Küss mich doch noch mal, Boss!

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Die Erstausgaben entführen Sie in die aufregende Welt der Reichen und Schönen. Fiebern Sie mit, wenn eine betörende Cinderella auf einer weißen Jacht einen stolzen Milliardär zähmt, ein griechischer Tycoon die scheue Schönheit von nebenan wachküsst oder ein italienischer Conte seine Exfrau in seinen prunkvollen Palazzo entführt. Aber vor allem: Genießen Sie bis zur letzten Seite, wenn zwischen Glamour und heißer Leidenschaft an einem luxuriösen Sehnsuchtsort große Liebesträume wahr werden.
  • Erscheinungstag 20.01.2026
  • Bandnummer 022026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541619
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Dani Collins

Küss mich doch noch mal, Boss!

1. KAPITEL

Siobhan Upton drückte auf den Knopf für den Aufzug und blickte dann auf ihr Smartphone.

Oh, bitte nicht! Ihre Schwester fragte wegen Weihnachten. Wieder einmal.

Siobhan war die jüngste von vier Schwestern. Ihre beiden mittleren Schwestern hatten sie zu Thanksgiving in die USA eingeladen, was sie seit ihrem Umzug dorthin von London feierten. Ihre Mutter flog nach Miami, um sie zu besuchen, und schwor, erst wieder abzureisen, wenn der Winter in England vorbei wäre.

Unterdessen drängte ihre älteste Schwester Cinnia sie, Weihnachten bei ihr und ihrer Familie in Spanien zu verbringen. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie auch die Familie ihres Mannes über die Festtage eingeladen. Siobhan kannte sie alle gut und mochte sie sehr, vor allem die Kinder. Allerdings konnte sie Weihnachten nicht mehr genießen, seit ihr Exfreund – der Mistkerl! – ihr diese Zeit vor fünf Jahren ruiniert hatte.

Also redete sie sich damit heraus, dass sie einen Job und eine Bleibe finden musste. Was auch stimmte. Sie hatte Vorstellungsgespräche hier in San Francisco und musste anschließend nach Sydney zurückkehren, um ihre Sachen zu packen, ohne zu wissen, wo sie landen würde …

Moment mal!

Siobhan stieß einen aufgeregten Laut aus, als sie die eingehende Mail von der Arbeitsvermittlung sah.

Freut uns, Sie darüber in Kenntnis zu setzen … Den Arbeitsvertrag mailen wir Ihnen zu … Wir erwarten Sie am Montag, dem 1. Dezember, in Madrid …

„Yes!“ Obwohl es bis dahin noch zehn Tage waren, hob Siobhan die Faust und hätte dabei in ihren geliehenen hochhackigen Designerpumps fast das Gleichgewicht verloren.

„Fahren Sie nach oben?“ Die tiefe Männerstimme verriet einen leichten spanischen Akzent.

Als Siobhan aufblickte, bemerkte sie einen Mann im Aufzug, der für sie die Tür blockierte.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Wow. Er war wirklich heiß.

„Ja.“ Sie schluckte. „Danke.“

Sie trat ein, stellte sich neben ihn und versuchte, ihn nicht anzustarren. Er sah wirklich umwerfend aus. Er musste in den Dreißigern sein und wirkte auf eine gefährliche Art verführerisch. Das dichte schwarze Haar trug er aus der Stirn gekämmt, und seine dunkelbraunen Augen wirkten beinah schwarz. Er war rasiert und hatte ein markantes Kinn, eine ebensolche Nase und eine geschwungene Oberlippe.

Als Studentin hatte Siobhan immer Hoodies und Jeans getragen, um nicht aufzufallen, doch sie hatte genug Designersachen gesehen, um diese zu erkennen. Sein dunkelblauer Anzug war maßgeschneidert und betonte den athletischen Körperbau.

War er Schauspieler? Dies war San Francisco, nicht Los Angeles, aber vielleicht war er in der Filmindustrie tätig. Vielleicht als Produzent. Oder doch als Schauspieler?

Ein wenig herablassend hob er die Brauen. „Welche Etage?“

„Oh …“ Verdammt, sie benahm sich wie eine Idiotin. Während sie die App zu öffnen versuchte, registrierte sie, wie er sein Telefon gegen das Lesegerät hielt und dann auf P drückte. „Das ist gut. Danke. Ich habe den Job bekommen, den ich wollte.“ Während die Türen sich schlossen, hob sie ihr Telefon hoch. „Normalerweise bin ich nicht so schusselig.“

„Glückwunsch.“

„Dazu, dass ich nicht schusselig bin? Danke.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Sie sind Australierin?“

„Engländerin. Aber ich lebe schon eine ganze Weile in Sydney.“ So konnte sie sich besser anpassen, ohne dass ihre Vergangenheit sie verfolgte.

Fragend betrachtete er sie. Unter seinem Blick wurde ihr warm. Sie fragte sich, wann sie sich das letzte Mal so schnell zu einem Mann hingezogen gefühlt hatte. War das überhaupt schon jemals der Fall gewesen?

Die Türen zum oberen Stockwerk öffneten sich zu einer Milchglastür und einer Bank mit einem Wasserspiel daneben.

„Ihnen einen schönen Abend.“ Siobhan lächelte den Fremden an. Sie fühlte sich befangen, als sie sich abwandte.

„Wollen Sie feiern?“, fragte er.

„Das sollte ich, oder?“ In einem Anflug von Erleichterung wandte sie sich zu ihm um und überlegte. „Ich habe morgen noch ein Vorstellungsgespräch, aber das ist nur noch eine Übung, denn ich habe ja den Job bekommen, den ich wollte. Vielleicht bestelle ich mir Champagner. Meine Schwester zahlt das Zimmer. Ja, warum eigentlich nicht?“, fügte sie schalkhaft lächelnd hinzu.

„Haben Sie niemanden zum Feiern? Ich gebe Ihnen einen aus.“ Mit einem Nicken deutete er auf die private Lounge für die Gäste auf dieser Etage.

Bedingt durch ihre posttraumatische Belastungsstörung ging sie sofort in Abwehrhaltung. Nicht weil sie Angst vor Männern hatte. Körperlich konnte sie sich durchaus zur Wehr setzen. Allerdings wollte sie nicht wieder benutzt und hintergangen werden.

Doch selbst wenn er wusste, wer sie war, wirkte er nicht wie jemand, der ihre Beziehungen brauchte. Weiß er es denn?

Doch er deutete ihr Zögern falsch. „Sie sind gebunden?“ Plötzlich wirkte er abweisend. „Vielleicht ein andermal.“

„Nein. Aber ich …“ Schleppe nie Männer ab.

Daran dachte sie allerdings nicht. Siobhan ging kaum aus, auch nicht mit Freundinnen. Mit ihren gleichaltrigen Kommilitonen hatte sie nicht viel anfangen können. Sie hatten viel gefeiert, während sie sich darauf konzentriert hatte, ihr Studium zu beenden und nicht aufzufallen. Ihr gesellschaftliches Leben beschränkte sich hauptsächlich auf ihre Familie. Sie vertraute Fremden nicht.

Doch dieser Fremde faszinierte sie ungemein. Und sie wollte ihren Champagner nicht in einem Hotelzimmer trinken und dabei mit ihrer Mutter chatten.

„Ich war nur überrascht.“ Unsicher lächelte Siobhan.

Skeptisch sah er sie an. „Weil ein Mann Sie auf einen Drink einladen will?“

„Nein.“ Im Hotel in Miami hatten einige Männer ihr einen Drink ausgeben wollen. „Weil ich annehmen möchte.“

„Aha.“ Unmerklich kniff er die Augen zusammen.

Obwohl er keinen Ring trug, hakte sie nach: „Sind Sie denn Single?“

„Sí. Joaquin.“ Er streckte ihr die Hand entgegen.

„Siobhan.“ Als er sie ergriff, erschauerte sie.

Atemlos betrat sie die leere Lounge. Nachdem sie sich entschuldigt hatte, zog sie sich in die Damentoilette zurück, wo sie sich die Hände wusch und ihr Make-up und ihre Frisur überprüfte.

Als sie zurückkehrte, saß Joaquin an einem Tisch am Fenster. Er stand auf, um ihr einen Stuhl zurechtzurücken. „Vielleicht vertreibt der Wind die Wolken, sodass wir den Sonnenuntergang sehen können.“

„Aber die Aussicht ist auch so schön.“ Es regnete, doch die Golden Gate Bridge hob sich leuchtend orange gegen den Dunst ab.

„Waren Sie schon mal in San Francisco?“

„Nein. Und da ich morgen gleich nach dem Gespräch fliege, bleibt mir keine Zeit, um die Stadt zu erkunden.“

Ein Ober erschien mit einer Flasche Champagner in einem Eiskübel und zeigte sie ihm. Nachdem Joaquin genickt hatte, öffnete der Angestellte sie.

„Sie verwöhnen mich“, sagte Siobhan. „Ich hätte Sekt bestellt.“

„Meine Familie besitzt einige Weingüter. Ich bin ein Snob.“

„Sind Sie deshalb hier? Ist Ihre Familie hier ansässig?“

„Nein, ich hatte einige Geschäftstreffen. Ich bin in der Techbranche tätig und fliege morgen nach Asien.“

Vermutlich wollte er ihr so zu verstehen geben, dass dies eine flüchtige Begegnung und nicht der Beginn von etwas Ernstem war.

„Wo wohnen Sie?“, fragte sie neugierig.

„Momentan? In meinem Privatjet“, erwiderte er ironisch.

Nachdem er den Champagner probiert und genickt hatte, schenkte der Ober ihr ein und reichte ihr die Flöte.

Nachdem der Ober gegangen war, prostete Joaquin ihr zu. „Salud.“

„Cheers – und danke.“ Sie stieß mit ihm an, hob das Glas an die Lippen und schloss die Augen. Das Aroma von Seeluft und Limetten stieg ihr in die Nase. Sie nahm einen Schluck. Der Champagner perlte auf ihrer Zunge.

„Sie sind auch ein Snob“, stellte Joaquin fest.

Als sie die Lider wieder öffnete, bemerkte sie, dass er sie forschend betrachtete. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, um gleich darauf umso schneller zu pochen. Unwillkürlich befeuchtete sie sich die Lippen. Er verfolgte es und brachte ihren Puls noch stärker zum Rasen.

„Ja, ich kann mich so glücklich schätzen, mit den schönen Dingen des Lebens vertraut zu sein.“ Siobhan hob ihr Glas. „Ich genieße es, wenn ich kann.“

Fragend hob er die Brauen.

„Ich bin keine Escortdame“, platzte sie heraus, weil sie plötzlich fürchtete, er könnte sie deshalb eingeladen haben.

„Das habe ich auch nicht vermutet.“ Offenbar machte er sich über sie lustig. „Erzählen Sie mir von Ihrem neuen Job.“

„Das würde ich tun, aber dann müsste ich Sie töten.“

„Sie könnten es versuchen.“

„Ich habe Selbstverteidigung gelernt. Ich bin wirklich gefährlich.“

„Das glaube ich Ihnen.“

Dass er ihr seine volle Aufmerksamkeit schenkte, erfüllte sie mit Wärme.

„So aufregend bin ich gar nicht“, gestand sie. „Ich habe vor Kurzem meinen Bachelor in Sprachwissenschaften gemacht. Ich möchte mich auf Vertragsrecht spezialisieren, also sammle ich Erfahrung auf dem Gebiet.“

„Wie alt sind Sie denn?“, hakte er stirnrunzelnd nach.

„Entspannen Sie sich. Ich bin vierundzwanzig. Alt genug für Alkohol.“ Und für andere Dinge. Sie unterdrückte ein Grinsen.

Er betrachtete ihre kurze Kostümjacke und ihr dunkles Haar, das sie hochgesteckt hatte. „Sie wirken noch so jung, aber gleichzeitig sehr abgeklärt.“

„Reif für mein Alter?“, fragte sie ironisch. „Das habe ich schon als Teenager ständig zu hören bekommen.“

„Und reden Sie noch mit den Leuten?“

„Ja. Denn es stimmt. Ich hatte es mit dem Großwerden so eilig, dass ich mit sechzehn Abitur gemacht habe. Ich wurde zu Hause unterrichtet, weil die Regelschule mir zu langweilig war.“ Und sie hatte Cinnia mit den Zwillingen geholfen.

„Und danach sind Sie nach Australien gezogen? Um sich ein Jahr Auszeit zu nehmen?“ Offenbar schien er nachzurechnen. „Oder drei?“

„Mit neunzehn war ich eigentlich fast fertig, aber dann musste ich mein Studium unterbrechen.“ Dank dieses ausgemachten Mistkerls Gilbert. „Als ich nach Australien gezogen bin, habe ich noch einmal von vorn angefangen, weil ich mir die Leistungen dort nicht anrechnen lassen konnte. Eigentlich wäre ich lieber schon weiter, aber …“ Sie hatte ihre Wunden lecken müssen. Jemand anders werden müssen. Jemand, der keine dummen Fehler machte.

„Handelt es sich bei dem neuen Job um ein Praktikum?“

„Nein.“ Sie drehte die Champagnerflöte zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. „Es ist nur eine Mutterschaftsvertretung, aber eine gute Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Außerdem bin ich so in der Nähe meiner Schwester und ihrer Kinder. Sie werden so schnell groß … Also im Grunde ist es sehr langweilig.“

„Vielleicht wollen Sie nur davon ablenken, dass Sie tatsächlich eine Killerin sind.“ Seine Mundwinkel zuckten, bevor er einen Schluck trank.

„Stimmt. Siobhan ist nicht mal mein richtiger Name.“ Sie machte eine abschätzige Geste. „Tatsächlich ist es mein zweiter Name.“

„Und wie lautet Ihr erster?“

Widerstrebend krauste sie die Nase. „Den verrate ich nie. Nicht weil er mir nicht gefällt. Meine Urgroßmutter hieß so, und auf gewisse Weise hält es sie lebendig.“

Ihr erster Name war Doreena. Früher hatten alle sie Dorry genannt. Ihre Familie tat es immer noch, und sie liebte und hasste es gleichermaßen. Es ließ Siobhan sich mit ihr verbunden fühlen, erinnerte sie allerdings auch auf unangenehme Art an jenes naive Mädchen, das so gescheitert war.

„Siobhan ist mir einfach lieber.“ Siobhan war vernünftig. Sie beging keine gefährlichen Fehler.

„Und ich dachte schon, Sie geben gleich zu, dass Sie sich vor dem Gesetz verstecken.“

„Schön, dass Sie mich für interessant halten. Nein, tatsächlich bin ich durch Heirat mit einigen sehr reichen Leuten verwandt.“ Forschend betrachtete sie ihn, doch seine Miene verriet nur leichte Neugier. „Ich wurde von jemandem hintergangen, der mich benutzt hat, um an diese Leute ranzukommen. Darum habe ich meinen Namen geändert.“

Das war eine sehr abgeschwächte Version der Ereignisse. Und jeder andere hätte sich nun erkundigt, wer diese Leute wären.

Joaquin blinzelte nur. „Warum ausgerechnet Vertragsrecht?“

„Leiden Sie an Schlaflosigkeit und brauchen jemanden, der Sie einlullt? Warum reden wir immer noch über mich?“

„Es interessiert mich.“

Stimmte das? Er hörte aufmerksam zu, doch sie begriff seine Beweggründe nicht. Vielleicht war er einsam. Vielleicht war er ein Killer.

Siobhan fühlte sich stark zu ihm hingezogen und hoffte sehnlichst, dass es ihm genauso ging.

„Auch das ist langweilig“, warnte Siobhan ihn. „Als ich klein war, hat unsere Familie harte Zeiten durchgemacht. Eine meiner Schwestern hat sich auf Immobilienrecht spezialisiert, um die Rechnungen bezahlen zu können. Erbrecht und so.“

„Das ist nicht die Richtung, die verzweifelte Frauen normalerweise einschlagen.“ Wieder zuckten seine Mundwinkel.

„Richtig.“ Siobhan lächelte. Tatsächlich war Cinnia mit einem sehr reichen Mann liiert gewesen und hatte dafür viel Kritik einstecken müssen, auch wenn sie ihre Familie nicht damit über Wasser gehalten hatte. „Ich habe ein gutes Gedächtnis und lese schnell. Ich bin sehr genau und kann, wenn nötig, knallhart sein.“

„Ist das die Schwester, die Ihr Zimmer zahlt?“

„Nein, ich habe drei von der Sorte. Die, die das Zimmer für mich gebucht hat, ist mit einem Profiathleten verheiratet. Sie reist mit ihrem Mann durch die ganze Welt und sammelt überall Bonuspunkte, sodass sie im Grunde nichts für das Zimmer zahlt. Das hier …“ Siobhan deutete auf ihre Designerjacke, die sie zum Kaschmirpullover und der Bundfaltenhose trug. „… habe ich von meiner anderen Schwester geklaut. Sie arbeitet in der Modebranche. Ich hoffe, sie merkt es nicht.“

„Ah, dann verstecken Sie sich also nicht vor dem Gesetz, sondern vor ihr“, meinte er mit einem vorwurfsvollen Unterton.

„Stimmt. Sie kann richtig sauer werden.“

„Lebt der Rest Ihrer Familie in Australien?“

„Nein, wir sind überall in der Welt verstreut.“ Da das Gespräch langsam zu persönlich wurde, fragte sie: „Was ist mit Ihnen? Haben Sie Geschwister? Und haben Sie irgendwelche Verbrechen gegen sie begangen, die Sie gestehen möchten?“

Plötzlich veränderte sich seine Miene. Joaquin betrachtete sein Glas, das er ebenfalls zwischen zwei Fingern hielt.

„Ich hatte einen Bruder. Er ist vor anderthalb Jahren gestorben.“

„Das tut mir sehr leid.“

„Sie konnten es ja nicht wissen.“ Er trank einen großen Schluck Champagner. „Wir hatten uns auseinandergelebt. Es war kompliziert.“ Mit verschlossener Miene blickte er aus dem Fenster. „Ich habe das starke Gefühl, dass ich ihn im Stich gelassen habe. Also ja, ich habe mich der Vernachlässigung schuldig gemacht und versuche nun, es bei seinen Kindern wiedergutzumachen.“

Oh. Sie konnte das Bedürfnis, sich selbst zu quälen, nur allzu gut nachvollziehen. Spontan legte sie die Hand auf seine, um wenigstens etwas Mitgefühl zu zeigen.

„Es ist so einfach zu glauben, dass uns später noch genug Zeit bleibt, stimmt’s? Sie müssen nicht über ihn reden, wenn Sie nicht wollen, aber Sie können es. Ich weiß genau, was kompliziert bedeutet.“

Er hatte ihre Hand betrachtet und sah nun auf. Für einige Sekunden blickte sie auf den Grund seiner Seele, denn der Ausdruck in seinen Augen verriet Reue und Zorn auf sich selbst.

Die Mauern in Siobhan verschoben sich etwas. Es war, als säße sie mit jemandem Rücken an Rücken. Nicht so, als wären sie miteinander verbunden, sondern so, als teilten sie etwas.

Er ist einsam.

Als Joaquin ihre Hand nahm, veränderte die Stimmung sich wieder. Ein schockierend intensives Prickeln überlief sie. In seinen Augen blitzte etwas auf, das sie elektrisierte.

„Lassen Sie uns über etwas anderes reden“, schlug er vor.

„Über etwas Unkompliziertes?“, fragte Siobhan mit bebender Stimme, während ihre Finger zuckten. „Vielleicht über Quantenmechanik? Oder über das Thema Schicksal versus freier Wille?“

Joaquin verzog die Lippen. „Ich favorisiere den freien Willen. Sie hätten den Job, den Sie wollten, nicht bekommen, wenn Sie sich nicht beworben hätten. Sie würden keinen Champagner mit mir trinken, wenn ich Sie nicht eingeladen hätte. Sie haben es getan, weil Sie es wollten.“ Er strich ihr weiter mit dem Daumen über den Handrücken.

„Aber Sie hätten mich nicht gefragt, wenn wir nicht zusammen im Aufzug gelandet wären.“ Noch immer bebte ihre Stimme. „Vielleicht war das Schicksal.“

„Bitte“, spottete er. „Ich habe einen Blick auf die attraktive Frau neben mir geworfen und entschieden, die Anrufe, die ich eigentlich machen musste, zu verschieben.“

„Reden Sie weiter.“ Siobhan versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr unter seinen lässigen Blicken der Atem stockte. „Normalerweise werde ich übersehen, weil ich unscheinbar bin.“

„Mit wem vergleichen Sie sich? Mit Ihren Schwestern?“ Er schüttelte den Kopf, während er die Finger mit ihren verschränkte, was sich sehr intim anfühlte. Nun strich er ihr mit dem Daumen über die Innenfläche ihrer Hand. Es verwirrte sie. Erregte sie.

„Woher … wollen Sie das wissen?“ Jetzt wurde sie argwöhnisch. „Sind Sie ihnen begegnet?“

„Nein.“ Noch immer streichelte er sie so sinnlich, dass ihre Brustspitzen sich aufrichteten. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man Ihre Perfektion noch verbessern kann.“

Ungläubig lachte Siobhan auf. Gleichzeitig stieg ihr das Blut ins Gesicht. „Ihre Verführungsversuche zeigen Wirkung.“

„Ich betrachte es lieber als Einladung. Und es liegt an Ihnen, ob Sie sie annehmen oder nicht. Von wegen freier Wille.“ Joaquin schob sein Glas zur Seite, bevor er ihr mit der anderen Hand eine Strähne hinters Ohr strich und dabei ihre Wange berührte. „Möchten Sie etwas zu essen bestellen? Bevor der Champagner uns berauscht?“

„Und wir uns gegenseitig?“ Zum ersten Mal in ihrem Leben verfiel sie dem Verlangen.

„Mmmh“, erwiderte er verführerisch. „Sie berauschen mich jedenfalls.“ Dann führte er ihre Hand an die Lippen.

Siobhan schmolz dahin. Dies war nicht die jugendliche Neugier, die sie damals veranlasst hatte, irgendwelche hormongesteuerten Teenager zu küssen. Es war nicht die romantische Verliebtheit, die sie im Bett eines unehrlichen Mannes hatte landen lassen. Dies war ungemein aufregend. Verheißungsvoll.

Spontan hatte sie die Einladung auf einen Drink angenommen. Es war ein weiterer Schritt aus ihrem selbst auferlegten Exil heraus. Joaquin wusste nur das über sie, was sie ihm erzählt hatte. Es war schön, um ihrer selbst willen begehrt zu werden.

Es war schön, zu fühlen. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich nicht mehr wie betäubt, sondern weiblich und begehrenswert. Und sie wollte es genießen.

„Warum nehmen wir den Champagner nicht mit in dein Zimmer?“, fragte sie verlegen und verführerisch zugleich. „Wir können uns später etwas zu essen bestellen.“

2. KAPITEL

Normalerweise schleppte Joaquin Valezquez keine Frauen ab. Gelegentlich kam es zwar vor, doch er war ein vielbeschäftigter Mann, der sich keine Ablenkungen leistete, vor allem nicht heute.

Vor einer halben Stunde war er benachrichtigt worden, dass sein Vater sich wieder einmal finanziell übernommen hatte. Er hatte die Fortsetzung der Präsentation seinem Team überlassen und seinen Vater auf dem Rückweg zum Hotel angerufen. Allein beim Klang von Lorenzos Stimme bekam er eine Gänsehaut. Die Zusammenarbeit mit ihm erinnerte ihn an einen Kampf mit einem Schwarm angriffslustiger Hornissen. Sobald er einen Angriff abwandte, drohte ein neuer. Und es ging nie schmerzfrei vonstatten.

Während er sich den Kopf darüber zerbrach, wie er einen besseren Weg fand, seinen Vater daran zu hindern, das Vermächtnis seines Bruders zu zerstören, hatte er den Aufzug betreten.

Dabei hatte er an die Gespräche gedacht, die er führen musste. Die Pläne, die er schmieden musste. Im Vorstand von LV Global kursierten Gerüchte, dass man Lorenzo abwählen wollte, wenn Joaquin Vorsitzender wurde.

Da hatten die Türen sich geöffnet, und er hatte trotz seiner Grübeleien die Frau vor dem Aufzug wahrgenommen. Sie war lässig-elegant gekleidet. Ihre schicke Jacke und die Designerhose betonten dezent ihre Figur. Das dunkle Haar trug sie im Nacken hochgesteckt, und sie hatte ein schönes Profil.

Als sie ihn strahlend anlächelte, hatte seine Laune sich sofort verbessert. Er hatte sie gefragt, ob sie nach oben fahren würde.

Als sie ihm in die Augen blickte, hatte sein Atem gestockt. Sie war wirklich schön. Ihr Make-up betonte ihre vollen Lippen, hohen Wangenknochen und fein geschwungenen Brauen, die Intelligenz und Selbstbewusstsein verrieten.

Und der Ausdruck in ihren strahlend blauen Augen verriet Interesse, was ihn sofort aufheiterte.

Siobhan. Ihr Name war genauso charmant wie sie. Sie wirkte gleichermaßen offen und verschlossen, witzig und vorsichtig. Mitfühlend, aber nicht mitleidig. Er sah sie gern an, und als sie ihren ersten Schluck Champagner getrunken hatte, hatte sie ausgesprochen sinnlich gewirkt. Als er ihre Hand nahm, hatte ihr Puls sich beschleunigt.

Das hatte sein Verlangen noch angefacht. Er war aufgedreht und sehnte sich danach, zu jagen und Beute zu machen.

Als er die Tür zu seiner Suite öffnete und ihr den Vortritt ließ, stieg ihm der Duft ihres Haars in die Nase, eine Mischung aus Vanille und Orangen.

Joaquin ließ die Tür zufallen und stellte den Eiskühler auf den Couchtisch. Nachdem er sein Telefon danebengelegt hatte, gesellte er sich am Fenster zu ihr und nahm ihr sein Glas ab.

„Waren Sie schon mal in Alcatraz?“ Mit einem Nicken deutete sie auf das Gefängnis im Nebel.

Er war gewissermaßen in einem Gefängnis aufgewachsen. „Nein.“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu, bevor sie etwas auf Abstand ging. „Sie müssen wissen, dass ich so etwas nie mache.“

Das Raubtier in ihm verlangsamte sein Tempo. „Man sollte nie nie sagen.“

Verlegen senkte sie den Blick. „Ich bin keine Jungfrau mehr. Ich meine, ich hüpfe nicht mit Fremden ins Bett.“ Dann errötete sie.

Sie gab sich mutig, aber im Grunde ihres Herzens war sie schüchtern. Es faszinierte ihn.

Autor

Dani Collins
<p>Dani Collins verliebte sich in der High School nicht nur in ihren späteren Ehemann Doug, sondern auch in ihren ersten Liebesroman! Sie erinnert sich heute immer noch an den atemberaubend schönen Kuss der Helden. Damals wurde ihr klar, dass sie selbst diese Art von Büchern schreiben möchte. Mit 21 verfasste...
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