Baccara Exklusiv Band 269

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SINNLICH VERFÜHRT VON EINEM PLAYBOY von KIMBELY TROUTTE

Wenn Michele den Kochwettbewerb gewinnt, kann sie im Lokal des legendären Restaurantkritikers Jeff Harper arbeiten. Womit sie allerdings nicht gerechnet hat, ist das Begehren, das während des Wettbewerbs zwischen ihr und Jeff entflammt. Doch Jeff hat den Ruf, ein Playboy zu sein ...

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  • Erscheinungstag 07.03.2026
  • Bandnummer 269
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537919
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kimberly Troutte, Kayla Perrin, Joss Wood

BACCARA EXKLUSIV BAND 269

Kimberly Troutte

1. KAPITEL

Jeff Harper presste die Stirn an die deckenhohe Fensterscheibe seines Wohnzimmers und beobachtete die Menge an Reportern, von denen es weiter unten nur so wimmelte. Da er sich zweiundzwanzig Stockwerke über dem Central Park befand, konnten sie keine Aufnahmen von ihm machen. Aber sowie er aus dem Gebäude trat, würden sie über ihn herfallen.

Und sie würden jedes Wort, das er sagte oder nicht sagte, dazu nutzen, ihm sein Grab zu schaufeln – ihm und seiner verrottenden Karriere.

Verdammt, wie er es hasste zu versagen.

Noch vor einer Woche war Jeff in der Lage gewesen, mit Übergriffen auf seine Privatsphäre klarzukommen. Er hatte längst gelernt, die Kameras zu seinem Vorteil zu nutzen. Die Presse verfolgte ihn durch ganz New York, weil er der letzte unverheiratete Prinz von Harper Industries und Hotelkritiker in der Show „Secrets and Sheets“ war. In den letzten drei Jahren hatte sein Name ständig auf der Liste der begehrtesten Junggesellen der USA gestanden, und in Interviews versicherte er stets, dass es keine besondere Frau in seinem Leben geben und er nie heiraten würde.

Warum sollte er wie seine Eltern enden?

Bisher war er mit der Presse klargekommen – bis sein Hintern plötzlich auf den Titelseiten von Boulevardzeitungen prangte und darüber die Schlagzeile „Hotelkritiker bei Sexskandal erwischt“.

Sexskandal. Schön wär’s.

Man hatte ihn reingelegt. Und das belastende Video hatte sich natürlich in Windeseile verbreitet. Die von ihm ins Leben gerufene Show war abgesetzt worden. Alles, was er sich aufgebaut hatte – seine Karriere, sein Ruf, seine lebenslange Leidenschaft für die Hotelbranche –, hatte sich in Rauch aufgelöst. Vielleicht würde er nie zurückbekommen, was er verloren hatte.

Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch einstellen würde. Und natürlich war es genau die Person, die Jeff sich geschworen hatte niemals anzubetteln. Er zog eine Grimasse und wählte die Nummer. Es klingelte nur ein Mal.

„Hallo, Jeffrey. Ich habe schon auf deinen Anruf gewartet.“

„Hey, Dad. Ich habe mich gefragt …“ Er schluckte hart. Es würde wehtun. „Ist das Familienhotelprojekt noch aktuell?“

Vor einem Jahr, als Jeffs Bruder nach Plunder Cove heimgekehrt war, hatte sein Vater Jeff angeboten, den Umbau der spanischen Familienvilla in ein exklusives Fünf-Sterne-Resort zu übernehmen. Die Idee hatte ihm mehr gefallen, als er zugeben wollte. Das Design, die Entwicklung und Verwaltung von Hotels waren sein Traum, seit er alt genug war, mit Bauklötzen zu spielen. Seither hatte er stetig daran gearbeitet, ein internationaler Experte auf dem Gebiet zu werden. Doch da war noch mehr.

Er konnte schlecht in Worte fassen, wieso es ihm so wichtig war, das Haus seiner Kindheit in einen sicheren Ort zu verwandeln. Niemand würde verstehen, wie viel es ihm bedeutete, die Vergangenheit mit eigenen Händen neu zu formen. Doch er hatte das Angebot seines Vaters abgelehnt, weil RW gemein und egoistisch war und Jeff nie respektiert hatte.

Aber er konnte es sich nicht aussuchen.

„Du hast es dir also überlegt“, erwiderte RW.

Hatte er eine Wahl? „Der Sender hat meine Show abgesetzt. Ich habe gerade Zeit.“

„Wunderbar.“

Sein Vater hörte sich zufrieden an. Die Enge in Jeffs Brust löste sich etwas, als ihm klar wurde, dass er nicht um den Job betteln musste. Fast hatte er erwartet, dass sein Vater ihn zu Kreuze kriechen lassen würde. „Ich fange morgen an.“

„Es gibt eine Bedingung.“

Schon klar. Jeff stellten sich die Nackenhaare auf. „Ach ja? Welche denn?“

„Du musst dein Image aufpolieren. Ich habe das Video gesehen, mein Sohn.“

Nervös wanderte Jeff in seinem Wohnzimmer auf und ab. „Es ist nicht das, wonach es aussieht.“

„Da bin ich aber erleichtert. Denn wenn dem so wäre, hättest du mit einem Zimmermädchen einen Quickie im Fahrstuhl von Xander Finns Hotel gehabt. Wie billig. Die Harpers bezahlen für ihre Suiten.“

Jeff knirschte mit den Zähnen. „Ich habe für die Suite bezahlt.“ Nur hatte er keine Zeit mehr gehabt, sie zu benutzen, weil er dabei gewesen war, eine soziale Ungerechtigkeit aufzudecken.

Jeff waren Menschen wichtig, und so nutzte er die Macht seines Namens und die seiner Show, um Dinge richtigzustellen. Der große RW würde nie verstehen, was sein Sohn auf sich nahm, um Megareiche wie Xander Finn bloßzustellen.

Einige Wochen zuvor hatte Finn der Crew von „Secrets and Sheets“ körperliche Gewalt angedroht, sollten sie je durch die vergoldeten Türen seines teuersten Hotels in Manhattan treten. Die Drohung machte Jeff neugierig, was der Mann zu verbergen hatte. Er hatte die Episode selbst gedreht und herausgefunden, wie einer der reichsten Männer New Yorks seine Kunden abzockte.

Nur hätte Jeff niemals gedacht, dass er selbst zum allgemeinen Gespött werden würde. Das Neueste, was im Internet über ihn kursierte, trug den Titel „Die, die es können, betreiben Hotels; die, die es nicht können, werden sexbesessene Kritiker“.

„Beim Erfolg geht es nur ums Image“, erklärte RW. „Und deins muss gründlich aufpoliert werden, Jeffrey. Wusstest du nicht, dass Hotels Videokameras in ihren Aufzügen haben?“

„Natürlich. Ich bin reingelegt worden!“ Jeff biss sich auf die Zunge, um nicht damit herauszuplatzen, was wirklich in dem Aufzug passiert war. Als er ein sechsjähriger Junge gewesen war, hatte sein Vater ihn schon nicht beschützt. Warum sollte er es jetzt tun?

Jeff war auf sich gestellt. So war es immer schon gewesen.

„Warte mal.“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke. „Woher weißt du, dass es Finns Aufzug war? Hat er dir das ganze Video geschickt?“

„Xander und ich kennen uns schon ewig. Er war mir schon immer ein Dorn im Auge. Nein, ich habe es nicht ganz gesehen, aber er hat mir versichert, der Rest sei noch schlimmer. Ich gehe davon aus, dass du der Öffentlichkeit diesen Anblick ersparen möchtest?“

Langsam atmete Jeff aus. Der kleine Videoausschnitt war schlimm genug. Würde auch der Rest veröffentlicht werden, gäbe es kein Zurück mehr für ihn. „Was will er?“

„Kannst du dir das nicht denken?“

Jeff rieb sich den Nacken. „Meine Aufnahmen aus dem Hotel.“

„Genau. Und eine Erklärung im TV, dass sein Hotel über jeden Vorwurf erhaben und das beste Hotel ist, das du je gesehen hast.“

„Das werde ich nicht tun. Es war mit das Schlimmste, was ich je gesehen habe. Denk an die Menschen, die jahrelang auf einen Urlaub in seinem schicken Hotel gespart haben. Niemand wird mich je wieder einschüchtern, Dad.“

„Dann haben wir ein Problem.“

„Wir?“

„Harper Industries muss seinen Ruf wahren. Wir können nicht einfach so einen sexbesessenen …“

„Dad! Ich bin reingelegt worden.“

„Du kannst nur erpresst werden, weil du gefilmt worden bist. Du hast es vermasselt.“

Na also. Das war der Vater, den Jeff erwartet hatte. RWs missbilligender Tonfall war typisch für ihn.

„Nein. Ich kann nur erpresst werden, wenn ich es zulasse. Und das werde ich nicht“, blaffte Jeff ihn an.

„Denk drüber nach. Er droht, Teile deines verdammten Sexvideos zu veröffentlichen, wenn du nicht auf seine Bedingungen eingehst. Bei der schlechten Presse bekommst du nie wieder einen Job in der New Yorker Hotelbranche. Oder sonst wo. Nicht mal bei mir.“

Jeff kniff sich in die Nase. „Dann hat er mich drangekriegt.“

„Nicht wenn wir ihm mit guter PR entgegentreten. Und es muss schnell gehen, damit nicht das ganze Plunder-Cove-Projekt darunter leidet. Ich habe den Menschen dort einen Anteil am Profit des Resorts versprochen und will mein Wort halten.“

„Nach allem, was mir gerade passiert ist, sorgst du dich am meisten darum, dass die Einwohner von Pueblicito ihren Anteil nicht bekommen?“

„Die Harpers schulden ihnen etwas, Sohn.“

Angewidert schüttelte Jeff den Kopf. Die Harpers waren Piraten. Ihr illustrer Familienstammbaum umfasste Freibeuter und Landbarone, denen die Menschen von Pueblicito einst gehört hatten. RW war keinen Deut besser. Ihm ging es nur um den Profit für Harper Industries.

Gier hatte seine Familie zerstört.

Und jetzt will Dad diesen Profit mit Fremden teilen? Wo ist der Haken?

Dem fiesen Ölmagnaten konnte unmöglich ein wohltätiges Herz gewachsen sein.

„Wieso jetzt?“, fragte Jeff nach.

„Ich habe meine Gründe. Und die gehen dich nichts an.“

Ausflüchte. Geheimnisse. Das passte schon eher zu dem Vater, an den Jeff sich erinnerte. Vermutlich führte der Alte die Einwohner von Pueblicito gewaltig an der Nase herum. Der RW, den Jeff kannte, war ein meisterhafter Intrigant, der unfair kämpfte und sich nahm, was er wollte.

„Du hast die Wahl. Entweder Xanders Bedingungen oder meine.“ RW machte eine effektvolle Pause. „Gemeinsam könnten wir ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.“

„Ich höre.“

„Wir präsentieren der Öffentlichkeit einen respektablen Jeffrey Harper, einen aufrechten Geschäftsmann. Und bald wird wieder jeder zu dir aufsehen. Unsere Aktionäre haben die Sicherheit, dass du sesshaft geworden und so weit bist, Harper Industries bei diesem neuen Projekt zu repräsentieren.“

„Wie?“

„Mit einem rechtsgültigen, vor Zeugen unterzeichneten Vertrag.“

Jeff runzelte die Stirn. „Was für einem Vertrag?“

„Einem ‚Bis-dass-der-Tod-uns-scheidet‘-Vertrag.“

Nur über meine Leiche.

Jeff sank auf die Couch. „Ich werde nicht heiraten.“

„Du kannst nicht für immer den Playboy spielen. Es ist Zeit, eine Familie zu gründen.“

„So wie du? Wie ist das für dich ausgegangen, Dad?“ Das war ein gewaltiger Tiefschlag. Jeff würde seinen Eltern niemals verzeihen, durch welche Hölle sie ihn, seinen Bruder und seine Schwester geschickt hatten.

RW erwiderte nichts, was Jeff auch nicht erwartet hatte. Die Stille war wie ein Hammer, der die Nägel in die Wand der Bitterkeit zwischen ihnen hieb.

Nach einer Weile sagte RW: „Ende dieser Woche stelle ich einen Projektmanager ein. Und wenn das Hotel fertig ist, auch einen Manager. Wenn du auf meine Bedingungen eingehst, hast du beide Jobs. Wenn nicht, musst du allein klarkommen.“

Ich komme allein klar, seit ich sechzehn bin und du mich aus dem Haus geworfen hast, alter Mann.

„Überleg’s dir.“ RWs Stimme wurde weicher. „Das Hotel, das du in Plunder Cove aufbaust, wird ein Familienvermächtnis sein. Zwar vertraue ich niemandem so leicht, aber ich glaube, dass du es richtig machen wirst.“

Jeff verschlug es die Sprache. So etwas hatte er noch nie von seinem Vater gehört.

Er starrte auf seine Schuhe. Wollte glauben, was sein Dad gesagt hatte, aber seine Erfahrungen mit RW machten es ihm nicht leicht. Genauso wenig wie seine Bedingung. „Komm schon, Dad. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich heirate.“

„Ich gebe dir ein paar Tage, um darüber nachzudenken“, erwiderte RW. Ein paar Tage, in denen eine weitere Million Menschen diese verdammten Videoschnipsel teilen würden – sofern er nicht zurückschlug.

Der lächerliche Plan seines Vaters war das Einzige, was irgendwie Sinn ergab.

Es stank ihm gewaltig. „Lass deine Leute nach einem Koch suchen. Einem großartigen Koch“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Du willst eine Köchin heiraten?“

„Nein, ich will eine einstellen. Ein exklusives Resort braucht ein Fünf-Sterne-Restaurant. So bringen wir den Ball ins Rollen. Ein Restaurant lässt sich schneller auf die Beine stellen, und sein guter Ruf verbreitet sich rasant. Wirb eine Gruppe Köche aus den weltbesten Restaurants mit Verträgen an, die sie nicht ablehnen können. Ich bewerte ihre kulinarischen Fähigkeiten und wähle einen Gewinner aus.“

„Ein Wettbewerb? Du lässt sie gegeneinander antreten?“

„Nenn es Teil der Bewerbung. Mein Koch muss Stress gewachsen sein.“

„Du musst heiraten, Jeffrey. Das ist meine einzige Bedingung. Und mir ist egal, wen, solange sie dich respektabel dastehen lässt.“

Jeff wollte keine Ehefrau. Er wollte ein Hotel.

Er musste Plunder Cove zum besten Ort der Welt machen, wenn er seine Würde zurückhaben und diese unschöne Affäre überleben wollte.

Plötzlich hatte er einen Plan. Der Produzent von „Secrets and Sheets“ hatte ihn schon seit Jahren gedrängt, eine Reportage über die spanische Villa und ihre Piratenvergangenheit zu drehen. Aber warum einen Ort glorifizieren, der ihm immer noch Albträume verursachte? Doch jetzt konnte seine Kindheit ihm dabei helfen, seine Karriere wieder anzukurbeln.

„Na schön. Meine Crew kann die Zeremonie in einem der Gärten oder am Strand filmen und die Feier in dem neuen Restaurant. Eine bessere Werbung wirst du für das Resort nicht bekommen.“

„Na also. Das gefällt mir“, erwiderte RW.

Ach ja? Tja, das ist aber nur der erste Teil des Plans.

Sein Dad musste ja nicht wissen, dass Jeff seinem Produzenten die Hochzeitsaufnahmen im Austausch für etwas weit Wichtigeres anbieten würde: die finale Episode von „Secrets and Sheets“. Zum hundertsten Mal wünschte sich Jeff, er hätte ihm das Rohmaterial nie gegeben oder eine Kopie für sich behalten. So stand er Finn mit leeren Händen gegenüber. Aber nicht mehr lange. Sowie er die Aufnahmen hatte, würde er sie über jeden nur erdenklichen Medienkanal veröffentlichen. Damit wäre die Erpressung vom Tisch, und alle Welt würde wissen, was Finn seinen Kunden – und Jeff – angetan hatte.

Niemand legte ungestraft einen Harper aufs Kreuz. Und zum ersten Mal seit einer Woche lächelte Jeff.

Michele Cox kuschelte sich neben ihrer Schwester in deren Bett auf der Station und las Cari ihr Lieblingsbilderbuch vor. In „Rosies Zauberpferd“ ging es um ein Mädchen, das ihre Familie vor dem finanziellen Ruin bewahrte, indem sie sich auf einem Pferd aus einem Eisstiel auf die Suche nach einem Piratenschatz begab. Cari bestand darauf, dass Michele ihr dieses Buch jeden Abend vorlas.

Doch heute war sie eingeschlafen, bevor Michele geendet hatte. Trotzdem las Michele weiter. Manchmal brauchte sie solche Märchen selbst. Schließlich schlüpfte sie vorsichtig aus dem Bett, um ihre kleine Schwester nicht aufzuwecken.

„Süße Träume, Cowgirl“, flüsterte sie und küsste Cari auf die Stirn.

Schweren Herzens lief sie zum Stationszimmer. „Ich werde sie jeden Tag anrufen und ihr jeden Abend vorlesen“, sagte sie zu einer von Caris Lieblingspflegerinnen. „Sie haben meine Nummer. Melden Sie sich sofort, wenn sie einen Schnupfen bekommt.“ Cari war anfällig für Lungenentzündungen und deshalb schon öfter im Krankenhaus gewesen.

„Keine Sorge, sie wird schon wieder. Sie kennt den Ablauf ja und fühlt sich hier wohl. Wir werden uns gut um sie kümmern.“

Micheles Magen zog sich zusammen. Cari hatte sechs lange, schmerzhafte Monate gebraucht, um sich in dem Heim einzuleben. Was würde passieren, wenn Michele die Kosten dafür nicht mehr zahlen konnte?

„Vielen Dank dafür. Sie ist alles, was ich habe.“ Michele wischte sich eine Träne weg.

„Oh, Liebes. Gehen Sie, und haben Sie Spaß. Sie haben es sich verdient.“

Es verdient? Nein, Michele war diejenige, die es vermasselt und das Geld verloren hatte, das ihre Schwester brauchte. Dieser Gedanke brach ihr das Herz.

Sie fuhr in ihre Wohnung, schenkte sich ein Glas Wein ein und ließ sich am Küchentisch ihrer schmerzhaft stillen Küche nieder. Gott, wie allein sie sich fühlte. Sie war die Einzige, die für ihre Schwester sorgte. Ihre Mom war vor sechs Monaten gestorben und ihr Vater, als Michele erst zehn war. Cari brauchte Pflege und einen Ort, an dem sie ein glückliches Cowgirl sein konnte. Aber das alles kostete Geld, und genau das hatte ihr sogenannter Partner Michele gestohlen.

Es gab nur einen Weg, diesen fürchterlichen Schlamassel, den sie angerichtet hatte, zu beseitigen.

Michele nahm sich den Umschlag mit dem Absender „Harper Industries“, zog das Bewerbungsformular daraus hervor und las es erneut. Die Kandidaten werden für Jeffrey Harper kochen und von ihm bewertet werden. Bei dem Gedanken drehte sich ihr der Magen um.

Sie war kein Fan seiner Show. Sein Playboy-Gehabe ließ sie kalt. Schließlich hatte sie im Laufe ihrer Karriere jede Menge arroganter, anspruchsvoller Männer erlebt. Ihrem letzten Chefkoch hatte sie alles gegeben, was sie hatte, und er hatte sie arm und allein zurückgelassen. Seinetwegen hatte sie die Lust am Kochen verloren – und damit die letzte Verbindung zu ihrer Mutter.

Diese hatte sie mit den Familienrezepten vertraut gemacht, als Michele erst sieben war. Ihre glücklichsten Erinnerungen entstammten diesem warmen, tröstenden Ort. Während der Rest des Hauses dunkel und voll erstickender Erinnerungen war – Krebs, Tabletten, Tod –, bot ihr die Küche Sicherheit. Wie die Umarmung ihrer Mutter.

Als junges Mädchen hatte Michele mit Gerichten herumexperimentiert, um ihrer Mom und Cari eine Freude zu machen. Ihre Mutter hatte sie ermutigt, ihre Kreationen bei örtlichen Kochduellen einzureichen, die sie überraschenderweise alle gewann. Daraufhin hatte die Lokalzeitung sie „Wunderkind“ und einen „Picasso der Küche“ genannt. Kochen war damals wie ein Strom aus Farben, der durch ihre Adern floss. Pfannenwender und Löffel waren ihre Malstifte. Sie musste nur noch die Farben ineinanderfließen lassen.

Doch jetzt fühlte sie sich leer. Ihre Leidenschaft war erloschen. Was, wenn ihr einziges Talent, mit dem sich Geld verdienen ließ, nie mehr zurückkehrte?

Wer war Michele Cox, wenn sie keine Köchin sein konnte?

Gedankenverloren tippte sie mit dem Stift auf der Bewerbung herum. Konnte sie es vortäuschen? Jeffrey Harper war ein berüchtigter Kritiker. Würde er den Unterschied zwischen leidenschaftlichem und schlichtem Kochen bemerken? Wenn ja, würde er sie vernichten.

Aber wenn nicht …

Der Kochjob beinhaltete einen Vorschuss von zwanzigtausend Dollar. Zwanzigtausend! Mit so viel Geld könnte Cari weiter Reitstunden nehmen. Reittherapie half Menschen mit Down Syndrom. Michele war überrascht gewesen, wie lebhaft ihre Schwester wurde, als sie zum ersten Mal ein Pony anfasste. Caris kognitiven, motorischen, sprachlichen und sozialen Fähigkeiten waren aufgeblüht. Aber Reitstunden waren nicht billig und die Heim- und Arztkosten auch nicht. Michele war zwei Wochen mit ihrer Miete im Rückstand und hatte kaum genug Geld, um Caris Pflege zu bezahlen.

Wenn Harper Industries sie nicht einstellte, würden sie beide vielleicht bald auf der Straße sitzen.

Michele unterschrieb die Bewerbung. Jetzt musste sie nur noch ein Video von sich aufnehmen, in dem sie eine einzige Frage beantwortete: Warum wollen Sie für Harper Industries arbeiten?

Sie straffte sich, sah in die Kamera an ihrem PC und startete die Aufnahme. „Ich will für Harper Industries arbeiten, weil ich glaube, dass guten Menschen Gutes widerfahren kann.“ Ihre Stimme brach, und sie beendete die Aufnahme schnell.

Verdammt! Beinahe wäre sie damit herausgeplatzt, was im Alfieri’s passiert war. „Reiß dich zusammen, Michele. Wenn du die ganzen schmutzigen Details preisgibst, stellen sie dich nie ein.“

Tief atmete sie durch und versuchte es noch einmal. „Ich bin Michele Cox, ehemals Köchin im Fünf-Sterne-Restaurant Alfieri’s in Manhattan. Ich füge meine Referenzen bei, aber diese machen eine Köchin nicht aus und sind auch nicht der Grund, wieso ich koche. Essen, Mr. Harper, ist eine sehr wirksame Medizin. Eine leckere Küche lässt Menschen sich gut fühlen. Mit einem Bissen exzellenter Ricotta-Cannelloni kann ein Gast seine Einsamkeit lindern. Das ist es, was ich tue. Ich mache Gäste glücklich und gebe ihnen das Gefühl, geliebt zu werden. Und das kann ich auch für Ihr neues Restaurant tun. Ich hoffe, dass Sie mir eine Chance geben. Vielen Dank.“

Tja, das war gar nicht einmal so schlecht. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, drückte sie auf „Senden“ und vervollständigte ihre Bewerbung mit all den versprochenen glänzenden Zeitungsartikeln, um sie per Kurier zu verschicken. Heute war der Tag, an dem sie das Alfieri’s hinter sich ließ.

Ein guter Mensch sollte hin und wieder eine Chance bekommen. Und sie brauchte dringend eine.

2. KAPITEL

So schnell sie konnte, rannte Michele mit ihrem Rollkoffer im Schlepptau über das Parkdeck. Der Taxifahrer hatte sie am Flughafen von Los Angeles am falschen Terminal abgesetzt. Jetzt war sie spät dran, weil der Mann offensichtlich nicht glauben wollte, dass eine Frau wie sie tatsächlich am Terminal für Privatflugzeuge abflog.

Ihr Herz raste, als sie am Flugsteig ankam. „Bitte sagen Sie mir, dass ich … nicht … zu spät komme.“

„Name?“

„Michele Cox. Ein Jet von Harper Industries soll mich …“

Die Tür öffnete sich. „Sie werden erwartet.“

„Hier drüben.“ Eine Frau in einer blauen Uniform winkte sie heran. „Oje. Ihre Wangen sind ganz rot. Kommen Sie, in der Privatlounge gibt es Eiswasser, aber für eine Dusche bleibt keine Zeit. Mr. Harper möchte gleich starten.“

Eine Dusche in einer Privatlounge auf dem Flughafen? Und Jeffrey Harper ist an Bord? Michele mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie nach ihrem Paniksprint durch die kalifornische Sonne aussah. Zweifellos waren ihre Wangen eher scharlachrot. Schnell fuhr sie sich mit den Fingern durchs Haar und hoffte das Beste.

Eine Tür öffnete sich, und Michele trat in eine feudale Lounge mit cremefarbenen Sofas, dunkelblauen Vorhängen, Spieltischen und einer Kirschholz-Bar. Fünf Frauen saßen bereits dort, plauderten und tranken Champagner.

„Miss Cox?“, vernahm sie da eine tiefe Stimme. „Ich wäre fast ohne Sie geflogen.“

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, bis ihr klar wurde, dass der Mann nicht Jeffrey Harper war. Er war zwar irre attraktiv – groß, dunkelhaarig und breitschultrig –, aber verheiratet, wie der funkelnde Ehering an seinem Finger zeigte.

„Entschuldigung.“ In diesem Moment verabschiedete sich eine der Rollen an ihrem Koffer. Sie zerrte ihn in seine Richtung. „Danke fürs Warten. Das internationale Terminal war wahnsinnig voll und …“ Ihr Absatz brach ab, und sie verstauchte sich fast den Knöchel. „Verflixt!“

„Das internationale Terminal? Das ist gut anderthalb Kilometer von hier entfernt.“

„Nur anderthalb?“ Sie rang nach Luft. „Hat sich wie drei angefühlt.“

„Lassen Sie mich das nehmen.“ Er übergab ihr Gepäck einem Mitarbeiter, während sie ihren Absatz aufhob und sich im Raum umsah. Als sie eine schöne, Französisch sprechende Frau an der Bar sah, sank ihr Herz. Das war doch Suzette Montclair, die Königin der französischen Küche! Was tat die denn hier?

„Jetzt, da wir vollzählig sind“, erhob der Mann die Stimme über das Geschnatter, „möchte ich mich vorstellen. Ich bin Matt Harper, Jeffs Bruder und Ihr Pilot nach Plunder Cove. Haben Sie noch Fragen, bevor wir einsteigen?“

Die Frauen sahen sich gegenseitig an. Michele beschlich ein ungutes Gefühl, und sie hob die Hand.

„Ja, Miss Cox?“

„Bewerben wir uns alle für die Stelle als Koch?“

Matt zuckte mit den Schultern. „Sieht so aus.“

„Ich verstehe nicht. Ich dachte, es gäbe nur eine offene Stelle.“

„Ich auch nicht“, sagte eine andere Frau. „Wieso sind wir alle hier?“

Eine Frau inmitten der Gruppe lachte auf. Sie hatte dichtes dunkles Haar und grüne Augen. „Ist das nicht offensichtlich? Es ist ein Wettbewerb. Der Gewinner darf für den sexy Jeffrey Harper arbeiten.“ Sie zwinkerte Matt zu.

„Gehört das zu seiner Show?“, fragte eine andere Frau ruhig, die Michele als Lily Snow erkannte. Sie war Köchin des The China Lily, einem gehobenen chinesischen Restaurant in Manhattan.

„Macht er jetzt eine Kochshow?“, fragte eine Schwedin mit auffallend weißblondem Haar. Ihre großen Augen wirkten wie Saphire in ihrem milchblassen Gesicht. Sie war groß, anmutig und wunderschön. Alles an ihr strahlte Perfektion und Wohlstand aus.

Unauffällig versuchte Michele, sich den Schweiß von der Oberlippe zu wischen. Jeffrey Harper würde ihr Elend in eine Kochshow verwandeln. Würde sie in der Lage sein, nicht nur ihm die Köchin vorzuspielen, die sie einst gewesen war, sondern ganz Amerika?

Matt schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, was hier vorgeht. Ich soll Sie nur nach Plunder Cove fliegen. Falls jemand aussteigen möchte, hat er jetzt die Chance dazu. Ich werde Ihnen einen Fahrer besorgen, der Sie zu Ihrem Terminal bringt, und Ihnen den Heimflug bezahlen.“

Angesichts der vielen talentierten Frauen im Raum war Michele einen kurzen Moment versucht, auf das Angebot einzugehen. Aber sie brauchte den Job – für sich und für Cari. Sie rührte sich nicht. Und die anderen Frauen auch nicht.

„Niemand?“ Matt nickte. „Gut. Folgen Sie mir zum Jet.“

Drei Stunden später bog eine Stretchlimousine mit sechs Kochkandidatinnen an Bord in eine breite Auffahrt ein, die von wunderschönen Bäumen voller lila Blüten gesäumt wurde.

„Da ist es!“, quietschte eine der Frauen. „Casa Larga.“

Durch die getönten Scheiben erblickte Michele ein Anwesen wie aus einem Magazin. Es war viel imposanter als erwartet.

Sofort begannen alle Frauen durcheinanderzureden, aber sie konnte nur schlucken. Wieso glaubte sie, mit all diesen berühmten Köchinnen mithalten zu können? Sie hätte auf Matt Harper hören und sich taktvoll zurückziehen sollen. Auf ihrem abgebrochenen Absatz und mit nur einer Rolle am Koffer.

„Jeff ist unglaublich heiß“, sagte eine der Frauen.

Michele konnte nicht widersprechen, aber was half das? Sie wollte nicht angemacht werden. Und einen Playboy oder arroganten Kritiker als Chef wollte sie schon gar nicht. Er sollte sie lediglich einstellen und ihrer Küche fernbleiben. Der Umstand, dass Jeffrey Harper nur Frauen eingeladen hatte, war ihr nicht entgangen.

Die Limousine hielt an, und die Frauen stiegen aus.

„Willkommen in der Casa Larga in Plunder Cove“, begrüßte sie eine Frau mit weicher, melodischer Stimme. „Ich bin Chloe Harper, Jeffs Schwester. Mein Job ist es, Sie auf Ihre Zimmer zu verteilen – für heute zwei in jedes. Morgen … Tja, morgen werden wir sehen. Folgen Sie mir.“

Gemeinsam liefen sie durch eine große Doppeltür in einen riesigen Eingangsbereich, in dem der größte Kronleuchter hing, den Michele je gesehen hatte.

„Ich gebe Ihnen einen Ablaufplan, damit Sie wissen, wann Sie in die Küche gerufen werden“, fuhr Chloe fort. „Sie sollten ein Gericht kochen, das Ihre Spezialität ist und zeigt, was Sie am besten können.“

Die Frau mit dem weißblonden Haar hob einen perfekt manikürten Finger. Ihr Name war Freja. „Garderobe und Make-up zuerst, oder? Meine Fans in Schweden werden mich sehen. Sie können doch auch abstimmen, oder?“

Ein Panikanfall ließ Michele die Knie weich werden. Sie hatte keinen Wettbewerb erwartet, schon gar keinen, der gefilmt wurde. Ihre Karriere wäre vorbei, wenn die ganze Welt sie dabei beobachtete, wie sie versagte.

Chloe wirkte verblüfft. „Das hier ist keine Reality Show, sondern ein Wettbewerb. Am Ende wird Jeff eine von Ihnen als Köchin einstellen. Es gibt keine Abstimmung durch Fans.“

Nun begann Micheles Herz, wieder normal zu schlagen, bis Chloe hinzufügte: „Sowie das Restaurant fertig ist, werden wir eine Filmcrew hier haben. Der Gewinnerin sollte bewusst sein, dass an dem Tag viele Kameras dabei sind.“

Selbst nach dieser Info wollte Michele noch immer die Auserwählte sein. Sie musste den Wettbewerb einfach gewinnen. Dieser Job bedeutete finanzielle Stabilität. Nur so konnte sie dafür sorgen, dass Cari gesund und glücklich blieb. Sie musste Jeffrey Harper überzeugen, dass sie die Richtige war. Irgendwie musste sie ihr Vertrauen in ihre Kochkünste zurückgewinnen.

Jeff stand neben Matt auf dem oberen Treppenabsatz und beobachtete, wie Chloe die Frauen den unteren Flur entlangführte. Alle waren fantastische Köchinnen, und nur das zählte für ihn.

„Willst du das wirklich durchziehen, Jeff?“, fragte Matt. „Wenn das Restaurant fertig ist, heiratest du?“

Jeff schnitt eine Grimasse. „Ich habe wohl kaum eine Wahl. Das ist der Deal.“

„Du und Dad mit euren Deals. Das ist doch Blödsinn. Die Ehe ist kein Geschäftsabschluss, sondern etwas, bei dem du eine tiefe Bindung aufbaust. Julia berührt mich auf eine Weise, die mir vorher völlig fremd war.“

„Hört sich nach gutem Sex an.“

„Halt die Klappe.“ Matt boxte ihn in die Schulter. „Du solltest der Liebe eine Chance geben, Mann. Mehr sage ich gar nicht.“

Doch für die Art Verbindung, die Matt mit seiner Frau Julia gefunden hatte, war Jeff nicht gemacht.

Die Köchinnen marschierten unter ihnen vorbei – alle schön und zweifellos sehr talentiert. Sie plauderten und schienen sie nicht zu bemerken. Das war Jeff nur recht. Wieso Zeit mit Smalltalk verschwenden? Sie sollten ihn nur mit ihren kulinarischen Fähigkeiten beeindrucken.

Die letzte Frau, die vorbeilief, blieb stehen und sah hoch, so als ob sie seine Anwesenheit gespürt hätte. Ihre Blicke trafen sich. Leicht neigte sie den Kopf zur Seite, und das Licht des Kronleuchters glitzerte wie Diamanten auf ihrem langen blonden Haar. Sie hob die Hand.

Woraufhin er seine ebenfalls hob.

Sie lächelte, und er konnte ihre Grübchen sehen. Es war der schönste Anblick, der ihm je vergönnt gewesen war. Es gab nur ein Wort für sie: funkelnd.

Viel zu schnell wandte sie sich ab und eilte hinter Chloe und ihrer Entourage her. Zwei ganze Herzschläge lang war sie bereits verschwunden, bevor er wegsah.

Matt knuffte ihn in die Seite. „Erde an Jeff.“

Jeff sah seinen Bruder an. „Hat sie gehinkt?“

„Hörst du mir nicht zu? Das sagte ich doch gerade. Sie hinkt, weil sie sich den Absatz abgebrochen hat, als sie gerannt ist, um das Flugzeug nicht zu verpassen.“

Noch immer musste Jeff an ihr Lächeln denken. Solche Grübchen konnte man unmöglich vortäuschen, oder?

„Sie ist mindestens anderthalb Kilometer auf ihren Pumps gerannt. Die anderen Frauen sagen mir nichts, aber die hier hat Stärke. Und Rückgrat. Wenn du eine Frau suchst, könntest du bei ihr anfangen. Michele Cox ist irgendwie süß.“

„Das war Michele Cox aus dem Alfieri’s? Sie hat mir mal eins der besten Pollo alla Cacciatore gemacht, die ich je hatte. Ich schwärme immer noch davon.“

„Das ist doch ein Anfang.“ Matt grinste und legte Jeff einen Arm um die Schultern.

„Du verstehst mich falsch. Ich werde keine dieser Frauen heiraten. Aber vielleicht stelle ich Ms. Cox ein. Ich habe sie mal bei einer Kochshow gesehen. Sie war mit unglaublich viel Leidenschaft dabei. Und wie sie Gewürze und Farben kombiniert hat … Das war die reinste Poesie.“

Matt neigte den Kopf zur Seite. „Die reinste Poesie? Du hast also über sie nachgedacht.“

Hatte er das? Schon. Nachdem er sie im Fernsehen beobachtet hatte, war er ein paarmal in ihrem Restaurant gewesen. Einmal hatte er Alfieri sogar gebeten, ihn ihr vorzustellen. Doch sie hatte das Restaurant bereits verlassen. Er war enttäuscht gewesen.

„Ich seh’s dir an. Du magst sie.“

„Ich bin ihr nie begegnet.“

„Dann ist das deine Chance. Geh mit ihr aus.“

Finster starrte Jeff ihn an. „Ich bin nicht an Liebe interessiert. Ich brauche bloß eine Köchin und eine Frau, die Dads Bedingungen entspricht.“

Traurig schüttelte Matt den Kopf. „So wirst du es nie fühlen.“

„Was fühlen?“

„Den Blitzschlag.“

3. KAPITEL

Michele sah sich in ihrem wunderschönen, im spanischen Dekor gehaltenen Zimmer um. Es gab eine Sitzgruppe, einen Schreibtisch, zwei Fernseher, zwei große Betten und einen Balkon. Vermutlich war es größer als ihr Schlafzimmer und Wohnzimmer zusammen. Sie öffnete die Balkontür und trat hinaus. Dort saß bereits die zierliche Köchin des The China Lily.

„Oh, hallo! Ist das nicht eine wundervolle Aussicht?“

Michele ließ den Blick über den Garten und das Meer wandern. „Wunderschön.“

„Und überwältigend. Das Zimmer ist fast so groß wie meine Wohnung in Manhattan.“

„Und meine.“ Michele hielt ihr die Hand hin. „Wir wurden uns noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Michele Cox aus dem …“

„Alfieri’s.“ Lily nahm ihre Hand. „Ich weiß. Darf ich sagen, dass ich deine Lasagne liebe? Das beste italienische Gericht, das ich je hatte.“

„Es ist mein eigenes Rezept. Das Geheimnis ist die Soße. Und für dein Dim Sum würde ich sterben.“

„Ah, wir bewundern einander also gegenseitig.“ Lily deutete auf die zweite Liege. „Magst du dich setzen?“

Michele sank in die Kissen und atmete aus. Sie war müde, und ihre Füße schmerzten von der Rennerei auf den hohen Absätzen.

„Ich wusste nicht, dass dies ein Wettbewerb werden würde. Du?“ Fragend sah Lily sie an.

„Nein. Vielleicht hätte ich mich dann nicht beworben.“ Michele überlegte, wie der Wettbewerb ihre Pläne verkomplizierte. „Kennst du die anderen?“

„Nicht persönlich, aber Freja Ringwold habe ich erkannt. In Schweden hat sie ihre eigene Kochshow. Tonia Sanchez, die kurvige Brünette mit den grünen Augen, besitzt drei Nobelrestaurants in Arizona. Suzette Montclair ist bekannt für …“

„… französische Küche.“ Michele fühlte sich wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ein kleiner, unqualifizierter Fisch. „Wer ist die Dunkelhaarige mit der tollen Haut? Nadia irgendwas.“

„Keine Ahnung. Googeln wir sie mal.“ Lily holte ihr Handy hervor. „Okay, Nadia ist eine preisgekrönte Köchin für mediterrane Küche in Saudi Arabien, und, oh, ihr Vater ist ein Scheich. Da ist ein Foto von ihm und RW Harper vor fünfzehn Jahren. Bei den Beziehungen könnte sie eine Favoritin sein.“

Na toll. Wie standen da wohl Micheles Chancen?

„Darf ich fragen, wieso du das Alfieri’s verlassen hast? Es schien dir dort gut zu gehen. Ich habe gelesen, es hätte eine Art … Umbesetzung gegeben.“

Michele seufzte. „Könnte man so sagen.“

„Tut mir leid. Ich wollte nicht neugierig sein.“

Michele musterte Lily. Auch wenn sie eine Gegnerin war, spürte sie keinerlei Bösartigkeit in ihr. Es war lange her, dass sie eine Freundin zum Reden gehabt hatte. Ihre Mutter war immer ihre Vertraute gewesen. Plötzlich wurde ihr das Herz schwer.

„Ist okay. Alfieri war …“ Wie beschrieb man den Mann, der sie zerstört hatte? „… schwierig. Versteh mich nicht falsch, ich schulde ihm meine Karriere. Er ist ein großartiger Koch und ein toller Lehrer, der einer kleinen Auszubildenden aus Indiana eine Chance gegeben hat. Ich vermisse das, was wir hatten. Was wir gemeinsam geschaffen haben.“ Ihre letzten Worte kamen ihr nicht mehr so leicht über die Lippen.

„Oh“, sagte Lily weich. „Warst du in ihn verliebt?“

Michele schüttelte den Kopf. „Er ist fünfzehn Jahre älter als ich und war nur mein Mentor. Weil ich ihm so viel schulde, habe ich übersehen, dass …“ Sie rief sich den Abend ins Gedächtnis, an dem er versucht hatte, sie mit kochend heißer Soße zu verbrühen, weil sie zu salzig war. „Ich habe versucht, seine Fehler zu ignorieren. Bis es irgendwann zu heftig wurde.“

Die Kehle wurde ihr trocken. Mit zitternden Fingern griff sie nach der Wasserflasche auf dem Tisch. Der verdammte Kerl machte sie immer noch fertig.

„Was ist passiert?“ Besorgt sah Lily sie an.

„Ich drohte ihm zu gehen, weil das Beste an mir anfing zu verschwinden.“ Dank ihm zweifelte sie jedes Mal an sich, wenn sie die Küche betrat. Seine ätzenden Worte hatten ihren Farbfluss ins Stocken gebracht. „Er hat sich für sein Benehmen entschuldigt, versprochen, eine Anti-Aggressions-Therapie zu machen, und mich angefleht zu bleiben. Dann hat er mir eine Partnerschaft angeboten. Er wollte ein zweites Restaurant mit mir als Chefköchin eröffnen. Ein Traum schien wahr zu werden. Ich habe ihm vertraut und ihm all mein Erspartes gegeben.“ Sie suchte Lilys Blick. „Fataler Fehler.“

„Oh, nein.“

„Tja, und dann hat er eine andere Köchin für den Job angeheuert, ohne es mir zu sagen.“ Eine weitere junge Frau, die er verehren und herabsetzen konnte. „Ich kündigte und verlangte mein Geld zurück. Er meinte, er wüsste nicht, wovon ich rede, aber ich könnte ja einen Anwalt engagieren. Leider wusste er genau, dass ich kein Geld dafür hatte. Ich war so dumm gewesen, ihm zu vertrauen.“

Michele merkte nicht, dass sie weinte, bis Lily aufstand, ins Bad ging und mit einem Waschlappen zurückkam.

„Du armes Ding.“ Sie gab Michele den Lappen. „Ich hoffe, dass Alfieri noch die Quittung dafür bekommt, wie er dich behandelt hat.“

Dankbar für ihre Freundlichkeit, wischte Michele sich das Gesicht ab. Lily war der erste Mensch, dem sie all dies anvertraut hatte. Sie schämte sich zutiefst, Alfieri nicht früher verlassen zu haben. Stattdessen hatte sie sein Benehmen aus Ehrfurcht vor seiner Brillanz geduldet. Als ob die Grausamkeit eines Chefkochs akzeptabel war, ja, sogar erwartet wurde.

Diese Grausamkeit hatte sich ihr eingebrannt und alles Schöne zerstört. Sie hatte ihr die besondere Gabe gestohlen, die ihre Mutter ihr vermacht hatte. Selbst jetzt noch glaubte sie Alfieri.

Nie wieder würde sie den Fehler machen, ihr Vertrauen einem herablassenden Egoisten zu schenken.

Die Balkontür öffnete sich, und sie zuckte zusammen.

„Hier sind Sie.“ Jeffs Schwester trat hinaus. „Lily, Sie kochen heute Abend als Erste. Bitte kommen Sie in einer halben Stunde nach unten in die Küche. Michele, Sie kochen morgen. Viel Glück Ihnen beiden.“

Glück konnte sie dringend gebrauchen. Und sie würde sich dafür den Hintern abarbeiten.

Jeff lief in der großen Küche auf und ab.

Was, zur Hölle, tat er hier?

Die ersten beiden Köchinnen hatten kulinarische Meisterwerke geschaffen. Jedes von ihnen wäre perfekt für sein neues Restaurant. Er hatte beiden fünf von fünf Sternen gegeben. Die Frauen waren talentiert und intelligent. Was war dann sein Problem?

Bei keiner von ihnen konnte er eine Verbindung spüren.

Keine Poesie.

Wer war als Nächste dran? Von der Liste auf seinem Klemmbrett sprang ihm ein Name ins Auge. Michele Cox. In seinem Magen begann es zu kribbeln.

Er nahm sein Handy und wählte die Nummer seiner Schwester. Chloe war ebenfalls vor Kurzem heimgekehrt und half ihm mit den Kandidatinnen. Jetzt brauchte er ihren klaren Kopf.

„Wie läuft’s?“, fragte sie. „Bereit für Tonia?“

„Zieh Michele Cox vor.“

„Sie ist erst morgen dran.“

So lange konnte er nicht warten. Er musste wissen, ob das Kribbeln echt war. „Zieh sie vor.“

„Klar. Ich mag sie. Sie ist so … ich weiß nicht.“

„Funkelnd.“ Das Wort war ihm unbewusst entschlüpft.

„Genau! Das ist es. Ihre Augen, ihre Grübchen. Sie strahlt irgendwie von innen heraus. Kennst du sie?“

„Nicht wirklich. Wenn sie meine Erwartungen nicht erfüllt, schicke ich sie nach Hause wie die anderen beiden.“

„Jetzt schon? Rühr dich nicht von der Stelle, ich komme.“ In weniger als einer Minute stand Chloe in der Küche. „Ernsthaft? Eine der beiden war Dads erste Wahl – die Scheichtochter.“

„Dad trifft hier nicht die Entscheidungen. Wieso ihre und meine Zeit verschwenden?“ Jeff lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme.

„Wirst du jemals jemanden an dich heranlassen, Jeff?“

„Was soll das denn heißen?“

„Ich mache mir Sorgen um dich. Wann hattest du das letzte Mal eine echte Verbindung mit jemandem?“ Sie legte ihm die Hand auf die Brust. „Hier.“

Niemals. „Ich habe keine Zeit für echte Verbindungen.“

„Wenn du’s nicht versuchst, wirst du irgendwann alt, einsam und verbittert aufwachen. Das Leben bietet mehr als Arbeit, Jeff. Und mehr als drei Minuten in einem Aufzug.“ Sie grinste.

Das würde er sicher nicht mit seiner kleinen Schwester besprechen. Es waren mehr als drei Minuten gewesen, aber die Wenigsten wussten, was wirklich in diesem Fahrstuhl vorgefallen war, und dabei wollte er es belassen.

„Mir geht’s gut.“

„Wirklich?“ Sie musterte ihn traurig. „Nach allem, was Mom dir angetan hat? Von uns dreien war es für dich am schlimmsten. Ich habe immer noch Albträume von der Nacht und dem Schuppen.“

Plötzlich war ihm kalt, und sein Herz raste. „Wie das? Du warst erst drei.“

„Ich erinnere mich.“

Er ballte die Fäuste. „Mir geht’s gut. Du kannst aufhören, die Sorgen darüber zu machen, dass ich allein alt werde. Hast du’s noch nicht gehört? Ich werde heiraten.“

„Das ist gar nicht komisch.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Du glaubst mir nicht? Frag Dad.“

Sie äffte seine Miene nach. Chloe drückte sich nie vor einer Herausforderung, was wohl in der Familie lag. „Als Kind hast du geschworen, nie zu heiraten.“

Jeff zuckte die Schultern. „Jeder wird mal erwachsen.“

Ihre Augen weiteten sich. „Es ist dir ernst.“

„So ernst wie ein Herzinfarkt.“

„Nicht zu glauben. Das ist toll! Wer ist die Glückliche? Bitte sag mir nicht, dass es die aus dem Aufzug ist.“

„Um Himmels willen, nein.“ Er schauderte. „Niemand aus New York.“

„Jemand von hier? Hast du deshalb zugestimmt, nach Hause zu kommen?“

Er runzelte die Stirn. „Ich bin nicht Matt. Auf mich hat noch nie jemand gewartet.“

„Wer dann?“

„Sag du’s mir. Irgendwelche Vorschläge?“

„Ich verstehe nicht.“

„Der große RW Harper hat verkündet, ich müsse heiraten.“ Er warf die Hände in die Luft. „Also tue ich es. Sowie eine Braut auftaucht und einer lieblosen Ehe zustimmt.“

„Du kannst nicht heiraten, ohne dich vorher zu verlieben.“

„Scheint in der Familie zu liegen. Ich bezweifle, dass Mom und Dad sich je mochten.“

„Und wie ist das ausgegangen?“ Chloe packte ihn am Ellbogen. „Bitte, Jeff. Überleg’s dir. Ich will, dass du glücklich bist.“

Er tätschelte ihren Arm. „Zurzeit habe ich nicht viele Optionen. Seit heute Morgen ist wieder ein neues Video im Umlauf.“

„Ich weiß.“ Sie lehnte sich an seine Schulter. „Es tut mir so leid.“

Chloes Zeichen der Zuneigung warf die Frage auf, ob er ihr erzählen sollte, was wirklich in dem Fahrstuhl vorgefallen war. Würde sie es verstehen?

„Du bist ein guter Mensch, der es verdient, geliebt zu werden. Ich werde tun, was ich kann, um deine Seelenverwandte zu finden, Jeff.“

„Das wird nicht passieren“, grummelte er. „Gib auf, Schwesterchen. Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ich bin so lange ohne Liebe ausgekommen, wozu also sie jetzt finden?“

„Oh, Jeff.“ Ihre Augen schimmerten feucht. „Auszukommen bedeutet nicht, glücklich zu sein.“

Chloe konnte von Glück reden, dass sie nicht wie er nach ihrer Mutter kam und unfähig war zu lieben.

„Ich muss eine Köchin einstellen und ein Hotelimperium aufbauen. Und deshalb …“ Er stieß sich vom Tresen ab. „… sag bitte Michele Cox, sie möge in zwanzig Minuten unten sein. Sie ist die Letzte für heute.“

„Okay.“ Chloe nahm ihn noch einmal fest in den Arm, bevor sie die Küche verließ.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er allein war, rief Jeff auf seinem Computer das Bewerbungsvideo von Michele Cox auf. „Mit einem Bissen exzellenter Ricotta-Cannelloni kann ein Gast seine Einsamkeit lindern. Das ist es, was ich tue. Ich mache Gäste glücklich und gebe ihnen das Gefühl, geliebt zu werden.“

Sie wirkte so selbstsicher. Warum also hatte er den Eindruck, dass Michele zerbrechlich war?

Erneut spielte er das Video ab. „Ich will für Harper Industries arbeiten, weil ich glaube, dass guten Menschen Gutes widerfahren kann.“ Jeff hielt das Video an und musterte ihr Gesicht. Da. In ihren hellbraunen Augen sah er etwas, das er aus seinem Spiegelbild kannte.

Sein Herz schlug schneller.

Michele Cox war auch eine Überlebende.

4. KAPITEL

Michele stand allein vor der Kochinsel in der Familienküche der Harpers und presste die Hände auf die kühle Marmorplatte. Beklemmende Gedanken durchfluteten sie in einem unaufhörlichen Kreislauf – wie ein schlechtes Lied, das zum Ohrwurm wurde.

Wieso glaubst du, dass du das kannst? Du wirst es vermasseln.

Es war Alfieris Stimme. Sie öffnete die Augen und ballte die Fäuste. Heute Abend durfte sie keinen Fehler machen. Sie biss sich auf die Lippe und ging lange mit sich ins Gericht, bevor sie schließlich auf ihrem Smartphone ihr Rezept aufrief.

Klar musst du mogeln. Du bist nichts ohne mich.

„Klappe, Alfieri!“, wisperte sie.

Ihr eigenes Rezept zu verwenden war kein Mogeln. Früher hatte sie nach Gefühl, ihrer Stimmung und etwas gekocht, das sie „Moms Magie“ nannte. Doch in letzter Zeit hinterfragte sie sich bei allem. Ihre Mutter und all die Magie waren verschwunden.

Sie legte das Handy vor sich auf den Tresen und begann.

Das Salbei-Rosmarin-Brot war im Ofen, und in der Pfanne köchelten Olivenöl, Zitrone, italienischer Weißwein und Gewürze. In der Küche duftete es himmlisch. Michele füllte Tintenfische mit Prosciutto, geräuchertem Mozzarella und Knoblauchzehen und legte sie vorsichtig in die Pfanne, bevor sie sie mit ihrer geheimen Trüffelsoße beträufelte. Ihre speziellen Linguine kochten bereits. Als Nächstes war der Rucola-Basilikum-Chardonnay-Weintrauben-Salat mit einem leichten Öl-Zitronen-Dressing dran. Alles wirkte perfekt … bis auf …

Hatte sie etwa vergessen, den letzten Tintenfisch mit Knoblauch zu füllen? Rasch reduzierte sie die Hitze und fischte ihn mit einem Sieblöffel aus der Pfanne. Die Trüffelsoße machte das verdammte Ding glitschig, und es rutschte vom Löffel zurück in die Pfanne. Öl spritzte auf ihre Seidenbluse, von der viele behaupteten, sie würde die Bernsteinfarbe ihrer Augen betonen.

„Aaah! Schönen Dank auch, du schleimiger Poseidonpopel!“

„Miss Cox?“, vernahm sie da plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich.

Vor Schreck katapultierte sie den Tintenfisch in die Luft. Sie sprang vor und fing ihn auf, bevor er auf den Boden fallen konnte. Das tropfende Etwas hinter ihrem Rücken versteckend, richtete sie sich auf und stand direkt vor … ihm.

Jeffrey Harpers große Gestalt blockierte ihr den Weg. Sie konnte nirgendwo hin oder so tun, als hätte er ihren glanzvollen Fauxpas nicht bemerkt.

„Mr. Harper. Sie haben mich erschreckt.“

Er trat näher, und ihr Herzschlag legte noch einen Zahn zu. Das weiße Leinenhemd, das er trug, war gerade so weit aufgeknöpft, dass sie einen Blick auf sein Brusthaar erhaschen konnte. Die engen Jeans umschmeichelten seine Beine perfekt. Ja, die lockere Version von ihm war noch sexyer als die, die sie im TV gesehen hatte.

„Sorry. Ich wollte Ihre Unterhaltung nicht unterbrechen. Mit Ihren …“ Er neigte den Kopf zur Seite, und eine kupferfarbene Haarsträhne fiel ihm in die Stirn. „… schleimigen Poseidonpopeln.“

Konnte ein Mensch an Versagen sterben?

Michele wappnete sich gegen seinen angewiderten Blick – den, den sie in einer Folge an ihm gesehen hatte, in der Ratten über ein Schneidebrett in einer Hotelküche gelaufen waren. Stattdessen sah sie … Belustigung?

„Ich habe mich nur mit einem von ihnen unterhalten.“ Sie holte den Tintenfisch hinter ihrem Rücken hervor. „Er hat sich schlecht benommen.“

Anstatt sie auszuschimpfen oder sie aus der Küche zu werfen – wie Alfieri es getan hätte –, verzog Jeffrey die Lippen zu einem Lächeln.

Er hatte wunderschöne Lippen.

„Ach so. Und was machen Sie jetzt mit ihm?“ Jeff kam noch näher.

Er war so groß. Sie musste den Kopf zurücklegen, um ihm in die Augen zu sehen. Taubenblau mit goldenen Sprenkeln in der Iris. Absolut hypnotisierend. Kein Wunder, dass so viele Frauen scharf auf Jeffrey Harper waren.

Michele blickte auf den deformierten Tintenfisch. Alfieri hätte sie dafür gescholten.

Diesen Fehler ziehe ich dir vom Gehalt ab.

„Ihn wegwerfen?“, schlug sie vor.

„Wozu? Kochen Sie ihn, und ich esse ihn.“

Ihre Hände zitterten, als sie eine Knoblauchzehe in den Kalmar drückte und ihn zu den anderen in die Pfanne legte. Danach brachte sie den Inhalt wieder zum Köcheln – was nichts war im Vergleich zu der Elektrizität, die sie fühlte, wenn Jeffrey so nahe bei ihr stand. Sein holzig duftendes Rasierwasser roch besser als das Essen, aber seine Anwesenheit machte sie nervös.

„Ich sehe gar kein Huhn.“ Er klang enttäuscht.

Erwartete er von allen Köchinnen Huhn? Hatte das etwa im Kleingedruckten des Vertrags gestanden?

„Dies hier ist pfannensautierter, gefüllter Tintenfisch mit meiner speziellen Trüffelsoße. Die Linguine und die Lorbeermuscheln sind fast fertig“, erklärte sie leise.

Er verschränkte die Arme, ein Abbild beispielloser Enttäuschung. „Miss Cox, Sie haben starke Konkurrenz für diesen Job. Ich erwarte, von jedem Gericht beeindruckt zu werden.“

Na, das hörte sich schon eher wie Alfieri an. Sein herablassender Tonfall ärgerte sie. „Was soll ich sonst noch tun, Mr. Harper? Mit den Muscheln jonglieren und sie mit den Zähnen auffangen?“

Für einen Moment war er sprachlos. Michele war mindestens ebenso überrascht wie er. Sie gab sonst nie Widerworte. Gleich würde er sie bitten zu gehen. Stattdessen überraschte er sie.

Er lachte.

Es war ein fröhliches, herzhaftes Lachen, das sie durchströmte und die Bitterkeit in ihr löste. Unwillkürlich musste sie lächeln. Er hatte wirklich ein tolles Lachen.

„Nein, Miss Cox. Begeistern Sie mich einfach. Ich freue mich darauf, überrascht zu werden.“

Was bedeutete das denn? Es irritierte sie, dass er sie ansah, als ob sie irgendeinen Insiderwitz teilen würden, den sie nicht verstand.

„Chardonnay?“, fragte er.

„Klar, wenn Sie möchten. Aber ich würde einen schönen leichten Rotwein mit hohem Säuregehalt wie einen Sangiovese vorschlagen. Oder vielleicht einen weißen Viognier?“

„Ich schaue mal, was wir im Keller haben.“ Während sie beobachtete, wie er aus der Küche ging, fiel ihr auf, dass Jeffrey Harper gar nicht so hochnäsig war, wie er im TV wirkte. So gefiel er ihr besser. Und angeschrien hatte er sie auch nicht.

Sie nahm das Brot aus dem Ofen, wickelte es in ein buntes Geschirrtuch und legte es in einen Korb. Nach einem weiteren Blick auf ihr Rezept, mit dem sie sich vergewisserte, dass sie nichts vergessen hatte, richtete sie ihr Essen an. Es war vielleicht kein Kunstwerk, aber es sah gut aus, roch gut, und sie war sicher, dass es auch gut schmeckte. Michele seufzte. Gut war hier nicht gut genug. Die anderen Köche würden exzellent sein.

„Ich habe beide Weine.“ Jeffs tiefe Stimme hinter ihr sandte ihr Schauer über den Rücken. „Welchen würden Sie vorziehen, Miss Cox?“ Er hielt die Flaschen hoch.

„Ich?“

„Allein trinke ich nicht.“

Sie faltete seine Serviette zu einer Blüte. „Oh, okay. Äh, ich mag weißen. Danke.“ Sie trug seinen Teller zum Tisch.

„Dann also Viognier.“ Er schenkte ihr ein und stellte das Glas auf den Tisch. „Setzen Sie sich.“

Anscheinend sollte sie ihm beim Essen zusehen. Würde er ihr Bissen für Bissen erklären, dass sie versagt hatte? Dass ihr Essen ihn nicht begeisterte? Würde er ihr den Teller an den Kopf werfen und ihr dann befehlen aufzuwischen, wie Alfieri es tun würde?

Bei einem Blick auf den Tisch bemerkte sie, dass sie den Salat vergessen hatte. Noch so ein Anfängerfehler. „Bin gleich zurück.“

Als sie mit seinem Salatteller zurückkam, hatte er die Vorspeise auf zwei Tellern arrangiert.

„Was tun Sie da?“, fragte sie überrascht.

„Ich hasse es, allein zu essen.“ Sein Lächeln war eher ernst als arrogant, und in seinen Augen las sie etwas, das sie rührte. Traurigkeit? Einsamkeit?

Michele hasste es ebenfalls, allein zu essen. Nervös setzte sie sich ihm gegenüber.

„Danke.“ Er hörte sich erleichtert an.

Dieses Wort hörte sie so selten, dass sie ihn musterte, um sicherzugehen, dass er es nicht sarkastisch meinte. Er tat es nicht.

„Essen Sie“, befahl er.

Ha! Irgendwie hatte sie gerade ein spontanes Date mit Amerikas begehrtestem Jung...

Autor

Kayla Perrin

Kayla Perrin wollte schon immer Schriftstellerin werden, versuchte es jedoch zuerst mit einer Karriere als Lehrerin und studierte Englisch und Soziologie. Als nach ihrem Studium immer mehr Lehrer entlassen wurden und kein Job für sie in Aussicht war, entschied Kayla, sich ihren Traum vom Schreiben zu erfüllen. Kayla erhielt zahlreiche...

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Kimberley Troutte
Kimberley Troutte ist eine mehrfach ausgezeichnete Bestsellerautorin. Sie wurde für den RITA Award nominiert und rangiert regelmäßig unter den Top 100 der New York Times und USA Today. Die Schriftstellerin lebt im Süden von Kalifornien, zusammen mit ihrem Ehemann, zwei Söhnen, einer Wildkatze, einer alten Schlange, einem Leguan und verschiedenen...
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