Julia Ärzte zum Verlieben Band 214

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ZWISCHEN HOFFEN UND LIEBEN von AMY RUTTAN

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  • Erscheinungstag 07.03.2026
  • Bandnummer 214
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540896
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Amy Ruttan, Louisa Heaton, Deanne Anders

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 214

Amy Ruttan

1. KAPITEL

Wie alles glänzt!

Dieser Gedanke war bestimmt nicht besonders wissenschaftlich, Madison bemühte sich jedoch, vor ihrem neuen Kollegen professionell zu bleiben. Ihr Labor für das nächste Jahr war größer als alle, in denen sie je gearbeitet hatte. Die Geräte waren brandneu und hochmodern.

Es roch sogar frisch und unbenutzt. Wie ein neues Auto.

Nur besser.

Und das Schönste? Ihr Name, Dr. Madison Sullivan, stand als leitende Ärztin an der Tür. Im letzten Labor, in dem sie gearbeitet hatte, war sie nicht die Forschungsleiterin gewesen. Jetzt stand ihr ein funkelnagelneues Labor zur Verfügung, und sie war Onkologin in einem großen Forschungskrankenhaus.

Ein wahr gewordener Traum.

„Was denken Sie?“, fragte Dr. Frank Crespo, Leiter des Verwaltungsrates, und folgte ihr diskret. Er war kein Mediziner, glaubte aber so sehr an ihre Forschung, dass er ihr diese Stelle im Green Hill Hospital in Boston angeboten hatte.

„Es ist fantastisch“, sprudelte es aus ihr heraus. „Wann kann ich anfangen?“

Dr. Crespo lachte leise. „Sofort, aber vorher bringe ich sie noch in die Onkologie, damit Sie das restliche Personal und natürlich unseren Abteilungsleiter, Dr. Antonio Rodriguez, kennenlernen können.“

„Richtig.“ Hoffentlich überhörte Dr. Crespo das Zögern in ihrer Stimme, denn sie war sehr vertraut mit Dr. Antonio Rodriguez.

Sehr vertraut.

Sie und Tony, wie er gern genannt werden wollte, waren in ihrer Zeit als Assistenzärzte in Kalifornien ständig aneinandergeraten. Aber wenn sie sich einig waren, lief alles explosiv gut.

Heiß.

Elektrisierend.

Und der Sex war phänomenal gewesen. Niemand war je an die magnetische Anziehungskraft herangekommen, die Tony auf sie ausübte.

Wenn sie nicht stritten, waren sie zusammen im Bett.

Wenn sie sich vertrugen, arbeiteten sie wie ein nicht zu stoppendes Team. Leider war er zu unflexibel und brauchte zu lange, um ein Risiko einzugehen, und hinterfragte sie ständig. Als glaubte er ihr nicht, vertraute ihrem Urteil nicht, und das tat weh.

Zu weh. Deswegen hatte sie die Beziehung mit dem Ende ihrer Assistenzarztzeit beendet. Wie sollte sie sich auf Dauer mit jemandem einlassen, der nicht an ihre Fähigkeiten glaubte?

Nicht dass er sie jemals gefragt oder mit ihr über eine Zukunft gesprochen hätte. Genauso wenig hatte sie sich nach seinen Plänen erkundigt. Tony war in Bezug auf seine Gefühle immer so verschlossen gewesen.

Wie ihr Vater.

Es hatte wehgetan, Tony gehen zu lassen. Aber letztendlich war es zum Besten gewesen. Sie hatte eine Stelle in Minnesota angenommen, und er war nach Boston zurückgekehrt.

Jetzt würde sie wieder mit ihm arbeiten, und als Leiter der Onkologie war er ihr Chef. Hoffentlich war genug Zeit vergangen, damit sie zusammenarbeiten konnten. Das Green Hills Hospital, oder GHH, war an der Ostküste eines der besten, was die Krebsforschung betraf. Sie wollten Leben retten, indem sie daran arbeiteten, Krebs zu heilen.

Ihre Mutter hatte nicht geheilt werden können. Beim Gedanken an ihre Mom durchfuhr sie kurz eine Welle der Trauer. Sie war der Grund gewesen, warum sich Madison für diese Sparte der Medizin entschieden hatte.

Diese Stelle im GHH war der nächste Schritt auf ihrer Reise. Denn sie brauchte einen guten Platz zum Arbeiten, Forschen und um Artikel über ihre Forschung zu CRISPR-Cas9 zu veröffentlichen, eine aufregende neue Technik der Genom-Editierung. Dann würde sie sich darum bewerben, in einer der weltbekannten Krebsforschungseinrichtungen in Europa und hoffentlich mit ihrem Idol, Dr. Mathieu LeBret, einem Nobelpreisträger und brillanten Arzt, zu arbeiten. Er nahm selten jemanden unter seine Fittiche, aber sie hoffte, dass sie die Nächste war. Dazu brauchte sie mehr Referenzen, und im GHH würde sie bekommen, was sie brauchte.

Sie war so nah dran an ihrem Traum, und kein alter Herzschmerz würde ihr das vermasseln.

Auf keinen Fall.

Nichts hielt sie davon ab, ihre Träume zu verwirklichen.

„Gut, dann bringe ich Sie zum Onkologieflügel. Er ist nur den Flur runter, nicht weit von Ihrem Labor entfernt.“ Dr. Crespo öffnete die Tür. „Dr. Rodriguez wird sich freuen, Sie kennenzulernen.“

Sicher.

Der Tony von damals hatte kaum Gefühle gezeigt. Und sie bezweifelte ernsthaft, dass er sich großartig verändert hatte.

Widerstrebend verließ Madison ihr glänzendes neues Labor. Dr. Crespo schloss die Tür, und sie gingen den gewundenen Flur entlang, der zu einem wunderschönen Atrium führte, mit einem herrlichen Garten in voller Blüte.

„Das ist unser Krebsgarten. Patienten, Angehörige und Personal können hier Erholung finden. Wir haben auch Erinnerungspflanzen und -bäume“, erzählte Dr. Crespo.

„Wie schön.“

Und das war es wirklich. Es verlieh der Sterilität des Krankenhauses ein friedliches Gefühl, ein Ort des Trostes.

Er nickte. „Ah, da ist er ja. Dr. Rodriguez!“

Kurz setzte Madisons Herz aus, und ihr Magen rutschte ihr in die Kniekehlen, als sich Tony im Atrium umdrehte. Scheinbar hatte die Zeit für ihn stillgestanden, bis auf die grauen Haare an den Schläfen in seinen sonst rabenschwarzen Haaren. Abgesehen von ein paar Falten mehr sah er aus wie in ihrer Erinnerung. Stoischer Gesichtsausdruck, muskulöse Statur, steife Haltung. Kein Lächeln auf dem Gesicht.

Der Blick seiner dunklen Augen konzentrierte sich auf sie, und ein elektrischer Schlag durchfuhr sie.

Ihr Körper reagierte, wie er es immer in seiner Nähe getan hatte.

Und sie erinnerte sich sehr lebhaft, wie sich seine Hände auf ihrem Körper angefühlt hatten, an den Geschmack seiner Küsse, an jedes Gefühl, das er in ihr ausgelöst hatte. Sein düsteres Äußeres drückte selten ein Gefühl aus, aber er hatte ihr mit jeder sanften Berührung, jedem zärtlichen Streicheln gezeigt, wie sehr er sie wollte. Sie war jedes Mal dahingeschmolzen.

Zum Glück war Dr. Crespo völlig ahnungslos. Es ärgerte sie, dass sie selbst nach einem Jahrzehnt noch immer wie eine Motte auf Tonys Flamme reagierte.

Er riss seinen Blick von ihr los und lächelte Dr. Crespo halbherzig an.

„Dr. Rodriguez, ich möchte Ihnen Dr. Madison Sullivan vorstellen. Dr. Sullivan, das ist unser Leiter der Onkologie, Dr. Antonio Rodriguez.“

Tony kniff die Augen zusammen, und das falsche Lächeln wurde breiter, aber in seinem Blick fehlte die Wärme. Und es schockierte sie, wie ihr das zusetzte. Nichts hatte sich geändert, darum sollte es nicht so wehtun. Sie war über ihn hinweg.

Bist du das?

Er streckte eine Hand aus. „Es ist eine Freude, Sie wiederzusehen, Dr. Sullivan.“

Sie ergriff seine Hand und hoffte, dass sie nicht zitterte. „Allerdings, Dr. Rodriguez. Eine Freude.“

Schnell zog Tony seine Hand zurück, und sie schob sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr. Plötzlich war ihr sehr heiß, und sie spürte, wie ihre Wangen brannten.

Wenn sie wütend, traurig oder fröhlich war, errötete sie immer. Ihre Wangen zeigten, was sie fühlte. Es war frustrierend schwer, ein Pokerface aufzusetzen.

„Sie kennen sich?“, fragte Dr. Crespo erstaunt.

„Das hatte ich erwähnt“, antwortete Tony steif. „Wir haben zusammen unsere Assistenzarztzeit bei Dr. Pammi in Kalifornien absolviert.“

„Das muss ich vergessen haben. Dr. Pammi ist eine ausgezeichnete Onkologin. Wie wunderbar“, rief Dr. Crespo und klatschte in die Hände.

Madison schluckte. „Ja. Wunderbar. Es ist schön, auf einer neuen Stelle einen beruflichen Bekannten zu haben.“

Schweigend nickte Tony.

Kurz angebunden.

Keine Überraschung.

„Ich führe Dr. Sullivan weiter herum. Vielleicht können Sie ihr nach dem Mittag den Onkologieflügel zeigen?“, fragte Dr. Crespo.

Kurz riss Tony die Augen auf. „Sicher.“

Ehrlich gesagt hatte sie gedacht, er würde ablehnen.

Er ist professionell.

Daran erinnerte sie sich nur zu gut. Tony ging Risiken ein, aber nur wohlüberlegte. Lieber ging er auf Nummer sicher und befolgte die Regeln. Machte nie eine Szene, verteidigte sich aber immer, wenn er sicher war, dass er recht hatte. Dagegen war sie eine emotionale, ausgelassene Studentin gewesen. Sie waren so oft aneinandergeraten. Und er hatte immer auf ihre Fehler hingewiesen, was sie geärgert hatte.

Sehr.

Sie verfolgte die Krebsforschung, während er sich auf die chirurgische Seite der Krebsbehandlung konzentrierte. Beide attackierten sie die gefürchtete Krankheit auf unterschiedliche Weise.

Damals war Madison so dumm gewesen, sich in ihn zu verlieben, aber mit ihm hatte sie sich lebendig gefühlt und nicht so allein. Das war erfrischend, nachdem sie eine sehr einsame Teenagerzeit damit verbracht hatte, sich um sich selbst und ihren trauernden Vater zu kümmern.

Und es war dumm, dass sie noch immer leichte romantische Gefühle für ihn hatte. Sie passten nicht zusammen. Ihn zu verlassen, war schmerzhaft gewesen, aber genau das Richtige.

Sie dachte zurück an eine Situation zwischen ihnen während ihrer Assistenzarztzeit.

„Warum hast du das zu Dr. Pammi gesagt? Was hast du dir dabei gedacht?“, ging Tony auf sie los.

„Äh, ich habe an meine ganze Recherche gedacht! Und ich hatte recht. Es hat funktioniert.“

„Es war riskant“, grummelte Tony, verschränkte die Arme.

„Und es hat funktioniert“, beharrte sie, starrte zu ihm auf. „Hast du mich deshalb in ein Bereitschaftszimmer gezerrt? Um mich anzuschreien, weil ich etwas richtig gemacht habe?“

Tony seufzte. „Du musst einfach vorsichtig sein. Das ist ein hart umkämpftes Programm.“

Und?“ Sie zuckte die Schultern. „Ich bin hier, um zu gewinnen. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin stark.“

Sanft lächelte er sie an und strich mit den Fingern über ihr Gesicht. „Ich weiß, aber du bist auch stur. Du hättest Blair nicht als Idiot bezeichnen müssen.“

Madison kicherte und legte ihre Hand auf seine. „Aber das ist er.“

Tony rollte mit den Augen und zog sie in seine Arme. „Manchmal machst du mich wahnsinnig. Weißt du das?“

„Dito.“

Sie kuschelte sich an ihn.

Mit ihm fühlte sie sich sicher. Besonders in diesen seltenen Momenten, wenn er sich entspannte. Das war der Tony, den sie liebte.

„Könnten Sie mich in zwei Stunden am Empfangstisch in der Onkologie treffen, Dr. Sullivan?“, unterbrach er ihre Erinnerung.

„Sicher“, antwortete sie nervös. „In zwei Stunden. Ja.“

„Gut. Dann genießen Sie den Rest Ihrer Tour im GHH.“ Tony nickte Dr. Crespo zu und eilte in entgegengesetzter Richtung davon.

Madison sah ihm nach – die Hände in den Taschen seines weißen Laborkittels, sein Rücken kerzengerade, und alle gingen ihm aus dem Weg.

Das hatte sich nicht verändert.

Diese selbstbewusste Ausstrahlung hatte Tony immer gehabt. Das hatte sie zuerst zu ihm hingezogen. Und er hatte noch immer diese Wirkung auf sie.

Mit ihm zu arbeiten, würde schwieriger werden, als sie gedacht hatte.

Den ganzen Tag war Tony neben der Spur gewesen, und er kannte auch den Grund dafür. Madison war hier, an seinem Arbeitsplatz. Nach dem Memo vom Vorstand hatte er erst überlegt, Einwände zu erheben, aber das wäre ziemlich kleinlich von ihm gewesen. Und er war stolz auf sein professionelles Auftreten.

Sie war eine talentierte Onkologin und Forscherin; es wäre absolut dumm, dem GHH ihre Expertise und ihr Talent vorzuenthalten, weil er nach zehn Jahren immer noch Gefühle für sie hatte. Sosehr er sich auch bemühte, niemand konnte ihr das Wasser reichen.

Und er hatte sich nach ihrer Trennung wirklich bemüht, nach vorn zu blicken. Nur konnte er es nicht.

Er wollte heiraten, sich niederlassen und ein normales Leben führen, etwas, das ihm in seiner Kindheit gefehlt hatte. Tony wollte Wurzeln. Nur hatte er sich in Madison verliebt, eine Streunerin.

Ein Teil von ihm hatte gehofft, er könnte sie ändern, aber er hatte sich geirrt, und sie war gegangen. Lange hatte er sich gefragt, warum. Er war sicher, dass es an ihm gelegen hatte. Er war zu festgefahren, verfolgte eisern seinen Weg und ließ sich von nichts und niemandem davon abbringen.

Die Nummer eins unter den Beschwerden von seinen Ex-Freundinnen war, dass er zu viel arbeitete. Das stimmte. Die Arbeit ließ ihn nie im Stich.

Bis auf das eine Mal …

Er hatte ganz vergessen, dass Madison ausgerechnet heute anfing – am Jahrestag des Tages, an dem er seinen besten Freund verloren hatte. Das eine Leben, das er nicht hatte retten können. Das eine Mal, dass er ein Risiko eingegangen war, wie sie gehandelt hatte, und es hatte sich nicht ausgezahlt.

Jordan war gestorben.

Auch wenn es nicht Tonys Schuld war, machte es ihm immer noch zu schaffen. Jedes Mal, wenn er sein Patenkind besuchte – Jordans Sohn Miguel – wurde er daran erinnert. Am Jahrestag von Jordans Tod ging er immer in den Garten und dachte an seinen Freund und was er hätte tun und nicht tun sollen.

Dabei fing Madison an diesem Tag im GHH an, und er würde sie herumführen müssen. Heute kam sie in sein Leben zurück.

Nicht zurück. Erinnerst du dich?

Und das durfte er auch in Zukunft nicht vergessen.

Als sie zusammen gewesen waren, war es für keinen von ihnen gut gewesen und hatte mit zu viel Herzschmerz geendet, den er nur zu gut kannte.

Er hatte die Verzweiflung in den Augen von Jordans Witwe gesehen und später den seelenerschütternden und herzzerschmetternden Schmerz, als sein Vater schließlich seine Mutter verlassen hatte, nachdem er ihre Zukunft verspielt hatte und sie beide zerstört zurückblieben.

Vertrauen fiel Tony schwer. Auch ein Teil seines Problems. Er vertraute Madison nicht. Sie hatte ihn schon einmal verlassen und war bereit, alles auszuprobieren. Im Gegensatz zu ihm war sie eine wandernde Seele. Er hatte hier eine Art Heimat gefunden und würde sich sicher nicht auf eine turbulente Beziehung mit ihr einlassen, wenn sie sowieso eines Tages wieder verschwinden würde.

Also nein, sie kehrte nicht in sein Leben zurück. Und heute war kein guter Tag. Aber er war professionell, darum würde er sich zusammenreißen. Er würde vor dem Aufsichtsrat kein Idiot sein, wie Madison schwierige Menschen gern bezeichnet hatte.

Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel, als er daran dachte. Nur ihn hatte sie nie so bezeichnet.

Als er sie mit Dr. Crespo gesehen hatte, war sein Herz stehen geblieben, denn sie sah aus wie am Tag ihrer endgültigen Trennung.

Nur die Tränen von Schmerz und Wut in ihren grauen Augen fehlten. Ihre rosigen Lippen waren so sinnlich wie in seiner Erinnerung. Ihre blonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, wie immer, mit dieser einen welligen Strähne, die sich immer daraus löste und ihr Gesicht umrahmte. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und er bezweifelte nicht, dass sich ihre Haut glatt und seidig anfühlte.

Ob sie noch immer dasselbe Kokosnussshampoo verwendete? Sie hatte immer nach Sommer geduftet und Sonnenschein und Wärme ausgestrahlt, besonders während der härtesten Zeiten ihrer Assistenzarztzeit. Sie hatte immer alle aufgeheitert und so verdammt niedlich ausgesehen in ihrer hellblauen OP-Kleidung und den neonfarbenen Sneakern.

Jetzt war sie professionell gekleidet mit einer weißen Bluse, einem engen Bleistiftrock und schwarzen Absatzschuhen, die ihre wohlgeformten Beine betonten. Er erinnerte sich, wie sie ihre Beine um seine Hüften geschlungen hatte. Mit schmerzhafter Klarheit konnte er noch immer ihre Haut unter seinen Händen spüren.

Wie weich sie war.

Wie gut es sich anfühlte, in ihr zu sein.

Ihm wurde heiß, und er rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Er musste aufhören, so über sie zu denken. Sie gehörte nicht ihm. Nicht mehr. Es kostete viel Kraft, aber er konnte das hinkriegen. Er musste es hinkriegen.

2. KAPITEL

Während seiner Visiten hatte Tony versucht, all die Erinnerungen und alten Gefühle, die Madison in ihm aufwühlte, zu verdrängen und sich vollkommen auf seine postoperativen Patienten zu konzentrieren.

Nur half es nicht. Es war frustrierend. In ihrer kurzen Interaktion war ihm Madison genauso unter die Haut gegangen wie bei ihrem ersten Treffen überhaupt.

Egal, welche Mauer er aufbaute, sie durchbrach sie. Er konnte andere fernhalten, nur sie nicht.

Es war ärgerlich.

Ich darf nicht an sie denken.

Die Dinge hatten sich geändert, seit sie ein Paar gewesen waren. Er war inzwischen ein anderer Mensch.

Bist du das wirklich?

Er ging Akten durch und bereitete sich auf die Patienten am nächsten Tag vor, das war sein Sprechstundentag. Für einen Termin bei ihm gab es eine lange Warteliste, und er wollte möglichst alle schaffen. Es gab einen Grund, warum die Leute von ihm behandelt werden wollten und ins GHH kamen; er war einer der besten Krebschirurgen.

Aber Jordan konntest du nicht retten.

Tony schüttelte den nagenden Gedanken ab, klappte die letzte Akte zu und ging zum Empfangstisch, um Madison zu treffen.

Ein Teil von ihm wünschte, er könnte das verschieben, aber wie würde das aussehen? Es wäre unprofessionell von ihm gewesen, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber wenn er das hinter sich gebracht hatte, konnte sie ihre Arbeit machen und er seine.

Sie würden zwar im selben Raum arbeiten, aber nicht die ganze Zeit Seite an Seite. Schließlich verbrachte er den Großteil seines Tages im OP, und sie hatte ein Labor, um zu forschen. Sicher, sie würden sich bei Konsultationen begegnen, aber in unterschiedlichen Sphären des GHH arbeiten.

Als er zum Empfangstisch kam, war sie nicht da.

Typisch.

In ihrer Assistenzarztzeit war Madison immer zu spät gewesen.

„Dr. Sullivan?“, rief Dr. Pammi, ohne von ihrem Klemmbrett aufzusehen.

Hier!“

Tony schaute sich um und sah Madison über den Flur sprinten, ihr Laborkittel flatterte wie ein Cape hinter ihr. Er schüttelte nur den Kopf, als sie neben ihm zum Stehen kam, außer Atem und dabei, ihre blonden Haare zusammenzubinden.

Dr. Pammi ging unbeeindruckt weiter die Anwesenheit durch.

„Du bist immer zu spät. Das macht keinen guten Eindruck“, schimpfte er leise.

„Danke für die Warnung, Grandpa“, murmelte sie und rollte mit den Augen.

„Letzte Nacht hast du mich nicht so genannt“, flüsterte Tony ihr zu.

Madison blieb der Mund offen stehen, und sie boxte ihm gegen den Arm.

„Dr. Sullivan und Dr. Rodriguez, gibt es ein Problem?“, fragte Dr. Pammi.

„Nein“, antwortete Madison rasch. „Da war eine Fliege auf seinem Arm.“

Dr. Pammi zog eine Augenbraue hoch, spitzte ihre Lippen. „Sie beide übernehmen heute die Hilfsarbeiten.“

Bei der Erinnerung lächelte Tony. Damals war er sauer gewesen, aber sie hatten es geschafft. Und obwohl sie immer stritten, hatten sie auch so viele gute Zeiten gehabt. Bis zum Schluss.

Sein Magen verknotete sich. Das war weder die Zeit noch der Ort, um in Erinnerungen zu schwelgen. Nur konnte er nichts dagegen tun. Sie suchten ihn einfach heim.

Dr. Crespo begleitete Madison zum Empfangstisch. Nun, wenigstens erklärte das, warum sie zu spät war.

„Entschuldigung, dass Sie warten mussten, Dr. Rodriguez. Wir wurden vom Vorstand aufgehalten. Sie waren ganz begeistert über die Forschung, die Dr. Sullivan hier durchführen wird“, erklärte Dr. Crespo.

„Ach ja?“, fragte Tony neugierig. „Welche Forschung ist das?“ Er wusste, dass sie deswegen ans GHH gekommen war, aber er wusste nicht, was sie genau untersuchte.

„CRISPR-Cas9“, antwortete Madison. „Ich habe einige Tests, die ich untersuchen möchte. Klinische Studien und so weiter.“

Tony schluckte. „Das ist … ambitioniert.“

CRISPR-Cas9 war ziemlich neu, eine bahnbrechende Technologie und ein heißes Eisen in der medizinischen Welt. Was er darüber wusste, machte ihn skeptisch. Damit waren viele Risiken verbunden, und als sie sagte, dass sie es testen würde, war er sofort auf Abwehr, weil es ihm zeigte, dass sie sich nicht verändert hatte.

Nicht wirklich. Sie ging noch immer Risiken ein.

Als Assistenzärztin war sie so begeistert gewesen von klinischen Studien und immer bereit, diese zu unterstützen. Wenn sie ihr dann um die Ohren geflogen waren, war sie am Boden zerstört gewesen.

Klinische Studien waren wichtig, aber sie nahm sich nie die Zeit, die Konsequenzen zu durchdenken.

Bestimmt ist das jetzt anders.

„Ah“, antwortete er ausweichend. Der logische Teil seines Gehirns sagte ihm, dass sie einen Fehler machte und CRISPR-Cas9 für seine Patienten nicht sicher war. Aber wenn sich seine Patienten für die klinischen Studien anmelden wollten, würde er sie auch nicht davon abhalten.

Selbst wenn er es wollte.

„Diesmal klappt es, Maria. Ich schwöre es“, jammerte sein Vater.

Tony war die Treppe hinuntergeschlichen, weil seine Eltern wieder stritten. Wenn sein Dad nach Hause kam, verärgerte das seine Mom, und er blieb nie lange.

„Wir sparen dieses Geld, Carlo“, schluchzte seine Mutter.

„Es wird sich auszahlen. Du musst mir vertrauen.

„Aber das tue ich nicht“, sagte seine Mutter leise.

Tony war erleichtert, dass sie es gesagt hatte, denn seinem Vater konnte man nicht vertrauen. Er verspielte alles.

„Aber du liebst mich, Maria. Oder nicht?“

Wütend, dass sein Vater wieder einmal Liebe nutzte, um seine Mom zu manipulieren, ballte er die Fäuste.

„Ja, das tue ich“, seufzte seine Mutter. „Nimm es.“

„Ah, Maria. Ich verspreche, es wird diesmal besser. Ich verdiene so viel, dass ich dir das Haus kaufen kann und wir Tony auf eine bessere Schule schicken können.“

„Sicher …“

„Dr. Rodriguez?“, fragte Dr. Crespo.

Tony schüttelte die Erinnerung ab, für den Schmerz seiner Vergangenheit war hier kein Platz. „Verzeihung“, entschuldigte er sich.

Madison presste ihre Lippen zu einer schmalen Linie zusammen, funkelte ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

„Dann lasse ich Dr. Sullivan in Ihren fähigen Händen, Dr. Rodriguez.“ Dr. Crespo wandte sich an Madison. „Es ist toll, Sie an Bord zu haben. Ich freue mich darauf, Ihre Forschungsergebnisse zu lesen, wenn Sie sie veröffentlichen.“

„Danke, Dr. Crespo. Sie sind zu freundlich“, antwortete Madison taktvoll.

Als Dr. Crespo ging, drehte sie sich zu Tony um, verschränkte die Arme. „Du bist ein Idiot. Das weißt du, oder?“

„Was?“ Er versuchte, ein amüsiertes Lächeln zu unterdrücken.

Irgendwie war es süß, dass sie noch immer dieselbe Beleidigung verwendete.

„Ich habe deinen Gesichtsausdruck gesehen, als ich gesagt habe, zu welchem Thema ich forsche. Überraschung, Überraschung … Du hast Bedenken. Aber das wird die Zukunft der Krebsbehandlung sein. Die Fähigkeit, Krebs aus der DNA zu löschen. Es ist mir egal, was du darüber denkst. Wir sind keine Assistenzärzte mehr. Wir müssen einfach nur zusammenarbeiten und zivilisiert miteinander umgehen.“

„Da stimme ich vollkommen zu“, antwortete er.

„Warum grinst du dann?“, fragte sie hitzig.

„Idiot?“ Er lachte leise. „Wirklich?“

Madison versuchte, nicht zu lachen, weil sie noch immer sauer auf ihn war. Als sie erwähnt hatte, worüber sie forschte, und dass sie den Patienten hier medizinische und chirurgische Studien auf der Basis ihrer Forschung anbieten würde, hatte sie deutlich gesehen, dass Tony sofort in den Beschützermodus wechselte. Und sie wusste auch, warum.

CRISPR-Cas9 war ziemlich neu, entsprechend gab es viele Unbekannte dabei, und Tony ging nicht gerne Risiken ein. Das hatte sich nicht geändert, aber es ärgerte sie. Er verdiente den Titel Idiot, auch wenn es etwas drastisch war, weil sie wusste, was sie tat.

Über die Jahre hatte sie aus ihren Fehlern gelernt. Jeder Fehltritt tat weh, aber sie hatte hart gearbeitet, um besser zu werden. Sie trug viele Narben, deswegen war sie so gut in ihrer Arbeit.

Tony war immer noch vorsichtig, brauchte lange, um sich zu entscheiden. Das konnte sie verstehen – schließlich war er Chirurg. Sie respektierte es. Aber sie traf ihre Entscheidungen nicht so planlos, wie er vermutete.

Alles war wohlüberlegt. Solide Forschung steckte dahinter. Sonst wäre sie nicht hier und würde keine großen Schritte in der Behandlung und irgendwann in der Heilung von Krebs machen. Darauf hatte sie über ihre gesamte Karriere hingearbeitet.

Wenn sie hier im GHH erfolgreich war und publizierte, konnte sie endlich ihren Traum verwirklichen und mit Dr. LeBret in Frankreich arbeiten. Dr. LeBret war ihr Held, der neue Dinge ausprobierte und Risiken einging. Wenn sie seine Aufmerksamkeit erregen und mit ihm arbeiten konnte, würden Sponsoren ihr möglicherweise mehr finanzielle Mittel anbieten, als sie hier bekommen würde. Letztendlich könnte sie mehr Leben retten.

Es ärgerte sie, dass er Bedenken hatte. Selbst nach all der Zeit.

Tony war stur, aber seine Augen funkeln zu sehen, weil sie ihn mit diesem speziellen Titel bezeichnet hatte, brachte all diese Momente zurück, in denen er sie deswegen geneckt hatte. Es war ein Witz zwischen ihnen, und Tony war nicht mit jedem witzig und unbeschwert.

Aber mit mir war er es. Manchmal.

„Ich stehe zu meiner Entscheidung“, antwortete sie und verschränkte hochmütig die Arme. „Ich weiß, was ich tue, und brauche deine Zustimmung nicht.“

„Gut“, erwiderte Tony. „Weil du sie nicht bekommen wirst. Ich habe meine Methoden, und du hast deine. Wir müssen nur professionell sein. Mehr nicht.“

„Mehr will ich nicht. Das kann ich dir versichern.“

Das stimmte, aber seine Endgültigkeit tat weh, und sie wusste nicht, warum. Sie wollte mit ihm keine Beziehung wiederbeleben. Das war das Letzte, was sie im Sinn hatte.

Und auch wieder nicht.

Sie erinnerte sich an jede Berührung, jeden heißen Blick und jeden Kuss genauso lebhaft wie an ihr gebrochenes Herz, als es vorbei gewesen war.

„Dr. Rodriguez in Behandlungsraum drei. Dr. Rodriguez in Behandlungsraum drei“, ertönte es.

Tony runzelte die Stirn. „Das ist die pädiatrische Onkologie.“

„Ich begleite dich“, schlug Madison vor. „Du wolltest mich sowieso in der Abteilung herumführen.“

Kurz zögerte er, bevor er nickte. „Versuch, in diesen Absatzschuhen mitzuhalten.“

Madison schnaubte und lief neben ihm durch die Flure. „Mach dir um mich keine Sorgen. Ich kann mithalten. Eigentlich werde ich in diesen Schuhen am Boston-Marathon teilnehmen.“

Tony rollte mit den Augen. „Warum machst du das?“

„Was?“

„Sachen herunterspielen“, murrte er.

„Weil du manchmal viel zu ernst bist. Idiot.“ Sie grinste ihn an, und er stöhnte leise, aber um seine Mundwinkel spielte ein kleines Lächeln. Kurz weckte das in Madison die Hoffnung, dass sie die Vergangenheit wirklich in der Vergangenheit lassen und zusammenarbeiten konnten. Vielleicht sogar Freunde sein könnten. Sie waren älter und klüger.

Es war nicht weit zu Behandlungsraum drei. Während sie Masken aufsetzten und Chirurgenkittel anzogen, wuchs ein ungutes Gefühl in ihrem Magen. Sie gewöhnte sich nie an die Vorstellung, dass ein Kind an Krebs erkrankte und sein junges Leben veränderte.

Deswegen tust du, was du tust, erinnerte sie die Stimme in ihrem Kopf, als sie sich vor dem ersten zögerlichen Schritt in den Behandlungsraum wappnete.

Aber es waren immer die Gesichter der Eltern, die ihr zusetzten.

Obwohl sie versuchten, stark zu sein, konnte sie den Schmerz in ihren Augen sehen und spürte ihn bis ins Mark. Denn sie hatte den Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters gesehen, jeden Tag, wenn ihre Mutter zur Behandlung musste, und sie war ziemlich sicher, dass er denselben Ausdruck in ihren Augen gesehen hatte.

Du kannst das. Deswegen bist du hier.

Noch immer spürte sie den scharfen Schmerz, ihre Mutter langsam dahinschwinden zu sehen. Danach hatte sich ihr Vater vor dem Rest der Welt verschlossen, und sie war allein gewesen.

Immer allein.

Konzentrier dich.

Madison folgte Tony in die äußerste Ecke des Raumes und blieb abrupt stehen, als sie ein winziges Baby im Inkubator sah.

Die Mutter stand entsetzt daneben, während Tony leise mit der Schwester sprach.

Langsam ging Madison auf sie zu und lächelte die Mutter an. „Ich bin Dr. Sullivan. Darf ich mir das Krankenblatt Ihres Kindes ansehen?“

„Natürlich.“ Die Stimme der Frau zitterte. „Sie heißt Gracie und ist sechs Monate alt.“

„Sie ist wunderschön.“

„Danke.“ Gracies Mom lächelte hinter ihrer Maske.

Madison schlug das Krankenblatt auf, um Gracies Diagnose zu lesen. Ein Neuroblastom in der Nebenniere. Der Tumor war entfernt worden, und der vorherige Onkologe hatte eine hoch dosierte Chemotherapie angeordnet, gekoppelt mit einer Behandlung, um die Stammzellenreproduktion zu erhöhen, um sie zur Transplantation zu entnehmen. Diese Transplantate würden helfen, die Krankheit zu bekämpfen.

Es war ein verbreiteter Krebs unter Kindern, obwohl Krebs bei Kindern sonst selten auftrat. Darum stürzte Madison sich so in ihre Forschung. Neuroblastomen entwickelten sich im Embryostadium in den Zellen des Fötus. Wenn sie mit ihrer Forschung Erfolg hatte, könnten sie eines Tages diese Form von Krebs ausmerzen, bevor das Kind geboren wurde. Dann müsste es keine untröstlichen Eltern geben, keine Kinder, die unter Schmerzen litten, oder gebrochene Seelen.

Tony kam mit Handschuhen zum Inkubator. Außer einem kurz angebundenen Nicken nahm er die Mutter nicht zur Kenntnis. Innerlich stöhnte Madison. Er war ein toller Arzt, aber sein Umgang mit Patienten ließ immer noch zu wünschen übrig.

Definitiv ein Idiot.

Vorsichtig untersuchte er das Baby und ging ganz sanft mit ihm um. Hinterher streichelte er sanft Gracies Kopf. Das überraschte Madison, und ihr Herz schmolz dahin.

„Wie geht es ihr, Dr. Rodriguez?“, fragte die Mutter beklommen.

„Ihre Blutzellenwerte sind im Keller, und wir wollen sie erhöhen, damit wir Stammzellen entnehmen können, um die Behandlung fortzusetzen. Ich werde Blutplättchen verordnen, das sollte das Problem lindern“, antwortete Tony schroff. „Ich werde Gracie genau überwachen, aber ich habe keine Zweifel, dass diese Behandlung funktioniert. Sie ist stark und reagiert sehr gut. Wie Sie wissen, hat Dr. Santos das GHH verlassen, aber Dr. Sullivan ist unsere neueste Onkologin. Sie wird Gracies Chemo und Bestrahlung überwachen.“

Es überraschte Madison, dass sie nach ihrer Meinung gefragt wurde. Denn sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich die Akte richtig anzusehen. Sie warf Tony einen Blick zu, doch der kniff nur kurz die Augen zusammen. Sie musste vorsichtig sein. Wenn ihre Arbeitsbeziehung funktionieren sollte, konnte sie ihm nicht gleich am ersten Tag auf die Zehen treten, besonders, wenn sie mit der Patientin nicht vertraut war. Aber sie war auch eine Ärztin. Eine verdammt gute und eine mit Meinungen. Allerdings stimmte sie der Behandlung des vorherigen Onkologen zu.

„Die Gewinnung von Stammzellen und hoch dosierte Chemo ist eine bewährte Behandlung für diese Art von aggressivem Neuroblastom. Ich stimme mit Dr. Rodriguez und Dr. Santos überein.“

Die Gesichtszüge der Mutter entspannten sich. „Danke Ihnen beiden.“

„Lassen Sie mich anpiepen, wenn sich irgendwas ändert.“ Tony zog seine Handschuhe aus und ging weg.

Madison legte das Krankenblatt weg und folgte ihm schnell.

Vor dem Behandlungsraum entsorgten sie ihre Kittel und Masken.

„Danke, dass du mir den Rücken gestärkt hast“, sagte er. „Ich dachte schon, du fängst von irgendeiner neuen Forschungssache an. Dr. Santos und ich haben uns eng abgesprochen, bevor ich operiert habe.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Nun, Stammzellenbehandlungen sind topaktuell. Du und Dr. Santos tut das Richtige. Ich bin nicht hier, um dir in die Quere zu kommen, Tony. Ich bin hier, um zu arbeiten.“

Und das meinte sie ernst. Sie wollte nur, dass er sie in Ruhe ließ, damit sie ihre Karriere vorantreiben konnte.

Tony nickte. „Gut.“

„Aber du könntest etwas freundlicher sein“, schlug sie vor, während sie ihren Chirurgenkittel in den Leinenkorb warf.

„Freundlicher?“, fragte er. „Ich bin freundlich.“

Madison schnaubte. „Das kannst du sein. Ich weiß das, aber du warst eben sehr geschäftsmäßig … distanziert.“

„Ich kämpfe um ihr Leben. Glaub mir, wenn ich den Krebs besiege, feiere ich mit ihnen. Und ich gewinne oft.“

„Ich weiß, ich habe deine Karriere etwas verfolgt.“

„Hast du?“, fragte er überrascht.

„Natürlich. Du bist gut in dem, was du tust, und ich bin es auch.“

Tony kaute auf seiner Unterlippe. „Vielleicht sollten wir nach der Arbeit etwas trinken gehen und die Parameter unserer Arbeitsbeziehung besprechen. Ich habe hart an meinem Ruf hier gearbeitet.“

„Zweifellos.“

„Darum sollten wir reinen Tisch machen“, erklärte er. „Vielleicht um sieben im ‚Flanagan’s‘?“

Madison wollte ablehnen, aber sie musste die Regeln besprechen. „Sicher. Schick mir die Adresse.“

Er nickte. „Beenden wir den Rundgang, dann kannst du in dein Labor zurück und dich bei Dr. Santos’ Patienten auf den neuesten Stand bringen. Ab jetzt sind es ja deine Patienten.“

Geschockt darüber, was gerade passiert war, nickte Madison und folgte ihm. Wenn sie reinen Tisch machten, rasselten sie vielleicht nicht so oft aneinander.

Einen Drink mit ihm schaffte sie.

Oder?

3. KAPITEL

Nachdem sie sich auf einen Drink verabredet hatten, beendete Tony den Rest des Rundgangs mit Madison blitzschnell. Er wusste nicht, was über ihn gekommen war, aber nachdem sie in ihr Labor zurückgekehrt und er wieder an die Arbeit gegangen war, fand er die Idee gar nicht mehr so schlecht.

Ein öffentlicher Ort war besser, um alles zu besprechen. Er hatte nichts zu verbergen, obwohl er ein zurückhaltender Mensch war. Ex-Partnerinnen hatten ihm oft vorgeworfen, dass er zu reserviert, zu fokussiert, zu introvertiert war.

Kalt.

Zum Glück bezeichnete ihn keiner seiner Patienten so. Obwohl Madison recht hatte, sein Umgang mit Patienten war etwas schroff.

Dabei sorgte er sich um sie, widmete sich ihnen ganz und gar. Deswegen kamen so viele Menschen zu ihm ins GHH. Die Überlebenschancen seiner Patienten waren höher als bei den Patienten seiner Kollegen.

Bis auf Jordan.

Er hatte auch andere Patienten verloren. Als Chirurg passierte das. Jeder tat weh, aber sein bester Freund? Das hatte ihn fertiggemacht.

Tony schüttelte den Gedanken ab und schaute auf das Bild auf seinem Tisch. Es zeigte ihn und Jordan als Kinder. Sie hatten die Arme umeinandergeschlungen und lachten auf der Party zu Jordans zwölftem Geburtstag.

Lächelnd nahm er das Foto in die Hand. Er vermisste ihn so sehr.

Wenigstens gab es Miguel, seinen Patensohn. In ihm konnte er seinen besten Freund sehen. Er verbrachte gern Zeit mit ihm, obwohl es immer seltener wurde, da Jordans Witwe eine neue Liebe gefunden hatte und wieder heiraten wollte. Miguel vergötterte seinen angehenden Stiefvater – ein wirklich guter Kerl.

Sosehr sich Tony für sie freute, er vermisste Jordan.

Er war einsam.

Und wessen Schuld ist das?

Allein seine. Denn es war leichter, Menschen wegzuschieben.

Tony stöhnte und überlegte kurz, die Drinks mit Madison abzusagen. Er wollte nicht, dass all diese alten Gefühle wieder an die Oberfläche kamen. Oder dass sich Gerüchte verbreiteten.

Sie war seine Vergangenheit. Das GHH und seine Karriere waren seine Zukunft. Das hatte sich nicht geändert.

Irgendwie einsam, meinst du nicht?

Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht, beendete seinen Papierkram und ging nach Hause, um sich umzuziehen für sein Treffen mit Madison.

Zum Glück wohnte er nicht weit vom Krankenhaus.

Außerdem war Sommer, und die Sonne schien noch. Der Juni war sein Lieblingsmonat. Nicht, dass er im Sommer irgendwas Spezielles unternahm, vielleicht verbrachte er ein oder zwei Nächte auf Martha’s Vineyard, wo ihm das Cottage seiner verstorbenen Großeltern gehörte. Aber er hatte es erst letzten Herbst gekauft und noch keine Zeit gefunden hinzufahren. Die Arbeit war sein Leben.

Vielleicht solltest du einen Ausflug dorthin machen?

So brachte er zumindest etwas Abstand zwischen sich und Madison.

Ähm, ist das nicht wie weglaufen?

Das wurde langsam albern, er war ein erwachsener Mann und musste sich der Sache einfach stellen.

Er schloss die Tür zu dem Backsteingebäude in Beacon Hill mit Blick auf den „Boston Common“-Park auf, begrüßte den Portier mit einem Winken und zog am Aufzug seine Karte für seine Wohnung im Penthouse durch.

Oben angekommen, betrat er seine Wohnung, die spärlich dekoriert war mit modernen Möbeln. Sie war kalt und steril wie er, zumindest war ihm das gesagt worden. Er fand es einfach funktional. Bereits als Kind hatte er gelernt, sich emotional an nichts zu hängen. Besonders nicht an Dinge, die verpfändet werden konnten.

Er stellte seine Tasche ab und hängte seinen Mantel auf, bevor er ins Bad ging. Dort zog er sich aus, trat unter das heiße Wasser und schloss die Augen. Mit den Armen stützte er sich an der Wand vor sich ab und versuchte, sich zu entspannen.

Stattdessen sah er sie.

Madison.

Und erinnerte sich an die Zeit, als sie spätnachts zusammen im Krankenhaus geduscht hatten. Ihr Körper nass, als er sie hielt. Ihre Beine um seine Hüften geschlungen, und ihr Rücken an die Fliesen gepresst.

Hör auf!

Tony stöhnte. Er musste sich zusammenreißen. Schnell duschte er kalt, zog sich an und ging dann zum Pub. Auf dem Weg zu „Flanagan’s“ fragte er sich, wo sie wohl wohnte. Oder für wie lange. Und das war der Knackpunkt. Sie hatte nichts, was sie hielt.

Madison hatte gesagt, dass sie ihn über die Jahre im Auge behalten hatte, genau wie er sie. Deshalb wusste Tony genau, wie oft sie quer durchs Land von Einrichtung zu Einrichtung gewechselt war. Darum machte er sich keine große Hoffnung, dass sie lange im GHH blieb.

Wie sollte er jemandem vertrauen, der keine Wurzeln hatte? Besonders, da sein Vater so unstet gewesen war. Zu gut erinnerte er sich an den Schmerz, als sein Vater die Familie verlassen hatte. Er hatte kein Interesse an jemandem, der immer auf der Suche nach der nächsten neuen Sache war. An jemandem, der sich nicht niederlassen konnte.

Obwohl er es damals nicht verstanden hatte, wusste er jetzt, dass es das Beste gewesen war, als seine Beziehung zu Madison geendet hatte.

Wirklich?

Als er am Pub ankam, war sie nirgendwo zu sehen – nicht wirklich überraschend. Und diesmal konnte sie ihre Verspätung nicht Dr. Crespo in die Schuhe schieben. Er setzte sich in eine Sitzecke und bestellte ein Pint India Pale Ale vom Fass.

Als er sich zurücklehnte, sah er auf der Treppe, die nach unten zur Bar führte, wohlgeformte Beine. Diese Absatzschuhe erkannte er sofort. Sie trug noch immer ihre Arbeitssachen.

Enge weiße Bluse, enger Bleistiftrock, schwarze Stilettos. All das betonte ihre weiblichen Kurven. Kurven, mit denen er nur allzu vertraut war. Er umfasste sein Bier fester, um sie nicht zu berühren, wie er das wollte.

Konzentrier dich auf die anstehende Aufgabe, Tony.

Madison betrat die Bar und sah ihn, kam zu ihm herüber und setzte sich ihm gegenüber.

„Entschuldige, ich konnte mich nicht in mein GHH-Konto einloggen und musste auf den IT-Menschen warten, damit er das für mich in Ordnung bringt. Ohne Zugriff auf die Onlinebibliotheksdatenbank kann man schwer forschen“, sagte sie schnell.

„Da bin ich sicher“, stimmte er zu und schluckte den Kloß in seinem Hals runter.

„Was?“, fragte sie und schaute ihn neugierig an.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe nichts gesagt.“

„Ich dachte, du machst mir die Hölle heiß, weil ich zu spät bin. Das hast du sonst immer getan.“

„Leg mir keine Worte in den Mund“, erwiderte er.

„Dann solltest du diese Worte nicht deutlich im Gesicht zu stehen haben“, neckte sie.

Tony rollte mit den Augen. „Du machst mich verrückt. Ernsthaft.“

„Och …“, erwiderte sie sarkastisch. „Bin ich froh, dass sich die Dinge nicht zu sehr verändert haben. Entspann dich, Tony. Wir können Freunde sein, und Freunde necken sich.“

„Nicht meine Freunde“, murmelte er.

„Ach komm. Jordan tut das.“

Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Sie weiß nicht, dass heute der Tag ist, an dem Jordan gestorben ist. Sie weiß nicht, dass er nicht mehr hier ist.

Und er wollte es ihr nicht erzählen. Tony räusperte sich. „Du hast recht.“

Madison schien seine Reaktion nicht zu bemerken, schaute interessiert in die Karte. Als der Kellner zurückkam, bestellte sie ein Glas Weißwein und faltete ihre Hände ordentlich auf dem Tisch.

Dann seufzte sie tief. „Du wolltest diesen Drink, um zu reden. Also reden wir.“

Er nickte. „Richtig. Das wollte ich. Ich wollte unsere Arbeitsbeziehung besprechen, und wie wir zusammen klarkommen, ohne … ohne …“

„Uns so zu streiten wie früher immer?“ Ihre Augen funkelten.

Erneut nickte er. „Genau. Ich bin der Leiter der Onkologie, darum hoffe ich, dass du meine Wünsche respektierst. Du kannst mich vor Leuten nicht als Idiot bezeichnen.“

„Werde ich nicht und habe ich nicht. Schau, ich habe mich verändert, Tony. Ich bin professionell, da musst du mir vertrauen.“

„Das würde ich gern.“ Nur war er nicht so sicher, dass er ihr vollkommen vertrauen konnte.

Sie hatte ihn verlassen. Sie hatte ihm das Herz gebrochen.

„Du musst mir schon auf halbem Weg entgegenkommen, Tony. Ich werde im GHH arbeiten.“

„Wie lange?“, kam er zum Punkt. Es sollte ihm egal sein, wie lange sie blieb. Nur war es das nicht.

Aber vielleicht bekam er sie aus dem Kopf, wenn sie ihm den Zeitrahmen nannte.

Sie riss ihre grauen Augen auf. „Was?“

„Wie lange?“

Madison wusste nicht, wie sie darauf antworten sollte. Ein Teil von ihr wollte sagen, so lange es dauerte, mehr zu publizieren und von Dr. LeBret bemerkt zu werden, aber das wollte sie nicht verraten.

Gut, sie waren zusammen Assistenzärzte gewesen, sogar ein Paar, aber das war über ein Jahrzehnt her. Jetzt war er nur ein Bekannter, und sie vertraute ihm nur bedingt. Wie sollte sie sich auch auf jemanden verlassen, der ihr nicht vertraute? Es war schwer, mit jemandem zusammen zu sein, der dich nie ganz an sich heranließ.

„Meinen genauen Zeitrahmen kenne ich nicht, aber ich bin erst mal hier“, antwortete sie ausweichend.

„Okay.“ Diese Antwort schien ihm nicht wirklich zu gefallen.

Was sie an Tony immer wahnsinnig gemacht hatte, war, dass sie seine Gefühle nicht lesen konnte. Er arbeitete hart daran, alle auszuschließen, und den Grund dafür behielt er für sich. Aber das ging sie nichts an. Sie waren kein Paar mehr. Das durfte sie nicht vergessen.

Sie wollte nur eine einfache Arbeitsbeziehung mit ihm. Mehr nicht.

Es war schon frustrierend, dass sie ständig an ihn hatte denken müssen, seit sie den verdammten Vertrag mit dem GHH unterschrieben hatte.

„Dr. Crespo weiß, dass wir früher zusammengearbeitet haben. Denkst du, er wird es herumerzählen?“, fragte sie, um sich von Tony und den Gefühlen, die er gerade in ihr auslöste, abzulenken. Sie musste professionell bleiben.

„Die Leute werden es erfahren, aber das sollte nicht viel ausmachen.“

„Und wenn doch?“, fragte sie.

„Inwiefern?“

„Wir haben eine Vergangenheit. Was, wenn Gerüchte aufkommen?“

„Lass sie.“

Madison war leicht überrascht, wie unbekümmert er deswegen war. „Wow.“

„Was?“

„Du siehst das so entspannt.“ Der Kellner brachte ihren Weißwein, und sie nippte daran. „Dabei hast du dir vorhin noch solche Sorgen deswegen gemacht.“

Tony zuckte mit den Schultern. „Solange es unsere Arbeit nicht beeinträchtigt, müssen wir nichts erklären. Darum sollte es auch kein Streiten in der Öffentlichkeit mehr geben wie früher.“

„Ich kann professionell sein. Das verspreche ich dir.“

„Gut“, antwortete er leise.

„Kann ich dasselbe Versprechen von dir bekommen?“, fragte sie.

Tony zog eine Augenbraue hoch. „Was meinst du?“

Seine vorgetäuschte Unschuld verblüffte sie. Sie wusste genau, wie er über ihre Forschung dachte; es war ihm deutlich anzusehen gewesen. Er vertraute ihrer Arbeit nicht. Er vertraute ihr nicht.

„Ich stehe zu meiner Forschung“, erwiderte sie fest.

„Da bin ich sicher.“

„Bist du das?“, hakte sie nach.

„Nun, dein Name steht in Verbindung mit einigen gescheiterten Studien …“

„Das war vor zehn Jahren, Tony. Die sind schiefgelaufen, das gebe ich zu.“

Er runzelte die Stirn. „Ich will einfach nicht hinterher aufräumen müssen.“

Sie richtete sich kerzengerade auf. „Das musst du nicht. Ich wiederhole es gern noch einmal, ich stehe zu meiner Forschung. Sie ist solide, und ich muss es dir gegenüber nicht beweisen.“

„Gut“, gab er nach.

„Wirst du mir während der klinischen Studien im Weg stehen?“

„Nein.“

„Das klingt nicht sehr zuversichtlich.“

„Ich will nur meine Patienten beschützen“, entgegnete er bestimmt.

„Und du denkst, ich will das nicht?“, fragte sie hitzig.

„Sei einfach vorsichtig. Risiken sind … Sie zahlen sich nicht immer aus. Wenn ich denke, es lohnt sich nicht, werde ich es ihnen sagen.“

„Da bin ich sicher“, erwiderte sie sarkastisch.

„Was soll das heißen?“, fragte er.

„Ohne Risiken gibt es keinen medizinischen Fortschritt, Tony.“

Er öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, als sein Handy eine Nachricht anzeigte. „Gracie … Sie reagiert nicht gut auf die Thrombozytentransfusion. Vielleicht hat sie eine postoperative Infektion.“

„Kann ich helfen?“

Erneut zog Tony eine Augenbraue hoch, schien lieber ablehnen zu wollen, aber sie war die Nachfolgerin von Dr. Santos, also gehörte das zu ihren Aufgaben.

„Okay.“ Er zog etwas Geld aus der Tasche und legte es auf den Tisch. „Gehen wir.“

Madison nickte.

Sie war frustriert, weil sie ihr Gespräch nicht beenden konnten, aber gerade war das nicht wichtig. Ein Patient brauchte sie, und Tony schloss sie nicht aus. Schließlich waren das jetzt auch ihre Patienten.

Kleine Fortschritte, aber immerhin, und ein junges Leben lag in ihren Händen.

4. KAPITEL

Als sie ins Krankenhaus zurückkamen, hatten die Krankenschwestern Gracies Inkubator in ein Einzelzimmer verlegt, um die anderen Kinder, die genauso anfällig waren für Fieber und Viren, nicht zu gefährden.

Madison folgte Tony und zog Wegwerfkittel, Handschuhe und Maske an. Als Chirurg musste er bei einer postoperativen Infektion die Führung übernehmen, aber sie konnte Medikamente vorschlagen, die die Chemotherapie nicht außer Kraft setzten.

Gracies Mom stand etwas abseits. Ihre Augen hinter der Maske waren aufgerissen, und sie rang die Hände. Nur zu gut verstand Madison ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Sie hatte sie im Gesicht ihres Vaters gesehen. Wie gern wollte sie Gracies Mom trösten, aber im Moment konnte sie ihr nicht viel sagen. Erst mussten sie mehr darüber wissen, was vorging.

Tony öffnete den Inkubator und untersuchte das Baby vorsichtig. Ihn mit dem zerbrechlichen, kranken Baby zu sehen, raubte Madison den Atem. Sie trat näher zu ihm.

„Postoperative Infektion?“, fragte sie leise.

„Ja“, antwortete Tony. „Sie braucht eine Dosis Antibiotika, aber zuerst müssen wir herausfinden, welcher Stamm Staphylokokken ihr zusetzt.“

„Ich nehme etwas Blut ab und schicke es ins Labor.“ Die Schwester der Intensivstation reichte ihr, was sie für ein vollständiges Blutbild brauchte, aber Madison wollte auch Gracies Level der neutrophilen Granulozyten überprüfen, weil sie einen Verdacht hatte.

Es war nicht ungewöhnlich, dass Patienten, die mit hoch dosierter Chemotherapie und Bestrahlung behandelt wurden, Neutropenie bekamen – oft ein Grund für Infektionen, was die Heilung erschwerte, besonders nach einer OP.

„Ihre Wunde ist rot und nässt“, bemerkte Tony leise.

Madison nahm ihre Proben und schickte die Schwester damit los. Dann tastete sie vorsichtig Gracies Bauch direkt über ihrer Milz ab, um zu sehen, ob sie geschwollen war.

Tony beobachtete sie. „Und?“

„Sie ist vergrößert. Ich lasse ihr Blut auch auf den Wert neutrophiler Granulozyten untersuchen. Wenn sie unter Neutropenie leidet, möchte ich bei ihr mit G-CSF-Injektionen beginnen.“

Diese halfen dem Knochenmark, mehr neutrophile Granulozyten zu bilden, die in Gracies Blut fehlen könnten. Sie mussten die Kleine durch ihre Chemo bringen, bevor sie ihr Stammzellen entnehmen konnten.

„Schlägst du eine Stammzellenentnahme vor? Die hat Dr. Santos bereits durchgeführt.“

„Dessen bin ich mir bewusst.“

„Sollte ich ihre Milz entfernen?“, fragte Tony leise.

„Nein, noch nicht. Ich hätte gern eine winzige Probe Knochenmark, aber erst müssen wir ihre Infektion unter Kontrolle bekommen. Zu viel Anstrengung ist nicht gut für sie.“

„Da stimme ich zu.“

Madison wandte sich an die Schwester: „Geben Sie ihr ein Breitbandantibiotikum, bis das Labor bestätigt, mit welcher Art Infektion wir es zu tun haben. Halten Sie mich auf dem Laufenden.“

„Ja, Dr. Sullivan“, antwortete die Schwester.

Dann ging Madison zu Gracies Mutter hinüber, während Tony die Operationswunde neu verband.

„Geht es meiner Tochter gut?“, fragte die Mutter verängstigt.

„Sie hat eine Infektion. Wir geben ihr Antibiotika und unterbrechen die Chemo, bis wir die Infektion unter Kontrolle haben.“

Gracies Mom nickte. „Okay.“

„Das kommt häufig vor“, versicher...

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