Süße Erfüllung in den Armen des Ritters
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Melissa Oliver
Süße Erfüllung in den Armen des Ritters
IMPRESSUM
HISTORICAL erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: kundenservice@cora.de |
| Geschäftsführung: | Katja Berger, Jürgen Welte |
| Leitung: | Julia Fischer (v. i. S. d. P.) |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion) |
© Deutsche Erstausgabe 2026 in der Reihe HISTORICAL, Band 445
Übersetzung: Nina Hawranke
© 2024 by Maryam Oliver
Originaltitel: „Stranded with Her Forbidden Knight“
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 01/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751539852
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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West Cornwall
1342
Jener verhängnisvolle Tag begann genauso wie der davor. Doch er würde enden wie kein zweiter. Mit einer Tragödie, die ihr aller Leben für immer verändern würde.
Angefangen hatte er wie jeder andere. Mit zwei Familien, die einander spinnefeind waren. Zwei Familien, die den Niedergang der jeweils anderen herbeisehnten. Nur zwei mächtige kornische Familien …
Die Feindseligkeit zwischen den Trebarrs und den Bawdens war in der Tat so stark und erbittert wie die Wellen, die sich schäumend an den Klippen brachen und hoch hinauf in den Himmel spritzten. Selbst an diesem ganz gewöhnlichen Tag, da das Meer ruhig unter einem klaren Himmel lag und nur eine zarte Brise durch die langen, hohen Grasbüschel strich, welche die zerklüftete Küste am westlichsten Punkt von Simons geliebtem Cornwall sprenkelten.
Sie indes hätte behauptet, es sei ihres – ihr geliebtes West Cornwall. Im Grunde dürfte Elowen Bawdens gesamte Sippe diese Meinung vertreten. Als ob der Stammbaum der Trebarrs nicht ebenfalls zurück bis in die Zeit vor der normannischen Eroberung reichte. Als ob die Trebarrs nicht ebenfalls Anspruch erheben konnten auf ihr Land, ihre Zinnmine, ihren Familiennamen, ihre Ehre. Nein, die Bawdens betrachteten sie als minderwertig, und warum? Nun, weil sie glaubten, die Trebarrs würden ihre kornischen Traditionen verraten. Und weil sie einst bretonische Kaufleute gewesen waren, die mit hochwertigem Vieh gehandelt und sich irgendwann in Cornwall niedergelassen hatten, wie so viele alte kornische Familien.
Neid und Missgunst nährten den Groll der Bawdens, und das war schwerlich den Trebarrs anzulasten. Simons Vater mochte seine Schwächen haben, doch er richtete sein Augenmerk lieber auf eine florierende Zukunft für ihre Sippe, anstatt ständig zurückzublicken. Es war nichts als Missgunst. Die Bawdens verübelten ihnen, dass Edward of Woodstock persönlich, der erste Duke of Cornwall, der Schwarze Prinz, die Trebarrs begünstigt und ihnen Land geschenkt hatte, das einst im Besitz der Bawdens gewesen war und eine alte Zinnmine umfasste. Ja, ja, der Neid …
Aber als Simon sich an diesem verhängnisvollen Tag dem Rand der Klippen näherte und auf eine einsame Gestalt – ein Mädchen oder vielmehr eine junge Frau – stieß, ahnte er nicht, was sich wenig später daraus entwickeln sollte. Er wollte lediglich herausfinden, wer der Eindringling war, und dadurch seine Neugier befriedigen. Und befriedigt wurde sie sogleich, als das Mädchen die Kapuze des bestickten Wollumhangs abstreifte.
Sie.
So wie er vermutet hatte.
Es war Elowen Bawden. Den Kopf zurückgeworfen und die Augen fest geschlossen, stand sie kerzengerade und stolz da und atmete die salzige Seeluft ein. Allmächtiger, welch atemberaubenden Anblick sie bot, trotz des Umstands, dass sie sich auf dem Land der Trebarrs befand. Einen Moment lang betrachtete Simon sie aus der Ferne, wie gebannt von ihrem viel gerühmten ungewöhnlichen Haar, das ihr, zu einem langen Zopf geflochten, über eine Schulter fiel. So weißblond war ihre wilde Mähne, dass sie einen mit ihrem silbrig hellen Glanz fast blendete.
Simon schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu vertreiben, und gemahnte sich an seine Pflicht.
„Sieh an, sieh an“, sagte er laut in die wie immer geartete Einsamkeit hinein, die Elowen Bawden hier genoss. „Wie ich sehe, habt Ihr Euch widerrechtlich auf Trebarr-Land verirrt.“
Sie fuhr herum, umwogt von ihrem Wollumhang, offenkundig verärgert ob der Störung. „Wenn Ihr tatsächlich etwas ‚sehen‘ könntet, würdet Ihr erkennen, dass dieses Land keineswegs das Eure ist, Trebarr.“
Gott, wie sehr er das hochmütige, herrische Gebaren hasste, das sie ihm gegenüber an den Tag legte – ihr Tonfall war so schneidend, dass er selbst das härteste Erz in den Minen gespalten hätte. „Ach, und wie kommt Ihr darauf, Mistress Bawden?“
„Das liegt auf der Hand, Trebarr.“
„Obwohl der Prinz dieses Königreichs, der Duke dieser Grafschaft, es so verfügt hat? Das Land, auf dem Ihr steht, gehört den Trebarrs und niemandem sonst.“
Lässig hob sie eine Schulter und ließ sie wieder sinken. „Der König höchstselbst könnte es verfügen, und ich würde es dennoch nicht anerkennen.“
„Wie gut, dass die Entscheidung nicht bei Euresgleichen liegt! Und übrigens ist das, was Ihr gerade sagtet, Hochverrat.“
„Tut mir leid, sollte mich das bekümmern?“
Simon trat einen Schritt auf sie zu. „Ja, denn törichte Mädchen, die sich eines solchen Frevels gegen die Krone schuldig machen, werden von den Klippen hinab in die Tiefen des Meeres gestoßen.“
Elowen besaß die Dreistigkeit, die Augen zu verdrehen. Diese gelangweilt dreinblickenden dunkelbraunen Augen, mit denen sie geradewegs durch ihn hindurchzusehen schien. Natürlich hatte sie sich längst ein Bild von ihm gemacht und wusste, dass er lediglich ein zweiter Sohn war, der sich in der Welt würde behaupten müssen. Nicht dass sie sich überhaupt für einen Trebarr interessierte. So wie ihm Elowen und deren Sippe herzlich gleich waren. Aber bei Gott, ihre kühle Musterung traf ihn. So wie ihre Gleichgültigkeit. Kein Wunder, dass sie die Eisjungfer genannt wurde. Und in Momenten wie diesem verspürte Simon den Drang, sie ein wenig zu reizen. Einfach nur, um sie zu verunsichern und aus der Fassung zu bringen, so wie sie es mit ihm tat. Vor allem, wenn sie derart streitlustig vor ihm stand, ohne sich darum zu scheren, dass sie mit ihm allein auf Trebarr-Land war.
„Und Ihr würdet es tun, hm? Mich von der Kante ins Meer stoßen?“ Ihm war klar, dass sie ihn bewusst herausforderte, aber Elowen Bawden schaffte es, ihn in Harnisch zu bringen, wo immer sie ihm begegnete. Was nicht bloß im Rahmen von Festgelagen der Fall war, bei denen der gesamte kornische Adel zusammenkam. Nein, Simon lief dieser Furie über den Weg, wann immer sie ihrem Zwillingsbruder Hedyn am Rockzipfel hing, was gemeinhin dazu führte, dass sie, so wie heute, unbefugt auf Trebarr-Land vordrang.
Doch es hatte auch einen anderen Moment gegeben, der sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt hatte. Einmal hatte Simon fasziniert beobachtet, wie sie nach dem Schwimmen dem Meer entstiegen war, und obwohl sie, wie auch jetzt, die reinste Landplage war, war es ihr gelungen, eine unliebsame Regung in seiner Brust hervorzurufen.
„Führt mich nicht in Versuchung.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wusste er, dass er einen Fehler begangen hatte. Einen Riesenfehler sogar, denn alle möglichen Versuchungen schwirrten ihm durch den Kopf. Und eine jede davon drehte sich um die Eisjungfer vor ihm.
„Ich würde nicht im Traum daran denken, Euch in Versuchung zu führen, Trebarr. Nicht einmal, um Euch zu einer solchen Untat zu verlocken.“ Sie hob den Kopf, und in ihren braunen Augen glomm Erheiterung.
„Es gefällt Euch, mich aufzustacheln, Elowen“, raunte er, wobei er einen weiteren Schritt in ihre Richtung machte.
„Ich gestehe, das tut es, Simon.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Es ist ja auch kinderleicht.“
„Nun, wieso spart Ihr Euch das nicht für einen anderen auf?“ Er hob ihr Kinn mit Zeigefinger und Daumen an, bis sie ihm in die Augen sah. „Beispielsweise für den Mann, den Ihr bald heiraten werdet.“
Er weidete sich daran, dass sie leise keuchend die Brauen zusammenzog, und lächelte, weil er wusste, dass er es ihr mit dieser Stichelei heimgezahlt hatte.
„Lasst das nicht Eure Sorge sein, Trebarr.“
„Nein, keine Bange, aber es könnte die Eures Bräutigams werden. Und Ihr wollt doch gewiss nicht die Sorgen eines Mannes mehren, der weit betagter als Euer eigener Vater ist. Herrje, er könnte Euer Großvater sein.“ Er tippte sich mit den Fingerspitzen ans Kinn. „Verratet mir, Elowen, sind sein Sohn und seine Tochter nicht ebenfalls älter als Ihr?“
Es gelang ihr, ihren Unmut zu verbergen, indem sie die Brauen hob und ihn verächtlich ansah. Ihre Stimme blieb indes so kühl und gelassen wie stets. Als ob sie beide sich über das Wetter unterhielten. „Ich glaube, auch das geht Euch nichts an, Trebarr.“
„Immer so beherrscht. Immer so abweisend. Ich frage mich, ob Philip of Hanford weiß, dass er bald mit einer jungen Maid vermählt sein wird, die ein solch eisiges Herz besitzt.“
„Was wisst Ihr schon über mein Herz oder darüber, was ich besitze?“ Damit rückte sie von ihm ab. Kurz flackerte Wut in ihren Augen auf, so flüchtig, dass er sich fragte, ob er es sich nur eingebildet hatte.
„Das zu wissen, würde ich mir niemals anmaßen, und es ist mir auch egal.“ Ungehalten wandte er den Blick ab. „Was ich indes weiß, ist, dass Ihr mich womöglich deshalb so sehr an Morvoren erinnert, die Meerjungfrau mit dem kalten Herzen. Jetzt geht, Elowen. Ihr habt hier nichts zu suchen.“
„Zum Teufel mit Euch, Simon!“, stieß sie aus, wobei sie sich zum Gehen wandte und einen Schritt von ihm fort tat. Doch der entpuppte sich als Fehltritt, denn der Boden unter ihren Füßen war heikel und uneben, sodass sie nach hinten stolperte.
Ihr verzweifelter Aufschrei drang ihm bis ins Mark. Er sah sie mit den Armen rudern und fallen. Ohne nachzudenken, warf er sich nach vorn und bekam sie gerade noch zu fassen, bevor sie hinab in den sicheren Tod stürzen konnte. „Ich habe Euch. Ganz ruhig, ich habe Euch.“
Es war das erste Mal, dass er Elowen Bawden in den Armen hielt. Zitternd drängte sie sich an ihn; ihr Duft, frisch und unverwechselbar, hüllte ihn ein. Simon strich ihr mit den Fingern am Rückgrat hinauf und hinab in dem Bemühen, sie zu beruhigen. Er vergrub das Gesicht in diesem ungewöhnlichen silbrig hellen Haar und atmete tief ein.
Nie zuvor war er ihr so nahe gewesen. Nie zuvor hatte er sie berührt, und das würde ihm auch nie wieder vergönnt sein. Nicht dass er es je gewollt hätte. Na gut, das stimmte nicht ganz, nur durfte er nicht vergessen, wer dieses Mädchen war. Doch Elowen Bawden kam ihm zuvor.
„Ihr habt mir das Leben gerettet.“ Sie legte den Kopf in den Nacken, den Anflug eines Lächelns auf den Lippen. „Ich gebe zu, dass ich das kaum zu glauben vermag.“
„Wirklich nicht?“ Selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Stimme leise und rau. Solange er Elowen Bawden so nahe war, konnte er nicht so denken, wie er es hätte tun sollen, ja wie er es hätte tun müssen, denn er verspürte den jähen Drang, sie auf die Lippen zu küssen, um sie zu schmecken. Sein Verlangen, sie besser kennenzulernen, wurde allmählich übermächtig.
Elowen schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt hätte ich erwartet, dass Ihr mein Ableben begrüßen und es als gerechte Buße für meine frevlerischen Ansichten betrachten würdet.“
„Das könnt Ihr unmöglich denken. Nicht einmal von mir“, murmelte er heiser.
Sie verzog die Lippen zu einem vagen Lächeln. „Wie dem auch sei, ich danke Euch.“
„Gern geschehen.“
Statt sich voneinander zu lösen, verharrten sie so, wie sie waren, und betrachteten einander neugierig und unverwandt. In Wahrheit wollte Simon sie noch gar nicht loslassen. Stattdessen wollte er diesen Moment auskosten, weil er wusste, dass dergleichen sich nicht wiederholen würde. Elowen würde es nicht zulassen. Außerdem war sie einem anderen versprochen. Und das war gut so.
Dieser Moment jedoch … Dieser Moment gehörte ihnen …
Er ließ den Blick hinab zu ihren Lippen gleiten und senkte den Kopf ein wenig, bis er sie fast berührte. Er sah, wie sie sich mit der Zunge über die Lippen fuhr. Die Luft ringsumher schien zu erstarren, als hätte die Zeit sich verlangsamt, und schluckte jeden Laut bis auf Simons Herzschlag.
„Weg. Von. Meiner Schwester!“
Natürlich musste Elowen Bawdens hitzköpfiger Bruder Hedyn genau diesen Augenblick abpassen, um sie zu erwischen. Simon hätte über sein Pech gelacht, wäre ihm nicht bewusst gewesen, dass die Situation unerquicklich werden mochte, wenn er nicht versuchte, die Wogen zu glätten. Immerhin hätte er nicht minder erbost reagiert, hätte er eine Schwester gehabt und sie in den Armen eines Bawden ertappt.
„Habt Ihr nicht gehört, was ich gesagt habe?“
„Guten Morgen, Hedyn. Wie gut, dass Ihr hier seid, denn so könnt Ihr Eure Schwester nach Hause begleiten.“ Simon ließ die Arme sinken und ging auf Abstand zu Elowen. „Fürwahr, Ihr hättet keinen trefflicheren Zeitpunkt wählen können, um genau das zu tun.“
„Ja, offensichtlich.“ Der junge Mann zog sein Schwert aus der Scheide und richtete es auf Simon. „Aber ich sollte Euch aufschlitzen dafür, dass Ihr sie mit Euren dreckigen Fingern auch nur angerührt habt.“
Simon hob begütigend die Hände und ging vorsichtig auf ihn zu. „Kommt schon, ich will keinen Ärger.“
„Das hättet Ihr Euch überlegen sollen, bevor Ihr meine Schwester angefasst habt.“ Er spuckte aus. „Dass Ihr es wagt, sie auf diese Weise zu entehren!“
„Hör auf, Hedyn! Er hat mich nicht entehrt.“
„Du nimmst ihn in Schutz, Elowen? Einen Trebarr?“, rief er entrüstet.
„Nein, niemals. Aber ich … ich wäre fast von den Klippen gestürzt, und Simon Trebarr hat meine Hand gepackt und mich an sich gezogen. Mehr ist nicht geschehen, sei beruhigt.“
„Das beruhigt mich keineswegs.“ Mit langen Schritten näherte sich Hedyn Bawden, dessen helles, fast weißes Haar dem seiner Schwester glich. „Denn es erklärt nicht im Geringsten, weshalb du mit einem Trebarr allein bist, Elowen.“
„Das … das war ich nicht.“
„Was machst du überhaupt hier auf diesem Land mit solch einem nichtswürdigen Niemand, Elowen? Wieso treffe ich dich allein mit diesem Trebarr-Geschmeiß an?“
„Es reicht!“, rief Simon. „Genug der Beleidigungen, vor allem, da ich Eurer Schwester geholfen habe. Jetzt nehmt sie an die Hand und geht, Bawden. Geht!“
„Bildet Euch ja nicht ein, Ihr könntet mich herumkommandieren.“
„Auf Trebarr-Land kann ich tun, was ich will. Letzte Warnung, Bawden. Geht. Sofort.“
Elowen war so klug, zu ihrem Bruder zu treten und ihn bei der Hand zu nehmen, um ihn dazu zu bewegen, dieser Situation, die sich immer mehr aufheizte, den Rücken zu kehren.
„Ganz recht. Geht, verschwindet und wagt es nie wieder, mich zu beleidigen!“
Simon wusste, dass er sich von dem Bawden-Erben nicht in Rage versetzen lassen sollte. Doch im Gegensatz zu seiner Schwester mit ihrer faszinierend kühlen, ruhigen Unnahbarkeit war Hedyn Bawden unberechenbar, denn in ihm brodelte aufgestaute Wut, die sich jeden Augenblick entladen mochte. Und Simon würde nicht dulden, dass er den Namen und die Ehre seiner Familie verunglimpfte. Das war untragbar. Der Jüngere war nichts als ein launischer Tor, wenn auch ein gefährlicher.
„Oh, aber ich wage es …“ Der Bursche feixte. „Denn Ihr wart derjenige, der mich beleidigt hat, Trebarr, indem Ihr meine Schwester angefasst habt!“
„Hör auf, Hedyn. Bitte.“
Der jüngere Mann drehte sich zu seiner Schwester um, und seine Miene wurde weich. „Er hat dich festgehalten, Elowen.“
„Hätte er es nicht getan, wäre ich umgekommen.“ Sie sprach sanft und legte ihm eine Hand auf den Arm, offenbar in dem Bemühen, den Zorn zu bezähmen, der unter der Oberfläche kochte. „Verstehst du?“
„Nicht er.“ Hedyn nahm ihr Gesicht in beide Hände, wobei er den Kopf schüttelte und gequält das Gesicht verzog. Zwischen den Zwillingen fand ein wortloser Austausch statt, eine Verständigung, wie sie nur unter Menschen mit einer solch innigen Verbindung wie der dieses Pärchens möglich war. In einer Geheimsprache, die nur sie beide verstanden. Ein stummer Willenskrieg. Denn im Grunde musste Hedyn Bawden gespürt haben, was ohne sein Einschreiten passiert wäre, ungeachtet dessen, was seine Schwester ihm weismachen wollte. Er musste wissen, dass Simon sie geküsst und sie es wahrscheinlich zugelassen hätte.
„Nicht er“, flehte er sie an. „Er ist ein Trebarr, Elowen. Er sollte nicht einmal dieselbe Luft atmen wie du.“
Das war mehr, als Simon ertragen konnte. Er hatte wahrlich genug von den beiden. „Ah, aber es ist Trebarr-Luft, die Ihr atmet.“
Es war nur so dahingesagt, doch rückblickend hätte Simon die Bemerkung lieber schlucken sollen, denn schließlich wusste er, welch gereizter Stimmung Hedyn Bawden war.
Der Jüngere wirbelte herum, hob das Schwert, das er nach wie vor in der Hand hielt, und richtete die Spitze auf Simon. Wieder wuchs die Anspannung zwischen ihnen. „Was habt Ihr gesagt?“
„Ich glaube, Ihr habt mich gehört, Bawden, aber ich wiederhole mich gern, damit Ihr mich versteht. Diese Luft, die Ihr und vor allem Elowen gerade atmet, ist Trebarr-Luft. Unsere, meine.“
„Ihr seid nichts als ein Halunke, der sein Fähnlein nach dem Wind dreht, so wie Eure ganze verfluchte Sippe. Und was soll das heißen, vor allem Elowen?“
„Das müsstet Ihr eigentlich wissen.“
Elowen wandte sich ihm zu und sah ihn finster an. „Schluss damit, Simon!“
„Simon, hm?“ Hedyn musterte seine Schwester und schnitt eine Grimasse. „Seit wann stehst du auf so vertrautem Fuß mit einem Trebarr? Nennst ihn beim Vornamen. Und was zur Hölle meint er damit, dass ich es wissen müsste? Was müsste ich wissen, Elowen?“
„Nichts, er meint gar nichts. Bitte, lass uns einfach heimgehen.“
„Nein, ich will wissen, was er meint.“
„Hört auf Eure Schwester, Bawden.“
Doch der Mann ignorierte sie beide. „Wollt Ihr etwa andeuten, zwischen Euch und Elowen sei irgendetwas vorgefallen? Oder vielleicht wolltet Ihr Euch an diesem gottverlassenen Ort gar an meiner Schwester vergehen? Wie auch immer, ich begreife nicht, weshalb sie Euch verteidigt.“
„Weil es nicht stimmt.“
„Ich glaube Euch nicht, Trebarr!“
„Was Ihr glaubt, ist mir einerlei, Bawden!“
Hedyn machte einen Schritt auf ihn zu. „Ihr werdet Euch von ihr fernhalten, habt Ihr verstanden?“, blaffte er, erneut auf Konfrontation aus. „Oder wäre es Euch lieber, ich würde es Euch einbläuen?“
Simon blies gereizt die Luft aus und schüttelte den Kopf. „Verschwindet einfach. Geht, bevor Ihr Euch noch lächerlicher macht, als Ihr es ohnehin schon tut.“
„Lächerlich? Ihr findet es lächerlich, dass ich die Ehre meiner Schwester schütze?“ Die Wut, die er bislang gezügelt hatte, brach sich endlich Bahn. Simon musste dieses Gespräch beenden, bevor die Lage sich zuspitzte.
„Allmählich langweilt Ihr mich, Bawden. Und um die Ehre Eurer Schwester ist es noch genauso bestellt wie vor Euren dubiosen Schlussfolgerungen. Jetzt verschwindet und lasst mich in Ruhe.“ Damit kehrte Simon ihm den Rücken in der Hoffnung, diesem absurden Zwischenfall ein Ende zu setzen.
Leider war ihm kein Glück beschieden, denn kaum hatte er sich abgewandt, da stürzte Hedyn sich auf ihn, derweil seine Schwester schrie, er solle aufhören.
Simon hätte Elowen beigepflichtet, wusste jedoch, dass der Jüngere für Vernunft nicht länger empfänglich war, sondern die gesamte Unterhaltung als Kränkung gegenüber ihm und seiner Familie auffasste. Wie stets, drehte sich für ihn alles um den Namen Bawden.
Simon fuhr herum und riss sein Schwert gerade noch rechtzeitig aus der Scheide, um einen Hieb abzuwehren. Hätte er nicht so geschwind reagiert, hätte er eine Klinge im Rücken stecken gehabt. Natürlich war Hedyn Bawden noch nicht fertig mit ihm, sondern griff wieder und wieder an, immer hitziger und brutaler.
„Heiliger Strohsack, Hedyn, es reicht! Was wollt Ihr eigentlich?“, presste Simon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Euren Kopf auf einem Silbertablett, Trebarr. Aber fürs Erste würde mir eine Entschuldigung genügen.“
„Damit ich das richtig verstehe. Ihr wollt, dass ich mich entschuldige? Also schön“, murmelte Simon, während er einen Schlag konterte, um anschließend zurückzuweichen und sich tief zu verbeugen, eine Geste, die vor Hohn nur so troff. „Lady Elowen, ich bitte demütigst um Vergebung dafür, dass ich Euch das Leben gerettet habe.“
„Findet Ihr das etwa komisch?“, fuhr der Mann ihn an, während er abermals angriff.
„Irgendwie schon, ja. Doch wie gesagt, vor allem finde ich es lächerlich.“
„Ihr verdammter Hundesohn, Trebarr“, brauste der Jüngere auf und ging auf Simon los. „Feiger Bastard!“
Simon wehrte weitere Hiebe ab. „Allmählich wird es langweilig, Bawden. Und Ihr habt wahrhaftig eine zerstörerische Ader.“
„Dann kämpft gegen mich!“, schrie der andere, wobei er ein ums andere Mal auf Simon einschlug. „Kämpft gegen mich, so wie Ihr es auch gegen jeden anderen tätet.“
„Vielleicht solltet Ihr erst einmal Eure Wut in den Griff bekommen!“
„Ich sagte, kämpft gegen mich!“
Elowen machte Anstalten einzugreifen. „Bitte, Hedyn. Lass es gut sein. Bevor irgendwer verletzt wird.“
„Ebendarum geht es doch, Elowen. Jemanden zu verletzen, genauer gesagt, Trebarr zu verletzen.“
„Ihr solltet auf Eure Schwester hören. Wenigstens sie besitzt ein Quäntchen Verstand. Im Gegensatz zu Euch!“
Wie um diesen Standpunkt zu untermauern, stieß Hedyn Bawden brüllend seinen heißen Atem aus, ehe er erneut auf Simon zustürmte und mit dem Schwert so ungestüm auf ihn eindrosch, wie er konnte. Und obwohl der Jüngere mit einem Übermaß an Tobsucht und Rage zu Werke ging, mangelte es ihm an der nötigen Kraft und Geschicklichkeit, um ernsthaften Schaden anzurichten. Dennoch, er legte es darauf an, einen vernichtenden Hieb zu landen, und hatte den erstbesten Vorwand genutzt, um Simon anzugreifen, noch dazu auf Trebarr-Land. Das war nicht hinnehmbar.
Genug … Simon hatte genug von der Narretei und den ungerechtfertigten Anwürfen des Jüngeren. Wenn er schon diesen Unfug nicht unterbinden konnte, musste er den Mann selbst aufhalten. Er wirbelte auf dem Absatz herum und schwang sein Schwert mit so viel Wucht gegen Hedyn, wie er aufbringen konnte. Hart ließ er die Klinge niedersausen, brachte seinen Gegner zu Fall, und im Straucheln verlor dieser sein Schwert. Sogleich war Simon bei ihm und hob die Waffe auf.
„Ich glaube, mehr Lächerlichkeit ertrage ich heute nicht, wie steht es mit Euch?“ Simon nickte ihm zu. „Wenn Ihr nun so freundlich wärt zu verschwinden, können wir diese ganze leidige Begebenheit vergessen.“
Hedyn stand auf und funkelte ihn wütend an, schwer atmend, die Nasenflügel gebläht, während seine Schwester ihn abermals an der Hand zog, um ihn zum Gehen zu bewegen. „Also gut, sofern ich mein Schwert zurückbekomme, werden wir Euch in Frieden lassen, Trebarr.“
Gott, Hauptsache, dies alles fand ein Ende. Seufzend streckte Simon die Hand mit Bawdens Schwert aus und rammte es in den Boden. Als er aufsah, begegnete er Elowens Blick und schenkte ihr ein verhaltenes, verständnisvolles Lächeln. Hedyn bemerkte es, schaute von seiner Schwester zu Simon, und sein Zorn flammte erneut auf, offenbar befeuert von allen möglichen falschen Annahmen sie beide betreffend.
Alles geschah rasend schnell.
Bawden knurrte und brüllte; fiel über Simon her, überraschte ihn mit seiner Vehemenz und Schnelligkeit und brachte ihn aus dem Gleichgewicht; sie wälzten sich über das unebene Gelände, derweil Elowen sie anflehte, den Händel beizulegen; Hedyn Bawden schlug auf ihn ein, ohne zu merken, wie nah sie dem Abgrund gekommen waren, während sie beide darum rangen, die Oberhand zu gewinnen; Simon gelang es, ihn von sich zu stoßen, um sich fortzurollen und aufzuspringen.
Und schließlich passierte, womit keiner von ihnen gerechnet hatte:
Hedyn Bawden verlor beim Aufstehen den Halt und ruderte erschrocken mit den Armen, so wie kurz zuvor seine Schwester. Dieses Mal kam Simon jedoch zu spät. Dieses Mal erwischte er Bawden nicht, als dieser nach hinten fiel. Die Züge vor Entsetzen und Angst verzerrt, stürzte er hinab in die Tiefe und schlug auf den schroffen Felsen auf.
Es war ein schauriger Anblick, so als hätte sich in diesem einen Moment blanken Schreckens die Zeit verlangsamt. Und erst das, was danach kam.
Dieser Schrei. Oh, Gott, Elowens herzzerreißender Schrei würde Simon bis ans Ende seiner Tage verfolgen. Er schlang ihr die Arme um die Taille, um sie daran zu hindern, hinab auf das Bild des Grauens zu starren, während sie völlig außer sich heulte, schluchzte und schrie.
Nein … zwar mochte der sinnlose Zwist mit Hedyn Bawden nunmehr ein Ende haben, aber seinen Tod hatte Simon nie gewollt. Das hier hatte er nie gewollt …
Er hatte nie gewollt, dass sich alles unwiderruflich änderte. Doch das hatte es …
Das hatte es.
1347
Fünf Jahre später
Elowen schaute sich in der Haupthalle von Bawden Manor um, in der geschäftiges Treiben herrschte, und verzog das Gesicht. Gott, es würde ein weiterer ermüdender Abend zu Ehren von Roesia werden, der jungen, lebhaften Gemahlin ihres Vaters, deren Niederkunft bevorstand. Wieder einmal. Und um sie ins Wochenbett zu verabschieden, war ein Fest anberaumt worden, das die Bawden-Sippe ob der Aussicht auf einen neuen Sprössling, der diesmal hoffentlich ein männlicher Erbe werden würde, zuversichtlich stimmen sollte.
Es würde ausgelassen zugehen. Neben Met und Bier im Überfluss würde es auch reichlich Fleisch, Geflügel und Fisch mit Gewürzen und Kräutern geben. Dazu frisches und gedörrtes Obst sowie frisch gebackenes warmes Brot auf großen Silbertabletts. Alles dargeboten auf festlich geschmückten aufgebockten Tischen rings um die Halle. Musikanten sollten die Menschen unterhalten und für Fröhlichkeit sorgen. Es würde in der Tat ein wundervoller Abend werden, an dem ein weiteres Kind in der Bawden-Sippe willkommen geheißen wurde. Und während Elowen zu ihrem Vater hinüberspähte, der selig vor Glück ob seiner neuen Familie war, fühlte sie sich unwillkürlich wie ein Störenfried. Mehr noch, sie wusste, dass sie ein solcher war. Nachdem ihr betagter Gemahl Philip of Hanford kein Jahr nach der Hochzeit verblichen war, hatte sie keine andere Wahl gehabt, als nach Bawden Manor zurückzukehren, zumal die kurze Ehe kinderlos geblieben war. Seither kam sie sich mehr denn je wie eine Außenseiterin vor. Wenigstens die Bewohner und Vasallen von Bawden hatten sie mit offenen Armen empfangen, wenn schon nicht ihr Vater. Für ihn war sie eine unangenehme Erinnerung an Zeiten, die er lieber vergessen hätte. Und das hieß, dass auch seine Ehefrau Roesia sie mit kaum verhohlener Geringschätzung behandelte.
Allmächtiger, an Tagen wie diesem fühlte sich Elowen niedergeschlagen und mutterseelenallein. Ihr war bewusst, dass sie nicht länger hierhergehörte, doch mangels anderer Möglichkeiten musste sie hier ausharren, sofern sie nicht den Schleier nehmen wollte.
An Tagen wie diesem fehlte ihr zudem ihr Bruder Hedyn, der einzige Mensch, dem sie etwas bedeutet hatte. Trotz seiner zahlreichen Schwächen hatte sie ihn geliebt. Er mochte ein unbesonnener Heißsporn gewesen sein, der zu vorschnellen Urteilen neigte, aber er war ihr wichtigster Verbündeter gewesen. Und seine Treue ihr gegenüber war unverbrüchlich gewesen. Er hatte sie als Einziger verteidigt, auch wenn er mit seiner Fürsorge manchmal übers Ziel hinausgeschossen war. In den zurückliegenden Jahren hatte Elowen das enge Band zwischen ihr und ihrem Zwillingsbruder vermisst, denn obwohl sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, waren sie unzertrennlich gewesen. Im Grunde hatte sie seinen Verlust bis heute nicht verwunden. Nach wie vor war ihr, als wäre an jenem furchtbaren Tag seines Todes auch ein Teil ihrer selbst gestorben.
Das ursprünglich harmlose Geplänkel, der kleine Schlagabtausch zwischen ihr und Simon Trebarr, war von Hedyn missverstanden worden und hatte ihn zu einer überzogenen Handlung verleitet, die ihn schlussendlich das Leben gekostet hatte. Wobei sie damals durchaus das Gefühl gehabt hatte, dass Simon Trebarr sie hatte küssen wollen. Und insgeheim hatte sie sich das auch gewünscht. Wie töricht. Ihr zog sich schmerzhaft die Brust zusammen. Angesichts der Heiterkeit, die in der Halle von Bawden herrschte, hätte man meinen können, ihr Bruder hätte nie existiert. Als wäre ihre Welt, die Welt aller hier, nicht aus den Fugen geraten, als er vor fünf Jahren in den Tod gestürzt war. Das Leben war einfach weitergegangen, und so sollte es vermutlich auch sein, aber manchmal, wenn ihr dies vor Augen geführt wurde, fühlte es sich an wie ein Messerstich ins Herz. Ihr Vater Breock hatte nach Hedyns viel zu frühem Tod keine Zeit verloren und erneut geheiratet, um neue Erben zu zeugen. Bislang waren jedoch, sehr zum Verdruss der Eltern, nur zwei hübsche kleine Mädchen daraus hervorgegangen, die Elowen trotz allem vergötterte, obwohl sie kaum je in den Genuss ihrer Gesellschaft kam. Selten war ihr Zeit mit ihren beiden bezaubernden jungen Halbschwestern vergönnt, da deren Mutter, die nur ein Jahr älter als Elowen war, die Mädchen lieber anderweitig beschäftigte. Sie hatte sich nie für Elowen erwärmen können, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Anfangs hatte sie sich um des Vaters willen bemüht, doch nicht nur dessen mangelndes Interesse hatte letztlich dazu geführt, dass Roesia sich, wenn auch niemals offen, gegen sie gewandt hatte. Auch das Maß an Loyalität und Ansehen, das Elowen bei ihren Verwandten und Bawdens Vasallen genoss, hatte dazu beigetragen. Sie ertrug es nicht, dass die Tochter ihres Gemahls ihr die begehrte Rolle als Herrin und Gebieterin von Bawden Manor streitig machte, obwohl Elowen dies fernlag.
Hätte Elowen ihrem verstorbenen Gemahl einen Erben geschenkt, wäre ihre Zukunft womöglich gesichert gewesen, und alles wäre anders gekommen. Aber das Leben verlief nie wie gewünscht.
Roesia fing ihren Blick ein und winkte sie zu sich, just als Elowens Vater aufstand und sich unter die Gäste und Gratulanten mischte.
„Wie kann ich behilflich sein, Roesia?“
Die Frau klopfte mit der flachen Hand neben sich auf die leere Holzbank. „Setz dich kurz zu mir, Elowen. Ich würde gern etwas mit dir besprechen, das von großer Wichtigkeit für dich ist. Etwas, das dein Vater und ich dir gern mitteilen möchten.“
Elowen hob eine Braue. „Oh, was denn, Mylady?“
„Dass du eine Frau bist, die sich überaus glücklich schätzen kann.“ Roesia lächelte. „Weil du solch umsichtige, sorgende Eltern wie uns hast.“
Elowen erwiderte das Lächeln, wenngleich es ihr äußerst dünn geriet. „Das bin ich in der Tat.“
„Ja, ich hoffe, ich werde all meinen Kindern stets eine fürsorgliche Mutter sein.“
Kindern?
In Momenten wie diesem flehte Elowen Gott um Kraft an.
„Ja“, antwortete sie lahm, weil sie nicht recht wusste, was sie auf eine solche Bemerkung erwidern sollte.
Es war mehr als grotesk, dass sich die praktisch gleichaltrige Roesia als ihre Mutter aufspielte. Aber in Wahrheit ging es ihr gar nicht darum. Sie wollte sich dadurch lediglich über Elowen stellen. „Ist das alles, was Ihr mich wissen lassen wolltet, Mylady?“
„Nein, natürlich nicht. Geduld, meine Liebe, ist eine Tugend, an der es dir mangelt, aber egal, ich habe aufregende Neuigkeiten für dich. Neuigkeiten, die du hoffentlich begrüßen wirst.“
„Oh, was mag das sein?“ Roesia ließ den Blick durch die Halle huschen und auf einigen Leuten ruhen, die sich in der Nähe des hölzernen Hauptportals unterhielten.
Sie lächelte erwartungsvoll, ohne Elowen anzusehen. „Ich glaube, das wirst du bald erfahren.“
„Was soll das heißen?“ Doch Roesia nickte bloß den Wachen zu, die auf ihr Zeichen hin die Tür öffneten. „Roesia, was geht hier vor sich?“
„So warte doch ab, um Himmels willen! Wie gesagt, es ist ein wenig Geduld vonnöten, aber gleich wird sich alles klären“, murmelte sie, wobei sich nur ihr Mundwinkel bewegte.
Es überraschte Elowen nicht, dass Roesia dies sichtlich genoss – was immer dies sein mochte. Immer mehr Leute strömten zum Eingang, sodass am anderen Ende der Halle ein Gedränge entstand. Elowen reckte sich, um zu erkennen, was es mit dem Tumult auf sich hatte, als sich die Menschenmenge wie durch Zauberhand teilte und Simon Trebarr mit seinen Mannen selbstsicher die Halle betrat und auf die Estrade zustrebte. Der Lärm in der Halle verstummte, weil jeder in seinem Tun innehielt und den Eindringling anstarrte. Herr im Himmel, ein Trebarr hatte sich ins Reich der Bawdens vorgewagt. Dergleichen war nie zuvor geschehen. Elowen musterte den Mann von Kopf bis Fuß und stellte erschüttert fest, dass er sich seit ihrer letzten Begegnung vor fünf Jahren stark verändert hatte. Hochgewachsen war er stets gewesen, aber er war kräftiger geworden, auf sehnige, straffe Weise muskulös. Auch seine Schultern waren breiter. Sein Gesicht hatte die knabenhafte Rundlichkeit verloren und war schmal und kantig. Er trug das dunkle Haar länger, als es Mode war, und eine kleine Narbe kreuzte einen Mundwinkel, ein geringfügiger Makel in einem ansonsten makellosen Antlitz. Doch es waren seine Augen, die Elowen beinahe ein überraschtes Keuchen entlockt hätten. Es mochten immer noch die berühmten grünen Trebarr-Augen sein, aber nun leuchtete eine Abgeklärtheit darin, die zuvor nicht da gewesen war; eine gewisse Kälte, die sie mit einer unguten Ahnung erfüllte, sodass sie einen Schauer unterdrücken musste. Und dennoch konnte sie nicht leugnen, dass Simon Trebarr der schönste Mann war, den sie kannte, heute mehr denn je.
Er ließ den Blick durch die Halle schweifen und auf Elowen verharren. Etwas flackerte in ihr auf, eine spürbare, unerklärliche Hitze, die sich in ihrem gesamten Körper ausbreitete. Flüchtig schien alles um sie her zu erstarren und in den Hintergrund zu rücken. Fast war es, als gäbe es nur sie zwei. Unverwandt schaute er ihr in die Augen, wobei er kaum merklich einen Mundwinkel hochzog, ehe er blinzelnd wegsah.
Gott, wie peinlich. Hatte sie Simon Trebarr tatsächlich unverhohlen verlangend angestarrt? Ja, und das war ihm nicht entgangen. Fürwahr, ihre unwillkürliche Reaktion auf ihn war genauso ärgerlich wie sein ungebetenes Erscheinen hier in Bawden Manor. Er erinnerte sie an alles, was geschehen war, was er unbeabsichtigt angerichtet hatte, auch wenn sie sich eingestehen musste, dass sie genauso viel Schuld trug wie er. Aber sie wollte nicht daran erinnert werden. Sie brauchte niemanden, der ihr vor Augen hielt, weshalb ihr Leben ein solches Desaster war, denn das konnte sie sehr gut allein. Kummer, Schuld und Gewissensbisse waren eine Bürde, die sie längst trug.
„Dies? Dies ist die aufregende Neuigkeit, von der Ihr gesprochen habt? Simon Trebarr?“
„Selbstredend nicht!“, zischte Roesia gedämpft. „Ich meinte deine bevorstehende Verlobung.“
„Was?“ Elowen schoss praktisch von ihrem Platz hoch. „Verlobung mit wem? Mit wem? Sagt schon … Roesia?“
Bevor diese antwortete, verfolgten sie beide gebannt, wie Simon vor Elowens Vater stehen blieb. Er verströmte die Macht und das Selbstvertrauen, die einem Mann von seiner Statur und Autorität eigen waren, vor allem, da er kürzlich nach dem Tod seines Vaters und seines älteren Bruders Lord Trebarr geworden war.
„Guten Abend, Mylord Bawden.“ Simon sprach gedehnt und leise, wobei er ehrerbietig das Haupt neigte. „Ich hoffe, ich störe die abendliche Feier nicht?“
Wieso war er hier? Hatte er die Feindschaft vergessen, die zwischen den Bawdens und den Trebarrs herrschte? Unmöglich.
Der plötzliche Stimmungsumschwung und die Anspannung in der Halle waren schier greifbar. Alle Anwesenden warteten mit angehaltenem Atem darauf zu erfahren, was es mit Simon Trebarrs Besuch in Bawden Manor auf sich hatte und ob er willkommen war oder nicht.
„Stören tut Ihr in der Tat, Trebarr, oder inzwischen vielmehr Lord Trebarr, nicht wahr?“
„Ja, ganz recht.“
Ihr Vater rieb sich das Kinn und zog die Brauen zusammen, während er Simon einen Moment lang betrachtete, ehe er wieder das Wort ergriff. „Wie kann ich Euch dienen, Trebarr?“
„Ich komme in einer eher unbedeutenden Angelegenheit, Mylord, die jedoch meinem Vater bis zu seinem Tod am Herzen lag. Und obwohl er nicht mehr unter uns weilt, halte ich es für meine Pflicht, im Namen meiner Sippe darum zu bitten.“ Simon ließ den Blick durch die Halle gleiten, bevor er ihn wieder auf Elowens Vater richtete. „Aber ich kann zu einem günstigeren Zeitpunkt wiederkommen, um mich mit Euch zu unterreden, Mylord.“
Ihr Vater taxierte ihn mit kaum verborgener Verachtung, bevor er fragte: „Worum wollt Ihr bitten?“
„Wenn Ihr mir ein wenig Zeit unter vier Augen zugestehen wollt, werde ich Euch den Grund für mein Erscheinen darlegen.“
Zunehmend gespannt harrten die Versammelten der Antwort. Doch Breock Bawden starrte den jungen Mann vor sich nur an, wobei er sich über den Bart strich. Endlich brach er das Schweigen.
„Nun gut“, murmelte er. „Alle sollen wissen, dass wir Bawdens am heutigen Abend, da Lady Bawden sich ins Wochenbett zurückziehen und mir, so Gott will, einen Erben gebären wird, mit den Trebarrs verhandeln werden. Dies, meine Freunde, meine Familie, meine Sippe – dies ist ein gutes Omen.“
„Das ist es in der Tat.“
„Aber zu meinen Bedingungen, Trebarr, also im Anschluss an mein Mahl. Und um nicht unhöflich zu erscheinen, sollt Ihr mit Euren Männern ebenfalls an unserer Tafel speisen.“