Heiße Küsse – verführerische Rache?

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Unschuldig musste der italienische Tycoon Leonardo Falzone für ein Verbrechen büßen. Verraten und betrogen wurde er! Eine ehrbare Ehefrau soll sein Ansehen wiederherstellen. Wäre Angelica Malgeri, seine attraktive Ex-Freundin, die Richtige? Noch immer ist sie betörend schön, noch immer begehrt er sie voller Leidenschaft. Leonardo beschließt, sie mit einer List in eine Kirche zu locken, wo alles für eine Blitzhochzeit vorbereitet ist. Doch niemals darf er vergessen, dass ausgerechnet Angelica es war, die ihn damals verraten hat …


  • Erscheinungstag 17.02.2026
  • Bandnummer 2741
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541664
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Abby Green

Heiße Küsse – verführerische Rache?

PROLOG

Rom

Leonardo Falzone lehnte mit verschränkten Armen am Wagen. Seine lässige Haltung ließ nicht erahnen, welche Anspannung in ihm herrschte. Die anderen Fahrer musterten ihn skeptisch, als spürten sie, dass mit diesem Chauffeur etwas nicht stimmte.

Und sie hatten recht. Leo Falzone war kein einfacher Chauffeur. Er hatte unter falschem Namen angeheuert, um Gäste der Beerdigung des Mannes zu chauffieren, der ihn auf abscheuliche Weise betrogen und seine Freundschaft ausgenutzt hatte. Eine Freundschaft, an die Leo felsenfest geglaubt hatte, bis sein Freund und Geschäftspartner ihn nicht nur beruflich, sondern auch persönlich verraten hatte.

An dem persönlichen Verrat trug jedoch nicht nur Aldo Bianchi Schuld, denn Leos damalige Geliebte hatte sich Aldo schnurstracks in die Arme geworfen. Zweifellos, weil er ihr versprochen hatte, sie zu einer reichen Frau zu machen. Doch reich war Aldo nur, weil Leo jahrelang geschuftet hatte, um Falzone Industries zu gründen.

Du hast sie doch abgewiesen, meldete sich sein Gewissen. Ja, weil sie gesagt hatte, sie würde ihn lieben. Aber er hatte nicht um Liebe gebeten. Also hatte er gesagt, sie solle gehen. Und das hatte sie getan – und zwar geradewegs ins Bett seines besten Freundes.

Aldo war damals sein Geschäftspartner, aber Leo war der Kopf des Unternehmens. Er hatte geglaubt, Aldo wäre zufrieden damit, seine Fähigkeiten und seinen Charme zu nutzen, um Aufträge und lukrative Kooperationen an Land zu ziehen. Doch er hatte unterschätzt, wie eifersüchtig und verbittert sein Freund war.

Aldos Drogensucht verstärkte sein Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, noch. Leider hatte Leo das Ausmaß der Katastrophe erst erkannt, als er bereits im Gefängnis war. Aldo beschuldigte ihn der Veruntreuung und des Insiderhandels.

Trotz seiner laxen Einstellung zur Arbeit war es Aldo gelungen, Leo so geschickt hereinzulegen, dass es drei Jahre gedauert hatte, seine Unschuld zu beweisen. In der Zwischenzeit hatte Aldo die Leitung von Falzone Industries übernommen und die Firma in Bianchi Industries umbenannt.

Doch damit nicht genug! Er hatte auch Leos Ex-Geliebte geheiratet – nur einen Monat nach ihrer Trennung. Was bewies, wie wenig Leo sie gekannt und was sie wirklich gewollt hatte – sein Geld. Leos Verurteilung und Inhaftierung fielen mit der Nachricht zusammen, dass Aldo Bianchi und seine atemberaubende Frau gerade ein prächtiges Ferienhaus auf Sizilien gekauft hatten.

Vor Kurzem war Leo aus dem Gefängnis entlassen worden. Doch sein Wunsch, sich an seinem Ex-Freund zu rächen, war vereitelt worden: Vor einer Woche hatte man Aldo Bianchi tot aufgefunden. Gestorben an einer Überdosis in einer Gasse hinter einem der berühmtesten Nachtclubs Roms. War es Aldos schlechtes Gewissen gewesen, das seinen Drogenkonsum in gefährliche Höhen getrieben hatte? Wahrscheinlich nicht, dachte Leo bitter. Eher der Erfolg des Unternehmens, das in den letzten drei Jahren floriert hatte. Allerdings nur, weil Leo es so aufgebaut hatte, dass der Erfolg nicht ausbleiben konnte. Ein weiterer Grund, warum Aldo diesen Verrat geplant hatte.

Doch nun war Aldo tot, und Leo konnte sich weder an ihm rächen noch ihm verzeihen. Aber da gab es eine weitere Person, die Leo noch abscheulicher betrogen hatte. Die Frau, die in seinem Bett gelegen und ihm Lügen ins Ohr geflüstert hatte. Hat sie mit Aldo intrigiert, während wir noch zusammen waren? Ausschließen konnte er das nicht. Zumindest war sie direkt zu Aldo gegangen und hatte Leos Lebenswerk und seinen Ruf zerstört, indem sie half, Leo für einen Betrug ins Gefängnis zu bringen, den er nie begangen hatte.

Drei Jahre hatte er hinter Gittern verbracht, bis es seinem Anwaltsteam gelungen war, seine Unschuld zu beweisen. Nun wollte er endlich die volle Kontrolle über sein Unternehmen zurückerlangen und es wieder in Falzone Industries umbenennen. Alles, was ihm dabei im Wege stand, war die Frau, die Aldos Anteil an dem Unternehmen geerbt hatte. Aldos heuchlerische trauernde Witwe!

Die Frau, die allein und regungslos am Grab stand, war groß. Auf den ersten Blick wirkte ihr schwarzes Kleid dezent und seriös. Die spitzenbesetzte Seide bedeckte sie vom Hals bis zu den Knien. Doch der Stoff schmiegte sich an ihre Figur und betonte ihre weiblichen Rundungen. Große Brüste, eine schmale Taille und endlos lange Beine. Ihre Füße steckten in hochhackigen Pumps. Das dichte dunkle Haar hatte sie im Nacken zu einem Dutt gebunden. Ein kurzer Schleier verbarg ihr schönes Gesicht. Ein Gesicht, das Leo seit drei Jahren verfolgte. Grün-goldene Augen, fein gezeichnete Brauen, gerade Nase, hohe Wangenknochen und volle Lippen, wie geschaffen für … Schluss jetzt! Schnell verbannte er seine unpassenden Gedanken.

Sie hatte keine Wirkung auf ihn. Nicht mehr. Er wollte die Kontrolle über seine Firma wiedererlangen und gleichzeitig sein beschädigtes Image rehabilitieren. Dafür brauchte er nicht nur die andere Hälfte seines Unternehmens, sondern auch eine Frau. Aber nicht irgendeine Frau! Sondern eine, die verstand, dass er kein Verlangen nach einer echten Ehefrau hatte. Die in der Öffentlichkeit ihre Pflichten erfüllte, sich privat jedoch zurückhielt. Eine Frau, die ihm geben würde, was ihm zustand.

Als kleiner Junge hatte er mit ansehen müssen, wie seine gesamte Familie vor seinen Augen von einem Mafioso erschossen wurde. Damals hatte er sich geschworen, nie eine eigene Familie zu gründen. Er hatte liebevolle Eltern und Brüder gehabt, eine glückliche Familie. Doch die war in wenigen höllischen Sekunden ausgelöscht worden. Leo hatte nur überlebt, weil seine Mutter ihn hinter einen Schrank geschoben hatte. So etwas wollte er nicht noch einmal erleben. Nein, alles, was er brauchte, war eine Frau auf Zeit. Und es gab nur eine Frau auf der Welt, die diese Aufgabe für ihn erfüllen konnte.

Die Frau, die am Grab stand, sollte für ihre Sünden bezahlen. Indem sie zu Angelica Falzone wurde.

1. KAPITEL

Endlich frei. Am liebsten hätte Angelica sich den Schleier vom Gesicht gerissen, den Kopf zurückgeworfen und sich von den Sonnenstrahlen durchdringen lassen, um sich von der Toxizität zu befreien, die sie die letzten drei Jahre hatte ertragen müssen. Und von der zynischen Schale, die sie um sich herum aufgebaut hatte, um zu überleben. Nicht nur die Scheinehe, die sie nie gewollt hatte, sondern auch den Schmerz der Zurückweisung durch ihren ersten Liebhaber. Sie hatte geglaubt, er würde sie lieben. Doch als sie ihm ihre Liebe gestand, hatte er sie eiskalt weggeschickt. Nun verfluchte sie den Tag, an dem sie ihn getroffen hatte.

Sie war so naiv gewesen! Hatte sich in den ersten Mann verliebt, mit dem sie geschlafen hatte, und war gedemütigt worden. Angelica hatte sich für hart und clever gehalten. Schließlich war sie unter dem Einfluss der Mafia-Kriminalität in Sizilien aufgewachsen. Doch letztendlich war sie genauso verletzlich wie jede andere Frau.

Inzwischen war sie vierundzwanzig. Doch manchmal fühlte sie sich viel, viel älter. Ihr Vater war von Mafiosi ermordet worden, die ihn – wenn auch widerwillig – in ihre kriminellen Aktivitäten verwickelt hatten. Sie hatte schon so viel Schlimmes erlebt. Aber die Zurückweisung durch ihren Liebhaber vor drei Jahren hatte ihr gezeigt, dass sie noch immer unschuldig und hoffnungsvoll war. Zumindest damals musste sie das noch gewesen sein.

Er hatte ihr nicht nur buchstäblich die Unschuld geraubt, sondern auch ihre aufkeimende Hoffnung auf ein Leben ohne Gewalt zerstört. Ein Leben mit einer eigenen Familie, ohne sich ständig vor Bedrohungen fürchten zu müssen. In gewisser Weise war sie froh, diese Lektion gelernt zu haben, so hart sie auch gewesen war. Denn so wusste sie, womit sie zu rechnen hatte. Und nun war sie endlich frei. Mehr brauchte sie nicht.

Sie musste nur ins Auto steigen und dem Fahrer sagen, wohin er sie bringen sollte. Dann konnte sie endlich alles loswerden. Den Schleier, der ihren Mangel an Trauer verbarg. Das maßgeschneiderte Kleid von Dolce & Gabbana. Die äußere Zurschaustellung von Reichtum, die so viel verborgen hatte.

Signora Bianchi, Ihr Wagen steht da drüben.“

Grazie.“ Sie nickte dem Bestatter zu, wandte sich vom Grab ab und folgte ihm. Am liebsten hätte sie gesagt, er solle sie nicht Bianchi nennen. Endlich brauchte sie diesen verhassten Namen nicht mehr zu tragen. Aber sie hielt sich zurück. Der Mann führte sie zu einem Wagen. Der Fahrer öffnete die Hintertür.

Angelica hatte den Blick gesenkt, um in den schwindelerregenden Absätzen nicht zu stolpern und den Blickkontakt mit anderen zu vermeiden. Doch nun schaute sie leicht auf. Der Fahrer war groß. Groß genug, um ihr einen Schauer über den Rücken zu jagen. Sie hob leicht den Kopf, aber die Sonne blendete sie. Außerdem hatte der Mann die Mütze tief ins Gesicht gezogen.

Mach dich nicht lächerlich! Im ersten Jahr ihrer Ehe hatte sie ihren Ex-Geliebten überall gesehen. Dabei hatte er im Gefängnis gesessen. Eingesperrt wegen der Habgier und Eifersucht seines Geschäftspartners Aldo. Natürlich wusste sie, dass Leo unschuldig war. Aber sie war in ihrem eigenen Gefängnis gewesen, wenn auch in einem vergoldeten. So waren sie beide für ihre unglückliche Verbindung miteinander und mit Aldo bestraft worden. Waren sie damit quitt? Vielleicht. Aber sie wollte ihn nie wiedersehen, und er sie sicher auch nicht. Nicht nach dieser brutalen Trennung und allem, was danach geschehen war.

Leonardo Falzone würde es als Verrat ansehen, dass sie von ihm zu seinem besten Freund übergelaufen war. Auch wenn er ihr kurz zuvor den Laufpass gegeben hatte. Aldo hatte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Es hatte ihm nicht gereicht, seinem Freund das Geschäft wegzunehmen und ihn mit falschen Anschuldigungen ins Gefängnis zu bringen. Er musste ihm auch noch die Geliebte stehlen. Angelica hatte versucht, ihm zu erklären, dass es Leo egal wäre, weil er nichts für sie empfand. Doch Aldo hatte nicht auf sie gehört. Natürlich wusste sie aus der Presse, dass Leo aus dem Gefängnis entlassen worden war. Sicher war es die Nachricht von der Entlassung seines Erzfeindes gewesen, die Aldo noch unberechenbarer gemacht hatte. Daher die Überdosis. Ein trauriges, bedauernswertes Ende für einen traurigen, bedauernswerten Menschen.

„Direkt zum Flughafen, bitte“, sagte sie, bevor sie ins Auto stieg, und sah, wie der Fahrer nickte. Dann saß sie im Fond des Wagens, wo es dunkel und kühl war. Der Sichtschutz zwischen ihr und dem Fahrer war hochgefahren. So konnten sie einander nicht sehen. Erleichtert riss sie den Schleier ab, zog die Haarnadeln aus ihrem Haar und fuhr mit den Fingern hindurch, um es zu lockern. Dann streifte sie die Schuhe ab, spreizte genüsslich die Zehen und lehnte den Kopf gegen den Sitz. Sie hatte nicht einmal einen Koffer dabei. Nur ihren Reisepass. Alles andere würde sie zurücklassen. Langsam wich die Anspannung aus ihr, während der Wagen sich vom Friedhof im Zentrum Roms entfernte.

Angelica war erschöpft. Endlich sah sie ein Schild, das eine Abzweigung zum Flughafen anzeigte. Doch der Wagen fuhr weiter. Eine weitere Abzweigung zum Flughafen nahte. Wieder fuhr der Fahrer vorbei. Abrupt setzte sie sich auf. Angst durchflutete ihren Körper. Sie beugte sich vor und klopfte an das Sichtfenster. Keine Antwort. Sie klopfte erneut. Wieder keine Antwort. Ihre Angst verwandelte sich in Panik. Sie wollte die Autotür öffnen, doch die war verriegelt. Außerdem konnte sie sich schlecht aus einem Auto stürzen, das durch die Außenbezirke Roms raste. Sie hatte die letzten drei Jahre nicht überlebt, um an der letzten Hürde zu scheitern.

Langsam wurde sie wütend. Aldo war tot. Es gab also niemanden, der ihr etwas antun wollte … Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Der Fahrer. Groß, breitschultrig. Angelica schüttelte den Kopf. Der Gedanke war lächerlich. Genau in dem Moment fuhr die Trennwand ein paar Zentimeter nach unten.

Der Fahrer hatte die Mütze abgenommen, so konnte Angelica die obere Hälfte seines Gesichts sehen. Eine breite Stirn. Dichtes dunkles, etwas zerzaustes Haar. Aber es waren die Augen unter den dunklen geraden Brauen. Seine Augen. Unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Dunkel wie die Nacht. Nur aus nächster Nähe konnte man hellere Goldsprenkel erkennen. Und sie war ihm so nah gewesen, wie es nur ging.

„Leonardo Falzone“, hauchte sie fassungslos.

„Ciao, Angel.“

Angelica wurde kalt. Er war es. Zweifellos. Niemand sonst hatte sie je „Engel“ genannt. „Nenn mich nicht so.“

Sein Blick war auf die Straße gerichtet. „Früher hast du es gemocht.“

Zwei schweißnasse Körper kurz vor dem Höhepunkt, die Ekstase zum Greifen nah, und dieser Mann liebkost ihre intimste Stelle und sagt: „Komm für mich, Angel, ich brauche dich …“ Hastig verdrängte Angelica die Erinnerung. „Früher habe ich viele Dinge gemocht. Was tust du hier? Wohin fahren wir?“ Das Herz klopfte ihr wie wild. Aber nicht aus Angst. Sie wusste, dass Leo ihr nichts antun würde. Zumindest nicht körperlich.

Die letzten drei Jahre hatte sie mit einem Mann verbracht, der ihr ständig Gewalt angedroht hatte, ihr aber nie wirklich hätte schaden können, weil er nie Zugang zu ihrem Herzen und ihrer Seele gehabt hatte. Aldo hatte ihr nur auf eine Weise wehtun können. Indem er die Menschen, die sie liebte, bedrohte.

Aber der Mann, der sie jetzt zu einem unbekannten Ort fuhr, der hatte die Macht, sie zu zerstören. Einmal hatte er das schon fast. Doch sie hatte überlebt.

„Willst du mir nicht zu meiner Entlastung gratulieren?“, fragte er spöttisch. „Von einem Verbrechen, das ich nicht begangen habe? Zu meiner Freiheit?“

Einen Moment fühlte sie sich schuldig, obwohl sie gar keine Schuld trug. „Ich weiß, dass du nicht verdient hast, was Aldo dir angetan hat.“

„Dennoch hast du nichts getan, um es zu verhindern oder mich zu verteidigen. Also hast du mit ihm unter einer Decke gesteckt.“

Angelica erschauerte. Er denkt tatsächlich, ich hätte ihn verraten. Das hatte sie befürchtet. Aber sie hatte nichts damit zu tun. Aldo hatte sie in die Sache verwickelt, indem er sie in eine Beziehung zwang. Doch das konnte sie Leo nicht sagen. Zum einen würde er ihr nicht zuhören. Zum anderen stand zu viel auf dem Spiel. Sie musste ihre Familie schützen. Früher einmal hätte sie sich diesem Mann anvertraut, heute nicht mehr. Zitternd fragte sie: „Wohin bringst du mich?“

„Das wirst du gleich sehen“, antwortete er rätselhaft und fuhr die Trennscheibe wieder hoch. Verwirrt lehnte Angelica sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Nie hätte sie damit gerechnet, Leonardo Falzone wiederzusehen. Wirklich? Hast du nicht von ihm geträumt? Davon, dass er deine Gefühle erwidert?

Sie presste die Lippen aufeinander, als könnte sie so die Erinnerung an seinen entsetzten Gesichtsausdruck verdrängen, als sie ihm vor drei Jahren gesagt hatte, dass sie ihn liebte. Sie war so naiv gewesen. Hatte sein rein körperliches Verlangen nach ihr als Liebe gedeutet. Aber Liebe oder gar eine gemeinsame Zukunft hatte er ihr nie versprochen. Nur eine gegenseitige Faszination, eine Verbindung. Sie waren in verschiedenen Teilen Siziliens aufgewachsen, waren beide von der dort herrschenden Gewalt heimgesucht worden, wodurch ihr Leben zerrissen wurde. Und dann war da noch die explosive Chemie zwischen ihnen. So etwas hatte sie nie zuvor erlebt und würde es wohl auch nie wieder erleben. Der Gedanke, dass sie sich in ihren ersten Liebhaber verliebt hatte, beschämte sie immer noch.

Leonardos gesamte Familie war vor seinen Augen ermordet worden, wie er ihr eines Abends im Bett mit verdächtig leidenschaftsloser Stimme erzählt hatte. Daraufhin hatte Angelica berichtet, wie sie ihren Vater durch die Mafia verloren hatte und kurz darauf von einer Modelagentur entdeckt worden war. Das hatte ihr geholfen, Sizilien zu verlassen. Als sie endlich genug Geld angespart hatte, hatte sie auch ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder an einen Ort weit weg von Sizilien geholt, um zu verhindern, dass dieselben Leute, die ihren Vater getötet hatten, auch den Rest ihrer Familie umbringen würden. Denn nach dem Tod des Vaters hatte ihr Bruder sich an der Mafia rächen wollen. Angelica und ihre Mutter hatten ihre ganze Kraft aufbringen müssen, um ihm klarzumachen, dass er diesen Plan aufgeben und sich um sein eigenes Leben kümmern musste.

Man hatte ihnen geraten, niemandem von ihrem neuen Wohnort zu erzählen. Aus Angst, jemand aus ihrer Vergangenheit könnte versuchen, sie zu kontaktieren, oder ihren Aufenthaltsort preisgeben. Also hatte Angelica niemandem davon erzählt, nicht einmal Leo.

Sie war in einer Umgebung aufgewachsen, in der einem das Schweigen über kriminelle Aktivitäten im Blut lag. Aus diesem Grund hatte sie enge Freundschaften oder Beziehungen vermieden. Leo war der Erste gewesen, dem es gelungen war, sich hinter ihren Schutzwall zu schleichen. So oft war sie kurz davor gewesen, ihm alles zu erzählen, hatte sich aber im letzten Moment stets zurückgehalten. An dem Tag, an dem sie ihm ihre Liebe gestand, hatte sie ihm auch das sagen wollen. Damals glaubte sie, ihm ihr kostbarstes Geheimnis anvertrauen zu können. Doch er hatte sie abgewiesen. Ihre Beziehung hatte nur wenige Wochen gedauert. Da war es ein Trost gewesen, dass sie ihm nicht alles verraten hatte.

Leider war ihre Familie trotzdem nicht in Sicherheit gewesen. Irgendwie hatte Leonardos Geschäftspartner Aldo Bianchi von ihrer Mutter und ihrem Bruder und deren Aufenthaltsort erfahren. Dabei wohnte Angelica nicht einmal bei ihnen, um sie dadurch nicht in Gefahr zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt stand ihr Bruder kurz vor dem Abitur und wollte studieren.

Aldo nutzte diese Informationen, um Angelica zu einer Heirat zu erpressen, indem er sagte, dass es nur eines Anrufs bedürfe, damit die Mörder ihres Vaters kämen und die Sache zu Ende brächten. Ebenso wie Leo war Aldo im Umfeld sizilianischer Gangs aufgewachsen. Später war er mit Leo zusammen in einem Waisenhaus untergebracht worden. Während Leo alle Verbindungen zu den Menschen aus seiner Vergangenheit abgebrochen hatte, hatte Aldo noch Kontakte, wie er ihr versicherte. Zum Beweis zeigte er ihr ein Video von ihrem Bruder, wie er zur Schule ging. Lachend. Scherzend. Ein sorgloser junger Mann. Und von ihrer Mutter beim Einkaufen. Dass Aldo jemanden hatte, der nah genug war, um ihre Mutter und ihren Bruder zu beobachten, hatte ihr keine Wahl gelassen. Sie musste sich fügen. Zur Polizei hatte sie nicht gehen können. Das wäre viel zu gefährlich gewesen.

Angelica verdrängte die trüben Gedanken. Es war ohnehin nicht mehr zu ändern. Aber was wollte Leo jetzt? Sicher Rache. Nun, da Aldo tot war, lag die Schuld allein bei ihr. Sie hatte Leo geglaubt, als er sagte, er wolle nicht mehr unter dem Joch von Gewalt und Vergeltung leben. Das war wohl ein Fehler gewesen. Denn jetzt wollte er Rache. Aber konnte sie ihm das verübeln? Sie konnte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was er im Gefängnis durchgemacht hatte. Andererseits hatte auch sie gelitten, und ihre Familie war in Gefahr gewesen.

Schnell unterdrückte sie jeden Anflug von Reue oder Mitleid und konzentrierte sich stattdessen auf die in ihr aufsteigende Wut, um sich von den beunruhigenden Gefühlen abzulenken, die ihr die Kehle zuschnürten.

Leo bemühte sich, den Aufruhr in seinem Unterleib unter Kontrolle zu halten. Doch Angelicas Duft hing trotz der nun geschlossenen Trennscheibe immer noch in der Luft. Dieser unverwechselbare Duft von Gardenien, gemischt mit etwas Erdigem, hatte eine Reihe von Bildern in seinem Kopf hervorgerufen.

Wie er sie zum ersten Mal auf dieser Veranstaltung in Rom gesehen hatte. Ihre überwältigende Schönheit. Der erste Kuss. Die erste Berührung. Das erste Mal, als er sie nackt gesehen und seine Hand auf ihre seidige Haut gelegt hatte. Er sei ihr erster Liebhaber, hatte sie gesagt. Aber stimmte das? Diese Frage hatte ihn in den letzten Jahren gequält. Hatte sie ihre Unschuld nur vorgetäuscht und ihn insgeheim für seine romantische Leichtgläubigkeit ausgelacht?

Leo verdrängte die Erinnerungen. Angelica war beschmutzt – wegen ihrer Beziehung zu seinem Ex-Geschäftspartner. Aber er hatte ohnehin nicht die Absicht, sie je wieder zu berühren. Er brauchte nur ihre Anwesenheit.

Als sie vorhin kurz das Gesicht hob und er ihre vollen Lippen sah, hatte es ihn all seine Kraft gekostet, sie nicht an sich zu ziehen und zu küssen. Nur aus Wut, nicht aus Verlangen, redete er sich ein. Allerdings hielt er das Lenkrad so fest mit beiden Händen umklammert, dass ihm die Fingerknöchel weiß hervortraten, was ihm verriet, wie aufgewühlt er war.

Ich hätte nicht herkommen sollen! Aber er hatte keine Wahl gehabt. In den letzten drei Jahren im Gefängnis hatte die Erinnerung an sie ihn ständig gequält. Zwischen ihm und Angelica Malgeri, jetzt Angelica Bianchi und bald Angelica Falzone gab es noch eine offene Rechnung. Leo verzog den Mund zu einem freudlosen Lächeln, als er in der Ferne den Kirchturm der Kapelle erblickte. Trotz allem, was in der Vergangenheit geschehen war, wollte er Rache.

Diese Frau hatte ihm bewiesen, dass er nicht besser war als seine Vorfahren. Auch wenn er sich genau darum mit aller Kraft bemüht hatte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich diesem Bedürfnis zu beugen, um sie endgültig aus seinem Kopf zu verbannen. Er würde keinen Frieden finden, bis sie ihre Schuld beglichen hatte.

Der Wagen hielt vor einer kleinen Kirche. Sie war alt und irgendwie Furcht einflößend mit ihren vom Zahn der Zeit gezeichneten Mauern und zerfallenden Statuen von Heiligen. Eine kleine Gruppe von Männern in Anzügen wartete in der Nähe des Eingangs. Angelica schlug das Herz bis zum Hals. Was ist hier los?

Leo stieg aus dem Auto und öffnete die Tür zur Rückbank. Die Sonne war so grell, dass Angelica die Augen zusammenkneifen musste. Nun, da sie wusste, wer er war, fiel ihr Leos beeindruckende Statur auf. Er war groß und kräftig. Jeder Muskel durchtrainiert. Aber da war noch etwas anderes, etwas Neues. Eine gewisse Härte. Als hätte er sich eine weitere Schicht aus Stahl zugelegt, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Aber das hatte sie auch.

Entschlossen, ihm nicht preiszugeben, wie sehr er sie überrumpelt hatte, verdrängte sie den Aufruhr in ihrem Inneren. Leo streckte eine Hand aus, um ihr aus dem Wagen zu helfen, doch sie ignorierte die Geste und zog in Ruhe ihre Schuhe wieder an, bevor sie so anmutig wie möglich ausstieg. Nun bereute sie, dass sie ihr Haar geöffnet und den Schleier abgenommen hatte. Offensichtlich hatte sie ihre Freiheit zu früh gefeiert. Als sie sich aufrichtete, war sie Leo viel näher als erwartet. Sie berührten sich fast. Selbst mit den hohen Absätzen reichte ihr Kopf ihm nur bis zur Schulter. Sein Duft umhüllte sie. Moschus und Sandelholz. Dieser Duft hatte ihr immer ein Gefühl der Sicherheit gegeben. Die Erinnerung ließ sie so plötzlich zurückschrecken, dass sie gestürzt wäre, hätte Leo sie nicht am Oberarm gepackt. 

Seine Berührung ließ das Eis, das sich in den vergangenen drei Jahren um ihr Herz gelegt hatte, im Nu schmelzen. Fassungslos und bestürzt, dass er immer noch diese Wirkung auf sie hatte, sah sie auf. Seine Augen schimmerten jetzt golden. Die Nasenflügel bebten. Der Kiefer war angespannt. Abrupt ließ Leo sie los, und Angelica trat schnell zurück, wobei sie zum Glück nicht hinfiel. „Was ist hier los, Leonardo?“

Er schloss die Autotür, lehnte sich dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust, als hätten sie alle Zeit der Welt. „Kein Small Talk? Ich denke, nach drei Jahren, in denen du gut von den Erträgen meiner Arbeit gelebt hast, schuldest du mir ein höfliches Gespräch.“

Angelica spürte die heißen Sonnenstrahlen auf ihrem Kopf. Unbarmherzig. Wie dieser Mann. Er hatte sich definitiv verändert. Fort war die Freundlichkeit, die sie in seinen Augen und seinem Gesicht gesehen hatte, als sie sich das erste Mal trafen. Genau das hatte sie an ihm fasziniert. Dass er nicht dieselbe müde Langeweile an den Tag legte wie alle anderen um sie herum. Damals hatte er noch einen fast kindlichen Enthusiasmus besessen. Jetzt dagegen wirkte er genauso abgebrüht wie alle anderen. Kein Wunder. Er war im Knast. Sie schluckte. „Was willst du?“

Leo legte den Kopf schief, als würde er nachdenken. „Zunächst einmal wäre es befriedigend gewesen, Aldo in die Augen zu sehen und ihn zu zwingen, mir zu sagen, warum er mich reingelegt hat.“

Sie wusste, warum. Aldos Eifersucht auf Leos Erfolg hatte sich in etwas Giftiges und Bitteres verwandelt.

„Aber das hat er mir durch seinen Tod verwehrt“, fuhr Leo fort.

„Du wurdest vollständig entlastet“, sagte sie, als könnte dies das Geschehene wiedergutmachen.

„Das Mindeste, was mir zusteht. Ich habe drei Jahre meines Lebens verloren.“

Autor

Abby Green

Abby Green wurde in London geboren, wuchs aber in Dublin auf, da ihre Mutter unbändiges Heimweh nach ihrer irischen Heimat verspürte. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zu Büchern: Von Enid Blyton bis zu George Orwell – sie las alles, was ihr gefiel. Ihre Sommerferien verbrachte sie oft bei ihrer...

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