Julia Best of Band 300

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KÜSS MICH – ES IST KARNEVAL

Im Rausch der Samba-Rhythmen reißt Roberto de Sa Moreira Ellen an sich und küsst sie leidenschaftlich. Dabei glaubte sie viele Jahre lang, er könne sie nicht leiden, während sie Roberto schon immer liebte. Werden Ellens Hoffnungen in Rio de Janeiro nun Wirklichkeit?

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  • Erscheinungstag 17.01.2026
  • Bandnummer 300
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541008
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Elizabeth Oldfield

JULIA BEST OF BAND 300

Elizabeth Oldfield

1. KAPITEL

Sie erkannte ihn sofort wieder.

Ellen beeilte sich, um so schnell wie möglich in die Ankunftshalle zu kommen. Plötzlich blieb sie stehen. Dort stand er zwischen den vielen ungeduldig Wartenden – Roberto de Sa Moreira! Fast zehn Jahre waren seit ihrem letzten Treffen vergangen. Deshalb kam es ihr erstaunlich, ja fast unheimlich vor, dass ihr Blick sofort auf ihn fiel.

Oder vielleicht doch nicht? Mit seiner Größe und seiner eleganten Erscheinung hob er sich von den anderen Menschen in der Flughafenhalle ab. Auch seine gebieterische Haltung, verbunden mit einem Hauch von Arroganz, trug dazu bei, dass er auffiel.

Als Ellen jedoch zu ihm hinübersah, lächelte er ganz plötzlich – ein verstecktes, gewinnendes Lächeln, das seinen dunkelbraunen Augen Wärme verlieh. Ellen lächelte zurück. Zwar war seine Einladung nach Rio eindeutig als Versöhnungsgeste zu verstehen, doch ihre Erinnerungen an ihr letztes Zusammensein verunsicherten sie.

Sie deutete mit den Lippen ein „Hallo“ an und winkte ihm zu.

Roberto blickte kurz nach links und rechts, als wollte er sich vergewissern, dass sie auch wirklich ihn meinte, dann nickte er.

Sie reihte sich wieder in die Schlange der Ankommenden ein und schob den Caddy am Absperrseil entlang. Nach dem Nachtflug, der über elf Stunden gedauert hatte, ging es jetzt nur schleppend voran.

Ellen sah erneut zu Roberto hinüber. Noch immer ein Lächeln auf den Lippen, hatte er sich in ihre Richtung gedrängt, um sie zu begrüßen, und sie bemerkte, dass er sie dabei von oben bis unten mit unverhohlenem männlichen Interesse musterte.

Ellen zog den rutschenden Gurt ihrer schweren Kameratasche hoch. Die üppige Fülle ihres weißblonden Haars und ihre gertenschlanke Figur zogen oft die Blicke der Männer an, obwohl sie es nie darauf anlegte. Endlich hatte sie das Ende der Absperrung erreicht und schob ihren Gepäckwagen in Robertos Richtung.

Mit seinem dichten dunklen Haar, seinem römischen Profil und seinem gutgeschnittenen Kinn strahlte Roberto eine große Anziehungskraft aus. Sie erinnerte sich, dass er vor zehn Jahren ein fast hübsch zu nennender junger Mann gewesen war, doch sein jetziges Gesicht, das inzwischen von einer gewissen Reife geprägt war, gefiel ihr besser.

Je näher Ellen ihm kam, desto schneller schlug ihr Herz. In Robertos Blick sah sie mehr als nur sexuelle Begierde. In diesem Blick lag etwas, das tiefer ging. Sie glaubte, in ihm eine geistige Übereinstimmung und Seelenverwandtschaft zu erkennen.

„Ich hab’s geschafft“, verkündete Ellen außer Atem.

Roberto zog die Augenbrauen hoch. „Sie sind wirklich eine entschlossene junge Dame“, sagte er.

Er hatte einen tiefen, weichen Bariton. Durch seine Studienzeit in Cambridge war sein Englisch perfekt, bis auf seinen südlichen Akzent, der unglaublich sexy war.

„Das bin ich immer“, entgegnete Ellen.

Roberto sah sie amüsiert an. „So, und was geschieht nun als Nächstes?“, fragte er. Doch plötzlich beugte er sich ein wenig vor und murmelte etwas auf Portugiesisch. „Das bist ja du!“, rief er verblüfft aus.

Ellen musste vor Entrüstung tief Luft holen. Sie hatte geglaubt, dass er sie angelächelt habe, um sie willkommen zu heißen. Doch in Wirklichkeit hatte er sich für eine ihm völlig unbekannte blonde, junge Frau in einem pinkfarbenen T-Shirt und ausgewaschenen Jeans, die von irgendwo herkam, begeistert. Pure Begierde hatte seine Gefühle bestimmt, und ihre Vorstellungen von einer Seelenverwandtschaft waren lediglich die Auswüchse eines von der langen Reise überreizten Gehirns.

„Du dachtest wohl, ich wollte mich an dich heranmachen?“, fragte sie.

Roberto hob abwehrend die Hand. „Nun … ja.“

„Das gehört nicht zu meinen Angewohnheiten“, erklärte Ellen mit vernichtendem Blick.

Seine Mundwinkel zuckten belustigt. „Dann solltest du es vielleicht einmal versuchen. Ich kann dir eine überdurchschnittlich hohe Erfolgsrate garantieren.“ Er lächelte. „Aber ich bitte dich aufrichtig um Verzeihung“, fuhr er fort, „du siehst ganz anders aus als früher.“

Ellen lächelte nervös. Sie hatte sich in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich sehr verändert. „Bestimmt denkst du jetzt daran, dass ich bei unserem letzten Treffen Zahnspangen getragen habe und mit meinem Babyspeck zu kämpfen hatte.“

„Außerdem war dein Haar ganz kurz, und deine Kleidung war hoffnungslos zu weit und hing traurig an dir herunter. Und du hast noch kein Make-up benutzt.“

Ellen war erstaunt, dass er sich an solche Einzelheiten erinnerte. Nicht sehr schmeichelhafte Einzelheiten. „Ich wollte damals eben absolut natürlich sein“, verteidigte sie sich.

„Aber warum denn?“, fragte Roberto verwundert.

Ellen warf ihre weißblonden Locken nach hinten. „Als Teenager macht man eben solche Phasen durch“, erklärte sie wegwerfend.

„Aber jetzt bist du sechsundzwanzig“, sein Blick verweilte kurz auf ihren vollen Lippen und glitt dann über ihre Hüften zu ihren langen Beinen, „und hast einen traumhaft schönen Körper. Übrigens, mein Wagen steht draußen.“

Sein plötzlicher Themenwechsel erheiterte Ellen.

„Wenn du den Caddy hier stehen lässt, nehme ich dein Gepäck“, erklärte Roberto und warf sich bereits ihren Reisesack über die breite Schulter, während er ihren Koffer in die Hand nahm. „Bist du sicher, dass du für eine Woche genug eingepackt hast?“, fragte er mit ironischem Unterton, denn ihr Koffer war prall und schwer.

Ellen zögerte. Sollte sie ihm sagen, dass sie vorhatte, länger hierzubleiben? Doch das konnte sie später immer noch tun, schließlich war sie gerade erst angekommen. Also lenkte sie ab. „Ich hatte einen herrlichen Flug“, berichtete sie, als sie zum Ausgang gingen, „und ich konnte einen kurzen Blick auf die große Heilandsstatue werfen, bevor das Flugzeug landete. Es war atemberaubend! Der Blick auf die Stadt, die nahen Berge, das Meer und die Inseln vor der Küste – einfach wunderbar!“ Sie musste sich beeilen, um mit Roberto Schritt zu halten.

„Ich habe mir schon immer gewünscht, Rio zu besuchen, besonders in der Karnevalszeit. Also vielen Dank für deine Einladung. Das war wirklich sehr großzügig! Ich bin noch nie erster Klasse gereist und …“

„Noch nie?“, unterbrach er sie verwundert.

„Nein. Es war herrlich, so verwöhnt zu werden.“

„Ich bin froh, dass es dir so viel Spaß gemacht hat.“ Roberto dirigierte Ellen aus dem Flughafenterminal hinaus zu einem Platz, auf dem in wildem Durcheinander viele Autos abgestellt waren. Sie gingen an schnittigen, gepflegten Limousinen vorbei, an klapprigen Kleintransportern, an einem ganzen Schwarm von gelben Volkswagen-Käfern, die hier offensichtlich als Taxis dienten, bis sie plötzlich vor einem funkelnden scharlachroten Wagen mit schwarzem aufklappbaren Verdeck standen.

„So, hier wären wir.“ Roberto öffnete den Kofferraum und stellte ihr Gepäck hinein.

Ellen streckte ihre Arme in die Luft und reckte sich wohlig. „Es ist schon richtig warm hier“, bemerkte sie und genoss die sanfte Brise auf ihrer nackten Haut.

„Ein idealer Tag für den Strand“, stimmte Roberto zu.

„Aber du musst doch arbeiten?“, fragte sie zögernd.

„Das stimmt. Ich habe eine sehr wichtige geschäftliche Verabredung, die ich auf keinen Fall versäumen darf. Deshalb kann ich dich nur kurz nach Hause bringen und muss dich dann bis zum Abend allein lassen.“

„Das macht nichts“, beruhigte ihn Ellen. „Schließlich bin ich inzwischen eine erwachsene Frau.“

Roberto ließ den Blick bewundernd über ihren Körper gleiten. „Das sehe ich“, sagte er leise.

Ellen drehte sich herum und ging zur Beifahrertür. Ganz unbewusst hatte sie die Schultern gestrafft, als sie zu Roberto gesprochen hatte. Dadurch wurden die Rundungen ihrer hohen Brüste besonders hervorgehoben, und Robertos Aufmerksamkeit war geweckt. Sein bewundernder Blick löste in ihr ein aufflackerndes Gefühl von sinnlicher Befriedigung aus.

„Ich werde auch morgen und am Freitag beschäftigt sein“, fuhr Roberto fort, als er sich geschmeidig auf den Fahrersitz gleiten ließ, „aber danach bin ich frei. Das Büro schließt wegen des Karnevals.“

Ellen setzte sich neben ihn. Sie hatte nicht auf die Automarke geachtet, aber dieses Kabriolett war ein Traum auf Rädern, die Form der Karosserie war weich und fließend, die Lederpolster waren magnolienfarben, und in das Armaturenbrett aus glänzendem Mahagoniholz waren ein Telefon und ein Bordcomputer eingebaut. Ellen griff hinter sich und legte ihre unförmige Kameratasche auf den Rücksitz.

„Ich habe immer geglaubt, die Firma der Moreiras sei in Sao Paulo“, sagte sie, während sie den Sitzgurt befestigte.

„Die Hauptniederlassung der Moreira-Eisenerz-Company ist auch dort.“ Roberto zögerte kurz. „Aber vor einigen Jahren gründete mein Vater diese Firma in Rio, und ich muss jetzt sehen, wie ich mit diesem Problem fertig werde. Seit Monaten bin ich nun mindestens zwei Tage in der Woche hier.“

Als er seinen Vater erwähnte, bekam Ellens Gesicht einen traurigen Ausdruck. „Ich war so bestürzt, als ich den Brief erhielt, in dem du mir schriebst, dass Conrado gestorben sei. Das muss ein furchtbarer Schock gewesen sein.“

„Ja, das war es“, gab Roberto zu. „Conrado war erst sechzig Jahre alt und schien sich ausgezeichneter Gesundheit zu erfreuen“, berichtete er und ließ den Motor an. „Doch dann bekam er diese Herzattacke, und in wenigen Minuten war alles vorbei.“

„Es tut mir so leid“, sagte Ellen leise, und plötzlich schimmerten Tränen in ihren blauen Augen. „Er war ein wundervoller Mensch.“ Sie schluckte. „Ich mochte ihn sehr.“

„Ach, wirklich?“, fragte Roberto, während er nach hinten über die Schulter sah, um besser aus der engen Parklücke herauszukommen.

Zwischen Ellens Augenbrauen erschien eine steile Falte. Robertos Frage hatte sarkastisch und beißend geklungen, so als glaubte er ihr nicht.

„Dein Vater hat mir viel bedeutet. Wann hatte er den Herzinfarkt?“

Roberto schaltete in den ersten Gang, und begleitet vom leisen Surren des Motors machte der Wagen einen Satz nach vorn wie ein kraftvoller Panther.

„Letzten September“, gab er zur Antwort.

„Im September?“, wiederholte Ellen überrascht.

Roberto hatte vor vierzehn Tagen geschrieben, deshalb hatte sie angenommen, dass sein Vater erst einige Wochen vorher gestorben sei.

Roberto nickte. „Hast du Vivienne informiert?“, fragte er.

„Ja, das habe ich, und sie bat mich, dir ihr tiefstes Mitgefühl zu übermitteln.“

„Vielen Dank. Wie geht es ihr?“

„Meiner Mutter geht es gut.“ Ellen zögerte. Sie war sich darüber klar, dass sie sich jetzt auf sehr unsicherem Boden bewegte. „Vor drei Jahren hat sie wieder geheiratet. Ihr Mann ist Franzose, und sie leben auf seinem Schloss in der Nähe von Toulouse.“

„Dann ist sie bestimmt überglücklich?“ Wieder hatte seine Stimme diesen sarkastischen Unterton.

„Sie ist zufrieden“, entgegnete sie vorsichtig.

„Es ist also nicht die große Liebe ihres Lebens?“

„Nein. Sie und Bernard sind schon seit vielen Jahren gute Freunde gewesen, und das wird auch immer so bleiben“, erwiderte Ellen und hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.

„Wie schön für sie“, bemerkte Roberto.

Ellen runzelte die Stirn. Robertos kurz angebundene Art passte aus ihrer Sicht nicht zu diesem Gespräch. Er schien verärgert, und sie hörte aus allem, was er sagte, eine unausgesprochene Missbilligung heraus. Ellen überlegte. Vielleicht gab es in der Vergangenheit etwas, das ihm jetzt noch zu schaffen machte?

Nein, jetzt sah sie wirklich schon Gespenster. Selbst wenn Conrado seinem Sohn etwas erzählt hätte, worüber dieser schockiert gewesen wäre, so blieb Roberto doch ein Mann von Welt. Er hätte sie niemals eingeladen, die Ferien in Rio zu verbringen, wenn er nicht die Absicht gehabt hätte, das Kriegsbeil zu begraben und ihr als Freund gegenüberzutreten. Robertos Verärgerung musste also eine andere Ursache haben. Aber welche?

Ellen beobachtete den dichten, ständig wachsenden Verkehr. Sie waren genau in den morgendlichen Berufsverkehr hineingeraten, und die Fahrt kostete sie vermutlich mehr Zeit, als Roberto ursprünglich eingeplant hatte.

„Da drüben ist der Zuckerhut“, sagte er plötzlich.

Ellen sah hinaus. Sie hatten eine Allee erreicht, gesäumt von Palmen und akkurat geschnittenem Rasen. Zwischen den auf der linken Seite stehenden Gebäuden konnte man das türkisblaue Meer schimmern sehen. Rechts stiegen sanfte Hügel empor, auf denen weiße Häuser mit roten Dächern standen. In der Ferne sah sie durch den Morgendunst einen kleinen Berg. Dünne schwarze Fäden schienen ihn mit einem tiefer gelegenen Hügel zu verbinden, und dazwischen schimmerte im Sonnenschein eine kleine Seilbahn.

„Ich wollte schon immer mit einer Seilbahn …“ Erst in diesem Augenblick bemerkte Ellen, was um sie her vorging, und sie umklammerte erschrocken den Sicherheitsgurt.

Die Autos schoben sich auf der zweispurigen Allee aneinander vorbei, als sich ein altes, verbeultes Taxi, das von einem lässig wirkenden Mann mit einer tief in die Stirn gezogenen Baseballmütze und grüner, verspiegelter Sonnenbrille gefahren wurde, zwischen sie und den neben ihnen fahrenden Mercedes drängte. Der Spielraum zwischen ihnen und dem Taxi betrug nur wenige Zentimeter. Ellen saß stocksteif in ihrem Sitz. Nur der Geschicklichkeit und den guten Nerven Robertos hatten sie es zu verdanken, dass es zu keinem Zusammenstoß kam.

Roberto musste lächeln. „Jetzt weißt du, warum so viele berühmte Rennfahrer aus Brasilien kommen“, bemerkte er beiläufig.

„Ich weiß jetzt auch, warum es in Brasilien so viele Staus und Auffahrunfälle gibt“, erwiderte Ellen und dachte dabei an einen Unfall, von dem Robertos Vater ihr einmal erzählt hatte. Sie traute sich kaum zu atmen. Aus dem heruntergekurbelten Fenster des Taxis ertönte laute Sambamusik, und zu ihrem Entsetzen begann der Fahrer, dazu rhythmisch hin- und herzuschaukeln. „Ich bin nicht den weiten Weg hierher geflogen, um bei einem Übungsrennen für den Grand Prix umzukommen.“ Sie versuchte, witzig zu sein, aber ihre Stimme klang zittrig.

Roberto griff nach Ellens Hand. „Du musst keine Angst haben, Querida“, beruhigte er sie, führte ihre Finger an seine Lippen und küsste sie.

Für einen Augenblick war ihre Furcht verschwunden. Ihr Herz klopfte dumpf, als er mit seinem Mund ihre Hand berührte.

Sie zog sie zurück. „Mir wäre es lieber, wenn du das Steuer mit beiden Händen festhieltest.“ Sie zitterte noch immer.

„Gut, wie Madame befehlen.“ Roberto lachte und kam ihrem Wunsch nach.

Unmittelbar danach verlangsamte das Taxi seine Fahrt und fuhr jetzt hinter ihnen.

Ellen faltete die Hände fest in ihrem Schoß. Beruhige dich, sagte sie zu sich selbst. Du reagierst übertrieben. Selbst wenn Roberto mich „Querida“ genannt hat, was übersetzt so viel wie „Liebling“ heißt, so war doch sein Kuss nicht mehr als die charmante, aber übliche Geste eines Brasilianers. Es hatte gar nichts zu bedeuten. Trotzdem blieb die sexuelle Anziehungskraft bestehen, und sie spürte, wie es zwischen ihnen knisterte. Sie hatte das Aufflackern in seinen Augen bemerkt und fühlte gleichzeitig ihre eigene Reaktion in dem schmerzhaften Ziehen in ihren Brüsten. Ein Schmerz, der plötzlich das heftige Verlangen in ihr auslöste, mit Roberto zu schlafen.

Ellen hielt den Atem an. Eigentlich wurde sie nicht so schnell zum Opfer solcher Begierden. Vermutlich war der lange Flug daran schuld, dass ihre Hormone ihr einen Streich spielten.

„Du möchtest also mit der Seilbahn fahren?“, unterbrach er ihre Gedanken. „Und was würdest du außerdem gern tun?“

„Ich würde gern auf den Corcovado fahren, um die Christusstatue aus der Nähe zu sehen“, antwortete Ellen bereitwillig, dankbar für diese sachliche Unterhaltung. „Außerdem möchte ich die berühmten Strände besuchen und …“

Sie zählte eine ganze Reihe von Orten auf, die sie aus ihrem Reiseführer ausgesucht hatte. Roberto schlug ihr noch weitere Ausflugsziele vor und gab ihr wertvolle Informationen.

„Ich nehme nicht an, dass dein Vater noch einmal geheiratet hat?“, bemerkte Ellen, als sich ihr Gespräch über die Ausflugsmöglichkeiten erschöpft hatte. Sie hatte die Frage nur zögernd gestellt. Schließlich wollte sie nicht zu tief in der Vergangenheit wühlen und Dinge zutage fördern, die besser begraben blieben.

Roberto blinzelte in die Sonne. „Doch, er hat wieder geheiratet.“

Auf Ellens Gesicht erschien ein Lächeln. „Das ist ja wunderbar! Das freut mich wirklich!“ Sie zögerte, und ihr Ausdruck verfinsterte sich. „Hatten Conrado und seine Frau denn genug Zeit füreinander, bevor er starb?“

„Sie hatten mehr als neun Jahre.“

„Neun Jahre?“, wiederholte Ellen erstaunt.

„Conrado heiratete, kurz nachdem die Beziehung zu deiner Mutter …“ Roberto zögerte, als suche er nach einem passenden Ausdruck. „… zu Ende gegangen war.“

„Ich hatte gehofft, dass er eine neue Liebe finden würde, aber ich hatte meine Zweifel. Auf jeden Fall hätte ich mir nie vorgestellt, dass es so schnell passieren würde.“ Eine Weile war Ellen still und nachdenklich. „Wie ist seine Frau – seine Witwe – denn?“, fragte sie neugierig.

„Yolanda ist wie die meisten Brasilianerinnen brünett. Sie ist viel jünger als Conrado – und ganz anders als Vivienne.“ In Robertos Stimme hatte sich wieder ein scharfer Unterton eingeschlichen.

„Aber nun ist Conrado tot“, sagte sie traurig, „und seine Frau muss vor Schmerz außer sich sein.“

Roberto bog von der Allee in eine Straße, die sich zwischen den aufragenden Klippen zu der dicht bebauten Innenstadt schlängelte. „Yolandas größte Sorge sind die Kinder“, erklärte er.

„Dein Vater hatte also noch mehr Kinder?“

„Drei.“ Robertos Gesichtsausdruck war ernst gewesen, aber jetzt lächelte er. „Luiz, der jetzt neun Jahre alt wird, und die zwei kleinen Mädchen, Julia und Natalya, die sieben und sechs Jahre alt sind.“

Ellen zog die Augenbrauen hoch. Die Überraschungen kamen wirklich gebündelt und schnell hintereinander, obwohl die letzte Nachricht eigentlich nicht so erstaunlich war. Schließlich hatte sie gewusst, wie sehr Conrado, der Witwer gewesen war, immer gehofft hatte, dass seine Familie noch wachsen möge und Roberto kein Einzelkind bliebe.

„Die Kinder haben ihren Vater sehr früh verloren“, sagte Ellen voller Mitgefühl. „Mein Vater starb auch, als ich noch ein Baby war …“

„So lang ist das schon her?“, unterbrach Roberto sie. „Das habe ich gar nicht gewusst.“

„Ich war ein Jahr alt und habe deshalb gar keine Erinnerung an ihn“, sagte sie wehmütig und sah durch das Wagenfenster auf die Straße vor ihnen.

Der Berufsverkehr schien immer chaotischer zu werden. Rote Ampeln wurden ständig ignoriert, die Spuren unentwegt gewechselt, fahrlässig abgestellte Fahrzeuge bildeten immer wieder eine Gefahr für die Vorbeifahrenden, doch der Verkehrsfluss geriet trotz allem nicht ins Stocken.

„Bist du verheiratet?“, fragte Ellen, während sie weiterfuhren.

Sie warf einen kurzen Blick auf seine Hände – er trug keinen Ehering. Aber das hatte nichts zu bedeuten, wenn man sein Aussehen, seinen Sex-Appeal und sein Vermögen zusammennahm, stellte Roberto de Sa Moreira einen höchst begehrenswerten Mann dar.

„Nein“, antwortete er.

„Lebst du mit jemandem zusammen?“

„Momentan nicht, auch wenn ich es früher getan habe.“ Auf Robertos Gesicht erschien ein Lächeln. „Und ich hatte bereits verschiedene Geliebte.“

„Viele, nehme ich an“, warf Ellen mit einem scharfen Unterton ein.

„Da irrst du dich, ich bin schließlich kein Frauenheld“, korrigierte er sie und wirkte leicht beleidigt. Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Aber ich bin fünfunddreißig Jahre alt und habe ganz normale Bedürfnisse.“

„Du meinst also, längere Beziehungen reizen dich nicht, sondern nur kurze Affären.“

„Ich meine damit, dass ich bisher noch nicht die richtige Frau gefunden habe.“

„Bitte erspar mir derartige Klischees“, seufzte Ellen.

„Es ist wahr“, sagte er sanft.

„Darf ich fragen, was du dir unter der ‚richtigen Frau‘ vorstellst?“

Roberto dachte einen Augenblick nach. „Ich möchte eine Frau, die intelligent und sexy ist. Eine Frau, die ihre eigenen Interessen hat, denn ich möchte nicht, dass sie nur durch mich und für mich lebt. Sie muss unbedingt treu sein, so wie ich ihr treu sein werde. Aber im Moment …“ Er zuckte die Schultern. „Ich bin erwachsen und allein, ist es in diesem Fall ein Verbrechen, hin und wieder Spaß an Sex zu haben? Wenn es um dieses spezielle Thema geht, verhalten sich die Menschen häufig schizophren. Sie sind verrückt nach Sex, trotzdem haben sie diesbezüglich die unterschiedlichsten Schuldkomplexe. Leute wie du zum Beispiel.“

„Wie kommst du auf mich?“, fragte Ellen abwehrend.

„Wir würden wohl kaum dieses Gespräch führen, wenn du nicht so eine prüde, zugeknöpfte Engländerin wärst.“

Ellen verzog das Gesicht. Ihre Freunde und Arbeitskollegen hatten sie schon oft geneckt und ihr gesagt, wie aufsehenerregend ihr Liebesleben sein könnte, wenn sie die Gelegenheiten, die sich ihr ständig boten, endlich wahrnehmen würde. Es war ärgerlich, nun feststellen zu müssen, dass auch Roberto in ihr das sittsame, anständige Mädchen sah. Sie hatte ganz normale körperliche und sexuelle Bedürfnisse, nur war sie etwas zurückhaltender als andere Frauen.

„Wo sind wir hier?“, fragte sie, bewusst das Thema wechselnd.

Nachdem sie durch die Straßen der Innenstadt gefahren waren, wo Bürohäuser aus den Fünfzigerjahren mit alten Kirchen und modernen Einkaufspassagen konkurrierten, hatten sie eine T-förmige Straßenkreuzung erreicht, und vor ihnen lag glitzernd das Meer.

Roberto sah kurz zu ihr hinüber und sagte nur „Copacabana“.

Ein prickelndes Gefühl ergriff Ellen. Der Strand, der sich über eine Länge von zwei oder drei Meilen in sanftem Bogen in der Ferne zu verlieren schien, strahlte einen magischen Zauber aus. Auf der dem Land zugewandten Seite gab es viele Straßencafés, elegante Geschäfte und Hotels, hinter denen prunkvolle, mächtige Wolkenkratzer aufragten. Auf der anderen Seite führte ein breiter, mit schwarzen und weißen Mosaiken ausgelegter Gehweg zu einem perlweißen Sandstrand von schier unermesslicher Weite.

Es war erst neun Uhr vormittags, aber das Strandleben war bereits voll im Gang. Jogger kamen von beiden Richtungen, Jugendliche spielten schwungvoll Volleyball, sparsam bekleidete Sonnenanbeter rieben sich mit Sonnenöl ein. Die Vermischung der vielen Rassen hatte Hautfarben in allen Schattierungen hervorgebracht.

„Hier in Brasilien sagt man, dass die ‚Paulistas‘ in Sao Paulo arbeiten und Steuern zahlen, während die ‚Cariocas‘ in Rio Samba tanzen und sich am Strand vergnügen“, erklärte Roberto.

Ellen lachte. „Und hier ist der Beweis. Es war übrigens nicht ganz leicht für mich, so kurzfristig hierherzukommen“, fuhr sie fort, wobei sie von einer Seite zur anderen sah, so als wolle sie die herrliche Aussicht um sich her tief in sich aufnehmen, „aber ich danke dir nochmals dafür, dass du mir diese Ferien ermöglicht hast.“

„Eigentlich müsstest du Conrado dafür danken.“

„Conrado?“, fragte sie erstaunt.

„Er hinterließ mir einen Brief, in dem er mir mitteilte, dass du dir schon immer gewünscht hättest, einmal Rio zu sehen“, erklärte Roberto.

Ellens Mundwinkel zuckte. „Als du mir schriebst, hast du also lediglich seine Anordnungen befolgt.“

„Nein, ich bin auf seine Anregung eingegangen“, verbesserte Roberto sie.

Ellen blickte unverwandt zum Strand hinüber, obwohl sie ihn diesmal gar nicht wahrnahm. Zu erfahren, dass Roberto sie nur eingeladen hatte, weil er es als seine Sohnespflicht ansah, änderte alles. Das machte ihre Versöhnungstheorie mit einem Schlag zunichte.

Ellen spürte heiße Wut in sich aufsteigen. Sie fühlte sich herabgesetzt und hintergangen. Hätte sie nicht diesen Ärger empfunden, wäre sie bestimmt in Tränen ausgebrochen.

„War es auch Conrado, der dir die Anweisung gab – verzeih, den Vorschlag machte –, mir ein Ticket erster Klasse zu schicken und …“ Sie sah aus dem Wagenfenster, als sie gerade am Copacabana-Palace-Hotel vorbeifuhren, das wie eine riesengroße weiße Geburtstagstorte aussah. „… und mich in einem Fünfsternehotel unterzubringen?“ Ein dünnes Lächeln war auf ihren Lippen zu sehen. „Vielleicht hat er in seinen Brief auch noch ein Bündel Geldscheine hineingelegt, damit es dir leichter fällt, für meine Ferien aufzukommen?“

Roberto nahm seine Sonnenbrille ab und blickte sie scharf an. „Die Reise erster Klasse war meine Idee, und ich finanziere alles selbst.“ Er klappte seine Brille zusammen und steckte sie in seine Westentasche. „Und du wirst nicht im Hotel wohnen, sondern bei mir.“

„Bei dir?“ Ellen hörte, dass ihre Stimme viel zu hoch klang. Sie versuchte, in einer etwas tieferen Tonlage weiterzusprechen. „Wo bei dir?“

„In dem Apartment, das ich hier in Rio gemietet habe. Dort gibt es zwei Schlafzimmer und reichlich Platz.“

„Aber …“

„Als ich dich anrief, um dir die Flugzeiten durchzugeben, erwähntest du, dass du sehr intensiv an deiner Karriere arbeitetest. Also nahm ich an, dass du keinen Ehemann hast, der dagegen Einspruch erheben könnte. Und ich bezweifle auch, dass du mit einem Liebhaber zusammenlebst.“ Roberto sah spöttisch zu ihr hinüber.

„Weder das eine noch das andere“, bestätigte Ellen.

„Hast du überhaupt schon einmal mit einem Liebhaber zusammengelebt?“

„Nein.“ Im selben Moment fiel ihr ein, dass er sie nun vermutlich als recht altmodisch ansehen würde.

„Das habe ich mir gedacht“, bemerkte Roberto trocken. „Hast du denn einen Freund?“

„Zurzeit gerade nicht“, gab sie zu und ärgerte sich sofort über ihre Antwort. Sie hätte lügen sollen! Warum hatte sie nicht eine Liebesaffäre vorgetäuscht – oder zwei oder drei, anstatt seine Vorstellung von ihr als das prüde, sittsame Fräulein Blanchard noch zu untermauern? „Aber ich bin keine Jungfrau mehr“, fügte sie spontan hinzu.

„Halleluja“, sagte er.

Ihre Wangen glühten. Was, um alles in der Welt, hatte sie veranlasst, das zu sagen? Sie musste ihm doch nichts beweisen. Warum also gab sie derart persönliche und intime Dinge über sich preis?

„Trotzdem glaube ich nicht, dass du bereits viele Liebhaber gehabt hast“, ging er spöttisch lächelnd auf ihre Mitteilung ein.

„Zwei“, erklärte Ellen, fragte sich aber unmittelbar danach, warum sie die genaue Zahl genannt hatte. „Ich bin sicher, dein Apartment ist sehr komfortabel“, lenkte sie rasch vom Thema ab, voller Angst, noch mehr Vertraulichkeiten über sich auszuplaudern, „und dein Angebot ist sehr freundlich. Aber …“

„Du benimmst dich, als wäre ich Iwan der Schreckliche“, unterbrach er sie und schien plötzlich die Geduld zu verlieren.

„Nein, nein!“

Sie empfand Roberto nicht als Bedrohung. Nur ihre eigene sexuelle Wehrlosigkeit, die offenbar durch ihn ausgelöst worden war, machte ihr Sorgen. Sie hatte den Verdacht, dass ein zu häufiges und zu enges Zusammensein mit ihm nur Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Wenn es doch nur einen Mann in ihrem Leben gäbe, dann wäre sie nicht von so schwankenden Gefühlen heimgesucht, und es würde ihr nicht so schwerfallen, sich gegen Roberto zur Wehr zu setzen.

„Ich bin sicher …“, begann sie noch einmal, Einspruch zu erheben.

„Versteh doch, wir haben Karneval, und alle Hotels sind belegt“, erklärte Roberto unwirsch.

„Alle? Hast du es denn bei allen versucht?“

„Meine Sekretärin hat bei jedem halbwegs anständigen Hotel angefragt.“

Ellen verstand sich selbst nicht mehr. Zwar wollte sie nicht bei ihm wohnen, trotzdem ärgerte es sie, dass er nichts unversucht gelassen hatte, eine andere Unterkunft für sie zu finden.

„Dann hättest du mich vielleicht früher einladen sollen“, gab sie in gereiztem Ton zu bedenken. „Wenn du den Brief gleich nach Conrados Tod gefunden hast, hättest du es schon vor einigen Monaten tun können, anstatt so lange zu warten. Ich frage mich wirklich, was du dir dabei gedacht hast.“ Ihr Gesichtsausdruck wurde eisig. „Könnte es sein, dass du gehofft hattest, ich würde bei einer so kurzfristigen Einladung absagen? Dass ich sagen müsste ‚nein danke‘ und du damit aus dem Schneider gewesen wärest?“

Sichtbar pochte eine Ader an Robertos Schläfe. „Sollte es dir gelingen, wie ein erwachsener Mensch darüber nachzudenken, müsstest du zugeben, dass ich nicht die geringste Veranlassung gehabt hätte, dich nach Rio einzuladen, um dir die hiesigen Sehenswürdigkeiten zu zeigen, wenn ich nicht damit einverstanden gewesen wäre. Schließlich wusstest du weder, dass mein Vater gestorben war, noch, dass er mir einen Brief mit …“, er machte eine kurze Pause, um dem Folgenden mehr Nachdruck zu verleihen, „… seinen Anregungen hinterlassen hat. Hätte ich es dir nicht erzählt, hättest du nie davon erfahren. Vielleicht könntest du deine Spekulationen darüber, dass ich absichtlich bis zur letzten Minute gewartet hätte, lassen. Wie ich dir schon sagte, habe ich die vergangenen Monate damit verbracht, zwischen Sao Paulo und Rio hin- und herzupendeln. Fast jeden Tag habe ich vierzehn Stunden gearbeitet. So blieb mir kaum noch Zeit, mich um irgendwelche anderen Dinge zu kümmern.“

Ellen machte ein finsteres Gesicht. Sie war keineswegs darüber erfreut, so abgefertigt zu werden, musste jedoch zugeben, dass seine Erklärung glaubwürdig klang.

„Selbst wenn das alles stimmt, hast du mich ja nur wegen Conrado eingeladen.“ Sie war so verletzt, dass ihre Stimme scharf und vorwurfsvoll klang. „Und jetzt hast du mich am Hals“, fuhr sie fort, „nachdem du in ganz Rio vergeblich nach einem Hotelzimmer gesucht hast.“ Sie lächelte gekünstelt. „Du Ärmster!“

„Ich werde es überleben.“

„Ich werde ohnehin nicht oft zu Hause sein“, erklärte sie trotzig. „Ich bin nämlich Fotojournalistin …“

„Das erklärt die tolle Ausstattung“, unterbrach Roberto sie mit einem Blick auf ihre Kameratasche.

„Ganz richtig. Und während ich hier bin, werde ich Aufnahmen von der Stadt machen, um meine Artikel mit Fotos zu illustrieren.“

„Bist du deshalb so versessen darauf gewesen, hierherzukommen?“

Ellen sah zur Bucht hinüber, wo auf einer Leine bunte Wäsche im Wind flatterte. Sie hatte schon seit Langem den Wunsch gehabt, Rio zu besuchen. Außerdem bot dieser Besuch eine gute Möglichkeit, ihre berufliche Karriere weiter auszubauen. Doch der Hauptgrund für diese Reise war, dass sie in Robertos Einladung seinen Wunsch zu sehen glaubte, endlich zu vergeben und zu vergessen und nach langer Zeit einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Aber da hatte sie sich wohl getäuscht.

Sie nickte. „Ja, genau“, beantwortete sie seine Frage.

„Für wen arbeitest du?“, fragte er.

„In den letzten drei Jahren war ich beim ‚Reporter‘ mit einer Gruppe von Zeitungsleuten. Ich hatte einen interessanten Job, der mich durch ganz Großbritannien und in verschiedene europäische Länder geführt hat. Doch ich habe Ende vergangenen Monats gekündigt, weil ich lieber freiberuflich arbeiten möchte. Dadurch war es mir auch möglich, so kurzfristig diese Reise zu machen.“ Selbstbewusst warf sie Roberto einen Blick zu. „Anfangs werde ich noch von zu Hause aus arbeiten müssen, aber sobald es möglich ist, will ich ein eigenes Fotoatelier eröffnen. Doch das kostet Geld.“

„Wie viel?“, wollte Roberto wissen.

„Um Räume in einer passenden Gegend zu mieten, eine Dunkelkammer einzurichten und eine Teilzeitsekretärin anzustellen, werde ich nach meinen Berechnungen rund dreißigtausend Pfund benötigen. Ich habe einige Ersparnisse, und es müsste möglich sein, Artikel über Rio an verschiedene Zeitschriften zu verkaufen; das wird mir einen guten Start ermöglichen. Ich möchte den Karnevalszug fotografieren …“

„Ich habe Karten dafür“, warf Roberto ein.

„Wunderbar!“, rief Ellen begeistert, dann schwieg sie einen Moment. „Kam die Anregung, Karten für den Karneval zu kaufen, auch von deinem Vater?“, fragte sie misstrauisch.

„Nein. Das war allein meine Idee“, entgegnete Roberto verärgert. „Und da die Tickets bereits Monate vorher ausverkauft sind, waren schon einige Bestechungsgelder nötig, um sie zu bekommen. Ich dachte, es würde dir vielleicht Spaß machen, zu einem dieser Maskenbälle zu gehen.“

„Vielen Dank!“ Ellen schmunzelte. „Weiß Conrados Frau eigentlich, dass ich hier bin? Und wenn ja, wie denkt sie darüber?“

„Yolanda weiß nichts von deinem Besuch, und ich habe ihr auch nicht den Brief gezeigt. Es schien mir diplomatischer zu sein, dies für mich zu behalten.“

„Weiß sie denn nichts über meine Mutter?“, erkundigte sich Ellen.

„Doch, sie weiß von ihrer Existenz“, erwiderte er. „Conrado erzählte mir einmal, dass er an einem Abend, an dem er etwas zu viel getrunken hatte, Yolanda gegenüber etwas von der Freundschaft zu Vivienne erwähnt habe. Aber am nächsten Morgen muss er wohl behauptet haben, sie sei nur jemand gewesen, mit dem er rein geschäftlich zu tun gehabt habe.“

„Sollte seine Frau nicht wissen, dass er eine Liebesaffäre gehabt hatte?“

Roberto schüttelte den Kopf. „Er wusste wohl, dass sie darüber nicht sehr glücklich gewesen wäre.“ Er machte eine kurze Pause. „Yolanda lebt übrigens in Rio, aber es ist kaum anzunehmen, dass wir ihr zufällig begegnen. Wie die Hälfte der hiesigen Bevölkerung wird auch sie während der Karnevalszeit die Stadt verlassen. Sie wird mit den Kindern in die Berge nach Campos do Jordao fahren. Ihre Familie hat dort ein Haus, und die Kinder lieben es.“

„Wenn ich nicht gekommen wäre, wärst du dann nach Sao Paulo zurückgefahren?“, erkundigte sich Ellen.

„Ja.“

„Dann danke ich dir dafür, dass du in Rio geblieben bist“, sagte sie etwas steif.

„Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite! Wir fahren jetzt parallel zum Strand von Ipanema, der nur einige Blocks weiter links von hier liegt“, erklärte Roberto. Sie fuhren eine schattige, von Bäumen gesäumte breite Straße entlang, und er zeigte auf das glitzernde Wasser vor ihnen. „Das ist die große Lagune Lagoa Rodrigo de Freitas. Von meinem Apartment aus kann man direkt darauf sehen.“

Vor ihnen ausgestreckt lag blau und still die Lagune. Eine Straße führte ringförmig um sie herum, und näher am Wasser konnte man einen kleinen Fußweg sehen.

„Ist diese Lagune ein natürliches Gewässer?“, fragte Ellen interessiert.

„Soviel ich weiß, ja. Weiter landeinwärts, unterhalb der Berge, kannst du eine Rennbahn, den Botanischen Garten und einen Vergnügungspark sehen“, erklärte Roberto weiter.

Ellen hatte gerade in einiger Entfernung ein Riesenrad entdeckt, als er schwungvoll in den Hof eines eleganten Wohnblocks einbog. Bevor das Kabriolett in die Tiefgarage fuhr, konnte sie noch einen kurzen Blick auf die Säulen am Haupteingang und die üppigen Bougainvilleen werfen, die wie Kaskaden über die weißen Balkonbrüstungen herabfielen.

Roberto bewohnte die oberste Etage des sechsstöckigen Gebäudes. Sie fuhren mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, wo Roberto eine schwere Eichentür aufschloss und Ellen in eine geräumige Diele mit hellem Marmorboden eintreten ließ.

„Hier sind die Toilette, die Küche und mein Schlafzimmer.“ Roberto öffnete schnell hintereinander drei Türen. Danach machte er eine vierte Tür auf. Ellen sah in einen Raum mit weißem Teppichboden. Die Gardinen und die glänzende Satinbettwäsche waren in zartem Apricot gehalten, die Frisiertoilette und die Schränke hatten weiße Lamellentüren. „Dies ist dein Zimmer. Es hat ein eigenes Bad.“ Er stellte das Gepäck ab und dirigierte Ellen wieder hinaus in die Eingangshalle. „Bevor du anfängst auszupacken, muss ich dir noch etwas sagen.“

Mit energischen Schritten ging er einige Stufen hinauf in das sehr geräumige Wohnzimmer. Ellen folgte ihm und sah sich um. Über eine große Terrasse schien die Sonne durch die Verandatür, die von altrosa Seidenvorhängen eingerahmt war. Ein zartgrün und rosa gestreiftes Sofa stand auf einem der vielen cremefarbenen Teppiche, die den Marmorfußboden bedeckten. Außerdem gab es zwei dazu passende Sessel und einen Couchtisch. An einer der Wände hingen vier Ölgemälde, auf denen Szenen aus Rios Kolonialzeit zu sehen waren. Gegenüber stand ein schöner alter Sekretär. Obwohl die sparsame Möblierung vermutlich den meisten dieser Mietwohnungen entsprach, strahlte dieses Zimmer eine angenehme Atmosphäre aus.

Mit einer einladenden Geste forderte Roberto Ellen auf, sich auf das Sofa zu setzen. Er selbst ließ sich in einen der Sessel fallen.

„Conrado hat dir auch ein paar Anteile hinterlassen“, sagte er ziemlich unvermittelt.

Ellen sah ihn groß an. „Anteile?“, wiederholte sie erstaunt. „Anteile wovon?“

„Von der Gesellschaft, die hier in Rio ihre Automobile herstellt. Conrado hat dir zehn Prozent davon vermacht. Die Anteile …“

„Was für Autos sind das?“, unterbrach sie ihn.

„Du bist gerade in einem von ihnen gefahren.“

„Das mit dem Schiebedach?“ Ellen war beeindruckt.

Roberto nickte. „Die Anteile an sich haben für dich wenig Wert“, fuhr er fort, „aber ihr Kaufwert dürfte für dich interessant sein. Sie sind rund fünfzigtausend Pfund wert.“

Ellen lachte nervös. „Donnerwetter!“

„Du musst nur noch die Verkaufspapiere unterschreiben, danach muss deine Unterschrift beglaubigt …“

„An wen soll ich die Aktien denn verkaufen?“, unterbrach ihn Ellen.

„An mich. Conrado hat mir die anderen neunzig Prozent hinterlassen.“ Roberto sah auf die Uhr. Er war sichtlich ungeduldig, denn die Zeit wurde knapp. „Also wenn ich heute Abend aus dem Büro komme, werde ich zwei Leute als Zeugen …“

„Spar dir Deine Mühe.“

„Verzeih, ich verstehe dich nicht.“

„Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob ich die Anteile überhaupt verkaufen will“, sagte Ellen wie nebenbei.

2. KAPITEL

Roberto beugte sich vor. „Du bist nicht sicher, ob du die Anteile verkaufen willst?“, fragte er fassungslos. „Aber die fünfzigtausend Pfund würden es dir ermöglichen, ein Fotoatelier zu eröffnen. Du hättest sogar noch genug übrig, um eine neue Fotoausrüstung zu kaufen.“

„Das weiß ich“, gab Ellen zu.

„Einer der Leute, die ich heute Abend mitbringen werde, ist der Steuerberater unserer Gesellschaft. Er kann dir bestätigen, dass alles seine Richtigkeit hat.“ Robertos Miene verfinsterte sich. „Ich habe nicht vor, dich zu betrügen.“

„Daran habe ich auch überhaupt nicht gedacht“, beruhigte sie ihn.

„Dann denkst du wohl, es sei besser, die Anteile zu behalten, falls sie im Wert noch steigen sollten? Aber das wird leider nie geschehen. Diese Firma hat bisher kaum Gewinn gemacht, und angesichts der steigenden Kosten wird sie im kommenden Jahr mit Verlust arbeiten. Seit Monaten versuche ich, einen Weg aus diesem Dilemma zu finden, aber wenn die Verkaufszahlen nicht drastisch steigen, wird das unmöglich sein.“

„Das mag ja sein“, meinte Ellen. „Aber bevor ich irgendetwas unterschreibe, habe ich noch einige Fragen.“

Roberto sah erneut auf die Uhr. „Welche Fragen?“

„Wie die Gesellschaft aufgebaut ist.“

„Also, ich bitte dich“, sagte er ungeduldig, „das dürfte dich wohl kaum interessieren.“

„Ich möchte es aber wissen“, beharrte Ellen.

„Musst du so starrköpfig sein?“

„Musst du mich derart überrumpeln?“, gab sie zurück. „Aber ich werde dich nicht länger aufhalten und bin gern bereit, meine Fragen für heute Abend aufzuheben, wenn du wieder hier bist“, sie lächelte honigsüß, „ohne die Zeugen.“

Roberto zögerte einen Augenblick, dann stand er auf. „Dein Wunsch ist mir Befehl“, sagte er, indem er sich höflich verneigte. Doch seine Augen straften seine Worte Lügen. Sie funkelten vor Wut. „Ich hatte die Hausangestellte gebeten, Lebensmittel zu besorgen“, fuhr Roberto fort, „du wirst also in der Küche genug zum Frühstück und Mittagessen finden.“

„Zyankali und Glasscherben?“, fragte Ellen spöttisch.

Roberto lächelte schwach. „Ich fürchte, beides war im Supermarkt gerade ausverkauft.“

„Was für ein schlechtes Management“, bemerkte sie trocken. „Kommt die Hausangestellte heute auch?“, fragte sie, während sie ihn zur Tür begleitete.

„Nein. Ich habe ihr wegen des Karnevals eine Woche freigegeben. Solltest du einen Blick auf den Strand werfen wollen, musst du, wenn du aus dem Eingangstor kommst, nach links gehen. Nach ungefähr zwanzig Minuten erreichst du Ipanema.“ Roberto war wieder ganz der vorbildliche Gastgeber. „Doch auch der Weg um die Lagune ist wunderschön. Du musst nur daran denken, dass Rio wie jede Großstadt voller Gefahren ist. Trag also weder Schmuck noch größere Geldsummen mit dir herum“, warnte er sie, „und halte deine Kamera fest.“

„Das werde ich tun. Aber ich werde heute Vormittag keinen Ausflug mehr machen, sondern nur einige Sachen auspacken und danach erst einmal schlafen.“

„Hast du denn nicht im Flugzeug geschlafen?“

„Nicht viel.“ Ellen strich sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr. „Und jetzt bin ich ganz erschöpft.“

Roberto sah auf sie herab. „Es tut mir leid. Ich hätte sehen müssen, wie müde du bist, und mit meinen geschäftlichen Anliegen bis später warten sollen.“ Er lächelte Ellen gewinnend an. „Kannst du mir verzeihen?“

Nachdem er mich beschimpft hat, geht er jetzt dazu über, mich zu beschwichtigen, dachte sie. Sein verführerisches Lächeln war nahezu unwiderstehlich. Aber Ellen blickte ihn nur kühl an.

„Vielleicht“, antwortete sie zögernd. „Irgendwann.“

Roberto legte seine Hände auf ihre Schultern. „Nein, jetzt“, sagte er leise, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie.

Seine Lippen waren weich und warm. Sie spürte seinen schlanken, sehnigen Körper, mit dem sie bisher noch nie so eng in Berührung gekommen war. Betäubt durch diese Nähe, schwankte Ellen ein wenig. Ihre Lippen schienen miteinander zu verschmelzen. Hilflos versank sie in einem Strudel des Entzückens, als sich Roberto plötzlich von ihr löste und einen Schritt zurücktrat.

„Schlaf gut.“ Mit ausdrucksloser Miene drehte er sich um, und einen Augenblick später hörte Ellen, wie er die Wohnungstür hinter sich schloss.

Verwirrt drückte sie den Handrücken auf ihre brennenden Lippen. Sie hatte geglaubt, sie sei inzwischen weniger anfällig als damals mit sechzehn Jahren. Warum hatte sie sich nur wie eine willenlose Puppe von Roberto küssen lassen und sich dabei noch an ihn geschmiegt? Sie hatte doch gewusst, dass hinter seinem Lächeln und seinem Kuss nur die Absicht stand, sie zu erweichen und dazu zu bringen, ihm die Geschäftsanteile so schnell wie möglich zu verkaufen. Und sie hatte es einfach mit sich geschehen lassen.

Ellen ließ sich auf das Bett sinken. Während des nächtlichen Flugs hatte sie sich immer wieder ausgemalt, wie es sein mochte, wenn der Konflikt der Vergangenheit zwischen ihnen endlich beigelegt wäre. Sie hatte sich vorgestellt, wie leicht und unbefangen sie miteinander umgehen würden, und nun hatte die erotische Anziehungskraft, die zwischen ihnen knisterte, alles zunichte gemacht. Das störte ihre Beziehung zueinander genauso wie Robertos unerklärliche Ablehnung. Wenn sie nur wüsste, warum er sie ablehnte.

Roberto wusste doch, dass eigentlich nur ihre Mutter zu verurteilen war. Aber vielleicht übertrug er seinen Ärger jetzt von der Mutter auf die Tochter, und sie war dadurch völlig unschuldig unter Beschuss geraten. Zwar kannte sie Roberto nicht so gut, aber sie hätte ihn nie für so unfair gehalten.

Ellen zog sich aus und schlüpfte ins Bett. Roberto muss denken, dass ich ihm aus purem Trotz die Anteile nicht verkaufen will, dachte sie. Und das zu Recht. Dass sie Fragen über die Firma gestellt hatte, war lediglich eine Verzögerungstaktik gewesen. Ellen musste lächeln, als sie daran dachte, wie sehr es Roberto getroffen hatte.

Sie hatte sich darüber geärgert, dass er einfach vorausgesetzt hatte, sie würde widerspruchslos mitmachen und jetzt – das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht –, jetzt müsste sie dumm sein, wenn sie so einfach einem Mann gehorchte, der lediglich den Wünschen seines Vaters nachkam, indem er sie nach Rio einlud.

Ellen zog die Bettdecke hoch bis zum Kinn, und ihre Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit vor zehn Jahren …

Conrado de Sa Moreira trat an einem Sommerabend in Ellens Leben, als er ihre Mutter in ihrer Londoner Wohnung abholte. Er hatte in einem eleganten Restaurant einen Tisch für zwei Personen reservieren lassen. Doch anstatt unten in der Eingangshalle auf Vivienne zu warten, war er nach oben gekommen und hatte an der Wohnungstür geklingelt. Es war Ellen, die ihm öffnete.

„Du willst bestimmt dein Geld haben …“ Doch statt des pickeligen Jungen mit dem schweren Eimer, den sie erwartet hatte, stand ihr ein elegant gekleideter Herr mit dunklem Haar und silbergrauen Schläfen gegenüber. „Oh, das tut mir leid. Ich dachte, Sie seien der Fensterputzer.“

„Das ist ein Fehler, der einem leicht unterlaufen kann“, entgegnete der Mann, wobei es in seinen Augen belustigt aufblitzte. „Mein Name ist Conrado.“

„Du bist sehr pünktlich“, rief Ellens Mutter aus dem Hintergrund und erschien kurz an der Tür ihres Schlafzimmers. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass ein Brasilianer die Bedeutung des Wortes ‚Pünktlichkeit‘ kennt.“

„So gut wie nie, da hast du recht.“ Conrado lachte. „Aber ich konnte es nicht erwarten, dich zu sehen.“

Ellen rollte mit den Augen. Schon wieder ein Mitglied des Vivienne-Blanchard-Fanklubs, dachte sie. Ihre Mutter war auffallend schön. Sie hatte zarte Gesichtszüge und veilchenblaue Augen. Mit ihrem zurückgekämmten blonden Haar, das sie in einem locker gewundenen, tiefsitzenden Knoten trug, strahlte sie eine gelassene, vornehme Eleganz aus.

„Du musst etwas warten, da ich noch nicht fertig bin“, rief Vivienne. Dann wandte sie sich lächelnd an Ellen. „Mein Liebes, bitte führe Conrado ins Wohnzimmer und biete ihm etwas zu trinken an.“

Das war ungewöhnlich. Mit ihren vierzig Jahren lockte ihre Mutter noch immer die Männer an. Sie war wie das viel zitierte Licht, in das die Motten willenlos flogen. Aber sie hielt ihr gesellschaftliches Leben stets streng von ihrem häuslichen getrennt. Nie sprach sie über ihre Begleiter, noch weniger empfing sie sie bei sich zu Hause. Doch diesmal war es anders. Als Ellen merkte, wie Vivienne in Gegenwart des brasilianischen Geschäftsmannes strahlte und entspannt plauderte, wusste sie sofort, dass dieser Mann ihrer Mutter sehr viel bedeutete!

Ellen konnte dies gut verstehen. Conrado war ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, er war interessant und interessiert zugleich. Und er hatte Zeit für jedermann, auch für die noch etwas unansehnliche, halbwüchsige Ellen. Nach diesem ersten Abend war es zur Gewohnheit geworden, dass Conrado immer auf einen Drink zu ihnen kam. Er unterhielt sich mit Ellen, hörte ihr zu und bot ihr hin und wieder seinen Rat an. Und so begann auch sie, ihn zu mögen.

Damals war er sechs Wochen in London geblieben. Als dann seine Geschäfte abgewickelt waren und er wieder zurück nach Brasilien geflogen war, erschien Ellen und ihrer Mutter das Leben leer und ereignislos. Doch einige Monate später kam Conrado erneut nach England. Diesmal nahm er Mutter und Tochter für ein Wochenende mit nach Cornwall. In Ellens Erinnerung blieb dies für immer ein ganz besonderes Wochenende, denn sie verbrachten es wie eine richtige Familie.

Während der folgenden zwölf Monate kam der Brasilianer öfter nach England, und sie verbrachten weitere gemeinsame Wochenenden außerhalb der Stadt. Alles schien perfekt zu sein. Doch eines Tages rief Conrado bei Vivienne an, um ihr zu sagen, dass er für einen kurzen Besuch in London sei, diesmal aber seinen Sohn Roberto mitgebracht habe.

„Conrado möchte morgen Abend mit uns essen. Sein Sohn wird auch dabei sein“, berichtete Vivienne, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte.

Ellen machte ein finsteres Gesicht. Conrado hatte schon oft von seinem geliebten Sohn gesprochen, der seit Kurzem in der Firma mitarbeitete. Sie lehnte diesen Goldjungen von vornherein ab, da er ihre familiäre Dreisamkeit nur stören würde. Doch es stellte sich heraus, dass Roberto ein gut aussehender junger Mann war, der dieselbe unwiderstehliche Ausstrahlung wie sein Vater hatte. Bereits nach wenigen Minuten gab Ellen sich geschlagen, und nachdem Roberto sich fast den ganzen Abend ausschließlich mit ihr unterhalten hatte, war sie bis über beide Ohren hoffnungslos in ihn verliebt.

Nachdem sie schon das dritte Mal zu viert zusammen gegessen hatten, erwähnte Vivienne ihrer Tochter gegenüber, wie glücklich Conrado sei, dass sie sich alle so gut verstanden.

„Ja, das ist wirklich wunderbar“, stimmte Ellen zu und glitt wieder in einen Tagtraum, in dem sich alles um Roberto drehte, der für sie das Wunderbarste an diesen Treffen war. Doch plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Ihr wurde heiß und kalt. „Denkst du nicht, dass Conrado dir vielleicht einen Heiratsantrag machen könnte?“, fragte sie ihre Mutter.

Vivienne zog die Augenbrauen hoch. „Ich habe ihm bereits klargemacht, dass eine festere Beziehung für mich nicht infrage kommt, aber …“

„Aber Conrado ist ein Mann, für den Liebe und Heirat Hand in Hand gehen. Und er liebt dich!“

Vivienne lachte. „Sei doch nicht so entsetzt, mein Liebes.“

„Aber du kannst ihn nicht heiraten!“, rief Ellen beschwörend.

„Vielleicht nicht.“

„Da gibt es kein Vielleicht“, beharrte Ellen.

„Vermutlich hast du recht“, gab ihre Mutter zu und seufzte tief. „Sollte mir Conrado einen Antrag machen, kann ich ihm ja sagen, dass ich nie wieder heiraten könnte, da ich mich dem Andenken deines Vaters für immer verpflichtet fühle.“

„Du denkst, das glaubt Conrado? Sei doch realistisch, Mom!“, beschwor Ellen ihre Mutter. „Conrado wird dich durchschauen und alles tun, um deinen Entschluss zu ändern. So wird sich die Situation immer mehr verschlimmern.“ Ellen hatte sich so ereifert, dass sie erst einmal tief Luft holen musste.

„Du kannst schließlich nicht erwarten, dass ich ihm die Wahrheit sage“, warf Vivienne voller Panik ein.

Ellen stöhnte auf. „Kannst du mir eine Alternative nennen? Ich weiß, es ist schwer, aber es ist besser, er hört es von dir selbst als von jemand anderem. Und dieses Risiko besteht immer.“

Ihre Mutter war offensichtlich erschüttert und schloss die Augen. „Ich kann es ihm nicht sagen.“

„Mom, ihr beide steht euch seit über einem Jahr sehr nah, also schuldest du Conrado völlige Aufrichtigkeit. Er soll wenigstens verstehen können, warum du nicht seine Frau werden kannst.“

Es folgte ein langes, spannungsgeladenes Schweigen.

„Du hast recht“, räumte Vivienne letztlich ein, „aber du musst es ihm an meiner Stelle sagen.“

Ellen wollte protestieren. „Mom, das ist wirklich nicht meine …“

„Er fliegt morgen Nacht mit Roberto zurück nach Brasilien, also kannst du es Conrado am Vormittag sagen, nachdem ich mit ihm noch einen schönen Abend allein verbringen konnte. Rede mit ihm, wenn ich in der Galerie arbeite. Bitte, mein Liebes!“, bettelte Ellens Mutter, Tränen in den veilchenblauen Augen.

An diesem Abend fragte Vivienne Conrado, ob er am nächsten Vormittag in ihr Apartment nach Kensington kommen könne. Doch als er kam, traf er nur Ellen an. Mit gepresster Stimme enthüllte sie ihm die Wahrheit über die Vergangenheit ihrer Mutter, worauf Conrado zurecht erklärte, dass er die Beziehung zu Vivienne nicht länger aufrechterhalten könne, und ging.

Allein gelassen, brach Ellen schluchzend zusammen. Niedergeschlagen dachte sie daran, wie schön das Leben hätte sein können, da wurden ihre Gedanken durch das Klingeln an der Tür unterbrochen. Als sie auf den Knopf der Gegensprechanlage drückte, erwartete sie eigentlich, die Stimme ihrer Mutter zu hören, aber es war Robertos Stimme.

Ellens Herz schlug heftig. Ist Roberto gekommen, um mir sein Mitgefühl auszudrücken? fragte sie sich, während sie auf den Fahrstuhl wartete. Will er mir sagen, dass er mich versteht und gekommen ist, um mich zu trösten? Wird er seine Arme um mich legen und mich festhalten?

Doch nur wenige Minuten später stürmte Roberto in die Wohnung und beschuldigte sie, eine herzlose kleine Hexe zu sein, die grausam und selbstsüchtig die Beziehung zwischen seinem Vater und ihrer Mutter zerstört habe.

Ellen blickte unglücklich zur Zimmerdecke hinauf. Robertos Wutausbruch war für sie eine Tragödie gewesen. Obwohl er erst vor Kurzem in ihr Leben getreten war, hatte sie ihn bereits angebetet. Zum ersten Mal hatte sie so für einen Mann empfunden.

An jenem Tag war Roberto derart in Wut geraten, dass sie nicht überrascht gewesen wäre, wenn er alles kurz und klein geschlagen hätte.

Ellen seufzte. Sie war damals völlig verwirrt gewesen, vor Schreck unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Noch größer allerdings war ihre Angst davor gewesen, was er über ihre Mutter sagen konnte. Doch schon nach kurzer Zeit war ihr bewusst geworden, dass Roberto den wahren Sachverhalt gar nicht kannte.

Ellens Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr. Sie hatte geglaubt, dass sich Roberto bei ihr entschuldigen würde, nachdem er von seinem Vater die Wahrheit erfahren hätte. Viele Monate hatte sie auf einen Brief oder Anruf gewartet, aber vergebens. Und jetzt, nach zehn Jahren, da sie eigentlich mit einer Versöhnung oder zumindest einem Waffenstillstand gerechnet hatte, verhielt sich Roberto ihr gegenüber weiterhin feindselig – nur wegen ihrer Mutter.

Ellen ballte die Hände zu Fäusten. Roberto hatte ganz richtig bemerkt, dass sie sich verändert habe, und zwar nicht nur äußerlich. Sie war härter geworden. Die Zeiten, in denen sie das Opfer gewesen war, existierten nicht mehr. Jetzt bestimmte sie ihr Leben selbst und ging an die Dinge auf ihre Weise heran. Ich kann jetzt das, was man...

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