallory scharrte mit den Füßen. Seine offensichtliche Ungeduld verriet seine Verzweiflung. „Ich muss Sie warnen – ich habe auch noch andere Interessenten.“

Gal unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen und diesem unglückseligen Herrn einen freundlichen Vortrag über die dunkle Kunst der Verhandlung zu halten, denn sie wussten beide, dass er momentan der einzige potenzielle Käufer war. Mallorys verwitwete, kinderlose Tante war noch nicht länger als ein paar Tage tot, und weil sie in ihrem Haus an der Küste verstorben war, das meilenweit entfernt in Brighton lag, hatte die Nachricht von ihrem Tod die Zeitungen der Hauptstadt noch nicht erreicht – also war auch noch keine Anzeige veröffentlicht worden. Noch dazu diktierte die britische Höflichkeit, dass jeder potenzielle Rivale sich verpflichtet fühlen würde, nicht nach der Zukunft ihres ausgedehnten und lukrativen Immobilienbestands zu fragen, solange sie nicht sicher unter der Erde verstaut war.

Glücklicherweise war es immer eher ein Segen als ein Hindernis gewesen, nicht von diesem Teil der Erde zu stammen, daher hatte Gal auch nicht dieses Problem. Und wie die Briten so gern zu sagen pflegten, fing der frühe Vogel immer den Wurm. Deshalb hatte er sich anheischig gemacht, am Morgen in aller Frühe den einzigen Neffen der Dame aufzusuchen, direkt nach seiner langen überstürzten Reise von Brighton zurück nach London am gestrigen Abend, damit er der Erste war, der sein Beileid bekundete. Dann hatte er angedeutet, dass er eventuell Immobilien in Covent Garden kaufen würde, falls Lord Mallory zufällig etwas von seinem frischen Erbe abstoßen wolle. Er würde natürlich bar bezahlen, denn Bargeld war immer Trumpf, da spielten die gesellschaftliche Stellung oder die Nationalität eines Mannes keine Rolle. Und er hatte es aus sicherer Quelle, dass Mallory knapp bei Kasse war.

Viele vermuteten zwar, dass der leichtsinnige junge Herr vermutlich keine zwei Halfpennies mehr zum Gegenei­nanderscheuern hatte – ein schrulliger britischer Ausdruck, den Gal liebte und oft benutzte –, aber er wusste es ohne jeden Zweifel. Mallory steckte bis zum Hals in Schulden und Schwierigkeiten und hatte es mit einigen üblen Gestalten zu tun. Mit welchen von der Sorte, denen die verkommensten Kaschemmen in der Hauptstadt gehörten und die die niederste und vergnügungssüchtigste Klientel anlockten. Mit welchen von der Sorte, die dich erst zu Brei schlugen und dir dann Fragen stellten. Das war alles überhaupt nicht Gals Art, Geschäfte zu tätigen, aber da das Glücksspiel sein Gewerbe war, wollte er auf dem Laufenden bleiben, falls sich eine Gelegenheit auftat. Das war ein weiterer wertvoller Grundsatz, den sein Grandpa ihn gelehrt hatte. Ein guter Geschäftsmann musste, wenn er vorankommen wollte, zuerst eine Gelegenheit auftun und dann verdammt noch mal sicherstellen, dass er sie im passenden Moment ergriff, bevor jemand anderes es tat.

Ein Moment konnte sicher nicht passender sein als dieser, und zum ersten Mal konnte er keinen Haken an der Sache erkennen, wo es doch sonst immer mindestens einen gab. Irgendetwas trübte sonst immer den perfekten Gesamteindruck und sorgte dafür, dass man sich ärgerte.

„Wenn Sie das noch verdoppeln, schlage ich sofort ein.“ Galahad drehte sich lächelnd um und streckte Mallory die Hand entgegen, wobei ihm bewusst war, dass er hoch pokerte. Er hatte eigentlich die Absicht gehabt, ein großes Gebäude zu kaufen, nicht drei, und dieses große Gelände mit dem Rest seines Budgets zu renovieren, wäre ein ernst zu nehmender Balanceakt. Aber das Glück war mit den Mutigen, wie das Sprichwort in etwa besagte, und wenn eine Gelegenheit an die Tür klopfte, würde nur ein Narr versäumen, sie beim Schopfe zu packen – also würde Gal dafür sorgen, dass es funktionierte.

Koste es, was es wolle.

Mallory blinzelte, dann schluckte er. Also wusste Gal bereits, dass er gewonnen hatte, bevor der Kerl einschlug. „In Ordnung!“ Der Ausdruck der Erleichterung stand Mallory ins Gesicht geschrieben, als er Gals Hand nahm und dann seinen Arm wie einen Pumpenschwengel auf- und abschnellen ließ, als hoffe er, dadurch wunderbarerweise Wasser durch Gals Ohren hinauszubefördern. „Unter der Bedingung, dass das Geld unmittelbar übertragen wird, so wie wir es auf dem Weg hierher besprochen haben, Mr. Sinclair.“

Dass der geldgierige Herr Gal gleich nach Covent Garden gezerrt hatte, nachdem der an seinem Haus aufgetaucht war, war sein erster Fehler. Den schnellen Geldtransfer sofort danach zu erwähnen, war sein zweiter, denn jeder Narr wusste zweifelsohne, dass man jeden Verhandlungsspielraum anheimgab, wenn man so wirkte, als wolle man unbedingt verkaufen. Dieser Anfängerfehler hatte einen rein spekulativen Besuch aufgrund eines Gerüchtes in eine reale Gelegenheit verwandelt, die Gal nun mit beiden Händen greifen konnte – und noch dazu spielte er ihm in die Karten.

Und daher war dies für ihn der perfekte Moment, sein Ass auszuspielen.

„Sie können es bereits morgen bekommen, wenn Ihr Anwalt die Papiere schnell vorbereitet“, antwortete er und zwinkerte Mallory zu, der nun bei dem verführerischen Gedanken an das unerwartete Geld, das ihn schon so bald retten würde, quasi zu sabbern begann. „Meiner Erfahrung nach ist es immer verblüffend, wie schnell etwas erledigt wird, wenn man jemandem das Doppelte seines üblichen Honorars anbietet.“ Natürlich war ein Transfer im Eilverfahren auch für Galahad von Vorteil, denn schließlich war klar, dass drei nebeneinanderliegende vierstöckige Stadtvillen im pulsierenden Herzen von Covent Garden seltener waren als ein weißer Rabe. Das Letzte, was er wollte, war, dass irgendein anderer Unternehmertyp dazwischenfunkte und ihm diese wunderbare Gelegenheit vor der Nase wegschnappte, nachdem er so lange darauf gewartet hatte.

„Wenn Sie das Ganze beschleunigen, hab ich auch weniger Zeit, wieder zu Sinnen zu kommen und es mir noch anders zu überlegen, bevor ich diese klapprige Bruchbude kaufe, die so fern von meiner Heimat liegt“, fuhr Gal fort. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, seinen Akzent in Momenten wie diesem zu übertreiben, um sein Anderssein hervorzuheben. Dann wurden die Leute naturgemäß vorsichtig, also gab er sich extra charmant, um den Stich, den er ihnen mit seinen Worten absichtlich versetzte, etwas abzumildern. Also klopfte er Mallory auf die Schulter und lachte dabei mit einer zweideutigen Unaufrichtigkeit, gerade genug, um den Zweifel zu säen, dass er vielleicht doch noch seine undurchschaubare ausländische Meinung ändern könnte, wenn der Anwalt trödeln sollte, und sein riesiges Bündel Geldscheine woanders hintragen würde.

Mit perfektem Timing krachte ein weiteres loses Stück Putz genau in dem Moment herab und zerschellte neben seinem Gefährten. Gal musste den Drang unterdrücken, laut aufzujubeln, während Mallory die Augen aufriss.

„Ich werde ihm das Dreifache zahlen, Mr. Sinclair – und noch heute Vormittag den schnellsten aller Prozesse einleiten“, sagte Mallory, klappte seinen Mantelkragen hoch und ging zur Tür. Er wollte sofort los, damit die Verträge aufgesetzt werden konnten, bevor die restlichen Wände kollabierten und ihn seine zwielichtigen Partner ermordeten. Sobald sie draußen waren, verschloss er mit einem enormen verrosteten Schlüssel das Gebäude, steckte ihn in die Tasche und schüttelte dann Gal noch einmal die Hand. „Ich will Sie nicht aufhalten, Mr. Sinclair, denn ich weiß ja, dass ein beschäftigter Mann wie Sie Besseres zu tun hat, als sich zu Tode zu frieren an diesem verdrießlichen Dienstagmorgen.“ Er deutete auf die vereiste Straße und die dreckigen Schneematschhaufen, die die Gosse verstopften. „Es ist so kalt, dass man sich die Eier abfriert.“

Mallory hastete zu seiner Kutsche, ohne ihm anzubieten, ihn mit zurück nach Mayfair zu nehmen. Zweifelsohne teilte er im Geiste bereits seinen unerwarteten Profit unter seinen vielen Gläubigern auf. Er ließ Gal auf den Stufen zu dem Anwesen stehen, das, wie er hoffte, schon bald der größte und strahlendste Spielerklub in ganz London sein würde.

So kalt, dass man sich die Eier abfriert.

Das war ein weiterer schrulliger britischer Ausdruck, den er seiner stetig wachsenden Sammlung von Konversations-seltsamkeiten hinzufügen konnte. Es war zwar nun schon vier Jahre her, dass er über den Atlantik gekommen war, aber noch immer verblüfften und amüsierten ihn die Hälfte der Ausdrücke, die seinen neuen Landsleuten aus den Mündern purzelten. Es waren so viele, dass er sie wie Kuriositäten sammelte, um dann darüber nachzudenken, wenn ihm danach war, oder sie anzuwenden, wenn es sich anbot. Schließlich mochten die Leute Menschen, die ihnen ähnlich waren, und manchmal machte es sich ebenso bezahlt, sich zu integrieren, wie es sich bei anderen Gelegenheiten bezahlt machte herauszustechen.

Davon abgesehen war London nun auf Gedeih und Verderb sein Zuhause. Auf der anderen Seite des Ozeans besaß er nichts mehr außer Erinnerungen, und die hatte er alle mitgebracht – die guten wie die schlechten. Der Familienbetrieb war futsch. Das Haus der Familie, in dem er seine Kindheit verbracht hatte, war ebenfalls futsch, und seine einzige übrig gebliebene Verwandtschaft war sein Cousin Giles, der hier geboren und aufgewachsen war. Das war ein ausreichender Grund gewesen, hier in diesem seltsamen Land Wurzeln zu schlagen; es gab eben sonst keinen Ort und keinen Menschen, für den er den Anker ausgeworfen hätte. Noch hatte er es nicht bereut, auch wenn er sich sicher war, dass er hier nie ganz hinpassen würde.

Aber so war das Leben, und wenn man alles berücksichtigte, lief es in seinem momentan tatsächlich sehr gut.

Er hatte genug Gespartes auf der Bank für sein Projekt, sein Kopf war voller Pläne, mit denen er sich seit einem Jahrzehnt beschäftigte, und jetzt besaß er augenscheinlich endlich das Anwesen, in dem er sie alle verwirklichen konnte. Und das Beste von allem war, dass nirgendwo auch nur ein einziges Wölkchen zu sehen war, das ihm den Sonnenschein hätte verdunkeln können.

Grinsend marschierte er die Straße hinunter, um sein neues Reich gründlich zu inspizieren, und dabei klopfte er sich metaphorisch selbst auf die Schulter. Es konnte gut sein, dass für diese Unternehmung jeder Cent seiner hart erarbeiteten Ersparnisse draufgehen würde, aber die Lage an der belebten Durchgangsstraße von Long Acre war einfach ausgezeichnet. Hier herrschte mehr Durchgangsverkehr, als er sich je hätte vorstellen können. Das erste seiner drei neuen identischen Gebäude am Ende der Reihe von Stadtvillen lag an der Ecke zur Mercer Street. Das wäre der ideale Ort für den Eingang, denn das Kommen und Gehen seiner lärmenden Klientel würde die Nachbarn dort nicht stören.

Es lag nahe genug am Elendsviertel St. Giles, um anrüchig, aber nicht gefährlich zu sein, und nahe genug an der Drury Lane, um die respektablen Theaterbesucher anzuziehen, die es zwar noch nicht wussten, ihm aber die Butter fürs Brot bezahlen würden.

Er maß die gesamte Breite und dann die Länge des Anwesens, indem er es abschritt und dabei versuchte, die Schrittlänge annähernd an einem Meter zu halten. Dann rechnete er schnell im Kopf nach, was ihm erfreulicherweise bestätigte, dass er doppelt so viel Boden besaß wie ursprünglich geplant. Das bedeutete, dass dieser Ort das Potenzial hatte, doppelt so viel Geld abzuwerfen, wie er gehofft hatte, was ihm die Gelegenheit gäbe, das Loch in seinem Bankkonto schnell wieder zu stopfen. Also war es alles in allem perfekt.

Mehr als perfekt.

Im Grunde absolut perfekt.

Nach vier soliden Jahren unermüdlicher Arbeit am Fuß der Leiter würde er nun an dem blöden Ding hinaufklettern, und er beabsichtigte, es mit Stil zu tun. Wenn es bei diesem Kauf irgendeinen Nachteil gab, oder einen ärgerlichen kleinen Haken abgesehen von den enormen Kosten, so konnte er es jedenfalls nicht sehen.

Langsam ging er im Kreis um das dritte und letzte Haus herum und stellte fest, dass es neben einem vierten, einem weiteren Eckhaus stand, also nahm er sich einen Moment Zeit, um auch dieses Gebäude zu betrachten.

Obwohl es eindeutig bewohnt war, war dieses mit den drei anderen identische Haus auch in keinem besseren Zustand. Die Fensterrahmen waren an Stellen verrottet, an denen sie seit Jahren keinen Klecks Farbe mehr gesehen hatten. Viele der rechteckigen Bleiglasscheiben darin fehlten, und die Löcher waren mit Brettern verschlagen. Es sah aus wie asymmetrisch angeordnete Sommersprossen in einem Gesicht. Diese unpassenden Holzsprenkel verrieten der Welt, dass ihr Besitzer seine Pennys zusammenhalten musste. Die verzogene Haustür hatte auch schon bessere Tage gesehen, ebenso wie das stumpfe Messingschild und die schmutzige Fassade. Ein schneller Blick zum Dach enthüllte fehlende Ziegel und zerbrochene Schornsteinaufsätze. Je länger Gal sich umsah, desto mehr wurde ihm klar, dass dieser Ort etwas Verwahrlostes hatte, was darauf hindeutete, dass sein Bewohner wirklich mit seinem Erhalt zu kämpfen hatte.

Das brachte die Zahnräder seines ohnehin umtriebigen Geistes dazu, sich nur noch schneller zu drehen. Hier bot sich eine weitere mögliche Gelegenheit – er konnte es gewissermaßen riechen. Vielleicht nicht gerade jetzt, denn er hatte nicht das nötige Geld für den Kauf eines weiteren Gebäudes zur Verfügung – aber in ein oder zwei Jahren, wenn seine Truhen wieder aufgefüllt waren, wäre das eine weitere vernünftige Investition, die er tätigen könnte. Es wäre großartig, das ganze Karree zu besitzen. Die Möglichkeiten, die sich da auftäten …

Neben ihm fuhr eine Kutsche vor und riss ihn aus seinen Gedanken. Er kannte sie nur zu gut. Die Tür öffnete sich, und eine gewisse Person tauchte auf. In der Hand hielt sie eines der unvermeidlichen Bücher, die sie immer bei sich trug, und das kleinste, albernste Handtäschchen, das er je gesehen hatte. In diese Tasche würden kaum ein paar Münzen hineinpassen, geschweige denn irgendetwas Nützliches. Sie passte so gar nicht zu ihrer pragmatischen, nüchternen Art.

Ein einziger Blick in seine Richtung genügte ihr, um gleichzeitig ihre vollen Lippen zu einem Schmollmund zu verziehen und ihn herablassend anzublicken, während sie den Kopf missbilligend zum Gruß neigte. Das Buch hielt sie vor der Körpermitte umklammert wie einen Schild. „Galahad Sinclair. Was zum Henker machen Sie so früh am Tag in Covent Garden? Oder soll ich nicht fragen, weil das Covent Garden ist und Sie … nun … Sie sind?“ Nie zuvor war ein unbedeutendes Wort mit drei Buchstaben mit solchem Abscheu aufgeladen worden.

Sie reagierte immer gereizt auf ihn. Das war schon während der ganzen vier Jahre, in denen er sie kannte, so gewesen. Während dieser langen Zeit war er in ihrer Gegenwart wie auf rohen Eiern gegangen. Nie hatte er sich in ihrer Nähe wirklich wohl gefühlt, obwohl ihre Schwester seinen Cousin Giles geheiratet hatte und sie deshalb immer mal wieder aufeinandertrafen. Sie hatten sich nie sympathisch gefunden. Immer stillschweigend darin übereingestimmt, sich möglichst aus dem Weg zu gehen. Sogar als sie beide die Paten wurden von Giles’ und Dianas zuckersüßem Töchterchen, der kleinen Giselle, hatten sie am Taufbecken stets argwöhnische anderthalb Meter Abstand gehalten.

Er machte die Art und Weise, wie sie zum ersten Mal aufeinandergetroffen waren, dafür verantwortlich. Um ehrlich zu sein, hatte es sich dabei wirklich um das außergewöhnlichste Aufeinandertreffen gehandelt, das überhaupt für zwei Menschen möglich war. Eben noch hatte er, mit einer Laterne winkend, auf dem mondbeschienenen Grund und Boden seines Cousins herumgeschnüffelt und so getan, als sei er der dümmste Eindringling, den man je auf Gottes Erdenrund gesehen hatte. Im nächsten Augenblick lag er dann flach auf dem Boden im Dreck, weil eine wildgewordene Furie im Nachthemd ihn niedergestreckt und Zeter und Mordio geschrien hatte, um ihre Familie aus Loyalität zu verteidigen.

Er räumte gern ein, dass sie ihn in dieser Nacht zu Tode erschreckt hatte. Er war deswegen noch immer verunsichert, wenn er ehrlich war – wobei die Hölle eher zufrieren würde, als dass er das laut zugeben würde. Also zog er den Hut und grinste sie träge an, was sie mit Sicherheit ärgerte.

„Na, wenn das nicht die himmlische Miss Venus ist.“

Sie warf ihm sofort einen wütenden Blick zu, denn sie hasste ihren Namen. Das konnte Gal nachvollziehen, denn er war ja mit selbst einem furchtbaren Namen geschlagen. Aber während alle anderen sie Vee nannten, konnte er sich nicht dazu durchringen. Das war nur zum Teil darauf zurückzuführen, dass es ihm ziemlich gut gefiel, wenn ihre großen blauen Augen hinter den Brillengläsern vor Empörung funkelten – jedes Mal, wenn er den vollen Namen benutzte. Der andere Grund war, dass er nicht umhin kam zu denken, dass der unmögliche Name ihr ziemlich gut stand.

Sie hatte auf jeden Fall die gefährlichen Kurven einer Venus. Die üppigen kupfergoldenen Locken, die sie ständig, aber vergeblich zu zähmen versuchte, erinnerten einen an all diese schamlosen Renaissance-Venusse, die nackt auf Ölgemälden herumtollten und in schicken Galerien hingen. Oder an die enorme, über zwei Meter hohe aufreizende barbusige römische Venusstatue im British Museum. Die, deren Schamlosigkeit alle Ladys erröten ließ, weil der verführerische Blick aus ihren Marmoraugen verkündete, dass sie soeben im Begriff war, ihre Hüllen für etwas Sündhaftes fallen zu lassen – während die männlichen Besucher die gigantische Venus mit maskuliner Wertschätzung begafften. Sie ließen sich alle vom Blick in den Augen der sinnlichen Statue verführen und fragten sich, wie wohl eine hemmungslose Nacht – gefangen zwischen den Laken mit der offiziellen Göttin der Liebe – wäre, während sie den Blick über die Stoffe schweifen ließen, die lose von der üppigen Hüfte he­rabhingen. Das waren alles sehr unangemessene und fleischliche Assoziationen, die die sittsame Miss Venus Merriwell mit Sicherheit noch mehr hasste als ihren unglücklichen Namen, denn sie brachten zweifelsohne genau dieselben Herren auch auf dumme Gedanken im Bezug auf sie.

Sie war sich der Tatsache nicht bewusst, dass ihre Brillengläser und ihre betont zurückhaltende Kleidung ihre Anziehungskraft nur noch verstärkten. Denn die heißblütigsten Männer, Gal eingeschlossen, kamen nicht umhin, sich zu fragen, was wohl darunter zu finden sein mochte. Insbesondere, weil ihre üppige Figur diese unauffälligen Kleider so herrlich ausfüllte. „Was lesen Sie dieses Mal?“ Er neigte den Kopf, um so zu tun, als läse er den Titel, obwohl er das bereits getan hatte.

„‚Viel Lärm um nichts‘. Es ist mein Lieblingsbuch – na ja, genau genommen ist es ein Theaterstück –, denn es hat absolut alles, was eine gute Geschichte braucht. Großartige Charaktere, Intrigen, Betrug, Komödiantisches und Romantik.“ Ihre Augen glänzten, als sie das bereits ziemlich abgegriffene Buch wie einen alten Freund streichelte. „Meine Schwester Minerva und ihr Ehemann Hugh haben mir zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag Shakespeares gesammelte Werke in Leder binden lassen.“ An dem Tag war er auch zu Gast gewesen, wenn auch gegen seinen Willen, und erinnerte sich deshalb noch an ihren Freudenschrei, als sie das Geschenk geöffnet hatte. „Aber dieses Buch ist etwas Besonderes. Ich habe mich mit vierzehn in die Geschichte darin verliebt und es seither jedes Jahr mindestens einmal gelesen.“

„Shakespeare?“ Manchmal wusste er genau, welche Knöpfe er drücken musste, um sie gegen sich aufzubringen. „Nie von ihm gehört. Ist das jemand Neues?“

„Wenn man zweihundert Jahre alt als neu bezeichnen möchte …“ Ihr Gesichtsausdruck offenbarte ihm, dass sie ihn für einen Trottel hielt. Sie hatte ihn schon immer für einen Trottel gehalten. Nicht, dass er jemals wirklich versucht hätte, sie vom Gegenteil zu überzeugen, denn dadurch konnte er sie sich ziemlich gut vom Leib halten. „Sie haben doch sicher in Amerika schon vom Barden gehört? Shakespeare ist der Vater der englischen Literatur. Seine Stücke werden ständig in allen Theatern gespielt. Hamlet läuft gerade jetzt, während wir uns unterhalten, in der Drury Lane.“ Da er sie mit leerem Blick anblinzelte, hob sie ihre Stimme um eine Oktave an, und die Locken, die unter ihrer Haube hervorlugten, zitterten, als sie mit der freien Hand umherwedelte. „Er hat auch den Sommernachtstraum und Heinrich V. geschrieben, ebenso wie über einhundert berühmte Sonette. Sie müssen doch Shakespeare kennen.“

Gal verzog das Gesicht, als hätte er nicht die geringste Ahnung. „Klingt für meinen Geschmack viel zu hochtrabend. Ein Typ, der Sonette schreibt, erscheint mir etwas zu trocken und … langweilig, um mein Interesse zu wecken.“ Dieser Kommentar ließ in ihren großen blauen Augen solche Entrüstung aufblitzen, dass Gal ein Lächeln unterdrücken musste. „Aber ich bin immer froh, wenn ich etwas Neues lernen kann, also erzählen Sie mir doch, worum es in Ihrem alten langweiligen Buch geht.“

„Wenn man von dem wenig subtilen Themenwechsel und – bevor das Konzept eines Shakespeare Sie verwirrt hat – dem eindeutigen Unwillen, mir auf meine ursprüngliche Frage eine Antwort zu geben, ausgeht, muss ich annehmen, dass es stimmt?“ Sie warf ihm einen ihrer vernichtenden schulmeisterlichen Blicke zu, als sei er tatsächlich ein böser Junge gewesen. „Sie sind heute Vormittag hier in Covent Garden, weil Sie schon wieder eine Nacht durchgezockt haben und noch gar nicht im Bett waren.“

Weil das definitiv eine Aussage und weniger eine Frage war, beschloss er, sie nicht von ihrer vorhersehbaren Entrüstung abzubringen, denn sie war immer vorhersehbar, wenn es um ihn ging. Trotz all ihrer wohltätigen Umtriebe und ihrer Angewohnheit, in allen anderen immer das Gute sehen zu wollen, hatte sie im Zweifelsfall nie zu seinen Gunsten entschieden. Da spielte es auch keine Rolle, dass er sich vor all den Jahren eigentlich eher als Held denn als Bösewicht entpuppt hatte, als sie sich wütend auf ihn geworfen und ihn am Boden festgehalten hatte. Er war auf einer verdeckten, aber höchst persönlichen Mission gewesen, die Pläne seines verhassten Vaters, Giles’ Herzogtum an sich zu reißen, zu durchkreuzen.

Und es hatte keinen Sinn, sie zu berichtigen und ihr zu sagen, dass er überhaupt keine Nacht durchzockte, sondern seine Kunden, während er sich die Finger wund arbeitete, um ihnen eine gute Zeit zu ermöglichen. Warum sollte er es versuchen, wenn Venus ihrem anfänglichen tief sitzenden Hass auf ihn so verhaftet war, dass sie diesbezüglich nie über den Tellerrand würde blicken können? Und es verstand sich schließlich von selbst, dass ihm das ganz vorzüglich in den Kram passte. Schließlich gefiel ihm alles an diesem aufreizenden Geschöpf viel zu gut, und diese Sorte Ablenkung konnte er gerade wirklich nicht in seinem Leben gebrauchen.

Also zuckte er stattdessen mit den Schultern und blieb absichtlich vage bezüglich der Frage, wie er hierhergekommen war, sodass sie wieder aus zusammengekniffenen Augen einen Blick in seine Richtung warf.

„Ich gehe nur ein bisschen spazieren, bevor ich mich auf die Matratze haue. Vertrete mir die Beine und schnappe etwas frische Luft, nachdem ich die ganze Nacht in stickigen Räumen verbracht habe. Und mit frisch meine ich eisig, denn es ist so kalt, dass man sich die Ei…“ Vielleicht war der Ausdruck nicht gerade für die Ohren einer so sittsamen und anständigen jungen Lady bestimmt? „Jedenfalls kälter, als ich es seit Jahren erlebt habe.“

„Und offensichtlich soll es noch schlimmer kommen.“ Sie schenkte ihm widerwillig ein angedeutetes Lächeln. Immerhin war das Thema Wetter hier in England immer eine sichere Bank. Seiner bescheidenen Meinung nach war das ganze Land auf so ungesunde Art davon besessen, wie sie es von ihrem furchtbaren Tee waren. „Ein Unwetter, ziemlich bald und ziemlich heftig. Also ist es vermutlich ratsam, drinnen zu bleiben und die Schotten dicht zu machen, während der Sturm draußen sein Unwesen treibt.“ Sie deutete auf die Unheil verkündenden violett-grauen Wolken, die schwer wie ein Leichentuch über der Stadt hingen. „Ganz besonders dann, wenn wir wieder so einen Schneesturm erleben wie am Donnerstag.“

„Was die offensichtliche Frage aufwirft, Miss Venus …“ Es wäre ihr fast gelungen, bei der zweiten Erwähnung ihres verhassten Namens innerhalb ebenso vieler Minuten nicht zusammenzuzucken, aber er konnte seine Belustigung diesbezüglich nicht ganz unterdrücken. „… was Sie an diesem eisigen, schneesturmdräuenden Vormittag ins Herz von Covent Garden treibt, wo sie doch immer zu einer respektablen Uhrzeit ins Bett gehen?“

Sie strahlte. „Nun, das Waisenhaus natürlich. Schnee oder kein Schnee, ich habe trotzdem einen ganzen Tag Unterricht vor mir, und ich kann meine Schüler doch nicht hängen lassen.“

Er wusste, dass sie die meisten ihrer Tage damit verbrachte, die vergessenen mutterlosen Kinder der Elendsviertel zu unterrichten. Es war unmöglich, das nicht zu wissen, denn ihre gesamte Familie, selbst sein oberflächlicher Cousin Giles, betrachtete sie als eine Art Heilige, die übers Wasser gehen konnte.

„Ich wusste nicht, dass das hier ist.“

Bitte, lass es nicht genau hier sein!

Sie lachte, und ihre schönen Augen leuchteten. „Ich weiß, dass Sie jetzt immer die meiste Zeit in ihrer Lasterhöhle am Hafen verbringen, aber wo sonst soll denn das Covent Garden Asylum für Waisenkinder sein, Galahad, wenn nicht hier – in Covent Garden?“ Sie deutete mit ihrer behandschuhten Hand auf die verzogene Haustür, die er eben erst betrachtet hatte, und auf das kleine stumpfe Messingschild.

Mit zusammengekniffenen Augen entzifferte er entsetzt die winzigen Wörter, die darin eingeprägt waren, und blinzelte sie dann fassungslos an. „Das ist Ihr berühmtes Waisenhaus?“ Sie waren quasi Nachbarn!

Nachbarn!

„Das?“

„Das ist es in der Tat.“ Gereizt von seiner offensichtlichen Abscheu schob sie den Unterkiefer vor. Sie vermutete eine ganz falsche Ursache. „Und ungeachtet dessen, was Sie vielleicht von dem schäbigen Äußeren halten mögen, Galahad Sinclair …“ Sie ließ ihren Blick über seinen Körper schweifen, als beleidige sie sein bloßer Anblick. „… wir sind zu Recht stolz auf das, was darin vor sich geht.“

Und somit war einfach so doch noch eine dicke, fette, unwillkommene Wolke an seinem blauen Himmel aufgetaucht.

2. KAPITEL

Ich kann noch immer nicht entscheiden, ob ich in einem idyllischen reetgedeckten Cottage leben will oder in einem Schloss. Ich nehme an, das hängt alles davon ab, ob ich einen Bauern oder einen Prinzen heirate. Ich habe natürlich nichts gegen einen Bauern, denn die Welt braucht Nahrung, aber ich denke, es wäre romantischer, auf einen Prinzen zu warten …

Aus dem Tagebuch der Miss Venus Merriwell, 14 Jahre alt

„Guten Morgen, Reverend … Mrs. Witherspoon.“ Vee streifte die Handschuhe ab und steckte sie in die Taschen ihres Mantels, bevor sie ihn an den Haken hinter der Bürotür hängte. Sie rang sich für die beiden ein fröhliches Lächeln ab, auch wenn die fünf Minuten mit Galahad Sinclair ihr die gute Laune gründlich verdorben hatten.

Dieser großspurige Teufel mit dem güldenen Haar und den grünen Augen schaffte es immer wieder, sie zu verstimmen. Dabei hatte sie sich schon so oft selbst versprochen, dass sie nicht zulassen würde, dass sein spitzes, wohlgesetztes Miss Venus ihr unter die Haut ging. Der gut aussehende Schuft bekam es immer irgendwie hin, dass sie sich dumm und unsicher fühlte. Als wäre plötzlich all das, wofür sie stand und alles, was sie sagte oder tat, ein riesengroßer Witz. Und zwar ein mieser, humorloser Witz, was wirklich wehtat, denn sie hatte einen ausgezeichneten Sinn für Humor. Normalerweise. Er versteckte sich bloß, wenn Gal in der Nähe war.

„Ah – Sie sind wieder da!“ Der vergnügte weißhaarige Reverend Smythe saß hinter seinem Schreibtisch und nippte an seinem Vormittagstee, während er seine Korrespondenz öffnete. Indes wuselte die kleine rundliche, aber unerschütterliche Hausmutter, die das Waisenhaus am Laufen hielt wie ein Uhrwerk, hektisch um ihn herum. „Wir dachten, Sie seien bei diesem furchtbaren Wetter wochenlang in Hampshire eingeschneit, nicht wahr, Mrs. Witherspoon? Wir hatten hier ganze dreißig Zentimeter Schnee am Donnerstag. Es hat eine Stunde gedauert, den Weg zum Eingang freizuschaufeln“, erklärte der Reverend.

„An dem Tag hatten wir fast einen halben Meter in Fareham, aber seither kam glücklicherweise nichts mehr nach. Daher waren die Hauptstraßen schnell wieder frei, und ich konnte nur fünf Tage später als ursprünglich geplant wieder nach Hause fahren.“ Vee setzte sich dem Reverend gegenüber, und eine Tasse dampfenden Tees wurde ihr hingestellt.

„Was habe ich verpasst, abgesehen von einer Woche Unterricht und dem Schaufeln dieses ganzen Schnees?“ Sie wusste bereits, dass in den zehn Tagen, die sie bei ihrer Schwester in Hampshire verbracht hatte, viel passiert sein musste, denn dank der vierzig Kinder, die dies ihr Zuhause nannten, war dieser Ort so voller Energie wie ein wirbelnder Kreisel. Das war einer der Gründe, warum sie die Arbeit hier liebte. Man wusste nie genau, was einen am nächsten Tag erwartete. Ob es nun einen kleineren Triumph zu bejubeln gab oder ein größeres Unglück zu beweinen, langweilig wurde es nie.

„Die Pumpe draußen ist eingefroren, daher hatten wir verteufelt große Mühe, an Wasser zu kommen“, begann Mrs. Witherspoon erwartungsgemäß an ihren Fingern alle Ereignisse abzuzählen. „Aber wir haben von der Schneidergilde eine schöne unerwartete Spende bekommen und das Versprechen, dass sie nächstes Jahr weitere Lehrlinge von uns aufnehmen, sobald zwei unserer verlässlicheren Jungs zwölf geworden sind.“

Vee schnaubte. „Nur zwei?“ Die älteren Kinder bei anständigen Meistern unterzubringen, damit sie ein Handwerk lernten, wurde immer schwieriger.

Viele der skrupellosen Ausbilder wollten natürlich Waisen, um sie auszubeuten und zu schinden. Das war genau der Grund, warum Vee sie immer auf Herz und Nieren prüfte, bevor sie ihre Waisenkinder in deren Hände gab. Die Mission des Covent Garden Asylums für Waisen war es, den unglückseligen Kindern innerhalb seiner Mauern Schutz zu bieten und ihnen eine anständige Zukunft zu ermöglichen – und ganz sicher eine, die besser war als ihre Vergangenheit. Daher schuldete sie ihnen allen, mit äußerster Sorgfalt zu arbeiten. Wenn sie in den Teufelskreis von Armut und Hoffnungslosigkeit, aus dem sie kamen, zurückfielen, würde es für sie quasi unmöglich werden, da wieder herauszuklettern.

Das hatte Vee am eigenen Leib bitter erfahren müssen.

Aber als sie damals fast bis auf den Grund dieser kalten Grube der Verzweiflung gestürzt wäre, hatte sie wenigstens Minerva und Diana, ihre älteren Schwestern, an ihrer Seite gehabt. Die meisten der Kinder hier hatten niemanden.

„Diesmal nur zwei, aber ein paar Quäker haben die großen Seidenhändler in der Half Moon Street aufgekauft, und der Reverend meint anscheinend, dass die offen wären für ein paar mehr Auszubildende, und Ihre Modistin braucht eine neue Jungnäherin, nachdem ihr eine weggelaufen ist, um sich einer fahrenden Schauspieltruppe anzuschließen. Es war anscheinend schon immer deren Traum gewesen, auf der Bühne zu stehen – auch wenn sie mehr verdienen würde, wenn sie weiterhin Madame Devys feine Kleider nähen würde, anstatt in einem grellen Kostüm herumzuhüpfen.“ Mrs. Witherspoon schüttelte den Kopf, als könne sie nicht glauben, dass jemand jemals so etwas tun würde, und presste die Hände unter ihrem enormen Busen zusammen wie eine missbilligende Opernsängerin.

„Außerdem kam von unserm Trottel von Metzger eine lächerliche Rechnung, die ich gerade prüfe. Können Sie sich vorstellen, dass er uns drei ganze Fleischrippen in Rechnung stellt? Der Narr behauptet hartnäckig, sie geliefert zu haben, obwohl ich ganz sicher nie welche bestellt habe!“, mokierte sie sich und stützte die Hände diesmal auf ihrer üppigen Hüfte ab. „Als ob so eine wohltätige Einrichtung, wie wir es sind, unser wertvolles Geld für Rippchen ausgeben würde, wenn zu dieser Jahreszeit selbst für Bruststücke Wucherpreise verlangt werden!“

Sie verdrehte die Augen gen Himmel, als bete sie um Kraft. „Die Claypole-Zwillinge hätten fast schon wieder den Jungenschlafsaal abgefackelt, weil jemand seine Streichhölzer und Pfeife hat rumliegen lassen.“ Mrs. Witherspoon warf dem Reverend einen vernichtenden Blick zu. „Und dank der schweren Schneedecke auf dem Dach ist es jetzt wieder undicht, und zwar ziemlich schlimm, sodass wir da noch eine Baustelle haben, die repariert werden muss.“

„Oh du meine Güte!“, rief Vee. Das undichte Dach war eine beständige Quelle der Sorge und höhlte in beträchtlicher Weise ihre ohnehin schon überstrapazierten Geldmittel immer weiter aus.

„Ja genau, oh du meine Güte, denn ich habe vier Leute vom Gewerbe gebeten, es sich anzusehen, und die haben alle dasselbe gesagt: Wir sind an einem Punkt, wo unser Dach mehr aus Flicken als aus Schiefer besteht. Das ganze Ding muss ersetzt werden. Die Angebote dafür treiben einem die Tränen in die Augen, aber was haben wir denn für eine Wahl? Wir schieben das schon seit zwei Jahren vor uns her, und wenn wir jetzt noch viel länger damit warten und die Dachsparren verfaulen, dann besteht ernsthaft die Gefahr, dass das Ding einstürzt – das haben all diese Gewerbetreibenden bis auf den letzten Mann so gesagt. Also geht sie dahin, die Spende der Schneidergilde, und mit ihr das jährliche Weihnachtsstipendium von Mrs. Leyton-Brown.“

Sie seufzten alle drei wie aus einem Mund. Obwohl sie mit diesem Schlag schon lange gerechnet hatten, kam er jetzt doch sehr ungelegen, denn was das Geld betraf, war ihr geliebtes Waisenhaus wie ein schrecklich undichter Kahn. Sobald welches hereinkam, floss es auch schon wieder hi­naus – oftmals ohne eine Rast einzulegen auf seiner Reise in die Hände von jemand anderem.

„Wir haben letzten Mittwoch auch noch einen Neuzugang bekommen. Einen kleinen Jungen, den der gute Reverend auf der Straße gefunden hat. Und mit gefunden meine ich – das sollte ich klarstellen –, dass der Schlingel versucht hat, ihn vor dem Theatre Royal zu beklauen. Da hielt er es für das Beste, das Kind hierherzubringen. Auch wenn er geschworen hat, er würde keine neuen Straßenkinder mehr aufsammeln, bis wir ein paar von hier verabschieden können, und auch wenn er weiß, dass wir schon bis unters Dach vollgestopft sind.“ Der Reverend musste einen weiteren vernichtenden Blick einstecken. „So wie es aussieht, wird der arme Junge auf einer provisorischen Pritsche auf dem Boden der Kinderstube schlafen müssen.“

„Was unendlich viel besser ist als auf dem eiskalten Bürgersteig, auf dem ich ihn ohne Schuhe aufgegabelt habe“, entgegnete der Reverend.

Mrs. Witherspoon nahm noch einmal die Haltung der gekränkten Opernsängerin ein, aber diesmal mit wenig Überzeugung. „Das mag so sein, Reverend, aber wir können nicht jeden retten … auch wenn wir es noch so sehr wollen.“

„Also war es recht ruhig“, sagte Vee und wechselte einen belustigten Blick mit dem Vikar, denn auch wenn die wie ein Derwisch umherwirbelnde Hausmutter eines der größten und freundlichsten Herzen auf dem Planeten besaß, so liebte sie es doch auch sehr, herumzujammern. „Und ich dachte schon, ich käme hier ins größte Chaos zurück.“

„Wir brauchen ein Wunder, genau das brauchen wir.“ Die Hausmutter war noch nicht bereit, mit dem Jammern aufzuhören. „Vorzugsweise eines in Münzform.“

„Irgendetwas wird schon auftauchen, das uns rettet“, sagte der Reverend mit seinem üblichen Optimismus. „Irgendetwas taucht doch immer auf.“

„Apropos auftauchen: Ihre neuen Bücher kamen heute morgen in aller Frühe an.“ Die Hausmutter schob ihr ein großes Paket über den Fußboden hin. „Sechzig einwandfreie Lesebücher und dazu dieser persönliche Brief von Seiner Lordschaft, an Sie adressiert.“ Sie zog ihn aus ihrer Schürzentasche. „Ich habe noch keine Dankesbotschaft gesendet, weil ich dachte, Sie würden doch sicher Lord Dorchester selbst danken wollen für seine andauernde Großzügigkeit, mit der er die Erziehung unserer Waisenkinder fördert – und für sein offensichtliches Interesse an der Art, wie Sie sie unterrichten.“ Der Kommentar war voller Anspielungen, denn Mrs. Witherspoon war überzeugt, dass der Mann sich in Vee verguckt hatte. Und sie machte auch kein Geheimnis daraus, dass sie ihr über die Schulter schaute, um mitzulesen. Vee erbrach das Siegel in der Hoffnung, ein paar Anmerkungen zu finden, die persönliche Empfindungen offenbarten, die diese Theorie bestätigen könnten. „Treffen Sie ihn denn bald mal persönlich?“

Vee ließ schnell den Blick über die deprimierend unpersönliche, knappe Botschaft schweifen, bevor sie sie verärgert wieder zusammenfaltete. Auch wenn Lord Dorchester sehr großzügig war, so war die Art, wie er erklärte, warum er bestimmte Bücher ausgewählt und absichtlich einige ihrer Vorschläge ignoriert hatte, doch typisch für ihn. Seiner Ansicht nach waren Romane bloß „alberne fiktionale Hirngespinste, die keinen großen erzieherischen Wert besitzen, den es aber bräuchte, um leicht beeinflussbare junge Gemüter wohl zu formen.“

Es war natürlich nicht so, als hätte er jemals einem jungen Gemüt selbst etwas beigebracht. Und es spielte auch keine Rolle, dass ihre vier Jahre Unterrichtserfahrung sie gelehrt hatten, dass diese aufregenden „Hirngespinste“ diesen leicht beeinflussbaren Kindern eine Liebe zu Büchern vermittelte, die dafür sorgte, dass sie auch außerhalb des Unterrichts weiterlesen wollten.

Die Liebe zum Lesen ging Hand in Hand mit einer Liebe zum Lernen, fachte sie an und nährte sie. Trockene Texte hingegen erstickten diese Liebe bloß. Egal wie oft oder wie logisch begründet sie dieses Argument vorgebracht hatte, es stieß immer auf taube Ohren bei diesem ernsthaften Herrn reiferen Alters, der immer alles besser wusste. Das war eine Charakterschwäche, die sie immer weniger zu übersehen bereit war, auch wenn ihr die Vernunft gebot, es weiter zu versuchen.

Als sei die knappe Ablehnung ihrer fachkundigen Meinung nicht schon ärgerlich genug, fragte er in diesem „persönlichen“ Brief überhaupt nicht nach ihr! Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht zu fragen, warum sie diese Woche versäumt hatte, am Lesezirkel seiner Mutter teilzunehmen, als der Schnee sie in Hampshire festgehalten hatte. Dabei hatte sie in den drei Monaten, in denen sie daran teilgenommen hatte, nicht ein einziges Mal gefehlt. Es bedeutete nichts Gutes, dass er ihre Abwesenheit nicht einmal bemerkt hatte. Oder sie ihm gar nicht besonders wichtig war.

Falls sie ihm überhaupt wichtig war.

Er hatte sich jeder ihrer Andeutungen gegenüber als blind und taub erwiesen, die sie in diesen vergangenen drei Monaten hatte fallen lassen – dass sie mehr sein könnten als nur zwei Menschen, die die Liebe zu Büchern und Bildung teilten.

Denn abgesehen von seiner Neigung, ihre Meinung zu ignorieren, war sie in vielerlei Hinsicht immer stärker davon überzeugt, dass sie füreinander geschaffen waren. Insbesondere jetzt, da sie all ihre verrückten Ideen von einer leidenschaftlichen Liebesehe aufgegeben hatte. Leidenschaft mochte bei den Ehen ihrer Schwestern eine Rolle gespielt haben, aber Vee hatte sie nichts als Leid gebracht. Sie konnte die Leidenschaft eines Gentlemans mit Leichtigkeit anfachen, aber dabei nicht sein Herz berühren.

Abgesehen davon war ihr armes Herz gerade erst wieder notdürftig zusammengeflickt, nachdem der betrügerische Lord Argyll es ihr letztes Jahr gründlich gebrochen hatte. Und einen solch furchtbaren Fehler wollte sie nicht noch einmal begehen.

Nie wieder.

Gott sei Dank hatte sie jedoch daraus etwas gelernt. Sie hatte genug von Romantik und all dem unaufrichtigen, aber gefährlichen Blödsinn, der damit einherging. Romantik war etwas für Träumer und Narren, und sie war weder das eine noch das andere – jedenfalls nicht mehr. Darum hatte sie entschieden, dass der zukünftige Vater ihrer Kinder und das Oberhaupt der glücklichen Familie, nach der sie sich schon immer gesehnt hatte, sich in jeder nur möglichen Hinsicht von dem schönen, aber letztlich unwürdigen jungen Gentleman unterscheiden sollte, der ihr den Kopf verdreht und ihren Verstand ausgeschaltet hatte.

Trotz des Altersunterschieds von fünfzehn Jahren waren Lord Dorchester und sie im Kern beide lesewütig und wissbegierig, und sie teilten den Wunsch, durch Erziehung und Wohltätigkeit das Leben derjenigen zu verbessern, denen es nicht so gut ging. Das war eine bessere und stärkere Basis für eine Ehe als Romantik.

Ja – er war ein bisschen zu ernst und kompromisslos, und das wirkte manchmal arrogant oder respektlos. Und ja, er konnte auch ein wenig voreingenommen und herablassend sein, wenn er den Menschen um sich herum einen Vortrag darüber hielt, was richtig und was falsch war. Aber man konnte nicht leugnen, dass er einem moralischen Kompass folgte, der ebenso resolut nach Norden zeigte wie ihr eigener; dass er den Ruf eines aufrichtigen und redlichen Gen­tleman hatte; dass er frei von Skandalen und außerdem solvent war; und er war reif genug, sich von den Gedanken in seinem Kopf leiten zu lassen statt von dem Anhängsel in seiner Hose.

Das musste doch sicher irgendwie von Bedeutung sein?

Sie hatte zweifelsohne noch nie ein anderes menschliches Wesen getroffen, mit dem sie mit solch sachkundiger Leidenschaft über Homers Ilias oder über Geschichte und Philosophie diskutieren konnte. Und ganz anders als der unerträgliche Galahad gerade eben war Lord Dorchester, falls er überhaupt für etwas brannte, für Shakespeare entflammt. Fast ebenso sehr wie sie selbst. Das musste auch irgendwie von Bedeutung sein, auch wenn sie die Komödien des Barden bevorzugte und er die „wertigeren“ Tragödien. Dorchester konnte sich auch über alles Mögliche ausgiebig unterhalten, sei es das Byzantinische Reich oder Botanik, Agrarwissenschaft oder Astronomie, und konnte stundenlang über all das gelehrte Vorträge halten.

Wirklich stundenlang.

Manchmal ohne Atem zu holen.

Aber das war eine weitere unwichtige Charakterschwäche, die sie beschlossen hatte zu ignorieren, denn es gab ja genug Dinge, die sie an ihm bewunderte. Er war zum Teufel noch mal der gebildetste Mann, den sie je getroffen hatte, und Vee liebte es zu lernen. Das war also ein weiterer Punkt, der für ihn sprach, auch wenn es ein unromantischer war.

Aber sie scherte sich ja auch gar nicht mehr um Romantik.

In den vier entmutigenden Jahren, in denen sie nach ihrem Traummann gesucht hatte, waren ihr nur Albträume begegnet.

Vee hatte sehr wohl Angebote bekommen. Sehr viele über die Jahre – aber unglücklicherweise waren sie alle unangemessen gewesen. Sie kamen von der Sorte Gentlemen, die bloß am Fleischlichen und nicht am Spirituellen interessiert sind, an der mystischen Göttin der Liebe aus der Gosse, für die sie sie hielten. Sie verkannten die Realität, denn sie war ohne Zweifel eine Intellektuelle bis ins Mark.

Die Tatsache, dass sie überhaupt einen Verstand besaß, spielte keine Rolle. Sie wurde immer nur als attraktiv angesehen von der Art Männer, die daran gar kein Interesse hatten. Und auch kein Interesse daran, sich ewig zu binden. Wie dieser Judas Lord Argyll, der auf ihr gespielt hatte wie auf einer Fiedel, wenn es ihm gerade passte, und sie prompt vergaß, als sich eine bessere, blaublütige Gelegenheit auftat.

Sie war schon zweiundzwanzig, um Himmels willen! Und allmählich hatte sie es satt, immer nach ihrem dummen Namen und ihrer viel zu üppigen Figur beurteilt zu werden, mit der sie das Schicksal ausgestattet hatte. Sie hatte die dummen, oberflächlichen und selbstsüchtigen Männer satt, die nie mehr in ihr sahen als ihren etwas überdurchschnittlich großen Busen.

Aber Lord Dorchester war überhaupt nicht wie diese Art von Männern.

Er war der vierzig schon näher als der dreißig, und er schätzte an ihr vor allem ihren Verstand, davon war sie überzeugt. Er schien auch ihre großzügige körperliche Ausstattung überhaupt nicht zu bemerken. Er hatte sie noch nie begafft oder anzügliche Andeutungen gemacht im Bezug auf ihren unangemessenen Namen oder mit ihrem Dekolleté gesprochen oder versucht, sie ins Bett zu bekommen. Er zeigte ihr gegenüber definitiv mehr Respekt als dieser unausstehliche junge Yankee, der fand, sie sei ein einziger großer humorloser prüder Witz!

Lord Dorchester machte nie Witze.

Vee bezweifelte ernsthaft, dass er das überhaupt konnte, aber das wollte sie ihm auch nicht vorhalten, denn schließlich sprach er stattdessen mit ihr über Politik und Wissenschaft und Bücher. Oder wenigstens sprach er, während sie ihm zuhörte. Und während er nicht im Mindesten charmant war, so waren doch Teile von ihm ästhetisch ansprechend, wenn man ihn im rechten Licht betrachtete.

Wenn sie die Unmengen von Schuppen ignorierte, die er anscheinend niemals von seinen schlecht sitzenden Mänteln abschüttelte.

Oder seine schwachen, gebeugten Schultern, die davon bestäubt waren.

Oder seine unattraktive Neigung, immer zu schniefen, wenn seine Nase zu war.

Oder seine kleinen und beunruhigend glatten Hände, die sich immer feucht anfühlten.

Aber das waren auch alles kleine Schwächen im Gesamtbild, und da sie jetzt diese neue pragmatische Herangehensweise an ihr zukünftiges Glück hatte, arbeitete sie hart daran, den Mann hinter all dem zu schätzen. In der anscheinend vergeblichen Hoffnung, dass er die intelligente Frau hinter dem scheußlichen Namen und der ausladenden Figur schätzen würde. Oder sie überhaupt als Frau sehen würde.

Die Ironie des Ganzen entging ihr nicht. Schließlich war sie während der vergangenen vier Jahre ständig von Männern begafft worden, die nur das offensichtlich Weibliche an ihr sahen.

„Ich glaube, er soll am Freitag zum Rokeby-Ball kommen. Ich sorge also dafür, dass das Waisenhaus ihm seinen Dank für seine andauernde Wohltätigkeit überbringt.“ So wie Vee ihn kannte, würde er bestimmt vergessen, sie zum Tanz zu bitten. So war es bei den letzten drei Bällen gewesen, bei denen sie miteinander gesprochen hatten, bis sie ihn wenig subtil dazu ermuntert hatte. Nicht, dass Lord Dorchester jemals jemand anderen zum Tanz aufgefordert hätte – aber trotzdem. Seine fortwährende Gleichgültigkeit war zutiefst unschmeichelhaft, wo sie doch so bemüht war, ihm mit ihren gewagten neuen Kleidern zu gefallen. „Wenn ich ihn nicht schon vorher treffe, natürlich. In dem Fall …“

„Ach du liebe Zeit“, unterbrach Reverend Smythe sie mit einem ernsten Gesichtsausdruck und starrte auf den Brief in seiner Hand. „Ach du liebe Zeit, du meine Güte. Arme Mrs. Leyton-Brown.“

„Hat sich ihr Zustand wieder verschlechtert?“ Die Hausmutter ließ sich auf den Stuhl neben Vee fallen. Die kränkliche Mrs. Leyton-Brown war schon immer eine der großzügigsten Unterstützerinnen des Waisenhauses gewesen.

Nicht nur durch ihr jährliches Stipendium hatte sie die Raubtiere vom Waisenhaus ferngehalten, sondern auch dadurch, dass sie unermüdlich Spenden sammelte, indem sie eine Benefizveranstaltung nach der anderen zu ihren Gunsten organisierte – bis ihre Krankheit sie dazu gezwungen hatte, immer mehr Zeit in ihrem Haus in Brighton zu verbringen. Sie hatte ihnen sogar dieses Gebäude zur Verfügung gestellt, als der Reverend ein Waisenhaus der etwas anderen Art hatte gründen wollen, einfach nur weil sie an seine Vision glaubte.

„Hat die Arme denn nicht schon genug gelitten?“, fragte die Hausmutter.

Zu all ihren gesundheitlichen Einschränkungen war vor sechs Monaten noch ein Schlaganfall hinzugekommen und hatte sie bettlägerig gemacht.

„Ihr Leiden hat nun ein Ende, Mrs. Witherspoon.“ Reverend Smythe reichte den beiden Damen den Brief über den Tisch, damit sie ihn lesen konnten. „Anscheinend starb sie letzte Woche friedlich im Schlaf. Das Schreiben ist von ihrem Anwalt in Brighton, der auch ihren Nachlass verwaltet. Ich soll bei Gelegenheit in seinem Büro vorbeischauen, um die einzelnen Dokumente im Zusammenhang mit dem großzügigen Vermächtnis zu unterschreiben, das Mrs. Leyton-Brown uns in ihrem letzten Willen und Testament hinterlassen hat.“

„Was war sie doch für eine selbstlose und großzügige Seele.“ Vee wollte nicht geldgierig klingen, aber in seiner momentanen Zwangslage brauchte das Waisenhaus alle großzügigen Vermächtnisse, die es bekommen konnte. „Wissen wir, um wie viel es sich handelt?“

„Hoffen wir, dass Mrs. Leyton-Brown uns genug hinterlassen hat, um das Dach zu reparieren.“ Mrs. Witherspoon zuckte schuldbewusst zusammen und fügte rasch hinzu: „Möge Gott ihrer Seele gnädig sein.“

Reverend Smythe tätschelte ihr die Hand mit einem bittersüßen Lächeln auf den Lippen. „Oh, da bin ich mir sicher, Mrs. Witherspoon, und sogar noch mehr. Ich habe es nie erwähnt, weil es mir respektlos gegenüber dieser Wohltäterin erschien, die bereits so viel für uns getan hat. Aber als ich sie im September in Brighton besuchte, hat mir Mrs. Leyton-Brown getreu versichert, dass sie unserem kleinen Waisenhaus nicht nur eine vierstellige Summe in ihrem Testament vermachen würde, …“

Vierstellig!“ Vee stockte der Atem, als sie sich vorstellte, was man mit eintausend Pfund alles würde bewirken können.

„Gott segne sie!“ Mrs. Witherspoon griff sich aufgeregt an den Busen. „Wir können endlich das Dach reparieren!“

„Das können wir tatsächlich.“ Das Lächeln des Reverends verbreiterte sich zu einem Grinsen. „Wir könnten sogar vielleicht etwas gegen unseren ausgeprägten Platzmangel tun, denn …“ Seine listigen ...

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