Entführt in den Palazzo der Sünde

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Die Erstausgaben entführen Sie in die aufregende Welt der Reichen und Schönen. Fiebern Sie mit, wenn eine betörende Cinderella auf einer weißen Jacht einen stolzen Milliardär zähmt, ein griechischer Tycoon die scheue Schönheit von nebenan wachküsst oder ein italienischer Conte seine Exfrau in seinen prunkvollen Palazzo entführt. Aber vor allem: Genießen Sie bis zur letzten Seite, wenn zwischen Glamour und heißer Leidenschaft an einem luxuriösen Sehnsuchtsort große Liebesträume wahr werden.
  • Erscheinungstag 20.01.2026
  • Bandnummer 2736
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541596
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Caitlin Crews

Entführt in den Palazzo der Sünde

1. KAPITEL

Für eine Entführung, fand Irinka Scott-Day, verlief ihre ziemlich zivilisiert.

Das Londoner Wetter war scheußlich, also typisch für einen Aprilmorgen. Irinka hatte ihr bezauberndes Haus in Notting Hill heute in aller Eile verlassen. Normalerweise blieb sie immer stehen, um die bunten Häuser und Türen entlang der Portobello Road zu bewundern. Selbst inmitten der schlimmsten britischen Tristesse hob der Anblick ihre Stimmung. Aber nicht heute. Sie war selten erschöpft und würde sich auch jetzt nicht so bezeichnen, aber gestern war sie viel zu spät ins Bett gekommen.

Wegen der Arbeit natürlich. Irgendwann während des Studiums hatte Irinka beschlossen, nicht mehr zu daten. Na ja, um genau zu sein, hatte sie noch nie ein Date gehabt. Und sie wusste genau, wann und warum sie es nach jenem Sommer aufgegeben hatte, den sie ebenfalls nicht als Dating beschreiben würde. Dieses Wort passte nicht zu jenen heißen, atemlosen Monaten. Doch es lohnte nicht, über die gigantischen Fehler der Vergangenheit nachzudenken.

Vergiss die Vergangenheit und verliere ein Auge, oder halte an ihr fest und verliere beide Augen, wie ihre Mutter gerne sagte. Sie behauptete, es wäre ein russisches Sprichwort. Aber wahrscheinlich hatte sie es sich mit ihrer blutrünstigen Ader selbst ausgedacht.

Irinka wollte nicht an ihre Mutter denken. Sie liebte sie sehr, doch Roksana war nicht gerade das, was man als beruhigenden Einfluss bezeichnen würde.

Als Irinka nach draußen hastete, hatte sie die typischen düsteren Wolken und grimmigen Nieselregen erwartet und sich entsprechend angezogen. Sie war nicht darauf vorbereitet, dass der Regen in Strömen herunterprasselte und die alten Straßen fast augenblicklich überschwemmte.

Am Ende waren die verdammten Pfützen schuld.

Sie war in der Erwartung hinausgerannt, ein Taxi nach Notting Hill Gate heranzuwinken. Sie besaß eine beinahe übernatürliche Gabe, jederzeit ein Taxi herbeizurufen, im Londoner Verkehrsgetümmel eine unvorstellbare Leistung, besonders wenn es gerade schüttete.

Doch es war so nass, dass sie am Bordstein vor ihrer eigenen bunt gestrichenen Tür stehen blieb und überlegte, ob sie ihre exquisiten Lederstiefel von den besten italienischen Handwerkern aus einem kaum bekannten Mailänder Geschäft gegen Gummistiefel tauschen sollte.

Den glänzenden schwarzen SUV bemerkte sie erst, als sie direkt davor stand. Vielleicht hatte er schon die ganze Zeit dort im Leerlauf gewartet, bis sie auftauchte. Im strömenden Regen war es schwer zu sagen. Außerdem war sie damit beschäftigt gewesen, dass sie gerade völlig durchnässt wurde.

„Sie sehen aus, als bräuchten Sie eine Mitfahrgelegenheit“, erklang eine besorgte Frauenstimme, und tatsächlich brauchte Irinka eine Mitfahrgelegenheit.

Alles, was sie sah, war das schwarze Fahrzeug und wie dringend sie es gerade brauchte. Also stieg sie dankbar ein, in der Erwartung, es wäre ein Minitaxi, ein Uber oder etwas Ähnliches. Es überraschte sie nicht im Geringsten, dass genau jetzt eins auftauchte, denn das war schließlich ihr einziger magischer Trick.

Sie lehnte sich zurück und seufzte. Leider änderte das Taxi nichts an der Tatsache, dass sie, Magie hin oder her, nach zehn Sekunden im Freien jetzt völlig durchnässt war.

Dann setzte sich der SUV in Bewegung. Mit einem leisen, aber bestimmten Klicken schnappten die Türschlösser zu.

Ihre Intuition erwachte und sandte einen kleinen Schauer über ihren Rücken.

Am Armaturenbrett waren keine Lizenzen zu sehen. Während sie noch danach suchte, fuhr eine Trennscheibe hoch und bildete eine Barriere zwischen ihr und der Fahrerin. Irinka verspürte den Impuls, am nächstgelegenen Türgriff zu ziehen, hielt sich aber zurück.

Denn eins hatte sie in ihrem Leben gelernt: In den meisten Situationen genügte es, unbeschwert, gelassen oder völlig gleichgültig zu wirken – je nachdem, was gerade am besten passte. Diese Haltung war oft ihre beste Waffe.

Also faltete sie ihre Hände im Schoß, blickte gelassen aus dem Fenster und zwang sich abzuwarten, während das Fahrzeug, das ganz offensichtlich kein Taxi war, London hinter sich ließ und bald schon auf einer Autobahn aus der Stadt fuhr.

Das war beunruhigend. Und der Moment, in dem sie begriff, dass sie tatsächlich entführt wurde.

Irinka überlegte kurz, ihr Handy zu zücken und ihren besten Freundinnen, die auch ihre Geschäftspartnerinnen waren, eine SOS-Nachricht zu schicken. Doch was konnten sie schon tun, außer Anrufe zu tätigen, die vielleicht halfen, vielleicht auch nicht. Sie konnte weder Fahrzeugdetails nennen noch sagen, wohin sie unterwegs waren.

Irinka und ihre Freundinnen hatten sich auf der Universität kennengelernt. Nach dem Studium hatten sie und ihre Freundinnen zusammen eine Consulting-Agentur für besondere Bedürfnisse gegründet. Die Agentur bot unkonventionelle Lösungen für ganz spezielle Probleme sehr wohlhabender Kunden an. Vielleicht ein Nischenmarkt, doch glücklicherweise gab es keinen Mangel an reichen Leuten, die eindeutig zu viel Geld hatten und die Lösung ihrer Probleme gern anderen überließen.

Lynna kochte für enorm reiche Leute, die es schätzten, jederzeit auf Zuruf Gourmetmahlzeiten aufgetischt zu bekommen. Auggie war die Königin der Pressesprecher und rettete den Ruf von Menschen, die es vermutlich nicht verdienten. Maude war so etwas wie ein Geschöpf der Wälder, nur in der Natur fühlte sie sich wirklich zu Hause. Sie übernahm die Gartenpflege auf prachtvollen alten Anwesen und verzauberte die historischen Gärten.

Irinkas Arbeit war die einzige, die sie nie bewarben. Darüber wurde nur in sehr erlesenen Kreisen geflüstert. Mundpropaganda war der einzige Weg, auf dem eine bestimmte Sorte reicher Mann mit einem speziellen, heiklen Problem überhaupt von ihr erfuhr.

Ansonsten wirkte sie einfach wie die typische gelangweilte Erbin, wie so viele der Mädchen, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte: mit Stammbaum und wichtigen Eltern, manche berühmt, manche berüchtigt. Alle vertrödelten ihre Tage in London, wo sie nur auf ihre Treuhandfonds und Erbschaften warteten.

Für die Außenwelt war Irinka lediglich die Sekretärin der Agentur, Mädchen für alles und Büroleiterin. Tatsächlich machte sie das gar nicht schlecht – sie war ziemlich stolz auf ihr gutes Händchen mit Tabellenkalkulationen.

Doch in Wirklichkeit benötigte das Büro kaum Verwaltung. Die vier erledigten in ihrem Gruppenchat mehr Arbeit als viele ihrer Milliardärskunden mit ihren endlosen Vorstandssitzungen und langweiligen Telefonaten.

In Wahrheit gab es für Irinka allerdings weder Treuhandfonds noch anstehende große Erbschaften. Sie war keine Erbin, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie die Leute annahmen, sondern die berüchtigte uneheliche Tochter eines sehr hochgestellten Herzogs. Allerdings hatte ihre Mutter vor Gericht ein nicht unbeträchtliches Vermögen für sie erstritten.

„Es gibt Vermögen und es gibt Herzogtümer“, hatte Roksana abfällig gesagt, als die Zeitungen die Summe in alle Welt hinausposaunt hatten.

So etwas passierte, wenn ein alter Herzog eine unerlaubte Affäre mit einem extrem boshaften russischen Supermodel hatte und sich dann einbildete, er könnte sie einfach ohne Konsequenzen verlassen.

Mehrere Gerichtsprozesse unter den Augen der Medien waren nötig gewesen, um nicht nur Irinkas Vaterschaft über jeden juristischen oder biologischen Zweifel hinweg zu beweisen, sondern auch den Herzog zu zwingen, für sie in ähnlicher Weise zu sorgen wie für seine Kinder mit seiner blaublütigen Ehefrau.

Irinka hatte früh gelernt, dass ein süßes Lächeln, eine vage Drohung und der Name ihrer Mutter genügten, um Männer gefügig zu machen.

Sie war oft in den Klatschspalten. Bald stellte sie fest, dass viele Leute lieber die Fantasievorstellung von ihr mochten als die Wirklichkeit. Darum zeigte sie nichts von sich der Öffentlichkeit. Das war nützlich, wenn sie und ihre legitimen Halbgeschwister auf denselben Bällen erschienen. Sie gab sich unergründlich, während sie alle eisige Höflichkeiten austauschten. Dann verschwand sie wieder. Das war sogar eins ihrer liebsten Spiele.

Die restliche europäische High Society begegnete ihr mit derselben Mischung aus zur Schau gestelltem Mitleid und Abscheu wie ihre Halbgeschwister. Natürlich wurde es hinter herzlichem Lachen und endlosen Einladungen zu Partys versteckt. Aber hinter vorgehaltener Hand flüsterte man, Irinka könne von Glück reden, dass sie so hübsch war. Irgendwann würde sich bestimmt ein ahnungsloser Amerikaner aus gutem Haus und ohne Geld finden, der sie mit Kusshand nehmen würde. Irgendwann.

Aber sie würde trotzdem immer die ausgestoßene uneheliche Tochter eines Herzogs sein. In diesen Kreisen war das immer noch ein Makel. Darum wurde von diesem bedauernswerten, sozial fragwürdigen Geschöpf nicht mehr erwartet, als dass sie einen sinnlosen Sekretärinnenjob erledigte und dabei auf die Ankunft ihres Prinzen – oder eher neureichen Wall-Street-Bankers – wartete.

So hatte Irinka schon früh gelernt, anderen Menschen nichts von sich preiszugeben – und dass man sich in aller Öffentlichkeit am besten verstecken konnte. Sie war sogar eine Expertin darin geworden.

Und das war der Grund, warum einige der reichsten Männer der Welt sie engagierten. Sie konnte nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Stimme und sogar ihre Körperhaltung so verändern, dass niemand sie wiedererkannte.

Sie war die gefragteste Trennungskünstlerin in Europa geworden.

Irinka war diejenige, die auftauchte, wenn ein Mann eine Beziehung beenden wollte, ohne dass die Frau ihm hinterherrannte und um eine zweite und dritte Chance bettelte.

Irinka hatte schon oft verletzte Ehefrauen und wütende Geliebte gespielt. Manchmal war sie auch nur die Frau an der Bar, die der betreffende Mann nicht aus den Augen lassen konnte, um sein Date so zu verärgern, dass es seine Nummer löschte. Manchmal betrat Irinka „überraschend“ ein Hotelzimmer und unterbrach eine intime Szene. Manchmal arrangierte sie sich selbst in einem Bett und behauptete, die Ehefrau zu sein, und wer, bitte schön, war die Frau am Arm ihres Mannes?

Dass sie bei ihren Auftritten so gut war, machte sie so gefragt.

Leider sorgt es nicht dafür, dass ich mir keine Feinde mache, dachte sie, während der SUV sich immer weiter von London entfernte.

Während sie eingeschlossen auf dem Rücksitz saß, blickte sie aus dem Fenster und sah aus, als würde sie meditieren. Wenigstens hoffte sie das.

Sie war nicht wirklich überrascht, als der SUV von der Autobahn abbog und einen privaten Flugplatz ansteuerte. Ehrlich gesagt, kam es nicht völlig unerwartet, dass jemand sie entführen wollte. Sie musste schon einige Leute verärgert haben.

Wahrscheinlich bedeutete es, dass sie ein dramatisches Leben führte – genau die Art von Leben, das Roksana selbst führte und vor dem sie ihre Tochter immer gewarnt hatte.

Vorsichtshalber steckte sie ihr Handy in ihren Stiefel, wo es gegen ihr Schienbein drückte und nicht gerade bequem war – aber weniger wahrscheinlich konfisziert wurde. Dann wartete sie so gelassen wie möglich, während der SUV direkt auf das Rollfeld fuhr und neben einem Flugzeug anhielt.

Das Fenster zwischen ihr und der Fahrerin wurde heruntergefahren, und die Frau schaute sie mit einem prüfenden Blick im Rückspiegel an, der Irinka einiges verriet. Vor allem, dass diese Frau für jemand anderen arbeitete. Da war diese Leere um die Augen.

Mit anderen Worten, das war nicht diejenige, wegen der sie sich wirklich Sorgen machen musste. Nicht diejenige, die das hier geplant hatte. Ein Fluchtversuch hatte keinen Sinn. Ein Blick auf die Frau machte deutlich, dass sie alle derartigen Bemühungen unterdrücken würde. Und zwar schnell.

„Steigen Sie freiwillig in das Flugzeug oder muss ich Sie tragen?“, fragte die Frau.

Ein Blick auf ihren Bizeps zeigte, dass sie dazu in der Lage war. Und zwar ohne große Probleme.

„Sind das meine einzigen Möglichkeiten?“, fragte Irinka. „Ich war nämlich auf dem Weg ins Spa.“

Die Frau lachte nicht. Sie reagierte überhaupt nicht. Sie sah einfach weiter mit toten Augen in den Rückspiegel. Irinka kam der Gedanke, dass sie vielleicht etwas besorgter sein sollte. Langsam wurde das Ganze immer weniger lustig und immer mehr zu einem Problem.

Sie war sich nicht sicher, ob Hysterie funktionieren würde, was schade war. Sie war ganz hervorragend in Hysterie. Sie konnte sie nach Belieben ein- und ausschalten – zusammen mit Tränen –, und das tat sie auch oft.

„Darf ich fragen, wohin es geht?“, fragte sie fröhlich. „Ich hoffe, in den Urlaub. Es ist anstrengend, gekidnappt zu werden. Ich fürchte, ich muss mich ein wenig erholen.“

„Mein Arbeitgeber wird Ihnen alles erklären, wenn Sie in Italien ankommen.“

„Amo l’Italia!“, rief Irinka theatralisch. „Wie sehr sehne ich mich danach, den Comer See zu sehen. Oder die Ruinen so vieler Jahrhunderte der Zivilisation in der Ewigen Stadt la bella Roma zu bewundern. Oder in die Erhabenheit der Kunst und Kultur von Florenz einzutauchen …“

„Sie fliegen nach Venedig“, teilte die Fahrerin knapp mit.

Venedig.

Irinka spürte das vertraute, tiefe Ziehen in ihrem Inneren, wie jedes Mal, wenn sie den Namen dieser Stadt hörte, doch sie schob es sofort beiseite. Sie neigte zustimmend den Kopf, woraufhin die Frau ausstieg und Irinkas Tür öffnete. Irinka wusste nicht, ob sie erleichtert oder verärgert sein sollte, dass inzwischen nur noch feiner Nieselregen fiel. Strömender Regen hätte ihre Stimmung besser widergespiegelt.

Während sie noch über die Launen des Wetters nachdachte, streckte ihr die Fahrerin auffordernd die Hand entgegen. Es war keine besonders freundliche Geste, jedenfalls nicht von dieser großen, muskulösen Frau, die aussah, als würde sie CrossFit-Studios zum Frühstück verspeisen.

„Ihre Tasche, bitte“, sagte die Frau knapp.

„Ein Mädchen gibt ihre Handtasche nicht einfach irgendeiner dahergelaufenen Schlägerin“, antwortete Irinka lachend, als wäre dies eine Cocktailparty und keine Entführung. „Ist das Ihre erste Entführung? Wenn nicht, sollten Sie das eigentlich wissen.“

Die Frau blickte sie völlig unbeeindruckt an. „Ihre Tasche, bitte.“

„Werden Sie mir wehtun?“, fragte Irinka.

Die Frau runzelte kaum sichtbar die Stirn. „Meine Anweisung lautet, Sie sicher an Ihr Ziel zu bringen. Aber ich werde tun, was nötig ist, um meinen Auftrag zu erfüllen.“

„Verstanden.“ Irinka reichte ihr die Tasche und war froh, dass sie ihr Handy herausgenommen hatte.

Die Frau durchsuchte die Tasche kurz und gab sie zurück. „Leeren Sie Ihre Taschen“, sagte sie.

Irinka machte eine kleine Show daraus, ihre leeren Manteltaschen vorzuzeigen, wich aber abrupt zurück, als die andere Frau ihr zu nahe kam. „Das ist ein Burberry!“, rief sie schrill, als wäre schon die Nähe der Frau ein Angriff. „Der muss vorsichtig und mit Ehrfurcht behandelt werden.“

Daraufhin seufzte die Frau tatsächlich gereizt, und Irinka spürte, wie Erleichterung sie durchströmte.

Gereiztheit war eine menschliche Reaktion. Ein Profikiller würde niemals die Fassung verlieren. Noch bevor die Frau fragen konnte, öffnete Irinka ihren Mantel und klopfte demonstrativ auf jede Tasche ihrer Skinny Jeans, die in ihren bedauernswerten, durchnässten Stiefeln steckte. „Keine Ahnung, wonach Sie suchen, aber Sprengstoff habe ich nicht dabei.“

„Gehen wir“, murmelte ihre Entführerin, und Irinka wurde die Treppe hinauf in den wartenden Jet geführt.

Im Inneren sah sie sich um und bemerkte all die Details und Feinheiten, die klar zeigten, dass es sich um einen Privatjet der gehobenen Klasse handelte. Und zwar nicht von der Sorte, die üblicherweise vermietet wurde – überall gab es persönliche Akzente. Sie war oft genug mit Privatjets geflogen, beruflich und privat, um den Unterschied sofort zu erkennen.

Kaum hatte sie das Flugzeug betreten, schenkte sie der wartenden Flugbegleiterin ein strahlendes, falsches Lächeln und fragte nach der Toilette. Dort angekommen, zog sie sofort ihr Handy heraus und tippte rasch eine Nachricht an ihre Freundinnen: Sieht so aus, als würde ich einen unerwarteten Urlaub einlegen. Wenn ihr in drei Tagen nichts von mir hört, leitet das Notfallprotokoll ein.

Die Antworten kamen sofort.

Auggie: Wie bitte, das Notfallprotokoll? Das ist alles? Keine Einzelheiten? Das ist nicht dein Ernst.

Irinka: Stehe etwas unter Zeitdruck. Ortet einfach mein Handy. Das macht ihr doch sowieso ständig.

Lynna: Hattest du nicht gesagt, niemand würde wagen, dir etwas anzutun? So was wie: „Mein Ruf eilt mir voraus, ich habe so viel Macht, dass selbst Milliardäre machtlos sind.“

Irinka: Jetzt, wo du’s sagst, könnte das hier tatsächlich ein Fall von „mein Ruf eilt mir voraus“ sein. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass ich in Gefahr bin. Noch nicht.

Maude: Vielen Dank. Gar nicht beunruhigend.

Irinka wagte es nicht, noch länger im Bad zu bleiben. Hastig schob sie ihr Handy zurück in den Stiefel und bewegte leicht den Fuß, bis es gut an ihrer Wade anlag. Kritisch betrachtete sie den Stiefel. Das Leder war geschmeidig, besaß jedoch genug Struktur, damit niemand bemerkte, dass sie etwas darin versteckt hatte.

Sie betätigte die Spülung – laut genug, damit ihre Bewacher es hörten –, wusch sich die Hände und überprüfte automatisch ihr Aussehen. So hatte ihre Mutter es ihr beigebracht.

„Schönheit ist eine Ware“, hatte Roksana ihr immer wieder eindringlich gesagt. „Und darum ist sie eine Waffe. Sorg dafür, dass deine Klinge scharf bleibt.“

Irinka fuhr sich rasch durchs Haar und brachte ihr Gesicht mit ein wenig Wasser vor dem Spiegel, so gut es ging, in Ordnung. Dann trat sie hinaus, wo bereits die Flugbegleiterin wartete und ihr freundlich ihren Platz zeigte.

Natürlich nahm sie ihr höflich den Mantel ab. Natürlich saß auch Miss Schlägerin schon auf dem Sitz gegenüber. Irinka spürte, wie die Frau sie aufmerksam musterte, und rechnete fest damit, dass gleich das Handy in ihrem Stiefel entdeckt wurde. Aber nichts passierte. Also ließ sie sich ruhig auf den ihr zugewiesenen Platz fallen, schnallte sich an und lächelte breit, während das Flugzeug losrollte.

„Wie spannend“, sagte sie. „Ich liebe Überraschungen. Gibt es eigentlich auch Snacks?“

Wieder huschte dieser genervte Ausdruck über das Gesicht der Frau, gemischt mit völliger Ratlosigkeit. Offenbar verstand sie nicht, wie Irinka dermaßen gelassen bleiben konnte, und wusste nicht, wie sie reagieren sollte.

Perfekt, dachte Irinka.

Sie hatte früh gelernt, Menschen schnell und präzise einzuschätzen. Am Anfang aus reiner Notwendigkeit. An die wechselnden Liebhaber ihrer Mutter hatte sie sich wahrscheinlich schon lange vor ihrer Geburt gewöhnt.

Nach der Beziehung zum Duke hatte Roksana recht schnell geheiratet und war ihren Ehemann direkt nach Irinkas Geburt wieder losgeworden. Trotz seiner Wutanfälle hatte sie ihrer Tochter den Nachnamen des Herzogs gegeben. Als Provokation und Warnung. Irinka hatte diesen Namen immer behalten – aus Trotz.

Später wurde ihre Fähigkeit, Menschen zu lesen, zur Grundlage ihrer Arbeit. Ihre Kunden einzuschätzen, fiel ihr besonders leicht. Die meisten waren Stammkunden, die es bevorzugten, wenn sie das Ende ihrer Affären abwickelte. Natürlich wusste sie Dinge über sie, die wahrscheinlich sonst nur ihre Geliebten wussten.

Fast intim.

Ganz ähnlich war es bei einer Entführung. Irinka war inzwischen sicher, dass Miss Schlägerin ihr nichts antun würde. Vermutlich würde sie sie einfach nur wie ein Paket abliefern. Wenigstens im Moment war das beruhigend, solange sie nicht allzu sehr über die Zukunft nachdachte.

Das Flugzeug hob ab. Snacks gab es tatsächlich. Während die Maschine in die Höhe stieg und die dichten, dunklen Wolken Englands zurückließ, dachte Irinka darüber nach, wen sie in Venedig kannte.

Das war nicht leicht. Die Männer, für die sie arbeitete, hatten überall Anwesen. Jeder von ihnen könnte eins in Venedig haben. Viele wussten nicht einmal genau, wie viele Immobilien sie tatsächlich besaßen.

Irinka begann sich zu fragen, wie viel von ihrem ganzen gespielten Selbstbewusstsein eigentlich nur der Schock war. Schließlich hatte man sie – höflich hin oder her – in ein Flugzeug gesetzt und brachte sie Gott weiß wohin. Und auch wenn ihr niemand wehgetan hatte, war klar, dass die Frau mit den leeren Augen sie notfalls mit Gewalt ins Flugzeug verfrachtet hätte.

Genauso wie ich selbst in meinem Job, dachte sie. Die Drohung musste niemals ausgesprochen werden. Allein die Andeutung genügte.

Wie sich herausstellte, war das viel unangenehmer, als sie gedacht hatte. Das musste sie sich für die Zukunft merken.

Aber vielleicht war auch Venedig die eigentliche Drohung. Vielleicht war das die einzige Drohung, die bei ihr wirkte.

Bald darauf begann das Flugzeug bereits seinen Sinkflug. Nach der Landung in den blauen und tiefgrünen Farben Italiens wurde Irinka aufgefordert, in ein dort wartendes Auto zu steigen. Es brachte sie zu einer Anlegestelle, wo ein Boot bereitstand.

Zu diesem Zeitpunkt war das einzig Lässige an ihr das sanfte Lächeln, das sie die ganze Zeit auf den Lippen behielt. Sie wusste, dass es die Leute irritierte, die sie einschüchtern wollten. Das hatte man ihr oft genug gesagt.

Sie zwang sich, entspannt und gelassen dazusitzen. Fast gelangweilt lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, während das kleine Motorboot über das Wasser tuckerte und eine Biegung nahm.

Schließlich waren sie da. Auf dem Canal Grande in Venedig, der Stadt der Geheimnisse.

Und Erinnerungen.

Irinka war nur einmal zuvor hier gewesen. In jenem Sommer nach der Uni, als sie endgültig begriffen hatte, dass Unbeschwertheit und Sorglosigkeit – und vor allem durchschaut und erkannt zu werden – nichts für sie waren.

Sie war nicht nostalgisch veranlagt. Sie weigerte sich, die Erinnerungen an sich heranzulassen. Dennoch spürte sie sie wie ein leises Flüstern im Dunkeln, das sie längst vergessen geglaubt hatte. Bruchstückhafte Erinnerungen an Berührungen, Hitze. Nichts, was man wieder ausgraben müsste, sagte sie sich entschieden. Niemand wollte Tote wieder zum Leben erwecken.

Ein bittersüßes Gefühl erfüllte sie, als das Boot langsamer wurde, etwas weit Dunkleres als reine Nostalgie. Sie blickte auf und musste sich große Mühe geben, ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu behalten.

Denn sie kannte das Haus, dem sie sich näherten. Obwohl es eigentlich kein Haus war.

Es handelte sich um einen der ältesten Palazzi Venedigs, etwas zurückgesetzt vom Canal Grande und durch einen Garten getrennt vom Wasser. Ein Brand in einem längst vergangenen Jahrhundert hatte die ursprüngliche Fassade aus dem fünfzehnten Jahrhundert in Asche verwandelt. Längst repariert und renoviert, war es ein bezauberndes altes Gebäude, das dieselbe edle Erschöpfung ausstrahlte wie die ganze Stadt.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie spürte die Wirkung dieses Ortes in ihrem ganzen Körper. Das Pochen ihres Blutes machte es ihr schwer, ihren Entführern weiterhin gelassen zuzulächeln, während sie anlegten und darauf warteten, dass sie ausstieg. 

Aber sie tat es trotzdem.

Ganz gleich, welche längst begrabenen Dinge hier an die Oberfläche kamen – vor allem in ihr selbst.

Natürlich könnte sie sich einreden, sie hätte schreckliche Dinge über das brackige Wasser in den venezianischen Kanälen gehört. Sie hätte so tun können, als würde sie sich wegen all der anderen Boote auf dem Canal Grande Sorgen machen, wie leicht man beim Schwimmen mitgerissen oder überfahren werden könnte.

Autor

Caitlin Crews
<p>Caitlin Crews wuchs in der Nähe von New York auf. Seit sie mit 12 Jahren ihren ersten Liebesroman las, ist sie dem Genre mit Haut und Haaren verfallen und von den Helden absolut hingerissen. Ihren Lieblingsfilm „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightly hat sie sich mindestens achtmal im Kino angeschaut....
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