Romana Extra Band 170

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FRÜHLINGSZAUBER IN AMSTERDAM von BRYONY TAYLOR

Malerische Grachten, pittoreske Hausboote: Fotografin Tialda liebt Amsterdam – bis ein Taschendieb sie bestiehlt. Der charmante Tijs, der Zeuge des Ganzen wird, bietet spontan seine Hilfe an – dafür spielt sie seine Verlobte. Ein gewagter Deal, denn sie begehrt Tijs wirklich …

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  • Erscheinungstag 14.03.2026
  • Bandnummer 170
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539272
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Bryony Taylor, Scarlett Clarke, Jadesola James

ROMANA EXTRA BAND 170

Bryony Taylor

1. KAPITEL

Es war ein milder Frühlingsmorgen in Amsterdam. Das erste Sonnenlicht kletterte zaghaft über die Giebel der schmalen alten Häuser und sickerte durch die Vorhänge des kleinen Hotelzimmers in Jordaan, in dem Tialda Groen vorübergehend untergekommen war.

Vorübergehend insofern, als dass sie, wenn alles gutging, heute Nachmittag bereits ihre eigene Wohnung haben würde. Diese war auch nur vorübergehend und zur Untermiete, aber das war auf jeden Fall besser, als von einem Hostel- und Pensionszimmer ins nächste zu ziehen. Eine Wohnung vermittelte einfach ein Gefühl von Zuhause.

Blinzelnd stand Tialda vom Futon auf, auf dem sie – wenig bequem – die Nacht verbracht hatte. Der Boden war noch kühl unter ihren bloßen Füßen. Sie streckte sich, trat barfuß ans Fenster und zog die dünnen Stoffbahnen zur Seite, die sich bei jedem Luftzug wie Segel blähten.

Neugierig lehnte sich gegen den Fensterrahmen. Unter ihr plätscherte das Wasser der Brouwersgracht leise gegen die steinerne Ufermauer. Boote schaukelten träge an den Anlegeplätzen, als dösten sie noch, ein paar Fahrräder klapperten über das Kopfsteinpflaster, und irgendwo bimmelte eine Kirchenglocke. Die Stadt erwachte eher gemächlich – anders als London, Paris oder die anderen Metropolen, die sie bisher besucht hatte.

Tialda atmete tief ein, hielt die Luft für einen Moment an und ließ sie dann langsam wieder entweichen. Sie hatte in den vergangenen vier Monaten schon einige wunderschöne Orte kennengelernt. Prag, Berlin, Wien, Brüssel, Marseille. Jede Stadt hatte ihren eigenen Rhythmus, ihren eigenen Blick auf die Welt. Doch zum ersten Mal seit Langem fühlte es sich nicht nur wie eine Zwischenstation an.

Amsterdam sollte mehr sein als ein weiteres Kapitel. Tialda wollte hierbleiben. Zumindest für eine Weile. Vielleicht auch für länger. Das Land erkunden, in dem sie geboren war, aber an das sie sich kaum erinnern konnte, weil ihre Eltern schon früh mit ihr nach Irland ausgewandert waren.

Sie trat einen Schritt zurück, wandte sich vom Fenster ab und seufzte. Ob sie die Wohnung nun bekam oder nicht, heute musste sie auf jeden Fall hier raus. In Amsterdam fand am kommenden Wochenende eine große Messe statt, und die meisten Unterkünfte waren bis unter die Dachkante ausgebucht.

Sie packte ihre Sachen in ihre Reisetasche, darunter auch ihre geliebte Kamera, die auf dem Nachttisch lag.

Tialda war in den Niederlanden, genauer gesagt in Westkapelle in Zeeland, geboren, aber ihr Vater hatte kurz vor ihrem zweiten Geburtstag ein Jobangebot in Irland bekommen, und so waren sie dorthin ausgewandert. Aufgewachsen war sie in Galway, sprach aber trotzdem fließend Holländisch, weil ihre Mutter darauf bestanden hatte, dass sie auch ihre Muttersprache lernte.

Sie verstand so gut wie alles, nur das Sprechen fiel ihr manchmal schwer, besonders, wenn sie nervös war. Und ihren irischen Akzent würde sie wohl nie abschütteln können.

Sie strich sich eine flachsblonde Haarsträhne aus dem Gesicht und betrachtete die Reflektion ihres Gesichts in der Scheibe des geöffneten Fensters. Die Ringe unter den Augen waren definitiv neu. Die vergangenen Monate waren ebenso anstrengend wie aufregend gewesen, und sie war froh darüber, dass sie jetzt fürs Erste eine feste Unterkunft hatte und nicht mehr länger aus dem Koffer leben musste.

Ein leises Vibrieren unterbrach ihre Gedanken. Ihr Handy vermeldete einen neuen Kommentar unter ihrem letzten Instagram-Post:

Amsterdam steht dir. Mehr davon!

Die Fotografie war schon immer ihre Leidenschaft gewesen, und die Ergebnisse teilte sie gerne auf Social Media. Sie hoffte, eines Tages einmal genug Geld mit ihren Reisebildern und Schnappschüssen aus aller Welt zu verdienen, um sich den Lebensunterhalt damit zu finanzieren. Ihre Eltern hielten das natürlich für eine Schnapsidee und waren sich ausnahmsweise darin einig, dass eine solche Karriere nichts für ihre Tochter war.

Auch das Gap Year zwischen ihrem Bachelor in Wirtschaftswissenschaften und dem Beginn ihres Master-Studiengangs, das sie nutzte, um zu reisen, war bei ihren Eltern nicht gerade auf Anklang gestoßen. Aber sie hatte sich durchgesetzt, und nun war sie hier. Mit den Bildern, die sie in Amsterdam machen wollte, würde sie versuchen, Follower und vielleicht sogar den einen oder anderen Sponsoren hinzuzugewinnen.

Tialda zögerte nicht länger. Sie schlüpfte in ihre weißen Sneakers, schnappte sich Kameratasche und Rucksack und trat hinaus in die Stadt.

Draußen war die Luft klar und kühl. Doch die Sonne stand strahlend am Frühsommerhimmel, und der Wetterbericht hatte versprochen, dass es gegen Mittag wärmer werden würde.

Tialda nahm ihr Fahrrad, das sie auf einem Flohmarkt billig ergattert hatte, und strampelte los. Sie fuhr durch die Straßen, fand aber nichts, was sie unbedingt fotografieren wollte. Doch sie ließ sich nicht beirren. Die Welt war voller interessanter Motive, man musste einfach nur ganz genau hinsehen.

Irgendwann stellte sie ihr Rad ab. Zu Fuß war es doch einfacher, all die Details in sich aufzunehmen, die diese Stadt zu bieten hatte. Dann hob sie die Kamera und blickte durch den Sucher. Die engen Gassen des Jordaan-Viertels mit ihren charmanten, windschiefen Häusern boten unzählige Möglichkeiten. Ein paar Schritte weiter entdeckte sie eine Fensterbank voller Blumentöpfe – Narzissen, Tulpen, Hyazinthen. Ein Frühlingsgruß mitten in der Stadt: Genau das, wonach sie suchte.

Sie machte einige Aufnahmen, spielte mit Licht und Schatten, bevor sie sich weiter durch die engen Gassen treiben ließ. Amsterdam fühlte sich wirklich an, als könne es ein Zuhause sein – zumindest für eine Weile.

An der nächsten Straßenecke blieb sie stehen. Ein kleines Café mit dunkelgrünen Markisen und handgeschriebenen Tafeln auf dem Bürgersteig lockte sie mit dem süßen Duft von frischem Gebäck.

Ein Glöckchen bimmelte, als sie das Café betrat. Sie reihte sich in eine kurze Warteschlange ein und ließ den Blick durch den Gastraum schweifen. Die Möbel schienen alle wahllos zusammengewürfelt. Unterschiedlich farbige Holzstühle, Polstersessel und Hocker, dazu Tische in allen möglichen Farben und Formen.

Die Theke war das Herzstück des Cafés – aus dunklem Holz mit einer Glasvitrine, in der Croissants, goldene Stroopwafels und mit Puderzucker bestäubte Apfelküchlein lagen.

Der Barista füllte mit geübtem Griff frisch aufgebrühten Espresso in eine dickwandige Tasse, nahm ein kleines Edelstahlkännchen und ließ cremige, perfekt aufgeschäumte Milch in einer fließenden Bewegung hineinlaufen.

Wat wil je hebben?“ Die Stimme der jungen Frau an der Kasse riss sie aus ihren Gedanken.

Sie räusperte sich und suchte nach den richtigen Worten. „Een… Cappuccino, alsjeblieft. En… een Stroopwafel?

Die Kassiererin nickte freundlich und gab die Bestellung an den Barista weiter. Tialda bezahlte und nahm ihren Cappuccino mit nach draußen, wo sie einen Platz auf der kleinen Sonnenterrasse fand. Sie hängte ihren Rucksack über die Rückenlehne ihres Stuhls und stellte ihre Kameratasche zwischen ihren Füßen auf dem Boden ab, blies vorsichtig über den Schaum und beobachtete die vorbeiziehenden Menschen. Dabei fiel ihr ein Mann auf, der ein paar Meter entfernt vor einem Schaufenster stand, es aber gar nicht zu beachten schien. Stattdessen hielt er ein Handy ans Ohr gepresst, sprach hin und wieder ein paar Worte und fing dann an, aufgebracht auf- und abzulaufen.

Sie stellte ihre Tasse ab und nahm ihre Kamera. Durch den Sucher beobachtete sie ihn. Er sah gut aus. Dunkles, leicht lockiges Haar, ein kantiges Kinn und hohe Wangenknochen. Seine Lippen waren fein geschwungen und luden zum Küssen ein.

Zum Küssen? dachte Tialda im nächsten Moment verblüfft. Was war denn das für ein merkwürdiger Gedanke? So etwas war überhaupt nicht ihre Art. Sie gehörte zu den Menschen, für die das Aussehen nicht so schrecklich wichtig war, solange der Charakter stimmte.

Doch etwas an diesem Mann faszinierte sie. Sie schaute zu, wie er sich mit einer Hand durchs Haar fuhr, dann kurz stehen blieb, den Kopf schüttelte – und sich zu ihr umdrehte.

Tialda zuckte zusammen, als sie seinem Blick durch den Sucher hindurch begegnete. Hastig ließ sie die Kamera sinken. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Hatte er etwa bemerkt, dass sie ihn beobachtet hatte?

Wie unglaublich peinlich!

Doch er wechselte sein Smartphone ans andere Ohr und verschwand in der Menge, die in Richtung Prinsengracht strebte.

Mit einem erleichterten Seufzen lehnte Tialda sich zurück. Was war das gerade gewesen? Nachdenklich rührte sie in ihrem Cappuccino. Der Mann war ein Fremder unter vielen, einer von Tausenden, die täglich durch Amsterdam streiften. Aber irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie ihn schon bald wiedersehen würde.

Nur warum?

Sie schüttelte den Kopf über sich selbst und nahm ihre Tasse auf, als plötzlich ein Schatten über sie fiel. Im nächsten Moment gab es einen Ruck an ihrem Stuhl, und als sie sich umdrehte, sah sie einen jungen Mann davonlaufen – mit ihrem Rucksack in der Hand.

„Hey!“ Sie sprang auf und war gerade noch so geistesgegenwärtig, sich ihre Kameratasche zu schnappen, dann rannte sie dem Taschendieb hinterher. Doch im Gegensatz zu ihr kannte der sich aus, und so dauerte es nicht lange, bis sie ihn aus den Augen verlor.

Irgendwann stand sie völlig verloren auf einer der zahlreichen Brücken, die sich über die Gracht spannten, und kämpfte mit den Tränen, während Passanten an ihr vorbeieilten.

Oh, nein! Schlagartig wurde ihr eiskalt, als sie daran dachte, dass sich in ihrer Tasche nicht nur ihre Ausweispapiere, sämtliche Reservierungen und ihr Handy, sondern auch ihre gesamte Reisekasse befand. Sie hatte das Geld nicht im Hostel lassen wollen, weil sie besorgt gewesen war, dass es dort womöglich gestohlen würde. Was für eine Ironie des Schicksals, dass ihr genau das jetzt auf offener Straße passiert war.

Zum Glück war wenigstens ihre Kamera in Sicherheit. Nicht auszudenken, wenn sie die auch noch verloren hätte.

Aber es war auch so schon alles schlimm genug. Was sollte sie jetzt anfangen, so ganz ohne Geld? Das Hostel hatte sie zum Glück im Voraus bezahlt – allerdings nur bis heute. Und das mit der Wohnung konnte sie unter diesen Umständen auch vergessen. Ihre Notfall-Kreditkarte hatte sich ebenso in der gestohlenen Tasche befunden wie alles andere.

Zum Glück kannte sie die Nummer ihrer Eltern auswendig, sonst wäre sie ohne Handy komplett aufgeschmissen gewesen. So richtig half ihr das allerdings auch nicht. Ihre Eltern waren nämlich schon von Anfang an nicht besonders angetan von ihrem Plan gewesen, ein Gap Year zu nehmen und Europa zu bereisen. Doch da sie das Geld dafür zum größten Teil selbst zusammengespart hatte, hatten sie nichts tun können, um sie davon abzuhalten. Dass sie Tialdas ‚Spleen‘ allerdings auch noch finanziell unterstützen würden, war eher unwahrscheinlich.

Bedeutete das jetzt, dass sie ihre Koffer packen und vorzeitig wieder nach Irland zurückkehren musste?

Bei dem Gedanken stiegen ihr erneut Tränen in die Augen. Sie war noch nicht bereit, wieder nach Hause zu fahren. Diese Rundreise sollte ihr helfen, sich darüber klarzuwerden, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte – etwas, das sie nicht tun konnte, wenn ihre Eltern ihr ständig in jede Entscheidung hineinredeten.

Was tun? Ihr erster Gedanke war es, zur Polizei zu gehen und den Diebstahl anzuzeigen. Aber vorher musste sie noch mal zurück zum Café und ihre Jacke und ihr Fahrrad holen.

Was für eine Katastrophe …

„Hören Sie, so läuft das nicht, ich … Was? Moment, ich kann Sie gerade schlecht verstehen.“ Tijs van der Linden presste sein Handy fester gegen die Ohrmuschel und bog in eine kleine Gasse zwischen zwei Häusern, gerade breit genug, dass eine Person darin Platz finden konnte. „Jetzt geht es besser, ich … Nein, ich habe einen gültigen Vertrag mit Ihrer Agentur abgeschlossen, Sie können jetzt nicht einfach einen Rückzieher machen. Nein, das … Hallo?“

Mit einem unterdrückten Fluch streckte er das Telefon zurück in seine Hosentasche. Godverdomme! Das konnte doch nicht wahr sein! Warum lief nicht einmal etwas so, wie er es sich vorstellte? Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und fluchte erneut. Ihm blieben nur noch etwas über zwei Stunden bis zum Treffen mit Henk Verhoeven, dem Mann, der in FotoHoek investieren sollte, die marode Kette von Fotostudios, die Tijs vor Kurzem von seinem Vater geerbt hatte.

FotoHoek hatte insgesamt zweiundfünfzig Niederlassungen, überall in Benelux. Etwa zweihundertfünfzig Personen arbeiteten für das Unternehmen. Den größten Umsatz machten sie mit dem Verkauf von Fotoequipment, Rahmen und Alben. Es wurden auch Fotoshootings veranstaltet, aber im Zeitalter von Handyselfies und Webcams war das eher die Ausnahme als die Regel.

Da sein Vater nie für Innovationen zu haben gewesen war, ging es dem Unternehmen nicht sonderlich gut. Sie schrieben schon seit längerem tiefrote Zahlen, was Tijs jedoch lange nicht klar gewesen war.

Weil er seit Jahren nichts mehr mit FotoHoek zu tun hatte.

Sein Vater hatte ihm nie zugetraut, das Unternehmen zu führen, ihn wie einen dummen Jungen behandelt, was ihn schließlich dazu gebracht hatte, seinen eigenen Weg zu gehen.

Ein eigener Weg, eine eigene Karriere. Die er nun aufgegeben hatte, um nach Amsterdam zurückzukehren und FotoHoek zu übernehmen.

Seufzend fuhr er sich durchs Haar. Vom geschäftlichen Standpunkt wäre es vermutlich vernünftiger gewesen, nach einem Käufer zu suchen und das Verlust bringende Unternehmen abzustoßen. Dummerweise fühlte sich Tijs für die Angestellten von FotoHoek verantwortlich und konnte sein Gewissen nicht einfach so abschalten wie manch anderer Unternehmer. Deshalb kam es für ihn nicht infrage, all die Menschen, für die er die Verantwortung übernommen hatte, einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Weswegen er sich nach einem solventen Investor umgeschaut hatte.

Und Henk Verhoeven war genau der richtige Mann für den Job, davon war Tijs überzeugt. Doch die Verhandlungen zogen sich nun schon über gut drei Monate hin. Es wurde Zeit, dass sie nun endlich zum Abschluss gebracht wurden.

Eigentlich war alles genau so gelaufen, wie Tijs es sich erhofft hatte. Alles bis auf einen einzigen, winzigen Punkt: Verhoeven war ein Mann mit hehren Prinzipien, und bedauerlicherweise ein Traditionalist. Er hatte von Anfang an mehr als deutlich gemacht, dass er nur mit Partnern zusammenarbeitete, die über ein stabiles, familiäres Umfeld verfügten. Ein Mann ohne Ehefrau oder zumindest Verlobte war in seinen Augen keine sichere Investition.

Tijs hatte lange mit sich gerungen, aber schließlich eine einfache Lösung gefunden: Er hatte sich kurzerhand über eine Begleitagentur eine Verlobte engagiert. Eine Frau, die genau auf diese Art von Rollenspielen spezialisiert war. Diskret und professionell, erfahren im Umgang mit Geschäftsleuten wie Verhoeven. Eine sichere Angelegenheit.

Doch jetzt, zwei Stunden vor dem entscheidenden Treffen, hatte sie abgesagt. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es von der Agentur hieß. Mit der hatte er gerade telefoniert. Um sich zu beschweren und eine Lösung für sein Problem zu finden. Denn ohne Verlobte konnte er den Deal vergessen. Verhoeven würde sich sicher nicht schon wieder vertrösten lassen. Das hatte Tijs schon ein paarmal versucht, diesmal würde er damit nicht noch einmal durchkommen.

Frustriert massierte Tijs sich die Schläfen. Eine neue Scheinverlobte zu finden, war in der kurzen Zeit schlicht unmöglich.

Er musste improvisieren.

Sein erster Gedanke war es, eine Bekannte um Hilfe zu bitten. Vielleicht Sara, mit der er vor einer Weile ein paarmal ausgegangen war. Aber Tijs hatte die Sache beendet, als er merkte, dass sich Sara mehr von ihrer Liaison erhoffte, als er zu geben bereit war, entsprechend katastrophal war ihr letztes Treffen zu Ende gegangen. Sie würde ihm ganz sicher nicht helfen.

Wer dann? Eine Mitarbeiterin vielleicht? Zu riskant – aus zweierlei Gründen. Zum einen würde sich in Windeseile herumsprechen, dass sich die Firma finanziell in Schieflage befand. Zum anderen bestand bei einem solchen Arrangement stets die Gefahr, am Ende wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz angezeigt zu werden. Nein, man sollte das Berufliche niemals mit dem Privaten verbinden.

Er zückte sein Handy erneut und scrollte durch seine Kontaktliste, verwarf jedoch einen Namen nach dem anderen. Mit einem frustrierten Seufzen steckte er das Handy weg. Ihm lief die Zeit davon.

Er trat aus der Gasse zurück auf den Platz und ließ seinen Blick schweifen. Die Straßencafés waren gut besucht, doch auf den Terrassen saßen fast ausschließlich Pärchen.

Da bemerkte er eine junge Frau, mit hängenden Schultern dastand und nicht zu wissen schien, was sie mit sich anfangen sollte. Das änderte sich jedoch, als sie ihn erblickte, denn er beobachtete, wie sie die Schultern straffte, und mit entschlossenen Schritten auf ihn zukam.

„Verzeihung“, sagte sie und begegnete entschlossen seinem Blick. „Mir ist gerade meine Handtasche gestohlen worden mit all meinem Geld, meinen Papieren und meinem Smartphone. Dürfte ich wohl kurz ihr Handy benutzen? Ich würde gern meine Bank anrufen, um meine Kreditkarte sperren zu lassen.“

Ihm fiel sofort auf, dass sie keine Holländerin war. Ihr Akzent war zwar schwach, aber trotzdem nicht zu überhören. Engländerin, schätzte Tijs.

„All ihr Geld und ihr Smartphone sagen Sie? Das ist ja furchtbar!“

Seufzend fuhr sie sich durchs Haar. „Das können Sie laut sagen. Das war meine gesamte Reisekasse. Ohne werde ich wohl oder übel nach Hause zurückkehren müssen. Falls ich genug Geld für ein Rückflugticket zusammenbetteln kann.“

Er war ziemlich sicher, dass er sie vorhin noch auf der Terrasse eines Cafés hatte sitzen sehen. Und sie hatte ihn definitiv angestarrt, was nicht ungewöhnlich war, denn er kam im Allgemeinen gut bei Frauen an. Er musterte sie kurz. Sie schien im richtigen Alter zu sein und sah mit ihrem hellblonden Haar, der guten Figur und der hübschen Stupsnase recht ansehnlich aus. Nicht ganz sein Typ – er bevorzugte Frauen, die elegant und selbstbewusst wirkten, und sie schien ihm eher bodenständig und ein wenig schüchtern. Aber vielleicht täuschte er sich auch.

Er holte tief Luft. „Ich hätte da einen äußerst ungewöhnlichen Vorschlag für Sie“, sagte er dann langsam und deutlich – in der Hoffnung, dass sie ihn dann besser verstehen konnte.

Die Furche auf ihrer Stirn vertiefte sich noch weiter. „Ich verstehe Sie sehr gut“, sagte sie. „Es ist nicht nötig, mit mir zu sprechen, als wäre ich begriffsstutzig.“

Er blinzelte überrascht.

„Also?“, hakte sie nach, als er nicht weitersprach. „Was ist das für ein Vorschlag?“

„Soeben sind Sie von mir auserkoren worden!“

„Auserkoren?“, fragte sie überrascht. „Und als was?“

Strahlend sah er sie an. „Als meine Verlobte.“

2. KAPITEL

Ungläubig starrte Tialda den Mann, der ihr gegenüberstand, an. Hatte er tatsächlich gerade gesagt, was sie glaubte, gehört zu haben? Sie blinzelte.

„Wie war das bitte? Sie haben mich auserkoren … als …“

„… meine Verlobte“, wiederholte er, immer noch strahlend, und klang dabei, als wäre das ein vollkommen logisches Anliegen.

Tialda brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Der Morgen hatte definitiv eine unerwartete Wendung genommen. Zuerst der Diebstahl ihrer Tasche, nun dies. Gerade war sie zu dem Schluss gekommen, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als ihre Eltern zu kontaktieren, um sie um Geld für ein One-Way-Ticket nach Hause zu bitten, da hatte sie ihn plötzlich gesehen: Den Mann der ihr vorhin schon kurz vor den Sucher gelaufen war.

Und jetzt wollte er, dass sie sich mit ihm verlobte? Was stimmte nicht mit ihm?

„Das ist doch nicht Ihr Ernst.“ Sie lachte, aber es klang eher ungläubig als amüsiert.

Er nickte. „Doch, es ist mir sogar sehr ernst.“

Tialda musterte ihn. Sein Anzug saß perfekt. Er wirkte wie ein Geschäftsmann, der genau wusste, was er tat. Wie passte das zu seinem komplett verrücktem Verhalten?

„Hören Sie, haben Sie sich vielleicht den Kopf gestoßen? Geht es Ihnen nicht gut? Oder ist das hier einfach nur eine besonders absurder Scherz?“

„Nein, ganz und gar nicht.“ Er sah sie an. Seine Augen waren hellblau und mit silbernen Sprenkeln durchzogen. Er besaß durchaus eine gewisse Anziehungskraft.

Sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Es war komplett irrelevant, ob sie ihn anziehend fand. Fest stand, dass sie auf keinen Fall auf sein verrücktes Anliegen eingehen konnte.

„Ich werde mich ganz sicher nicht mit Ihnen verloben“, sagte sie schließlich. „Ich kenne Sie ja nicht mal! Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist es kein besonders guter.“

Er schüttelte den Kopf. „Kein Scherz. Es ist mir vollkommen ernst mit meinem Angebot. Ich weiß, was für einen Eindruck das auf Sie machen muss, aber ich schwöre Ihnen, ich bin nicht durchgedreht. Ich brauche für heute Abend eine Verlobte. Natürlich keine echte. Es handelt sich um eine rein formelle Angelegenheit. Und ich würde Sie selbstverständlich dafür bezahlen.“

Tialda runzelte die Stirn. „Eine formelle Verlobte? Natürlich, das ergibt vollkommen Sinn.“

Er hob eine Braue. „Ich kann das erklären. Sie müssten mir einfach nur zehn Minuten Ihrer Zeit schenken.“

Skeptisch schaute sie ihn an. „Und warum, um alles in der Welt, sollte ich das tun?“

„Weil ich Ihnen im Gegenzug ein Flugticket bezahlen würde.“

Sie lachte wieder, diesmal ehrlich amüsiert. „Das ist Ihr Angebot? Ich werde Ihre Verlobte, und Sie kaufen mir ein Flugticket? Das ist ja fast schon romantisch.“

„Das Ticket bekommen Sie dafür, dass Sie mich anhören.“ Er musterte sie einen Moment, dann nickte er in Richtung des Cafés, auf dessen Terrasse sie eben gesessen hatte. „Zehn Minuten. Wenn Sie danach immer noch gehen wollen, werde ich Sie nicht aufhalten, versprochen. Aber ich versichere Ihnen, dazu wird es nicht kommen.“

Tialda zögerte. Sie sollte sich einfach ihr Fahrrad schnappen und gehen, aber etwas an ihm machte sie neugierig. Vielleicht war es die schiere Absurdität seines Vorschlags. Oder einfach die Tatsache, dass er dabei vollkommen ernst blieb. Und was hatte sie schon zu verlieren? Im schlimmsten Fall zehn Minuten. Bestenfalls bot sich ihr hier gerade ein Weg, den Aufenthalt in Amsterdam nicht vorzeitig beenden zu müssen.

„Zehn Minuten? Und dann lassen Sie mich in Ruhe?“

„Versprochen.“

Sie seufzte. „Also schön. Aber nur, weil ich wissen will, was für eine schräge Geschichte hinter dieser Nummer steckt.“

Ohne weiter zu diskutieren, griff sie ihr Fahrrad beim Lenker und schob es zurück in Richtung des Cafés. Er folgte ihr wortlos, und als sie das weiße Tischchen am Rand der Terrasse erreichten, an dem sie vorhin gesessen hatte, nahmen sie Platz.

Die Kellnerin kam, um ihre Bestellung aufzunehmen.

„Ich hätte gern nur ein Glas Wasser“, sagte Tialda. „Und vielleicht eines von Ihren köstlichen Amandelbroodjes?“

„Und ich nehme einen doppelten Espresso, bitte.“

„Also?“, fragte Tialda, als sie wieder allein waren, und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich höre.“

Er beugte sich leicht vor. „Mein Name ist Tijs van der Linden. Ich bin Geschäftsmann und habe heute Abend ein entscheidendes Treffen mit einem Investor.“

„Aha.“

„Dieser Investor legt großen Wert auf familiäre Stabilität – und ich habe ihm gegenüber den Eindruck erweckt, dass ich verlobt sei. Nur … ist die Dame, die ich eigentlich engagiert hatte, meine Verlobte zu spielen, kurzfristig ausgefallen.“

Tialda blinzelte. „Sie haben jemanden engagiert, Ihre Verlobte zu spielen?“

Er nickte. „Ein rein professionelles Engagement, das über eine Agentur abgewickelt wurde.“ Er schüttelte den Kopf. „Wobei sich nun herausgestellt hat, dass es wohl nicht so professionell war, wie ich erwartet hatte.“

Ihre Bestellungen wurde gebracht, doch für den Moment ignoriere Tialda das köstlich duftende Mandelgebäck. „Für so etwas gibt es Agenturen?“

„Es gibt für alles Agenturen.“

„Also haben Sie Ihren Geschäftspartner angelogen.“

„Nun, sagen wir besser, ich habe die Wahrheit etwas angepasst.“

Sie hob eine Braue. „Das nennt man im Allgemeinen lügen.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen“, fegte er ihre Bemerkung mit einer unwirschen Handbewegung beiseite. „Fakt ist, ich brauche für den heutigen Abend eine Frau, die die Rolle meiner Verlobten übernimmt. Rein geschäftlich, ohne jegliche Verpflichtungen. Und gegen eine entsprechend großzügige Bezahlung.“

Sie starrte ihn an. „Das ist das Verrückteste, was ich je gehört habe. Außerdem kann es niemals funktionieren.“

„Warum nicht?“

„Na, ich kenne Sie doch überhaupt nicht. Wie soll ich unter diesen Umständen als Ihre Verlobte überzeugen?“

„Für den Anfang wäre es ganz gut, wenn wir aufhören würden, uns zu siezen.“

Sie nickte. „Das kriege ich hin.“

„Tijs“, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen.

Mit einem Seufzen schlug sie ein. „Tialda. Tialda Groen.“

„Das ist ein holländischer Name“, entgegnete er verblüfft. „Aber dein Akzent klingt nicht …“

„Ich bin in Holland geboren, aber meine Eltern sind schon früh mit mir nach Irland ausgewandert, daher der Akzent. Das war es doch, was Sie … ich meine, was du dich gefragt hast, oder?“

Er nickte. „Dein Akzent ist … charmant.“

„So kann man es vermutlich auch nennen.“ Sie neigte den Kopf zur Seite. „Aber ich bin mir, ehrlich gesagt, immer noch nicht sicher, ob ich auf Ihr … auf dein Angebot eingehen soll. Ich meine, was, wenn ich mich auf einmal in einem riesigen Schlamassel wiederfinde?“

Er begegnete gelassen ihrem Blick. „Das wird nicht passieren. Ich bin kein Krimineller, falls du das denkst.“

„Nun, wenn du einer wärst, würdest du das wohl kaum einfach zugeben.“

Seufzend fuhr er sich durch seine kurzen Locken. „Ich kann verstehen, dass das für dich befremdlich klingt. Aber du würdest mir wirklich einen riesigen Gefallen tun. Und ich zahle dir, sagen wir, zweitausend Euro – kein schlechter Verdienst dafür, zwei Stunden lang meine Verlobte zu spielen, oder? Vor allem, wenn man gerade bestohlen wurde und seine gesamte Reisekasse verloren hat.“

Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass es ein gewaltiger Fehler wäre, sich darauf einzulassen. Aber er hatte recht – mit zweitausend Euro konnte sie zwar keine großen Sprünge machen, aber das Geld würde auf jeden Fall ein wenig den Druck aus der Situation nehmen. Nervös wippte sie mit dem Fuß, ihr Blick ruhte auf dem Amandelbroodje vor ihr auf dem Tisch. Sie griff nach dem Gebäck und knabberte daran. Nur nicht ihn ansehen. Sie wusste genau, wenn sie es tat, dann würde sie nicht Nein zu ihm sagen können.

Die Situation war vollkommen absurd.

„Also gut“, sagte sie schließlich und sah ihn dabei direkt an. „Aber ich habe Bedingungen.“

Tijs’ Mundwinkel zuckten. „Ich höre.“

„Erstens: Ich will vorher genau wissen, worauf ich mich einlasse. Keine Überraschungen. Zweitens: Ich ziehe an, was ich will. Ich werde mich nicht in irgendein albernes, kitschiges Kleid stecken lasse, in dem ich mich unwohl fühle. Und drittens …“

„Drittens?“ Er lehnte sich leicht vor.

Tialda nahm einen Schluck von ihrem Wasser und musterte ihn über den Rand des Glases hinweg. „Ich will wissen, warum du das überhaupt nötig hast. Bei einem Typ wie dir reißen sich die Frauen doch vermutlich darum, deine Verlobte zu spielen – oder besser noch: zu sein.“

Einen Moment lang schien er nicht zu wissen, was er sagen sollte. Dann legte er die Hände flach auf den Tisch. „Ich bin kein Beziehungsmensch“, räumte er ein. „Meine Karriere ist meine oberste Priorität. Ich habe keine Zeit für so einen Unsinn.“

„Unsinn?“ Sie riss die Augen auf. „Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass du nicht verlobt bist.“

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist, wie es ist. Aber um diesen Deal abzuschließen, brauche ich unbedingt eine Verlobte, ansonsten fällt die ganze Sache ins Wasser.“

„Und das wäre ein Problem?“

„Ein riesiges“, bestätigte er. „Mein Vater hat stets allein über sein kleines Imperium von Fotostudios geherrscht. Er war nie an konstruktiver Kritik interessiert.“ Er verzog kurz das Gesicht, als müsse er eine unerwünschte Erinnerung zurückdrängen. „Nun, wo ich nach seinem Tod alles geerbt habe, musste ich feststellen, dass das Unternehmen tief in den roten Zahlen steckt. Es war ein kleines Wunder nötig, einen Investoren zu finden, der trotz des Risikos bereit ist, sein Geld einzubringen.“

„Aber du hast es geschafft.“

Er nickte.

„Nur, dass du dafür eine Verlobte erfinden musstest, die es gar nicht gibt.“

„So sieht es aus.“

„Und ich nehme an, es hängen eine Menge Arbeitsplätze davon ab, dass der heutige Abend ein Erfolg wird?“

„Ich denke, das kann man mit Fug und Recht behaupten, ja.“

Sie überlegte einen kurzen Moment, dann seufzte sie. „Okay. Ich bin dabei. Aber denk an meine Bedingungen.“

Ein triumphierendes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Dann ist es abgemacht? Heute Abend um sieben hole ich dich ab.“ Er zückte eine Visitenkarte und überreichte sie ihr. „Schick mir einfach deine Adresse. Keine Verpflichtungen, keine Hintergedanken. Es handelt sich einfach um eine geschäftliche Transaktion.“

Noch immer ein wenig zögerlich zückte sie ihr Handy und schickte ihm eine Nachricht an die auf der Visitenkarte angegebene Nummer. „Ich kann nur hoffen, dass du ein Mann bist, der zu seinem Wort steht, Tijs van der Linden“, sagte sie dabei.

Er zwinkerte ihr zu. „Du wirst es herausfinden, Tialda Groen.“

Sie verließen das Café gemeinsam, gingen danach aber getrennte Wege.

Er war kaum aus ihrem Blickfeld verschwunden, da fragte Tialda sich auch schon, ob sie nicht einen Fehler machte. Sie hatte ihm die Adresse ihres Hostels geschickt. Einem Wildfremden! Das war überhaupt nicht ihre Art.

Zurück im Hostel erklärte sie zuerst an der Rezeption ihre Situation und fragte nach, ob eventuell die Möglichkeit bestand, noch ein paar Tage länger zu bleiben. Die junge Frau hinter dem Tresen war sehr freundlich und versprach ihr, dass sie sich bemühen würde, eine Lösung für Tialda zu finden.

Zurück auf ihrem Zimmer schnappte sie sich ihr Notizbuch und begann, Fragen für Tijs zu notieren. Wenn sie bei dieser Sache schon mitspielte, dann wollte sie es vernünftig tun. Und sie würden es niemals schaffen, ihre Geschichte glaubhaft rüberzubringen, wenn sie nicht ein bisschen was über den jeweils anderen wussten. Außerdem war es wichtig, die Eckdaten ihrer Fake-Beziehung festzulegen. Wann hatten sie sich verlobt? Wo sich kennengelernt? Was waren ihre Lieblingsfarben, ihr Lieblingsessen, und was taten sie in ihrer Freizeit?

Gerade, als sie sich eine Notiz zu möglichen Allergien machte, meldete sich ihr Handy. Sie legte den Block beiseite und griff nach dem Telefon. Es war eine Nachricht von Tijs.

Planänderung. Wir treffen uns um 17 Uhr in der Hotellounge des Waldorf Astoria an der Herengracht. Wir brauchen Zeit, um unsere Geschichten miteinander zu koordinieren, damit wir uns nicht bis auf die Knochen blamieren.

Tialda grinste und antwortete mit einem knappen: „Okay.“ Anschließend verbrachte sie den restlichen Nachmittag damit, sich selbst einzureden, dass es keinen Grund gab, nervös zu sein. Gegen fünfzehn Uhr gab sie es schließlich auf und verbrachte die restlichen zwei Stunden lieber damit, sorgfältig Make-up aufzutragen, ihr Haar zu einer halbwegs ansehnlichen Frisur zu bändigen und ein Kleid auszusuchen, indem sie sich nicht fühlen würde, als wäre sie verkleidet.

Am Ende fiel ihre Wahl auf ein schlichtes „kleines Schwarzes“, elegant, aber nicht übertrieben. Der schimmernde Stoff umspielte ihre Figur und betonte ihre schmalen Schultern. Sie hatte es aus einer Laune heraus eingepackt, weil es nicht viel Platz wegnahm und sie zu Hause nie Gelegenheit gefunden hatte, es zu tragen. Auf Schmuck hatte sie, bis auf eine schmalgliedrige silberne Halskette, verzichtet. Als sie jetzt in den Spiegel blickte, hatten sich einige Strähnen aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst, und umspielten sanft ihr Gesicht.

Sie nickte sich selbst zu. Ja, so würde es gehen. Wenn er damit nicht zufrieden war, konnte er sie mal gernhaben. Jedoch konnte sie nicht abstreiten, dass sie bei der Vorstellung einen unangenehmen Stich verspürte. Es ließ sich nicht leugnen: Sie wollte ihm gefallen. Sie wollte, dass er sie ansah, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt. Aber das war natürlich vollkommen unsinnig.

Was war bloß mit ihr los? Sie wusste so gut wie nichts über diesen Mann!

Nun, zumindest das würde sich wohl schon bald ändern. Sie holte noch einmal tief Luft, dann nahm sie den Notizblock vom Tisch, schlüpfte in ihre hochhackigen schwarzen Sandaletten, die zu tragen sie bei ihren Reisen bisher kaum Gelegenheit gefunden hatte, und schaute noch einmal auf ihr Handy.

Das Waldorf Astoria.

Sie fragte sich, ob er dort abgestiegen war oder in der Nähe lebte und das Hotel aus einem anderen Grund als Treffpunkt vorgeschlagen hatte. Einmal mehr wurde ihr bewusst, dass sie keine Ahnung hatte. Nicht von ihm, nicht von dem Leben, das er führte.

War es überhaupt möglich, innerhalb von zwei Stunden genug über einen anderen Menschen zu erfahren, um als dessen Verlobte überzeugen zu können? Irgendwie bezweifelte Tialda ernsthaft, dass es so einfach sein würde. Aber es war alle Zeit, die ihnen zur Verfügung stand. Es musste reichen!

Sie wollte gerade zur Tür hinausgehen, als das Telefon auf dem Nachttisch klingelte. Mit klopfendem Herzen griff sie nach dem Hörer. Es war die Dame von der Rezeption.

„Es tut mir wirklich sehr leid“, sagte sie und klang ehrlich bedauernd. „Wir sind aufgrund der parallel stattfindenden Messen leider komplett ausgebucht. Ich fürchte, Sie werden morgen spätestens um elf Uhr auschecken müssen.“

Seufzend fuhr Tialda sich durchs Haar und bedankte sich bei der jungen Frau für ihre Bemühungen. Sie hatte ja gewusst, dass ihre Chancen nicht gut standen, aber irgendwie hatte sie trotzdem gehofft, dass …

Nein, es half nichts, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Sie würde schon einen Weg finden. Irgendwie.

3. KAPITEL

Draußen dämmerte es inzwischen.

Auf dem Haarlemmerdijk, der Einkaufsstraße, die gesäumt war von kleinen Boutiquen, Cafés und Restaurants, herrschte wie immer rege Betriebsamkeit. Junge Leute saßen mit Pizzakartons auf den Stufen alter Hauseingänge, jemand spielte Musik aus einem Lautsprecher. Vor einem Secondhandladen hatte sich eine kleine Schlange gebildet.

Es waren weit weniger Autos als Fahrräder und Fußgänger unterwegs, was immer noch etwas war, an das sich Tialda erst einmal gewöhnen musste. Galway war nicht die größte Stadt, doch Fahrradfahrer waren dort definitiv in der Unterzahl gewesen – ebenso wie in den meisten anderen Städten, die sie auf ihrer Reise durch Europa besucht hatte. Amsterdam war, im Gegensatz dazu, ein regelrechtes Paradies für Radfahrer.

Sie überquerte die Straße bei der Ecke zur Herenstraat und wartete, bis ein Lastenrad an ihr vorbeigefahren war. Dann schlug sie den Weg Richtung Prinsengracht ein. Im malerischen Viertel De Negen Straatjes, mitten im Grachtengürtel, ließ sie sich kurz treiben, blieb an einem Schaufenster mit bunten Vintage-Schuhen stehen und schaute sich die üppig blühenden Auslagen eines Blumenladens an.

Die Bäume entlang der Grachten trugen bereits zartes frisches Grün, das sich in den Fenstern der Häuser und Geschäfte spiegelte, und ein leichter Wind trug den Duft von Flieder und Brackwasser durch die Gassen.

Tialda überquerte nacheinander die Herengracht, dann die Keizersgracht, passierte die Spiegelgracht mit ihren kleinen Galerien und erreichte schließlich den ruhigeren Teil der Herengracht, wo das Waldorf Astoria zwischen historischen Stadthäusern direkt am Wasser stand. Die verklinkerte Fassade war mit weißem Stuck verziert und von einem prachtvollen Treppengiebel gekrönt. Die hohen Fenster glänzten im Schein der sinkenden Sonne.

Sie überquerte die Gracht an der Brug 34und betrat das Hotel durch die breite Eingangstür, die ihr von einem Portier, einem älteren Herrn mit zurückgekämmtem Haar und dunklem Mantel, aufgehalten wurde.

Die Lobby war atemberaubend. Das gedimmte Licht der Kronleuchter spiegelte sich auf dem hellen, mit schwarzen Adern durchzogenen Marmorboden. Weiße Säulen stützten die hohe Decke, überall standen Pflanzen in schweren Vasen und Kübeln, pastellfarbene Tulpen, Ginster und weiße Ranunkeln. Alles war unglaublich luxuriös und dennoch unaufgeregt – und gerade das machte es umso beeindruckender.

Tialda blinzelte, weil sie keine Rezeption entdecken konnte. Stattdessen fand sie einen separaten Raum, der von der Lobby abging und in dem eine Mitarbeiterin mit einem Gast saß, von dem sie vermutete, dass er gerade eincheckte.

Interessant.

Sie wandte sich um – und da stand er.

Tijs lehnte lässig an einer der Säulen, die Beine überkreuzt, ein Lächeln auf den Lippen, das fast beiläufig wirkte. Sein dunkles Sakko schmiegte sich glatt an seine breiten Schultern, die oberen beiden Knöpfe seines Hemds standen offen, und er trug keine Krawatte. Es hätte nachlässig wirken können, aber das tat es nicht. Stattdessen sah es locker und zugleich elegant aus.

Sein Blick wanderte über ihren Körper und blieb kurz auf ihrem Mund liegen. Instinktiv fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, bis ihr klar wurde, dass sie damit den falschen Eindruck erwecken könnte.

Sie straffte die Schultern. „Hi.“

Er trat von der Säule weg und kam ihr entgegen. Sie wusste nicht, woran es lag, aber die Art und Weise, wie er sich bewegte, ließ ihr Herz schneller schlagen. Irgendwie erinnerte er sie an einen Panther, der durch den Dschungel streifte, stark, elegant und gefährlich.

„Du bist pünktlich“, stellte er mit einem Lächeln fest. Seine tiefe, rauchige Stimme verursachte ihr eine Gänsehaut.

Sie lächelte ebenfalls. „Du auch.“ Sie holte ihr Notizbuch aus der Tasche. „Ich habe ein paar Fragen aufgeschrieben, die wir auf jeden Fall beantworten können müssen, wenn wir auch nur die geringste Chance haben wollen, deinen Geschäftspartner zu überzeugen.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem Schmunzeln. „Da hatten wir wohl denselben Gedanken.“ Er zückte sein Handy und zeigte ihr eine Liste mit Stichpunkten, die er notiert hatte. „Komm. Wir sollten die wenige Zeit, die uns bleibt, besser nutzen.“

Sie betraten die Bar, die elegant in warmen Braun- und Cremetönen gehalten war. Weiche Ledersessel in warmem Cognacbraun standen in kleinen Gruppen um niedrige Tische aus dunklem Holz. Die Wände waren in einem cremigen Beigeton gestrichen, der das goldene Licht der Wandlampen sanft reflektierte. Hinter der Theke glitzerte eine imposante Flaschenwand, in die Spiegel eingelassen waren, sodass sich das Licht darin brach.

Tijs führte sie an einen der Tische nahe der großen Fenster, von denen aus man die Herengracht überblicken konnte. Draußen waren die Straßenlaternen angegangen. Ihr Licht spiegelte sich im Wasser, das träge an den niedrigen Kaimauern vorbeizog.

Wortlos rückte Tijs ihr einen Stuhl zurecht, eine wie selbstverständliche wirkende Geste, nicht einstudiert oder aufgesetzt. Dann nahm er ihr gegenüber Platz und warf einen kurzen Blick in die Karte.

„Was möchtest du trinken?“, fragte er mit einem Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, ohne seine Augen zu erreichen.

Tialda überlegte einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern. „Einen Shirley Temple, bitte.“

Überrascht hob er eine Braue. „Ein Klassiker.“ Er wandte sich dem Barkeeper zu. „Einen Shirley Temple für die Dame und ein Glas Tomatensaft für mich.“

Tialda blinzelte. „Tomatensaft? Im Ernst?“

Er sah sie an, als hätte er genau diese Reaktion erwartet. „Ja“, sagte er ruhig. „Ich trinke keinen Alkohol.“

„Gar nicht?“

„Gar nicht.“

Sie sah ihn an. „Ich muss zugeben, dass ich jetzt neugierig geworden bin. Steckt da eine Geschichte dahinter oder magst du den Geschmack einfach nicht?“

Tijs antwortete nicht sofort. Stattdessen ließ er seinen Blick kurz über die Bar schweifen, als wollte er sichergehen, ob sie auch wirklich ungestört waren.

„Mein Vater hat viel getrunken“, sagte er schließlich. „Nicht ständig, nur wenn er gestresst war. Oder frustriert. Was aber beides leider häufig der Fall war. Und dann … nun, sagen wir … dann war er nicht gerade die angenehmste Gesellschaft.“

Sie nickte langsam. „Verstehe.“

Er wirkte erleichtert. „Mit sechzehn habe ich beschlossen, dass ich so nicht werden will. Also habe ich nie auch nur einen Tropfen Alkohol angerührt. Ganz einfach.“

Tialda nahm das Glas, das der Barkeeper soeben vor ihr abgestellt hatte. Die Kirsche darin schwamm träge an die Oberfläche. „Dann weiß ich jetzt immerhin schon eine wichtige Sache über dich“, sagte sie und hob das Glas zum Anstoßen.

„Eine von vielen“, erwiderte er, stieß sanft mit dem Rand seines Glas gegen ihres, ehe er einen kleinen Schluck nahm. „Also, womit fangen wir an? Was hast du auf deiner Liste?“

Tialda zog ihr Notizbuch aus der Tasche und schlug es auf. Die Seiten waren mit ihrer feinen, leicht geschwungenen Handschrift bedeckt. Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Okay. Ich schlage vor, wir starten mit den Grundlagen. Wo haben wir uns kennengelernt?“

„Hm.“ Tijs lehnte sich zurück, das Glas noch in der Hand. „Irgendein Ort, der romantisch klingt, aber plausibel ist. Wir könnten uns bei einem gemeinsamen Freund getroffen haben. Oder auf einer Hochzeit?“

Sie schüttelte den Kopf. „Zu wenig konkret. Und zu viele potenzielle Zeugen. Ich dachte an eine Buchhandlung, hier auf der Kalverstraat.“

„Eine Buchhandlung?“ Er lachte leise. „Das klingt tatsächlich irgendwie romantisch.“

„Und genau deshalb wird es funktionieren.“ Sie grinste. „Ich stand bei der Reiseliteratur. Du hast mich gefragt, ob ich einen Reiseführer für Lissabon gesehen hätte.“

Er hob eine Braue. „Und? Hattest du?“

„Nein. Aber ich glaube, daran warst du ohnehin nicht interessiert. Am Ende hast du mir dann jedenfalls vorgeschlagen, dass wir ja gemeinsam fahren könnten.“

Tijs grinste. „Unverschämt.“

„Unwiderstehlich“, konterte sie, und er lachte.

Sie notierte sich ein paar Stichworte. „Okay, nächste Frage: Wie lange sind wir schon zusammen?“

„Dreizehn Monate“, schlug Tijs vor. „Das ist konkret, nicht verdächtig rund. Und lange genug, um sich zu verloben.“

Sie nickte. „Verlobung vor zwei Monaten?“

„Am Meer. In Zeeland. Sonnenuntergang, Möwen, Kitsch vom Feinsten.“

Tialda verdrehte die Augen. „Du hast echt Fantasie.“

„Ich nehme diese Angelegenheit sehr ernst“, erwiderte er trocken. „Für mein Unternehmen hängt von diesem Deal extrem viel ab.“

Die nächste Stunde verging wie im Flug. Sie arbeiteten sich durch die Liste, kreuzten Lieblingsessen an (sie: Pasta mit Zitrone und Ricotta, er: indisches Lammcurry), sowie Lieblingsfarbe (er: petrol, sie: dunkelgrün) und bevorzugte Freizeitbeschäftigungen (sie: joggen, lesen, Secondhandshops durchstöbern; er: Schach, wandern, alte Filme). Bei jedem Punkt ergaben sich neue Gesprächsthemen.

Als sie bei Allergien ankamen, fragte Tialda: „Gibt’s da was, das ich wissen müsste? Nüsse, Katzenhaare oder Heuschnupfen?“

Tijs zuckte mit den Schultern. „Ich krieg rote Augen von sehr billigem Parfüm. Zählt das?“

„Definitiv.“ Sie lachte.

Er beugte sich ein wenig vor. „Und du?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nichts.“

Sie war überrascht, wie leicht es war, sich mit ihm zu unterhalten. Tialda war ein kontaktfreudiger Mensch, und es bereitete ihr im Grunde nie Schwierigkeiten, Anschluss zu finden. Doch das hier war irgendwie … anders. Sie erfuhr so viele Dinge über Tijs, bis sie fast das Gefühl hatte, ihn wirklich zu kennen. Und was noch viel erstaunlicher war: Sie hatte das Gefühl, sie selbst sein zu können, ohne dafür verurteilt zu werden.

„Okay“, sagte er nach einer Weile und blickte auf die Rolex an seinem linken Arm. „Uns bleiben noch knapp siebenundzwanzig Minuten bis zum Treffen mit Verhoeven. Nicht gerade viel Zeit, um eine Fake-Verlobung durchzusprechen. Wir sollten uns besser konzentrieren.“

Grinsend schüttelte sie den Kopf. „Du bist ein echter Romantiker, was?“

Er blickte auf. „Nur an Werktagen vor sechzehn Uhr“, sagte er bierernst, und sie mussten beide lachen.

„Was ist mit Familie? Kenne ich deine Mutter?“, fragte Tialda.

„Sie starb, da war ich noch ein Teenager.“

Tialda schluckte. „Das tut mir leid.“

„Muss es nicht. Das ist lange her. Ich schätze, dass du meinen Vater auch nie kennengelernt hast. Vielleicht hatten wir vor, es letzte Weihnachten nachzuholen, aber dann wurde er krank, und es ist nie dazu gekommen.“

Sie nickte. „Das funktioniert.“

Er blätterte um. „Und deine Familie?“

Zum ersten Mal zögerte Tialda. „Sie leben in Galway. Meine Mutter ist Holländerin, mein Vater Ire. Eine explosive Mischung.“

„Habt ihr viel Kontakt?“

„Zu viel. Aber von meinem Arrangement mit dir werde ich Ihnen nicht erzählen. Sie glauben, ich reise, um mich selbst zu finden.“

Er sah sie an. „Und? Ist es das, was du machst?“

„Das dachte ich zumindest.“

Er nippte an seinem Tomatensaft, und eine Pause entstand. Es war kein unangenehmes Schweigen. Eher eines, das ihnen beiden die Gelegenheit gab, die Dinge etwas sacken zu lassen. Und sie schuf ein seltsames Gefühl von Vertrautheit.

Schließlich räusperte Tijs sich und klappte sein Notizbuch zu. „Gut, uns läuft die Zeit davon. Aber wir schaffen das. Du bist schlagfertig, spontan und definitiv besser im Improvisieren als ich.“

„Na, dann hast du ja Glück, dass du mich ausgesucht hast.“

„Mit Glück hat das nicht viel zu tun“, entgegnete er mit einem schiefen Grinsen. „Als du auf mich zugekommen bist, nachdem dir der Dieb deine Tasche gestohlen hat, wusste ich einfach, dass du die Richtige bist.“

Sie schüttelte den Kopf. „Aber … warum?“

Er lachte leise auf. „Ich habe keine Ahnung. Aber es hat funktioniert, oder nicht?“ Als sie nichts sagte, stand er auf und straffte die Schultern. „Na, dann los. Lass uns einen Millionär überzeugen gehen.“

Tijs war nervös. Er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, doch es kostete ihn einige Mühe. Von dem Treffen mit Henk Verhoeven hing so viel ab, und es gab so vieles, was schiefgehen konnte.

Als er nach dem Tod seines Vaters zum ersten Mal seit langer Zeit einen Blick in die Bilanzen von FotoHoek werfen konnte, hatte ihn fast der Schlag getroffen. Über die Jahre hatte Rutger von der Linden den stetigen Abwärtstrend der Profite geschickt zu verbergen gelernt. Doch jetzt war das Unternehmen an einem Punkt angelangt, wo es so nicht mehr weitergehen konnte.

Im Grunde gab es nur zwei Möglichkeiten. Entweder, Tijs gab klein bei, rettete, was an Firmenvermögen noch zu retten war, und versuchte, einigermaßen schadlos aus der ganzen Sache hervorzukommen. Oder es musste eine Finanzspritze von außen her.

Tijs war zwar durchaus wohlhabend, denn er hatte sich seine Dienste als Unternehmensberater von seinen Arbeitgebern gut bezahlen lassen. Aber die Summen, die notwendig waren, um FotoHoek wieder auf Kurs zu bringen, konnte er beim besten Willen nicht auftreiben.

An der Stelle kam Verhoeven ins Spiel. Der Mann war bekannt dafür, dass er auch in riskante und wenig erfolgversprechende Projekte investierte, solange er nur von ihnen überzeugt war. Mit seinem Geld würde Tijs genau das tun, was er schon zu Lebzeiten seines Vaters stets gewollt hatte: Das angeschlagene Familienunternehmen in die Zukunft führen – und damit die Arbeitsplätze von Hunderten von Mitarbeitern retten.

Er warf einen kurzen Seitenblick zu Tialda herüber, die neben ihm im Foyer des Waldorf Astoria stand. Sie hatte sich in mehr als einer Hinsicht als eine Überraschung entpuppt. Sicher, er hatte von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt. Aber dass sie so gut darin war, sich glaubhafte Geschichten auszudenken, hatte er nicht ahnen können.

„Dein Millionär verspätet sich“, bemerkte sie leise.

Sie hatte recht. Verhoeven war bereits zehn Minuten zu spät dran, und Tijs kam nicht umhin, sich zu fragen, ob es sich um Absicht oder ein Versehen handelte. Vielleicht war es eine Art Prüfung, um zu sehen, wie er unter Druck reagierte.

Wobei – dieses erste Aufeinandertreffen sollte eigentlich vollkommen zwanglos sein. Keine Verhandlungen, nichts Geschäftliches, nur ein Kennenlernen, um zu sehen, ob man kompatibel miteinander sein würde. Warum Verhoeven daran überhaupt so interessiert war, wollte Tijs nicht recht in den Kopf. Alles, was er von ihm brauchte, war eine Geldanweisung. Sie würden sich vielleicht zwei oder drei Mal im Jahr persönlich über den Weg laufen, warum also war es Verhoeven so verdammt wichtig, dass sie sich gut verstanden?

Egal. Er würde tun, was notwendig war, um den Deal unter Dach und Fach zu bringen. Die Zukunft des gesamten Unternehmens hing davon ab – und damit hunderte von Jobs.

„Sollten wir uns vielleicht erkundigen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wir warten.“

Tatsächlich dauerte es keine zwei Minuten mehr, bis sich die Aufzugstür zur Lobby öffnet und ein älterer Mann im hellgrauen Anzug und mit graumeliertem Haar aus der Kabine trat.

Henk Verhoeven.

Tijs hatte ihn bisher nur zweimal kurz getroffen. Einmal auf der Cocktailparty eines Geschäftspartners, einmal auf einer Charity-Gala. Ein gemeinsamer Bekannter hatte ihn vorgeschlagen, als Tijs gerade nach einem Investor suchte. Sie hatten miteinander telefoniert, hin und wieder einen Videocall abgehalten und sehr viele E-Mails hin und hergeschickt. Aber dies war ihr erstes persönliches Meeting als potenzielle Geschäftspartner.

Lächelnd kam Henk Verhoeven auf Tijs zu. „Heer van der Linden“, sagte er und streckte ihm die Hand entgegen. „Bitte entschuldigen Sie die Verspätung. Ein wichtiger Anruf hat mich aufgehalten.“

„Kein Problem“, sagte Tijs und schüttelte ihm die Hand. „Das Geschäft geht vor.“

Verhoeven wandte sich an Tialda. „Dann ist dieses hinreißende Geschöpf wohl Ihre Verlobte?“ Er schenkte ihr ein wohlwollendes Lächeln. „Meine Liebe, es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen. Gehört habe ich von Ihnen ja schon so einiges – umso schöner, Sie nun endlich auch persönlich kennenzulernen.“

„Ja“, sagte Tijs und legte Tialda eine Hand auf die Schulter. „Das ist Tialda Groen, die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will.“

War das zu dick aufgetragen? Nun, Verhoeven schien jedenfalls entzückt, und Tialda ließ sich ebenfalls nichts anmerken. Sie lächelte. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, entgegnete sie. „Ich habe ebenfalls schon viel von Ihnen gehört, Heer Verhoeven.“

„Ausschließlich Positives, hoffe ich“, sagte er.

„Natürlich.“ Tialda lachte. „Haben Sie etwas anderes erwartet?“

„Oh, man weiß ja nie, nicht wahr?“ Er zwinkerte ihr geheimnisvoll zu. „Kommen Sie, ich habe uns einen Tisch im Restaurant des Hotels reserviert. Der Chefkoch ist ein Genie. Ich glaube nicht, dass ich schon mal einen so exquisit zubereiteten Heilbutt gegessen habe.“ Er vollführte eine einladende Handbewegung, ehe er voranging. „Aber das ist ja leider nichts für Sie, Tialda …“

Sie blinzelte. „Wieso? Ich liebe Heilbutt!“

„Das ist merkwürdig.“ Er wandte sich an Tijs, dem es warm unter dem Hemdkragen wurde. „Sagten Sie nicht, Ihre Verlobte sei Vegetarierin?“

4. KAPITEL

„Nun …“, begann Tijs, brach dann aber wieder ab. „Ich …“

„Das ist ganz einfach zu erklären“, kam Tialda ihm zu Rettung. „Ich bin genau genommen keine Vegetarierin, sondern Pescetarierin.“

Verhoeven hob eine Braue. „Pescetarierin? Ich glaube nicht, dass ich den Begriff schon einmal gehört habe. Was bedeutet er?“

„Dass ich zwar kein Fleisch esse, aber sehr wohl Fisch und Meeresfrüchte.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die meisten Menschen haben noch nie davon gehört, deshalb haben wir aufgehört, es zu erwähnen.“ Sie versetzte Tijs, der noch immer völlig überrumpelt war, einen Ellbogenstups in die Seite, was ihn endlich aus seiner Erstarrung riss. „Ist doch so, nicht wahr, Liebling?“

„Ja, ja.“ Er nickte. „Es wurde irgendwann lästig, das immer und immer wieder aufs Neue erklären zu müssen. Deshalb sind wir dazu übergegangen, einfach zu sagen, dass Tialda Vegetarierin ist. Damit kann nun wirklich jeder etwas anfangen.“

Tialda lachte glockenhell. „Und da ich nur selten Fisch esse, machte es für mich auch gar keinen großartigen Unterschied. Aber die Gesichtsausdrücke der Leute, wenn sie mich zum ersten Mal Kibbeling essen sehen, ist pures Gold wert.“

Verhoeven schmunzelte. „Ich sehe schon, Sie haben es faustdick hinter den Ohren.“

Tijs unterdrückte ein erleichtertes Aufatmen. Das war gerade nochmal gutgegangen. Er hatte vollkommen vergessen, dass er Verhoeven gegenüber erwähnt hatte, seine Verlobte sei Vegetarierin. Die Agentur hatte ihm vorab mitgeteilt, dass die Mitarbeiterin, die seine Verlobte spielen sollte, Vegetarierin war, weswegen Tijs es bei einem Tele...

Autor

Scarlett Clarke
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