Romana Extra Band 168

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STURM DER LIEBE ÜBER SKYE von AMY OLSEN

Bei einer Hochzeitsfeier auf der schottischen Isle of Skye prallt die verträumte Mellie auf den zynischen Destilleriebesitzer Gray. Sie hasst Whisky, er Touristen wie Mellie! Trotzdem fliegen bald sinnliche Funken zwischen ihnen. Ziehen Gegensätze sich etwa … aus?

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  • Erscheinungstag 17.01.2026
  • Bandnummer 168
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539258
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Amy Olsen, Abby Green, Justine Lewis

ROMANA EXTRA BAND 168

Amy Olsen

1. KAPITEL

Flughafen Glasgow, Schottland, Samstag, 16.45 Uhr

Karmela Griffin, genannt Mellie, trat aus dem Terminal unter das Vordach und starrte in den strömenden Regen. Dabei war Hochsommer. Sie war bei 31 Grad aus ihrer Heimat Malta abgeflogen. Natürlich hatte sie gewusst, dass in Schottland andere Klimabedingungen herrschten, mit diesem Anblick hatte sie dennoch nicht gerechnet.

Der Regen rauschte in nicht abreißenden Bindfäden vom Himmel, das grausige Wetter war jedoch nicht ihr einziges Problem. Ihr Flug war verspätet gewesen, und ihre Tante hatte ihr getextet, dass die anderen Gäste schon abgeholt worden waren und sie auf den Ersatzfahrer warten sollte.

Mellie richtete ihren Blick auf die Wagenkolonnen am Straßenrand. Welches der Fahrzeuge war ihr Shuttle? Sie wühlte in ihrer Handtasche nach der Visitenkarte der Hochzeitslocation und hielt das dunkelbraune Pappkärtchen mit dem goldenen Aufdruck ins spärliche Tageslicht.

MacFinley’s Distillery – Weddings and Events

Das Logo stellte zwei aneinanderstoßende Whiskygläser dar. Mellie schnaubte. Sie mochte Alkohol nicht besonders. Wieso hatten Sue und Tristan diese Location gewählt?

Schlimm genug, dass ihre geliebte Cousine das sonnige Malta verlassen hatte und mitsamt ihrer Mutter zu ihrem Verlobten auf die britische Insel gezogen war. Eine Traumhochzeit im Land der Tristesse und Wolkenbrüche, auf dem Anwesen eines Schnapsbrenners, klang nicht gerade nach einem Traum-Event. Und dann auch noch im Freien, beim hiesigen Äquivalent des Monsuns? Das wunderhübsche weiße Hochzeitskleid, das Tante Regina liebevoll geschneidert hatte, wäre binnen Augenblicken ruiniert.

Mellie trat unter dem Vordach hervor. Der Regen traf schmerzhaft eisig auf ihren nackten Schultern auf. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, bis das Wasser durch ihr Haar auf ihre Kopfhaut drang, und sie erschauderte.

Eine Katastrophe jagte die andere. Zu allem Überfluss war ihr Koffer weg – inklusive des Trauzeuginnenkleides und der Dekorationen für die Hochzeit. Zwar hätten die Papierherzen, Vögel und Lampions dieses Wetter ohnehin nicht überlebt, aber da war noch mehr, was Mellie nach Feierabend hergestellt hatte. Der Gedanke an die kunstvoll gefertigten Tischkarten und die in schönsten Tintenbuchstaben beschrifteten Gutscheine für das Brautpaar trieb ihr die Tränen in die Augen. Dieser Tag war einfach furchtbar.

Moment! Sie schüttelte den Kopf über diese negativen Gedanken. Von so etwas ließ sie sich doch sonst nicht die Laune verhageln. Vom eklatanten Desinteresse ihres Vaters bis hin zu den ständigen Fehlschlägen bei ihren Beziehungen oder gelegentlichen beruflichen Schwierigkeiten händelte sie alles nach dem Motto: Shit happens, aufstehen, weitermachen und ja nicht die Fröhlichkeit verlieren.

Was war also heute los mit ihr? Hatte sie ihr sonniges Gemüt etwa auf Malta zurückgelassen? Als wäre sie noch nie an Orten mit schlechtem Wetter gewesen. Also, zusammenreißen und nach vorn schauen.

Sie lief los, fand bald einen SUV mit dem Logo der Destillerie und riss am Türgriff der Beifahrertür – verschlossen. Frustriert spähte sie durch die nassen Scheiben. Der Fahrersitz war leer. Verflixt! Gewöhnlich ließ sie sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, aber dieser Tag …

Mellie drehte sich um und wich augenblicklich zurück. Ein Baum von einem Mann ragte vor ihr auf und sah sie finster an. Sie prallte mit dem Rücken gegen das tropfnasse Fahrzeug, und der Kälteschock ließ sie heftig erzittern. Oder war es der Schreck?

„Karmela Griffin?“

Der Mann hielt einen ausladenden Regenschirm über sie und musterte sie unfreundlich. Er war schlichtweg einschüchternd. Zwar hatte seine Stimme einen warmen, beinahe melodischen Klang, doch er hatte eindeutig wütend geklungen. Er rollte das R auf seltsame Weise, und Mellie erschauderte noch einmal, diesmal aber war es ein angenehmer Schauer.

„Ja, aber nennen Sie mich Mellie“, presste sie hervor.

„Was tun Sie hier im strömenden Regen? Und dann … so?“ Er wies mit der freien Hand auf ihren Oberkörper. „Halb nackt“, murmelte er unwirsch.

Sie wollte widersprechen, denn selbstverständlich war sie bekleidet, nur eben nicht für dieses Wetter.

Der Mann feuerte weitere Fragen auf sie ab: „Warum haben Sie nicht drinnen gewartet, wo es trocken ist und ich Sie finden konnte? Wo ist Ihr Gepäck?“

Mellie straffte die Schultern. Sie würde sich diesen Aufenthalt nicht verderben lassen. „Ich habe mein Shuttle gesucht. Meine Jacke ist in meinem Koffer. Und wo der ist – keine Ahnung, vermutlich auf dem Weg nach sonst wo.“

Seine tiefbraunen Augen schienen Funken zu sprühen, so starrte er sie an. Ohne ein Wort riss er den Autoschlüssel aus der Hosentasche und entriegelte die Türen.

Mellie sah ein, dass sie ihm seine Unfreundlichkeit besser nicht mit gleicher Münze zurückzahlte. „Hey, tut mir leid, ich wollte nicht …“

„Steigen Sie ein.“

Sie beeilte sich, der Aufforderung Folge zu leisten, doch sobald sie weich und trocken im Fahrzeug saß, schimpfte sie im Stillen mit sich. Warum ließ sie sich einschüchtern? Der Kerl hatte kein Recht, sie so unfreundlich zu behandeln.

Schon wurde die Fahrertür aufgerissen, und der riesige Mann schob sich auf den Sitz, schnallte sich an und sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihr herüber. Mellie zog schnell den Gurt herunter und suchte mit zitternden Fingern das Gurtschloss. Sie fror erbärmlich, doch kurz nachdem sie losgefahren waren, wurde ihr Sitz behaglich warm.

„Danke.“ Sie sah vorsichtig zur Seite.

Der Mann starrte mit verengten Augen zwischen den sich hektisch bewegenden Scheibenwischern hindurch auf die nasse Fahrbahn. „Wofür?“

„Für die Sitzheizung.“

Er gab nur einen kurzen, undefinierbaren Laut von sich. Der Kerl war wirklich nicht besonders höflich. Er hatte sich nicht mal vorgestellt. Dennoch konnte sie den Blick nicht von ihm wenden, betrachtete ihn verstohlen. Sein Profil war ansehnlich. Männlich, kantig, aber durchaus hübsch, trotz der grimmigen Miene. Wie er wohl aussehen würde, wenn er lachte – oder wenigstens etwas freundlicher schaute?

Wärme breitete sich im Fahrzeug aus, und zum ersten Mal fielen Mellie die Gerüche auf. Feuchter Stoff, ein holziges Aftershave und etwas Alkoholisches. Sie rümpfte die Nase. Richtig, sie befand sich im Wagen einer Schnapsbrennerei. Oder in dem eines Trinkers? Sie schnupperte, war sich ziemlich sicher, dass tatsächlich der Mann nach Alkohol roch. Sollte sie ihn darauf ansprechen? Immerhin war es potenziell gefährlich, von einer alkoholisierten Person gefahren zu werden.

Als er plötzlich den Kopf wandte und sie ansah, schrak sie zusammen. Sie musste sich schnell ein Gesprächsthema einfallen lassen, damit es wirkte, als hätte sie mit ihm reden wollen und ihn nicht einfach angestarrt.

„Wie lange fahren wir denn noch?“

„Vier Stunden.“

„So lange?“, entfuhr es ihr.

„Aye.“ Er starrte wieder nach vorn.

„Tut mir leid, dass Sie extra für mich noch einmal fahren mussten.“

Wieder dieser Laut von zuvor. Es sollte wohl so viel heißen wie: schon gut.

„Ich habe keine andere Kleidung als die, die ich am Leib trage.“

Erneut ein Laut, aber ein anderer, dazu ein Schulterzucken.

„Können wir bitte irgendwo anhalten, wo ich mir das Nötigste kaufen kann?“

Ein belustigtes Auflachen – oder ein spöttisches? Und wieder kein einziges Wort.

„Was ist so witzig?“ Sie starrte sein Profil an.

Sein Mundwinkel zuckte und seine ihr zugewandte Schulter ebenfalls. Verdruss stieg in ihr auf. So einen Kerl hielt ja das sonnigste Gemüt nicht aus. Ihre Kleidung war klamm, sie war in einen verdammten Monsun geraten, weit von ihrer warmen Heimat entfernt und sterbensmüde, und ihr Koffer war vermutlich auf dem Weg nach Glasgow in den USA. Sie hatte nicht mal saubere Unterwäsche für den nächsten Morgen, die Deko war verschollen, die Hochzeit ihrer Cousine drohte ein Desaster zu werden, und dieser abgestumpfte Klotz von einem Mann kommunizierte einzig durch unverständliche Laute und gelegentliche Körperzuckungen.

Das bestärkte sie wieder einmal in der Entscheidung, dass sie einfach nicht für eine romantische Beziehung geeignet war. Sie verstand Männer nicht und war es leid, sich ihretwegen unzulänglich zu fühlen. Ihre vergangenen Liebschaften hatten ihr nichts als Herzschmerz bereitet und ihr Selbstwertgefühl untergraben.

Dabei liebte sie Romantik, nein, sie lebte dafür, schließlich war sie Grafikdesignerin und verkaufte ihre romantischen bis kitschigen Ideen an Partyartikelhersteller in aller Welt. Die Dekorationen für Sues Hochzeit waren allerdings individuell und etwas ganz Besonderes gewesen.

Heftig rieb sie sich die Augen. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Es war erst Samstag, und die Hochzeit war am kommenden Freitag. Sie würde Material einkaufen und von vorn anfangen.

Sofort spürte sie, wie sich ihre Stimmung hob. Sie freute sich auf die Herausforderung, die Dekorationen zu ersetzen. Vielleicht würden sie sogar noch schöner werden.

„Sir“, sprach sie den Fahrer an. „Ich brauche Kleidung und andere Dinge. Schreib- und Papierwaren, genauer gesagt. Fahren Sie mich bitte zu einem Warenhaus.“

Er wandte den Kopf und sah sie eindringlich an. So lange, dass sie wünschte, er würde wieder nach vorn sehen. Nicht nur, weil sie auf der nassen, kurvigen Straße um ihr Leben fürchtete, denn sie hatten ein ganz schönes Tempo drauf, sondern auch, weil ihr unter seinem intensiven Blick heiß wurde.

Seine Augen waren hypnotisch. Ihr ganzer Körper begann zu kribbeln. Als er endlich wieder auf die Straße sah, erschauerte sie. So als hätte sein Blick, den er von ihr genommen hatte, eine kalte Leere hinterlassen.

Was stimmte nicht mit ihr? Ihre Emotionen fuhren Achterbahn. Wie konnte es sein, dass dieser unfreundliche Kerl solche Empfindungen in ihr auslöste?

Er seufzte. „In Ordnung, ich erkläre Ihnen das Problem.“

Wieder sah er sie an. Lag da Mitleid in seinem Blick oder bildete sie sich das ein? Der Eindruck verflog rasch, als er weitersprach.

„Wir haben Glasgow längst hinter uns gelassen, und auf unserem Weg gibt es keine Läden, die an einem Samstagabend noch geöffnet sind. Wir haben keine Zeit, einen Umweg zu machen, um ein offenes Geschäft zu finden. Sie werden sich Kleider von den anderen Ladys leihen müssen, bis Sie am Montag nach Portree gefahren werden können.“

Der unerwartete Redeschwall lenkte sie so vom Inhalt seiner Worte ab, sodass es einen Moment dauerte, bis ihr bewusst wurde, was er gesagt hatte. Montag? Fast zwei volle Tage ohne eigene Kleidung, ohne Toilettenartikel außer der Zahnbürste, die sie stets in der Handtasche hatte? Wie stellte er sich das vor?

Komm schon, Mellie. Jetzt nicht durchdrehen. Am Ende wird alles gut und du lachst über diese Situation. Sie schluckte die Tränen herunter und lächelte.

„Verstehe. Danke für die Erklärung.“ Jetzt lachte sie und es klang nur ein wenig verzweifelt. „Puh, das wird nicht einfach. Aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen, was?“

A82, Bridge of Orchy, Samstag, 18.30 Uhr

Graeme MacFinley, von allen nur Gray genannt, umfasste das Lenkrad fester. Als wäre der Tag nicht bereits schlimm genug gewesen, raubte diese Frau ihm nun den letzten Nerv. Ihr Kleiderproblem war nun wirklich nicht seins.

Er hatte seine eigenen Baustellen, seine eigenen Probleme, die tatsächlich schwerwiegender waren als Kleidung und Papier. Lachhaft!

Gray wusste, er steigerte sich in seinen Ärger hinein, aber er sah sich auch im Recht. Er hatte so viele Dinge zu bedenken, dass er Bagatellen keine Beachtung schenken konnte.

Da war diese Hochzeit, die er nur angenommen hatte, weil Tris sein Freund war, denn zurzeit hatte er absolut keine Lust darauf, Liebesschwüren zu lauschen und Paare glücklich von dannen ziehen zu sehen. Und nötig hatte er das Extra-Einkommen auch nicht. Zwar hatte er an diesem Morgen eine Katastrophe erlebt – einige der Fässer hatten sich einen Pilz eingefangen, wodurch die Whisky-Charge dezimiert wurde –, aber das kleine Minus zwang ihn nicht dazu, das Anwesen als Hochzeitslocation anzubieten.

Schon gar nicht, nachdem mit Fiona wieder einmal Schluss war. Dieses Hin und Her machte ihn fertig, und momentan wusste er nicht mal mehr, wieso er sie überhaupt ein drittes Mal um ihre Hand gebeten hatte. Er fragte sich auch, warum sie zugestimmt hatte, nur um ihn dann vor dem Altar stehen zu lassen.

Mit der Liebe lief es eindeutig nicht. Und der Job spuckte ihm nun auch in die Suppe. Nachdem er festgestellt hatte, dass die Charge kontaminiert war, hatte er die Fässer vernichten wollen. Leider war eins so marode gewesen, dass es beim Verladen geplatzt war und er in ekligem Moder-Whisky gebadet hatte.

Bevor er sich umziehen konnte, war er von seinem Fahrer angerufen worden, dass der hatte losfahren müssen, obwohl ein Gast fehlte. Die Anwesenden waren mit verschiedenen Flügen eingetroffen, einige hatten schon länger gewartet, waren müde und hungrig. Somit war er in der Pflicht gewesen, sich selbst auf den langen Weg nach Glasgow zu machen, da ausgerechnet die Cousine der Braut das Shuttle verpasst hatte.

Nun haderte er mit seiner Dummheit, die Brennerei als Location anzubieten. Was hatte er sich dabei gedacht, ständig glückliche Paare bei sich zu haben, wo sein eigenes Liebesleben doch eine Wüste war und die Liebe seine ganz persönliche Fata Morgana?

Er schnaubte. Das klang selbst in seinen Ohren bedrohlich, und er bemerkte, dass sein Gast zusammenzuckte und ihm einen vorsichtigen Blick zuwarf.

„Ich hoffe, das Wetter wird besser. So eine Hochzeit im strömenden Regen ist ja deprimierend.“ Ihre fröhliche Tonlage stand völlig im Gegensatz zu ihren Worten. „Etwas Sonnenschein wird unsere Stimmung heben, und dann wird alles wundervoll! Eine romantische Feier mit glücklichen Menschen …“

Sie redete weiter, quasselte sich nahezu in Euphorie. Gray spürte einen unbekannten Druck in sich, der sich immer mehr aufbaute. Angespannt starrte er auf die Straße, bemüht, zwischen den Regenströmen etwas zu sehen. Karmelas, oder besser, Mellies Stimme wurde in seinen Ohren zu einem nervtötenden Piepen, das ihre Worte überdeckte.

Der Knoten in seiner Brust zog sich immer enger zusammen. Ihre verfluchte Fröhlichkeit hämmerte auf sein geschundenes Herz ein, und als er um ein Haar von der Straße abgekommen wäre, weil eins der frei laufenden Schafe auf die Fahrbahn sprang, platzte ihm der Kragen. Er hielt am Straßenrand und blaffte sie an: „Jetzt halten Sie doch mal den Schnabel!“

Sie zuckte zusammen. Ihr Blick legte sich auf ihn und ein Blitzen in ihren Augen warnte ihn. Röte schoss ihr in die Wangen, und sie reckte das Kinn.

„Was fällt Ihnen ein, so mit mir umzugehen?“ Sie beugte sich leicht vor. „Ich habe lediglich versucht, die schlechte Stimmung aufzulockern und aus dieser Höllenfahrt ein angenehmes Erlebnis zu machen. Ich muss mich nicht anschreien lassen. Von niemandem!“

Sie schnallte sich ab und sprang aus dem Wagen, bevor Gray auch nur ahnte, dass dies ihr Plan war. Die Tür knallte zu und die Frau lief im strömenden Regen los. Mitten in die Herde Schafe hinein, die sich mehr und mehr auf der Fahrbahn verteilte und ein Durchkommen unmöglich machte.

Sein Fahrgast stapfte in ihren Heels und mit über dem Arm baumelnder Handtasche über die Wiese in Richtung Glen. Die falsche Richtung, wenn sie sein Anwesen erreichen wollte, allerdings waren sie noch nicht einmal an Glencoe vorbei, geschweige denn über die Skye Bridge am Kyle of Lochalsh. Zu Fuß würde sie niemals ankommen.

Grimmig sah er ihr hinterher. Bei jedem Schritt löste sich der jeweilige Stöckelschuh von ihrer Hacke und sie stockte kurz, um ihn vorsichtig mit dem Fuß aus der Grasnarbe zu ziehen. Sie schwankte bei jedem Schritt, bückte sich, wobei ihr Po sich unter ihrem durchnässten Kleid erahnen ließ, und zog einen Schuh mit der Hand aus dem Boden.

Gray fluchte. Er wusste, dass Sues Cousine auf Malta lebte, einer Gegend, wo es angenehm warm und häufig trocken war. Sicher war diese Mellie Dauerregen und Kälte nicht gewohnt und holte sich vor seinen Augen den Tod.

Verärgert sprang er aus dem Wagen und lief durch den strömenden Regen zu ihr hinüber. Sie sah auf ihr Handy.

„Wo zum Teufel bin ich hier nur gelandet?“, murmelte sie und reckte den Arm in die Höhe.

Offenbar hatte sie keinen Empfang. Sie drehte sich, wobei sie nicht auf ihre Umgebung achtete und einem Lamm zu nahe kam, dessen Mutter sie bereits im Visier hatte.

Gray eilte vor und schirmte sie hastig vom Lämmchen ab, das aufgeregt blökte und davonsprang.

Mellie fuhr zu ihm herum und musterte ihn grimmig. „Passen Sie doch auf, das arme Tierchen!“ Sie schüttelte den Kopf, wodurch ihr nasses Haar um ihr Gesicht peitschte.

Er hob beschwichtigend die Hände. „Sie können hier nicht herumwandern …“

„Sind wir auf Privatbesitz?“ Sie packte das Telefon in die Handtasche.

Gray stockte. „Nay, darum geht es nicht. Sie werden …“

„Ich ziehe es vor, selbstständig mein Ziel zu erreichen, anstatt mich von Ihnen anfahren zu lassen. Machen Sie sich keine Sorgen, ich komme klar.“

Gray schloss den Mund und sie nickte ihm zu und stapfte weiter. Einen Moment schaute er ihr wieder nach. Ihr wohlgerundeter Po zeichnete sich jetzt deutlich unter ihrem sommerlichen Kleid ab und auch an ihren Beinen klebte der Stoff.

Sie strauchelte.

Die schottische Landschaft mochte idyllisch wirken, hatte aber ihre Tücken. Unterirdische Bächlein und kleine Löcher im Boden zum Beispiel, dazu Tretminen der Schafe und Rinder.

Er folgte ihr und riss sie zu sich. Sie ließ ihre Tasche fallen und torkelte mit einem erstickten Aufschrei gegen ihn. Obwohl er selbst ebenfalls bis auf die Haut durchnässt war, spürte er ihren kalten Körper an seinem und umhüllte sie instinktiv mit seinen Armen. Sie war ein Eiszapfen.

Er rubbelte kräftig über ihren Rücken, bis die Reibung endlich für etwas Wärme sorgte. Der Regen ließ nach, und auch die Geräusche um sie herum wurden leiser. Schließlich legte sie eine zittrige Hand auf seine Brust.

Gray spürte ihren Atem an seinem Hals, und plötzlich stand er in Flammen. Sie schob sich leicht von ihm weg, sah zu ihm auf. Ihre schimmernden, vollen Lippen öffneten sich, schienen ihn einzuladen, und er beugte sich zu ihr hinunter.

Küssen war eine überaus gute Idee, und das durchweichte Heidegras bot den perfekten Ort, um sich hinzulegen und …

2. KAPITEL

Moment!

Gray riss den Kopf zurück, starrte in Mellies vor Verwunderung großen Augen und konnte nicht fassen, was um ein Haar passiert wäre. Wie war er nur auf diese Idee gekommen? Sein Herz gehörte Fiona, und er hoffte doch, dass sie zu ihm zurückkam. Oder nicht? Sie war seine Jugendliebe, und es verband sie noch so viel mehr. Er musste daran glauben, dass er und Fiona eines Tages die Kurve bekamen.

Er schob Mellie von sich. Allerdings taumelte sie gleich wieder gegen ihn und klammerte sich an sein nasses Hemd. Sie zitterte leicht.

Gray sortierte seine Gedanken. Er sollte nicht daran denken, Mellie zu küssen. Er brauchte keinen Ärger. Er räusperte sich. „Es tut mir leid, die Situation ist mir entglitten“, brachte er grimmig hervor.

Die leichte Röte auf ihren Wangen vertiefte sich, ihre Augen wirkten glasig. Verträumt oder verschnupft? Er hatte ja gewusst, dass sie sich hier den Tod holte. Und er wusste, dass er Mist baute. Schwierigkeiten heraufbeschwor …

Gray starrte in Mellies stürmische graue Augen, die aussahen, als spiegelten sie den windgepeitschten Himmel. An ihren Wimpern hingen Tropfen. Obwohl sich nichts an der Situation geändert hatte, kam er nun zu einer anderen Einschätzung.

Diese Frau – so unpassend sie auch für sein Land gekleidet war – gehörte hierher. In die Highlands. In seine Arme.

Moment! Offenbar war er es, dem es nicht gut ging, anders waren seine absurden Gedanken nicht zu erklären.

„Oh!“, wisperte sie und blinzelte heftig. Nun war sie es, die sich von ihm löste.

Ihm fiel nicht zum ersten Mal auf, dass ihr Kleid eine Katastrophe war, und er zog hastig seine Jacke aus, um sie ihr über die Schultern zu legen. „Die ist zwar auch nass, aber Ihr Kleid ist durchsichtig.“

Er schaute sich nervös um. Die Situation war ihm tatsächlich entglitten, und er wusste nicht genau, wie er mit seiner aufbrandenden Leidenschaft umgehen sollte. Er musste richtigstellen, dass er nicht die Absicht gehabt hatte, sie zu küssen.

„Ich bitte noch einmal aufrichtig um Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht anstarren und auch nicht …“ … küssen. Er brachte das Wort nicht über die Lippen, denn genau das hatte er vorgehabt. „Ich wollte Sie auch nicht anfahren. Ich bin schlecht gelaunt und war unhöflich. Ich fürchte, ich … bin ein Griesgram.“

Da ging er dem eigentlichen Problem ja hübsch aus dem Weg.

Gray räusperte sich. „Ich hatte nicht vor, Ihnen zu nahe zu treten. Ich wollte Sie lediglich vor einem Sturz bewahren.“ Den Beinahekuss überging er besser kommentarlos.

„Natürlich.“ Sie straffte die Schultern. „Ich habe …“ Ihre Stimme brach, und sie senkte den Blick.

Gray räusperte sich wieder. Was musste er noch sagen?

„Die Fahrt ist lang, und wir sind beide bis auf die Knochen durchnässt. Wir sollten uns wieder auf den Weg machen.“

Sie nickte.

„Ich habe ein Plaid im Wagen. Ihnen wird schnell warm werden.“

Er sah an ihr herab. Sie bückte sich und klaubte ihre Tasche auf. Seine Lippen prickelten, und es juckte ihm in den Fingern, sie wieder zu berühren. Ach, Unsinn! Er sollte sich selbst gegenüber ehrlich sein, schließlich konnte weder sie noch Fiona seine Gedanken lesen: Er wollte sie nicht bloß berühren. Er wollte sie küssen. Er wollte sie ausziehen und sie auf dem durchtränkten Bett der Highlands lieben.

Wundervoll. Jetzt war er ein hinterwäldlerischer Lüstling. Er verdrehte die Augen und wandte sich ab. Kein Wunder, dass Fiona sich nicht an ihn binden wollte.

„Kommen Sie bitte. Wir werden uns noch was einfangen, wenn wir weiter im Regen herumstehen.“

Er fasste nach ihrer Hand und merkte es erst, als es zu spät war. Sie wieder loszulassen, wäre noch merkwürdiger, also führte er sie zurück zu seinem SUV und zog ihr die Tür auf. Dann holte er das wollene Tuch aus dem Kofferraum.

Was zum Teufel war hier gerade passiert? Er hatte noch nie eine völlig Unbekannte küssen wollen. Von seinen unpassenden Gedanken ganz zu schweigen.

Gray warf verärgert die Heckklappe zu. So war er nicht. Er war ein Beziehungsmensch. Und auch wenn er nicht hundertprozentig sicher wusste, ob er Fiona erneut zurückgewinnen wollte, wäre eine Fernbeziehung absolut undenkbar. Zu einer Malteserin! Er stieg in kein Flugzeug und wollte nicht mal schätzen, wie lange er mit einem Schiff von Skye nach Malta brauchen würde. Chan eil! Auf keinen Fall!

Ganz egal, wonach es ihn verlangte, diese Sache hier war ausgeschlossen.

Er stieg ein und warf ihr einen kurzen Blick zu. Sein Herz hüpfte und sein Blut rauschte schon wieder schneller. Daingead! Verdammt, das hier wurde zu einer Zerreißprobe.

MacFinley’s Distillery, nahe Carbost, Samstag, 22.00 Uhr

Mellie war erleichtert, als ihr Fahrer endlich in eine breite Auffahrt einbog und auf das Gebäude zusteuerte, das im trüben Dämmerlicht wie ein riesiger dunkler Klotz wirkte.

Sie fror erbärmlich, als sie aus dem aufgeheizten Wagen stieg und die kühle Luft ihre nackten Beine traf. Zitternd zog sie das Plaid enger um ihre Schultern. Der Mann hielt einen Regenschirm über sie und führte sie zur Haustür. Eine Frau öffnete und knickste angedeutet.

„Mr. MacFinley, die Gäste haben bereits gegessen und sich zurückgezogen.“

Mellie sah erstaunt zu ihrem Fahrer hinüber. Mr. MacFinley? Er war der Besitzer des Anwesens? Sie hatte erwartet, einen zugewandten, charmanten Gastgeber vorzufinden und keinen wortkargen Grummelbären.

Die riesige Eingangshalle hatte eine hohe Stuckdecke, Mellie sah eine Standuhr und an den Wänden alt aussehende Gemälde mit Landschaftsszenen. Mehrere Türen gingen von der Halle ab. Eine breite Treppe mit geschnitztem Geländer führte nach oben. Alles wirkte alt und modern zugleich, was sie überraschte, aber auch anzog. Genauso arbeitete sie auch. Sie nahm Vertrautes und gab ihm eine neue Form.

„Bitte bringen Sie Ms. Griffin auf ihr Zimmer, Mairi“, sagte der Hausherr, dann nickte er ihr zu. „Gute Nacht.“

„Darf ich Ihnen den Weg zeigen?“, wandte sich die Angestellte freundlich an sie, und Mellie folgte der Frau zu einem Zimmer im oberen Stockwerk. Dort öffnete Mairi die Tür und ließ sie eintreten.

„Benötigen Sie noch etwas? Soll ich Ihnen ein Bad einlassen oder die Vorhänge zuziehen?“

„Nein, danke.“ Mellie ging an Mairi vorbei und die verschwand hastig.

Als sie ins Zimmer trat, blieb Mellie fasziniert stehen. Ein Himmelbett wie für eine Prinzessin! Ihr Blick glitt weiter und fiel auf sie selbst in dem hohen Spiegel auf der anderen Seite des riesigen Raumes. Eine Prinzessin sah anders aus. Nicht wie eine halb ertrunkene Katze. Sie ließ den Umhang von ihren Schultern gleiten. Das Kleid klebte an ihrem Körper und ließ wenig Raum für Fantasie. Mellie fühlte Hitze in sich aufsteigen. So hatte ihr Gastgeber sie gesehen!

Sie rief sich zur Ordnung, zog sich aus und trat ins angrenzende Badezimmer. Eine antike freistehende Wanne mit Löwenfüßen dominierte den ansonsten modern ausgestatteten Raum. Ebenso wie das Himmelbett im Schlafzimmer war sie ein echter Blickfang. Mellie bewunderte den gelungenen Stilmix. Ob der eine Idee des raubeinigen Eigentümers war?

Sie ließ die Wanne volllaufen, goss Badezusatz hinein und tauchte in die duftende, wohlige Wärme ein. Als die Kälte endlich aus ihrem Körper gewichen war, hüllte sie sich in den bereithängenden Bademantel und ging zurück ins Schlafzimmer. Kaum erblickte sie das Bett, überfiel bleierne Müdigkeit sie und sie schlüpfte unter die Decke.

MacFinley’s Distillery, Sonntag, 9.00 Uhr

Mellie öffnete die Augen und blinzelte. Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie war, dann aber sah sie den Baldachin über sich und setzte sich ruckartig auf. Schottland. Skye, genauer gesagt, diese felsige, zerklüftete Insel an der schottischen Westküste, auf die es Sue verschlagen hatte.

Das Fiasko aus verlorenem Gepäck, einem mürrischen Gastgeber und schlechtem Wetter kam ihr wieder ins Bewusstsein. Sie sah zum Fenster. Ein strahlend blauer Himmel grüßte sie. Nicht mediterran, wie sie ihn von zu Hause kannte, sondern unterbrochen von wilden weißen Wolkenbergen, aber zwischen diesen hindurch strahlte die Morgensonne. Wie wunderschön.

Mellie stand auf, zog den Bademantel zurecht, der sich über Nacht gelockert hatte, und ging zum Fenster, von dem aus man auf die hintere Parkanlage hinausschaute, und ihre Horrorszenarien von matschigen Hochzeitskleidern und aufgeweichter Dekoration verpufften.

Der Rasen war gepflegt, die Büsche in Form geschnitten, es gab gepflasterte Wege und sogar einen hübschen Pavillon, unter dem zumindest das Brautpaar während der Zeremonie trocken bleiben würde, selbst wenn es regnete. Einzelne bunt blühende Büsche setzten Farbtupfer in die Szenerie.

Sie öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und sog tief die frische Luft ein. Es roch nach vergangenem Regen, nach Blumen und Meer. Um den Rasen herum wurde die Vegetation wilder, unbeschnittene Bäume und Sträucher wucherten, dahinter erhoben sich sanfte Hügel, die mit Heidekraut bedeckt waren, aber auch zerklüftete Felsen. Ein sich hinter Hecken duckendes Cottage war zu sehen, romantisch an einem kleinen Teich gelegen. Sie brannte darauf, die Gegend zu erkunden.

Dafür bist du nicht hergekommen!

Schnell machte sie sich frisch, zog das glücklicherweise getrocknete, wenn auch knittrige Kleid an, das sie besser mal aufgehängt hätte, und machte sich auf den Weg hinunter. Sie fröstelte. Der Bademantel hatte sie warm gehalten, aber nun, mit nackten Schultern in dem dünnen Stoff, waren die Räume innerhalb der dicken Mauern zu kühl. Hoffentlich konnte sie sich etwas Wärmeres leihen, ganz so, wie der Hausherr es vorgeschlagen hatte. Wenn nicht … Nein, von negativen Gedanken wollte sie sich den schönen Morgen nicht verderben lassen.

Der Frühstücksraum war leicht zu finden, denn es drangen Gesprächsfetzen heraus. Mellie trat ein und wurde gleich vielstimmig begrüßt.

Sue sprang auf und fiel ihr um den Hals. „Schön, dass du da bist!“ Sie drückte Mellie an sich. „Ich hatte gehofft, dich direkt nach deiner Ankunft noch zu sehen.“

„Ich war zu müde.“ Mellie sah an ihrer Cousine vorbei. Der Hausherr saß neben Sues Verlobtem und nahm keinerlei Notiz von ihr. War das üblich, dass sich der Veranstalter zu den Gästen setzte?

Sue bemerkte ihren Blick und zog Mellie mit sich zum Tisch, wo sich die beiden Männer angeregt unterhielten. „Gray hast du ja schon kennengelernt. Tris und er sind alte Freunde. Vermutlich erträgt er unsere ganze Entourage nur deshalb.“

Nun blieb dem Schotten nichts anderes übrig, als sie anzuschauen. Mellie sah ein Aufleuchten in seinen Augen und ihr wurde schlagartig wärmer. Sein Gesicht aber blieb unbewegt und er nickte ihr nur knapp zu.

Sue bemerkte, dass sie fröstelte. „Du siehst hübsch aus, aber warum ziehst du dich nicht wärmer an?“

Gray – wie sie den Hausherrn als Freund des Bräutigams nun wohl nennen sollte – schnaubte, aber Mellie ignorierte ihn. „Mein Koffer ist weg.“ Sie setzte sich auf den Platz an der langen Tafel, den Sue ihr zuwies, dann lächelte sie zur Begrüßung in die Runde.

„Wie, dein Koffer ist weg! Wo ist er denn hin?“

„Gute Frage, auf die man am Flughafen keine Antwort hatte.“ Mellie grinste angestrengt und erwartete, dass Sue gleich das Problem erfassen würde: Wenn der Koffer weg war, waren es auch die für die Hochzeit gestalteten Kunstwerke.

Sue runzelte jedoch verwirrt die Stirn. „Gray? Was ist da los?“

Der Hausherr hob nur die Schultern. Ein wirklich wortkarges Exemplar Mann.

„Kannst du dich bitte darum kümmern?“ Sue legte ihm eine Hand auf den Arm. „Sie kann doch nicht die ganze Woche im selben Kleid rumlaufen.“ Sie bedeutete Mellie, sich zu bedienen.

Mellie nahm sich eine Scheibe Toast und strich Butter und Marmelade darauf. „Natürlich nicht. Ich habe Hoffnung, dass ich bald die Gelegenheit bekomme, einzukaufen – oder dass der Koffer wieder auftaucht.“ Sie biss ab. Der bittere Geschmack der Orangenmarmelade breitete sich köstlich in ihrem Mund aus und lenkte sie von ihrer Misere ab.

Zumindest, bis Grays Worte an ihr Ohr drangen: „Eher unwahrscheinlich.“

„Denkst du, es gibt da Schwierigkeiten?“, fragte Sue. „Oje!“

Hatte ihre Cousine nun das Problem begriffen? Mellie biss hastig erneut in ihr Brot.

„Mach dir keine Sorgen.“ Sues Mutter, Tante Regina, tätschelte ihr die Hand. „Morgen kann dich sicher jemand nach Portree fahren. Was wir allerdings bis dahin mit dir machen …“ Sie sah am Tisch entlang. „Selbst wenn jemand bereit ist, dir auszuhelfen, wird das im wahrsten Sinne des Wortes eng.“ Sie grinste.

„Mom!“ Sue prustete.

„Ist doch wahr. Am ehesten passt sicherlich was von Bella.“ Tante Regina wies auf eine hübsche schwarzhaarige Frau.

Mellie hätte beinahe aufgelacht. Ja, Bella, die sie bereits seit Jahren kannte, da sie Sues beste Freundin war, hatte mehr Oberweite als die anderen, aber an ihre kam sie längst nicht heran, und Bella mochte hautenge Sachen.

„Ich leihe dir gern etwas.“ Bellas Blick glitt über sie und blieb an ihren Brüsten hängen. Sie grinste schief. „Ich habe da was im Sinn, das passen könnte, keine Sorge.“

Mellie nickte und hoffte, dass es nicht zu verboten aussehen würde. Ach, und wenn schon! Vielleicht fand sich ihr Koffer im Laufe des Tages wieder ein und die ganze Aufregung wäre umsonst gewesen.

Sie beschloss, die Sache einfach als Gelegenheit zu sehen, mal einen anderen Kleidungsstil auszuprobieren. Einen, der ihre Figur zusätzlich betonte. Das wurde bestimmt aufregend, und solange das Geliehene mehr Wärme versprach als ihr eigenes sommerliches Kleid, sollte es ihr recht sein.

„Das kann nur ins Auge gehen“, murrte Gray. Er sah zwischen Bella und ihr hin und her. „Ich leihe Ms. Griffin ein Hemd und eine Hose.“

Sue brach in schallendes Gelächter aus. „Mellie oder Karmela, bitte. Nicht Ms. Griffin. Und der Vorschlag …“

Mellie musterte ihn. „Das ist ein großzügiges Angebot, aber ich denke, ich entscheide mich für Bellas.“ In seinen Sachen käme sie sich vor wie ein Kind, das Erwachsener spielte, und die Aussicht, etwas von ihm am Leib zu tragen, war schlicht zu beunruhigend.

MacFinley’s Distillery, Sonntag, 11.00 Uhr

Später in ihrem Zimmer war sie sich nicht mehr sicher, ob die Idee, sich etwas von Bella zu leihen, wirklich klug gewesen war. Sie drehte sich vor dem Spiegel hin und her.

Der Anblick war kaum besser als der am vergangenen Abend. Das geliehene Blusenkleid spannte am Busen, und sie musste es oben ein ganzes Stück offen lassen. Ihr Dekolleté ließ somit tief blicken. Ansonsten war sie schlank genug, dass das Kleid passte. Es lag eben nur deutliche Spannung auf den winzigen Knöpfchen im Brustbereich. Der Rock, der ohnehin nur knapp die Knie bedeckte, saß wegen ihres runden Pos ein ganzes Stück höher als er es sicherlich bei Bella tat.

Insgesamt sah sie in der Leihgabe ziemlich aufreizend aus, und dabei bemerkte man nicht mal, dass sie sich nicht hatte überwinden können, ihren lediglich ausgespülten Slip anzuziehen. Einen BH besaß sie nicht, denn ihr sommerliches Korsagenkleid hatte genug Halt geboten. Dieses allerdings … Mellie war normalerweise glücklich mit ihrer Figur, aber jetzt fühlte sie sich unsicher.

Nervös stakste sie die Treppe hinab und folgte dann dem Stimmengewirr.

Die Hochzeitsgesellschaft hatte sich auf der Terrasse versammelt. Kaum erblickte Sue sie, stürmte sie auf Mellie zu und fasste nach ihren Händen. Ihre Nägel krallten sich in ihr Fleisch, als sie mit schriller Stimme ihren Namen rief.

„Wenn dein Koffer weg ist, dann doch auch die Hochzeitsdeko!“

Mellie hatte sich schon gewundert, dass das nicht Sues erste Sorge gewesen war. Nun atmete sie tief durch. „Ja, leider.“ Sie hob die Schultern.

„Aber das geht nicht!“ Sue riss die Augen auf und sah dermaßen niedergeschlagen aus, dass es Mellie das Herz brach.

„Sue …“, murmelte sie hilflos.

Ihre Cousine sah aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. „Die Herzen mit unseren Namen! Die bunten Vögel, die in den Büschen sitzen sollten. Die kalligrafierten Tischkarten und …“

„Das steckt alles in meinem Koffer“, stellte Mellie bedauernd fest. „Und ist nach sonst wo unterwegs. Das macht mich auch traurig, aber wir haben ja noch Zeit. Ich bastle dir die Deko einfach neu. Ich brauche nur etwas Material …“

„Das schaffst du doch gar nicht mehr!“ Sues Stimme überschlug sich, sie bohrte die Nägel tiefer in ihr Fleisch.

„Doch, natürlich“, widersprach Mellie betont fröhlich. Sue war ungewohnt aufgelöst, und sie wollte sie aufmuntern, auch wenn sie sich derzeit selbst nicht sicher war, ob sie ihre Kunstwerke tatsächlich fertigbekäme. Ach, Unsinn! Ich schaffe das. „Morgen gehe ich einkaufen. Dann habe ich immer noch drei Tage. Es wird alles sogar viel schöner als bisher, du wirst schon sehen.“ Sie bemühte sich, zuversichtlich zu klingen.

Ihre Cousine atmete zittrig durch. Sie nickte, obwohl sie nicht überzeugt wirkte. „Du schaffst das. Ich habe Vertrauen in dich.“ Sue riss sie an sich und drückte sie fest. Sie seufzte schwer. „Du schaffst immer alles.“

Mellie spürte, wie der Druck auf sie zunahm. Sie hatte selbst den Anspruch, ihre verlorene Arbeit zu ersetzen, aber nun war Scheitern keine Option mehr. Sie durfte keinen Augenblick verschwenden und konnte es sich nicht leisten, bis zum nächsten Tag zu warten.

„Weißt du, wo Gray ist? Sicherlich findet sich im Haus genügend Material, das er uns zur Verfügung stellen kann, um schon mal die Basics wie die Tischkarten herzustellen.“

Sue nickte und zeigte über den Rasen zu einem Nebengebäude. „Er ist in der Brennerei.“

Herrlich, genau an dem Ort, zu dem es mich am wenigsten zieht. Mellie stapfte verdrossen los und stand bald vor dem lang gestreckten Gebäude, das ein herber Geruch umgab, den sie mit Alkohol verband. Mellie verzog den Mund. Sie trank selten und ungern, da sie dazu neigte, schnell die Kontrolle zu verlieren. Und das war etwas, was sie sich nicht erlauben durfte. Niemals. Die Kontrolle über ihr Leben und ihre Gefühle war das Allerwichtigste.

Kaum hatte sie das Wort Gefühle gedacht, schwang die Tür auf und Gray stand vor ihr. Sie zuckte zurück.

Er runzelte die Stirn und sah ihr in die Augen, dann rutschte sein Blick ab und er sog scharf die Luft ein.

„Gray“, sagte sie schnell, ehe sie den Mut verlor, ihn überhaupt anzusprechen, denn seine Miene verdunkelte sich zusehends. „Ich wollte nur …“

„Hier ist Sperrgebiet, Mellie. Gäste haben in der Destillerie nichts zu suchen. Das ist viel zu gefährlich.“

Als würde ich unbedingt in einer Schnapsbrennerei herumstromern wollen. Absolut albern. „Ich hatte gar nicht vor …“, haspelte sie, fasste sich aber schnell. Sie wollte sich von seiner rüden Art nicht einschüchtern lassen. Also reckte sie das Kinn und setzte ein Grinsen auf. „Ich habe dich gesucht.“

Feuer loderte in seinem Blick aus dunklen Augen auf, und er stemmte die Hände in die Taille.

„Warum?“, grollte er. Er sah wieder auf ihr Dekolleté „Daingead, wie läufst du überhaupt herum? Meine Eltern wohnen dort hinten und sie trifft der Schlag, wenn sie dich so sehen!“

Er wies auf das Cottage, das Mellie vom Fenster aus gesehen hatte. „Das ist ja wohl maßlos übertrieben.“ Ihr Ausschnitt zeigte mehr Brust als nötig, war aber weit davon entfernt, unzüchtig zu sein.

Gray machte noch einen Schritt auf sie zu. Seine breiten Schultern blockierten ihre Sicht auf das Innere des Gebäudes. Ihr war nie zuvor ein Mann begegnet, der sie mit seiner bloßen Statur dermaßen beeindruckt hatte. Der Gedanke, dass er sie mit einem Arm aufklauben und forttragen könnte, bereitete ihr seltsamerweise kein Unbehagen, sondern verursachte ein aufregendes Kribbeln in ihrem ganzen Körper.

3. KAPITEL

Es juckte ihr in den Fingern, Gray zu berühren. Mellie schluckte. Er war ihr so nah, dass sie sein Aftershave wahrnehmen konnte. Ein holziger, warmer Duft. Er passte perfekt zu dem Mann vor ihr. Jedenfalls zu seiner Optik. Sein Gebaren wirkte allein wegen seiner hochgewachsenen, muskelbepackten Statur bedrohlich, aber Angst hatte sie dennoch nicht. Stattdessen erfasste pure Erregung sie und sie begann zu zittern.

Nay“, sagte er mit rauer Stimme. „Du frierst schon wieder, das ist nicht gut. Ich will nicht, dass die Trauzeugin ausfällt.“ Er schnaubte leise. „Ich habe dir doch das Plaid gegeben. Leg wenigstens das um deine Schultern.“

„Es ist … noch nicht trocken“, murmelte Mellie eigentümlich berührt.

„Du hättest vernünftig sein und etwas von mir nehmen sollen. Das hier …“ Er wies an ihr herab. „… passt dir offensichtlich nicht.“

Wieder ließ die Vorstellung, sich in eins seiner großen, weichen Hemden zu kuscheln, Mellies Herz aufgeregt schlagen, und das gefiel ihr kein bisschen.

„Doch, es passt“, behauptete sie. Um sie Lügen zu strafen, sprang in diesem Moment der oberste geschlossene Knopf ab und entblößte einen weiteren Teil ihres üppigen Dekolletés. „Ups.“

„Ups, allerdings.“ Gray funkelte sie an, schien sich zu zwingen, den Blick nicht abrutschen zu lassen, und schluckte. „Ich habe zu viel zu tun, um mit dir zu diskutieren. Warum hast du mich gesucht?“

„Ich brauche deine Hilfe.“ Sie lächelte, um sein Wohlwollen zu erlangen. „Wie du weißt, sind meine Dekorationen für die Hochzeit mit meinem Koffer im Niemandsland gelandet.“

„Und …“ Er räusperte sich, klang danach aber immer noch heiser. „Jetzt soll ich mich mit der Fluggesellschaft auseinandersetzen und versuchen, dein Gepäck ausfindig zu machen?“

„Das kann ich selbst, danke, aber zur Sicherheit möchte ich schon mal Ersatz basteln für den Fall, dass ich den Koffer nicht zurückbekomme. Hast du Material, das ich benutzen kann? Dickeres Papier oder Pappe, Farbstifte, Tinte und Pinsel, Schere, Cuttermesser, Klebe …“

Gray hob eine Hand und bremste damit ihren Redefluss. Seine Finger schwebten nur Zentimeter vor ihr, und sie ertappte sich dabei, zu wünschen, er würde sie berühren, sie streicheln …

Ein Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus. Nun war sie es, die schwer schlucken musste.

Gray ließ die Hand sinken und trat einen Schritt zurück. „Warum kauft ihr das Zeug nicht fertig?“, grummelte er. „Wozu der Aufwand?“

„Sue wünscht sich eine besondere Hochzeit und keine Dekoration von der Stange. Die Torte backt ja auch ihre Freundin Bella, und das Hochzeitskleid hat ihre Mutter geschneidert. Dann ist vielleicht nicht alles perfekt, aber einzigartig.“

Gray starrte sie an, seine Augen verengten sich, dann gab er seine abweisende Haltung auf.

„Falls ich was haben sollte, das du gebrauchen könntest, dann im Wandschrank in meinem Arbeitszimmer.“ Er beschrieb ihr den Weg durch den privaten Flügel des Hauses. „Aber fass dort nichts an außer den Sachen, die du wirklich brauchst. Ich würde mitkommen, aber ich muss wieder rein.“ Er nickte zur Tür hinter ihm.

„Natürlich nicht. Danke.“ Sie wandte sich um.

„Mellie?“

Sie blickte über die Schulter zu ihm zurück.

„Leg dir das Plaid um. Bitte.“

Seine Worte klangen ihr noch in den Ohren nach, als sie durch das geräumige Herrenhaus lief und versuchte, seiner Wegbeschreibung zu folgen. Es war nicht leicht, denn ihre Gefühle waren in Aufruhr. Wie konnte es sein, dass dieser missmutige Mann sie so anzog? Und wieso glaubte sie, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte?

Schließlich meinte sie, den richtigen Raum gefunden zu haben. Als sie eintrat, bemerkte sie jedoch, dass dies kein Arbeitszimmer war. Es war eine Bibliothek. Mit offenem Mund starrte sie die Wände voller Bücher an. Regale vom Boden bis zur drei oder vier Meter hohen Decke, unten zerlesene Paperbacks und Hardcover, nach oben hin immer ältere Bücher, Reihe um Reihe edel gebundene Ausgaben mit Golddruck.

Mellie legte den Kopf in den Nacken, um ganz nach oben schauen zu können. Sie liebte Bibliotheken, besonders die, in denen alte Schriften aufbewahrt wurden. Die Bücher in den obersten Fächern zogen sie wie magisch an. Die Vorstellung, dass sie von Menschen erschaffen worden waren, die seit Generationen nicht mehr lebten, faszinierte sie und weckte die Sehnsucht, wenigstens einmal über die Einbände zu streichen, die diese Menschen vor langer Zeit auch berührt hatten.

Mellie sah sich um und entdeckte in einer Ecke eine Rollleiter, die oben in eine Schiene eingehängt war und von Regal zu Regal geschoben werden konnte. Gray hatte sie zwar eindringlich ermahnt, nichts anzufassen, was sie nicht ausdrücklich für ihre Bastelarbeit benötigen würde, aber es war wie ein Zwang. Sie liebte schöne Dinge, und was gab es Schöneres als Bücher? Besonders alte Exemplare hatten es ihr angetan, denn sie wiesen häufig wundervolle Handschriften auf.

Ein besonders auffälliger Einband fing ihren Blick ein. Das Buch stand weit oben, aber selbst auf die Distanz war auf dem breiten, dunkelgrünen Rücken kunstvolle verschnörkelte Schrift zu erkennen. Vielleicht konnte sie die kopieren und für die Kalligrafie auf den Tischkarten verwenden.

Ohne lange zu überlegen, trat Mellie an die Leiter. Die quietschte, als sie sie zu schieben versuchte, und sie musste ordentlich ruckeln, um sie überhaupt zu bewegen. Dann aber gelang es ihr, und schnell kletterte sie hinauf, bis sie das Buch erreichen konnte. Sie hielt sich mit einer Hand am Regal fest und nahm mit der anderen den dicken Wälzer heraus. Von Nahem war er noch schöner, und sie ließ sich kurz los, um mit dem Finger über den Einband und die goldene Schrift zu streichen. Sie zeichnete die Wellen und Schnörkel der Buchstaben nach, prägte sie sich ein, um sie auf Papier nachzuahmen. Falls sie es nicht hinbekam, konnte sie immer noch Gray fragen, ob er ihr das Buch leihen würde.

Bei dem Gedanken an den Mann zuckte sie so heftig zusammen, dass sie aus dem Gleichgewicht geriet. Gray würde sicherlich nicht gutheißen, was sie hier tat, und sollte es besser nie erfahren.

Das aber war nicht mehr ihr drängendstes Problem, denn sie musste sich stabilisieren. Das Buch in ihrer Hand behinderte sie, fallen lassen konnte sie den sicherlich wertvollen Gegenstand aber auf keinen Fall. Schnell packte sie mit der freien Hand die Leiter, zog sich ruckartig in eine aufrechte Position. Zitternd presste sie das Buch an ihre Brust und lehnte sich schwer atmend nach vorn gegen das Regal. Die Leiter schien ihr viel wackliger als zuvor, und sie schielte hoch zu den Führungsschienen.

Eine Aufhängung sah aus, als wäre sie locker. Mellie wagte nicht, sich zu rühren. Hatte sie bei dem Versuch, das Gleichgewicht zurückzuerlangen, die Leiter beschädigt? War es noch sicher, jetzt hinabzusteigen? Nicht, dass sie dazu gerade den Mut gehabt hätte …

Gray warf die Tür hinter sich zu und eilte verärgert durch den schlecht beleuchteten Gang. Diese Frau war unglaublich. Leichtsinnig, frech, anmaßend …

Erst verlangte sie das Unmögliche – an einem Samstagabend außerhalb der Großstadt offene Geschäfte aufzutreiben –, und nun suchte sie Bastelmaterialien in seinem Haus. Sie war verrückt, wenn sie glaubte, irgendwo etwas finden zu können, das gekauftes Dekomaterial ersetzte.

Er stapfte durch die schwülwarme Produktion. Auf beiden Seiten türmten sich Kessel, in denen sich der Gärprozess in voller Entwicklung befand. Rauchiger Geruch lag ständig in der Luft, den man dem Endprodukt – MacFinley’s Scotch Whisky – anmerkte. Seinen vollmundigen, torfigen Geschmack erhielt er durch die hochwertigen Einsatzstoffe wie den erstklassigen Roggen und die speziell für die Whiskybrennerei verfeinerte Gerste.

Das Nebengebäude, in dem sich die vier riesigen Kessel befanden, beinhaltete bereits eine Brauerei, als Gray das Anwesen erstanden hatte. Früher war hier Ale hergestellt worden, doch er hatte sich entschieden, mit der Tradition insofern zu brechen, als er neben der Whiskyproduktion nur noch kleine Mengen schottisches Ale für Liebhaber braute.

In den hinteren Kesseln wurde nach dem Gär- und Fermentationsprozess der Alkohol destilliert. Es gab Leitungen, durch die Inhaltsstoffe zugeführt, Abfallprodukte abgeleitet und das Endprodukt weitergeleitet wurde.

Alles in allem war dieser Gebäudeteil ein typischer Ort für Produktionsprozesse und in seinen Augen keinen zweiten Blick wert. Trotzdem organisierte er Führungen und sprach über die Verfeinerung seiner Erzeugnisse.

Um sich von der weltweiten Menge an Brennereien abzuheben, war Innovation nötig, und so produzierte er jedes Jahr eine Testcharge Scotch mit Aroma. Zimt und Apfel waren bisher gut angekommen, Zitrone hingegen ein Reinfall gewesen.

Er stolperte und fing sich mit wild wedelnden Armen gerade noch ab. Überrascht sah er sich nach dem Ding um, das ihn um ein Haar zu Fall gebracht hätte.

„Oh, dairn!

Als Gray aufschaute, sah er, dass diese Worte von Sheamus kamen, seinem Produktionshelfer, der ein verlegenes Gesicht machte und die Leiter an einem der Kessel herunterkraxelte.

„Warum kommen Sie denn zurück?“, erkundigte der Mann sich.

Das war eine gute Frage, denn nun erinnerte Gray sich, dass er eigentlich ins Haupthaus gewollt hatte, um den Tag mit seinen Freunden zu verbringen. Da er keine sinnvolle Erklärung dafür hatte, dass er stattdessen durch die Produktionsstätte streifte, überging er die Frage einfach. „Warum liegt hier eine Schraube herum?“ Er deutete auf das handtellergroße Bauteil.

„Kaum waren Sie weg, hab ich gemerkt, dass die Destillationsbrücke undicht ist, da dachte ich, ich schau mal nach.“

„Allein? Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie derartige Arbeiten ausschließlich zu zweit erledigen können?“

Aye“, grummelte Sheamus. „Ich weiß, aber wessen Sicherheit geht vor?“

Sein Grinsen verriet, dass er meinte, ein gutes Argument zu haben.

„Wessen …“ Gray verstand nicht gleich, worauf sein Angestellter hinauswollte.

„Was wäre schlimmer, wenn ich von der Leiter falle oder ein Gast von einem Bauteil erschlagen wird?“

Er deutete in die Höhe, und Gray folgte mit seinem Blick. Wenn die Schraube tatsächlich von dort oben herabgefallen war …

„Die Hochzeitsgesellschaft hat unter der Destillationsbrücke nichts verloren“, grollte Gray und war plötzlich zurück in seinem Gedankenkarussell. Fehlte noch, dass diese Mellie durch die schwüle Hitze des Gebäudes streifte, die dafür sorgen würde, dass der Stoff ihres Kleidchens an ihrem Leib klebte und jede ihrer ausufernden Rundungen zusätzlich betonte, nachdem sie sich garantiert bereits gestern etwas eingefangen hatte.

Sheamus hob die Hände. „Ruhig Blut. Töten Sie nicht den Boten. Sie haben die Tour abgenickt.“

Die Führung hatte er vergessen. Mellie würde hier herumstreifen!

Gray sah sich um. „Hier muss Luft rein“, murrte er und strich sich durchs Haar. „Dairn. Das kann ich gar nicht gebrauchen.“ Eine halb nackte Frau vor Augen, die es offenbar nicht scherte, dass man an ihrem Körper gar nicht vorbeischauen konnte, sonst würde sie so nicht aus dem Zimmer treten und sich einem Haufen Männer präsentieren, und Alkohol im Blut.

Keine gute Kombination, also blieb ihm nur, heimlich zu seinem unbeliebtesten Produkt zu greifen: MacFinley’s alkoholfreiem Whisky. Allerdings störte ihn das wenig, da er nicht oft trank.

Sheamus deutete an die Decke. „Jedenfalls bringe ich das Problem besser in Ordnung, bevor Herden von Hochzeitsgästen hier entlangspazieren.“

Aye“, murmelte Gray. „Ich kümmere mich … Dairn! Sie können hier nicht auf sich allein gestellt auf Leitern herumkraxeln, das verbieten die Arbeitsschutzbestimmungen!“ Es blieb ihm damit kaum eine Wahl, als seinen Angestellten zu unterstützen. „Los!“, grollte er verärgert. „Rauf und Beeilung! Die Verkostung muss auch noch vorbereitet werden.“

Es dauerte eine Weile, bis Gray aus der Destillerie hasten konnte. Er betrat das Haupthaus durch den rückwärtigen Zugang und lief die Treppe in den ersten Stock hinauf.

Eigentlich sollte er sich zur Hochzeitsgesellschaft begeben. Neben Tris’ Familie waren auch gemeinsame Freunde eingeladen, und damit hatte er das Haus voll mit teilweise bekannten Gesichtern und genügend Ablenkung von seinen düsteren Gedanken.

Oder auch nicht. Denn natürlich war seine nicht zustande gekommene Ehe ein mögliches Gesprächsthema, und diese Aussicht war schrecklich. Er wollte weder über Fiona sprechen noch über seine Gefühle. Er wollte, dass diese Woche einfach vorbei war und sein Haus wieder leer.

Er eilte über den Flur zu seinem Arbeitszimmer, wo er einmal durchatmen wollte, bevor er sich zu seinen Freunden gesellte. Ein Glas echter Whisky mochte helfen, deren Fragen nach seinem Beziehungsstatus zu ertragen. Seufzend warf er einen Blick auf die Uhr. Zu früh.

Als er an der Bibliothek vorbeikam, bemerkte er, dass die Tür nur angelehnt war. Ein Prickeln rann über seinen Nacken. Einer bösen Ahnung folgend, schob er die Tür weiter auf und warf einen Blick in den Raum. Zunächst wirkte alles wie immer, aber die Illusion hielt nicht an. Er blinzelte, doch das Bild verschwand nicht.

Mellie stand auf der Leiter, die er längst hatte reparieren wollen, denn sie hatte eine defekte Rolle und ließ sich nicht über die Führung ziehen, und klammerte sich an eine der Sprossen. Wie zum Teufel war sie damit bis in die Mitte der Regalwand gelangt?

„Hilfe?“, piepste sie.

Gray starrte sie an. Ihr Hintern war ebenso üppig wie ihre Oberweite, und das geborgte Outfit betonte das auch noch. Der Stoff mochte sie besser warm halten als das skandalös luftige Kleid von gestern, aber durch den Schnitt und die falsche Größe wirkte es, als würde sie jeden Moment herausplatzen.

Er bekam feuchte Hände, da dieser Anblick ihm nun vor Augen stand. Verboten. Unangenehm aufreizend.

Die Aufhängung quietschte und Mellie stieß einen schrillen Schrei aus und klammerte sich noch fester an die nun sichtbar schief stehende Leiter.

„Hilfe“, rief sie dieses Mal deutlicher. „Ist denn hier …“

Bei jedem Wort wurde sie lauter, und schließlich versuchte sie, wieder über die Schulter zurückzuschauen. Ein ohrenbetäubendes Knatschen ertönte.

Gray sprintete los, da sich die Leiter immer weiter nach hinten neigte und Mellie mit einem Aufschrei nach dem Regal fasste. Ein Buch ging polternd zu Boden. Sicher war sie die Nächste, und da sie in etwa zwei Metern Höhe stand, war eine Verletzung nicht auszuschließen. Die Leiter kippte. Und Mellie mit ihr …

Autor

Abby Green
<p>Abby Green wurde in London geboren, wuchs aber in Dublin auf, da ihre Mutter unbändiges Heimweh nach ihrer irischen Heimat verspürte. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zu Büchern: Von Enid Blyton bis zu George Orwell – sie las alles, was ihr gefiel. Ihre Sommerferien verbrachte sie oft bei ihrer...
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Justine Lewis
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Amy Olsen
<p>Amy Olsen ist das Alter Ego zweier befreundeter Autorinnen, die gewöhnlich allein und in anderen Genres unterwegs sind und hier gemeinsam ihre Liebe zu spritziger Contemporary Romance ausleben.<br/>Amy schreibt ungewöhnliche Geschichten, in denen interessante Charaktere an vorzugsweise malerischen Schauplätzen alle Facetten der Romantik erleben, sei sie nun locker-leicht oder auch...
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