Was der Earl nie wissen sollte

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Unvermittelt steht Lady Eloise dem attraktiven Marcus, Earl of Malbrook, gegenüber – ihre Sinne drohen zu schwinden! Denn die schöne Witwe hütet ein pikantes Geheimnis: Vor neun Jahren, auf einem Maskenball, hatte sie mit ihm eine unvergesslich leidenschaftliche Begegnung, aus der ihre geliebte Tochter hervorging. Nie hat sie dem Earl das verraten, denn sie selbst heiratete kurz darauf einen ältlichen Adligen. Und nun gerät unter Marcus‘ scharfem Blick ihr Geheimnis in Gefahr und unter seinen sinnlichen Berührungen bald schon ihr Herz! Doch seinen Heiratsantrag lehnt sie vehement ab. Sie hat sich geschworen, für immer unabhängig zu bleiben …


  • Erscheinungstag 03.03.2026
  • Bandnummer 448
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539883
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Sophia Williams

Was der Earl nie wissen sollte

1. KAPITEL

Eloise

Juli 1808

Lady Eloise Grantham zupfte ihre Maske zurecht und wickelte sich den Domino mit freudigem Schaudern enger um die Schultern, sobald sich ihre Kutsche in die Schlange vor dem Vauxhall-Vergnügungspark einreihte. Mit der Auswahl ihrer Kleidung war sie höchst zufrieden.

Bevor sie und ihre Großmutter vom Herrenhaus der Großmutter am Berkeley Square aufgebrochen waren, hatte ihr ein Blick in den Spiegel versichert, dass sie mit ihrer Maske nicht zu erkennen war, und dieses Wissen schenkte ihr ein wunderbares Gefühl von Freiheit. Wenn keiner sie erkennen würde, könnte sie in dieser letzten Nacht tun und lassen, was sie wollte, ehe sie am Tag darauf aus London abreisen müsste, um sich auf ihre Hochzeit mit dem ältlichen Duke of Rothshire vorzubereiten.

Und der Domino war ideal, um ihr sehr gewagtes Schäferinkostüm zu verbergen, das sich bei ihrem Plan, sich an diesem Abend noch einmal nach Herzenslust auszutoben, bestimmt als hilfreich erweisen würde. Ihre Freundin Lady Anne Crane, von der sie sich das Kostüm geliehen hatte, hatte sich schier ausgeschüttet vor Lachen, als sie sah, wie Eloise beinahe aus dem Oberteil herausquoll.

„An mir wirkt das Kleid schon ziemlich gewagt, aber du siehst einfach unanständig darin aus“, hatte sie zu Eloise gesagt. „Und absolut hinreißend. An Tanzpartnern wird es dir bestimmt nicht mangeln.“ Und genau das wollte Eloise. Wenn sie sich schon an einen nicht besonders netten Zweiundsiebzigjährigen binden sollte, wollte sie davor wenigstens ein bisschen Amüsement, etwas, wovon sie noch Jahre zehren könnte.

Anscheinend waren sie genau zur selben Zeit wie Hunderte andere Leute angekommen, die zum selben Maskenball wollten. Der Lärm von all den Leuten und den Pferden war immens, die vielen Lichter am Eingang überwältigend. Eloise fand es wunderbar.

„Komm weg vom Fenster.“ Ihre Großmutter zog Eloise am Ellbogen. „Vergiss doch bitte nicht, dass du eine Dame bist.“

„Hmm, tut mir leid.“ Eloise bewegte sich nicht. Es war ihr egal, wenn die Leute sie sahen, und sie wollte von dieser Erfahrung so viel in sich aufnehmen, wie sie konnte.

Während sie auf die Szene vor der Kutsche blickte, fiel ihr ein Mann ins Auge, der mit einer Gruppe nicht maskierter junger Stutzer herangeschlendert kam. Er war ein wenig größer als die anderen, seine Schultern waren ein wenig breiter, sein Lächeln war charmant, und seine Haltung hatte eine gewisse Ausstrahlung.

Als die Gruppe an der Kutsche vorbeiging, warf er einen flüchtigen Blick durch das Fenster und dann noch einen. Sein Lächeln wurde breiter, seine Augen begannen zu funkeln.

Eloise erwiderte das Lächeln und machte dann, weil ihr die Anonymität Sicherheit verlieh, einen Schmollmund. Er lachte und grüßte sie mit einer kleinen Geste, ehe er mit seinen Freunden weiterzog.

Ei! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch keinen Mann kokett angeschmollt, und wenn sie erst einmal Duchess of Rothshire war, hätte sie sicher auch nicht oft Gelegenheit, auf diese Weise zu schmollen. Doch an diesem Abend könnte ihr die Keckheit gut zu Gesicht stehen.

Sie lächelte und schmollte zwei weitere junge Gentlemen an, die an der Kutsche vorbeikamen, und beide Male zeigte der Schmollmund hervorragende Wirkung, auch wenn keiner der Herren ihr so gefiel wie der erste.

Und dann fuhr ihre Kutsche in der Schlange ruckartig an, und ihre Großmutter wies sie in so strengem Ton an, vom Fenster abzurücken und die Vorhänge zuzuziehen, dass sie es für klüger hielt, diesem Gebot nachzukommen.

Als sie ein paar Minuten später aus der Kutsche stiegen und sich zu der Loge aufmachten, die ihre Großmutter für den Abend gemietet hatte, erkannte Eloise, dass der Vergnügungspark allem entsprach, was sie sich erhofft hatte. Beim Eintreten sahen sie sich einem erstklassigen Orchester in einem großen Pavillon gegenüber. Überall leuchteten bunte Lampions, und fantastisch gekleidete Gäste standen in Grüppchen herum und plauderten. Das Ganze wirkte opulent, frivol und ausgelassen.

„Ist es nicht entzückend, Liebes?“, fragte ihre Großmutter etwa eine halbe Stunde später, während sie mit ihren Freunden bei hauchdünnem Schinken und Törtchen zusammensaßen. „Vor allem die Gemälde haben es mir angetan. Man könnte sie sich stundenlang anschauen.“

„Gewiss“, murmelte Eloise. An der Wand hinter ihr hingen Bilder von William Hogarth und Francis Hayman. Eloise stattete Kunstsammlungen zwar ganz gern einen (kurzen) Besuch ab, aber von diesem Abend hatte sie sich mehr erhofft als Kunstgenuss.

„Vielleicht dürften wir die jungen Damen zum Tanz führen?“, schlug ein Mann aus ihrer Runde vor.

Eloise musste sich beinahe auf die Lippe beißen, um nicht laut zu jubeln.

„Ja, mein Liebes, geh ruhig.“ Ihre Großmutter lächelte ihr zu und kniff dann die Augen zusammen. „Ist dein Kleid unter diesem Domino auch bestimmt anständig? Du bist nicht verkleidet?“

„Mein Domino ist meine ganze Verkleidung.“ Eloise log niemanden gern an, vor allem nicht ihre geliebte Großmutter, doch eine kleine Unwahrheit würde an dieser Stelle keinem wehtun. Wieder zog sie den Domino enger um sich. Sobald sie außer Sichtweite der Loge wäre, würde sie den Umhang irgendwo ablegen. Es würde niemandem nutzen, wenn ihre Großmutter ihr Schäferinkostüm in seiner ganzen Pracht zu sehen bekäme, bevor Eloise Gelegenheit hatte, seine Vorteile auszukosten. Zum Glück war ihre Großmutter immer spät dran, und so war sie erst nach unten gekommen, als sie längst hätten unterwegs sein müssen, und so hatte sie keine Zeit mehr gehabt, Eloises Aufzug genauer in Augenschein zu nehmen.

Ihre Großmutter beugte sich vor. „Du weißt, dass ich deine Heirat nicht gutheißen kann.“

Eloise nickte. Ihre Großmutter hatte einen besonders giftigen Briefwechsel mit Eloises Vater geführt, in dem es um die Ehe zwischen einer neunzehnjährigen jungen Dame und einem sehr betagten Mann gegangen war. Er hatte darin gegipfelt, dass sie zu ihnen nach Kent gereist war und verkündet hatte, wenn ihr Vater auf seinem egoistischen Plan bestand, Eloise an diesen – in den Worten ihrer Großmutter – lüsternen alten Sack zu verkaufen, sollte er ihr wenigstens gestatten, vor der Hochzeit eine Woche bei ihrer Großmutter in London zu verbringen.

„Allerdings wäre es für dich eine Katastrophe, wenn der Herzog dir jetzt den Laufpass gäbe.“ Das Gesicht ihrer Großmutter verzog sich ein wenig, wie immer, wenn sie den Duke erwähnte. „Daher ist es meine Pflicht, dich daran zu erinnern, dass du dich stets schicklich benehmen musst. Was dich betrifft, so darf an sein Ohr auch nicht der Hauch eines Skandals dringen.“ Sie beugte sich noch weiter vor und küsste Eloise auf die Wange. „Genieß den Abend, aber sei vernünftig. Ich sehe ein Glitzern in deinen Augen, bei dem ich an mich selbst in deinem Alter denken muss. Deswegen traue ich dir nicht ganz über den Weg.“

„Ich werde vernünftig sein.“ Ganz gelogen war es nicht, schließlich riskierte sie nichts, wenn sie sich auf etwas unschickliche Weise amüsierte, da sie mit ihrem Schäferinkostüm und der Maske ja nicht zu erkennen war. Eloise küsste ihre Großmutter und stand auf. „Danke. Ich hab dich lieb.“

Im Lauf der Woche hatten sie und ihre Großmutter sich sehr oft ihrer Zuneigung versichert, was wunderbar war für Eloise, die in ihrem Leben noch nie viel Liebe erfahren hatte.

Während sie die Loge verließ, flüsterte ihre Freundin Lady Anne ihr zu: „Sehen wir zu, dass wir unsere Begleiter so schnell wie möglich abschütteln und uns amüsieren.“

Eloise nickte und setzte dann ein unschuldiges Lächeln auf, als einer ihrer Begleiter, ein sehr korrekter junger Mann namens Dryburgh, der von Verkleidungen anscheinend nichts hielt, zu ihr sagte: „Vielleicht möchten Sie sich ein wenig im Park ergehen, Lady Eloise?“

„Gewiss. Zuerst jedoch muss ich …“, sie sah sich vage um, „… dort hinübergehen.“ Sie deutete in die Ferne, nahm Lady Anne bei der Hand und zog sie mit sich in die wogende Menschenmenge, an deren Rand sie standen und in der sie alsbald verschwanden.

Sobald sie ganz von der Menge umgeben waren, bekam Eloise Stielaugen.

Sie hatte ihr Leben mit ihren aristokratischen, wenn auch verarmten Eltern verbracht, gefolgt von einem veritablen Wirbelwind gesellschaftlicher Aktivitäten in der letzten Woche, angefangen von Frühstücken über Soireen bis hin zu Bällen, garniert mit einer Menge zischelnder Anweisungen seitens ihrer Großmutter. Das alles hatte ihr einen starken Eindruck von den gesellschaftlichen Regeln vermittelt.

Hier jedoch schienen diese Regeln weitgehend ignoriert zu werden. Es war ungewöhnlich, einen Earl mit einem Einkommen von zehntausend Pfund im Jahr, mit dem Eloise erst am Vorabend in der äußerst rigiden und weitaus langweiligeren Atmosphäre von Almack’s geplaudert hatte, hier in aller Öffentlichkeit mit einer Person, die ihre Großmutter als halbseiden bezeichnet hätte, tanzen oder – du liebe Güte! – mehr als nur das zu sehen.

Der Earl war aber nicht der Einzige. Sie waren umgeben von Leuten – Körpern – tanzend, vibrierend, von Leuten, die vor unziemlichem Gelächter schrien, Leuten, die unschicklich oder auch nur unmöglich gekleidet waren, allen Arten von Leuten, fast als würden die obersten fünfhundert mit ihren eigenen Dienstboten und Handwerkern und Lieferanten tanzen.

„Einfach herrlich hier“, hauchte Eloise Lady Anne ins Ohr und lächelte einem sehr heiter wirkenden Julius Caesar zu, der von einem ähnlich jovial aussehenden Teufel und einem Bischofsmütze schwenkenden Mann in Purpur begleitet wurde.

„Runter mit dem Domino.“ Lady Anne zupfte von hinten an Eloises Umhang, und Eloise nickte und löste die Bänder, die das Kleidungsstück am Hals zusammenhielten.

Lady Anne zog den Domino weg, worauf Julius Caesar die Augen herausdrehte, auf sie zutrat und fragte: „Wollen wir tanzen?“

Das wollte Eloise in der Tat.

„Es wäre mir …“, begann sie. Und hielt inne, weil sie hinter Julius Caesars Schulter den Mann entdeckte, der ganz zu Anfang an ihrer Kutsche vorbeigekommen war. Auch aus der Nähe sah er umwerfend aus, und er lächelte ihr ebenfalls zu. Mit Julius Caesar hätte sie durchaus gern getanzt, doch ein Tanz mit diesem Mann versetzte sie geradezu in einen Freudentaumel.

Wieder warf sie die Lippen auf – der Schmollmund, den sie in der Kutsche gemacht hatte, war schließlich ein durchschlagender Erfolg gewesen – und sah, wie er lachte, was auch sie zum Lachen brachte.

Und dann ging er um Julius Caesar herum, reichte ihr die Hand und fragte: „Lust auf einen Tanz?“

„Nein, nein.“ Julius Caesar wirkte gleich viel weniger heiter. „Die junge Dame hat sich eben bereit erklärt, mit mir zu tanzen.“

„Tut mir schrecklich leid.“ Eloise wandte ihm ihr maskiertes Gesicht zu. „Ich werde mit diesem Mann hier tanzen.“ Die Macht der Anonymität: Man konnte sich so schlecht benehmen, wie man wollte – die Zustimmung zu einer Aufforderung zum Tanz zurückzunehmen wäre in einem vornehmen Ballsaal vollkommen inakzeptabel gewesen –, und niemand würde wissen, wer sich da so danebenbenahm. Vor allem wenn man, zusätzlich zur Maske, ein Kleid trug, das völlig anders war als alles, was man bisher getragen hatte, und das man nie wieder anziehen würde. Eloise verbannte diese traurige Gewissheit aus ihren Gedanken und strahlte ihren neuen Tanzpartner an, der sie nun weg von Julius Caesar und auf die überfüllte Tanzfläche führte.

„Ich heiße Marcus“, verriet er und nahm sie für einen Walzer sehr fest in die Arme, was ihr ein leises Quietschen entlockte.

„Ich bin El…la.“ Sie hielt es für klüger, ihm ihren wahren Namen nicht zu verraten. Aus seiner Sprechweise, seiner Kleidung und seiner Haltung schloss sie, dass er ein Gentleman war, und wie die Mahnung ihrer Großmutter nahegelegt hatte, würde ihr zukünftiges Selbst, die Duchess of Rothshire, wohl kaum wollen, dass irgendwer erfuhr, dass sie die Nacht ausgelassen mit einer ganzen Reihe von Herren durchtanzt hatte. Da war es das Beste, auf Nummer sicher zu gehen, damit sie auch wirklich nicht erkannt wurde.

„Na, dann guten Abend, Ella.“ Marcus lächelte sie an und bog ihren Oberkörper auf eine Art und Weise zurück, die ihr den Atem raubte und deutlich bewusst machte, dass ihr Oberteil sehr tief ausgeschnitten und eine Spur zu eng war.

„Guten Abend, Marcus.“

„Kommst du regelmäßig hierher?“

„Nein.“ Ihr gefiel, wie er die Hand beim Tanzen in ihr Kreuz schmiegte. „Ich bin heute zum ersten Mal hier. Und auch zum ersten Mal auf einem Maskenball.“ Es konnte nicht schaden, das zuzugeben. „Kommen Sie den oft her?“ Es konnte auch nicht schaden, im Gespräch ein wenig Initiative zu zeigen, etwas, wovon ihre Mutter immer behauptete, es würde die Gentlemen abschrecken. „Sie tragen nicht gern Maske?“

Marcus lachte und nickte. „Ja, ich komme ziemlich oft her. Und ich habe grundsätzlich nichts gegen Masken einzuwenden, aber ich habe gerade all meine Sachen packen lassen, einschließlich meines Dominos und meiner Maske, und hatte keine Zeit, neue zu besorgen.“

„Sie verlassen London?“

„Ja. Ich breche morgen auf die Halbinsel auf, um zu kämpfen.“ Sein Lächeln wurde etwas angespannt, und dann sagte er: „Und du? Warum bist du heute zum ersten Mal hier? Bist du sonst zu sehr mit deinen Schafen beschäftigt?“

„So ist es.“ Eloise lächelte ihn an. „Ich bin eine überaus eifrige Schäferin.“

„Und wo hütest du deine Schafe normalerweise?“ Er wackelte mit den Augenbrauen.

Eloise lachte. Auf diese Art redete sonst keiner mit ihr.

„Wo ich gerade möchte“, erklärte sie. Und dann lächelte sie kokett und fragte: „Besitzen Sie Schafe? Vielleicht will ich sie ja irgendwann einmal hüten.“

Marcus zog sie fest an sich, und ihr stockte wieder einmal der Atem – er raubte ihr ziemlich oft den Atem, etwas, was sie sich definitiv für diesen Abend erhofft hatte –, und beugte sich zu ihr herab, bis sein Atem ihr Ohr streifte. „Du kannst meine Schafe hüten – oder auch mich –, wann immer du Lust dazu hast.“

Wieder stockte ihr der Atem, und seine Nähe ließ sie aufs Köstlichste erzittern. „Sir!“

Marcus lachte und tanzte mit ihr raschen Schrittes zu einer freieren Stelle der Tanzfläche. Er wollte etwas sagen, wurde jedoch von einem Paar angerempelt, das in Streit geraten war. Marcus ließ Eloise los und trat auf das Paar zu. In dem Moment verpasste die Frau – eine Kleopatra, mit mächtiger Perücke und juwelenbesetzter Maske – dem Mann – einem Mönch – eine schallende Ohrfeige, raffte die Röcke und entfernte sich rasch.

„Meine Güte.“ Eloise wusste, dass sie den Mund aufgerissen hatte. „Ich glaube, das war die Countess of Strathclyde.“

„Du kennst sie?“ Marcus runzelte die Stirn.

„Ich habe sie mal gesehen.“ Vielleicht sollte sie ihre Stimme ein wenig verstellen, vielleicht den Akzent der Dorfbewohner zu Hause in Kent nachahmen, damit Marcus nicht auf die Idee käme, sie könnte eine Freundin oder Bekannte der Countess sein. „Aus der Ferne.“ Ja, das war ein guter Akzent.

Marcus’ Stirn glättete sich, und er lächelte wieder. „Während du die Schafe gehütet hast?“

„Genau.“

Während sie weiter tanzten, von anderen Paaren hin und her gestoßen wurden und die Art leichte Konversation betrieben, wie Eloise sie von schicklicheren Veranstaltungen gewohnt war, zog Marcus sie immer dichter an sich, was ziemlich aufregend war.

Nach einiger Zeit – wie viel, konnte Eloise nicht sagen, sie amüsierte sich viel zu sehr, um die Minuten zu zählen – sagte Marcus: „Wenn dies dein erster Besuch hier im Park ist, sollte ich dich vielleicht ein wenig herumführen.“

„Das wäre schön.“ Eloise strahlte ihn an.

Groß und breitschultrig, wie er war, hatte er keine Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, bis sie den Rand der Tanzfläche erreicht hatten, und dann führte er sie auf einen von Bäumen und Laternen gesäumten Weg.

„Meine Güte.“ Eloise war beeindruckt von der großzügigen Anlage und wie schön der Weg war. „So etwas hätte ich in London nie erwartet.“

„Dann wohnst du nicht in London?“

„Nein. Na ja, manchmal.“ Sie wollte wirklich keine Details über sich preisgeben.

„Ella, du bist eine geheimnisvolle Frau.“

Sie nickte. „Ja, das bin ich allerdings. Sehr geheimnisvoll.“

„Also, einigen dieser Geheimnisse würde ich ja zu gern auf den Grund gehen.“ Er nahm sie bei der Hand und zog sie sanft auf einen Seitenweg. Seine Hand – groß und warm – fühlte sich einfach wunderbar an. Der Gedanke schockierte sie, dass sie die Hand eines Mannes zum ersten Mal auf diese Weise hielt und dass das nächste Mal wahrscheinlich an ihrem Hochzeitstag sein würde, mit dem alten Herzog.

Sie ballte die freie Hand zur Faust und versuchte, jeden Gedanken an den Herzog zu verscheuchen. Dann sagte sie so geheimnisvoll wie möglich: „Vielleicht gelingt es Ihnen ja“, und kicherte.

„Bist du heute Abend mit einer großen Gesellschaft hier?“, fragte Marcus. Unterwegs kamen sie an zwei Paaren vorbei, die mit Dingen beschäftigt waren, bei denen Eloise große Augen machte.

„Mit meiner Großmutter und ein paar Freunden.“

„Deiner Großmutter?“

Ach herrje. „Sie ist eine sehr … geheimnisvolle Großmutter“, erklärte Eloise in ihrem besten Kent-Dialekt. Durchaus möglich, dass Marcus ihre Großmutter kannte.

Marcus lachte. „Du bist ja lustig.“ Er wies auf eine kleine Bank in einer Heckennische. „Wollen wir uns setzen?“

„Natürlich.“ Bestimmt war es noch unschicklicher, mit einem Mann an einem so abgeschiedenen Ort zu sitzen, als mit ihm zu tanzen oder mit ihm spazieren zu gehen. Und das war ja das Schöne an einem Maskenball: Sie amüsierte sich, und niemand würde je erfahren, wer sie war.

Ganz überzeugt von der Ungehörigkeit ihres Verhaltens war sie dann, als Marcus sich dicht neben sie setzte und ihr einen Arm um die Schultern legte. Er drückte sie an sich, und sie schmiegte sich an ihn, weil sich sein muskulöser Körper so wunderbar anfühlte.

„Du zitterst ja.“ Marcus strich ihr über den Arm, worauf Eloise nur noch mehr zitterte, aber nicht vor Kälte. „Nimm meinen Rock.“ Bevor sie noch darüber nachdenken konnte, ob sie sich darauf einlassen sollte, war er schon in Hemdsärmeln und legte ihr den Rock um die Schultern.

Das Kleidungsstück war körperwarm und roch nach ihm, unbeschreiblich, aber äußerst verlockend. Irgendwie holzig. Der Rock hing an ihr herunter, wärmte sie aber schnell auf, und als sie dann endlich nicht mehr fror, konnte sie sich keine angenehmere abendliche Beschäftigung vorstellen, als neben Marcus auf einer Bank zu sitzen.

„Meine Großmutter hat mir erzählt, dass es später ein Feuerwerk geben soll“, sagte sie.

„Da hat deine geheimnisvolle Großmutter wohl recht.“ Er lächelte sie an, und ihr stockte der Atem. Seine Augen, die ihr im hellen Lampenlicht ganz normal grün vorgekommen waren, wirkten jetzt im Schatten wie tiefe Tümpel. Er hatte makellose Wangenknochen und ein wunderbar kräftiges Kinn und sah wirklich aus, als wäre er einem Roman von Fanny Burney entsprungen.

Er neigte den Kopf zu ihr herab, sah ihr dabei die ganze Zeit in die Augen.

Eloise hätte den Blick nicht für alles Nadelgeld der Welt von ihm abwenden können. Sie schluckte, als er noch näher kam, und dann berührten seine Lippen fast die ihren, und ihr Atem vermischte sich in der kalten Luft.

In diesem Moment ertönte eine laute Glocke, und Eloise zuckte so heftig zusammen, dass sie beinahe mit den Köpfen zusammengestoßen wären.

„Was ist das für ein Lärm?“, fragte sie.

„Die Kaskade. Komm.“ Marcus nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich über diverse Pfade bis zu einem Wäldchen, wo es eine Brücke, eine Wassermühle und einen laut rauschenden Wasserfall zu sehen gab, die, wie Marcus erklärte, allesamt mechanisch erzeugt wurden.

„Das war wunderbar. Das schönste Spektakel, das ich je gesehen habe.“ Eloise wollte gerade sagen, dass es viel besser war als das Stück, das sie vor ein paar Tagen im Theatre Royal gesehen hatte, verkniff sich die Bemerkung dann aber, da sie nicht sicher war, ob die Frau aus dem Volk, die sie zu imitieren versuchte, ins Theater gehen würde.

„Lass dir von mir noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten hier zeigen.“ Marcus legte ihr auf höchst unziemliche Weise den Arm um die Schultern und führte sie durch die Menschenmenge auf einen breiten Weg und dann einen verschwiegenen Seitenpfad hinunter.

Unterwegs gab es viel zu sehen – Säulen, Statuen, wundervolle bunte Lampions – und viel zu genießen: Marcus’ Nähe und seine kühne Konversation.

Eloise hatte nichts dagegen einzuwenden, als Marcus vorschlug, dass sie sich wieder hinsetzten, und zwar auf eine ziemlich versteckt liegende Bank.

„Gefällt dir dein Abend?“, fragte er sie.

„Sehr sogar.“ Sie lächelte ihn an, und dann tat ihr Herz einen Satz, weil sein Blick auf ihrem Mund ruhte und er ihr immer näher kam, genau wie vorhin, bevor sie sich die Kaskade angesehen hatten.

Und dann, ganz plötzlich, trafen sich ihre Lippen, und er fühlte sich so warm und einfach … umwerfend an.

Nach ein paar Augenblicken drängte er mit der Zunge gegen ihre Lippen, und sie spürte es irgendwie am ganzen Körper. Er zog sie an sich und schob eine Hand in ihr Haar und schlang ihr den anderen Arm um die Taille.

Ihr Kuss wurde leidenschaftlicher, und Eloise legte ihm die Arme um den Hals und zog seinen Kopf an den ihren.

Als Marcus seine Position kurz darauf ein wenig verlagerte, den Kopf hob und sie anlächelte, war Eloise sowohl über alle Maßen enttäuscht als auch unendlich dankbar, dass sie einen solchen Kuss hatte erleben dürfen, zumindest einmal in ihrem Leben.

Davor hatte sie genau zwei Männer geküsst: Der eine war der schüchterne Sohn des Squires, der ihr bei einem Ball im Dorf in Kent einen flüchtigen, sittsamen Kuss auf die Lippen gehaucht hatte. Der andere war ein weitaus weniger schüchterner junger Baronet, mit dem sie auf einem anderen Ball draußen auf der Terrasse ein wenig geschäkert hatte – eine insgesamt eher unangenehme Erfahrung, die damit geendet hatte, dass sie ihm eine Ohrfeige verpasste und nach innen lief. Bisher hatte sie nicht gedacht, dass ein Kuss so … wunderbar sein könnte.

Sie lächelte Marcus an, und er tastete in ihrem Haar und sagte: „Deine Maske.“ Seine Stimme war viel heiserer als vorhin, und sie hätte gern gelacht, ihn gleichzeitig aber auch geküsst. Doch sie musste jetzt aufpassen.

„Nein.“ Sie entzog sich ihm, sodass er nicht mehr an die Bänder ihrer Maske kam. „Die Maske bleibt oben.“

„Ach ja? Dann bist du wahrhaftig eine geheimnisvolle Frau.“ Marcus lachte.

„Ja.“ Sie nickte und macht wieder ihren Schmollmund.

Sofort beugte sich Marcus vor und küsste sie. Die Macht des Schmollmunds!

Nachdem sie nun wusste, wie gut sich seine Lippen auf ihren anfühlten, ließ Eloise sich in den Kuss sinken und seufzte laut auf vor Lust.

Marcus schob die Hände in den Rock, den er ihr vorher umgelegt hatte, und zog sie an sich, und dann … Und dann zerrte sie plötzlich an seinem Hemd, und er sah sie an und hob eine Augenbraue, und sie nickte, ja, sie war sich ganz sicher, dass sie sehr gern bei allem mitmachen würde, was er mit ihr vorhatte. Und dann spürte sie, wie seine Hand liebkosend über ihre Schulter strich, und dann machte er etwas Geschicktes mit den Fingern, und ihr Mieder löste sich, und dann schob er die Hand hinein und wog eine ihrer Brüste und zwickte sie ein wenig und streichelte sie und – oh! – ließ die Hand weiter nach innen gleiten und umschloss die Brust mit der ganzen Handfläche, und dann löste er seine Lippen von den ihren und hauchte Küsse auf ihr Dekolletee, bis er bei der Brust angekommen war, und nahm die Spitze in den Mund, knabberte daran, leckte, und, oh, wie sich das anfühlte!

Dann lehnte er sich zurück, zog ihr das Kleid weiter herunter und nahm die zweite Brust, streichelte sie, spielte damit. Verschwommen war Eloise bewusst, dass es sie ruinieren könnte, wenn jemand sie entdeckte. Vielleicht sollte sie ihn bitten, innezuhalten und sie zurückzubringen – er würde das bestimmt tun, er schien ein guter Mensch zu sein –, aber sie wollte nicht, dass er aufhörte.

Im Gegenteil, sie wollte unbedingt, dass er weitermachte.

Sie strich ihm ihrerseits mit der Hand über die Brust, und im nächsten Moment hob er sie hoch, bis sie rittlings auf seinem Schoß saß, das Gesicht ihm zugewandt. Unter sich konnte sie etwas spüren … etwas Hartes, was sich gegen sie drängte.

Marcus widmete sich weiter ihren Brüsten und schob die Hand unter ihre Röcke, bis er die Innenseite ihrer Schenkel berührte.

Eloise bekam kaum noch Luft. Bisher hatte sie nie so genau gewusst, was Männer und Frauen miteinander machten, allerdings war ihr klar, dass die Art, wie dieser Mann sie berührte, zutiefst unsittlich war. Aber sie war sich auch sicher – ganz sicher –, dass sie nicht wollte, dass er aufhörte. Die lustvollen Empfindungen, die Begierde, durchströmten sie von Kopf bis Fuß, und nur für diesen einen Abend und maskiert als Ella, wollte sie sich diesen Freuden hingeben, ehe sie die Duchess eines viel älteren und sehr unangenehmen Gatten wurde.

Marcus’ Finger wanderten immer weiter ihre Schenkel hinauf, und plötzlich berührten sie die Stelle zwischen ihren Beinen, und sie hätte beinahe laut aufgeschrien.

„Du bist so nass“, keuchte er und begann, sich an ihr zu reiben.

„Mmhmmm.“ Eloise fehlten die Worte. Sie tastete nach seinem harten Glied – er kannte sie nicht, warum also sollte sie da schüchtern sein – und nestelte an seinen Kniehosen.

Und dann schob er den Finger auf eine Weise in sie, die sie sich nie hätte vorstellen können, und es war, als zündete ihr eigenes kleines Feuerwerk.

Und dann rückte Marcus ein Stück von ihr ab und sah sie an.

„Darf ich?“, fragte er.

„Ja. Bitte.“ Eloise brachte kaum ein Wort heraus.

„Bist du sicher?“

„Sehr sicher.“ Wenn irgendwer davon erfuhr, wäre sie so oder so ruiniert, und nun wollte sie dieser Nacht so viel Freude und Lust abringen, wie sie konnte, und, oh, oh, nun bewegte er die Finger noch mehr, und als es ihr endlich gelang, seine Hose zu öffnen, biss er sie sanft.

„Bitte“, bedeutete sie ihm, und dann rückte er sie noch einmal zurecht, bis sie direkt neben seinem nackten Glied saß.

2. KAPITEL

Marcus

„Bist du sicher?“, fragte Marcus noch einmal, während er sie über sich festhielt. Irgendetwas hatte sie an sich … War es möglich, dass dies ihr erstes Mal war? Wenn ja, dann sollten sie doch sicher nicht …

Sie wand sich und sagte: „Ja“, bevor sie die Hand nach ihm ausstreckte. Es fühlte sich … wunderbar an. Oh Gott.

Er küsste sie noch einmal und rückte sie auf seinem Schoß zurecht, damit er an sie herankam.

Ein letztes Mal wollte er sich noch vergewissern. „Bist du ganz sicher, dass du das tun willst?“

„Ganz sicher.“

Er drang in sie ein, und Ella keuchte und seufzte und sagte: „Ja“, als er sich in ihr zu bewegen begann.

Und, Gott, es war doch ihr erstes Mal, er war sich sicher. Und verdammt, es fühlte sich gut an. Sie war feucht, und eng, und schmiegsam, und Gott. Und dann hörte er auf zu denken.

„Ella“, ächzte er bei seinem Höhepunkt und hielt sie ganz fest auf seinem Schoß.

„Marcus“, keuchte sie.

Er rückte ein wenig ab, bevor er sie freigab. In den letzten Jahren war er mit einer Reihe von Frauen zusammen gewesen – welcher Vierundzwanzigjähre in seinen Kreisen hätte nicht schon eine Reihe erotischer Erfahrungen gesammelt? –, aber diesen Abend war es irgendwie anders gewesen, ganz besonders.

Er hob ihr Kinn an und küsste sie noch einmal auf die Lippen … An irgendeinem Punkt hatte sich ihre Maske gelöst, und sie war wunderschön. In diesem Augenblick sah sie genau so aus, als hätte sie sich einem leidenschaftlichen Liebesspiel hingegeben, ihre Lider waren schwer, ihre Augen glasig. Unter ihrem dichten, inzwischen völlig wirren rotblonden Haar sah er ein kleines, sehr hübsches Gesicht mit einem kecken Lächeln. Und doch … jetzt, da er ihr Gesicht ganz sehen konnte, wirkte das Lächeln eher unschuldig. Auch keck, aber nicht auf routinierte Art.

Und er war sich inzwischen ganz sicher, dass dies ihr erstes Mal gewesen war.

„Geht es dir … gut?“, fragte er.

„Ja, danke.“ Sie lächelte ihn an. „Absolut.“

„War das dein …?“ Im Lichte dessen, was sie eben getan hatten, und der recht pikanten Bemerkungen, die er ihr in der letzten Stunde ins Ohr geflüstert hatte und die ihr stets ein Kichern entlockt hatten, war er überrascht, dass er jetzt bei der Formulierung seiner Frage solche Schwierigkeiten hatte.

„Ja, das war es, und ich danke Ihnen.“ Sie lächelte noch einmal, und dann machte sie diesen bezaubernden Schmollmund, der ihn zum Lachen brachte, aber auch zum Nachdenken.

Zuvor war sie anscheinend vollkommen unschuldig gewesen. Und der Dialekt von vorhin war auf einmal völlig verschwunden, stattdessen klang sie eher wie eine Dame. Und sie hatte einfach, sie war einfach, sie hatte … Gott. Sie hatte auch das Gebaren einer Dame. Sie zog ihr – völlig lachhaftes – Schäferinkostüm nach oben, um ihre – ziemlich herrlichen – Brüste zu bedecken, und die Art, wie sie die Schultern straffte … erinnerte ihn lebhaft daran, wie sich die jungen Damen bei Almack bewegten, nach den vielen Jahren Benimmunterricht.

War sie …? Himmel, hatte er …? Hatte er eben mit einer jungfräulichen Dame der Gesellschaft geschlafen?

„Ella, woher hast du dieses Kostüm?“

„Aus meinem Schrank.“ Sie zwinkerte ihm zu.

Marcus war nicht danach zurückzuzwinkern.

Er schüttelte den Kopf. „Ella, ich …“

Sie streckte sich und küsste ihn auf die Wange.

„Marcus, ich habe den Abend heute sehr genossen, und ich hatte das bitter nötig. Daher vielen Dank. Wirklich. Danke.“

Marcus hatte diesen Abend ebenfalls nötig gehabt. Er war mehr als bereit, in den Krieg zu ziehen, auf dem Kontinent für die gute Sache zu kämpfen, und er konnte es kaum erwarten. Er brauchte einen Sinn in seinem Leben, und den konnte ihm die nichtige Londoner Gesellschaft nicht geben. Doch an diesem Abend war ihm plötzlich klar geworden, dass es das Ende des Lebens bedeuten konnte, wie er es kannte, und er hatte nach ein wenig Freude gesucht.

„Ich hatte auch einen wunderbaren Abend.“ Er nahm Ellas Hand und küsste sie. „Darf ich deinen vollen Namen erfahren?“

„Nein.“ Sie zwinkerte ihm noch einmal zu, und er lachte.

„Darf ich dich heute Abend dann wenigstens nach Hause bringen?“ Und da war das Zwinkern wieder.

„Könnten wir …?“ Könnten sie was? Jetzt, da er den Verdacht hatte, mit einer vornehmen jungen Dame geschlafen zu haben, wusste er nicht mehr so genau, wie er sich den Rest des Abends vorstellte.

„Könnten wir vielleicht ein bisschen auf und ab gehen? Wenn Sie möchten?“ Ihr Lächeln war jetzt nicht mehr so selbstsicher. „Und könnten Sie mir vielleicht die Maske festbinden?“

„Natürlich.“ Marcus sprang beinahe von der Bank auf, um ihrer Bitte nachzukommen.

Seine Finger schienen aus lauter Daumen zu bestehen, und er brachte die Bänder dauernd mit ihrem Haar durcheinander, doch irgendwann hatte er seinen Auftrag erfüllt. Ella wandte sich ihm zu, um ihm zu danken, und ja, mit der Maske sah sie ganz anders aus – viel weniger unschuldig, und auch etwas älter.

Unterwegs plauderten sie über irgendwelche Nichtigkeiten, als wären sie sich niemals näher gekommen, nur dass Ella immer noch seinen Rock trug und sie Arm in Arm gingen und er mit ganzem Körper auf sie reagierte, wann immer ihr wunderbar weicher Leib den seinen streifte.

„Ach, schauen Sie.“ Ella blieb wie angewurzelt stehen, als sie die ersten Lichter des Feuerwerks sahen, kurz darauf gefolgt vom Zischen und Knattern der Raketen.

Marcus hatte Feuerwerke schon immer gemocht, aber noch schöner waren sie, wenn er sie in Gesellschaft von jemanden betrachtete, der so leicht in Aufregung zu versetzen war wie Ella.

„Das war wunderbar“, hauchte sie am Ende. „Ein passender Abschluss für einen perfekten Abend.“

„Ich möchte dich wiedersehen.“ Noch während er es aussprach, wusste Marcus, dass dieser Wunsch lächerlich war. Er würde in wenigen Stunden aufbrechen, und selbst wenn er bliebe, hatte Ella ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, dass sie ihm nicht einmal ihren Nachnamen anvertrauen wollte.

„Vielleicht in einem anderen Leben.“ Ella lächelte nicht mehr. „Aber es ist mein Leben, und Ihres. Wir haben einen Abend miteinander geteilt, und es war einfach wunderbar. Vielen Dank noch einmal, und jetzt möchte ich gern zu meinen Freunden. Und meinen Domino brauche ich auch.“

Auf dem Rückweg durch die Menge sprachen sie kaum miteinander, als wäre ihr gemeinsamer Moment bereits vorüber.

Nach einigen Augenblicken sah Ella ihre Freundin, zog Marcus am Ärmel und deutete auf sie. Er wollte auf ihre Freundin zugehen, doch Ella zog ihn noch einmal am Ärmel.

„Ich möchte mich hier verabschieden“, sagte sie. Seinen Rock hatte sie bereits abgelegt. „Ich wünsche Ihnen alles Gute auf der Halbinsel.“

„Erlaube mir doch, dich zu deiner Freundin zu bringen.“ Marcus war nun ganz überzeugt, dass Ella von vornehmer Herkunft war. Ihre Freundin kam ihm irgendwie bekannt vor. Vielleicht hatte er mit ihr getanzt, ehe er vor drei Wochen aufs Land zu seinen Eltern gereist war. Er war erst heute nach London zurückgekehrt, um sich dann morgen Richtung Kontinent aufzumachen.

„Bestimmt nicht.“ Ella lächelte ihn strahlend an. Und bevor er ihr nun seinerseits alles Gute wünschen konnte, hatte sie ihm den Rock überreicht und war davongeeilt.

Er folgte ihr, um sich zu vergewissern, dass sie in Sicherheit war, und hätte sich dreimal beinahe in die Bresche geworfen, um sich die Männer vorzuknöpfen, die viel zu großes Interesse an ihr und ihrem lächerlichen Kostüm zeigten. Und dann war sie bei ihrer Freundin angekommen, und die Freundin nahm nach einem kurzen, gestenreichen Gespräch ihren Domino und legte ihn Ella um die Schultern.

Ella zog die Bänder fest und sah dann noch einmal einen langen Moment in seine Richtung und hob die Hand zum Gruß. Und als er ebenfalls die Hand hob und sich verabschieden wollte, wandte sie sich um und verschwand mit ihrer Freundin in der Menge.

Marcus stand noch lange da und starrte ihr nach, ehe er sich abwandte und in die andere Richtung davonging.

3. KAPITEL

Eloise

Neun Jahre später – London, Juli 1817

Eloise, Duchess of Rothshire, hatte beinahe vergessen, wie sehr sie Menschenmengen und das dazugehörige Gedränge und den Lärm liebte. Als ihre Freundin und seit ihrem Londonbesuch vor neun Jahren engste Vertraute Viscountess Bakewell, vormals Lady Anne Crane, sich zu ihr herüberbeugte und ihr eine besonders saftige Klatschgeschichte erzählte, strahlte sie beinahe vor Glück.

Es war herrlich, hier zu sein. Nicht dass das Leben auf dem Land langweilig gewesen wäre, doch hier unter so vielen glücklichen Menschen zu sein war einfach besonders belebend, und sie hatte es vermisst. Und sie vermisste die Bälle und die Theater und die Läden und die Mode. Jetzt, da ihr Trauerjahr nach dem Tod ihres Mannes, des alten Herzogs, verstrichen war, würden sie und ihre achtjährige Tochter Amelia vielleicht wieder mehr Zeit in der Stadt verbringen.

Ein junger Stutzer stieß mit ihr zusammen, während er auf den rasch davonschwebenden Ballon deutete, zu dessen Aufstieg sie alle gekommen waren, und entschuldigte sich wortreich. Eloise lächelte ihn an und versicherte ihm, dass es nichts ausmachte, ehe sie sich wieder Amelia zuwandte. 

Ihr Blick fiel auf die feinen Handschuhe ihrer Freundin, und sie wollte ihr schon ein Kompliment dazu machen und sie fragen, wo sie sie gekauft habe, als sie wieder angestoßen wurde.

Diesmal war es ihre Tochter Amelia, die von einem Rundgang mit ihrer Kinderfrau und einem Lakaien zurückgekehrt war.

„Mama, Mama, ich habe ein paar Freundinnen kennengelernt.“ Amelia wies auf die beiden kleinen blonden Mädchen hinter sich an der Hand eines hochgewachsenen, makellos gekleideten Herrn, vermutlich ihr Vater. Eloise lächelte die Mädchen an, und beide erwiderten das Lächeln.

„Guten Tag, ihr beiden“, sagte sie.

„Guten Tag“, sagte eines der Mädchen. „Ich bin Lady Venetia Wright, und das ist meine Schwester Lady Maria. Wir sind Zwillinge.“ Ihre Ernsthaftigkeit war liebenswert.

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