Ransom Canyon: Sunrise Crossing
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Jodi Thomas
Ransom Canyon: Sunrise Crossing
IMPRESSUM
CORA FILMEDITION erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: kundenservice@cora.de |
| Geschäftsführung: | Katja Berger, Jürgen Welte |
| Leitung: | Julia Fischer (v. i. S. d. P.) |
| Redakteurin: | Sarah Hielscher |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion) |
© Deutsche Erstausgabe 2026 in der Reihe CORA FILMEDITION, Band 5
Übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche von Ramona Ziegler für Nuanxed
© 2016 by Jodi Koumalats
Originaltitel: „Sunrise Crossing”
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Abbildungen: Tim Speer / GettyImages
Veröffentlicht im ePub Format im Januar 2026.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751538831
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL
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Der Flug
Januar 2012
LAX
Victoria Vilanie kauerte sich zusammen, versuchte sich klein zu machen, regelrecht zu verschwinden. Ihr schwarzes Haar umhüllte sie wie ein Umhang, konnte sie aber nicht schützen.
Sämtliche Geräusche am Flughafen kamen ihr vor wie Trommeln in einem Dschungel voller Raubtiere. Gepäckwagen mit lauten Rädern, die über den unebenen Boden donnerten. Menschen, die schlurften, herumschrien und sich beschwerten. Elektronische Stimmen, die Nummern und Reiseziele herunterratterten. Weinende Babys. Klingelnde Telefone. Der späte Wintersturm, der gegen die Glaswände hämmerte.
Victoria, von ihren wenigen Freunden Tori genannt, gab vielleicht keinen Laut von sich, aber innerlich schrie sie laut auf.
Ihr liefen die Tränen über das Gesicht, aber sie machte sich nicht die Mühe, sie abzuwischen. Der Lärm wurde immer unangenehmer und sie fühlte sich inmitten der vielen Fremden völlig allein.
Sie war vierundzwanzig, und alle sagten, sie sei eine begabte Künstlerin. Sie verdiente ihr Geld so schnell und leicht, dass es fast bedeutungslos geworden war – nur noch eine Zahl, die ihr keine Freude bereitete. Heute Nacht sehnte sie sich einfach nur nach Stille, Frieden, einer Welt, in der sie sich verstecken konnte.
Sie rieb sich die Augen mit ihrem Ärmel und spürte, wie jemand sie an der Schulter berührte, federleicht, als würde ein Vogel dort landen.
Tori drehte sich um und erkannte die Frau, die sie schon einmal gesehen hatte. Die große Blondine Mitte dreißig besaß eine der angesehensten Galerien in Dallas. Wer könnte Parker Laceys grüne Augen jemals vergessen? Sie war eine Frau, die alles hatte und die genau wusste, wo es langging. Eine geborene Anführerin, die ihr Privatleben und ihr Business allem Anschein nach mühelos unter einen Hut brachte.
„Ist alles in Ordnung, Tori?“, fragte Parker.
Tori konnte nicht anders, als die Wahrheit zu sagen: „Ich lebe das falsche Leben.“
Dann geschah etwas sehr Seltsames. Die Frau mit den grünen Augen umarmte sie, und Tori war zum ersten Mal seit Jahren klar, dass jemand sie gehört hatte. Sie wirklich gehört hatte.
Steingraue Wintertage
Februar
Dallas, Texas
Parker Lacey saß kerzengerade auf der Kante ihres Krankenhausbetts. Ihr kurzes blondes Haar war gekämmt, ihr Make-up saß perfekt und ihr logischer Verstand kontrollierte wie immer sämtliche Emotionen.
Sie hatte den Schmerz in ihrem Knie, das Pochen in ihrem Bein, monatelang ignoriert. Genau wie auch jetzt.
Den ganzen Tag lang war sie gepiesackt und untersucht worden, und nun musste ihr irgendein Arzt, den sie kaum kannte, mitteilen, wie lange sie noch zu leben hatte, bevor der Vorhang ihres Lebens fallen sollte. Einen Monat. Sechs Monate. Wenn sie Glück hatte, vielleicht ein Jahr?
Ihre Mutter war gestorben, als Parker zehn war. Brustkrebs mit einunddreißig. Ihr Vater acht Jahre später. Lungenkrebs mit neununddreißig. Keiner ihrer beiden Elternteile hatte seinen vierzigsten Geburtstag erlebt.
Alt zu werden lag einfach nicht in Parkers Familie. Sie hatte es gewusst und sich ihr ganzes Erwachsenenleben lang Sorgen gemacht, bald sterben zu müssen. Und jetzt, mit siebenunddreißig, erkannte sie, dass ihre Zeit bald abgelaufen war. Nur war sie klüger gewesen als all ihre Vorfahren. Sie hinterließ keine Nachkommen. Es würde keine nächste Lacey-Generation geben. Sie war die Letzte ihrer Familie.
Es gibt auch keine Liebhaber oder enge Freunde, dachte sie. Meine Beerdigung wird sehr klein ausfallen.
Das Piepen ihres Handys unterbrach ihre morbiden Gedanken.
„Hallo, hier Parker“, meldete sie sich.
„Ich bin drin!“, ertönte eine leise Stimme. „Habe mich genau an die Karte gehalten. Das Haus liegt nur ein paar Meilen von der Bushaltestelle entfernt. Es ist perfekt, und deine Haushälterin hat mehr Lebensmittel bereitgestellt, als ich in einem Jahr aufessen kann. Und, Parker, du hattest recht: Dieser abgelegene Ort ist wie der Himmel auf Erden.“
Mit einem Schlag hatte Parker ihre eigenen Probleme vergessen. Um den Tod konnte sie sich später noch Sorgen machen. Im Moment musste sie einer ihrer Künstlerinnen helfen. „Tori, bist du dir sicher, dass dir niemand gefolgt ist?“
„Ja. Ich habe es genauso gemacht, wie du gesagt hast. Habe ständig auf den Boden geschaut. Mich wie ein Junge gekleidet. Zweimal den Bus gewechselt. Ein Busfahrer hat sogar ‚Beeil dich, Kleiner!‘ zu mir gesagt.“
„Gut. Wahrscheinlich wird mich niemand mit dir in Verbindung bringen, und es weiß auch niemand, dass ich ein Haus in Crossroads besitze. Bleib einfach dort. Da bist du sicher. Nimm dir die Zeit, um dich auszuruhen und nachzudenken.“
„Sie werden dir Fragen stellen, wenn sie merken, dass ich verschwunden bin“, wandte Tori ein. „Mein Stiefvater wird das nicht einfach so akzeptieren. Ich bin ihm zu viel Geld wert.“
Parker lachte und versuchte beruhigend zu klingen. „Natürlich werden sie fragen, wie gut wir uns kennen. Ich werde allen sagen, dass ich stolz darauf bin, deine Arbeiten in meiner Galerie auszustellen, und dass wir uns nur ein paar Mal auf Vernissagen begegnet sind.“ Beides stimmte. „Außerdem ist es kein Verbrechen zu verschwinden, Tori. Du bist erwachsen.“
Am anderen Ende der Leitung wurde Victoria Vilanie ganz still. Sie hatte Parker erzählt, dass sie sich monatelang auf einer wilden Achterbahnfahrt der Gefühle befunden hatte. Die Fahrt hatte sie arg mitgenommen und sie war innerlich fast zerbrochen. Mit dreizehn war sie von der Kunstszene „entdeckt“ worden. Ihr Stiefvater hatte sofort seinen Job gekündigt und war ihr Manager geworden.
„Tori“, flüsterte Parker ins Telefon, „du bist doch nicht die Marionette von irgendjemandem. Das wird schon wieder. Du kannst auf eigenen Beinen stehen. Es gibt Fachleute, die dir helfen können, deine Karriere zu managen, ohne dabei die Kontrolle über dein Leben zu übernehmen.“
„Ich weiß. Es ist nur ein bisschen beängstigend.“
„Schon gut, Tori. Du bist jetzt in Sicherheit und musst dich nicht mit den Reportern rumschlagen. Du musst keine Fragen beantworten.“ Parker zögerte. „Wenn du mich brauchst, komm ich vorbei.“
„Das wäre schön.“
Niemand würde glauben, dass Parker sich jemals so weit aus dem Fenster lehnen würde, um einer Frau zu helfen, die sie kaum kannte. Vielleicht hatten sie und Tori aber auch eine Leidensgenossin in der jeweils anderen gesehen, oder vielleicht war es einfach an der Zeit, einmal etwas anderes, etwas Gutes zu tun.
„Egal was passiert“, flüsterte Tori, „ich möchte dir danken. Du hast mir das Leben gerettet. Ich glaube, wenn ich noch eine Woche hätte weitermachen müssen, wäre ich in eine Million Stücke zersprungen.“
Parker wollte antworten, dass sie bezweifelte, dass die Lage tatsächlich so ernst war, doch sie war sich nicht sicher, ob die kleine Künstlerin nicht vielleicht sogar recht hatte. „Pass auf dich auf. Sag dem Paar, das sich um das Haus kümmert, nichts. Du bist nur zu Besuch, vergiss das nicht. Lass dir alles, was du brauchst, aus der Stadt holen. Wenn du malen willst, findest du einige Utensilien auf dem Dachboden.“
„Ich hab die Sachen schon gefunden, aber ich glaube, ich will einfach nur auf deinem Grundstück rumlaufen und über mein Leben nachdenken. Du hast recht. Es ist an der Zeit, dass ich mein Schicksal wieder selbst in die Hand nehme.“
„Ich komme, so schnell ich kann.“ Seit sie acht war, hatte Parker jeden Krimi gelesen, den sie in die Finger bekommen konnte. Wollte Tori verschwinden, sollte Parker in der Lage sein, herauszufinden, wie man das anstellte. Wie schwer konnte das schon sein?
Die Tür des Krankenzimmers wurde geöffnet.
Parker schaltete das Wegwerfhandy aus, das sie vor ein paar Wochen am Flughafen gekauft hatte, als sie und Tori darüber gesprochen hatten, wie sie es schaffen könnten, dass Tori komplett untertauchte.
„Miss Parker?“ Ein junger Arzt steckte den Kopf ins Zimmer. Er sah nicht alt genug aus, um das College abgeschlossen zu haben, geschweige denn das Medizinstudium, aber das hier war eine Universitätsklinik, sogar eine der besten des Landes. „Ich bin Dr. Brown.“
„Ich bin Miss Lacey. Mein Vorname ist Parker“, sagte sie, schob das Handy unter die Decke und versteckte es genauso wie die begabte Künstlerin.
Der junge Arzt betrat das Zimmer. „Sind Sie mit Quanah Parker verwandt? Jedes Jahr kommen ein paar Leute zu uns, die von dem großen Komantschen-Häuptling abstammen.“
Sie wusste genau, was der Arzt versuchte. Er wollte eine Vertrauensbasis schaffen, bevor er ihr die schlechte Nachricht überbrachte, also spielte sie mit. „Das kommt darauf an. Wie alt war er, als er starb?“
Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Ich bin kein großer Geschichtsfan, aber meine Eltern haben in meiner Kindheit an jeder historischen Gedenktafel in Texas und Oklahoma angehalten. Ich glaube, der große Krieger war alt, als er starb, richtig alt. Wie ich hörte, hatte er sechs Frauen, als er friedlich im Schlaf auf seiner Ranch verstarb, in der Nähe einer Stadt, die so heißt wie er.“
„Wenn er ein langes Leben hatte, bin ich wahrscheinlich nicht mit ihm verwandt. Und soweit ich weiß, habe ich weder indigenes Blut noch irgendwelche lebenden Verwandten.“ Als sie alt genug gewesen war, um danach zu fragen, hatte sich niemand mehr daran erinnert, warum sie Parker hieß, und sie hatte wenig Interesse daran gehabt, einen Stammbaum mit so kurzen Ästen zu erforschen.
„Das tut mir sehr leid.“ Dann grinste er. „Ich könnte Ihnen ein paar von meinen Schwestern abtreten. Seit ich mit dem Medizinstudium fertig bin, halten sie mich für ihren persönlichen Telefondoktor. Sie rufen mich sogar an, um zu fragen, ob in irgendwelchen Fernsehserien die medizinischen Details richtig dargestellt werden.“
„Nein danke, behalten Sie Ihre Schwestern ruhig.“ Sie versuchte zu lächeln.
„Manchmal ist es gut, eine Familie um sich zu haben.“ Dann fragte er: „Soll ich jemanden für Sie anrufen? Eine enge Freundin vielleicht?“
Sie blickte auf und las alles, was sie wissen musste, in den Augen des jungen Mannes. Sie würde bald sterben. Er überbrachte ihr bloß die Nachricht und sah dabei schon furchtbar aus. Vielleicht war es das erste Mal, dass er einer Patientin sagen musste, dass ihre Tage gezählt waren.
„Wie lange muss ich hier noch rumhängen?“
Der Arzt sah in ihre Akte und wich ihrem Blick aus, als er antwortete: „Eine Stunde, vielleicht zwei. Wenn Sie zurückkommen, werden wir es Ihnen hier so angenehm wie möglich machen, aber Sie brauchen …“
Sie gab ihm keine Zeit, aufzuzählen, was, wie sie sehr genau wusste, als Nächstes kommen würde. Sie hatte zugesehen, wie ihr einziger Cousin während ihrer Zeit an der Highschool an Knochenkrebs gelitten hatte. Zuerst würde man sie am Bein operieren. Man würde nicht alles erwischen und sie bekäme eine Chemo. Eine Runde nach der anderen, bis sie sowohl ihre Haare als auch ihren Lebensmut verloren hätte. Nein, das würde sie nicht über sich ergehen lassen. Sie hatte keine Lust zu kämpfen.
Der Arzt unterbrach ihre Gedanken. „Wir können Ihnen Spritzen in das linke Knie geben. Das wird die Schmerzen lindern, bis …“
„Okay, ich komme wieder, wenn ich eine brauche“, unterbrach sie ihn, weil sie ihm keine Gelegenheit geben wollte, davon zu reden, dass sie vielleicht ihr Bein oder ihr Leben verlieren würde. Wenn sie ihn das Wort Krebs laut aussprechen ließe, würde sie anfangen zu schreien und nie wieder aufhören.
Ihr war bewusst, dass sie humpelte, wenn sie müde war, und dass ihr Knie manchmal wegknickte. Ihr Rücken schmerzte schon und ihr ganzes linkes Bein fühlte sich manchmal schwach an. Der Krebs musste bereits dabei sein, sich auszubreiten. Schon seit Monaten wusste sie, dass er da war, aber sie hatte die Untersuchung immer wieder aufgeschoben. Jetzt war ihr klar, dass es nur noch schlimmer werden würde. Noch mehr Schmerzen. Noch mehr Medikamente. Bis er schließlich ihr Gehirn erreichte. Vielleicht wollte der Arzt nicht, dass sie litt? Vielleicht würden die Spritzen sie außer Gefecht setzen. Sie würde bis zum Schluss nichts spüren. Sie würde einfach auf den Tod warten, genau wie ihr Cousin es getan hatte. Sie hatte ihn jeden Tag besucht. Hatte zugesehen, wie er immer schwächer und das Personal immer trauriger wurde.
Abzuwarten war noch nie ihre Art gewesen und das würde sich auch jetzt nicht ändern.
Eine Krankenschwester in OP-Kleidung, die ihr zwei Nummern zu klein war, eilte ins Zimmer und flüsterte laut genug, dass Parker es hören konnte: „Wir haben einen Notfall, Doktor. Drei Krankenwagen bringen soeben Verletzte von einem schweren Unfall her. Massenkarambolage auf der I-35. Können Sie hier weg, um zu helfen?“
Der Arzt klappte die Akte zu und nickte. „Kein Problem. Wir sind hier fertig.“ Dann sah er Parker an. „Wir werden später noch Zeit haben, zu reden, Miss Parker. Sie haben ein paar Optionen.“
Sie schwieg. Eigentlich wollte sie die Details gar nicht hören. Es spielte doch auch keine Rolle, oder? Er musste das Wort Krebs nicht aussprechen, damit sie wusste, was los war.
Eilig verließ der Arzt den Raum.
Die Krankenschwester setzte eine fürsorgliche Miene auf. „Was kann ich tun, um es Ihnen angenehmer zu machen? Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, meine Liebe. Ich habe schon sehr vielen Menschen dabei geholfen, das durchzustehen.“
„Sie können mir meine Kleidung geben“, erklärte Parker, als sie vom Bett glitt. „Und dann können Sie mir dabei helfen zu verschwinden.“ Sie war es gewohnt, Befehle zu erteilen. Das tat sie schon, seit sie vor fünfzehn Jahren ihre Kunstgalerie eröffnet hatte. Sie war zweiundzwanzig gewesen und hatte geglaubt, ewig zu leben.
„Oh, aber …“ Die Krankenschwester riss die Augen auf, als wäre sie eine Glucke, deren Küken ihr davonlief.
„Kein Aber. Ich muss jetzt gehen.“ Parker zog eine Augenbraue hoch und signalisierte der Krankenschwester damit, dass sie keinerlei Widerspruch duldete.
Dann streifte sie den Krankenhauskittel ab und stieg in das maßgeschneiderte Kostüm, in dem sie vor der Morgendämmerung hier angekommen war. Die petrolfarbene Seidenbluse und die cremefarbene Jacke aus feiner Wolle fühlten sich im Vergleich zu dem rauen Baumwollkittel wunderbar auf ihrer Haut an. Wie ein Chamäleon, das seine Farbe wechselte, verwandelte sie sich von einer Patientin in eine imposante, souveräne Geschäftsfrau.
Die Krankenschwester geriet erneut in Panik. „Holt Sie jemand ab? Wurden Sie entlassen? Sind die Papiere schon fertig?“
„Nein zur ersten Frage. Ich bin selbst hergefahren und werde auch selbst wieder wegfahren. Und ja, ich wurde entlassen.“ Parker warf ihre Sachen in die riesige Coach-Tasche, die sie mitgebracht hatte. Wenn ihre Tage gezählt waren, wollte sie jeden einzelnen davon auskosten. „Ich muss etwas sehr Wichtiges erledigen. Ich habe keine Zeit, mich mit Papierkram rumzuschlagen. Schicken Sie mir die Formulare mit der Post.“
Parker ging hinaus, während die Krankenschwester einen Rollstuhl holte. In Gedanken hakte sie die Dinge ab, die sie zu tun hatte. Die Absätze ihrer hochhackigen Pumps klackerten auf den Flurfliesen. Es würde eine Woche dauern, ihr Büro in Ordnung zu bringen. Sie wollte, dass die Galerie reibungslos weiterlief, während sie weg war.
Sie plante, einer Freundin dabei zu helfen, das Leben zu genießen und ein Abenteuer zu erleben. Wenn sie dann starb, hätte sie wenigstens gelebt – wenn auch nur für ein paar Monate.
Nachdem sie in ihren Jaguar, ein Sondermodell, gestiegen war, ließ sie den Motor aufheulen. Sie hatte nicht vor, sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Vorsicht kam ab jetzt in ihrem Wortschatz nicht mehr vor.
Der Schmerz in ihrem Bein zog durch ihren ganzen Körper, als sie das Knie beugte, aber Parker ignorierte ihn. Seit sie aufs College gegangen war, hatte ihr niemand mehr Vorschriften gemacht, und niemand, nicht einmal Dr. Brown, würde ihr jetzt irgendetwas vorschreiben.
Crossroads, Texas
Yancy Grey lief durch die Straßen. Er bemerkte kaum, wohin er ging, und es war ihm auch egal, dass noch ein winterlicher Hauch in der nächtlichen Brise lag.
Heute war sein Geburtstag. Zumindest glaubte er das. Seine Mutter war die meiste Zeit seiner Kindheit von Tabletten benebelt gewesen und hatte ein entsprechend schlechtes Gedächtnis gehabt. Sie hatte ihm erzählt, dass sie die Geburtsurkunde etwa eine Woche nach seiner Geburt ausgefüllt hatte, als sie endlich geheilt und ausgenüchtert genug gewesen war, um die Klinik in Crossroads, Texas, aufzusuchen.
Als Yancy mit vierzehn von zu Hause weggelaufen war, hatte er ernsthaft bezweifelt, ob sie es überhaupt bemerkt hatte. Sie hatte seine Geburt nie gefeiert, und nachdem er fortgegangen war, hatte er diese Tradition während seiner unsteten Teenagerjahre und seiner frühen Zwanziger, die er im Gefängnis verbracht hatte, fortgesetzt. Und jetzt, dachte er, tue ich das immer noch. Hier, im ruhigen Texas.
Mit zweiunddreißig war er allein und weise genug, um zu erkennen, dass das gar nicht so schlecht war. Die alten Leute in der Seniorenresidenz Abendschatten, wo er arbeitete, hätten eine Geburtstagsparty für ihn geschmissen, wenn sie es gewusst hätten, aber bei Einbruch der Dunkelheit lagen sie alle schon in ihren Betten. Vermutlich dachten sie darüber nach, was von ihrem Leben noch übrig war, während Yancy stattdessen nach vorn blicken wollte.
Seit sieben Jahren war er nun schon für die pensionierten Lehrkräfte tätig, reparierte ihre Häuser und verwaltete den Komplex mit zwanzig kleinen Bungalows, der ursprünglich als Motel mit acht Häuschen in der Stadt Crossroads gedacht gewesen war, in der sich zwei Highways kreuzten. Die Schulverwaltung hatte das alte Motel gekauft, um neuen Lehrkräften eine Bleibe anbieten zu können. Dann allerdings hatten sich die Lehrer, die in den Ruhestand gingen und in der Stadt bleiben wollten, dort niedergelassen.
Yancy fuhr die alten Bewohner zum Arzt, holte ihre Rezepte ab und kümmerte sich rührend um sie, denn sie waren ihm alle ans Herz gewachsen. Er hielt alle Einrichtungen auf dem Gelände instand und baute hin und wieder ein neues kleines Cottage, wenn eine alleinstehende Lehrkraft einen Ort brauchte, um ihren Ruhestand zu genießen.
Im Gegenzug liebten sie ihn alle und versuchten, ihre Weisheit an ihn weiterzugeben. Cap lehrte ihn Tischler- und Klempnerarbeiten und Miss Bees hatte ihm das Kochen beigebracht. Leo war ein Genie im Umgang mit Geld und hatte ihn dazu gebracht zu investieren, und Mrs. Abernathy hatte sogar versucht, ihm Klavierspielen beizubringen. Egal welches Projekt er in Angriff nahm, Yancy konnte sich darauf verlassen, dass jemand da war, um ihm jederzeit beratend zur Seite zu stehen.
Manchmal hatte er das Gefühl, er hätte während der Jahre seiner Anstellung ebenso viel gelernt wie bei einem Studium an der Universität. Die pensionierten Lehrer waren ein Quell des Wissens und er war ein begeisterter und wissbegieriger Schüler.
Doch was Frauen anging, funktionierte nichts von dem, was sie sagten. Er hatte seit Monaten kein Date mehr gehabt, und die beiden im letzten Jahr hatten ihn davon überzeugt, dass es gar nicht so schlimm war, Single zu sein. Es schien keine Familie für ihn zu geben – weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Keine junge Frau wollte mit einem Ex-Häftling, Handwerker und Herumtreiber gesehen werden, egal wie nett er war oder wie sehr ihre Großmutter von ihm schwärmte.
Als er aufblickte, sah er eine Viertelmeile entfernt das alte Gypsy House, das jetzt ihm gehörte – weit genug weg von den Lichtern der Stadt, aber doch nah genug, um nicht völlig außerhalb zu liegen. Sein Zuhause. Eingebettet zwischen den kahlen Ulmen, wirkte das Haus immer noch unheimlich, obwohl er bereits mit der Renovierung begonnen und das Dach repariert hatte. Der Müll und die Steppenläufer waren verschwunden, aber in der Nähe der Veranden wuchsen weder Gras noch Blumen. Genau wie er selbst passte auch das Haus nicht so recht zu den anderen in der Stadt.
Yancy hatte sich hinter den hundert Jahre alten, zerfallenen Überresten eine Werkstatt gebaut, damit er das betagte Haus in einem besseren Zustand wiederaufbauen konnte, als es vor einem Jahrhundert errichtet worden war. Mit einem hohen Dach und einem Dachboden, in dem er das Material lagerte, sah die Werkstatt eher wie eine Scheune aus. Im Inneren bot sie Platz genug für sechs Autos, aber er hatte dort lange Werkbänke und Sägen aufgestellt, die er auf Flohmärkten und bei Garagenverkäufen ergattert hatte.
Dieses verfallene Haus und die fünf Morgen Land, die dazugehörten, sahen vielleicht nicht nach viel aus, aber all das war seins, ganz allein seins. Eine Großmutter, die er nie kennengelernt hatte, hatte es ihm hinterlassen, zusammen mit genug Geld, um jahrelang die Steuern zu bezahlen. Es war ihm egal, dass er keine Verwandten hatte, von denen er jemals ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk erhalten würde. Das hier war genug.
Letztes Weihnachten hatten die Damen aus der Seniorenresidenz Abendschatten eine Spendenaktion in seiner Scheune veranstaltet. Sie hatten Quilts aufgehängt, um die Wände mit den Werkzeugen und Regalen zu verdecken, und dann die Tische mit hausgemachten Süßigkeiten und Handarbeiten vollgeladen. Er hätte schwören können, dass jeder einzelne Stadtbewohner gekommen war und einen ganzen Armvoll Zeugs gekauft hatte, egal ob er eine neue Hülle für eine Taschentuchbox oder ein Set Rentier-Untersetzer brauchte oder nicht.
Es hatte ihm großen Spaß gemacht, den Damen zu helfen. Trotzdem war er aber auch froh gewesen, als seine Werkstatt wieder so war, wie es sich gehörte. Der alte Cap hatte ihm beigebracht, dass alles seinen Platz haben musste, und Yancy glaubte, er hätte mit geschlossenen Augen jedes einzelne Werkzeug an den Wänden finden können.
Als er erfuhr, dass ihm das Haus vererbt worden war, hatte Yancy sofort beschlossen, den Umbau von innen nach außen vorzunehmen. Wenn er fertig wäre, würde es einfach perfekt aussehen. Er würde zum ersten Mal in seinem Leben in ein richtiges Zuhause einziehen. Das Haus mochte vor einunddreißig Jahren, als seine Mutter während ihrer Schwangerschaft hier gelebt hatte, zwar nur Traurigkeit und Hass beherbergt haben, doch er würde es mit dem ganzen Herzblut eines Handwerkers wiederaufbauen, der seine Fähigkeiten im Gefängnis erlernt und stets von einem Projekt wie diesem geträumt hatte.
Die Werkstatttür knarrte ein wenig, als er sie öffnete.
Yancy lächelte. Er mochte das Geräusch. Es war, als würde das Haus ihn willkommen heißen.
Wie jeden Abend zog er seinen Mantel aus, hängte ihn auf und begann mit der Arbeit. Heute würde er alte Bretter abschleifen, die schließlich poliert und genutet werden sollten, um im oberen Teil des Hauses zum Einsatz zu kommen. Die vier kleinen Zimmer im Erdgeschoss hatte er in einen einzigen Raum verwandelt, an dessen rückwärtigem Teil eine lange Theke die offene Küche vom Wohnbereich abtrennte. Die Theke hatte ihn drei Monate Arbeit gekostet und war aus einem einzigen Stück Eiche gefertigt.
Irgendwann hatte er sich ein Radio gekauft, weil er dachte, dass ein wenig Musik bei der Arbeit ganz nett sein könnte, aber die meisten Nächte vergaß er, es einzuschalten. Er mochte die Stille und den Rhythmus der mitternächtlichen Schatten, und es gefiel ihm, mit seinen Gedanken und Träumen allein zu sein. Vor sieben Jahren, als er hier angekommen war, hatte er nichts besessen als ein paar Kleidungsstücke, die ihm aus der Zeit vor dem Gefängnis geblieben waren. Inzwischen war er ein reicher Mann. Er hatte eine Arbeit, die er liebte, und die Stille der Nacht, um nachzudenken.
Als er begann, das Holz zu schleifen und somit auch den Stress des Tages abzuarbeiten, fielen die Einsamkeit seiner Nächte und die ständigen Sorgen um die Bewohner, die er betreute, von ihm ab. Seine Muskeln lechzten geradezu nach körperlicher Arbeit.
Das war es, was er brauchte. Eine Leidenschaft. Eine Aufgabe. Ein Ziel, auf das er hinarbeiten konnte. Wenn er fertig wäre, würde er stolz auf das sein, was er geleistet hatte, und niemand konnte ihm das nehmen.
Nach einer Weile hörte er ein leises Geräusch. So, als hätte sich jemand im Stockwerk über ihm bewegt. Da, wieder dieses leichte Knarzen des Bodens.
In der vergangenen Woche war das schon öfter passiert, aber genau wie die Male zuvor reagierte er nicht. Er arbeitete einfach weiter. Wenn der unsichtbare Besucher ihm hätte schaden wollen, hätte er es schon längst getan. Vielleicht hatte ein verängstigtes Tier Schutz vor dem letzten Wintermonat gesucht, oder vielleicht wollte ein Landstreicher nur einen warmen Platz zum Ausruhen, bevor er weiterzog. Das hatte er als Teenager selbst erlebt. Er wusste, wie viel ein ruhiger, sicherer Ort bedeuten konnte.
Eine Stunde später war Yancy immer noch in seine Arbeit vertieft, als sich plötzlich über ihm ein loses Brett verschob und herunterpolterte.
Ein kurzer Aufschrei folgte.
Yancy wartete, dann sagte er ruhig: „Wenn du versuchst, mich umzubringen, musst du schon etwas Größeres als ein Kantholz runterwerfen.“
„Entschuldigung“, flüsterte der Eindringling.
„Nichts passiert. Ich weiß schon länger, dass du da oben bist. Willst du nicht runterkommen und Hallo sagen?“
Keine Antwort.
„Ich habe eine Thermoskanne mit heißem Kaffee, den ich noch nicht getrunken habe. Du kannst ihn gern haben.“
„Du rufst nicht die Polizei?“
„Nö. Der Sheriff hat wahrscheinlich seinen eigenen Kaffee.“
Yancy glaubte, ein unterdrücktes Lachen zu hören.
Eine zierliche Frau in Jeans und einem blau karierten Flanellhemd stieg die Leiter hinunter. Ihr langer dunkler Zopf streifte ihren Po, als sie Stufe für Stufe hinabstieg.
„Ich wollte dich nicht ausspionieren“, erklärte sie, ohne ihn anzusehen. „Die Scheune war nicht abgeschlossen und vor ein paar Nächten wollte ich nur der Kälte entkommen. Es riecht hier so gut, dass ich immer wieder hergekommen bin.“
„Das ist das frisch bearbeitete Holz. Ich liebe den Geruch auch.“ Er widmete sich wieder seiner Arbeit. „Du gehst also auch nachts spazieren? Das tue ich auch gern.“
Sie nickte. „Normalerweise komme ich nicht so nah an die Stadt, aber spazieren zu gehen ist besser, als sich hin und her zu wälzen und nicht schlafen zu können.“
„Ich weiß, was du meinst.“ Er reichte ihr die Thermoskanne. „Der Kaffee ist stark. Ich hab ihn von der Arbeit mitgebracht, aber er ist noch heiß. Sollte die Kälte vertreiben.“
Sie schraubte den Deckel auf und goss sich eine halbe Tasse ein. „Ich mag die Geräusche der Nacht und dass ich spazieren gehen kann, ohne mit jemandem sprechen zu müssen. Ich kann einfach so dahinschlendern und eins mit der Umgebung werden.“
„Du redest nicht gern mit Leuten?“
„Nicht besonders. Jetzt hier mit dir spreche ich gerade mehr als in den ganzen letzten Tagen zusammen.“
Er grinste bei dem Gedanken, dass ihm morgen in der Seniorenresidenz niemand diese Geschichte glauben würde. Eine hübsche Frau, ungefähr in seinem Alter, mit mitternachtsschwarzem Haar, die sich auf seinem Dachboden versteckte. Und was noch seltsamer war: Sie sagte, sie rede nicht gern, aber mit ihm sprach sie trotzdem.
Ihm gefiel der Gedanke, dass sie die Vorliebe für Spaziergänge auf schattigen Wegen und dafür, nicht viel reden zu müssen, teilten. Normalerweise war er derjenige, mit dem die Leute kein Gespräch anfingen. „Du bist hier jederzeit willkommen. Ich bin Yancy Grey und renoviere oder genauer gesagt baue das alte Stanley-Haus wieder auf.“
„Ich weiß. Das sehe ich.“
Sie hatte ein sanftes, entspanntes Lächeln, aber traurige Augen. Augen einer alten Seele, dachte er, als hätte sie weit mehr Traurigkeit gesehen als die meisten anderen. Er erinnerte sich an ein paar Leute im Gefängnis, die genauso gewesen waren, und hatte zugesehen, wie traurige Augen leer wurden, obwohl die Person, die aus ihnen blickte, noch atmete.
„Wohnst du hier in der Gegend?“ Yancy wusste, dass er sich an sie erinnert hätte, wenn er sie schon einmal gesehen hätte. Auf den ersten Blick sah sie fast wie eine Sechzehnjährige aus, aber auf den zweiten wirkte sie eher wie Ende zwanzig.
„Ich muss gehen.“ Sie wich zur Tür zurück. „Ich hätte dich nicht stören sollen.“
Er sah Panik in diesen wunderschönen winterblauen Augen. Er zwang sich, nicht zu reagieren. Noch eine Frage und sie würde ganz sicher fliehen.
„Du hast mich nicht gestört.“ Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu. „Es war schön, Gesellschaft zu haben, auch wenn ich dachte, du wärst ein Kaninchen.“
Mehr zu sich selbst als zu ihm flüsterte sie: „Wie sollte ein Kaninchen da hochkommen?“
Er zuckte mit den Schultern. „Und eine hübsche Frau? Komm jederzeit wieder, Kaninchen. Keine Fragen, versprochen.“
Kurz ließ sie den Blick durch die Werkstatt schweifen. „Ich mag diesen Ort. Hier fühle ich mich sicher. Mein Vater hatte eine Werkstatt wie diese.“
„Du bist hier sicher“, entgegnete er, obwohl er ohne zu fragen wusste, dass ihr Vater tot sein musste. Wenn er noch am Leben wäre, würde sie nicht nach einem sicheren Ort suchen. „Du bist jederzeit willkommen. Aber Vorsicht! Ich könnte dich zur Arbeit einspannen.“
Sie fuhr mit ihrer kleinen Hand über das Holz, das er gerade geschliffen hatte. „Das würde mir gefallen. Ich bin damit aufgewachsen, beim Bauen zu helfen. Manche Leute sagten, mein Papa sei ein Künstler, aber er meinte immer, er sei nur ein Zimmermann.“
Ohne ein Wort reichte er ihr das Schleifgerät und arbeitete weiter. Sie stand ein paar Minuten auf der anderen Seite der Werkbank, dann begann sie sie zu polieren. Eine Stunde lang standen sie sich einfach nur gegenüber und arbeiteten vor sich hin. Ihr Geschick war offensichtlich, und er wünschte sich, eine Frau würde ihn einmal so liebevoll berühren, wie sie das Holz berührte.
Als er das letzte Brett hochhob, legte sie ihr Werkzeug beiseite und flüsterte: „Ich muss gehen. Danke für diesen ruhigen Abend, Yancy.“
„Gern geschehen, Kaninchen. Komm jederzeit wieder.“ Er spürte, was sie vielleicht hören wollte, hören musste. „Ich könnte deine Hilfe gebrauchen und verspreche, keine Fragen zu stellen.“
Sie glitt so leise durch die Tür, dass er fast dachte, er hätte sie sich nur eingebildet.
Yancy klappte seinen Werkzeugkasten zu und löschte das Licht. Er hatte ihre Gesellschaft genossen, obwohl er nichts über diese Frau wusste, nicht einmal ihren Namen. Sie könnte auch eine Verrückte sein. Vielleicht war sie aus dem Gefängnis geflohen oder vor einem Ehemann, der sie schlug. Oder vielleicht war sie eine Landstreicherin, die nur darauf wartete, alles zu stehlen, was sie in die Finger bekommen konnte. Wenn dem so war, wäre es keine große Herausforderung für sie. Er hatte nie ein Schloss für die Scheune gekauft.
Aber sie hatte kein Auto. Zu Fuß konnte sie nicht weit gekommen sein und sie würde auch nicht viel mitnehmen können. Sie trug auch keinen Ehering, also wartete wahrscheinlich niemand auf sie. Irgendwie spürte er, dass sie genauso allein war wie er.
Er griff nach seinem Mantel und war nicht überrascht, dass er nicht mehr am Haken hing.
Als er zu seinem kleinen Zimmer hinter dem Aufenthaltsraum der Seniorenresidenz Abendschatten zurückging, lächelte er, froh darüber, dass das Kaninchen es wenigstens warm hatte. Bei ihrer Statur musste sein Mantel riesig sein, denn er war sicher über einen Kopf größer als sie und wog wahrscheinlich das Doppelte.
Vielleicht sollten ihm mehr Fragen durch den Kopf gehen, aber die einzige, die ihm in diesem Moment einfiel, war: Konnte er das, was er heute Abend erlebt hatte, ein Date nennen?
Yancy fluchte leise vor sich hin und dachte, wie erbärmlich es war, diese Frage auch nur in Erwägung zu ziehen. Die Frau hatte sich wahrscheinlich nur verirrt oder versteckte sich vor etwas, und sie war definitiv eine Diebin – sie hatte seinen Mantel gestohlen. Sie war nicht die Richtige für ein Date, nicht einmal für jemanden, der so verzweifelt war, einfach nur etwas so Gewöhnliches tun zu wollen, wie die Hand einer Frau zu halten.
Und doch hatte er trotz all ihrer möglichen Probleme gerade die beste Zeit gehabt, die er seit Monaten mit einer Frau verbracht hatte.
Deputy Fifth Weathers stürmte in die Büros der County-Verwaltung an der Main Street in Crossroads, Texas, als wäre er immer noch Offensive Tackle für die Texas Longhorns.
Grinsend machte er sich bewusst, dass sein Abschluss schon vier Jahre zurücklag. Er war vierzig Pfund leichter und sprach schon lange nicht mehr über seine Football-Tage, aber hin und wieder sehnte er sich danach, noch einmal unter dem Gebrüll der Menge über das Spielfeld zu laufen.
Er musste direkt zum Sheriff. Die Hölle würde gleich losbrechen und er hatte noch nicht einmal gefrühstückt.
Er hatte verschlafen – schon wieder –, und das war etwas, das für Sheriff Brigman einer Todsünde gleichkam. Außerdem war der für heute fällige Bericht noch immer nicht fertig, obwohl Fifth bis lange nach Mitternacht daran gearbeitet hatte.
Pearly, die Empfangsdame und Sekretärin des Countys, die direkt rechts vom Haupteingang saß, zuckte immer zusammen, wenn Fifth an ihr vorbeiging. Sie war eine dünne, kleine Frau, die es wahrscheinlich davonwehen würde, wenn er nieste, und in den zwei Jahren, in denen er für den Sheriff gearbeitet hatte, hatte sie ihn noch nicht ein einziges Mal angelächelt.
In den ersten sechs Monaten, die er in der Stadt war, hatte sie ihn wöchentlich gefragt, wann er vorhabe, wieder zu verschwinden. In letzter Zeit hing die Frage still zwischen ihnen wie das Lametta vom letzten Weihnachtsfest, das sich in einem langsam drehenden Ventilator verfangen hatte und leise flatternd seine Runden drehte.
Er nickte ihr zu.
Mit seinen zwei Metern war es Deputy Weathers geradezu unmöglich, sich unbemerkt an Pearly heranzuschleichen, und doch runzelte sie jedes Mal die Stirn, als sähe sie den Jüngsten Tag kommen, wenn sein Schatten die Sonne verdeckte.
„Da sind Sie ja“, fuhr sie ihn an. „Der Sheriff sucht Sie.“
Fifth trat näher an ihren riesigen Schreibtisch. Wenn er näher als anderthalb Meter herankam, fing Pearly immer an, an den Fransen ihres Schals herumzunesteln, als wollte sie das ganze Ding aufribbeln, sobald er in Reichweite kam.
„Alles in Ordnung, Miss Pearly?“, fragte er in einem Ton, von dem er hoffte, dass er eher freundlich als bedrohlich klang.
„Mir geht’s gut“, erwiderte sie gereizt. „Sie haben mich nur erschreckt. Man hätte Ihnen vor zehn Jahren einen Ziegelstein auf den Kopf legen sollen, Deputy Weathers.“
Fifth gab jeden Versuch einer Unterhaltung auf und begab sich zum Büro des Sheriffs. Er konnte nichts dafür, dass er so groß wie sein Vater war und dass seiner Mutter für ihren fünften Sohn kein Name mehr eingefallen war, sodass sie ihn nach einer Zahl benannt hatte. Na ja, verrückte Familien waren nichts Außergewöhnliches. Seine war einfach nur noch durchgeknallter als andere.
„Sheriff Brigman ist nicht da drin“, verkündete Pearly, als er gerade die Tür erreichte. „Er ist draußen auf der Kirkland-Ranch. Sie sollen alle Vermisstenanzeigen des letzten Monats und Karten vom County mitbringen. Er braucht Ihre Hilfe so schnell wie möglich, also würde ich vorschlagen, dass Sie sofort losfahren.“
Fifth überlegte, sie zu fragen, warum sie ihm nicht sofort Bescheid gegeben hatte. Sie hätte ihn über Funk in seinem Streifenwagen erreichen oder ihn am Handy oder in dem Bed and Breakfast anrufen können, in dem er heute Morgen verschlafen hatte. Aber er wusste, was Pearlys Antwort sein würde, wenn er sie fragte: Sie sagte immer, sie hätte es gerade vorgehabt. Die Liste der Dinge, die diese Frau gerade vorgehabt hatte, würde bis ins Jenseits reichen.
Er drehte sich um und ging an ihrem Schreibtisch vorbei, wobei er ignorierte, wie sie sich von ihm weglehnte, als hätte er sie auf seinem Weg nach draußen versehentlich umgestoßen.
Kopfschüttelnd stieg er in seinen Streifenwagen und fragte sich, warum manche Leute Männer mit einer Körpergröße von über zwei Metern wie Außerirdische behandelten. Eine Größe von eins neunzig war anscheinend in Ordnung, aber mit ein paar Zentimetern mehr war man plötzlich außerhalb der Norm. Da half es auch nicht gerade, dass Deputys in Texas Stiefel und Stetsons trugen. Die sorgten nämlich noch für ein paar zusätzliche Zentimeter.
Als er im College Football gespielt hatte, war seine Größe kein Problem gewesen. Aber jetzt schien es, als würde jeder, der dreißig Zentimeter kleiner war als er, befürchten, er könnte ihm aus Versehen auf den Kopf schlagen. Er hatte die Akademie abgeschlossen und zwei Jahre als Deputy gearbeitet, ohne versehentlich jemanden zu töten.
Als er zur Double K Ranch fuhr, die seit über hundert Jahren im Besitz der Familie Kirkland war, versuchte Fifth Weathers, sich zu entspannen. Er war in Crossroads, seit Sheriff Brigman vor zwei Jahren angeschossen und beinahe getötet worden war.
Zuerst war es nur ein Job gewesen, die Chance, aus einem großen Büro herauszukommen und mit einem Sheriff zusammenzuarbeiten, den jeder in Texas respektierte. Aber in letzter Zeit war es mehr als das geworden. Auf einmal lag ihm etwas an den Menschen hier. Auf der Suche nach Aufregung und Abenteuer war er von einem unerfahrenen Neuling zu einem erfahrenen Officer herangereift, der hoffte, nie wieder seine Waffe ziehen zu müssen – wenn man das Erschießen einer Schlange überhaupt als das erste Mal zählen konnte.
Die meisten Leute im County waren gute ehrliche Bürger, denen es eine diebische Freude bereitete, ihn aufzuziehen, sobald sie merkten, dass er eher schüchtern war. Der Lebensmittelhändler wollte seine beiden Töchter mit Fifth verkuppeln. Die Franklin-Schwestern, die das Bed and Breakfast betrieben, versuchten immer, ihn mit einer ihrer Verwandten zusammenzubringen, weil sie behaupteten, dem Familienstammbaum könnte ein Mann seiner Größe äußerst guttun. Und nach dem, was er gesehen hatte, neigten die Franklins dazu, eher in die Breite als in die Höhe zu wachsen.
Fifth hätte nichts gegen ein Date einzuwenden gehabt. Sein letztes war schon eine Weile her. Aber selbst im College, als die Mädchen die Athleten umschwärmt hatten, war er nicht viel ausgegangen. Er hatte sich immer unbeholfen gefühlt und nie gewusst, was er sagen sollte.
Er gab seiner Mutter die Schuld für seine Unbeholfenheit im Umgang mit Frauen. Man sollte meinen, dass sie bei einem Dutzend Schwangerschaften ein Mädchen hätte zur Welt bringen können, damit ihre Söhne lernen konnten, mit dem weiblichen Geschlecht umzugehen.
Als er auf das Grundstück der Kirklands abbog, schob Fifth seine Probleme beiseite und war ganz bei der Sache. Wenn der Sheriff hier war, musste es ein Problem geben. Staten Kirkland war ein guter Mann, der seine Ranch wie ein kleines Königreich führte. Er würde die Polizei nicht wegen einer Kleinigkeit rufen.
Dan Brigman stand auf der Veranda und sprach mit dem Rancher. Dass Brigman in einen Hinterhalt geraten war und vier Kugeln abbekommen hatte, war ihm nicht mehr anzumerken. Der Sheriff sah fit und stark aus. Sein Haar war stahlgrau geworden, und sein Blick war so intensiv, dass er den Leuten immer direkt ins Herz zu blicken schien. Fifth konnte sich kein besseres Ziel vorstellen, als seine Karriere nach dem Vorbild dieses legendären Mannes zu gestalten und ihm in allen Belangen nachzueifern.
„Wurde auch Zeit, dass du kommst“, sagte Dan mit einem Anflug von einem Lächeln, das Fifth verriet, dass er diesmal nicht in ernsthaften Schwierigkeiten steckte.
„’tschuldigung, Sir. Hab verschlafen.“ Fifth stieg die Stufen hinauf und reichte Kirkland die Hand.
Dan nickte einmal. „Das dachte ich mir schon, als ich gegen Mitternacht am Büro vorbeikam und sah, dass noch Licht brannte.“
„Du lässt den Jungen zu hart arbeiten“, sagte Kirkland, während er Fifth die Hand schüttelte. „Komm rein, Deputy. Kaffee und Zimtschnecken stehen schon bereit. Ich muss Dan die Karte in meinem Büro zeigen, bevor wir mit der Planung beginnen.“
„Danke“, antwortete Fifth höflich und war dankbar, dass er nicht zugeben musste, dass er im Moment weitaus mehr an den Schnecken und dem Kaffee interessiert war als an irgendeiner Karte. Koffein und Zucker würden ihn schon wach bekommen.
Er folgte den beiden Männern durch die massive Flügeltür des Haupthauses der Kirkland-Ranch, während sie über das Wetter plauderten. Das Geräusch ihrer Schritte auf dem Hartholzboden vermischte sich mit dem Klirren von Kirklands Sporen.
Fifth war schon ein paar Mal im Haupthaus gewesen. Auf einer Neujahrsparty. Bei einem Treffen des neuen Stadtplanungsausschusses. Er mochte das große alte Haus. Es war einer der wenigen Orte, an denen er nicht auf seinen Kopf aufpassen musste. Die Kirklands waren alle hochgewachsen und hatten ihr Haus entsprechend gebaut.
Der Hauptraum war ein vierzig Fuß langer Wohnbereich aus Mahagoni und Leder. Links befand sich eine Essecke mit einem Tisch, an dem dreißig Personen Platz fanden. Rechts war eine Flügeltür, die zu Kirklands riesigem Büro führte, und im hinteren Teil war eine moderne Landhausküche eingebaut.
Das Haus erinnerte ihn an eine nachgebaute Kulisse aus dem Film Giganten. Texas pur. Durch und durch Western.
Nur wirkte es nicht wie ein Haus, in dem Menschen lebten. Es war das Hauptgebäude, eingerichtet für die Arbeit und für Besprechungen. Fifth hatte gehört, dass die Familie selbst ein paar Hundert Yards entfernt in einem kleineren Haus wohnte, was Sinn ergab. Kirkland hatte zwei Kleinkinder und niemand würde ihnen auf dieser riesigen Fläche hinterherjagen wollen.
Fifth hatte gerade erst bemerkt, wie sich seine Muskeln entspannten, als er vom Hauptraum um die Ecke bog und Kirklands Frau Quinn am Küchentisch sitzen sah, die sich mit einer Frau in seinem Alter unterhielt.
Die Unbekannte hatte kurzes rotbraunes, naturgelocktes Haar und blaue Augen. Sie trug eine Lederjacke, eine hellbraune Hose und Stiefel, die fast bis zu den Knien geschnürt waren. Einen Moment lang dachte er, sie sähe aus wie Amelia Earhart, da wandte ihm die Fremde das Gesicht zu und starrte ihn wütend an.
Ein Blick auf ihn – und die Frau schien aus unerfindlichen Gründen stinksauer zu werden.
Kurz kämpfte Fifth gegen den Drang an, zurückzuweichen, vielleicht sogar bis zur Tür. Vielleicht noch weiter. Er mochte nicht viel Erfahrung mit Frauen haben, aber er konnte die Wut in ihren eisblauen Augen aufblitzen sehen. In Deckung zu gehen oder wegzulaufen schienen die sichersten Optionen zu sein.
Die Wut ergab keinen Sinn, bis er sah, wie sie langsam aufstand. Er fügte der Personenbeschreibung einen weiteren Punkt hinzu: über einen Meter achtzig groß. Der Gedanke, dass sie beide in eine Verkupplungsfalle getappt waren, beschlich ihn – genau wie wahrscheinlich auch sie.
Quinn grinste nur, aber Kirkland stellte sie einander vor. „Fifth, ich möchte dir die Nichte meiner Frau vorstellen, Madison O’Grady.“ Nun grinste auch Kirkland, offensichtlich ohne zu ahnen, dass seine Verwandte dem einzigen Deputy weit und breit einen Blick zuwarf, der töten konnte. „Wir haben sie gebeten, heute Morgen herzukommen. Wir dachten, ihr beide möchtet euch vielleicht kennenlernen.“
„Willkommen, Miss O’Grady.“ Fifth nahm seinen Hut ab und streckte ihr die Hand entgegen, in der Hoffnung, sie würde sie ihm nicht abbeißen.
Der Sheriff verpasste seinem Deputy einen Schlag auf die Schulter. „Also … äh … genieß deinen Kaffee und das Gebäck, Deputy. Wir sind wieder da, bevor du fertig bist.“ Wenigstens Brigman war schlau genug, nicht zu grinsen.
Quinn, Staten und der Sheriff verschwanden und ließen ihn mit der wütenden Frau allein. Sein Fluchtinstinkt machte sich so stark bemerkbar, dass er kein Wort herausbrachte.
Ohne zu fragen, ob er es überhaupt wollte, schenkte sie ihm eine Tasse Kaffee ein und schob sie über den Tisch, wobei sie anscheinend nicht bemerkte (oder es ihr egal war), dass die heiße Flüssigkeit überschwappte.
Er setzte sich. Er hatte schon erlebt, dass Frauen ihm mit völligem Desinteresse begegneten, anderen hatte er aufgrund seiner Größe sogar Angst eingeflößt, aber er war noch nie der Typ gewesen, der in jemandem Hass – oder auch Leidenschaft – hervorrief. Tatsächlich hatte er eigentlich immer gedacht, dass Frauen in seinem Alter in erster Linie einen Kumpel in ihm sahen. Er vermutete, dass es ihm, was Frauen anging, ebenso ergehen würde wie seinen beiden älteren Brüdern. Er würde eine Frau heiraten, die ihm eine gute Freundin war, und eine Art unkomplizierter Partnerschaft mit ihr führen.
Fifth zog den Teller mit den Zimtschnecken zu sich heran, bevor die Frau beschließen konnte, ihn über die Tischkante zu schubsen. Vielleicht würde sie sich beruhigen, wenn er sie ignorierte. Er verschlang die erste Zimtschnecke mit zwei Bissen. Das Gebäck duftete köstlich, aber er schluckte es so schnell herunter, dass er den Geschmack gar nicht richtig wahrnahm.
Die zweite von Quinns berühmten Zimtschnecken war schon fast an seinem Mund, als Madison O’Grady zu sprechen begann.
„Also dann“, fuhr sie ihn an, während sie auf und ab ging, „wo willst du es tun? Hier auf dem Tisch? Die Couch ist lang genug, aber sie ist vielleicht nicht breit genug für uns. Es gibt auch mehrere Schlafzimmer oben. Such dir was aus.“
Fifth starrte auf das Gebäck und fragte sich, wovon, zum Teufel, diese Frau redete. „Was denn tun?“, fragte er.
„Sex natürlich. Wir wurden offensichtlich herzitiert, um uns kennenzulernen. Meine ganze Familie versucht mich zu verkuppeln, als wäre mein Verfallsdatum bald abgelaufen. Letzten Monat war es ein fast zwei Meter großer Trucker, der im Café anhielt. Sie meinten, ich sollte alles stehen und liegen lassen, um ihn kennenzulernen. Gott sei Dank stellte sich heraus, dass er verheiratet war, sonst säße ich jetzt in einem Sattelzug auf dem Weg nach Des Moines, Iowa.“
Fifth musste immer noch verwirrt dreingeschaut haben, denn sie fuhr fort: „Warum Zeit mit Reden, Dating oder Heiraten verschwenden? Tun wir’s einfach. Hier und jetzt. Wir sind offensichtlich füreinander bestimmt. Wir sind beide über eins achtzig.“
Fifth wusste nicht, was er tun sollte. Sie mochte zwar wütend sein, aber, verdammt, sie war auch unglaublich sexy – die wohl anziehendste Frau, der er je begegnet war. Er musste ein Masochist sein.
Bisher hatte er One-Night-Stands immer vermieden, weil er befürchtete, eine Frau verletzen zu können. Jetzt war er sich nicht sicher, ob Madison nicht eher ihn verletzen würde.
„Madison!“, rief Kirkland aus seinem Büro. „Ist er vollgetankt und bereit?“
Sie ließ Fifth nicht aus den Augen. „Ich kann in fünf Minuten in der Luft sein.“
„Gut.“ Der Sheriff erschien in der Bürotür. „Fifth, schling noch schnell einen Bissen runter und folge Madison. Ich will, dass ihr beide so schnell wie möglich von hier verschwindet.“
Fifth sah die Überraschung in ihren Augen, ehe sie sich eine Tasche schnappte und zur Hintertür rannte.
Er war direkt hinter ihr und hatte keine Mühe, mit ihren langen Schritten mitzuhalten, als sie auf einen Hubschrauber zustürmte, der auf der anderen Seite von Kirklands Scheune stand. „Du bist die Pilotin.“ Das war keine Frage.
„Ja, und du musst der Passagier sein, für den ich extra aus Wichita Falls hergekommen bin.“ Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Du bist also der Experte für unwegsames Gelände, von dem sie gesprochen haben. Ich dachte … ich dachte …“
„Ich glaube, ich weiß, was du dachtest.“ Er grinste. „Du bist nicht die Einzige, die wegen ihrer Größe mit Fremden verkuppelt wird.“
„Tut mir leid“, sagte sie, als sie die Beifahrertür öffnete.
„Schon gut. Wie wär’s, wenn wir noch mal von vorn anfangen?“ Fifth nahm seinen Hut ab und setzte Kopfhörer auf. „Du bist die Pilotin und ich bin der Experte.“ Er sah zu, wie sie um den Hubschrauber herumging und auf den Pilotensitz kletterte, bevor er hinzufügte: „Ich hoffe nur, du bist eine bessere Pilotin, als ich ein Experte bin. Ich habe zwar monatelang dafür gelernt, habe aber keinerlei Praxiserfahrung.“
„Steig ein“, rief sie, als sie den Hubschrauber startete. „Du wirst gleich den Ritt deines Lebens erleben.“
Fifth zwängte sich in den Sitz neben Madison und stieß gegen ihre Schulter, als er sich anschnallte. „Also, ich nehme an, Sex auf dem Küchentisch ist gestrichen?“
Sie lachte und zwinkerte ihm dann zu. „Nicht unbedingt.“
Fifth erstarrte. Jetzt war er schockiert, doch als seine Gehirnzellen endlich zündeten, war es bereits zu spät. Er konnte nicht mehr weglaufen. Sie waren bereits in der Luft.
Frieden
Tori lief über den steinigen Boden hinter Parkers Haus, das in der Nähe von Crossroads lag. Für die Landwirtschaft schien das Land nicht sonderlich zu taugen. Ein Feld in der Nähe der Straße war gepflügt, aber der Rest schien schon immer verwildert gewesen zu sein. Wer auch immer dieses Haus gebaut hat, hat sich Frieden gewünscht, dachte sie. Die Veranda lag in der Morgensonne. Hinter dem Haus waren vor Jahren Bäume im Kreis gepflanzt worden, die nun einer kleinen Wiese Schatten spendeten.
Tori liebte diesen Ort schon jetzt. Ihr Geist war zur Ruhe gekommen, und sie spürte, wie sie wieder zu Kräften kam. Wenn – oder falls – ihr Stiefvater sie fand, würde sie nicht mehr dieselbe Person sein wie vor zwei Wochen, als sie verschwunden war.
Sie war vierundzwanzig, und es war an der Zeit, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Das hätte sie schon vor Jahren tun sollen, doch ihre Mutter hatte ihr immer wieder versichert, dass ihr neuer Mann, Toris Stiefvater, es am besten wüsste. Er sei Geschäftsmann und würde alles so regeln, dass Tori nichts weiter zu tun hätte, als zu malen. Als Tori mit neunzehn erneut protestierte, hatte ihre Mutter sie daran erinnert, wie die Kombination aus Geschäftlichem und Kunst Toris Vater in den Wahnsinn getrieben hatte. Er hatte es geliebt, Schreiner zu sein und mit den Händen zu arbeiten, doch als sich seine Schnitzereien für Tausende von Dollar verkauften, verlor er die Freude am Schaffensprozess.
Tori hatte nachgegeben und ihre Mutter wieder einmal gewinnen lassen. Und wieder. Und wieder. Sie hatte ihrer Mutter und ihrem Stiefvater alle geschäftlichen Belange anvertraut und sich einfach nur ihrer Kunst gewidmet. In letzter Zeit allerdings hatte sie sich wie eine Maschine gefühlt, immer unter Druck, genug zu produzieren.
Sie wirbelte auf der Wiese herum. „Freiheit!“, rief sie und lachte dann.
Vielleicht würde sie heute malen. Vielleicht würde sie in der Sonne schlafen. Vielleicht würde sie den Mann am Rande der Stadt besuchen, der sie Kaninchen nannte.
Aber egal was: Sie würde tun, was sie tun wollte, und ihr eigenes Leben leben.
Dallas im kadettgrauen Regen