Julia Extra Band 582

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IM PALAZZO DES ITALIENISCHEN MILLIARDÄRS von CAROL MARINELLI

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  • Erscheinungstag 03.03.2026
  • Bandnummer 582
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541428
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carol Marinelli, Millie Adams, Karin Baine, Louisa Heaton

JULIA EXTRA BAND 582

Carol Marinelli

PROLOG

Das Ding mit Brüdern war Folgendes: Sie wussten, was Sache war.

Sevandro Casadio öffnete die private Schublade in seinem Schreibtisch, in der sein Ehering lag. Der Anblick war immer noch ungewohnt. Als hätte jemand etwas hineingeschmuggelt, das dort nicht hingehörte.

Er hatte eine Ehefrau. Daheim in Lucca.

Den Ring hatte er nie getragen. Am Tag der Hochzeit war seine Hand zu stark geschwollen gewesen, nachdem er sich mit seinem Bruder geprügelt hatte. Aber Scheich Mahir hatte angemerkt, die Hochzeit wäre bereits vor drei Monaten gewesen – sicher sei seine Hand wieder in Ordnung?

Scheich Mahir war ein Familienmensch. Als Sev ihm wenige Wochen nachdem er nach Dubai gekommen war, gesagt hatte, dass er heiraten würde, hatte er das begrüßt. „Exzellent. Ein geordnetes Privatleben ist gut fürs Geschäft.“

Sev war mit Adal, dem Sohn des Scheichs, auf dieselbe exklusive Privatschule in Mailand gegangen. Sie waren keine besonders guten Freunde gewesen, aber sie hatten trotzdem manchmal die Ferien zusammen in Dubai verbracht. Vor Kurzem hatte Sev dem Scheich von einem Hotel in der Toskana erzählt, seine Pläne für die Immobilie vorgestellt.

Mahir hatte zunächst wenig Interesse daran gehabt. „Ich habe schon genug Projekte …“

„Aber haben Sie nicht gesagt, Sie würden gern in Italien investieren?“

„Ja, als es so aussah, als ob Adal sich dort niederlassen würde. Ich wollte ein Projekt für ihn.“

„Das hier könnte eins sein.“ Dabei wusste Sev sehr gut, dass Adal daran kein Interesse haben würde. „Und Adal und ich kommen gut miteinander aus, ich kann ihn unterstützen.“ Auch das stimmte nur so halb. Sev brauchte das Kapital. „Der Besitzer muss verkaufen – es wäre eine günstige Gelegenheit.“

„Wenn die Gelegenheit so günstig ist, warum hat dein Großvater dazu nein gesagt?“

„Ich habe es ihm nicht vorgeschlagen. Ich trenne Privates gern von Beruflichem.“

„Unmöglich.“ Scheich Mahir seufzte. „Alles, was wir tun, tun wir für die Familie.“ Dann hielt er inne und betrachtete Sev. „Was, wenn ich dir sagen würde, dass ich ein Projekt hier in Dubai für dich habe?“

Mahir hatte ihm einen Job angeboten, und Sevandro hatte angenommen. Er war zurück nach Lucca geflogen, um seinen Erfolg dort zu feiern … und hatte sich ein bisschen zu unbedacht verhalten.

In dem Moment, in dem er herausgefunden hatte, dass er Vater werden würde, hatten sich seine Prioritäten geändert. Die Arbeit war immer schon das Wichtigste gewesen, aber in seiner Freizeit hatte er ein Playboy-Leben geführt. Das war nun vorbei. Er würde sich darauf konzentrieren, eine Familie zu gründen. Für Rosa und das Baby zu sorgen.

Nach denkbar kurzen Flitterwochen kehrte er nach Dubai zurück. Rosa verstand nicht, warum er nicht in Lucca blieb; immerhin würde die Winzerei der Casadios irgendwann ihm gehören.

Sie begriff nicht, dass er seinen eigenen Weg gehen wollte. Und er begriff nicht, warum sie niemandem erzählen wollte, dass sie schwanger war.

„Die Leute werden reden“, hatte sie nach der Hochzeit gesagt. „Warten wir noch ein paar Wochen …“

Aber dann rief sie ihn in Dubai an und erzählte ihm, dass sie Blutungen habe. Er flog sofort heim. Und erhielt dort die Nachricht, dass sie eine Fehlgeburt erlitten hatte.

Seine Trauer konnte er mit niemandem teilen. Rosa wollte nicht darüber sprechen. Ihre Eltern genauso wenig.

„Es war auch mein Baby“, sagte er. Und machte einen Termin bei Dr. Romero aus, dem alten Hausarzt der Casadios, um sicherzugehen, dass es keine medizinischen Komplikationen gab.

Es war nicht der erste Termin, den er ausgemacht hatte. Es war nicht der erste, den Rosa absagte.

Sev ließ den Ehering in der Schublade liegen. Er würde ihn nicht aufsetzen, nur weil der Scheich das wollte. Er griff nach seinem Telefon, um erneut Dr. Romeros Praxis anzurufen. Er musste herausfinden, was los war.

In diesem Moment blinkte der Name seines Bruders auf dem Bildschirm.

Wollte Dante sich endlich für die Dinge entschuldigen, die er über Rosa gesagt hatte? Das war immerhin der Grund dafür gewesen, dass Sev an seiner Hochzeit mit einer geschwollenen Hand und einem blauen Auge teilgenommen hatte.

Aber vielleicht hatte Dante recht gehabt.

Vielleicht hatte es nie ein Baby gegeben.

Widerwillig nahm Sev den Anruf an.

„Sev!“ Als Dante seinen Namen sagte, in diesem speziellen Tonfall, war Sev sofort klar, dass es um mehr ging als um ihren Streit.

„Ich … ich habe schlechte Nachrichten.“ Es folgte eine so lange Pause, dass Sev sich versteifte.

„Der Hubschrauber …“ Der Privathubschrauber, den ihre Eltern regelmäßig nutzten. „Er ist direkt nach dem Abheben abgestürzt. Die Rettungskräfte sind unterwegs, aber …“

Sev öffnete den Mund. Erst kam kein Ton hervor. „Wer?“, stieß er schließlich aus. Wer war an Bord gewesen? Beide Eltern?

„Sie waren auf dem Weg nach Mailand.“ Dantes Stimme klang fremd. „Zur Modenschau. Und Rosa … war mit an Bord.“

Es gab keine Überlebenden.

Die Trauerfeier wurde in der Kathedrale in Lucca abgehalten. Dante und Sev saßen in vorderster Reihe, zu beiden Seiten ihres Großvaters. Später trugen sie die Särge aus der Kirche, nahmen auf dem Friedhof die Anteilsbekundungen entgegen und standen nebeneinander am Grab ihrer Eltern.

Der Trauerkaffee hinterher fand in ihrem Palazzo in Lucca statt. Die Leute unterhielten sich in gedämpftem Tonfall.

Wie traurig …

Und das junge Paar! Sie waren so glücklich …

Wie es ihm wohl geht?

Das wusste niemand. Auch Sev nicht.

Verwitwet, und er ist erst dreiundzwanzig

Hoffentlich werden sich die Brüder jetzt wieder versöhnen.

Als die letzten Trauergäste gegangen waren, schaute Sev nach seinem Großvater, der auf seiner Bettkante saß, immer noch im Anzug.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das sagen würde, mein Junge“, sagte Gio leise, während Sevandro ihm beim Auskleiden half. „Aber ich bin froh, dass deine Nonna schon tot ist.“ Er hatte nie aufgehört, um seine verstorbene Frau zu trauern. „Das hier hätte sie nicht überstanden.“

„Versuch, dich ein bisschen auszuruhen, Gio.“ Sev dimmte das Licht der Nachttischlampe. „Dante holt deine Tabletten.“

„Ja …“ Gio sank in die Kissen und schloss die Augen, öffnete sie wieder und griff Sev am Ärmel. „Wir werden morgen für dich da sein.“

„Das weiß ich.“ Sev sah Dante in den Raum kommen, Gios Medikamente und ein Glas Wasser in der Hand.

„Dante?“, sagte Gio, der selbst in seiner Trauer noch versuchte, den Riss zwischen den Brüdern zu kitten. „Ich denke, du solltest morgen helfen, Rosas Sarg zu tragen.“

„Das ist nicht nötig“, sagte Sev. „Alles ist schon organisiert.“

Er sagte seinem Großvater gute Nacht, stieg die Treppe zu seinem alten Zimmer hinauf und begann zu packen. Als Dante den Raum betrat, schaute er nur flüchtig auf. Die Narbe auf Dantes Stirn war noch frisch. So frisch wie die Erinnerung an ihren Streit.

„Warum packst du?“

Sev sagte nichts.

„Willst du bei Rosas Eltern übernachten?“

Er schüttelte den Kopf.

„Übernachte heute bitte nicht im Hotel.“

Sev nahm seinen Koffer und ging.

„Sevandro …“ Sein Bruder folgte ihm die Treppe hinab. „Bitte. Was ich damals gesagt habe, vor deiner Hochzeit …“

„Nicht jetzt“, unterbrach ihn Sev. Er wollte es nicht hören. Nicht heute.

Seit er die Nachricht bekommen hatte, fühlte er sich wie taub. Und er wusste nicht, was er fühlte – Trauer oder Ärger? Oder Schuld, weil er Rosa nie geliebt hatte? Es war, als ob ihn ein Nebel einhüllte, der all seine Gefühle dämpfte.

Morgen würde er seine Frau begraben. Wie unerfreulich ihre kurze Ehe auch gewesen war, morgen würde er das Richtige tun. Er schaute seinen Bruder an und dachte an alles, was Dante über Rosa gesagt hatte.

Heute Abend würde es keine Versöhnung geben.

Rosas Beerdigung fand in der Kirche statt, in der sie auch geheiratet hatten, außerhalb der Stadt, in der Nähe der Winzereien ihrer beiden Familien. Sev trug den Sarg zusammen mit Rosas Vater und ihren Cousins. Als er zusah, wie der Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, dachte er an ihre letzte Auseinandersetzung. Ihre Weigerung, zum Arzt zu gehen.

„Verlass mich nicht, Sevandro“, hatte sie geschluchzt. „Was werden die Leute denken?“

Die Trauerfeier fand in der Winzerei der De Santis statt. Sev fühlte sich wie ein Heuchler, als er die Beileidsbekundungen entgegennahm. Rosas Eltern, die gewusst hatten, dass er kurz davor gewesen war, sich von Rosa zu trennen, taten, als wäre nie etwas gewesen. Sie sprachen nur davon, wie glücklich er und Rosa gewesen seien.

Er korrigierte sie nicht.

Als er nach draußen ging, um Luft zu schnappen, kam Dante zu ihm herüber.

„Wie geht es dir?“

Sev konnte nicht antworten, weil er es selbst nicht wusste. Er blickte hinaus auf die Unfallstelle in den Weinbergen, wo immer noch die Trümmer des Helikopters lagen. „Warum sind sie nach Mailand geflogen?“

„Rosa wollte an der Fashion Week teilnehmen.“

„Das weiß ich.“ Rosa hatte seine Mutter darum gebeten, ihr eine Einladung zu verschaffen. „Aber unsere Eltern wollten das nicht. Stattdessen wollten sie mit dir zu Abend essen – warum?“

„Um über unseren Streit zu sprechen“, sagte Dante. Er schüttelte den Kopf. „Sev, ich hätte das alles niemals sagen sollen. Ich weiß nicht, ob es mein Jurastudium war, das mich so zynisch hat werden lassen. Aber ich habe wirklich geglaubt, Rosa hätte vielleicht nur behauptet, sie sei schwanger. Um dich dazu bringen, sie zu heiraten. Ich war im Irrtum.“

Nur, dass das möglicherweise nicht stimmte. Rosa hatte tatsächlich gesagt, sie sei schwanger. Und vielleicht war es tatsächlich eine Falle gewesen.

Dr. Romero, ihr alter Hausarzt, war auf der Trauerfeier gewesen. Sev hatte darüber nachgedacht, ihn anzusprechen. Aber welchen Zweck hätte das? Auch wenn es nur aus Pflichtbewusstsein geschehen war, er hatte Rosa geheiratet. Und damit eine Verpflichtung übernommen, die nicht endete, nur weil sie gestorben war.

Also erzählte er seinem Bruder nicht, wie unschön die Ehe gewesen war. Und widersprach ihren Eltern nicht auf öffentlicher Bühne.

„Lass es gut sein“, sagte er zu Dante.

„Sev …“

„Lass sie in Frieden ruhen.“

Mehr konnte er für Rosa nicht tun.

1. KAPITEL

Fast zehn Jahre später

„Hier lang!“

Juliet Adams schaffte es, nicht mit den Augen zu rollen, während sie ihrer Freundin Louanna durch die Straßen Luccas folgte.

Es war feucht und neblig. Die dicken grauen Wolken, die sich über den Hügeln der Toskana zusammenballten, schienen in ihre Richtung zu ziehen.

Juliet trug ihr rotes Haar unter der Kapuze offen. Schlichte Spangen hielten es ihr aus dem Gesicht. Die Perlenohrringe und das schwarze Kleid, das sie trug, passten besser zu einer Cocktailparty als zu einem normalen Arbeitstag, aber es waren weder ihre Frisur noch ihr Outfit, die ihr Sorgen bereiteten. „Louanna, wir können nicht unter freiem Himmel spielen.“

„Es ist Valentinstag.“ Louanna trug ihr Cello mit der üblichen Gewandtheit. „Ein Tag für romantische Musik!“

Sie waren zu viert. Juliet stammte als Einzige aus England, die anderen aus Italien. Sie hatten dieselbe Musikschule besucht und in ihrem Abschlussjahr ein Streichquartett gegründet. Allerdings hatte es bisher nicht viele Gelegenheiten gegeben, den Durchbruch zu schaffen. In Lucca gab es zahllose talentierte, hoffnungsvolle Musiker. Ihr kleines Ensemble musste um jeden Auftritt kämpfen.

Juliet hoffte, sich irgendwann als professionelle Musikerin zu etablieren. Allerdings fiel es ihr zwischen den anstehenden Abschlussprüfungen und ihren Jobs in der Eisdiele und der Bar schwer, Zeit zum Üben zu finden.

Louanna, die Cellistin und selbsternannte Managerin ihres Quartetts, wollte Kapital aus dem Valentinstag schlagen und hatte die anderen überredet, eine freie Vorstellung auf den berühmten antiken Stadtmauern zu geben.

„Es regnet bald.“ Ricco schaute in den Himmel. „Warum gehen wir nicht lieber auf den Markt und suchen uns dort ein Fleckchen, wo wir im Trockenen stehen?“ Er stieß Juliet an. „Da halten sie auch ein Speeddating-Event ab. Du solltest mitmachen.“

„Wie bitte?“

„Speeddating. Das ist sehr unterhaltsam.“

„Auf dem Markt? In aller Öffentlichkeit?“

„Probier es doch aus! Gabriel und ich haben uns auch so kennengelernt.“

Juliet konnte sich kaum etwas Schlimmeres vorstellen. Sie war ohnehin schüchtern.

„Es ist perfekt“, beharrte Ricco. Er versuchte immer, seine Freunde zu verkuppeln. „Du hast gesagt, du hast keine Zeit, jemanden kennenzulernen. An jedem Tisch sitzen zehn oder zwölf Männer, und jede Session dauert nur ganz kurz. Wenn du jemanden findest, bei dem es Klick macht …“

Juliet hatte noch nie jemanden gefunden, bei dem es „Klick“ gemacht hatte. „Und was soll ich sagen?“

„Du bist Engländerin. Du siehst toll aus. Erzähl ihnen, dass du Musik studierst und hoffst, Berufsmusikerin zu werden. Was sonst noch?“

„Sonst gibt es nichts.“ Das stimmte. In ihrem Leben stand Musik im Mittelpunkt. „Ich könnte sagen, dass ich hoffe, mich irgendwann dauerhaft hier niederzulassen …“

„Viel zu ernst, viel zu früh“, sagte Ricco. Er dachte einen Moment nach. „Was wäre für dich das perfekte erste Date?“

„Ein nettes Restaurant?“

„Du bist genauso pleite wie ich!“

„Dann ein Picknick. Blumen. Ich weiß nicht.“

„Sei einfach du selbst. Aber bloß keine Geschichten über deine Ex-Freunde …“

„Auf keinen Fall.“

Es gab keine Ex-Freunde. Juliet war nie über ein erstes Date hinausgekommen. Spätestens, wenn sie gestand, dass sie noch nie mit jemandem zusammen gewesen war, ergriffen die meisten Männer die Flucht. Dass sie mit fünfundzwanzig noch Jungfrau war, machte sie anscheinend zur Ausschussware.

„Probier es doch wenigstens.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wenn meine Prüfungen durch sind, dann denke ich vielleicht darüber nach.“

Dario kam zu ihrer Rettung, bevor Ricco weiter nachhaken konnte. Es hatte begonnen zu nieseln. „Bei dem Wetter spiele ich nicht draußen!“

„Okay.“ Louanna drehte sich um und hob die Hand. „Zeit, mit offenen Karten zu spielen. Ich hatte nie vor, auf den Mauern zu spielen. Wir haben einen Auftritt.“ Sie deutete auf eine Bank. „Setzen wir uns.“ Louanna war manchmal ein bisschen herrisch, aber es funktionierte. Sie brauchten jemanden, der den Ton angab. „Habt ihr alle die Stücke geprobt, die ich vorgeschlagen habe? Juliet, bei dir weiß ich es.“ Sie wohnten zusammen in einer WG.

Ricco und Dario nickten.

„Das ist gut. Wir treten heute auf einer Hochzeit auf.“

„Wann?“, fragte Dario.

„Jetzt gleich. Sechs Stunden bezahlte Arbeit und hoffentlich ein Trinkgeld.“

„Warum hast du uns das nicht gesagt?“ Juliet richtete sich gerade auf. „Und ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil ich eine Schicht getauscht habe.“

„Ich weiß, aber es ist ein Geheimnis. Wir spielen auf Gio Casadios Hochzeit“, sagte Louanna.

Als ob das alles erklärte.

Aber das tat es.

„Der Besitzer der Winzerei Casadio?“

„Ja.“ Louanna nickte. „Das könnte unser Durchbruch sein!“

„Aber …“ Juliet schüttelte den Kopf. Das kam aus dem Nichts. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man sie für ein so exklusives Event engagiert hatte. Casadio stellte Weine her, die in der ganzen Welt berühmt waren. Und einen entsprechenden Preis hatten.

Ein einziges Mal war es ihr vergönnt gewesen, einen davon zu probieren. Vor ein paar Wochen hatte Susie, ihre dritte Mitbewohnerin, eine Flasche mitgebracht.

So sehr Juliet Gerüchte und Tratsch auch verachtete, es war ihr nicht entgangen, dass Susie angeblich eine Affäre mit Dante Casadio, dem Enkelsohn des alten Gio, hatte.

„Das ist eine riesige Chance“, sagte Louanna. „Als die Eventplanerin angerufen hat, bin ich fast gestorben! Sie hat unsere Demotapes angefordert und mir das Versprechen abgenommen, es geheim zu halten.“

„Das war richtig. Ich hätte es sofort weitererzählt“, gestand Ricco. „Ehrlich, Louanna? Der alte Gio heiratet? Er muss doch schon achtzig sein.“

„Die Braut ist nicht viel jünger.“ Louanna lachte. „Es ist Mimi!“

Ricco riss die Augen auf.

„Mimi?“ Juliet schluckte. Sie kannte den Namen. „Die Opernsängerin? Susies Italienischlehrerin?“

Louanna nickte.

Mimi war in ihrer Jugend unglaublich gewesen. Und war es immer noch. Als Juliet erfahren hatte, dass Mimi ihrer Freundin hin und wieder unentgeltlich mit dem Italienischen half, hatte sie es kaum glauben können.

„Warum gerade wir?“ Sie war jetzt schon nervös. „Mimi könnte jeden engagieren.“

„Sie wollen keine große Feier. Nur ein Essen mit der Familie. Aber Gio möchte sie mit klassischer Musik überraschen. Und Pearla’s übernimmt das Catering.“

„Pearla’s?“ Juliet schaute zu dem exklusiven Restaurant hinüber, in dem Susie als Kellnerin arbeitete. „Findet die Hochzeit etwa im Restaurant statt?“

„Nein, im Palazzo der Casadios. Es ist alles sehr kurzfristig organisiert worden. Aber Pearla’s wollte Gio Casadio nicht absagen.“

„Werden Sevandro und Dante auch da sein?“, fragte Dario und fügte Juliet zuliebe hinzu: „Das sind Gios Enkelsöhne.“

„Ja, und Mimis Schwester. Es ist eine ganz kleine Gesellschaft, nur fünf Leute. Man wird jeden Fehler hören!“ Sie wussten alle, dass es manchmal einfacher war, vor einem großen Publikum zu spielen. „Das ist unsere Chance, aber wir müssen unser Bestes geben. Und noch ein paar Details besprechen. Juliet, du musst das hören – die anderen wissen es schon.“

Juliet nickte.

„Es ist für beide die zweite Ehe“, sagte Louanna. „Gios erste Frau ist vor Jahren gestorben. Mimi ist noch nicht ganz so lange verwitwet. Sie ist zu Gio gezogen, angeblich, um ihm im Haus zu helfen. Allerdings war das wohl ein Vorwand. Gio ist sehr altmodisch …“

Juliet nickte wieder.

„Und vor ein paar Jahren gab es einen tragischen Unfall.“ Sie deutete auf die Hügel. „Gios Sohn und seine Frau waren im Hubschrauber unterwegs nach Mailand …“

„Er war Gios einziges Kind“, sagte Ricco. „Es gab keine Überlebenden. Sie sind direkt nach dem Start abgestürzt.“

Juliet schaute zu den nebelverhangenen Hügeln hinüber.

„Sevandros Frau Rosa ist auch dabei gestorben. Sie waren erst ein paar Monate verheiratet. Sie war wunderschön, noch sehr jung. Und es heißt, sie wäre schwanger gewesen …“

„War sie nicht“, sagte Ricco. „Meine Mutter …“

„Halt“, unterbrach Juliet. Sie musste nicht jede Einzelheit kennen. „Was dürfen wir also alles nicht spielen?“

„Viel zu viel.“ Louanna seufzte dramatisch. „Ich bin es mit der Eventplanerin durchgegangen …“

Sie erhoben sich von der Bank und gingen weiter, während Louanna alles aufzählte. „Ein musikalisches Minenfeld“, sagte sie, als sie vor einem riesigen Tor stehenblieben.

Während sie per Telefon um Einlass bat, spähte Juliet hindurch. Prächtige, historische Gebäude waren in Lucca keine Seltenheit, und an diesem hier war sie schon öfter vorbeigegangen. Sie hatte gedacht, es wäre ein alter Palast, vielleicht ein offizielles Regierungsgebäude. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass die Anlage mit ihren Gärten und Brunnen ein privates Heim war.

Der Summer ertönte.

„Gehen wir“, sagte Louanna. „Wir haben eine halbe Stunde, um alles aufzubauen und hoffentlich das eine Stück noch einmal zu wiederholen …“

„Sollten wir Juliet nicht besser warnen?“, fragte Ricco, als sie auf den Eingang zugingen. „Wegen der Brüder. Es gab einen riesigen Streit …“

„Davon muss ich nichts wissen.“ Juliet reichte das, was sie bisher gehört hatte, vollkommen aus.

Aber Louanna ließ sich dadurch nicht aufhalten. „Sie sehen sich nur noch selten. Sevandro lebt in Dubai, er hat irgendeinen hohen Managementposten in der Hotelindustrie. Dante lebt in Mailand, er …“

„Schon gut“, sagte Juliet.

Von Susie, die in ihrer Funktion als Kellnerin für Pearla’s manchmal im Haushalt von Gio Casadio aushalf, hatte sie schon gehört, dass Dante Scheidungsanwalt war.

„Sie haben sich am Abend vor Sevandros Hochzeit geprügelt“, fuhr Louanna unverdrossen fort. „Dante hat sogar eine Narbe im Gesicht!“

„Es reicht!“ Juliet hasste es, über fremde Menschen zu spekulieren. Und das aus gutem Grund. Ihre Eltern hatten sich getrennt, weil Juliet unvorsichtigerweise etwas wiederholt hatte, was sie in der Schule gehört hatte.

Aber Louanna ließ sich nicht so einfach von etwas abbringen. „Sevandro ist ein kalter Mann. Er besucht nicht einmal Rosas Grab, wenn er hier ist. Und er hat eine Affäre nach der anderen …“

„Stopp!“ Juliet hasste es zu streiten. Aber was zu viel war, war zu viel. „Wir sind eingeladen, um hier zu spielen, und nehmen ihr Geld. Ich finde es nicht angemessen, über sie zu tratschen.“

„Ich erzähle nur das, was du wissen musst.“

„Nein.“ Juliet schüttelte den Kopf. „Ich muss das nicht wissen.“

„Sie hat recht.“ Ricco kam ihr zu Hilfe. „Unser Job ist, es Musik zu machen.“

Die Eventplanerin empfing sie und führte sie in eine riesige Halle mit hoher Decke und einer gewundenen Treppe.

„Im Speisezimmer wird gerade dekoriert“, sagte sie. „Ich lasse Sie wissen, wenn die Hochzeitsgesellschaft auf dem Weg ist, sodass Sie mit dem Einstimmen aufhören können. Es soll eine Überraschung sein.“

Louanna schloss einen Raum unter der Treppe auf. „Hier können wir unsere Sachen lagern. Die Notenständer habe ich gestern Abend schon hergebracht.“

Der Raum war zu groß, um als Schrank zu gelten. Wahrscheinlich war es früher eine echte Garderobe gewesen. Es war ein unerwarteter Luxus, ihre Instrumentenkoffer und Taschen an einem Ort ablegen zu können, an dem niemand darüber stolpern würde.

Im Gegensatz zu der strengen, nüchternen Eingangshalle wirkte das Speisezimmer sehr viel anheimelnder. An den Wänden hingen Familienfotos. Eine Glastür führte hinaus auf eine geflieste Terrasse. Alles war für die Hochzeit geschmückt. Porträts von Mimi und Gio standen auf Leinwänden, einander zugewandt.

Als Juliet ihren Platz einnahm, stieß Louanna sie an. „Da ist Susie! Sie kellnert heute für Pearla’s. Ich frage mich, ob Dante weiß, dass sie hier ist?“ Abrupt schloss sie den Mund. Vielleicht dachte sie an Juliets unerwarteten Ausbruch.

Susie war blass wie ein Gespenst. Juliet machte sich schon eine Weile um sie Sorgen.

Sie beeilten sich, ihre Instrumente zu stimmen, und probten ein Stück, das sie bisher nur solo eingeübt hatten, bevor die Eventplanerin das Signal gab. „Sie sind am Eingang.“

Die Türen zum Speisezimmer wurden geschlossen.

Susie kam mit einem Tablett mit Champagnergläsern aus der Küche. Sie war wirklich sehr blass, und Juliets Blick wanderte zu ihrem Bauch, der ganz flach aussah. Hoffentlich lag sie mit ihrer Befürchtung falsch …

Es verging eine ganze Weile, in der alle schweigend warteten. Dann näherten sich Schritte. Sie bereiteten sich auf den Einsatz vor.

Die Türen öffneten sich.

„Oh!“ Mimi keuchte auf, so überrascht, dass ihr einen Moment die wunderbare Stimme versagte, während Juliet und die anderen das erste Stück anstimmten. Sie trug ein smaragdgrünes Seidenkleid und hatte ihre silbergrauen Locken hochgesteckt. Ein strahlendes Lächeln legte sich über ihr Gesicht. „Oh, Gio …“ Eindeutig gerührt eilte sie hinüber zu den Porträts.

Das Stück, das sie gerade spielten, war so vertraut, dass Juliet ihren Blick zu Susie wandern lassen konnte, während Dante Casadio den Raum betrat.

Juliet hatte ihn im Fernsehen gesehen. Er sah gut aus.

Dann betrat der zweite Enkelsohn den Raum.

Und auf einmal schienen alle Geräusche – das Lachen, die Unterhaltung, selbst die Töne ihrer Geige – aus weiter Ferne zu kommen.

Das musste Sevandro Casadio sein.

Er blickte sehr streng. Angespannt. Als wäre er auf einem Begräbnis statt auf einer Hochzeit. Sein dichtes schwarzes Haar war länger als das seines Bruders. Er war ein bisschen größer, ein bisschen kräftiger – und, was Juliet anging, einfach … mehr.

Er nahm auch ein Champagnerglas vom Tablett und sagte dabei etwas zu Susie, das sie mit einem schwachen Lächeln quittierte.

Als er sich abwandte, erfüllte Juliet das jähe Bedürfnis, mehr von ihm zu sehen. Einzelheiten zu erfahren. Das war nicht die gleiche Sensationslust, die Louanna antrieb. Nein, sie wollte den Klang seiner Stimme hören. Wissen, welche Farbe seine Augen hatten.

Ganz bewusst konzentrierte sie sich wieder auf die Musik. Aber als sie Sevandro in ihre Richtung kommen sah, hob sie unwillkürlich den Kopf.

Ihr Magen verkrampfte sich. Es war ein Gefühl, als ob sich ihr ein wilder Panther näherte. Sie empfand eine Mischung aus Angst vor einer unbekannten Gefahr und schierer Faszination.

Einen Moment lang war sie davon überzeugt, dass er zu ihr wollte. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass er auf das Brautpaar zusteuerte.

Oh. Natürlich. Was hatte sie sich nur gedacht? Sie spielte weiter, unbeobachtet, unbemerkt, und sah aus sicherer Entfernung zu, wie sein ernster Gesichtsausdruck ein wenig nachgiebiger wurde, während er seinem Großvater und dessen Braut gratulierte.

Juliet schaute weg. Sie wollten gerade das zweite Stück anstimmen, als Mimi verkündete: „Ich muss einfach singen!“

Sie gerieten ein bisschen aus dem Takt, bis sie auf Louannas Zeichen hin abbrachen. Louanna sprach halblaut mit Mimi.

„‚Una Voce Poco Fa‘“, kündigte Mimi an. „Aus ‚Der Barbier von Sevilla‘.“

Gott sei Dank hatten sie das geübt.

Es war ein Privileg, die Opernsängerin zu begleiten. Ihre Stimme hatte mit dem Alter kaum an Kraft verloren. Hinterher gab es reichlich Applaus, der natürlich vor allem Mimi galt.

Aber das Quartett spielte fantastisch. Wenn ein Auftritt gut lief, kam es Juliet manchmal so vor, als gäbe es nur sie vier und ihre Instrumente auf der Welt. All die Rivalität und die Auseinandersetzungen waren vergessen.

Beinahe vergaß sie sogar, dass er da war.

Beinahe.

„Wir machen eine Pause“, sagte Louanna nach einer Weile.

Als Juliet ihre Geige ablegte, aufstand und ihr Kleid glattstrich, kehrte das Bewusstsein für Sevandros Gegenwart unvermindert wieder. Mühsam musste sie sich davon abhalten, sich nach ihm umzusehen.

Sie verschwanden in die Küche.

„Gut gemacht“, lobte sie Cucou, der Chefkoch von Pearla’s und Susies Chef, als sie in den Raum kamen, und stellte ihnen Teller hin. Die Eventplanerin fing Louanna ab und drückte ihr eine Reihe Umschläge die Hand. „Können Sie auch noch länger bleiben?“

„Natürlich.“

„Haben Sie Abendgarderobe mitgebracht?“

„Nein“, sagte Juliet nervös. Die anderen hatten schon alles dabei.

Louanna ließ sich davon nicht entmutigen. „Kann jemand für Juliet ein bisschen Make-up und schwarze Strümpfe besorgen?“ Sie schaute zu Juliet. „Ich habe einen Bolero, den du dir borgen kannst.“

„Danke.“ Juliet schaute auf die Summe, die auf ihrem Umschlag notiert stand, und verstaute ihn schnell im Raum unter der Treppe. Die großzügige Bezahlung würde ihren finanziellen Spielraum beträchtlich vergrößern.

Als sie wieder durch die Tür kam, sah sie Sevandro – Sev, wie ihn seine Familie nannte – gerade durch den Flur gehen.

Er bemerkte sie nicht. Oder ignorierte sie, als wäre sie Teil des Personals. Im nächsten Moment verschwand er in einem anderen Raum.

Was für eine Form von Magnetismus war das, dass Juliet auf einmal den Wunsch verspürte, ihm zu folgen? Das Zimmer zu betreten, in dem er war, und … herauszufinden, was er tat? Wie es ihm ging?

Es ging sie nichts an. Aber seine Anspannung war ihr nicht entgangen. Sie verstand sein Bedürfnis, sich einen Moment zurückzuziehen. In Gegenwart ihrer Familie ging es ihr nicht anders.

Nicht, dass ihre Familie auch nur annähernd so reich war. Aber wie oft hatte sie bei einem familiären Anlass am Tisch gesessen und so getan, als wäre alles gut, obwohl es das nicht war?

„Juliet?“ Louanna steckte den Kopf durch die Tür. „Machen wir weiter?“

„Klar.“

Sie waren auf dem Weg zurück ins Speisezimmer, als eine Männerstimme hinter ihnen erklang. „Scusi!

Juliet wusste sofort, dass es Sevandro war. Aber sie wagte es nicht, sich umzudrehen, sondern überließ es Louanna, auf seine Frage zu antworten, und flüchtete sich zurück zu ihrer Geige, wobei sie ihre eigene Schüchternheit verfluchte. Hinter ihnen kehrte Sevandro ins Speisezimmer zurück und nahm wieder seinen Platz ein.

Der Nachmittag verlief entspannt. Gegen Abend machten sie erneut Pause, während die Familienmitglieder sich einen Moment zurückzogen.

Sie aßen eine Kleinigkeit und zogen sich um. Während Louanna in ein langes, schwarzes Kleid wechselte, zog Juliet die neuen schwarzen Strümpfe und Louannas Bolero an und legte Make-up auf.

„Mein Konzertkleid wäre auch nicht besser gewesen“, musste sie zugeben. „Es ist schon ziemlich ausgeleiert.“

„Das Cocktailkleid aber auch“, sagte Louanna unverblümt. „Du musst unbedingt in eine neue Konzertgarderobe investieren.“

Juliet biss sich auf die Lippen. Louanna hatte recht. Leider.

Sie steckte ihr Haar zu einem Knoten hoch und legte Lippenstift auf. „Wie sehe ich aus?“ Sie rechnete mit einem kritischen Kommentar.

„Sexy“, sagte Louanna zu ihrer Überraschung.

Zum Abendessen gab es Whisky, keinen Wein. Vor den Fenstern hingen schwere Vorhänge, die das große Speisezimmer optisch schrumpfen ließen. Gio und Mimi unterhielten sich lebhaft, während Sevandro und Dante einander gegenübersaßen, die Stühle ein wenig zurückgeschoben, als wollten sie möglichst viel Abstand zwischen sich bringen.

Das Streichquartett spielte weiter. Manchmal ernteten sie ein Nicken, Beifall oder einen Musikwunsch, aber überwiegend waren sie dazu da, für niveauvolle Hintergrundmusik zu sorgen.

Sevandro stand auf und betrachtete einige Familienfotos, die an der Wand hingen.

„Es ist lange her, dass wir zusammengesessen haben“, hörte sie Gio sagen.

„Ich war im Dezember erst hier.“ Sevandro wandte sich seinem Großvater zu.

„Zu einem Kurzbesuch! Du bist wieder abgereist, bevor Dante gekommen ist. Wir sollten uns öfter sehen. Ich denke, für die Gedenkfeier sollten wir …“

Juliet sah, wie Sev sich versteifte.

„Gio“, sagte Mimi sanft. „Lass uns heute nicht darüber sprechen.“

Je weiter der Abend voranschritt, desto deutlich spürbar wurde die Spannung. Mimis Schwester verabschiedete sich. Das Brautpaar begleitete sie hinaus. Juliets Blick wanderte wieder zu Sevandro, der zum ersten Mal an diesem Tag mit seinem Bruder allein war.

Sevandro goss sich einen Drink ein. Juliet war unfähig, den Blick abzuwenden. Die Brüder starrten sich an. Keiner schaute weg, keiner sagte ein Wort. Trotz ihres Ausbruchs vorhin spürte Juliet eine ungewohnte Neugier. Sie wollte wissen, warum die Brüder zerstritten waren. Aber heute Abend würde es keine Antworten geben.

Sevandro schob sein halbleeres Glas weiter auf den Tisch und erhob sich. Es sah so aus, als wollte er gehen.

„Jungs“, sagte Mimi, als sie zurückkehrte. „Bleibt noch.“

Für Mimi mochten sie Jungen sein, aber mittlerweile lag so viel männliche Aggression in der Luft, dass Juliet sich nicht sicher war, ob das eine kluge Entscheidung war.

Louanna trug Geigenharz auf ihre Saiten auf. Ricco musste eine Saite ersetzen. Juliet nahm einen Schluck Wasser. Die Pause erlaubte ihr, einen Teil der Unterhaltung mit anzuhören.

Mimi zündete sich eine Zigarette an; Gio tadelte sie liebevoll. „Gib auf deine wunderschöne Stimme acht.“

„Es ist mein Hochzeitstag.“ Mimi schmollte.

„Dante?“, sagte Gio. „Kannst du in der Winzerei vorbeischauen, solange du noch hier bist?“

„Nein, leider nicht.“ Dante schüttelte den Kopf.

„Und du, Sevandro? Wie lange kannst du bleiben, bevor du nach Dubai zurückfliegst?“

Juliet hörte die Antwort nicht, weil Louanna ihnen erneut den Einsatz gab.

„Vielleicht könnten wir noch eins von Mimis Lieblingsstücken spielen“, schlug Louanna danach vor und blätterte durch ihre Noten. Juliets Blick wanderte einmal mehr zum Tisch. Gio fragte Dante, warum er nicht in Begleitung zur Hochzeit gekommen war, aber er antwortete nicht.

„Und du?“ Gio blickte zu seinem älteren Enkelsohn. „Warum übernachtest du immer im Hotel?“

Sev stellte seinen Drink ab. „Ich möchte vielleicht noch weibliche Gesellschaft finden.“ Als er das sagte, wandte er auch einmal den Kopf und schaute Juliet direkt an.

Sie zuckte beinahe zusammen. Fast fühlte es sich so an, als spräche er mit ihr, als stellte er ihr eine Frage …

Sie runzelte die Stirn. Wahrscheinlich hatte er nur zufällig in ihre Richtung gesehen. Aber sein Blick weckte Hitze in ihr. Innerlich brannte sie.

Sie schaute auf ihre Noten, dann zu Louanna. Sie begannen mit dem nächsten Stück.

Ein einziger Blick, das war alles. Trotzdem wollte ihr Herz sich nicht wieder beruhigen.

Es hatte nichts zu bedeuten, sagte sie sich. Aber sie sehnte sich danach, den Moment von Neuem zu erleben. Die Sekunde, in der sein Blick auf einmal ein ganz neues Bewusstsein für ihren Körper in ihr weckte.

Sie durfte nicht wieder hinüberschauen, oder sie würde aus dem Takt geraten. Irgendwann musste der Abend doch vorbei sein …

Mimi erhob sich. „Und jetzt noch ein Stück zum Abschluss!“ Sie kam zu ihnen herüber. Juliet sah, wie Dante mit den Augen rollte.

„Ach, ich weiß!“ Mimi strahlte. „‚O Mio Babbino Caro‘!“

Alle zuckten zusammen. Dante hob ruckartig den Kopf.

Mimi merkte nichts davon. Sie wartete darauf, dass sie zu spielen begannen. Aber es war die Arie, die bei Sevandros und Rosas Hochzeit und später bei Rosas Beerdigung gespielt worden war – eins der Stücke, die Louanna von vornherein ausgeschlossen hatte.

Juliet wagte einen Blick zu Sev. Sein Gesichtsausdruck war undeutbar. Er saß reglos und aufrecht da wie eine Statue. Was sollten sie tun? Sie wechselten ratlose Blicke, aber Mimi wurde ungeduldig, und schließlich gab Louanna den Einsatz.

Juliet wollte das Stück nicht spielen. Sie wollte fliehen. Vor allem, als Dante den Mund aufmachte. Aber Sevandro schüttelte nur flüchtig den Kopf, und Dante blieb still.

Jeder Strich ihres Bogens fühlte sich an, als ob sie Sevandros Herz in Stücke schnitt. Dabei ließ er sich nicht das Geringste anmerken.

Am Ende spendete er sogar Beifall. „Bravo!“ Er erhob sich und verbeugte sich vor Mimi. Und sagte dann, dass er wirklich gehen müsse. Er küsste Gio und Mimi auf die Wangen und nickte Dante zu.

Juliet saß da und kämpfte gegen den unerklärlichen Drang, ihm zu folgen.

Die weibliche Gesellschaft, von der er angedeutet hatte, er wollte sie finden? Juliet wünschte sich, er meinte sie.

2. KAPITEL

„Juliet, das ist nicht das, worauf wir uns geeinigt haben!“

Drei Monate waren seit Gios Hochzeit vergangen. In dem Versuch, eine sinnvolle finanzielle Lösung zu finden, die ihr erlaubte, sich auf ihre Prüfungen zu konzentrieren, hatte Juliet sich auf eine Anzeige am Schwarzen Brett der Musikhochschule beworben – mietfreies Wohnen, verbunden mit einem „bisschen Unterstützung“ im Haushalt.

Louanna hatte sie davor gewarnt. Und recht behalten.

„Anna, es tut mir, leid, aber ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich dieses Wochenende leider nicht zur Verfügung stehe. Eine Freundin von mir heiratet. Aber ich bin rechtzeitig zurück, um die Kinder am Montag zur Schule zu bringen.“

Juliet brauchte diese Auszeit ganz dringend. Das neue Arrangement funktionierte einfach nicht.

Sie griff sich ihren Geigenkoffer und die Tasche mit ihrem Übernachtungsgepäck. Wenigstens waren ihr Kleid und ihre Schuhe schon im Hotel, und Louanna hatte sich um die Notenständer und die Ersatzinstrumente gekümmert.

Diesmal war es eine richtige Hochzeit. Und wieder bei den Casadios.

Juliets Instinkt hatte sie nicht getrogen: Susie war tatsächlich schwanger. Und würde dieses Maiwochenende Dante Casadio heiraten.

Es war eine Erleichterung, an die frische Luft zu kommen. In der Stadt fühlte sie sich daheim. Sie hoffte, dass sie irgendwann einen dauerhaften Job hier finden würde, sodass sie bleiben konnte.

Das Hotel, in dem die Hochzeitsgäste über das Wochenende einquartiert waren, war alt und elegant.

„Juliet Adams“, sagte sie an der Anmeldung. „Geht es schon los mit der Hochzeit?“

„Noch nicht.“ Die Dame am Empfang lächelte. „Frühstück gibt es morgen im Restaurant. Oh, und ich soll die Braut wissen lassen, sobald Sie angekommen sind.“

Juliet war gerade beim Auspacken, als Susie klopfte, in einem riesigen Bademantel, das Haar schon eingerollt und aufgesteckt. „Es ist so schön, dich zu sehen! Meine Schwestern machen mich verrückt.“

Juliet umarmte sie. Susie reichte ihr eine Tasche.

„Was ist das?“

„Die Unterwäsche für das neue Kleid, das wir dir nicht kaufen durften. Wirklich, Juliet, du bist so etwas wie meine Familie hier in Lucca …“

Juliet war gerührt. Aber Susie hatte recht: Gemeinsam in diesem fremden Land zu sein, hatte ein Band zwischen ihnen entstehen lassen. Sie hatten sich einander anvertraut. Juliet hatte ihre finanziellen Schwierigkeiten gebeichtet und Susie inzwischen ihre Beziehung mit Dante und ihre Schwangerschaft.

Sie setzten sich auf das Bett. „Wie kommt Dante mit deiner Familie zurecht?“

„Sie verstehen sich ganz gut. Nach den Flitterwochen besuchen wir sie in London.“ Einen Moment lang schloss Susie die Augen. „Der Trauzeuge ist gestern Abend sehr spät angekommen.“ Sie meinte Sevandro. „Ich mache mir ein bisschen Sorgen.“

„Warum?“

„Du warst bei Mimis und Gios Hochzeit. Du hast gesehen, wie sie sich benehmen.“

„Nicht wirklich.“ Ein Grund, weshalb Juliet für gewöhnlich so ehrlich war, war, dass sie leicht errötete, wenn sie flunkerte. „Ich war zu sehr damit beschäftigt zu spielen.“

„Ich bin überrascht, dass Dante ihn überhaupt gefragt hat. Und dass er ja gesagt hat.“

Juliet auch. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um es nicht laut auszusprechen.

„Sie sind sich nur in einer Sache einig, sie lieben ihren Großvater. Gio würde es das Herz brechen, wenn Sev nicht der Trauzeuge wäre. Trotzdem …“ Susie holte tief Atem. „Dante hat Sev noch nichts von dem Baby erzählt. Deshalb haben wir es auch noch nicht verkündet. Dante möchte, dass Sev es zuerst von ihm hört.“

„Aber bestimmt wird er sich doch für Dante freuen …?“ Juliets Stimme erstarb, als sie sich daran erinnerte, was Louanna damals erzählt hatte. „War seine Frau schwanger, als sie gestorben ist?“

„Nein.“ Susie schüttelte den Kopf. „Rosa war nicht schwanger. Aber als sie ihre Verlobung verkündet haben, hat Dante gedacht, sie wäre es vielleicht – oder würde so tun. Er hat Sev gegenüber den Verdacht geäußert, Rosa wolle ihn nur in die Falle locken. Dante ist nicht gerade subtil. Wie du dir vorstellen kannst, ist das nicht gut angekommen.“

„Nein.“

„Aber Dantes Misstrauen hatte seine Gründe. Es ist noch mehr daran, aber …“ Susies Augen füllten sich mit Tränen. „Und jetzt sind wir es, die in aller Eile heiraten. Ironie des Schicksals.“

„Ihr zwei seid doch verrückt nacheinander“, sagte Juliet. „Das Baby ist ein Bonus. Und nicht der einzige Grund für eure Hochzeit.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile. Als Susie ging, war sie deutlich besserer Stimmung.

Juliet zog sich um – sie musste vor der Braut da sein. Als sie an die vielen Gäste dachte, die heute dabei sein würden, flatterte ihr Magen.

Sie wollte ihr Kleid anziehen, aber dann hielt sie inne und schaute sich die Unterwäsche an, die Susie ihr gebracht hatte. Zarte französische Spitze. Der BH würde bestimmt nicht genug Halt für ihre großzügige Oberweite bieten. Sie hatte ihn im Laden nicht einmal richtig probiert, als sie Susie dorthin begleitet hatte. Unterwäsche zu kaufen, war für sie immer schwierig gewesen. Ihre Mutter hatte auch nicht groß geholfen – zu beschäftigt mit ihrer neuen Familie.

Ihr Vater hatte auch nicht viel Zeit für sie gehabt. Ihm war es nur wichtig gewesen, dass sie die Babysitterin für ihn und seine neue Frau spielte.

Wenn sie damals nur ihren Mund gehalten hätte …

Was hast du geglaubt, was passieren würde, Juliet? Natürlich musst du die Schule wechseln.

Was glaubst du, warum wir kein Geld mehr für den Geigenunterricht haben?

Juliet zog den Spitzen-BH trotzdem an und betrachtete sich im Spiegel. Blass, mit üppigen Rundungen. Der Stoff war so dünn, dass sie ihre pinken Brustwarzen sehen konnte.

Ihr Telefon klingelte. Es war Anna. Juliet, die schon nervös genug war, weil sie gleich auftreten musste, ging nicht dran.

Gerade wollte sie die Hand nach ihrer normalen Unterwäsche ausstrecken, als ihr Blick auf das neue Kleid fiel. Es war eine teure, aber notwendige Anschaffung. Und es sah zwar gut aus, aber es war vor allem dazu gedacht, den Anforderungen an ihre Arbeitskleidung zu genügen. Sie zeigte nicht gern viel Ausschnitt, während sie spielte. Die Ärmel mussten locker genug sein, damit sie Bewegungsfreiheit hatte, und der Rock musste auch im Sitzen gut fallen.

Sie hatte verschiedene Modelle anprobiert, und dann hatte die Verkäuferin dieses seidige Kleid aus Organza vorgeschlagen, das weit über ihren preislichen Vorstellungen lag. Aber in dem Moment, als sie es angezogen hatte, hatte sie gewusst, es war perfekt.

Als der kühle Stoff über ihren Körper glitt und sie den Reißverschluss zuzog, fühlte es sich wieder genauso an. Und der neue BH saß sehr gut.

Dazu zog Juliet ihre schwarzen Schuhe an. Sie ließ sich probehalber auf einen Stuhl vor den Spiegel nieder, wie sie es mit ihrer Geige im Arm tun würde. Ja, die Falten fielen genau richtig, und sie zeigte nicht zu viel Haut. Das war keine Prüderie. Sie wollte sich während des Spielens nur keine Gedanken machen müssen, ob irgendetwas zu sehen war, das sie nicht zeigen wollte. Das lenkte nur ab.

So wie Sevandro Casadio sie abgelenkt hatte. Wenn sie an ihn dachte, hatte sie immer noch Schmetterlinge im Bauch. Und das tat sie viel zu oft.

Jetzt lenkte er sie schon ab, obwohl er noch nicht einmal da war! Weil sie hoffte, es würde vielleicht eine Gelegenheit geben, mit ihm zu sprechen. Endlich zu sehen, welche Farbe seine Augen hatten.

Juliet schloss die Augen. Ihre Wangen waren heiß.

Es war hoffnungslos.

Sevandro knotete seine Krawatte – rosafarben, keine Farbe, die er selbst ausgewählt hätte – und redete ein ernstes Wort mit seinem Spiegelbild.

Benimm dich heute.

Steh es irgendwie durch.

Er war nicht nur für Dantes Hochzeit hier, sondern auch, um einen Schlussstrich zu setzen. Er tastete nach den Ringen in seiner Brusttasche. Nur noch die Hochzeit und ein paar Details und Formalitäten. In ein paar Wochen die Gedenkfeier. Danach …

Danach war er hier in Lucca fertig.

Er versuchte ein Lächeln im Spiegel, aber es wirkte falsch. Das Beste, was er nach mehreren Anläufen zustande brachte, war das höfliche, professionelle Lächeln, mit dem er sonst Investoren oder Aufsichtsräte begrüßte. Das würde reichen müssen.

Er nahm den Fahrstuhl zu Dantes Suite, klopfte und trat ein.

„Alles ist geregelt“, ließ er seinen Bruder wissen.

Sie unterhielten sich, gezwungen und oberflächlich, bis Gio ankam.

„Du siehst sehr gut aus“, sagte Sev, als er ihn hereinließ. Sie trugen alle drei dunkelgraue Anzüge und dazu passende Krawatten. „Wo ist Mimi?“

„Sie wärmt ihre Stimme auf, bevor wir zur Winzerei aufbrechen“, sagte Gio und schaute zu Dante. „Ich wollte dir vorher noch meine persönlichen Glückwünsche aussprechen.“

„Ich gehe schon mal nach unten“, sagte Sev. „Und sorge dafür, dass die Autos bereitstehen.“

„Gute Idee. Ich komme gleich nach“, sagte Gio.

Sev fuhr nach unten und fand ein Sofa in der Lobby. Er versuchte, nicht darüber nachzudenken, was Gio vielleicht gerade sagte.

Seine Eltern wären gern hier gewesen. Gesellschaftliche Anlässe hatten sie immer genossen. Er schloss die Augen. Steh es einfach durch.

Ein Mobiltelefon klingelte ganz in der Nähe. Der Geruch nach Sommer stieg ihm in die Nase, und er hörte Absätze auf dem Marmor und ein leises Rascheln.

Eine Cousine? Tante? Ein Familienmitglied seiner verstorbenen Frau?

Benimm dich, ermahnte er sich, als das Sofa leicht einsank, und stellte sich darauf ein, gleich gefragt zu werden, wie es ihm ging, ob er Rosa heute nicht schrecklich vermisste …?

„Bitte nicht“, sagte jemand leise auf Englisch. „Lass mich heute einfach in Ruhe.“

Sev öffnete die Augen. Die Frau, die sich neben ihn gesetzt hatte, schien ihn gar nicht bemerkt zu haben. Sie starrte auf ihr Mobiltelefon.

Sie sah umwerfend aus. Und wirkte seltsam vertraut. Er setzte sich aufrecht hin.

Prompt zuckte sie zusammen. „Oh, Entschuldigung!“ Röte färbte ihren hellen Wangen. „Ich habe nicht Sie gemeint!“

Sev sagte nichts. Er runzelte ein wenig die Stirn. Er wusste wieder, woher er sie kannte: Sie hatte auf Gios und Mimis Hochzeit gespielt. Damals hatte sie elegant und gelassen gewirkt. Im Moment war sie eindeutig verlegen.

Warum?

„Meine Chefin“, sagte sie und deutete auf ihr Telefon. „Sie will einfach nicht akzeptieren, dass ich heute arbeite.“

„Ihre Chefin? Warum sollte sie das stören?“

„Oh!“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe noch einen anderen Job.“

„Verstehe.“

Juliet bezweifelte, dass Sevandro verstand. Und er würde bestimmt auch nichts von ihren Problemen hören wollen, also sagte sie nichts weiter dazu.

Wenn sie ihn gesehen hätte, hätte sie sich niemals zu ihm auf das Sofa gesetzt. Sie schenkte ihm ein schwaches, entschuldigendes Lächeln und schaute weg. Aber jetzt, da sie wusste, dass er da war, war seine Gegenwart unmöglich zu ignorieren. Ihr stieg zum ersten Mal sein teures Aftershave in die Nase. Subtil, ein bisschen würzig und pfeffrig, wie Tabakpflanzen nach einem Regen …

„Sie haben bei Gios und Mimis Hochzeit Geige gespielt, richtig?“

Erstaunt, dass er sich an sie erinnerte, wandte sie sich ihm zu.

Sev schaute auf ihren Geigenkoffer. „Spielen Sie heute Nachmittag auch?“

„Ja. Aber ich bin nicht nur zum Arbeiten hier. Ich bin eine Freundin von Susie.“ Manchmal war es besser, das von vornherein klarzustellen.

„Ich werde nichts Böses über meine künftige Schwägerin sagen“, sagte er mit einer gewissen Schärfe.

„Nein, es ist nur, ich sehe nicht wie ein Hochzeitsgast aus.“ Sie deutete auf ihr schwarzes Kleid. „Letzte Woche hat jemand geglaubt, ich wäre zur Beerdigung da.“

„Hat man Sie für die Geliebte des Verstorbenen gehalten?“

„Nein, nicht ganz so spektakulär. Aber sie wollten mich zur Leichenschau dirigieren.“

Er lachte leise. Seine Augen waren grau, stellte sie fest. Schnell schaute sie weg.

„Woher kennen Sie Susie?“

„Wir haben zusammengewohnt.“

„In England?“

„Nein, hier in Lucca. Ich studiere hier Musik.“

„Ist Ihre schreckliche Chefin auch ein Teil Ihres Ensembles?“

„Nein!“ Juliet lachte. Sie scheute davor zurück, es ihm zu erklären. Er erfüllte sicher nur seine Pflicht als Trauzeuge, indem er höflichen Smalltalk machte. „Die Geschichte ist eher langweilig …“

Sie hatte sich wieder abgewandt.

Sev schaute auf die goldene Uhr an der Wand und fragte sich, wie lange Gios Unterhaltung mit Dante noch dauern würde. Seine Sitznachbarin starrte auf ihr Telefon, als wäre es eine Bombe, die gleich hochgehen würde. Und er begriff, dass er sich lieber mit ihr unterhielt, als darüber nachzudenken, was oben vor sich ging.

Er versuchte sich an ihren Namen zu erinnern. Mimi hatte irgendwann über sie gesprochen … Ah ja. „Juliet.“

Sie zuckte zusammen.

„Sie dürfen Ihr Telefon ruhig ausschalten. Es ist Wochenende.“

Sie hatte ein hübsches, makelloses Gesicht, ihre Haut war hell wie Porzellan. Ungewöhnlich für jemanden, der sich in Italien aufhielt.

„Oder Sie könnten die Nummer blockieren.“

„Das wäre nicht sehr klug.“ Das klang ein bisschen trocken. „Ich schätze, Sie haben keinen Chef?“

„Nein“, sagte er. „Aber ich … arbeite eng mit Scheich Mahir zusammen. Und er kann manchmal schwierig sein.“ Nach einem Moment fügte er hinzu: „Das ist milde ausgedrückt. Und ja, Sie haben recht – es wäre nicht sehr klug, ihn zu blockieren.“

Ihm gefiel ihr leises Lachen.

Auf Juliets Telefon ging eine Nachricht ein. „Louanna“, sagte sie zu Sev. „Unsere Cellistin. Sie und die anderen sind gleich da, schreibt sie, aber sie müssen noch Geigenharz besorgen.“

Sev runzelte die Stirn.

„Für unsere Bögen. Ich bin sicher, sie hat genug, aber sie macht das immer.“

„Aberglaube?“

„Vielleicht.“ In diesem Moment erst fiel ihr auf, dass sie nicht länger errötete. Sie holte tief Atem, und zu ihrem Staunen ging das ohne Probleme. Sie hatte gedacht, wenn sie je mit Sev sprechen würde, würde sie permanent rot werden und stottern. Aber aus irgendeinem Grund war ein Teil ihrer Nervosität verflogen.

Dann sah sie ihm in die Augen. Nur ein Teil ihrer Nervosität war weg.

Seine Augen waren nicht einfach nur grau. Sie waren grau wie ein Himmel voller Hagelkörner, mit einem Hauch von Silber, als ob die Wintersonne darum kämpfte, dahinter hervorzuschauen. Sie konnte nicht wegsehen.

„Woher wissen Sie eigentlich meinen Namen?“

„Von der Hochzeit. Mimi hat von Ihrem Quartett geschwärmt.“

Juliet lächelte. „Das war eine wunderbare Erfahrung.“ Vielleicht war das Selbstvertrauen, das er verströmte, ansteckend. Sie fühlte sich mutig genug zu fragen: „Werden Sie lieber Sev genannt oder Sevandro?“

„Ich höre auf beides.“

„Und was machen Sie beruflich? Sie leben in Dubai, oder?“

„Das stimmt. Und mit der Hilfe von Scheich Mahir habe ich verschiedene Hotels gekauft. Im Moment arbeiten wir allerdings daran, ein großes Hotel selbst zu bauen.“

„Wie groß?“

„Mehr als hundert Stockwerke.“

„Wow!“

„Es ist noch im Planungsstadium.“ Er zuckte die Schultern. „Freuen Sie sich auf die Hochzeit heute?“

„Ja, sehr!“ Juliet nickte, aber dann sah sie, dass er den Kopf ein wenig skeptisch auf die Seite legte, als ob er merkte, dass das nicht ganz stimmte. „Na ja, das werde ich, wenn wir einmal da sind. Wir sind alle ein bisschen nervös. Diese Hochzeit ist der wichtigste Auftritt, den wir bisher hatten …“ Sie biss sich auf die Lippen. „Das hätte ich wohl besser nicht sagen sollen.“

„Susie ist davon überzeugt, dass Sie das schaffen.“

„Hoffentlich.“

„Wir alle haben ...

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