Julia Best of Band 302

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DU KÜSST ZU GUT

Mit einem stürmischen Kuss empfängt der Grieche Nikos Costanides die hinreißende Mari Lewis. Und fällt aus allen Wolken: Sein Vater hat Mari als „Kindermädchen“ engagiert! Für ihn! Einen 32-Jährigen! Damit er endlich sein wildes Casanova-Dasein aufgibt …

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  • Erscheinungstag 14.03.2026
  • Bandnummer 302
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541022
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Anne McAllister

JULIA BEST OF BAND 302

Anne McAllister

1. KAPITEL

Nikos Costanides brauchte eine Frau.

Nicht irgendeine, sondern ein Flittchen. Sie sollte möglichst eine blonde Haarmähne haben, einen Schlafzimmerblick und eine ordinäre Ausstrahlung. Auch eine große Oberweite würde nicht schaden.

Außerdem müsste sie ein hautenges Kleid mit Leopardenmuster tragen, dachte Nikos lächelnd, beschloss aber, nicht darauf zu bestehen. Er nahm den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer.

„Debbies Begleitservice“, flötete eine Frauenstimme am anderen Ende.

Nikos lächelte ironisch. Wenn diese Stimme ein Vorgeschmack auf die Frau war, die man ihm schicken würde, konnte er seinen Plan noch vor Sonnenuntergang in die Tat umsetzen. „Ich brauche heute Nachmittag eine Begleitung.“

„Selbstverständlich, Sir“, flötete die Stimme. „Wir erfüllen alle Ihre Wünsche.“

Sein Wunsch war es, fünftausend Meilen vom Anwesen seines Vaters auf Long Island entfernt zu sein. Doch das hatte die Frau am Telefon sicher nicht gemeint. Nikos beschrieb ihr, wie er sich seine Begleiterin vorstellte.

„Sie wünschen also eine eher auffällige Frau?“, fragte die Sekretärin skeptisch.

„Sie haben es erfasst“, bestätigte Nikos freundlich. „Übertrieben, auf keinen Fall elegant. Sie wissen schon, was ich meine.“

„Ja“, antwortete die Frau zögernd. Dann siegte ihr Geschäftssinn. „Wir werden eine Dame finden, die Ihren Vorstellungen entspricht. Sie wird sich gleich auf den Weg machen.“

Nikos gab der Sekretärin die Adresse. „Ich wohne im Bungalow hinter dem Haupthaus. Am Pool findet zwar gerade eine Party statt, aber die Dame kann einfach der Auffahrt folgen und an den Gästen vorbeigehen.“

Nikos betrachtete die Partygäste im Patio hinter dem Haupthaus. Sein sturer, zugeknöpfter Vater brachte gerade einen Fußschemel für Julietta, seine hochschwangere junge Frau. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis er, Nikos, seine Fesseln endgültig abstreifen konnte.

„Ja, Sir, ich werde es Ihrer Begleiterin ausrichten. Sie werden mit ihr zufrieden sein“, versicherte die Sekretärin.

„Davon bin ich überzeugt“, sagte Nikos mit einem zufriedenen Lächeln.

Eine Dreiviertelstunde später klopfte es an der Tür des Bungalows. Es klang energisch und nicht gerade verführerisch. Andererseits war es auch keineswegs leicht, verführerisch zu klopfen.

Vielleicht hatte der Gärtner sie aufgehalten, als sie die Einfahrt entlanggegangen war. Sie sah vermutlich nicht aus, als wäre sie zur Party von Nikos’ Stiefmutter eingeladen. Nikos lächelte und stopfte einige Kleidungsstücke in einen Seesack. Er wollte auf den Augenblick vorbereitet sein, in dem sein Vater ihn aus dem Haus werfen würde.

Nikos wäre schon lange fort gewesen, wenn er selbst hätte fahren können. Doch seit seinem Autounfall vor einem Monat, dem ein Streit mit seinem Vater vorausgegangen war, trug Nikos einen Gipsverband am Bein, der seine Bewegungsfreiheit einschränkte. Sein Vater hatte sofort die Gelegenheit genutzt, ihn in seinem Haus festzuhalten, um ihn zu überreden, für Costanides International zu arbeiten.

Nur über meine Leiche, dachte Nikos. Das war von Anfang an seine Meinung gewesen.

Er stand auf und ging zur Tür. Es wäre zu schön, wenn der alte Thomas das Flittchen aufgehalten hätte. Dann wäre auch er schockiert von Nikos’ respektlosem Verhalten und würde Stavros nahe legen, das schwarze Schaf der Familie endlich vor die Tür zu setzen.

Andererseits war es vermutlich schwer, Thomas nach dreißig Jahren im Dienst der Familie Costanides zu schockieren.

Doch schließlich ging es Nikos darum, seinen Vater zu verärgern und aufzuregen. Wahrscheinlich würden auch all die Frauen außer sich sein, die sich draußen um seine schöne junge Stiefmutter scharten. Pech. Immerhin hätten sie dann ein Thema, über das sie sich ausgiebig unterhalten konnten.

Nikos war daran gewöhnt, Gegenstand von Klatsch und Tratsch zu sein. Nachdem er herausgefunden hatte, wie sehr sich sein Vater darüber ärgerte, hatte er seinen schlechten Ruf kultiviert. Schließlich war es nicht seine Schuld, dass es Menschen gab, die nichts Besseres zu tun hatten, als sich über die Fehltritte anderer das Maul zu zerreißen.

Nikos warf einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass er und die vollbusige Dame ein großes Publikum haben würden. Mindestens fünfzig der bestgekleideten, reichsten Frauen aus der Umgebung plauderten am Pool, während Julietta bunt verpackte Geschenke für das Baby auswickelte. Juliettas Freundin Deanne, die die Party organisiert hatte, schien ganz Long Island eingeladen zu haben.

Rosa und blaue Ballons wippten im Sommerwind, und die Terrasse war mit Bändern in denselben Farben geschmückt. Nikos hatte die Vorbereitungen am Vormittag grimmig verfolgt.

Er hinkte auf Krücken langsam zur Tür und lächelte zynisch. Außer einem Handtuch um die Hüften trug er nur den Gipsverband, als er die Tür öffnete.

Sie war kein Flittchen.

Sie war nicht einmal richtig blond. Ihr Haar war honigbraun, und sie trug es in einem strengen Zopf. Sie sah auch nicht besonders verführerisch aus, obwohl sie die größten blaugrünen Augen besaß, die Nikos je gesehen hatte. Sie wirkte, wie Nikos verärgert feststellte, anständig wie ein Schulmädchen, in dem schlichten dunkelblauen Rock und der weißen Bluse.

Wenn Debbies Begleitservice eine Frau wie sie für „auffällig“ hielt, steuerte die Firma auf den Bankrott zu. Die Zuschauer würden sehr viel Fantasie brauchen.

Nikos warf einen Blick auf die Partygäste, um zu sehen, ob das Erscheinen der Fremden überhaupt Aufsehen erregte. Keine der Frauen auf der Terrasse jedoch schenkte ihr Beachtung.

Immerhin hatte sein Vater etwas bemerkt. Nikos lächelte selbstzufrieden.

Der alte Mann wirkte neugierig. Er stand neben seiner Frau, die noch immer Geschenke öffnete, aber seine Aufmerksamkeit war auf den Bungalow gerichtet.

Sehr gut.

Natürlich wäre es besser gewesen, wenn seine „Begleiterin“ ein billiges Flittchen gewesen wäre, aber sie war immerhin eine Frau. Das musste genügen.

Vielleicht war diese steife Lehrerinnenverkleidung ihre Masche, damit sie noch aufreizender wirkte, wenn sie sich auszog. Nikos betrachtete sie und stellte fest, dass die Verwandlung durchaus ihren Reiz haben könnte.

Zu schade, dass er keine Gelegenheit haben würde, sich davon zu überzeugen.

Er setzte sein bestes Macho-Lächeln auf. „Das wurde aber auch Zeit“, wies er sie zurecht, obwohl seine Züge nichts als freudige Erwartung ausdrückten.

Er gab der Dame keine Gelegenheit, etwas zu sagen. „Zeig mir, was unter deiner prüden Schale steckt, Süße“, verlangte er, zog sie an sich und küsste sie.

Aus den Augenwinkeln sah Nikos, dass sein Vater mit offenem Mund dastand und starr auf ihn und die Frau blickte. Aus der Nähe hätte man wahrscheinlich den Schnurrbart des alten Mannes zittern sehen können.

Nikos hätte laut jubeln mögen. Stattdessen presste er die Frau fester an sich und küsste sie stürmischer, da sie sich als viel aufregender erwies, als er erwartet hatte.

Im ersten Moment wirkte sie starr und widerstrebend, passend zu ihrem strengen Äußeren.

Doch dann veränderte sie sich kaum merklich. Das Eis schmolz. Sie seufzte erstaunt auf. Auch Nikos war verwundert, denn in ihrem Kuss lag echte Leidenschaft.

Dann biss sie zu.

Nikos schrie auf. Er wich zurück und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Er blutete. Die Frau hatte ihn gebissen!

„Was, zum Teufel …?“ Er sah sie wütend an. „Wenn Sie sich so verhalten, werden Sie bald arbeitslos sein, Süße.“

„Ich kann auf jeden Job verzichten, in dem ich so geküsst werde.“

„Verlangen Sie fürs Küssen einen Aufpreis?“, fragte Nikos ärgerlich. „Sie gehen mit mir ins Bett, küssen mich aber nicht?“

Sie errötete. „Ich würde nichts dergleichen tun! Was glauben Sie eigentlich …?“

„Ich glaube, dass Sie diese Bibliothekarinnen-Masche allmählich übertreiben.“ Sie würde alles verderben. Sein Vater würde niemals glauben, dass er, Nikos, sich hier mit einem Flittchen vergnügte, wenn das angeblich leichte Mädchen sich wie eine Nonne benahm.

Er konnte nur hoffen, dass sie sich nicht auch noch einbildete, für diesen Auftritt bezahlt zu werden.

„Bibliothekarinnen-Masche?“, fragte die Frau entsetzt.

„Es mag Männer geben, die das sexy finden, Süße, aber ich gehöre nicht dazu.“ Nikos warf einen Blick zum Pool. Inzwischen gab es etliche interessierte Zuschauer, darunter auch seinen Vater, der, wie vom Donner gerührt, dastand. Vielleicht war noch nicht alles verloren.

Nikos streckte die Hand aus und packte die Frau. „Komm!“

Sie versuchte, sich zu befreien, aber Nikos klemmte sich beide Krücken unter einen Arm und legte den anderen um die Frau. Sie wirkten so noch vertrauter miteinander, während er sie ins Haus zog.

Mit dem Gipsbein und der ausheilenden Prellung am Arm war Nikos gerade kräftig genug, die Frau festzuhalten. Er machte die Haustür zu, lehnte sich erschöpft dagegen und schloss die Augen.

Verdammt! Er verkraftete nicht einmal die geringste körperliche Anstrengung. In den letzten Wochen hatte er nicht viel mehr getan, als zu essen, zu schlafen und sich mit seinem Vater zu streiten. Zum Teufel! Nikos hasste diese Schwäche. Er bekam wieder Kopfschmerzen, wie immer, wenn er versuchte, sich länger auf irgendetwas zu konzentrieren.

„Was erlauben Sie sich eigentlich?“, fuhr die verführerische Nonne ihn an. „Öffnen Sie sofort die Tür! Ich will gehen. Auf der Stelle!“

„Nein!“

Sie blickte ihn fassungslos an. „Was soll das heißen?“

„Das kommt nicht infrage.“ Nikos atmete tief ein. „Ich habe Sie bestellt, Sie sind gekommen. Und Sie werden bleiben. Setzen Sie sich.“

Sie folgte seiner Aufforderung nicht, sondern wich einen Schritt zurück. Verdammt! Wenn sein Vater jetzt hereinkommen und nach dem Rechten sehen würde, wäre der Plan gescheitert. Die Dame war vollständig bekleidet und vom Fenster aus deutlich zu sehen.

„Hinsetzen, habe ich gesagt!“, herrschte Nikos sie an.

Sie schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Ich muss gehen. Offensichtlich habe ich mich in der Adresse geirrt.“

„Nein, Sie sind hier schon richtig. Entspannen Sie sich. Wie, zum Teufel, sind Sie an diesen Job geraten?“

Sie richtete sich auf und blickte ihn wütend an. „Ich bin sehr gut in meinem Job.“

Sie sah zwar nicht danach aus, aber wenn sie sich erst einmal von der strengen Kleidung befreit hatte, stimmte ihre Behauptung vielleicht.

Nikos musste zugeben, dass sie ihn ziemlich feurig geküsst hatte. Zu schade, dass er keine Gelegenheit haben würde, die Begegnung weiter zu genießen.

„Das werden Sie wohl ein andermal unter Beweis stellen müssen“, sagte Nikos langsam.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich werde Ihnen überhaupt nichts beweisen. Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind, aber Sie müssen mich gehen lassen.“

Halt endlich den Mund! dachte Nikos wütend. Bevor ich die Beherrschung verliere. „Hinsetzen!“

Die Lautstärke seines Befehls schien sie in den Sessel zu drücken. Sie sah ihn zornig an.

„Nicht da.“ Nikos seufzte erschöpft. „So kann er Sie sehen. Setzen Sie sich auf die Couch.“

Sie rührte sich nicht. „Wer? Wovon sprechen Sie überhaupt?“

Nikos antwortete nicht, sondern blickte nur erwartungsvoll auf die Couch. Er konnte seinen Platz an der Tür nicht verlassen, wenn er aufrecht stehen bleiben wollte.

„Ich habe keine Ahnung, was hier gespielt wird“, sagte die Frau leise, stand aber schließlich auf und ging zur Couch hinüber.

„Danke“, stieß Nikos hervor. Er wartete, bis sie sich hingesetzt hatte, und ließ sich dann vorsichtig in den Sessel gegenüber sinken. Die Frau warf einen Blick auf die Tür.

„Versuchen Sie es gar nicht erst!“

Sie sah ihn erschrocken an, blieb aber sitzen.

Nikos war erleichtert, denn in Wahrheit hätte er nicht mehr die Kraft besessen, sie aufzuhalten.

Sie hatte die Hände gefaltet und in den Schoß gelegt wie ein braves Schulmädchen und sah Nikos wachsam und erwartungsvoll zugleich an.

„Sie sind noch nicht lange im Geschäft, stimmt’s?“

„Seit vier Jahren.“

„Vier Jahre?“ Nikos konnte es sich nicht vorstellen.

„Ich habe damit angefangen, während ich meinen Universitätsabschluss machte. Ich bin durchaus qualifiziert für diese Arbeit“, sagte sie bestimmt. „Ich verfüge über ausgezeichnete Referenzen.“

Nikos bemühte sich, ernst zu bleiben. „Die würde ich zu gern sehen.“

Ihre Augen blitzten. „Ihnen würde ich sie bestimmt nicht zeigen! Warum halten Sie mich hier fest?“, fragte sie besorgt. „Es handelt sich um ein Missverständnis. Bitte, ich muss dringend mit Mr. Costanides sprechen!“

Nikos streckte das verletzte Bein aus und lehnte sich zurück. „Sie sitzen vor ihm.“

„Sie sind nicht Mr. Costanides! Ich kenne Mr. Costanides, er ist viel älter und trägt einen Schnurrbart. Er …“

Nikos richtete sich auf. Sie kannte seinen Vater? Verdammt noch mal!

Er konnte es nicht fassen. Sein Vater hatte es vielleicht mit der Treue nicht immer genau genommen, aber Nikos konnte sich nicht vorstellen, dass er sich dazu herabließ, die Dienste eines Mädchens des leichten Gewerbes in Anspruch zu nehmen. Stavros hatte immer viel Respekt vor der Familie gehabt.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Mein Name ist Mari Lewis“, antwortete sie kurz angebunden.

Der Name sagte ihm nichts. „Die Dame vom Begleitservice?“

„Begleitservice?“ Sie sah ihn irritiert an. „Wovon reden Sie? Ich bin das Kindermädchen.“

Das Kindermädchen?

Nikos blickte sie starr an und spielte die ganze Begegnung in Gedanken noch einmal durch. Allmählich ergab die Sache einen Sinn. Nikos war nicht etwa verärgert, sondern lächelte zufrieden.

Er hatte das neue Kindermädchen geküsst. Er war nur mit einem Handtuch bekleidet vor die Tür getreten und hatte vor den Augen seines Vaters das Kindermädchen seines Halbbruders Alex leidenschaftlich umarmt.

Kein Wunder, dass der alte Mann aussah, als hätte ihn der Schlag getroffen.

Das Vorhaben war besser geglückt, als Nikos je zu hoffen gewagt hatte.

Stavros würde ihn auf keinen Fall weiter in seinem Haus dulden, nachdem er, Nikos, das Kindermädchen des kleinen Alexander entehrt hatte.

Der strenge, zugeknöpfte Stavros würde seinen unmoralischen Erstgeborenen mit einem Tritt hinausbefördern!

Vielleicht würde er sogar seinen jüngeren Sohn als Erben einsetzen. Warum nicht?

Alexander, der vierjährige Spross aus der zweiten Ehe seines Vaters, war für Stavros der Mittelpunkt des Universums, der geliebte und umsorgte Sohn, der Nikos nie gewesen war.

Nikos hatte Mitleid mit dem Jungen.

Er kannte seinen Halbbruder kaum. Stavros bemühte sich nach Kräften, seinen jüngeren Sohn vor dem schlechten Einfluss des älteren zu bewahren.

Er hatte Nikos zwar nie befohlen, sich von Alexander fernzuhalten, aber das war auch nicht nötig gewesen.

Der alte Mann war noch nie mit seinem Ältesten zufrieden gewesen.

Nikos hatte es schon vor langer Zeit aufgegeben, seinem Vater gefallen zu wollen. Es machte viel mehr Spaß, ihm ein Dorn im Auge zu sein. Allerdings nur, wenn er das Haus verlassen konnte, sobald die Situation unerträglich wurde.

Nach dem Autounfall war Nikos dazu nicht mehr in der Lage gewesen. Neben dem gebrochenen Bein hatte er sich eine Kopfverletzung zugezogen, die mit Medikamenten behandelt werden musste. Nikos durfte nicht selbst Auto fahren, bis die Behandlung abgeschlossen war, und Stavros erlaubte nicht, dass ihm jemand half.

„Du willst mich hier einsperren!“, hatte Nikos seinem Vater vorgeworfen.

„Nein, ich kümmere mich um dich“, erwiderte Stavros. „Außerdem hast du ja keine dringenden Verpflichtungen, oder? Wie zum Beispiel eine Arbeit.“ Er lächelte zynisch.

Nikos antwortete nicht. Es hatte keinen Sinn. Stavros hatte ihn schon längst als Taugenichts abgestempelt. Nikos tat nichts lieber, als seinem Vater immer wieder Beweise für dieses Urteil zu liefern.

„Es wird Zeit, dass du zur Ruhe kommst“, fuhr Stavros leise fort. „Du wirst hier bleiben, bis du wieder völlig gesund bist.“

Sein Vater ließ sich nicht erweichen, und Nikos konnte niemanden dazu überreden, gegen Stavros’ Anweisungen zu handeln. Er war in diesem Haus gefangen, mit seinem Vater und dessen Vorstellungen davon, wie er, Nikos, sein Leben zu führen hatte.

Darauf hatte Stavros nur gewartet. Direkt vor dem Unfall hatten er und Nikos sich darüber gestritten.

Stavros war zum Bungalow gekommen und hatte Nikos’ Unterlagen über den Konzern mitgebracht. „Mach dich mit deinem Erbe vertraut“, hatte er verlangt.

„Ich weiß alles darüber“, erwiderte Nikos verbittert und legte die Papiere weg.

„Ich bringe dich zur Räson, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“, sagte Stavros und blickte seinen Sohn zornig an.

„Das möchte ich sehen.“

„Tatsächlich“, sagte Stavros ruhig. „Gut. Du kannst dich darauf verlassen.“ Er drehte sich um und schloss die Tür leise hinter sich.

Nikos hatte die Drohung ignoriert und war sehr erfreut darüber, dass sein Vater ihn in den letzten fünf Tagen kaum beachtet hatte. Es war wohl nicht mehr damit zu rechnen, dass Stavros das Vorhaben, „ihn zur Räson zu bringen“, in die Tat umsetzte.

Nikos blickte die Frau an, die so gefasst auf der Couch saß. Sie sah wirklich wie ein Kindermädchen aus. Oder wie eine Nonne.

Armer Alex.

Sie hat bestimmt erstklassige Referenzen, dachte Nikos. Sein Vater würde keine Frau in die Nähe seines geliebten Alex lassen, die nicht mindestens über die Qualitäten einer Mary Poppins verfügte.

„Es tut mir leid“, sagte Nikos, ohne es ernst zu meinen. Er lächelte noch immer.

„Das ist nicht lustig. Ich muss an meinen Ruf denken.“

„Na, der ist jetzt mit Sicherheit ruiniert“, sagte Nikos gut gelaunt.

„Mr. Costanides wird außer sich sein.“

„Das hoffe ich inständig.“ Nikos fragte sich, ob der alte Mann schon auf dem Weg zum Bungalow war, um Mary Poppins zu retten.

„Er erwartete mich um drei Uhr“, sagte sie. „Mr. Costanides legt großen Wert auf Pünktlichkeit, Fairness und Strenge. Er sagte, sein Sohn würde solche Vorgaben brauchen.“

Tatsächlich? Nikos kannte Alex nicht besonders gut, aber der Junge schien nicht so wild zu sein, wie er, Nikos, es in seiner Kindheit gewesen war.

„Pünktlich, fair und streng. Sie sind bestimmt ein Ausbund von Tugend. Er wird von Ihnen verdammt beeindruckt sein“, sagte Nikos gelassen. „Haben Sie noch andere Vorzüge?“

„Ich benutze keine Schimpfwörter.“

Nikos lächelte amüsiert. „Also macht der kleine Bengel Schwierigkeiten? Na, wir wollen doch nicht, dass er seinem großen Bruder nacheifert, nicht wahr?“

Das Kindermädchen sah ihn verblüfft an. „Großer Bruder? Mr. Costanides hat kein zweites Kind erwähnt.“

„Das überrascht mich nicht“, sagte Nikos trocken.

„Allerdings hat er erwähnt, dass Nikos ihm Schwierigkeiten mache.“

„Was?“

Sein Aufschrei erschreckte sie. Aber sie antwortete nicht, sondern presste die Lippen zusammen und machte den Eindruck, als müsste man sie foltern, um ihr weitere Informationen zu entlocken.

„Was haben Sie gesagt?“, fragte Nikos.

Mari Lewis schüttelte energisch den Kopf. „Ich hätte gar nichts sagen dürfen. Diese Dinge gehen nur mich und meinen Arbeitgeber etwas an.“

Nikos achtete nicht auf ihre Worte. Er ging auf sie zu und blickte starr auf sie herab. „Wie ist der Name des Jungen?“

Mari Lewis hob den Kopf, als wollte sie ihm zeigen, dass er sie nicht einschüchtern könne. Dann erwiderte sie: „Nikos.“

„Nein!“, protestierte Nikos. „Sein Name ist Alexander.“

„Das stimmt nicht“, erwiderte Mari fest.

Sie zog einen Vertrag aus ihrer Handtasche. „Sehen Sie, hier steht es. Sein Name ist Nikos. Ich habe mich vielleicht in der Adresse geirrt, aber ich weiß immer noch, um welches Kind es geht.“

Ganz offensichtlich.

Stavros war überhaupt nicht schockiert gewesen. Es mochte ihn ein wenig erstaunt haben, dass sein Sohn Mary Poppins geküsst hatte, aber letztendlich hatte er sich dadurch nur in seinem Handeln bestätigt gefühlt.

Die Tatsache, dass sein ältester Sohn sich so schlecht benommen hatte, war für Stavros der letzte Beweis gewesen, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Der alte Gauner hatte ein Kindermädchen eingestellt, um ihn, Nikos, zur Räson zu bringen.

„Mr. … Es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wie Sie heißen.“ Die Stimme des Kindermädchens riss Nikos aus seinen Gedanken. „Sie müssen mich jetzt gehen lassen. Ich sollte dringend das richtige Haus finden …“

Nikos blickte sie wütend an.

Sie blinzelte zwar, hielt seinem Blick dann aber entschlossen stand.

Ob sie wohl wirklich so mutig war? Nikos konnte es sich nicht vorstellen. Er würde sie binnen vierundzwanzig Stunden mit Leichtigkeit aus dem Haus getrieben haben.

Nikos lächelte. Erwartete Stavros, dass er einfach aufgeben und sich kampflos bessern würde?

Er schien seinen ältesten Sohn zu unterschätzen.

„Sie haben das richtige Haus gefunden“, sagte Nikos.

„Aber Sie sagten doch …“ Mari Lewis sah sich irritiert um. „Wo ist Nikos?“

Er lächelte zynisch. „Ich bin Nikos.“

Sie blickte ihn fassungslos an.

„Herzlich willkommen, Miss Lewis. Offenbar hat mein Vater Sie eingestellt, damit Sie auf mich aufpassen.“

Dieser Mann war eindeutig verrückt.

Aber er war auch der attraktivste Verrückte, dem Mari je begegnet war. Er hatte dunkelbraune Augen, welliges schwarzes Haar, ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und ein verführerisches Grübchen in der Wange, das sich vertiefte, wenn er lächelte.

Außerdem küsste er wie …

Mari vermied es, genauer über diesen Kuss nachzudenken, denn sie war noch nie so geküsst worden.

Eine weniger willensstarke Frau wäre ihm wahrscheinlich hingerissen zu Füßen gesunken.

Aber sie war aus härterem Holz geschnitzt.

Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, an ihren Ruf zu denken und zwei liebenswerte, aber lebensuntüchtige Tanten zu versorgen.

Obwohl ihr Herz noch immer schnell klopfte und ihre Lippen noch immer prickelten, musste sie so schnell wie möglich Stavros Costanides finden.

Aber wie? Wer auch immer dieser Mann war, er saß näher an der Tür und sah aus, als würde er sich auf sie stürzen, falls sie einen Fluchtversuch wagte.

„Hören Sie, Mr. …“

„Costanides“, half er ihr auf die Sprünge und lächelte kühl, wobei das Grübchen wieder deutlich sichtbar wurde.

Sie sehnte sich danach, es zu berühren. Ihn zu berühren. Mari wandte energisch den Blick ab und sagte ruhig: „Mr. Costanides, ich weiß nicht, was Sie im Schilde führen, aber …“

„Fragen Sie sich lieber, welche Absicht mein Vater verfolgt.“

„Ihr Vater?“

„Ja, der berüchtigte Despot Stavros Costanides. Der alte Mann mit dem Schnurrbart.“ Nikos ahmte spöttisch Maris Beschreibung nach. „Der Mann, der Sie eingestellt hat.“

„Als Kindermädchen für seinen kleinen Sohn.“

„Nein, als Kindermädchen für Nikos“, widersprach er und deutete auf seine Brust. „Das bin ich.“

„Das ist doch lächerlich!“

„Ach wirklich?“, sagte Nikos leise. Er wurde plötzlich ernst und rieb sich die Stirn. „Verdammt!“

Mari sah ihn nachdenklich an. Vielleicht ist er gar nicht verrückt, dachte sie. Vielleicht hat er eine Gehirnerschütterung und glaubt, jemand anders zu sein. Auf jeden Fall sah er so aus, als hätte er sich mit etwas Gewaltigem angelegt und den Kampf verloren.

Er trug einen Gips am linken Bein und hielt einen Arm so dicht am Körper, als wollte er seine Rippen schützen. Außerdem entdeckte sie eine frische Narbe an seinem Kinn und einen abziehenden Bluterguss an seiner linken Schläfe.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie schnell.

Er sah sie an. „Sieht man das nicht?“

Seine ausdruckslose Stimme verwunderte sie. Sie fragte sich, ob er von seinem körperlichen Zustand gesprochen hatte.

Vielleicht sagte er die Wahrheit. Mari schluckte und versuchte, den Gedanken zu verdrängen.

Stavros Costanides hatte sie als Kindermädchen für seinen Sohn eingestellt. Seinen kleinen Sohn! Sie hatte ein Foto von ihm auf der Kommode in Stavros’ Büro gesehen.

„Ist das Nikos?“, hatte sie ihn gefragt.

Stavros hatte stolz gelächelt und das Bild zur Hand genommen. „Das ist mein Sohn.“

Nikos, hatte Mari angenommen.

Aber Stavros hatte nicht gesagt: „Das ist mein Sohn Nikos.“

Und dieser verflixt attraktive Mann, der vor ihr saß, war …

„Sie sind Nikos?“, fragte sie leise. „Das ist kein Witz?“

Er sah sie eindringlich an und schüttelte langsam den Kopf. „Kein Witz.“

„Aber das ergibt keinen Sinn. Warum sollte er …“ Sie verstummte. „Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen Vierjährigen handelt. Ich habe ein Foto von ihm gesehen!“ Sie sah Nikos vorwurfsvoll an.

„Er hat einen vierjährigen Sohn. Mein Halbbruder Alexander.“

„Dann muss es sich um einen Irrtum handeln.“

„Um keinen Irrtum.“

„Aber …“

„Mein Vater möchte mir eine Lektion erteilen. Er ist der Meinung, dass ich mein Leben vergeude. Angeblich bin ich nicht in der Lage, die Verantwortung für sein verdammtes Imperium zu übernehmen und als ältester Sohn in die Fußstapfen meines Vaters zu treten.“ Nikos klang sehr verbittert, und seine dunklen Augen blitzten. Mari gab sich alle Mühe, unter seinem Blick nicht zusammenzuzucken.

Als Kindermädchen wusste sie allerdings, dass selbst das leiseste Anzeichen von Schwäche ihr Untergang sein konnte. Sich niemals einschüchtern zu lassen war die goldene Regel im Umgang mit ihren Schützlingen.

Ihren Schützlingen?

Es war sicher ein Scherz, dass sie das Kindermädchen dieses Mannes sein sollte, oder?

Stavros Costanides würde bestimmt jeden Moment hereinkommen und verkünden, dass sein Sohn die Lektion gelernt habe, und sie würden alle herzlich lachen. Dann würde sie, Mari, endlich ihre Stelle als Kindermädchen für den kleinen Alexander antreten.

Hoffentlich! Sie war auf diese Stelle angewiesen. Sie konnte es sich nicht leisten, arbeitslos zu sein.

Tante Emmaline und Tante Betty würden obdachlos werden, wenn sie diesen Job nicht behielt. Stavros Costanides’ Anruf war ein Geschenk des Himmels gewesen.

„Ich habe in einer Zeitschrift über Sie gelesen“, hatte er gesagt. „Sie sind die Frau, die selbst schwierige Kinder in kleine Engel verwandeln kann.“

Mari lachte verlegen. „Die Verfasserin hat ein wenig übertrieben“, gestand sie. Der Artikel war in der letzten Ausgabe eines Eltern-Magazins erschienen. Sie erinnerte sich noch genau an den Titel: Mari ist nicht Mary. Aber dieses Kindermädchen stellt selbst die Poppins in den Schatten! Der Bericht hatte Maris Begabung im Umgang mit Problemkindern gelobt. „Ich habe ihren Neffen zwei Jahre lang betreut.“

„War er ein schwieriges Kind?“

„Allerdings.“

„Das ist mein Sohn auch.“

Sie nahm an, dass er damit seinen vierjährigen Sohn meinte.

Stavros hatte ihr einen Zuschuss zum Gehalt angeboten, als sie sich mit ihm getroffen hatte. Er schilderte die Dickköpfigkeit seines Sohnes und sprach von dessen Weigerung, die väterliche Autorität anzuerkennen.

„Ich dachte, ich könnte die Sache selbst in Ordnung bringen“, sagte er resigniert. „Das war mir leider unmöglich. Wenn Sie es schaffen, ihn innerhalb von sechs Monaten zu erziehen, bekommen Sie hunderttausend Dollar.“

Mari blickte ihn fassungslos an.

Stavros stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. „Falls Sie vorher aufgeben, schulden Sie mir zehn.“

„Zehn?“

„… tausend Dollar.“

Stavros Costanides bedeutete die Summe nichts. In Maris angespannter finanzieller Situation bedeutete sie einen riesigen Schuldenberg.

Aber soweit würde sie es nicht kommen lassen. Sie würde nicht aufgeben!

„In Ordnung“, hatte sie gesagt.

„Ihr Vater muss sich einen Scherz erlaubt haben“, sagte sie jetzt zu Nikos, der sie beobachtet hatte, während ihr all diese Gedanken durch den Kopf gegangen waren.

„Nein.“

„Aber …“

„Er hat Sie eingestellt, damit Sie mich erziehen.“

Mari wollte protestieren, hatte aber allmählich das Gefühl, dass Nikos die Wahrheit sagte.

„Ich kann doch nicht …“

„Selbstverständlich nicht“, unterbrach er sie barsch. „Deshalb sollten Sie jetzt zum Haupthaus gehen und meinem Vater sagen, dass Sie mit seinem Plan nichts zu tun haben wollen und es für Sie keinen Grund gibt, hier zu bleiben.“

Doch den gab es. Mari dachte an das riesige alte Haus ihrer Tanten. Es war ihr ganzer Stolz, das Vermächtnis ihres leichtsinnigen Vaters. Es war ein Fass ohne Boden, aber sie würden es niemals aufgeben.

Mari hörte im Geist ihre Tante Em mit ängstlicher Stimme fragen: „Wo sollen wir denn hin, Kind? Wir haben unser ganzes Leben hier verbracht.“

„Ich kann mit Em nicht in ein Altersheim ziehen“, sagte Tante Betty immer wieder. „Das würde sie nicht überleben.“

Vermutlich nicht, dachte Mari. Tante Em hatte ein schwaches Herz. Sie durfte auf keinen Fall erfahren, dass Tante Betty erfolglos versucht hatte, die Haushaltskasse durch Pferdewetten aufzubessern.

Wahrscheinlich würde es beide umbringen, ihr Haus verlassen zu müssen. Sie, Mari, musste also dafür sorgen, dass es nicht dazu kam. Mit Stavros Costanides’ Zuschuss könnte sie die Wettschulden bezahlen und das Dach reparieren lassen.

„Nein“, sagte sie jetzt, „das geht nicht.“

Nikos sah sie aufgebracht an. „Und warum nicht?“

„Ich brauche diesen Job.“

„Wie viel Geld hat er Ihnen geboten?“

Mari sah ihn irritiert an. „Wie bitte?“

„Offenbar eine beträchtliche Summe“, sagte Nikos ungeduldig. „Ich zahle Ihnen mehr, wenn Sie verschwinden.“

Ein verlockendes Angebot. Mari hätte es am liebsten angenommen. Aber …

Sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht tun.“

„Was soll das heißen?“

„Ich muss an meinen Ruf denken.“

„Woran?“ Nikos wirkte plötzlich sehr zornig.

„Ich habe mir in meinem Beruf einen Namen gemacht.“ Mari spürte, dass sie errötete. Er würde ihre fadenscheinige Ausrede sicher sofort durchschauen. „Nicht in dem Beruf, an den Sie vorhin dachten.“

Nikos biss die Zähne zusammen. Er sah Mari wütend an, aber sie hielt dem Blick stand.

„Sie müssen nichts weiter tun, als sich zusammenzureißen“, sagte sie leise.

„Vergessen Sie es. Ich werde mich meinem Vater garantiert nicht unterwerfen!“

Mari atmete tief durch und zuckte die Schultern. „Dann eben nicht.“

Nikos fuhr sich ungeduldig durchs Haar und kniff dann die Augen zusammen. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie bleiben, Miss Lewis?“

Sag Nein, befahl sie sich. Vergiss deinen Ruf, die Tanten und die hunderttausend Dollar! Sei vernünftig.

Als Nikos Costanides sie geküsst hatte, war etwas mit ihr geschehen. Dabei war es nun wirklich nicht ihr erster Kuss gewesen. Schließlich hatte sie schon einmal einen Verlobten gehabt. Doch Wards Küsse hatten nie einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen.

Sie glaubte, Nikos’ Lippen noch immer auf ihren zu spüren. Er hatte eine verborgene Saite in ihr zum Klingen gebracht.

Und sie, Mari, hatte nicht geahnt, dass sie so überhaupt reagieren könnte. Sie sehnte sich danach, mehr darüber herauszufinden.

Dennoch war es verrückt, das Kindermädchen dieses erwachsenen Mannes zu werden, egal, aus welchem Grund oder zu welchem Preis.

Sie war eine vernünftige Frau, die mit beiden Beinen auf der Erde stand.

„Menschen, die mit beiden Beinen auf der Erde stehen, sind noch nie geflogen“, hatte ihr Onkel Arthur, der Lebenskünstler, immer gesagt, Mari dabei zugezwinkert und sie herausfordernd angesehen.

Mari atmete tief durch und sagte: „Ja.“

2. KAPITEL

Sie hatte den Verstand verloren.

Eine neunundzwanzigjährige Jungfrau, die noch nie den leisesten Anflug von Erregung gespürt hatte, nicht einmal, wenn sie den Mann geküsst hatte, mit dem sie drei Jahre lang verlobt gewesen war. Es war völlig ausgeschlossen, dass sie bei einem Mann blieb, der vermutlich Nonnen zum Frühstück verspeiste.

Aber sie hatte sich festgelegt.

Mari sah keine Möglichkeit, aus der Sache herauszukommen.

Sie hatte Stavros Costanides ihr Wort gegeben, auch wenn er nicht ganz ehrlich gewesen war. Außerdem ging es um ihren Stolz und ihre Berufsehre.

Doch das war nicht alles. In letzter Zeit fühlte sie sich irgendwie unzulänglich.

Zumindest hatte Ward sie dafür gehalten.

„Willst du wissen, warum ich Schluss mache?“, hatte ihr Verlobter Ward Bishop letzten Monat gefragt, als er Mari eröffnet hatte, dass er sie nicht mehr heiraten wolle.

„Du bist gefühllos, Mari. Ich möchte dich lieben, und du redest vom Wetter. Ich berühre deine Brüste, und du schiebst meine Hand weg. Und wenn ich dich küsse, reagierst du überhaupt nicht.“

„Nur weil ich dir und mir nicht sofort die Kleidung vom Leib reiße?“, fragte Mari ärgerlich. Seine Worte verletzten sie tief.

„Du machst ja nicht einmal einen Knopf auf.“

Ward entschuldigte sich später. „Du bist eine sympathische Frau, Mari“, sagte er so gönnerhaft, dass Mari ihn am liebsten geohrfeigt hätte. „Es ist nicht deine Schuld. Du bist eben nicht gerade … leidenschaftlich.“

„Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass du Großbrände verursacht hättest“, erwiderte Mari verletzt.

„Nein, mit dir sicher nicht“, stimmte Ward bereitwillig zu. Mari vermutete, dass es Ward mit Shelley, der neuen Liebe seines Lebens, anders erging.

Bitte sehr! Sollte er doch mit Shelley die ganze Welt in Brand stecken!

Es machte ihr, Mari, nichts aus. Jedenfalls nicht viel.

Doch Wards Vorwürfe gingen ihr noch lange durch den Kopf. Es schmerzte Mari, dass andere Menschen offenbar etwas besaßen, das ihr fehlte. Ein Feuer, das die Natur in ihr nicht entzündet zu haben schien.

Aber an diesem Nachmittag war plötzlich etwas Unerwartetes geschehen. Sie hatte Leidenschaft gespürt. Offenbar hatte die Natur doch nicht vergessen, die Holzscheite aufzuschichten.

Ward war es einfach nie gelungen, das Feuer zu entfachen.

Aber … Nikos Costanides? Ein …

„Wie alt sind Sie?“, fragte sie Nikos, als sie mit ihrem Gepäck zum Bungalow zurückkehrte.

„Zweiunddreißig“, antwortete er gereizt.

Ein zweiunddreißigjähriger griechischer Playboy? Denn Mari bezweifelte nicht, dass er ein oberflächlicher Frauenheld war.

Mari schüttelte den Kopf. Was hatte sich die Natur nur dabei gedacht?

Nikos stellte sich offenbar dieselbe Frage. Während sie sich auf die Suche nach Thomas, dem Gärtner, gemacht hatte, war Nikos in weiße Shorts geschlüpft. Immerhin ein Zugeständnis. Aber er wirkte sehr erwachsen, männlich und einschüchternd, während er mit nacktem Oberkörper im Sessel saß und beobachtete, wie Thomas das Gepäck hereintrug.

„Wie alt sind Sie denn?“, fragte Nikos herausfordernd.

Mari hob den Kopf. „Neunundzwanzig.“

„Sie küssen nicht wie eine Neunundzwanzigjährige.“

Mari errötete. Wieder stieg das Gefühl der Unzulänglichkeit in ihr auf. Sie fragte sich, ob Nikos denn nichts gespürt hatte.

Thomas räusperte sich missbilligend. Mari wusste, dass ihr die Situation hätte peinlich sein sollen, aber eigentlich war sie nur neugierig. Hatte Nikos wirklich nichts gespürt? Sie blickte ihn prüfend an.

Doch! Er hat es auch gefühlt, dachte Mari triumphierend. Sie wandte sich Thomas zu und sagte betont sorglos: „Kümmern Sie sich nicht um ihn. Er schmollt.“

„Das ist nicht wahr!“

Nikos’ Zorn erheiterte Mari. „Hier entlang“, sagte sie zu Thomas und deutete auf den Flur, der vom Wohnzimmer wegführte. „Ich nehme an, dass sich die Schlafzimmer dort befinden?“, fragte sie mit einem flüchtigen Blick zurück.

Nikos murmelte etwas Unverständliches und sah Mari finster an.

„Hat er Sie wirklich geküsst, Miss?“, fragte Thomas besorgt.

„Allerdings.“ Mari bemühte sich, fröhlich und unbekümmert zu klingen, als hätte der Kuss ihre Welt nicht auf den Kopf gestellt.

„Sie kann nicht küssen“, sagte Nikos laut.

„Jetzt weiß ich, warum Ihr Vater glaubt, dass Sie ein Kindermädchen brauchen“, sagte Mari freundlich. „Jemand sollte Ihnen Manieren beibringen.“

Sie verließ das Zimmer und ging den Flur entlang. Das letzte Wort zu haben war die große Stärke jedes Kindermädchens.

„Ein Kindermädchen?“, fragte Thomas fassungslos.

„Mr. Costanides scheint einen seltsamen Sinn für Humor zu haben“, sagte Mari.

„Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt welchen hat“, murmelte Thomas. „Welches Zimmer, Miss?“

„Sie schläft bei mir!“, rief Nikos aus dem Wohnzimmer.

„Mr. Nikos!“ Thomas war schockiert.

„Sie mag es, wenn ich etwas Unanständiges sage.“

Thomas war außer sich.

„Kinder spielen sich auf, wenn sie glauben, dass wir ihnen zusehen, Thomas“, sagte Mari fest. „Beachten Sie ihn einfach nicht. Kommen Sie, wir finden schon ein Zimmer für mich.“

Neben dem Wohnzimmer und der Küche gab es im Bungalow drei Schlafzimmer. Nikos bewohnte das Größte mit Blick auf den Garten. Das Bett war nicht gemacht. Mari entdeckte einen Laptop und einige Fachzeitschriften für Segler auf dem Schreibtisch. Er sucht sich wohl gerade eine neue Jacht aus, dachte Mari.

Das Zimmer war in Weiß- und Brauntönen gehalten, mit einigen Akzenten in Schwarz. Es wirkte streng und kühl.

Wie sein Bewohner, dachte Mari.

„Gefällt Ihnen mein Bett?“, rief Nikos. „Es ist für zwei Personen groß genug.“

Mari beachtete ihn nicht. Sie versuchte, auch das Bett zu ignorieren, konnte sich aber erschreckend lebhaft vorstellen, mit Nikos dort zu liegen. Sie sah ihn vor sich, nackt auf dem weißen Laken, und stellte sich vor, wie auch sie …

Hör auf damit! rief sie sich zur Ordnung. Sie hatte noch nie so gewagte Fantasien gehabt.

Mari drehte sich um und verließ eilig den Raum.

Das Zimmer gegenüber war als Arbeitszimmer eingerichtet worden. Es stand aber eine Schlafcouch darin, die zurzeit nicht benutzt zu werden schien. Mari war nicht überrascht. Stavros Costanides wollte seinen Sohn bestimmt nicht erziehen lassen, weil er zu viel arbeitete.

Mari hätte das Zimmer bewohnen können, hatte aber Bedenken, so nahe bei Nikos zu schlafen.

Glücklicherweise gab es noch ein drittes Schlafzimmer am Ende des Flurs. Es war ein schmaler Raum, der mit hellen Möbeln und weißen Gardinen freundlicher eingerichtet war als die anderen Zimmer.

Sehr gut, dachte Mari. Sie war neugierig, aber keineswegs lebensmüde.

„Bringen Sie bitte die Koffer herein, Thomas“, sagte sie und ging zum Fenster. Hinter dem Haupthaus konnte sie die ersten Dünen sehen, die sich bis zum Atlantik erstreckten.

„Miss?“

Mari drehte sich um. Thomas hatte das Gepäck abgestellt und blickte sie lächelnd an. „Ich wollte nur sagen … er ist nicht so schlimm, wie er behauptet.“

„Das ist auch kaum möglich“, stimmte Mari trocken zu.

Thomas unterdrückte ein Lachen. „Aber er wird sein Möglichstes tun.“

„Das wird sicher … interessant“, sagte Mari. „Thomas, haben Sie von Mr. Costanides’ Vorhaben gewusst?“

Thomas zögerte. „Nein, aber es überrascht mich nicht. Mr. Costanides macht sich Sorgen um Mr. Nikos und die Zukunft der Firma. Er wird nicht jünger und hatte schon einen Herzinfarkt. Er möchte mehr Zeit mit Mrs. Costanides und den Kindern verbringen. Also soll Mr. Nikos die Firma übernehmen. Aber nur, wenn er alles so macht, wie Mr. Costanides es will“, fügte er hinzu.

„Ich bin sicher, dass Nikos seinen eigenen Willen hat“, sagte Mari trocken.

Thomas lächelte wieder. „Er ist der Sohn seines Vaters.“ Er schüttelte den Kopf. „Mr. Costanides geht nicht immer geschickt mit Mr. Nikos um.“

„Und da dachte er, ein Kindermädchen wäre die Lösung?“

„Ich glaube nicht, dass er überhaupt noch an eine Lösung glaubt“, sagte Thomas geradeheraus. „Aber diesen Weg ist er wenigstens noch nicht gegangen.“

Damit sind wir schon zwei, dachte Mari.

„Mr. Nikos wird Ihnen nichts tun, Miss“, sagte Thomas schnell. „Er zieht Sie nur auf. Wenn er Ihnen Ärger macht, rufen Sie mich. Ich bringe ihn schon zur Räson.“ Thomas lächelte. „Mr. Nikos hört auf mich.“

„Aber nicht auf seinen Vater.“ Es war eine Feststellung.

Thomas schüttelte energisch den Kopf. „Niemals. Mr. Costanides spricht aber auch nie mit Mr. Nikos. Er schreit nur und stellt Forderungen.“ Er sah Mari lächelnd an. „Sie werden das alles in Ordnung bringen.“

„Es scheint, als wäre hier schon sehr lange nichts mehr in Ordnung.“

Thomas zögerte und nickte dann. „Trotzdem sind beide sehr gute Männer.“

„Wo liegt dann das Problem? Warum reden sie nicht miteinander?“ Mari suchte nach einem Anhaltspunkt.

Thomas zuckte die Schultern. „Das müssen Sie Mr. Costanides oder Mr. Nikos fragen.“ Er sah Mari freundlich an und drückte ihr die Hand. „Viel Glück, Miss.“

Das werde ich brauchen, dachte Mari.

Jemand klopfte kurz und fröhlich an der Tür.

Vermutlich konnte es der alte Mann kaum erwarten, seine Schadenfreude zu zeigen.

„Die Tür ist offen“, rief Nikos grimmig.

Eine verführerische Blondine in einem tief ausgeschnittenen Kleid mit Leopardenmuster stolzierte herein. „Nikos?“, schnurrte sie.

Verdammt! Die hatte er völlig vergessen.

Doch gleich darauf lächelte Nikos, als ihm einfiel, was sein Vater von dieser Dame halten würde. Und wie schockiert der Mary-Poppins-Verschnitt sein würde.

Nikos beugte sich vor und streckte die Hand aus. „Komm her, Süße“, sagte er langsam.

Die Dame von Debbies Begleitservice schloss die Tür und ging auf Nikos zu. Dabei öffnete sie die beiden obersten Knöpfe ihres Kleides. „Hast du dir wehgetan, Darling?“, fragte sie mit einem Blick auf den abheilenden Bluterguss. „Nach einem Kuss wird es dir gleich besser gehen.“ Sie beugte sich zu Nikos hinunter und gewährte ihm dabei einen Blick auf ihre beiden hervorstechendsten Merkmale.

„Das würde ich an Ihrer Stelle lassen“, ertönte in diesem Moment eine strenge weibliche Stimme aus dem Flur.

Die Blondine blickte auf.

Mari Lewis stand an der Tür zum Wohnzimmer und machte ein strenges Gesicht. Die Blondine blickte verblüfft von ihr zu Nikos.

Nikos beobachtete fasziniert, wie Mari die Frau freundlich anlächelte und liebenswürdig sagte: „Sonst könnte Ihnen etwas Ähnliches zustoßen.“

Die Blondine blickte auf Nikos’ Gipsbein und schluckte. Dann kniff sie die Augen zusammen und fragte: „Wer sind Sie?“

„Sein Kindermädchen.“

„Was?“

„Ich bin Nikos’ Kindermädchen“, wiederholte Mari so energisch, dass Nikos sie bewunderte. Im Augenblick jedenfalls.

Dann wurde er ärgerlich.

Er bemerkte, dass sich die Blondine auf dem Rückzug befand. „Kümmere dich nicht um sie“, sagte er und griff nach ihrer Hand. „Miss Lewis ist nur eine frustrierte alte Jungfer, die mein Vater mir auf den Hals gehetzt hat. Sie wird uns nicht stören.“

„Ach nein?“, fragte Mari. Sie blickte die andere Frau noch immer freundlich an, aber ihre Stimme hatte plötzlich einen strengen Unterton.

Nikos hielt es nicht wirklich für eine Frage, wollte sich aber auf keinen Fall von einem Kindermädchen herumkommandieren lassen.

„Natürlich nicht“, sagte er. „Denn wenn du gehst“, erklärte er der Blondine mit einem Seitenblick auf Mari, „wäre ich gezwungen, sie wieder zu küssen.“

„Wieder?“, fragte die junge Frau nervös. Sie entzog ihm ihre Hand und wich zurück. „Vielleicht sollten Sie diese Angelegenheit unter sich ausmachen“, sagte sie schnell und näherte sich der Tür.

„Eine großartige Idee.“ Mari ging auf die Frau zu.

„Das kommt nicht infrage!“, protestierte Nikos. Debbies Damen vom Begleitservice schienen keinerlei Rückgrat zu besitzen. „Du bleibst hier.“

„Gehen Sie ruhig“, sagte Mari und brachte die Blondine zur Tür. „Thomas, würden Sie bitte Miss …?“

„Truffles“, sagte die Blondine nervös.

„Würden Sie Miss … Truffles den Weg zeigen?“, fragte Mari freundlich. Nikos war sicher, dass sie sich über den lächerlichen Namen der anderen amüsierte.

„Und geben Sie ihr bitte etwas für ihre Mühe“, fügte Mari hinzu.

„Bleib, wo du bist!“, befahl Nikos, aber die Blondine beachtete ihn nicht. Mari öffnete ihr die Tür.

„Sie brauchen mir kein Geld zu geben. Wir haben seine Kreditkartennummer“, erklärte Truffles unsicher.

„Du wirst mir nichts berechnen! Wir haben nicht …“

„Wir haben die Anweisung, auf jeden Fall das Honorar zu kassieren, egal, ob …“, erklärte die Blonde Mari. Sie sah Nikos nicht einmal an. „Für den … Hausbesuch.“

„Selbstverständlich.“ Mari nickte verständnisvoll.

„Verdammt noch mal!“ Nikos versuchte, sich aus dem Sessel hochzustemmen. „Sie können doch nicht einfach mein Geld zum Fenster rauswerfen!“

Mari drehte sich um und lächelte ihn vergnügt an. „Das haben Sie ja schon getan.“

„Kommen Sie, Miss“, sagte Thomas und nahm Truffles am Arm. Er sah Nikos streng an und schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie sollten sich schämen.“

Nikos wusste nicht genau, ob Thomas ihn oder Truffles meinte, aber der Gesichtsausdruck des alten Gärtners sprach Bände.

Die Tür wurde geschlossen, und es herrschte eisige Stille.

Mari war an Auseinandersetzungen über Hausaufgaben, Schlafenszeit und Übernachtungsgäste gewöhnt. Es fiel ihr schwer, so zu tun, als wäre sie auch daran gewöhnt, gefallene Mädchen, wie Tante Betty sie nannte, aus dem Haus zu werfen.

Sie wischte sich verstohlen die feuchten Hände an ihrem dunkelblauen Rock ab und atmete tief durch, bevor sie sich zu Nikos umwandte, um sich seinem Zorn zu stellen.

Ein böser Fehler.

Die Leidenschaft, die Mari bei seinem Kuss gespürt hatte, sorgte nach wie vor für eine angespannte Atmosphäre zwischen ihnen. Nikos hatte sich wieder hingesetzt und warf Mari einen wütenden Blick zu. Er wirkte tatsächlich wie ein schmollender kleiner Junge, dem man gerade sein Lieblingsspielzeug weggenommen hatte. Mari hatte plötzlich vor Aufregung wieder feuchte Hände und einen trockenen Mund. Nikos sprach eine verborgene Seite in ihr an, die sie lieber nicht kennenlernen wollte.

„Das sind die Hormone, Liebes“, hätte Tante Betty gelassen erklärt, und Onkel Arthur hätte Mari sicher zugezwinkert.

Doch jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt für Hormonschübe!

Mari dachte daran, was Nikos wohl mit Miss Truffles gemacht hätte, wenn sie nicht da gewesen wäre, und errötete. War er deshalb so leidenschaftlich? fragte Mari sich enttäuscht. Hatte er einfach auf irgendeine Frau gewartet?

Mari warf ihm einen Seitenblick zu und fragte sich, was für ein Mann er sein mochte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er regelmäßig „gefallene Mädchen“ anheuerte, um sich mit ihnen vor seinem Vater und dessen Familie zu zeigen.

Falls er es doch tat, war es kein Wunder, dass sein Vater die Geduld mit ihm verloren hatte.

„Sie machen nicht den Eindruck, als wären Sie auf solche Frauen angewiesen“, sagte Mari.

„Stimmt“, antwortete Nikos ausdruckslos.

„Aber warum …?“

„Denken Sie mal nach“, sagte er grimmig.

Mari versuchte es. Sie dachte daran, dass sie an die Tür des Bungalows geklopft und Stavros Costanides und seinen vierjährigen Sohn erwartet hatte. Stattdessen war sie einem aufregenden Mann begegnet, der nur mit einem Handtuch bekleidet gewesen war, sie in die Arme genommen und geküsst hatte.

Offenbar hatte Nikos sie mit Miss Truffles verwechselt. Aber warum hatte er Miss Truffles küssen wollen? Schließlich kannte er sie überhaupt nicht.

Mari war sicher, dass Nikos diese Frau noch nie zuvor gesehen hatte. Ihrer begrenzten Erfahrung nach lag ein Mann nicht einfach auf der Lauer, bis er die Gelegenheit bekam, eine Dame des horizontalen Gewerbes zu küssen.

Es sei denn, er verfolgte damit eine bestimmte Absicht.

Mari dachte an die Party am Pool. Es waren viele Frauen und einige Kinder dort gewesen. Und Nikos’ Vater.

Mari war auf ihn zugegangen, um ihn zu begrüßen, doch Stavros Costanides hatte nur den Kopf geschüttelt, auf den Bungalow gedeutet und sie beobachtet.

Er hatte darauf gewartet, dass Nikos die Tür öffnen und seinem Kindermädchen begegnen würde. Um dann vor Wut in die Luft zu gehen?

Vielleicht. Möglicherweise hatte Mr. Costanides aber auch damit gerechnet, dass Nikos sich nach diesem Ereignis auf eine weitere Diskussion einlassen würde.

Und Nikos?

Mari hatte den Verdacht, dass er trotz aller Meinungsverschiedenheiten seinem Vater ähnlich war.

„Was wollten Sie beweisen?“, fragte sie.

„Gar nichts, sondern nur erreichen, dass er mich hinauswirft!“

„Aha.“ Mari verstand, was er meinte, aber … „Hält er Sie denn hier gefangen?“

Nikos hob das Gipsbein an. „Ich kann nicht Auto fahren. Sobald ich wieder dazu in der Lage bin, hält mich hier nichts mehr.“

„Ich verstehe.“ Sie glaubte es zumindest zu verstehen, fragte sich aber, warum Stavros Costanides sie eingestellt hatte. Es würde mit Sicherheit keine sechs Monate dauern, bis Nikos’ Bein geheilt war.

„Das bezweifle ich“, sagte Nikos kurz angebunden. „Er kann Menschen großartig manipulieren.“

„Und das können Sie nicht?“

Nikos sah sie ärgerlich an. „Ich wehre mich nur. Er hätte mich ja nicht hier festzuhalten brauchen.“

„Mit anderen Worten: Er hat angefangen.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Bei Ihnen klingt das nach einem Streit unter Kindern.“

„Ich stelle auch eine gewisse Ähnlichkeit fest“, erklärte Mari.

„Sie verstehen überhaupt nichts!“

„Dann klären Sie mich doch auf.“

„Nein, ich will nichts mit Ihnen zu tun haben.“

Mari war sich nicht sicher, ob sie ihrerseits etwas mit Nikos zu tun haben wollte. Wenn sein Kuss nicht so aufregend gewesen wäre, hätte sie schon längst die Flucht ergriffen.

„Warum wollen Sie hier bleiben?“, fragte Nikos.

„Ich habe es versprochen.“

„Aber er hat Sie angelogen!“

„Das weiß ich.“ Mari zuckte die Schultern. „Trotzdem werde ich mich nicht auf sein Niveau begeben.“

„Stattdessen wollen Sie mich also erziehen“, sagte Nikos zynisch.

Wohl kaum, dachte Mari und befeuchtete sich nervös die Lippen. „Ich bleibe, weil Ihr Vater mich eingestellt hat, und werde versuchen, meine Arbeit zu tun. Was Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater angeht, will ich mein Bestes tun.“

„Das wird nicht genügen“, sagte Nikos. Dann fügte er kaum hörbar hinzu: „Es genügt nie.“

Mari wollte ihn fragen, was er damit meinte, aber Nikos erhob sich und humpelte auf sein Zimmer zu. „Ich habe Kopfschmerzen und werde mich hinlegen. Machen Sie, was Sie wollen, aber bleiben Sie mir vom Leib.“

Mari ließ ihn allein.

...

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