Bianca Extra Band 159

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SÜSSE TRÄUME, HEISSE KÜSSE von CHRISTY JEFFRIES

Robin schwärmt für den attraktiven Rancher Dylan Sanchez, aber der ist leider überzeugter Junggeselle! Doch als er einen Backwettbewerb veranstaltet, wittert sie ihre Chance. Ihre katastrophalen Backkünste? Werden zur Nebensache, als es zwischen ihnen zu knistern beginnt …

LIEBE GEGEN ALLE VERNUNFT von RAEANNE THAYNE

Mit der Liebe hat Single-Mom Jenna abgeschlossen! Doch dann zieht der geheimnisvolle Wes in ihre Nachbarwohnung ein – der in ihr Gefühle weckt, die sie für längst erloschen hielt. Kann sie es wagen, ihr Herz noch einmal aufs Spiel zu setzen?

FLUCHT INS GLÜCK MIT DIR von LINDA TURNER

Als Modedesignerin Priscilla in London entführt wird, rettet Bodyguard Donovan sie aus den Händen der Kidnapper. Auf der Flucht kommt er ihr gefährlich nah. Aber Klientinnen sind für ihn tabu, er soll Priscilla nur beschützen! Lange kann er ihren Reizen jedoch nicht widerstehen …

EIN HERZ VOLLER HOFFNUNG von JUDY DUARTE

Ausgerechnet Geburtshelferin Selena, die täglich Leben schenkt, kann selbst keine Kinder bekommen. Als sie sich in den gut aussehenden Rancher Alex verliebt, scheint sich trotzdem alles zu fügen. Doch kaum hofft sie auf ein Happy End, vertraut er ihr seinen sehnlichsten Wunsch an …


  • Erscheinungstag 07.03.2026
  • Bandnummer 159
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538329
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christy Jeffries, RaeAnne Thayne, Linda Turner

BIANCA EXTRA BAND 159

Christy Jeffries

PROLOG

Wenn der beliebte Bürgermeister einer Kleinstadt in Montana die ganze Stadt zur Feier seines dreißigsten Hochzeitstags einlädt, ist die Frage nicht, ob man hingeht, sondern was man anzieht und mit wem man an einem Tisch sitzt. Das Einläuten der Adventszeit auf dem Stadtplatz oder das ein oder andere Rodeo konnte man schon mal auslassen. Doch zu ihrem großen Jahrestag hatten Rafferty und Penny Smith ihre Mitbürger ausdrücklich eingeladen. Und jeder, der in Bronco, Montana, etwas auf sich hielt, hatte selbstverständlich zugesagt.

„Wir danken euch allen, dass ihr diesen großartigen Moment mit uns feiert“, hatte Bürgermeister Rafferty Smith in seiner Rede nach der Begrüßung gesagt. Der Mann war ein großartiger Redner, dem jeder gern zuhörte. „Wisst ihr, als ich damals Penny den Heiratsantrag machte, war ich mir nicht sicher, ob sie Ja sagen würde. Vermutlich war sie sich selbst nicht sicher. Aber wir waren jung und verliebt und spontan. Wir hatten keine großen Pläne, wir wollten nur so viel Spaß wie möglich haben. Aber wenn man dann irgendwann zurückschaut und die ganzen Höhen und Tiefen sieht, die man gemeinsam gemeistert hat, wird einem klar, was man da eigentlich geschafft hat.“

Der Bürgermeister nahm die Hand seiner Frau, die neben ihm auf der Bühne stand. „Penny, du bist mit mir durch dick und dünn gegangen, und es gibt nichts, was ich dir schenken könnte, das auch nur annähernd dem gleichkommt, was du mir in den vergangenen dreißig Jahren geschenkt hast. Aber ich wollte auch nicht mit leeren Händen dastehen.“

Die Gäste lachten leise, während Rafferty ein längliches schwarzes Samtetui aus seiner Jacketttasche zog. „Den dreißigsten Hochzeitstag nennt man traditionell die Perlenhochzeit, aber du bist alles andere als traditionell, meine liebste Penny. Wie dieses Collier bist du einzigartig, und ich kann es nicht abwarten, die nächsten dreißig Jahre mit dir zu verbringen.“

Rafferty nahm das atemberaubend schöne Perlencollier aus dem Etui und legte es seiner Frau um. Als er danach Penny in die Arme zog und herzhaft küsste, brachen die Gäste in Applaus und Jubel aus.

Diese Party fing wirklich gut an.

1. KAPITEL

Dylan Sanchez hasste überfüllte Partys, aber er hatte nicht der einzige Geschäftsmann in Bronco sein wollen, der zum Jahrestag des Bürgermeisters nicht erschien.

„Sollten nicht nur zehn Leute an einem Tisch sitzen?“, murmelte er seinem Vater zu. „Wieso stehen bei uns dreizehn Stühle an so einem winzigen Tisch?“

„Dreizehn Stühle und ein Kinderwagen“, warf sein Bruder Dante ein, während er seiner Frau Eloise zulächelte und seine Tochter Merry weiter in den Schlaf wiegte. Seine acht Wochen alte Nichte war offiziell Dylans Lieblingsfamilienmitglied, und das nicht nur, weil sie gewöhnlich ihre Meinung für sich behielt.

Als sich Dylan ein paar Minuten später erneut über die beengten Sitzverhältnisse beklagte, sagte seine Schwester Sofia: „Boone und ich setzen uns nach dem Nachtisch zu den Daltons. So lange wirst du es doch wohl aushalten, Dylan.“

Onkel Stanley kam mit zwei vollen Tellern und seiner Verlobten Winona an den Tisch zurück. Nachdem das ältere Paar sich gesetzt hatte, gab es noch weniger Platz.

Dylan wandte sich an seine Schwester Camilla. „Ich glaube, deine Schwiegereltern suchen dich.“

„Tun sie nicht“, erwiderte Jordan Taylor, Camillas Mann. „Mein Vater und meine Onkel besprechen gerade etwas mit dem Bürgermeister.“

„Wenn du uns los sein möchtest“, bemerkte Camilla mit einer diskreten Kopfbewegung zum Nachbartisch, an dem mehrere junge Frauen saßen, „dann setz dich doch da hin.“

„Hör auf, mich verkuppeln zu wollen!“ Er war der letzte Sanchez, der noch Single war, und stolz darauf. „Ich habe gerade sowieso keine Zeit für eine Beziehung. Oder meinst du, die Arbeit auf der Ranch und der Autohandel erledigen sich von selbst?“

„Du hast doch nie Zeit“, sagte Sofia. „Hast du nicht langsam die Nase voll vom Single sein? Du wirst auch nicht jünger.“

„Onkel Stanley ist achtundsiebzig und hat sich gerade verlobt. Ich habe noch alle Zeit der Welt. Und wenn ich nicht möchte, muss ich überhaupt nicht heiraten, schon vergessen?“

Dylan merkte selbst, wie trotzig er klang. Aber je mehr seine Familie über Hochzeiten sprach, desto entschlossener war er, Single zu bleiben.

„Vergiss aber nicht, dass ich davor auch schon mal verheiratet war, bis ich leider Witwer wurde“, warf Onkel Stanley ein. „Und ich sage dir, es gibt nichts Besseres, als sein Leben mit jemandem zu teilen.“ Er wandte sich seiner Verlobten zu. „Weshalb wir beide auch bald einen Hochzeitstermin festsetzen sollten.“

Die über neunzigjährige Winona, die ein hellsehendes Medium und für ihre mystischen Aussagen bekannt war, zuckte die Achseln. „Das machen wir, wenn es so weit ist.“

„Du bekommst doch nicht etwa kalte Füße?“, fragte Onkel Stanley etwas panisch.

Winona schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Aber in der Liebe soll man nichts überstürzen. Liebe lässt sich nicht erzwingen.“ Sie zeigte mit ihrer beringten Hand auf Dylan. „Aber man kann ihr auch nicht entkommen. Die Liebe findet immer einen Weg.“

Dylan öffnete den Mund, wusste aber nicht so recht, was er sagen sollte. Oder ob er überhaupt antworten sollte.

„Jedenfalls bin ich auf der Ranch derzeit so beschäftigt, dass ich im Autohaus zwei Verkäufer einstellen musste. Aber der Januar ist ein schlechter Monat für Autokäufe. Ich muss mir was einfallen lassen, um den Handel in Schwung zu bringen.“

„Wie wär’s mit einer Autowaschaktion“, schlug Dante vor. „Meine Schule hat letztes Jahr vor den Sommerferien eine veranstaltet, und wir haben ganz schön viel Geld eingenommen.“

Dylan runzelte die Stirn. „Ich brauche keine Finanzspritze. Ich brauche mehr Kunden. Aber ohne dass ich zu den zweifelhaften Methoden meiner Mitbewerber greifen oder schmierige Werbespots schalten muss. Und ihr wisst, dass ich nicht gern vor Leuten rede.“

„Also eine schnelle Lösung mit einem guten Aufhänger“, sagte seine Mutter.

„Es ist bald Valentinstag“, warf Sofie ein wenig zu beiläufig ein.

Dylans Nacken begann zu kribbeln.

„Ich soll eine Aktion starten an einem erfundenen, kommerzialisierten Festtag, mit dem Leute gezwungen werden, überteuerte Karten, Blumen und Süßigkeiten zu kaufen? Was stellt ihr euch denn vor? Soll ich einen Tanz veranstalten?“

Angesichts des absurden Gedankens schüttelte er den Kopf. „Nein, wartet, noch besser: Ich sollte Probefahrten durch den Tunnel der Liebe anbieten.“

Onkel Stanley begann zu strahlen: „Das ist eine großartige Idee!“

Dylan brauchte dringend ein neues Bier. „Ein Auto zu kaufen ist eine große Entscheidung, Leute. Die Leute kommen, um fachkundig beraten zu werden, nicht, weil sie sich Liebesgeflüster anhören wollen.“

Solch große Gesten wie die des Bürgermeisters vorhin auf der Bühne, als er seiner Frau vor der ganzen Stadt das Collier umgelegt hatte, waren Dylan ein Gräuel.

„Aber der Valentinstag ist in der gesamten Dienstleistungsbranche ein großer Tag“, bemerkte Camilla, der das Restaurant „The Library“ gehörte. „Glaub mir, wenn es um Geschenke geht, wollen manche mehr als Blumen und Schokolade.“

Dylan entschuldigte sich, um sich an der Bar ein weiteres Bier zu holen, während seine Familie begann, über die absurdesten Aktionen zu diskutieren. Deshalb ließ er sich Zeit und hoffte, dass seine Familie ein anderes Thema gefunden haben würde, wenn er an den Tisch zurückkehrte. Er suchte sich eine ruhige Ecke und schaute auf seinem Handy nach dem Stand des College-Baseballspiels.

Als er sich danach wieder unter die Gäste mischte, sprach ihn Mrs. Coss, die Besitzerin des örtlichen Antiquitätenladens, an.

„Das ist eine großartige Idee, Dylan. Ich könnte dir einige Stücke aus meiner antiken Teigrollensammlung leihen – natürlich nur als Dekoration.“

Dylan lächelte höflich, obwohl er keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. „Welche Idee meinen Sie, Mrs. Coss?“

„Den Backwettbewerb. Oh, sie spielen mein Lied!“ Sie tätschelte Dylans Arm. „Wir unterhalten uns morgen weiter, ja?“

Dann eilte sie in Richtung Tanzfläche, bevor er etwas sagen konnte.

Dylan hörte das Wort „Backwettbewerb“ noch einige Male, bevor er wieder an seinem Tisch war. Dort saß allerdings nur noch sein Vater, der die kleine Merry auf dem Schoß hatte und ihr sehr schief etwas vorsang.

„Wo sind denn alle hin?“, fragte Dylan.

„Sie verbreiten die Neuigkeit vom Backwettbewerb“, erklärte sein Vater.

Dylan bekam langsam Kopfschmerzen. „Der hat aber hoffentlich nichts mit meinem Autohaus zu tun, oder?“

„Hey, Dylan“, rief LuLu, die Besitzerin seines Lieblingsgrillrestaurants vom Nachbartisch herüber, „Was kann man beim Backwettbewerb denn eigentlich gewinnen?“

Sein Vater antwortete, bevor Dylan überhaupt den Mund öffnen konnte. „Ein Jahr kostenlosen Werkstattservice. Ölwechsel, neue Bremsbeläge, Inspektion, solche Sachen.“

Dylan spürte, wie er blass wurde. „Ich war doch nur eine halbe Stunde lang weg!“

Aber offenbar hatten dreißig Minuten mehr als ausgereicht: Seine Familie hatte in der Zeit beschlossen, dass in seinem Autohaus ein Backwettbewerb mit Valentinstagsthema stattfinden würde. Oh, und dass der Hauptpreis potenziell mehrere tausend Dollar wert war. Aber nun war es zu spät, die Sache abzublasen. In Bronco verbreiteten sich Klatsch und Neuigkeiten wie ein Lauffeuer, und Dylan war nun offiziell der Ausrichter eines Wettbewerbs, den er nicht mal autorisiert hatte.

Konnte dieser Abend noch schlimmer werden? Dylans Kopf war jetzt kurz vorm Zerspringen und er wollte einfach nur noch nach Hause. Aber er musste dringend Schadenskontrolle betreiben, also stand er vom Tisch auf.

Leider kam er nicht weit, denn der Bürgermeister eilte auf ihn zu.

„Dylan!“ Rafferty Smith streckte die Hand aus und schüttelte Dylans enthusiastisch. „Wie ich höre, wird es nächsten Monat ein aufregendes Ereignis in Ihrem Autohaus geben. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn ich als Juror teilnehmen dürfte. Ich werde meiner Assistentin gleich sagen, dass sie an dem Tag keine Termine annehmen soll.“

Also gut, den Bürgermeister als Juror dabeizuhaben konnte das Geschäft tatsächlich ankurbeln. Also konnte Dylan nur die Zähne zusammenbeißen, lächeln und so tun, als ob dieser lächerliche Backwettbewerb tatsächlich eine gute Idee wäre.

„Wunderbar. Das wird so ein Spaß! Ich freue mich sehr, dass Sie dabei sind.“

Bürgermeister Smith trat näher an ihn heran und senkte die Stimme. „Übrigens, ganz im Vertrauen, Sie haben nicht zufällig irgendwo ein Perlencollier gesehen?“

„Sie meinen wie das, dass Sie Ihrer Frau vor einer Stunde geschenkt haben?“

„Schsch, leise. Penny trug es, als wir auf die Tanzfläche gingen, aber der Verschluss muss sich gelöst haben und es ist irgendwo heruntergefallen. Ich versuche, so unauffällig wie möglich herumzufragen, weil ich kein Aufsehen …“

„Achtung, Achtung, meine Damen und Herren“, unterbrach ihn der DJ mit einer Mikrofonansage. „Wenn jemand von Ihnen ein Perlencollier gefunden hat, bringen Sie es bitte hier auf die Bühne, damit wir es seiner Besitzerin zurückgeben können.“

Das Murmeln der Gäste wurde rasch lauter, als allen klar wurde, von wessen Perlencollier die Rede war.

Rafferty Smith murmelte: „So viel dazu, in dieser Stadt irgendetwas diskret erledigen zu wollen“, und marschierte davon.

Davon konnte Dylan ein Lied singen.

Aber Pennys Collier würde sicherlich schnell wiederauftauchen. Sein Ruf als ernstzunehmender Geschäftsmann dagegen würde sich nicht so leicht wiederherstellen lassen.

Robin Abernathy fühlte sich auf dem Rücken eines Pferdes wohler als in einer Küche. Aber immerhin hatte sie ein paar Tricks auf Lager, wenn es ums Backen ging. Oder zumindest ein paar Rezepte.

Na gut, genau zwei Rezepte. Von denen eins für Kekse war, denen sie sich gewachsen fühlte. Aber sie wollte den Backwettbewerb ja auch gar nicht gewinnen. Sie wollte nur, dass einer der Juroren von ihr Notiz nahm.

Sie parkte ihren Truck vor Bronco Motors und blickte sich lange im Rückspiegel an. Ihre Sommerbräune war verflogen und ein bisschen Rouge hätte ihr sicher nicht geschadet. Leider besaß sie kein Make-up. In ihrer Tasche fand sie nur farblosen Lipgloss. Nun gut. Sie zog das Gummiband aus ihren Haaren und löste ihren üblichen Pferdeschwanz. Vielleicht sah sie mit offenen Haaren femininer aus.

Zum ersten Mal in ihren einunddreißig Jahren fragte sich Robin, warum sie im Flirten nicht besser war. Vermutlich lag es daran, dass sie dieses Talent bisher nicht gebraucht hatte. Sie hatte keine Zeit zum Daten und noch weniger Zeit, sich um ihr Aussehen zu kümmern. Wenn ein Mann nicht das an ihr schätzte, was sie zu bieten hatte, dann war ein Date in ihren Augen reine Zeitverschwendung.

Doch dann hatte Dylan Sanchez ihr beim jährlichen Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung auf dem Stadtplatz zugelächelt. Und seitdem musste sie einfach immer an ihn denken.

Sie hatte vorgehabt, ihm bei der Hochzeitstagsfeier des Bürgermeisters ganz zufällig über den Weg zu laufen, doch dann hatte ein Notfall bei einem ihrer tierischen Patienten sie daran gehindert, überhaupt zu der Party zu kommen. Vielleicht war es auch besser so, denn dieser Backwettbewerb mochte eine viel bessere Gelegenheit bieten, mit dem Mann zu reden – ohne die halbe Stadt als Zeugen.

Wie aufs Stichwort sah sie ihn über das Gelände des Autohauses laufen und auf sein Büro zugehen. Robin war das Gefühl, Schmetterlinge im Bauch zu haben, nicht gewohnt, weil das bei ihr selten vorkam. Aber bevor sie es sich noch anders überlegte, stieg sie aus ihrem Truck und schlug die Fahrertür entschieden zu, womit sie auch gleich alle womöglich vorhandenen Zweifel zurückließ.

Du kannst das. Den gedruckten Flyer fest in der Hand, betrat sie das Autohaus, das ein paar Büros und den Ausstellungsraum für Neufahrzeuge enthielt. Sie hatte absichtlich eine Zeit gewählt, zu der sie nicht viele Kunden dort vermutete, und richtig geplant: Es war niemand zu sehen.

Aus einer der offenen Türen hörte sie Dylans Stimme, der offenbar gerade mit jemandem über Lautsprecher telefonierte. Da sie ihn nicht unterbrechen wollte, betrachtete sie den ausgestellten brandneuen Truck mit Vierradantrieb, dann las sie die Informationen auf dem Aufkleber an der Seitenscheibe.

Sie wollte Dylan nicht belauschen, aber es war schwer, nicht zu hören, was er sagte. Offenbar hatte seine kleine Rinderherde jahrelang auf derselben Weide gestanden, doch er konnte sie nicht woanders hinbringen, bevor er ein paar Zäune repariert hatte. Der Anrufer war vermutlich ein Verkäufer für Dünger, der versuchte, Dylan für ein ungetestetes Produkt gegen Bodenauslaugung zu interessieren. Das ließ in Robin alle Alarmglocken schrillen, und sie bewegte sich instinktiv auf das Büro zu.

Dylan lief in dem kleinen Raum stirnrunzelnd auf und ab. Als sein Blick auf Robin fiel, trat sie einen Schritt zurück – doch sein Gesichtsausdruck verwandelte sich sofort von sorgenvoll zu äußerst charmant.

„Ich rufe Sie zurück, Tony“, sagte er, während Robin zu dem ausgestellten Truck zurückeilte und sich wieder dem informativen Preisschild widmete.

„Herzlich willkommen bei Bronco Motors“, begrüßte Dylan sie mit dem gewinnenden Lächeln und bezaubernden Grübchen, von denen sie in den letzten Wochen geträumt hatte. „Wollen Sie es mal ausprobieren?“

Sie hätte fast Ja gesagt, aber dann bemerkte sie, dass er von dem Truck sprach. Eine Probefahrt. Er hatte ihr eine Probefahrt angeboten.

„Oh nein, heute nicht. Ich wollte mich für den Backwettbewerb anmelden.“

Sie hielt ihm den Flyer wie einen Beweis hin.

Falls Dylan enttäuscht darüber war, dass sie sich nicht für den Truck interessierte, verbarg er es gut.

„Ah, ja. Also um ehrlich zu sein, haben meine Mutter und meine Schwestern die Flyer letzte Woche erstellt und sie überall verteilt und im Internet verbreitet, bevor ich überhaupt Gelegenheit hatte, mir irgendeine offizielle Anmeldung oder gar Wettbewerbsregeln auszudenken. Das Interesse an dem Wettbewerb hat mich etwas überwältigt.“

Er ging zu dem leeren Empfangstresen und griff nach einem Clipboard. „Deshalb bitte ich die Leute einfach, ihre Kontaktdaten hier aufzuschreiben. Wir melden uns, wenn wir alle Details geklärt haben.“

Wow. Aus der Nähe roch der Mann noch besser, als er aussah. Robin versuchte, sich von dem Duft seines Aftershaves nicht betören zu lassen, nahm das Clipboard entgegen und warf einen schnellen Blick auf die anderen Namen. Alles Frauen. Offenbar war sie nicht die Einzige in der Stadt, die diesen Vorwand nutzte, um mit dem letzten nicht vergebenen Sanchez-Bruder anzubandeln.

Sie griff nach dem Stift, hielt dann aber inne. Das war so verrückt. Was tat sie hier überhaupt? Sie hatte nicht die geringste Chance, einen Backwettbewerb zu gewinnen – oder einen Mann wie Dylan für sich zu interessieren. Doch während sie noch überlegte, kam ihr eine andere Idee. Hatte er sie nicht gerade gefragt, ob sie eine Probefahrt machen wollte? Ihre Eltern kauften alle Fahrzeuge für die Ranch von ihm, und dieses Modell war auch schon dabei gewesen. Wenn Dylan sie erkannt hätte, hätte er wissen müssen, dass sie keine Probefahrt mit einem Fahrzeug brauchte, das sie oft bei der Arbeit nutzte.

Also hatte er keine Ahnung, wer sie war.

Sie war sich nicht sicher, ob sie erleichtert oder beleidigt sein sollte. Doch dann fügte er hinzu: „Ich sollte Sie vielleicht warnen, dass der Backwettbewerb am Valentinstag stattfindet. Falls Sie da schon was vorhaben. Also, andere Pläne, meine ich.“

Als sie aufblickte, wurde sie mit dem verführerischsten Lächeln und den seelenvollsten braunen Augen belohnt, die sie je gesehen hatte. Jedenfalls aus dieser Nähe.

Wollte er andeuten, dass sie an dem romantischsten Tag des Jahres ein Date haben könnte? Ihre Schwester Stacy zog sie immer damit auf, dass sie es gar nicht mitbekam, wenn Männer mit ihr flirteten. Flirtete er gerade mit ihr?

Da Robin schlecht weiter dastehen und ihn einfach nur anstarren konnte, murmelte sie: „Nein, ich bin frei.“

Sie kritzelte ihren Namen, ihre Handynummer und Adresse auf die Liste. Als sie ihm das Clipboard zurückreichte, wurde sie rot, doch er warf nicht mal einen Blick auf ihren Eintrag, bevor er es sich unter den Arm klemmte.

Sein Handy klingelte in seiner Tasche, und er zog es heraus und warf einen kurzen Blick aufs Display, bevor er es auf stumm schaltete.

„Ich sollte Sie wohl weiterarbeiten lassen“, sagte sie schnell. Es wurde Zeit, sich zu verdrücken, bevor sie sich noch verriet oder anderweitig zum Narren machte.

„Nur wenn ich Sie wirklich nicht für eine Probefahrt interessieren kann.“

„Nein, danke, wirklich nicht“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.

Doch dann blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um. „Ich weiß, es geht mich überhaupt nichts an, aber irgendjemand muss Ihnen sagen, dass Sie dabei sind, einen großen Fehler zu machen.“

2. KAPITEL

Dylan hob bei ihren Worten ruckartig den Kopf. Er war ziemlich empfindlich, wenn es um seine Arbeit auf der Ranch ging. Seine ganze Familie zog ihn ständig damit auf, dass er keine Ahnung davon hatte. Das Letzte, was er brauchte, war eine Fremde, die ihm ihren Rat aufdrängte.

„Ich nehme an, der Fehler, den Sie meinen, hat nichts mit dem Backwettbewerb zu tun?“, fragte er steif.

„Nein. Es geht um das ungetestete Düngemittel, das Sie wirklich nicht benutzen sollten.“

„Vielen Dank für Ihre Besorgnis, aber ich versichere Ihnen, ich habe alles unter Kontrolle. Tony, der Verkäufer, mit dem ich gesprochen habe, hat Abschlüsse in Chemie und Geologie und weiß eine Menge über Böden. Ich glaube nicht, dass er mir Mist verkaufen würde.“

„Ach, kommen Sie.“ Die blonde Frau hatte nun die Hände in die Hüften gestemmt, wobei sie den Flyer vom Backwettbewerb völlig zerknüllte. „Man braucht doch keinen Uniabschluss, um zu wissen, was für eine Rinderherde gut ist und was nicht. Aber hey, was weiß ich schon über Rancharbeit?“

Sie sagte das mit so viel Selbstvertrauen, als wäre sie daran gewöhnt, dass Menschen gern ihre Ratschläge annahmen. Sie sagte es auch so sarkastisch, dass er merkte, er hätte wissen sollen, wer sie war. Dylan blinzelte mehrmals, während er versuchte, sich an sie zu erinnern, aber er war sich auch ziemlich sicher, dass er ein Gesicht wie ihres nicht vergessen hätte. Ein Gesicht, das völlig ungeschminkt war und dadurch sehr attraktiv wirkte.

Verstohlen warf er einen Blick aufs Clipboard. Robin Abernathy.

Verflixt, wie hatte ihm das durchrutschen können. Sie musste eine der jüngeren Schwestern sein, die auf der Highschool in Klassen unter ihm gewesen waren.

Die Abernathys waren die zweitreichste Familie in Bronco, gleich nach den Taylors, der Familie seines Schwagers.

Dylan mochte das Gefühl von Unzulänglichkeit nicht, das sich in ihm ausbreitete. Obwohl er in einer Stadt voller Rancher aufgewachsen und schon früh mit Rindern und Pferden in Berührung gekommen war, war sein Vater bei der Post angestellt gewesen und seine Mutter war Friseurin. Außer bei einigen Übernachtungen bei Schulfreunden hatte er noch nie Zeit auf einer Ranch verbracht. Bis er plötzlich eine besaß.

Seine Neugier war jedoch stärker als seine Verlegenheit und er fragte spontan: „Wieso wäre es ein Fehler?“

Robin seufzte, als müsste sie einem Kind etwas erklären. „Ich habe von diesem Produkt gehört, und obwohl es ein Verkaufsschlager ist, hat Ihr Verkäufer vergessen, Ihnen zu sagen, dass einer der Hauptbestandteile nachweislich speziellen Rinderrassen schaden kann. Vor allem Mutterkühen.“

Sie sagte das Letzte, als wüsste sie bereits, dass der vorige Besitzer der Broken Road Ranch Dylan eine Rinderherde hinterlassen hatte, die hauptsächlich aus Färsen bestand. Mindestens dreimal täglich trat er sich heimlich in den Allerwertesten dafür, dass er das übersehen hatte.

„Außerdem ist das Produkt viel zu teuer. Da könnten Sie Ihr Geld besser darauf verwenden, die Zäune zu reparieren oder sogar zuzufüttern, bis die Weide wiederhergestellt ist.“

Das Problem war leider, dass er eine schnelle Lösung brauchte.

„Es gibt keine Sofortlösung“, fuhr Robin fort, als läse sie seine Gedanken. „Ranching ist zeitaufwendig.“

„Das weiß ich auch“, erwiderte er etwas zu schnell. Ein bisschen zu abwehrend. Tief im Innern war ihm klar, dass sie nur versuchte, ihm zu helfen. Aber die Tatsache, dass er mit der Ranch heillos überfordert war, machte ihn empfindlich. Wenn einer der erfolgreichen Abernathys ihn mit der Nase darauf stieß, kam das eben nicht so gut an.

Zuzugeben, dass er Hilfe brauchte, war eine bittere Pille. Aber noch schlimmer wäre es gewesen, die Ranch völlig aufzugeben. Er musste wohl in den sauren Apfel beißen und jede Hilfe annehmen, die ihm angeboten wurde. Aber gefallen musste ihm das nicht.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber warum sagt Tony dann das genaue Gegenteil?“

Robin zögerte, als überlege sie, wie sie ihre Antwort formulieren solle. Nach einer längeren Pause sagte sie schließlich: „Nicht jeder auf dieser Welt will Ihr Bestes, wenn sein Gehalt auf Verkaufsprovisionen basiert.“

„Das ist aber mal eine höfliche Art, auszudrücken, dass man Verkäufern nicht trauen kann.“ Er verkaufte gern Autos, aber dieses Klischee mochte er gar nicht. „Nicht alle von uns lügen, um schnelles Geld zu machen.“

Die Art, wie Robin die Nase rümpfte, hätte sehr süß ausgesehen, wenn ihr zweifelnder Gesichtsausdruck nicht ihm gegolten hätte.

„Ich habe nicht gesagt, dass Sie ein Lügner sind oder dass man Ihnen nicht trauen kann. Aber erklären Sie mir doch mal, warum Sie in einem Autohaus am Valentinstag einen Backwettbewerb abhalten. Liegt das daran, dass Ihre zwei Geschäftszweige Ihnen so viel Zeit lassen, dass Sie sich als kleine Herausforderung noch die Ausrichtung einer Veranstaltung ausgesucht haben?“

Falls Sie damit sein Ego ankratzen wollte, war sie definitiv erfolgreich. Dass sich seine Schultern inzwischen verspannt anfühlten, störte ihn genauso wie ihr kleines, wissendes Lächeln.

„Vielleicht liegt es daran, dass ich es genieße, wenn eine hübsche Frau wie Sie für mich kocht“, gab er zurück. Sarkasmus konnte er schließlich auch.

Als sie nach Luft schnappte und rot wurde, bemerkte er, wie sexistisch seine Worte klangen, und er hob sofort die Hände. „Tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint!“

Unbehaglich trat sie von einem Fuß auf den anderen. Sie trug Slim-Fit-Jeans, die in braunen Cowboystiefeln steckten, wodurch ihre Beine noch länger wirkten.

„Wie haben Sie es denn gemeint?“

„Ich meine nicht, dass ich erwarte, dass eine hübsche Frau – oder irgendeine Frau – für mich kocht. Fragen Sie meine Mom oder meine Schwestern. Ich kann selbst ganz gut kochen. In meiner Familie ist jeder mal dran, sonntags das Essen zu machen, und ich schlage mich tapfer.“

„Ich weiß. Eloise Taylor hat mir von dem Vorfall erzählt, bei dem Ihre Fajitas in Flammen aufgegangen sind und Ihnen die Augenbrauen abgesengt haben.“ Sie zeigte darauf. „Sie wachsen übrigens hübsch nach.“

Er rieb sich den Nasenrücken, womit er vermutlich noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Augenbrauen zog. „Es war nur ein kleines Feuer und ist nur ein einziges Mal passiert … Moment. Sie sind mit der Verlobten meines Bruders befreundet?“

Das war natürlich eine ziemlich unnötige Frage. Natürlich kannten die Abernathys und die Taylors sich. Die wohlhabenden Familien der Stadt verkehrten alle in denselben Kreisen. Aber er hatte Robin zuerst nicht erkannt, und er war sich ziemlich sicher, dass er schon mal davon gehört hätte, wenn Eloise eine heiße Freundin hätte, die sich noch dazu mit Ranching auskannte. Auf jeden Fall hätten es seine Mom oder Schwestern erwähnt. Schließlich versuchten sie dauernd, ihn mit jemandem zu verkuppeln.

„Ich bin ihre Kundin“, erwiderte Robin. „Sie arbeitet an einer Marketingkampagne für meine Firma.“

„Sie haben eine Firma?“ Warum wiederholte er alles, was sie sagte? „Ich meine, ich hatte angenommen, dass Sie für Ihre Familie arbeiten, da Sie so viel über Ranching wissen“, fügte er schnell hinzu.

„Ich weiß viel über Ranching, weil ich auf der Ranch meiner Familie aufgewachsen bin und gearbeitet habe. Aber ich habe selbst ein Unternehmen gegründet. Es heißt Rein Rejuvenation und bietet eine Reihe von Pferdetherapeutika an, die ich entwickelt habe.“

Robin unterbrach sich, als eine junge Frau den Ausstellungsraum betrat. Sie trug High Heels, die auf den Fliesen klapperten, obwohl draußen definitiv nicht das richtige Wetter für High Heels war.

„Hallo, ich bin hier, um mich für den Backwettbewerb anzumelden“, sagte die Frau aufgeregt.

„Natürlich. Hier, bitte schön.“

Dylan reichte ihr das Clipboard, das noch immer unter seinem Arm klemmte. Als er sich wieder Robin zuwandte, war diese schon auf dem Weg zum Ausgang.

„Robin, warten Sie!“, rief er quer durch den Ausstellungsraum und eilte ihr mit langen Schritten hinterher.

Sie blieb stehen und blickte ihn fragend an. Oder vielleicht war sie auch nur beleidigt und wollte schnell weg.

„Ich wollte mich noch für Ihren Rat zu dem Dünger bedanken und für alles andere. Ich werde mal meine Nachbarn fragen, ob sie mir jemanden für die Zaunreparaturen empfehlen können.“

Wenn Dylan ehrlich war, hatte er das bisher aus demselben Grund noch nicht getan, aus dem er es nicht mochte, Ratschläge zu bekommen. Er wollte nicht als kompletter Dilettant dastehen. Und er wollte die Arbeit selbst machen und nicht jemanden dafür anheuern.

„Ich bin sicher, dass sie gern Vorschläge machen. Ranching hat viele Facetten und man kann alles lernen, aber Sie müssen offen dafür sein, Hilfe anzunehmen.“

Wieder schien Robin seine Gedanken zu lesen. Oder forderte sie ihn heraus?

„Bieten Sie mir etwa an, es mir beizubringen?“, schoss er zurück.

„Wenn Sie es wirklich lernen wollen“, erwiderte sie gelassen.

Dylan hatte Robin schon vorher attraktiv gefunden, doch ihre Selbstsicherheit faszinierte ihn noch mehr.

„Cooler Truck“, sagte die junge Frau hinter ihm, der er das Clipboard in die Hand gedrückt hatte. „Ich würde gern eine Probefahrt machen.“

Als seine Familie diesen lächerlichen Backwettbewerb geplant hatte, hatten sie darauf bestanden, dass die Teilnehmer sich persönlich im Autohaus anmelden mussten. Natürlich war die Idee dahinter, dass mehr Menschen die Neuwagen sahen, was zu funktionieren schien, doch in diesem Augenblick wünschte sich Dylan, einer seiner Verkäufer wäre da.

„Ich will Sie nicht von Ihrer Kundin fernhalten“, sagte Robin, und es klang, als setze sie „Kundin“ in Anführungszeichen.

Aber vielleicht bildete sich Dylan das auch nur ein, denn das Lächeln, das sie der Frau schenkte, wirkte echt.

Als sich Robin wieder zum Gehen wandte, fiel ihm ein, dass er Geschäftsmann war und dies hier sein Geschäft. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, ihren süßen Po in diesen Jeans zu bewundern. Er räusperte sich, winkte freundlich und sagte nur: „Ich melde mich wegen des Backwettbewerbs.“

Und er wunderte sich sehr, dass er plötzlich das Verlangen hatte, alles zu probieren, was Robin Abernathy ihm vorsetzte.

Robin hakte ihr Experiment, Dylan über die Teilnahme am Backwettbewerb näher kennenzulernen, schon auf dem Heimweg ab. Sie wollte sich nicht unter die anderen Frauen reihen, die diese Veranstaltung nutzten, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dass Dylan sie als „hübsche Frau“ bezeichnet hatte, hatte rein gar nichts zu bedeuten. Vermutlich sagte er das zu jeder Frau, die sich auf seinem kleinen Clipboard anmeldete. Nicht umsonst hatte er in der Stadt den Ruf, ein Charmeur zu sein.

Nein, sie würde die ganze Sache ein für alle Mal vergessen.

Doch dann klingelte am Abend ihr Telefon.

Da sie die Nummer auf dem Display nicht kannte, hätte sie fast die Mailbox rangehen lassen – doch es konnte auch jemand von der Rodeoarena sein, der wegen eines Pferdes anrief.

Also meldete sie sich persönlich, obwohl es schon spät und sie schon im Schlafanzug war.

„Hallo, hier ist Robin.“

„Hallo, Robin, hier ist Dylan Sanchez.“

Seine Stimme klang am Telefon genauso geschmeidig wie live. Als sie ein paar Sekunden brauchte, um zu antworten, fügte er hinzu: „Von Bronco Motors?“

Als ob sie nicht genau wüsste, wer er war.

Robin griff nach der Fernbedienung, um die Netflixserie anzuhalten, die sie gerade schaute. „Ja, natürlich. Hi, wie geht es Ihnen?“

„Ich bin im Stress. Und so wie’s aussieht, wird’s noch schlimmer.“

Da er nicht mehr dazu sagte, vermutete sie: „Zu viele Teilnehmerinnen, die eine Probefahrt machen wollen?“

„Was? Oh. Nein. Ich meine, ja, wir hatten heute viel mehr Kundenverkehr als sonst an einem Montag im Februar. Aber ich meinte eigentlich meine Ranch.“

Moment. Er rief sie also nicht an, um ihr die Wettbewerbsregeln durchzugeben?

Als ob er ihre Gedanken läse, sagte er: „Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich mir Ihre Nummer von der Teilnehmerliste geholt habe. Aber ich hatte gehofft, dass Sie mir ein bisschen was über Futtermöglichkeiten sagen könnten.“

„Oh.“ Sie starrte auf das Standbild auf dem Fernseher, das ausgerechnet den ersten Kuss der Protagonisten zeigte, und beeilte sich, das Gerät auszuschalten. „Schießen Sie los.“

„Also, ich habe recherchiert, was ein Futterplatz kostet. Aber dann habe ich gelesen, dass man eine kleine Herde auch bei einer benachbarten Ranch mitfüttern lassen kann. Ich habe noch nicht herumgefragt, aber vermutlich müsste ich die Herde dann selbst hinübertreiben, und das habe ich noch nie gemacht. Wie viele Rancharbeiter müsste ich dafür anheuern?“

„Über wie viele Rinder reden wir denn?“

„Fünfunddreißig.“

„Dann reichen vermutlich zwei Reiter.“

„Alles klar.“

Er lachte erleichtert und sie konnte förmlich sehen, wie er am anderen Ende der Leitung über sein dichtes, kurzgeschnittenes dunkles Haar strich. War er so spät am Abend noch in seinem Büro? Oder war er schon zu Hause und im Bett wie sie?

„Aber gilt das auch, wenn einer der Reiter nicht besonders erfahren ist?“

Robin schüttelte den Kopf, um das verführerische Bild von Dylan im Bett zu vertreiben.

„Im Reiten?“, hakte sie nach.

Denn dass er im Bett keine Erfahrung hatte, hielt sie für unwahrscheinlich.

„Im Reiten …“ Er zögerte kurz, dann fuhr er fort: „Und darin, um Hilfe zu bitten.“

Wow. Passierte das gerade wirklich? So sehr Robin sich wünschte, dass er angerufen hätte, um sie um ein Date zu bitten, war sie doch so vernünftig, keine sofortigen Ergebnisse zu erwarten. Wie beim Training eines Pferdes war der erste Schritt, Vertrauen zu gewinnen. Nicht, dass das ein guter Vergleich gewesen wäre.

Aber irgendwie schon.

Der angeblich so sture Dylan Sanchez fragte sie um Rat.

„Da sind Sie bei mir definitiv an der richtigen Adresse“, erwiderte sie schlicht.

Dylan überlegte kurz, wie er auf Robins selbstbewusste Aussage reagieren sollte. Sein erster Eindruck von ihr heute war gewesen, dass sie umwerfend war. Der zweite, dass sie umwerfend und eine Besserwisserin war. Als sie wieder ging, stand für ihn fest, dass sie umwerfend, eine Besserwisserin und sehr von sich selbst überzeugt war. Doch dann hatte er am Nachmittag Recherchen zu dem Düngemittel angestellt und war zu dem Schluss gekommen, dass es nicht schaden konnte, ihr zumindest zuzuhören.

„Nun ja, Sie haben mir angeboten, mir die eine oder andere Sache beizubringen“, erwiderte er schließlich.

„Richtig. Aber es kommt auch darauf an, was für eine Art Hilfe Sie suchen.“ Robins Stimme war rau, aber feminin, und Dylan gefiel der Klang ein wenig besser, als gut für ihn war. Das war ihm schon am Vormittag aufgefallen, als sie sich vorgestellt hatte. Am Telefon war es jedoch noch verführerischer. Was vermutlich daran lag, dass er sie nicht sehen, sondern sich nur vorstellen konnte, wie sich ihre vollen rosa Lippen bewegten, wenn sie sprach.

„Wenn Sie eine Rancharbeiterin suchen, sollten Sie wissen, dass ich nicht kostenlos arbeite. Aber wenn Sie nachbarschaftlichen Rat brauchen, dann habe ich nichts dagegen, meine jahrelange Erfahrung mit Ihnen zu teilen.“

„Ich würde nicht im Traum daran denken, Sie um kostenlose Hilfe zu bitten. Natürlich würde ich Sie zum Mittagessen einladen.“

Entweder war Dylan nicht so witzig, wie er glaubte, oder Robin Abernathy wollte es ihm nicht zu leicht machen.

Als sie nichts erwiderte, fuhr er fort: „Ehrlich gesagt, suche ich jemanden, der mehr über Ranching weiß als ich und sich die Ranch mal ansehen würde, um mir eine grobe Einschätzung zu geben. Ich habe schon eine To-do-Liste angefangen, aber jedes Mal, wenn ich zweimal blinzele, gibt es etwas Neues, das ich hinzufügen muss. Und jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich nicht mehr weiß, was eigentlich am dringendsten wäre. Ich denke also, dass ich vor allem jemanden brauche, der mir eine Richtung vorgibt.“

„Oh, Richtungen vorgeben kann ich gut, das sagen zumindest meine Brüder. Aber ich muss Sie etwas fragen, Dylan …“ Robin hielt inne, als suche sie nach den richtigen Worten. „Warum haben Sie sich damit nicht an Jordan Taylor oder Boone Dalton gewandt?“

Jordans Familie gehörten die Triple T Ranch und Taylor Beef, einer der größten Rinderbetriebe in Montana. Boone betrieb mit seiner Familie Dalton’s Grange, ebenfalls eine riesige Ranch.

Dylan atmete langsam aus und hoffte, dass es nicht wie ein Seufzer klang. „Glauben Sie mir, sie haben ständig mit mir darüber gesprochen. Meine Schwäger und jeder andere in der Familie liegen mir ständig mit Ratschlägen in den Ohren. Und natürlich weiß ich, dass sie alle mehr Erfahrung haben als ich. Aber meine Familie sieht mein neuestes Unterfangen nicht sehr optimistisch. Natürlich wollen sie nicht, dass ich scheitere, und sie wissen auch, wie ich bin, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe. Aber wenn sie irgendwo ein ‚hab ich dir doch gleich gesagt‘ anbringen können, lassen sie sich die Gelegenheit nie entgehen. Weshalb ich es vermeide, ihnen Anlass dazu zu geben.“

„Wie sind Sie überhaupt zu der Ranch gekommen? Ich habe irgendwo gehört, dass Sie sie mit dem vorigen Eigentümer gegen irgendetwas getauscht haben.“

Wenn Robin neugierig war, würde sie ihm vielleicht helfen.

„Warum treffen wir uns nicht morgen auf der Ranch und ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte – und alles, was Sie sonst noch wissen wollen?“, schlug Dylan vor.

„Klar, warum nicht?“ An Robins Tonfall war schwer abzulesen, was sie dachte, bis sie hinzufügte: „Aber vergessen Sie nicht, dass Sie mir ein Mittagessen versprochen haben, wenn ich Ihnen helfe.“

Aber nachdem sie ihre Terminpläne abgeglichen hatten, lud er sie zum Frühstück ein.

„Danke, dass Sie es so früh einrichten konnten“, sagte er Robin am nächsten Morgen, als sie aus einem Truck stieg, wie er ihn auch in seinem Ausstellungsraum stehen hatte – nur dass dieser das Bonnie-B-Logo auf der Seitentür trug. Ja, von diesen hatte er im November ein paar an ihre Familie verkauft. Umso schlimmer, dass er Robin gestern nicht sofort erkannt hatte.

„Ich muss um neun los zum Autohaus, aber ich habe uns ein paar Muffins von Bean & Biscotti mitgebracht.“

„Zu etwas von Bean & Biscotti sage ich nie Nein“, erwiderte Robin, während sie die Scheune und die kaputten Zäune betrachtete. „Aber angesichts meiner ersten Eindrücke hier muss ich mein Honorar wohl erhöhen.“

Na toll. Genau deshalb hatte er aufgehört, Leute um Rat zu fragen: Er hatte keine Lust mehr, dann zu hören zu bekommen, was er nicht hören wollte.

Ihm fiel selbst auf, dass er wie ein trotziges Kind klang, als er sagte: „So schlimm ist es auch wieder nicht.“

„Ich habe auch nicht gesagt, dass es schlimm ist.“

Robin schob die Hände in die hinteren Taschen ihrer Jeans, wodurch ihre kleinen, aber wohlgerundeten Brüste sich unter ihrer Schaffelljacke abzeichneten. „Es wird Sie nur eine Menge Zeit und Energie kosten.“

„Die Energie habe ich, aber die Zeit ist bei mir derzeit etwas knapp. Jedenfalls, bis ich eine Bürohilfe im Autohaus gefunden habe. Deshalb muss ich auch um neun dort sein. Es stellt sich jemand vor. Also, bereit für die große Besichtigung?“

„Nicht nötig. Ich habe mir online ein paar Landbewertungen angeschaut und mit einigen Ihrer Nachbarn telefoniert.“

Dylan riss die Augen auf. „Wie bitte?“

Wenn er jemanden gewollt hätte, der ihm alles aus der Hand nahm und solche Entscheidungen traf, hätte er auch einen seiner Brüder fragen können.

„Ich habe die Leute angerufen, denen die Nachbarranches gehören.“ Sie deutete auf die weiße Schachtel, die auf einem der Zaunpfähle stand. „Sind das die Muffins?“

„Nein, ich habe schon verstanden, was Sie gesagt haben. Ich versuche herauszufinden, warum Sie das getan haben.“

„Um besser zu verstehen, womit wir es hier zu tun haben. Sie haben wohl nie mit Ihnen gesprochen, als Sie das Land übernommen haben?“

Robin ging zu dem Zaunpfahl und Dylan folgte ihr.

„Na ja, ich habe mich nicht offiziell als Nachbar vorgestellt, weil ich sie schon davor auf Geschäftsveranstaltungen in der Stadt getroffen hatte. Ich habe auf der Hochzeitstagsparty des Bürgermeisters sogar mit Mildred Epson getanzt.“

„Ja, das hat sie erwähnt. Sie sagte, dass Sie nach dem Auto gefragt haben, das Sie ihrem Urenkel verkauft haben, und ließ mich wissen, dass Sie ein verflixt guter Tänzer sind. Aber sie sagte auch, dass Sie die strittigen Hektar beim Hardy’s Creek nicht angesprochen haben.“

„Wieso strittig? Die gehören zu meinem Land. Zumindest laut der Katasterkarten.“

„Damit wären wir bei meiner ersten Lektion“, sagte Robin, während sie die Schachtel der Bäckerei öffnete. „Bringen Sie alles über die Geschichte des Landes und der Menschen, denen es gehört hat, in Erfahrung.“

„Wie soll mir das helfen? Ich bin immer noch komplett verwirrt.“ Als er sah, wie sie sich den Muffin mit der Wölbung nach oben vor den Mund hielt und direkt aus der Mitte abbiss, fügte er hinzu: „Und wie essen Sie eigentlich ein Muffin?“

„Haben Sie Hank Hardy nicht zu dem Land befragt, bevor Sie es gekauft haben?“, fragte Robin und betrachtete den Muffin in ihrer Hand. „Wieso, die Mitte ist doch das Beste daran. Warum sollte ich die nicht essen?“

„Man zieht doch zuerst das Papier ab. Hier, so.“ Er nahm ihr den Muffin aus der Hand und entfernte vorsichtig das Förmchen. Als er es ihr zurückreicht, streiften seine Finger ihre, was ein aufregendes Kribbeln in ihm auslöste.

Er räusperte sich. „Außerdem habe ich die Ranch nicht direkt gekauft. Sie wurde mir überschrieben.“

„Und wieso würde Ihnen Hank Hardy einfach seine Ranch überschreiben?“

„Nicht einfach so. Er wollte sich zur Ruhe setzen und mit einem Wohnmobil quer durchs Land fahren, um den kalten Wintern hier zu entkommen. Und er wollte ein neues Wohnmobil dafür. Also haben wir einen Handel abgeschlossen: Er bekam ein Wohnmobil und ich die Ranch.“

Sie aß den Rest des Muffins, dann fragte sie: „Und haben Sie die Ranch vorher schätzen lassen?“

„Mehr oder weniger. Einer meiner Collegefreunde ist behördlicher Makler und hat es mal durchgerechnet.“

„Dann wissen Sie also, dass 80 Hektar mit Gebäuden und einer Herde von fünfunddreißig Färsen sehr viel mehr wert ist als einer ihrer brandneuen Trucks, selbst, wenn er mit einer komplett ausgestatteten Wohnkabine kommt.“

„Danke schön!“, rief Dylan. „Könnten Sie bitte jedem in der Stadt erklären, dass ich mit meiner Ranch einen richtig guten Deal gelandet habe?“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr blonder Pferdeschwanz nur so flog.

„Warum nicht?“

„Weil Sie einen richtig schlechten Deal gelandet haben. Warum, meinen Sie, besteht die Herde aus Kühen?“

„Ich dachte, der alte Hank wäre zu nett, um sie zu schlachten.“

„Vielleicht. Aber vielleicht durfte er es auch nicht. Das Land steht unter Naturschutz.“

„Ich bin doch nicht total blöd, Robin. Das hat mein Freund mir auch gesagt. Ich darf das Land nur für landwirtschaftliche Zwecke nutzen. Abgesehen davon, dass ich das Ranchhaus und die anderen Gebäude sanieren kann, darf ich die Ranch niemals umwidmen oder an Bauunternehmen verkaufen.“

„Für eine normale Naturschutzvereinbarung trifft das zu. Aber diese Ranch fällt außerdem unter eine Vereinbarung mit einigen anderen Ranches in der Nachbarschaft, eine Art Wettbewerbsklausel unter Nachbarn. Oder ihren Vorfahren. So etwas ist selten, kommt aber vor. Vor hundert Jahren wurde das häufiger gemacht – als die Rancher sich um Weiderechte für ihre Rinder- und Schafherden gestritten haben.“

„Schafherden?“

Dylan spürte, wie er blass wurde.

„Keine Sorge.“ Robin unterdrückte offenbar ein Lachen. „Es müssen keine Schafe sein. Sie können jede Tierart halten, die sie interessiert. Es gibt nur einen kleinen Haken: Alles, was älter ist als neun Monate, darf nicht als Lebensmittel verkauft werden. Das bedeutet also kein Rindfleisch und keine Milchkühe.“

Dylan wurde kurz schwindelig, als seine großen Träume und Pläne vor seinen Augen den Bach runtergingen.

„Aber das ist doch das, womit man Geld verdient.“

Robin griff nach einem zweiten Muffin, dann erklärte sie: „Das Zauberwort ist neun Monate. Sie dürfen züchten, was angesichts der Färsen, die ich auf der Weide gesehen habe, durchaus lukrativ sein kann. Das ist eine gute Mutterkuhrasse und für abgestillte Kälber zur Herdenauffrischung gibt es einen guten Markt. Außerdem können Sie Rinder für Rodeos bereitstellen und dafür Geld verlangen. Mrs. Epson sagte, dass Hanks Familie das gemacht hat, bevor er das Land erbte. Sie hatten damit ein ziemlich gutes Auskommen.“

„Davon hat Hank mir nie was erzählt.“

„Hätten Sie den Handel abgeschlossen, wenn Sie es gewusst hätten?“

„Vermutlich schon.“ Dylan beschattete die Augen, um die Sonne abzuschirmen, die nun zwischen den beiden höchsten Spitzen der schneebedeckten Bergkette hindurchschien. „Was könnte schon so einen Ausblick toppen?“

Robin hatte gerade wieder in die Mitte ihres Muffins beißen wollen und hielt nun auf halbem Weg inne, um ihn anzustarren. Es erinnerte ihn daran, wie eine andere Frau ihn so angeblickt hatte, was ihn immer noch verfolgte. Er ließ die Arme sinken und zuckte die Achseln.

„Vermutlich könnten Sie ihn toppen. Natürlich kann die Broken Road Ranch niemals mit einer so großen und wertvollen Ranch wie der Bonnie B. mithalten. Aber ich, der ich als Mittelklassekind in einem Reihenhaus im Valley aufgewachsen bin, muss mich immer noch manchmal kneifen, um zu glauben, dass all das mir gehört.“

Dylan zeigte über die Weide hinweg auf ein kleines Wäldchen. „Sehen Sie den Bach, der dort aus dem Bergen kommt? Wenn im Frühling der Schnee schmilzt, wird er zu einem Fluss, der nur ein paar hundert Meter hinter der Scheune entlang fließt. Selbst nach meinen besten Verkäufen im Autohaus habe ich mich nie so gut gefühlt, wie wenn ich hier stehe und diese Landschaft sehe. Niemand träumt davon, Autohändler zu werden, Robin. Also ich jedenfalls habe es nicht getan. Zum Glück bin ich wenigstens gut darin. Aber Sie sind wie ich in Bronco aufgewachsen und wissen, dass hier der Erfolg daran gemessen wird, wie groß deine Ranch ist. Eins meiner größten Ziele im Leben war es immer, mein eigenes Land zu besitzen. Das Autohaus war immer nur Mittel zum Zweck. Vermutlich hätte ich alle meine Autos gegen diese Ranch getauscht, wenn Hank das gewollt hätte. Ich kann es nicht erklären, aber ich kann Ihnen sagen, dass dieses Land bereits ein Teil von mir ist. Und deshalb werde ich verdammt noch mal lernen, wie ich diese Ranch führe.“

3. KAPITEL

Robin betrachtete Dylan fasziniert und vergaß darüber völlig ihr Muffin. Sein charmantes Lächeln war ihr aufgefallen, seine Bitte um Hilfe hatte ihre Neugier geweckt. Doch die Leidenschaft für seine Ranch machte sie geradezu sprachlos – etwas, was laut ihrer Geschwister so gut wie nie vorkam.

„Ich glaube, Sie haben es gerade sehr gut erklärt“, sagte Robin, als sie endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Jetzt, wo ich weiß, warum Sie das Land lieben, sagen Sie mir, was Sie gern damit machen würden.“

„Auf lange Sicht möchte ich, dass es so viel Geld abwirft, dass ich mit gutem Gewissen mehr Zeit hier verbringen kann als bei Bronco Motors. Bis dahin würde ich gern das Haus etwas besser in Schuss bringen, damit ich hier wohnen kann.“

Robin blickte ihn fragend an. „Ich dachte, dass Sie bereits öfter hier geschlafen haben, als Eloise und Dante sich näher kennenlernten.“

„Nur ein paarmal, und das war furchtbar. Aber Dante hätte dasselbe für mich getan.“

„Wie meinen Sie das?“

„Na ja, nach einem Date eine Frau nach Hause zu bringen ist weniger romantisch, wenn man sich mit seinem Bruder eine Wohnung teilt. Also habe ich so getan, als ob ich oft über Nacht hier sein müsste. Zum Glück haben die zwei irgendwann aufgehört, sich über den Klatsch zu sorgen, und sind ins Heights Hotel gezogen, bevor sie ihr Haus gekauft haben.“

Wenn Dylans Liebe zum Land sie nicht schon davon überzeugt hätte, dass er ein Guter war, dann sicherlich die Tatsache, dass er bereit gewesen war, auf seinen Komfort zu verzichten, damit sein Bruder eine Beziehung haben konnte. Sie warf einen Blick zum Haupthaus hinüber, dessen Dach einsturzgefährdet wirkte. Sie hätte nicht eine einzige Nacht dort verbracht.

Doch sie hatte auch seine Aussage gehört, dass Dante dasselbe für ihn getan hätte. Nicht tat. Getan hätte. Brachte er nie Frauen mit nach Hause? Bei seinem Ruf war das schwer zu glauben.

Robin versuchte, beiläufig zu klingen, als sie fragte: „War es eine Umgewöhnung, allein zu leben, nachdem Ihr Bruder ausgezogen war?“

„Nur für meine Brieftasche. Seit wir abends keine Spiele mehr zusammen anschauen, habe ich nicht mehr so oft Wetten gewonnen. Was mich daran erinnert, dass ich mich erkundigen wollte, ob ich hier draußen Kabelfernsehen bekommen kann. Oder zumindest eine schnelle Internetverbindung. In sechs Wochen läuft die Miete für meine Wohnung aus, und dann möchte ich hier einziehen. Da will ich wenigstens die Frühjahrsturniere anschauen können.“

Er zog sein Handy aus der Tasche und tippte etwas ein.

„Was machen Sie?“, fragte sie.

Ohne aufzublicken, antwortete er: „Ich füge das meiner To-do-Liste hinzu.“

„Finden Sie nicht, dass es wichtiger wäre, sich um das Dach zu kümmern, als dass Sie Basketballturniere anschauen können?“

Dylan kniff die Augen zusammen. „Kann das nicht gleich wichtig sein?“

Robin seufzte. Entweder entschloss sie sich, ihm in allem zu helfen, oder sie ließ es. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Wieso sollte er nicht genug über Ranching lernen können, um die Ranch zum Laufen zu bringen?

„Sie sagten, Sie müssten um neun im Büro sein. Wie sieht der Rest Ihres Tages aus?“

„Vollgestopft.“ Dylan blickte auf seine Uhr. „Nach dem Vorstellungsgespräch und einer Telefonkonferenz mit dem Hersteller treffe ich mich hier um 12 Uhr mit einem Klempner. Wenn Sie die Scheune für eine Ruine halten, warten Sie, bis Sie das Haupthaus sehen. Danach soll ich bei Camilla im Restaurant vorbeikommen, um ein paar Ideen zu besprechen, die sie und Sofia sich für diesen Backwettbewerb ausgedacht haben, zu dem sie mich zwingen. Danach fahre ich wieder ins Autohaus, um an einer Verkaufsprognose zu arbeiten und den morgigen Tag mit den Verkäufern und dem Mechaniker zu besprechen. Und dann versuche ich, vor Einbruch der Dunkelheit für die Abendfütterung wieder hier zu sein.“

Der Backwettbewerb, zu dem sie ihn gezwungen hatten?

Robin merkte sich diese beiläufige Information, um später darüber nachzudenken.

„Hätten Sie was dagegen, wenn ich hierbleibe und mir den Rest der Ranch anschaue? Dann könnte ich mir schon mal ein paar Notizen machen und einen Schlachtplan entwerfen.“

„Das wäre großartig! In der Scheune steht ein altes Golfmobil, und mit alt meine ich antik. Aber Hank hat es mit Geländereifen versehen und die Batterie reicht für etwa eine Stunde Fahrt.“

Dylans Handy pingte, und er blickte aufs Display. „Tut mir leid, dass ich Sie hier so stehenlasse, aber ich muss wirklich los. Vielleicht könnten Sie mich später anrufen und mich wissen lassen, welche Punkte auf Ihrer To-do-Liste stehen?“

Bei dem Gedanken an ein weiteres nächtliches Gespräch mit ihm schlug ihr Herz ein bisschen schneller – doch dann holte die Realität sie wieder ein, als ihr Blick auf die zerbrochenen Kornspeicher in der Scheune fielen.

„Ich werde vermutlich noch hier sein, wenn Sie zurückkommen.“

„Die Liste wird so lang, ja?“

Sein charmantes Lächeln war zurück, doch es erreichte nicht ganz seine Augen. Es war deutlich zu sehen, dass er immer noch überfordert war, aber versuchte, es herunterzuspielen.

„Nein“, erwiderte sie ebenfalls lächelnd, um ihm ein wenig Zuversicht zu vermitteln. „Aber sie wird sehr detailliert.“

Er hob eine Braue. „Detailliert klingt nach teuer.“

„Das muss nicht sein, wenn Sie wissen, wo und wie man ein gutes Geschäft macht.“

Als sich seine Schultern sichtlich entspannten, erreichte das Lächeln auch endlich seine Augen. „Sie sind eine Frau ganz nach meinem Herzen.“

Das klang ein wenig zu sehr nach dem, was sie sich heimlich wünschte, und sie spürte, wie Röte an ihrem Hals aufstieg.

Bevor sie ihre Wangen erreichte, sagte Robin hastig: „Dann hole ich nur schnell mein Notizbuch und meinen Kaffee aus dem Auto und fange gleich an.“

Mit langen, schnellen Schritten verließ sie die Scheune. Die kalte Winterluft draußen beruhigte ihre aufgeheizten Sinne. Jedenfalls, bis sie merkte, dass er direkt hinter ihr war.

Mit seiner weichen, tiefen Stimme sagte er: „Hey, Robin?“

Ihren Vornamen aus seinem Mund zu hören ließ sie innehalten, doch sie drehte sich nicht um.

„Ja?“

„Meinen Sie, wir sollten über mein Budget reden, bevor Sie sich zu viel Arbeit machen?“

Ihre Familie war ein wenig altmodisch, wenn es darum ging, über Geld zu reden – es war tabu. Doch Dylan hatte schon vage angedeutet, dass er nicht aus einer reichen Familie stammte und sich mit Sportwetten etwas dazuverdiente, sie musste also seine finanziellen Möglichkeiten im Auge behalten.

Sie räusperte sich. „Natürlich.“

Er nannte eine Summe, die viel höher war, als sie erwartet hatte. Einen Moment lang machte sie große Augen, bevor ihr Kopf schon begann, die besten Investitionsmöglichkeiten durchzuspielen.

Offenbar verstand Dylan ihre Reaktion falsch, denn er hob das Kinn. „Was denn? Dachten Sie, ein Junge aus dem Valley könnte nicht so viel Geld auf der hohen Kante haben?“

„Nein.“ Sie hob die Hände, um ihren Pferdeschwanz zu richten und ih...

Autor

Rae Anne Thayne

RaeAnne Thayne hat als Redakteurin bei einer Tageszeitung gearbeitet, bevor sie anfing, sich ganz dem Schreiben ihrer berührenden Geschichten zu widmen. Inspiration findet sie in der Schönheit der Berge im Norden Utahs, wo sie mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern lebt.

Mehr erfahren
Linda Turner

Linda Turner wurde in San Antonio, Texas geboren. Sie hatte eine Zwillingsschwester Brenda. Keiner außer ihren Eltern und ihr älterer Bruder konnten sie auseinanderhalten. Sie zogen sich gleich an, hatten die gleichen Frisuren und trugen sogar die gleichen Brillen. Und so war es nicht verwunderlich, dass sie überall, wo sie...

Mehr erfahren
Judy Duarte

Judy liebte es schon immer Liebesromane zu lesen, dachte aber nie daran selbst welche zu verfassen. „Englisch war das Fach in der Schule, was ich am wenigsten mochte, eine Geschichtenerzählerin war ich trotzdem immer gewesen,“ gesteht sie. Als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, wagte Judy den Schritt zurück auf die...

Mehr erfahren

Für weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte wenden Sie sich bitte an info@cora.de.