Romana Weekend Band 34

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ES WAR EINE TROPISCHE LIEBESNACHT von KIM LAWRENCE

Ein Foto-Shooting in der Karibik? Immer! Aber mit Alex Arlov an ihrer Seite? Für Angel steht fest: Dem herzlosen Milliardär, der sie nach einer Liebesnacht schneller verließ, als sie die Augen öffnen konnte, wird sie die kalte Schulter zeigen!

BRASILIANISCHE NÄCHTE von JENNIFER TAYLOR

In Brasilien beginnt für Gabrielle das Abenteuer ihres Lebens: Nach einer Notlandung muss sie sich zusammen mit dem aufregenden Piloten Doyle durch den Dschungel schlagen. Und wenn er nicht so abweisend wäre, ginge sie mit ihm sogar bis ans Ende der Welt …

VERZAUBERT AUF TAHITI von ANGELA DEVINE
Der Anflug auf Tahiti bei Nacht ist zauberhaft … Wie Diamanten funkelt das Sternenmeer. Claire durchströmt es heiß. Anfangs, weil sie endlich wieder daheim ist – und dann, weil ausgerechnet Alain Charpentier, der sie zwang, die Insel zu verlassen, sie am Boden erwartet …


  • Erscheinungstag 24.01.2026
  • Bandnummer 34
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539388
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kim Lawrence, Jennifer Taylor, Angela Devine

ROMANA WEEKEND BAND 34

Kim Lawrence

PROLOG

London, Sommer 2008, in einem Hotel

Wie spät war es? Angel konnte das Display des Radioweckers nicht erkennen, die Schulter des Mannes neben ihr im Bett blockierte die Sicht. Nach dem schmalen Lichtstreifen zu schließen, der durch den Spalt der Fenstervorhänge fiel, dämmerte bereits der Morgen.

Der Morgen danach …

Seufzend ließ sie den Blick durch das Zimmer schweifen, über die typische teure Ausstattung eines Fünfsternehotels. Im Laufe ihres Lebens hatte sie in Dutzenden ähnlicher Suiten übernachtet.

Inzwischen mied Angel solche Luxusherbergen. Sie deprimierten sie irgendwie. Normalerweise …

Wohlig lächelnd richtete sie sich halb auf. Denn hier war alles anders. Nicht etwa, weil die Suite besonders spektakulär eingerichtet war, sondern weil sie im Unterschied zu sonst nicht allein war.

Der Mann neben ihr murmelte im Schlaf, und Angel zuckte erschrocken zusammen. Jetzt reckte er einen Arm über den Kopf, was das Spiel seiner kräftigen Rückenmuskeln eindrucksvoll zur Geltung brachte. So eindrucksvoll, dass Angel schlucken musste. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, denn er lag von ihr abgewandt auf der Seite, aber sein Atem ging tief und gleichmäßig.

Sollte sie ihn aufwecken?

Sie erinnerte sich an die dunklen Ringe unter seinen faszinierenden Augen, die ihr gleich im ersten Moment aufgefallen waren – offenbar brauchte er seinen Schlaf. Trotz seiner müden, erschöpften Züge hatte sie ihn auf Anhieb ungewöhnlich attraktiv gefunden: mit seinem energischen Kinn, den sinnlichen Lippen und den eisblauen Augen. Zornig aufblitzenden Augen.

Ja, er war wütend auf sie gewesen. Doch nicht sein Zorn hatte ihr die Knie weich werden lassen, auch nicht die Gefahr, in der sie geschwebt hatte, oder die Tatsache, dass er ihr das Leben gerettet hatte. Nein, es war seine atemberaubende Aura … pure unwiderstehliche Männlichkeit.

Sie hatte ganz einfach aufgehört zu denken, ihr ganzes Fühlen und Handeln war auf diesen Mann ausgerichtet gewesen, nichts anderes war ihr mehr wichtig erschienen. Sie wollte ihn, und er wollte sie, das hatte sie in seinem brennenden Blick gelesen.

Und das war das Einzige, was zählte, oder?

Das Einzige, was zählte?

Ha! Die typische Ausrede naiver Dummköpfe, der Sexsüchtigen und zu kurz Gekommenen … Sie gehörte ganz sicher in keine dieser Kategorien, fand Angel.

Du hättest besser vorher deinen Verstand einschalten sollen, nicht jetzt, wo es zu spät ist, überlegte sie in einem Anflug von Selbstironie. Jetzt, nachdem sie all ihre ehernen Grundsätze über den Haufen geworfen hatte, und zwar mit Pauken und Trompeten!

Nein, es gab keine Entschuldigung für das, was letzte Nacht passiert war. Es hatte ja nicht mal den berühmt-berüchtigten Drink zu viel gegeben. Ein Satz aus einem altmodischen Liebesroman fiel ihr ein.

„Ich spürte eine tiefe Sehnsucht in meiner Seele und in meinem Körper, ein schmerzliches Verlangen, das ich nie für möglich gehalten hätte.“

Die kitschigen Worte trafen es auf den Punkt: Ja, der Kerl war verdammt heiß!

Hm … Der Mann neben ihr im Bett war allerdings nicht der erste heiße Typ, der ihr je begegnet war. Normalerweise hatte sie kaum mehr als ein ironisches Achselzucken für Machogehabe übrig, beeindrucken ließ sie sich davon nicht. Nein, sie hatte ihr Leben voll im Griff, für solche Typen gab es keinen Platz. Viele starke Frauen fanden in so einem Kerl ihren Meister. Aber sie nicht, auf keinen Fall.

Na gut, die Machos, auf die sie mit überheblicher Verachtung herabblickte, hatten ihr auch nicht das Leben gerettet. Natürlich war sie trotzdem nicht aus lauter Dankbarkeit mit diesem ganz speziellen Macho ins Bett gegangen. Dessen war sie sich sicher, doch das war auch das Einzige, was sie mit Bestimmtheit behaupten konnte.

Andererseits hatte sie ihr Leben und ihr ganzes Wertesystem mit dieser Nacht buchstäblich auf den Kopf gestellt. Wie das alles passieren konnte? Sie hatte keine Ahnung … Aber da es jetzt ohnehin zu spät war, überließ sie sich widerstandslos all den wundervollen Gefühlen, die dieser absolut hinreißende Mann in ihr weckte. Hach, war das aufregend!

Dio, du bist so wunderschön“, flüsterte sie, als sie die Hand ausstreckte, um ganz sanft über seine weichen, kurz geschnittenen Locken zu streichen. Sein Haar war bestimmt noch zwei Nuancen schwärzer als ihres, und gegen den Bronzeton seiner Haut wirkte ihr olivfarbener Teint geradezu winterblass.

Ein reizvoller Kontrast, der sie beim Sex noch mehr angeturnt hatte. Es war nicht der einzige Kontrast gewesen. Wenn sie nur an seine männliche Härte dachte, so machtvoll und heiß gegen ihre zarte Weiblichkeit gepresst …

Oh ja, sie sehnte sich danach, ihn zu berühren, ihn zu schmecken …

Voller Erstaunen wurde ihr bewusst, dass sie kein bisschen müde war, obwohl sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Stattdessen fühlte sie sich hellwach, angefüllt mit einer beinahe unerträglichen sinnlichen Anspannung …

Träge lächelnd streckte sie sich wieder neben dem Mann aus und rekelte sich genüsslich. Wer wollte schon schlafen, wenn es – endlich! – passiert war? Sie hatte den Mann ihrer Träume gefunden!

Das nannte man wohl Schicksal.

Kritisch zog sie die fein geschwungenen Augenbrauen zusammen. Eine schicksalhafte Begegnung … Auch das klang gar nicht nach ihr. Irgendjemand hatte sich mal über ihren nicht vorhandenen Sinn für Romantik beklagt. Ein Vorwurf, den sie als Kompliment aufgefasst hatte.

Sie fand sich ganz in Ordnung, so wie sie war. Bodenständig, ohne die Tendenz, sich Hals über Kopf zu verlieben und sich genauso schnell wieder zu entlieben. Das sah eher ihrer Mutter ähnlich, einer fragilen Erscheinung, die in Männern immer unweigerlich den Beschützerinstinkt weckte.

Darauf legte Angel keinen Wert. Sie schätzte ihre Unabhängigkeit mehr als alles andere. Und Unabhängigkeit hatte sie schon sehr früh im Leben lernen müssen. Als Kind hatten nur zwei Dinge sie vor einem trostlosen Dasein in Einsamkeit und Isolation bewahrt: ihr Bruder und ihre lebhafte Fantasie. Zum Glück war es nie so weit gekommen, dass sie Fantasie und Wirklichkeit verwechselt hatte.

Und sie hatte auch nie erwartet, dass ihre Fantasien sich jemals erfüllen würden.

Wieder streckte sie die Hand aus, verharrte zögernd über der breiten Schulter des Mannes. Nur mühsam unterdrückte sie den Impuls, ihn zu berühren, das Bettlaken über seinen Hüften zurückzuschlagen. Es kam ihr ganz natürlich vor, so zu empfinden, genauso wie es ihr ganz natürlich vorgekommen war, ihn auszuziehen. Es hatte sich einfach richtig angefühlt – und wahnsinnig aufregend!

Nie hatte sie sich in ihren erotischen Träumen eine derart intensive Faszination ausgemalt, wie sie sie in Gegenwart dieses Mannes empfand. Heißes Verlangen durchströmte sie, eine prickelnde Vorfreude, diesen perfekten Körper schon bald noch einmal erkunden zu dürfen.

„So wunderschön“, flüsterte sie sehnsuchtsvoll und konnte den Blick nicht von ihm wenden.

Sein Name war Alex. Sie hatte sich ihm als Angelina vorgestellt, aber so nannte sie eigentlich keiner. Alle sagten nur Angel zu ihr, was auf den entzückten Ausruf ihres Vaters nach ihrer Geburt zurückging: „Sie sieht aus wie ein kleiner Engel!“

Alex murmelte etwas im Schlaf und drehte sich auf den Rücken, wobei seine langen feinnervigen Finger das polierte Kopfteil des Betts fast wie eine Liebkosung berührten. Der Anblick heizte sofort Angels Fantasie an. Von einem beinahe schmerzlichen Begehren erfüllt, unterdrückte sie einen Seufzer.

Wie konnte ein Mann nur so unfassbar gut aussehen?

Im Zwielicht, das jetzt im Zimmer herrschte, schimmerte seine Haut wie geschmolzene Bronze. Auf der breiten Brust kräuselten sich feine dunkle Härchen, er hatte schmale Hüften und lange muskulöse Beine. Tatsächlich schien er kein Gramm Fett zu besitzen, sondern nur aus Muskeln zu bestehen. Muskeln in so perfekter Form wie aus dem Anatomiebuch.

Doch Alex war kein Abbild aus einem Buch, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Warm, lebendig, unglaublich männlich – und er lag mit ihr zusammen im Bett.

Ein verträumtes Lächeln auf den Lippen, schwelgte Angel in Erinnerungen an die vergangene Nacht. Es war einfach perfekt gewesen. Obwohl es nicht ganz ihrer Fantasie entsprochen hatte. Der erwartete Schmerz war ausgeblieben, ebenso wie die befürchtete Scham.

„Angel mangelt es an einem Sinn für Mäßigung, für sie gibt es nur ganz oder gar nicht“ – so hatte das lapidare Urteil eines ehemaligen Lehrers gelautet. Komisch, dass ihr das ausgerechnet jetzt einfiel.

Na ja, eigentlich doch nicht so komisch. Auch letzte Nacht hatte sie nichts zurückgehalten. Sie hatte sich in hemmungsloser Begierde auf das Abenteuer mit Alex eingelassen, ihm alles gegeben, ohne jede Scheu.

„Ich weiß, es ist richtig schlechtes Timing, aber es gibt da ein Problem …“

Diese Worte waren Musik in Alex’ Ohren gewesen. „Ich höre.“

Krisenmanagement war seine Leidenschaft – das Zauberwort hieß „fokussieren“. Alles andere ausblenden und sich nur auf eine einzige Sache konzentrieren. Diese Kunst beherrschte er meisterhaft.

Von der Beerdigung vor einem Monat war er direkt in sein Büro zurückgekehrt, wo er seitdem praktisch gewohnt hatte. Ein anderes Zuhause gab es für ihn schon kaum noch. Doch dann hatte er auch diese Krise bewältigt, und ihm war kein Grund mehr eingefallen, nicht nach Hause zu gehen. Doch dort fand er noch weniger Schlaf als in seinem Büro. Regelmäßig wachte er mitten in der Nacht auf, gleichzeitig ruhelos und zutiefst erschöpft. Deshalb war er auch mehr als irritiert, jetzt nach tiefem traumlosem Schlaf die Augen aufzuschlagen und helles Tageslicht durch die Vorhänge in …

Moment mal, das war doch nicht sein Schlafzimmer!

Wo zum Teufel …?

Blinzelnd blickte er in das Gesicht einer umwerfend schönen Frau. Sie saß neben ihm, nackt, ihr schimmerndes dunkles Haar fiel ihr bis über die Brüste. Brüste, die perfekt in seine Hände gepasst hatten, die schmeckten wie …

Mit aller Macht brach die Erinnerung über ihn herein.

Verdammt!

„Guten Morgen!“

Sofort reagierte sein Körper auf den verführerischen Unterton in ihrer Stimme. Alex ignorierte die Botschaft und das heiße Verlangen, biss die Zähne zusammen und schwang die Beine über die Bettkante. Von Schuldgefühlen gepackt, saß er da, die Augen geschlossen, seine ganze Haltung eine unmissverständliche Geste der Zurückweisung.

Schadensbegrenzung hieß das Gebot der Stunde. Bloß nicht den gleichen Fehler noch einmal machen, so verlockend die Versuchung auch sein mochte.

Und sie war sehr verlockend, mit einem hinreißenden Körper und einer sexy, leicht heiseren Stimme …

„Ich dachte schon, du wachst nie mehr auf“, sagte sie leise.

Er spannte den Rücken an, als er ihre Fingerspitzen ganz zart auf seiner Haut spürte. Mit undurchdringlicher Miene drehte er sich zu ihr um.

„Du hättest mich wecken sollen. Ich hoffe, du verspätest dich nicht meinetwegen …“

„Verspäten?“ Das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet ihre plötzliche Unsicherheit.

Abrupt stand er auf und blickte sich suchend nach seinen Sachen um. „Soll ich dir ein Taxi rufen?“

„Wie bitte? Ich … Ich dachte, wir …“

„Hör mal, letzte Nacht war … Okay, es war fantastisch, aber ich stehe nicht zur Verfügung.“

Zur Verfügung stehen?

Angel begriff es immer noch nicht.

Obwohl Alex sich schrecklich schuldig fühlte, oder gerade deshalb, wollte er die Sache möglichst schnell hinter sich bringen. Er hatte sich nicht kontrollieren können, Ende der Geschichte. Die Sache jetzt in die Länge zu ziehen änderte auch nichts daran.

„Ich dachte …“

„Das zwischen uns letzte Nacht war nur Sex“, fiel er ihr abweisend ins Wort. Er sagte es langsam und betont, als spräche er mit einem Kind oder einem Schwachkopf.

Die Kälte in seinen blauen Augen und in seiner Stimme verwirrte Angel. „Aber …“

„Wie gesagt, letzte Nacht war toll. Aber ich hätte mich beherrschen müssen, das war mein Fehler.“ Ein riesengroßer Megafehler. Doch ein Mann lernte aus seinen Fehlern und wiederholte sie nicht.

Angel war ganz flau zumute, während sie beobachtete, wie er T-Shirt und Hose anzog. Dabei fiel etwas aus seiner Hosentasche und landete mit einem leisen Pling auf dem Fußboden. Ganz automatisch bückte Angel sich danach und schloss die Hand um einen Ring. „Gehört der dir?“

Sorgfältig darauf bedacht, ihre Hand nicht zu berühren, nahm er ihr den Ring ab.

„Du bist verheiratet?“

Einen Moment lang war er versucht, ihr die Wahrheit zu sagen, dass er verheiratet gewesen war, doch jetzt nicht mehr. Dann wurde ihm bewusst, wie viel einfacher und schmerzfreier eine Lüge wäre. Nicht, um seine nagenden Schuldgefühle zu besänftigen, aber für sie. Später bei ihren Freundinnen konnte sie sich dann über diesen verheirateten Mistkerl ausheulen.

„Es tut mir leid.“

Mit blitzenden grünen Augen sprang sie auf und schlug ihn mitten ins Gesicht. „Du erbärmlicher Loser!“ Im nächsten Moment floh sie ins Bad und knallte die Tür hinter sich zu.

Angel schaffte es gerade noch rechtzeitig, um sich in das marmorne Waschbecken zu übergeben.

Als sie ins Zimmer zurückkehrte, war er weg.

Eine brennende Wut stieg in ihr auf, heiß und verzehrend. Nie hätte sie gedacht, dass sie zu solch einem Gefühl fähig wäre. Sie verabscheute Alex sogar mehr als den widerlichen Freund ihrer Mutter, der versucht hatte, sie anzugrapschen, als sie gerade sechzehn Jahre alt gewesen war. Aber sich selbst hasste sie am meisten. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Er hatte sie wie ein Flittchen behandelt, weil sie sich wie eins benommen hatte.

Irgendwann später hatte sie sich so weit wieder beruhigt, dass sie mit ausdrucksloser Miene das Hotel verlassen konnte. Sie hatte beschlossen, diesen Mann, diese Nacht für immer aus ihrem Gedächtnis zu löschen.

Das alles war nie passiert.

Es hatte ihn nie gegeben.

Sie konnte in Frieden weiterleben.

1. KAPITEL

„Es handelt sich um die zweitgrößte Werbeagentur Europas, und …“

„Und was ist für dich drin?“ Alex, der gerade das Kleingedruckte eines Vertrags studierte, unterbrach Nicos eifrige Verkaufsrede. Er mochte den Sohn seiner großen Schwester und förderte ihn gerne.

Mit einem selbstbewussten Achselzucken erwiderte der junge Mann: „Na ja, vielleicht ein Praxissemester.“

Alex setzte seine Unterschrift unter den Vertrag und legte das Dokument auf den Aktenstapel, den er bereits bearbeitet hatte. Dann stieß er seinen Schreibtischstuhl zurück und streckte die langen Beine aus. Er konnte es kaum erwarten, endlich Joggen zu gehen. Die Belohnung für einen endlos langen Vormittag hinter dem Schreibtisch. Nicht dass er den Kleinen loswerden wollte – Nico war zum Glück relativ pflegeleicht. Im Gegensatz zu anderen Verwandten, die ihn als eine Art Privatbank betrachteten. Aber auch das nahm Alex gelassen hin, Familie war nun mal wichtig.

„Schieß los, ich bin ganz bei dir.“ Alex musterte seinen Neffen aufmerksam.

„Sehr freundlich, danke.“ Nicos Ironie verpuffte, als er seinem Onkel in die Augen sah. Dessen blaue Augen hatten Nico schon immer an Eiswürfel erinnert. Es lag nicht so sehr an der Farbe, an diesem blassen Blau, sondern an der Intensität des Blicks.

Als Kind hatte Nico geglaubt, sein Onkel könne direkt in seinen Kopf gucken. Er war zwar längst kein Kind mehr, aber in Gegenwart von Alex Arlov konzentrierte er sich trotzdem immer noch sorgfältig darauf, nur die Wahrheit zu sagen – vorsichtshalber.

„Du weißt ja, dass Dad mir einen Job angeboten hat, und dafür bin ich auch dankbar“, versicherte Nico hastig.

„Aber?“

„Aber ich möchte gerne etwas Eigenes auf die Beine stellen – ganz unabhängig davon, dass ich sein Sohn oder dein Neffe bin.“

„Deine Absicht ist lobenswert, an meine Adresse allerdings verschwendet. Du weißt ja, ich wurde selbst mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren.“

„Den du mühelos in Gold verwandelt hast“, bemerkte Nico voller Bewunderung.

Alex war es zu verdanken, dass die Reederei, die sein griechischer Großvater gegründet hatte, nicht nur der globalen Rezession trotzte, sondern wuchs und gedieh: Es war eine einzige Erfolgsstory.

Dann gab es noch den russischen Urgroßvater, den Alex vor ein paar Jahren beerbt hatte. Seitdem war er Herr über eine Ölfirma, die sich als unermessliche Goldgrube erwies. Inzwischen hatte Alex die Leitung der Reederei an seinen Schwager übertragen, Nicos Vater.

„Und das ist schlecht?“ Alex zog eine Augenbraue hoch.

„Nein, natürlich nicht. Aber kein Mensch betrachtet dich als reichen Müßiggänger, der noch nie im Leben einen Finger gerührt hat“, beklagte sich Nico.

Ach, daher weht der Wind, dachte Alex mitfühlend.

„Du brauchst niemandem etwas zu beweisen“, murmelte Nico und senkte den Blick. „Ach, vergiss es, ich rede Unsinn“, fuhr er dann schnell fort. „Hab mir schon gedacht, dass dieser Auftrag nichts für dich ist. Eigentlich wollte ich auch nur den Kerl von der Werbeagentur beeindrucken. Du hättest mal sein Gesicht sehen sollen, als ich deine Insel Saronia erwähnte.“ Nico streckte die Hand nach seinem Tablet-Computer aus, doch Alex kam ihm zuvor.

Interessiert scrollte er über die Website des Kosmetikgiganten, der ein neues Parfüm auf den Markt bringen wollte.

„Eine große Sache, was?“

„Absolut.“ Nicos Augen leuchteten auf. „Sie planen eine Art romantische Miniserie für die Kampagne, richtig edel mit echter Story und Cliffhanger. Dieser berühmte Hollywoodtyp soll Regie führen – obwohl der bestimmt schon fünfunddreißig ist.“

Alex musste schmunzeln. „So alt!“ Beruhigend zu wissen, dass ihm noch drei Jahre blieben, bis er endgültig zum alten Eisen gehörte.

„Für die ersten drei Episoden suchen sie einen exotischen Schauplatz – Strand, Palmen und malerische Sonnenuntergänge auf einer paradiesischen Insel, so in der Art.“

Na, wenn das nicht auf Saronia passt, dachte Alex.

Sein Großvater, Spyros Theakis, der Reederkönig, pflegte dort rauschende Feste zu feiern. Die Weltstars der damaligen Zeit gingen bei ihm ein und aus, man riss sich förmlich darum, zu einer seiner legendären Partys eingeladen zu werden. Nachdem das Herrenhaus bis auf die Grundmauern niederbrannte, war es allerdings mit den ausschweifenden Gelagen auf Saronia vorbei gewesen. Wie durch ein Wunder war bei dem Brand niemand ernsthaft verletzt worden, aber das Gebäude hatte man nicht wiederaufgebaut. Seitdem war die Insel unbewohnt.

Einmal, als er ganz in der Nähe eines seiner Ferienresorts auf dem Festland besuchte, hatte Alex aus lauter Neugier einen Abstecher auf die Insel gemacht. Seine Frau Emma, die ihn begleitet hatte, war der romantischen Faszination Saronias sofort erlegen, und sie hatten geplant, irgendwann eine Villa dort zu bauen.

Doch daraus wurde nichts mehr. Emma erkrankte schwer und brauchte ständige Pflege.

Einige Monate nach ihrem Tod war Alex allein auf die Insel zurückgekehrt und hatte in absoluter Einsamkeit am Strand gecampt. Aus Tagen waren Wochen geworden.

Später hatte er den Bau eines Hauses in Auftrag gegeben, nicht die gemeinsam geplante Villa, sondern etwas ganz Minimalistisches, Schlichtes. Seitdem diente ihm das Haus als Rückzugsort. Ein-, zweimal im Jahr verbrachte er ein paar Wochen dort, um seine Batterien aufzuladen. Keine Paparazzi, die sonst hinter jeder Ecke zu lauern schienen, kein Telefon, keine Nachrichten – es war ein Leben unterhalb des Radars, und er fand es perfekt.

Sosehr Alex also das Engagement seines Neffen schätzte, so würde er es doch nie zulassen, dass ein Filmteam den Frieden seines geheiligten Zufluchtsorts störte.

Bevor er Nico jedoch eine Abfuhr erteilen konnte, erregte ein Schnappschuss auf dem Bildschirm des Tablets seine Aufmerksamkeit. Das Foto zeigte eine außergewöhnlich schöne junge Frau, die verführerisch in die Kamera lächelte. Ihr langes, seidig schimmerndes dunkles Haar verdeckte raffiniert eine Gesichtshälfte. Ihre leuchtend roten Lippen waren zu einem provozierenden Schmollmund gespitzt. Sie hatte strahlend grüne Augen, und ein sinnliches Versprechen lag in ihrem Blick.

„Wer ist das?“ Alex’ Stimme klang tonlos.

„Angel, ein Model.“

Angel … Angelina? „Ein Model.“

Das überraschte ihn nicht wirklich. Umso mehr staunte er über seine Reaktion auf den Anblick eines Gesichts, das er seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und zum ersten Mal seit Langem dachte er wieder an das leidenschaftliche, aber flüchtige Intermezzo, auf das er nicht gerade stolz war, das er aber als abgehakt betrachtete. Glühend heißes Begehren durchschoss ihn, und sein Puls beschleunigte sich.

Nico schüttelte den Kopf über die Ignoranz seines Onkels. „Du musst sie in der Dessous-Kampagne letztes Jahr gesehen haben. Ihr Bild war überall.“

„Das ist mir wohl entgangen.“ Alex erinnerte sich noch ganz genau an die atemberaubende Schönheit – ganz ohne Dessous.

„Eine heiße Braut, was?“, begeisterte sich Nico. „Diese tollen Haare und erst die grünen Augen. Sie wird das Aushängeschild der neuen Kampagne. Sie wollen bewusst kein Starlet, sondern jemanden, der …“

Alex blendete Nicos Erklärung aus, warum die Agentur sich für ein relativ unbekanntes Gesicht entschieden hatte. Für ihn war sie keine Unbekannte. Nein, in jener magischen Nacht hatte er jeden Zentimeter ihres geschmeidigen Körpers erkundet, ihre goldbraune samtene Haut geschmeckt … Beinahe meinte er, den Duft ihres Shampoos zu riechen.

In der nächsten Sekunde kamen die Schuldgefühle. Die ließen nie lange auf sich warten. Schon wenige Wochen nach Emmas Tod war er mit der erstbesten Frau ins Bett gestiegen. Wie erbärmlich!

Seitdem hatte er Fortschritte gemacht, immerhin. Keine One-Night-Stands mehr, sondern befriedigende Beziehungen mit Frauen, die Spaß an Sex hatten, aber nichts Festes suchten. Keine dramatischen Gefühlsausbrüche, kein Trennungsschmerz, keine Schuldgefühle. Das war okay für ihn, wenn er sich auch manchmal nach der tiefen emotionalen Verbundenheit sehnte, die er mit Emma geteilt hatte.

Alex schüttelte leicht den Kopf, um die düsteren Gedanken zu verscheuchen. Dieser Seelenstriptease führte zu nichts, und er fand selbst, dass er übertrieb.

Mit Angel … Angelina … hatte er den besten Sex seines Lebens gehabt. Warum sich nicht noch einen Nachschlag dieses erotischen Abenteuers gönnen?

„Ja“, sagte er schlicht.

Nico klappte buchstäblich der Unterkiefer herunter. „Wie jetzt … ja?“, stammelte er und konnte sein Glück kaum fassen.

Sein Onkel hob die dunklen Brauen. „Ja.“

Begeistert sprang Nico auf, voll jugendlichem Elan, um den Alex ihn ein bisschen beneidete. Dabei war er nur zwölf Jahre älter, aber plötzlich kam er sich sehr gesetzt vor.

„Im Ernst? Du machst dich nicht über mich lustig? Nein, dafür fehlt dir …“ Rasch biss sich Nico auf die Zunge.

„Der Sinn für Humor?“ Alex grinste schief. Vielleicht hatte Nico recht. Gut möglich, dass ihm sein Humor während der bitteren Jahre der Trauer abhandengekommen war. Zusammen mit seinem Gewissen.

Eigentlich ganz praktisch, oder? Ohne nagende Schuldgefühle lebte es sich entschieden leichter. So hatte er letztlich auch die heiße Nacht mit Angel abhaken können. Sie hatte schließlich gewusst, worauf sie sich einließ, oder? Na gut, ganz so erfahren, wie er sie anfangs eingeschätzt hatte, war sie nicht gewesen, im Gegenteil. Heißblütig, hingebungsvoll, das ja, aber nicht routiniert.

Lass das endlich, ermahnte er sich. Sie hatten absolut aufregenden Sex gehabt, der definitiv eine Fortsetzung wert war. Gerade jetzt konnte er ein wenig Abwechslung in seinem durch zu viel Arbeit eintönig gewordenen Leben gebrauchen.

Hm, das klang ja gerade so, als sei er unzufrieden … Was nicht stimmte. Natürlich war er zufrieden, sehr sogar. Abrupt stand Alex auf und schnappte sich seine Jacke.

„Du kümmerst dich um die Sache?“

Wieder fiel sein Neffe aus allen Wolken. „Ich? Du möchtest, dass ich … Ja klar. Du erlaubst ihnen wirklich, auf Saronia zu drehen?“

Das hätte Nico in seinen kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten. Okay, er hatte seinen Onkel gefragt, aber eigentlich nur der Form halber. Jeder wusste doch, wie eifersüchtig Alex Arlov seine Privatsphäre hütete.

„Unter bestimmten Voraussetzungen natürlich. Sie logieren auf dem Festland und müssen dann eben jeden Tag zur Insel pendeln. Und ich will keinen in der Nähe des Hauses sehen. Du regelst das, darauf verlasse ich mich.“

„Wow … Okay, alles klar. Du wirst es nicht bereuen, Onkel Alex.“

Freudestrahlend stürmte der junge Mann aus dem Büro.

Endlich konnte Alex joggen gehen.

Angel steckte den Kopf durch die Tür zur Lounge, wo sich die Crew versammelt hatte. Puh, es waren ganz schön viele Menschen im Vergleich zu den Mode-Shootings, die sie gewohnt war.

„Ich gehe spazieren. Noch jemand Lust auf ein bisschen frische Luft?“ Angel war gerne in Bewegung, die klaustrophobische Atmosphäre des Luxushotels erstickte sie.

Einige erstaunte Blicke wandten sich ihr zu. Jemand, dessen Namen sie vergessen hatte, meinte nachsichtig: „Es regnet, Angel, Darling.“

Es regnet nie im August.

Diesen Kommentar hatte sie unzählige Male seit ihrer Ankunft im Resort vor zwei Tagen zu hören gekriegt. Dennoch goss es ununterbrochen wie aus Kübeln. Der Super-GAU für ein Fotoshooting in einem Inselparadies.

„Ist ja nur Wasser.“

Leere Blicke. „Aber du wirst nass werden.“

„Ich brauche Bewegung.“

„Komm doch mit ins Fitnessstudio, bin gerade auf dem Sprung dorthin“, forderte India sie auf, die Schauspielerin, die im Spot ihre Mutter spielte, obwohl sie nur zehn Jahre älter war als Angel.

„Ach, das ist nicht so mein Ding, sorry. Ich bin allergisch gegen Lycra.“

„Im Ernst?“, fragte India ungläubig.

Rudie, der Beleuchter, verdrehte die Augen. „Natürlich nicht, das war ein Scherz.“

„Der Regen wird dein Haar ruinieren“, meldete sich der Hairstylist der Truppe zu Wort. Er hatte sich immer noch nicht von dem Schock erholt, dass ihr taillenlanges ebenholzfarbenes Haar echt war – ungefärbt und ohne künstliche Haarverlängerungen.

„Ach, das kriegst du schon wieder hin“, meinte Angel.

„Was riecht hier so komisch?“

„Das bin ich, fürchte ich.“ Angel streckte die linke Hand aus, die sie hinter dem Rücken verborgen hatte. „Ich steh nun mal auf Zwiebeln.“

„Ist das ein Hotdog?“

Der schockierte Ausruf kam von einem leitenden Angestellten des Kosmetikkonzerns. Der Einzige, der sich nicht an dem Corpus Delicti in ihrer Hand zu stören schien, war der gut aussehende junge Grieche Nico. Aus seinem Auftreten schloss Angel, dass er Mitglied des superreichen Theakis-Clans war, dem dieses Resort und vermutlich viele weitere auf der ganzen Welt gehörten, wahrscheinlich auch die gleichnamige Reederei. Aber in welcher Beziehung stand er zum Besitzer von Saronia, den er repräsentierte?

„Ich hoffe doch“, sagte Angel trocken.

Nico war der Einzige, der lachte.

„Du hast schon gefrühstückt“, hielt der Stylist ihr mahnend vor.

Wow, was war denn nun schlimmer? Etwas zu essen oder einen Spaziergang im Regen zu unternehmen? Na ja, das kannte Angel schon, das war in der Welt der Starlets und Models normal.

Die Umstehenden starrten sie an, als erwarteten sie, dass ihr gleich am ganzen Körper Fettbeulen wachsen würden, nur weil sie einen Hotdog zu essen wagte.

Sie ignorierte die kritischen Blicke und begann, mit Appetit ihren Imbiss zu verspeisen. Mit den Jahren hatte sie sich ein dickes Fell zugelegt, es interessierte sie nicht mehr, was andere über sie dachten. Die einzige Person, deren Anerkennung sie sich je gewünscht hatte, war ihre Mutter. Und auf deren Beifall konnte sie lange warten.

Ab und zu ertappte sich Angel noch dabei, es anderen unbedingt recht machen zu wollen. Sofort rief sie sich jedes Mal streng zur Ordnung. Mit einem solchen Verhalten wirkte man viel zu unsicher, außerdem sollte sich ihre Tochter daran auf keinen Fall ein Beispiel nehmen.

Sie hob das Kinn an und lächelte strahlend in die Runde. „So, ich bin dann mal weg.“

Alex nickte dem Gärtner freundlich zu. Dem Mann fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ihm bewusst wurde, wer da an ihm vorbeiging – der Oberboss höchstpersönlich.

Spät gestern Abend war Alex in seinem Privatjet hergeflogen und hatte den kurzen Fußmarsch vom Privatflugplatz durch den Regen allein zurückgelegt. Regen, der nicht aufhören wollte, der in ausdauernder Monotonie vom Himmel prasselte und die Nerven der Filmcrew blank legte. Das hatte ihm sein Spion im Hotel gesteckt.

Endlich hatte es aufgehört zu regnen, und in der Spätnachmittagssonne stieg feiner Dunst vom Boden auf. Die ersten Feriengäste wagten sich aus dem Hotel. Bis zum Begrüßungsdrink am Abend musste Alex noch ein paar Stunden totschlagen. Nico bildete sich ein, sein Onkel sei extra angereist, um ihm einen Gefallen zu tun, und Alex ließ ihn in dem Glauben. Dass seine Motive weitaus selbstsüchtiger waren, brauchte keiner zu wissen.

Entspannt schlenderte er über die von farbenprächtigen Blumenbeeten gesäumte Terrasse zu dem schattigen Weg, der zum Strand hinunterführte. Normalerweise wäre der Strand um diese Tageszeit mit bunten Sonnenschirmen gesprenkelt, unter denen sich sonnenhungrige Urlauber aalten. Wegen des schlechten Wetters der letzten Tage war heute jedoch kaum ein Mensch am Wasser, abgesehen von einer Großfamilie, die ausgelassen Kricket spielte.

Völlig untypisch für ihn empfand Alex eine prickelnde Ungeduld, wenn er an den heutigen Abend dachte. Plötzlich konnte er es kaum erwarten, die sinnliche Brünette wiederzusehen, mit der er ungeahnte Höhen der Lust erlebt hatte. Aber würde es auch heute noch so zwischen ihnen knistern wie damals?

Wie auch immer, sein seit Monaten schlummernder Jagdinstinkt war geweckt. Er hatte wieder Appetit.

Allerdings war er Realist genug, um zu erkennen, dass es schon an Besessenheit grenzte, wie er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, nur um eine Frau zu treffen, mit der er vor sechs Jahren ein einziges Mal Sex gehabt hatte. Spektakulären Sex, okay.

Sich dessen bewusst zu sein vertrieb leider nicht ihr Bild aus seinen Gedanken.

In diesem Moment sauste der Kricket-Ball auf ihn zu und hätte ihn sicher am Kopf getroffen, wenn er nicht blitzschnell ausgewichen und die Hand ausgestreckt hätte, um den Ball zu fangen. Seine Geistesgegenwart erntete begeisterten Applaus, gefolgt von bestürzten Entschuldigungen und der Einladung, mitzuspielen.

Freundlich lächelnd lehnte Alex ab und warf den Ball zurück, bevor er seinen Spaziergang fortsetzte.

„Los, renn!“, hörte er jemanden schreien. Er beobachtete eine Gestalt, die ihr Bestes tat, den Anfeuerungsrufen zu folgen. Moment mal …

Alex erstarrte.

Das Objekt seiner Begierde hatte er sich beim Sonnenbaden vorgestellt, oben ohne natürlich, dabei an einem Fruchtcocktail nippend. Nicht in Shorts und einem alten T-Shirt barfuß durch den schweren Sand stürmend, mit fliegendem Haar und wilde Kampfschreie ausstoßend.

„Ich hab ihn!“

Im nächsten Moment wurde sie von einem der männlichen Spieler eingeholt und zu Boden gerissen. Missbilligend beobachtete Alex die beiden, wie sie sich am Boden wälzten. Die Hände des Kerls schienen überall auf ihrem Körper zu sein. Erst nachdem Alex sich mit raschen Schritten entfernt hatte, bemerkte er, dass er kampfbereit die Fäuste geballt hatte.

Verschwitzt und voll auf das Spiel konzentriert, registrierte Angel nur am Rande, wie der hochgewachsene Mann oben auf der Promenade den verirrten Schlag parierte und den Ball mit bewundernswerter Präzision ins Spiel zurückwarf, was ihm begeisterten Applaus einbrachte.

Es gab unzählige hochgewachsene, dunkle, gut aussehende, athletische Männer auf der Welt, die eine Aura von Macht und Sex ausstrahlten. In den vergangenen Jahren hatte es also den einen oder anderen Moment gegeben, wo ihr fast das Herz stehen geblieben war, weil sie IHN zu erkennen glaubte. Natürlich war ER es dann doch nicht gewesen.

Die Chancen, IHM – sie dachte an Jasmines Vater immer in Großbuchstaben – tatsächlich noch einmal zu begegnen, waren äußerst gering, das war ihr bewusst. Und ausgerechnet hier? Wohl kaum. Angel zwang sich, die Aufmerksamkeit von der Gestalt in der Ferne wieder auf das Spiel zu richten. Trotzdem klopfte ihr Herz wie verrückt, während sie die laut herausgebrüllten Anweisungen des Werfers befolgte.

In der nächsten Sekunde fand sie sich am Boden liegend wieder, in einen Ringkampf mit dem Ehemann der Frau verwickelt, die sie zum Mitspielen eingeladen hatte. Als sie es schließlich geschafft hatte, sich zu befreien und auf die Füße zu springen, stolz den Ball hochreckend, war der dunkle Fremde in der Ferne verschwunden. Gut so. Manche Erinnerungen blieben besser tief begraben.

2. KAPITEL

Nach dem Spiel wurde Angel von der freundlichen Familie zum Tee eingeladen – die diamantene Hochzeit der Großeltern wurde gefeiert. Ein Nein kam nicht infrage. Also verschwand sie rasch in ihrem Bungalow, um zu duschen und sich umzuziehen, bevor sie sich der Festgesellschaft in einem der privaten Räume des Hotels anschloss. Ah, endlich konnte sie ein Stück Kuchen genießen, ohne dass jemand sie über den Kaloriengehalt belehrte.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Hotel fühlte sie sich halbwegs entspannt und amüsierte sich sogar ein bisschen, obwohl sie mit einem Kloß im Hals an ihre Tochter Jasmine denken musste. Was machte sie jetzt wohl gerade?

Also aß Angel mehr Kuchen und blieb viel länger als beabsichtigt. Nach dem turbulenten Nachmittag kam ihr die Stille in ihrem Bungalow ziemlich deprimierend vor, daran konnte auch die geschmackvolle und behagliche Ausstattung nichts ändern.

Sie bewohnte eine Suite mit separatem Schlafzimmer. An den weißen Wänden hingen Gemälde regionaler Künstler, die Räume waren im exklusiven Landhausstil eingerichtet. Eine private Terrasse mit eigenem Spa vervollständigte das luxuriöse Ambiente. Dazu kam noch der traumhafte Meerblick – weißer Zuckersand und klares türkisblaues Wasser, vereinzelte Palmen, strahlend blauer Himmel. Von den grauen Wolken, Wind und Regen war keine Spur mehr zu sehen.

Kein Wunder, dass das Hotel bei Hochzeitsreisenden so beliebt war, die das Glück hatten, sich dieses teure Resort leisten zu können. Tja, das Paradies ist eben nicht billig zu haben, dachte Angel. Doch so umwerfend es auch war, fehlte eine entscheidende Zutat, um dieses Paradies für sie vollkommen zu machen.

Seufzend tappte sie barfuß über den dunklen Holzfußboden. Ihr Herz zog sich zusammen, und Tränen schossen ihr in die Augen, als sie das gerahmte Foto von Jasmine zur Hand nahm.

„Kaum von zu Hause weg und schon heimwehkrank. Deine Mum ist ein Weichei“, krächzte sie und küsste das Foto des lachenden Mädchens. Entschlossen schluckte sie den Kloß im Hals hinunter. „Reiß dich zusammen, Angel“, ermahnte sie sich selbst und stellte das Bild behutsam wieder zurück auf die Anrichte.

Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf ihre Tochter schlüpfte sie in die flachen Sandaletten neben der Schlafzimmertür und schaute auf die Uhr. Mist, keine Zeit mehr, sich zurechtzumachen, sie kam ohnehin schon zu spät zum Sektempfang!

„Schale Drinks und vor dem schwerreichen Besitzer katzbuckeln, das wird bestimmt ein toller Abend.“ Angel zog sich selbst eine Grimasse, während sie sich im Spiegel musterte. Die Grimasse galt dem schwerreichen Besitzer, der hundertprozentig mit einem überdimensional großen Ego ausgestattet war.

Hm, überlegte sie, das dünne kobaltblaue Baumwollkleid mit dem grünen Spiralmuster konnte beim besten Willen nicht als Cocktailkleid durchgehen. Das Kleid war schulterfrei, und die Träger ihres Bikini-Oberteils spitzten hervor.

Angel bewegte sich zwar in der Welt der Mode, befolgte allerdings nicht sklavisch jeden neuen Trend. Sie wusste, was ihr stand, hatte ihren eigenen Stil und genug Selbstvertrauen, anzuziehen, was ihr gefiel.

Ausgeglichenheit und sicheres Auftreten hatte der Typ von der Casting-Agentur es genannt. Deshalb war seine Wahl auf sie gefallen. Und wegen ihrer endlos langen Beine. Damit hatte sie all die anderen bildhübschen Bewerberinnen in den Schatten gestellt.

Der Talentscout und sie waren inzwischen gute Freunde, obwohl ihr Bruder ihn damals beim ersten Treffen mit deutlichen Worten gewarnt hatte, bloß nicht zu versuchen, sie auszubeuten. Ihr Bruder schien der einzige Mann in ihrem Bekanntenkreis zu sein, der ihr nicht zutraute, auf sich selbst aufzupassen. Das war ziemlich anstrengend, aber er meinte es gut, das wusste Angel. Deshalb ließ sie ihn gewähren, obwohl seine Methoden manchmal ein bisschen mittelalterlich waren.

Mit einer geschickten Bewegung öffnete sie den Verschluss des Bikinioberteils und zog den winzigen Stofffetzen aus der Ärmelöffnung. Fertig. Achtlos warf sie das Top aufs Bett und zupfte an ihrem Ausschnitt, zog ihn ein bisschen höher. Ja, so war es besser.

„Vielleicht noch eine Perlenkette?“ Angel lachte in sich hinein, bevor sie ihr Spiegelbild düster ermahnte: „Selbstgespräche sind die ersten Anzeichen von Wahnsinn, Angel.“

Sie schnappte sich die schillernde grüne Glasperlenkette, die sie bei einem fliegenden Händler erstanden hatte, bevor ein Security-Guard den Mann vom Privatstrand des Hotels vertreiben konnte. Im Gehen schlang sie sich die Kette um den Hals. Es kam nicht darauf an, was man trug, sondern wie man es trug. Ein Klischee, aber deshalb nicht weniger wahr.

Es passierte selten, dass Alex das Bedürfnis verspürte, seine Handlungen schönzureden. Warum sollte er also jetzt damit anfangen? Objektiv betrachtet hatte er nichts weiter getan, als Nicos Vorschlag zuzustimmen. Er hatte seinen Neffen unterstützt, das war völlig normal. Außerdem hatte er hier geschäftlich einiges zu erledigen.

Na gut, ein bisschen Neugier war schon im Spiel, das gab er ja zu. Trotzdem, er hatte sich nicht einzig aus dem Grund auf die Sache eingelassen, um eine Frau wiederzusehen, mit der er ein einziges Mal geschlafen hatte.

Natürlich hast du das nicht, Alex, es hat sich einfach so ergeben.

Genau! Man konnte ihm schließlich nicht vorwerfen, dass er die Gelegenheit nutzte und zwei Fliegen mit einer Klappe schlug, oder?

Normalerweise war er stolz darauf, dass er ganz und gar in der Gegenwart lebte und so gut wie nie über die Vergangenheit nachgrübelte. Doch als ihn nun eine Welle heißen Verlangens durchfuhr, dachte er unwillkürlich zurück an jene Situation vor sechs Jahren, als er, einem Impuls folgend, aus seinem Wagen gesprungen war, der im Feierabendverkehr feststeckte, um zu Fuß weiterzugehen.

Was, wenn er das nicht getan hätte …?

Die junge Frau war vom Bürgersteig auf die belebte Straße gestolpert, und er hatte sie buchstäblich unter den Rädern eines Busses hervorgezogen.

Die Erinnerung an diesen Moment war so lebendig, dass er meinte, die Autoabgase zu riechen und das Quietschen der Bremsen zu hören. Und den entsetzten Aufschrei eines Passanten, des einzigen Zeugen dieser Beinahe-Katastrophe.

Alex hatte aus einem reinen Reflex heraus reagiert, mit Heldentum hatte das nichts zu tun gehabt. Auch die Reaktion seines Körpers folgte rein reflexartig, als er die Gestalt in seinen Armen umdrehte und in das Gesicht einer faszinierend schönen jungen Frau blickte. So faszinierend, dass er den Blick nicht von ihr lösen konnte.

Sein Ärger schmolz wie Schnee in der Sonne.

Sie war einfach hinreißend!

Allein die Vorstellung, es wäre etwas passiert, und diese unvergleichliche Schönheit wäre für immer entstellt … Er erinnerte sich an ihre gerade schmale Nase, an volle sinnliche Lippen, unglaublich grüne mandelförmige Augen, von langen dunklen Wimpern umrahmt. Schön geschwungene Augenbrauen, eine reine, samtene, olivfarben schimmernde Haut …

Er hatte die atemberaubende Verkörperung von Sinnlichkeit in den Armen gehalten, und seine Libido reagierte sofort.

Am liebsten hätte er die junge Frau gar nicht wieder losgelassen. Plötzlich wurde ihm peinlich bewusst, dass sie bestimmt spürte, wie hart er war. Da gab er sie abrupt frei, aber stützte sie immer noch leicht am Ellbogen.

Sie hatte aufgekeucht und ihn irritiert angeblinzelt. Selbst in den flachen Stiefeln, die sie trug, war sie ungewöhnlich groß für eine Frau. Und mit ihren reizvollen Kurven füllte sie ihre Jeans und das T-Shirt äußerst verlockend aus.

„Alles okay mit Ihnen?“, hatte er sie gefragt.

Sie hatte genickt, und eine Strähne des hüftlangen ebenholzschwarzen Haars war ihr ins Gesicht gefallen. Mit einem verlegenen Lächeln blickte sie prüfend an sich hinunter. „Scheint noch alles dran zu sein“, murmelte sie benommen.

Ihre Stimme hatte ein sexy raues Timbre, das ihn erschauern ließ.

„Es stimmt, was man sagt: Das Leben zieht in Sekundenschnelle wie ein Film an einem vorbei.“ Sie legte den Kopf zurück und sah ihn an. „Wow!“, brachte sie leicht atemlos hervor.

Alex ertappte sich dabei, dass er grinsen musste. Ihre Offenheit fand er charmant. Jetzt registrierte er eine verräterische Röte in ihren Wangen und an ihrem Hals. Entzückend. Er konnte sich nicht erinnern, je einer Frau begegnet zu sein, die ihre Gefühle so wenig verbergen konnte. Trotz ihrer Verlegenheit hielt die hinreißende junge Frau seinem Blick stand.

„Ich glaube, Sie haben mir gerade das Leben gerettet“, sagte sie.

„Ist das Ihr Hobby? Sich vor fahrende Wagen werfen?“, gab er achselzuckend zurück.

„Nein, das war eine Premiere.“ Ihr Blick suchte seinen, und ihre raue Stimme klang noch eine Spur atemloser als zuvor.

Alex bemerkte, dass sie zitterte. War es der Schock? Oder war sie genauso erregt wie er?

Herausfordernd hob sie das Kinn an und fragte: „Darf ich …? Gestatten Sie mir, Sie zu einem Kaffee einzuladen, als kleines Dankeschön? Das ist wirklich das Mindeste, was ich tun kann, es sei denn, Sie …“

„Kaffee klingt wunderbar“, hörte er sich selbst sagen.

Sie stieß einen leisen Seufzer aus und strahlte erfreut. Und hatte ihm erlaubt, den Griff um ihren Arm leicht zu verstärken …

Energisch schob Alex die Erinnerung beiseite, die wie immer mit nagenden Schuldgefühlen verknüpft war. Einerseits war ihm natürlich klar, dass diese Schuldgefühle irrational waren. Damals war er schon nicht mehr verheiratet gewesen, hatte niemanden betrogen, war frei, zu schlafen, mit wem er wollte.

Selbst zu ihren Lebzeiten hatte Emma ihm ihren Segen für eine Geliebte gegeben. Alex war ganz sicher nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber als sie dieses Thema zum ersten Mal zur Sprache brachte, hatte Emma es geschafft, ihn zutiefst zu erschüttern. Er hatte gespürt, dass sie etwas bedrückte, und sie gedrängt, sich ihm anzuvertrauen. Mit so einer Antwort hatte er im Traum nicht gerechnet.

„Du bist ein Mann, hast Bedürfnisse, die ich nicht … Und du warst so geduldig mit mir, hast mir nie vorgeworfen, dass ich dir nicht von Anfang an von meiner MS erzählt habe. Ich wollte es ja, aber irgendwie hoffte ich, der nächste Schub käme erst in Jahren oder vielleicht auch gar nicht mehr.“

„Es hätte nicht das Geringste zwischen uns geändert, wenn ich es gewusst hätte“, hatte er erwidert. Aber stimmte das auch? Allein, diese Frage zuzulassen, war ihm schon wie Verrat vorgekommen.

„Das weiß ich doch, Alex. Tatsache ist, du hattest nicht die Möglichkeit, dich zu entscheiden. Ich habe dir diese Chance genommen. Falls du also … Na ja, du weißt schon … Falls du mal mit einer anderen ausgehen möchtest oder so … Für mich ist das okay, ehrlich. Ich muss es ja nicht wissen, möchte es gar nicht wissen, wenn du nur bei mir bleibst, solange ich … Ich hasse Krankenhäuser so sehr, Alex …“

Aha, darum ging es also. Emma fürchtete sich davor, dass er sie in irgendein anonymes Pflegeheim abschieben würde. Es hatte ihn sehr traurig gemacht, dass seine Frau bereit war, ihn mit anderen Frauen zu teilen, nur damit er sie nicht verließ. Damit sie weiter in dem Haus bleiben konnte, das sie nach ihrer Hochzeit mit so viel Begeisterung eingerichtet und dekoriert hatte. Sie hatte an so vielen Dingen Spaß gehabt, bevor ihre multiple Sklerose wieder ausgebrochen war und sie schließlich umgebracht hatte.

Kaum ein Jahr nach der Hochzeit saß sie bereits im Rollstuhl, von Schuldgefühlen zerfressen, weil sie ihm vor der Eheschließung ihre Krankheit verschwiegen hatte. Die ständigen Entschuldigungen waren schwer zu ertragen gewesen und hatten ihn oft ärgerlich und ungeduldig gemacht. Was zu neuen Schuldgefühlen führte. Ein schrecklicher Teufelskreis.

„Das ist unser gemeinsames Zuhause, Emma, unser Zuhause.“ Ihre Hand fühlte sich so zart und zerbrechlich an. „Ein Pflegeheim kommt gar nicht infrage. Und es wird auch keine anderen Frauen geben, das schwöre ich dir.“

Alex hatte Wort gehalten. Auch nach Emmas Tod hatte er sich nicht frei gefühlt, obwohl es keine Ehe mehr gab. Nachdem er mit Angelina geschlafen hatte, kam es ihm wie ein Betrug vor, ein Verrat an seiner Frau Emma, an die er sich im Herzen immer noch gebunden fühlte.

In jener Nacht, während dieses unbeschreiblichen Rauschs der Sinne, hatte er allerdings nicht ein einziges Mal an Emma gedacht. Wie hatte er sie einfach vergessen können, auch nur einen Moment lang? Am nächsten Morgen wollte er nur noch weg, so schnell wie möglich.

Wie die Sache wohl gelaufen wäre, hätte er die bezaubernde Angelina noch zu Emmas Lebzeiten kennengelernt? Hätte er ihr widerstehen, sich an sein Versprechen halten können? Diese Frage ließ ihn einfach nicht los. Eine Antwort würde es nie geben. Selbst wenn, wäre ihm das kein Trost, das ahnte er.

Er gefiel sich darin, Schwäche bei anderen großzügig zu verzeihen. Die Standards, die er bei sich selbst anlegte, waren dagegen umso höher. Obwohl er sich an jenem Morgen danach so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht hatte, verfolgte ihn die Erinnerung an die heiße Nacht seit damals.

Nun, er hatte vor, die Gespenster der Vergangenheit ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen. Blieb nur zu hoffen, dass sich alles so entwickelte, wie er es sich vorstellte.

„Fehlt nur noch der Star.“ Irritiert merkte Alex, dass seine Blicke immer wieder Richtung Eingang wanderten. „Die Lady legt es wohl auf einen großen Auftritt an, was?“, kommentierte er ironisch.

„Sie ist wirklich nett“, verteidigte Nico sie.

Alex nickte bedächtig.

„Sie gibt sich immer ganz natürlich, Diva-Allüren kann man ihr wirklich nicht vorwerfen“, meldete sich jetzt der Geschäftsführer des Kosmetikunternehmens zu Wort. Er lachte in sich hinein, wie über einen privaten Witz, und nippte an seinem Orangensaft. „Jedenfalls braucht sie keine spektakulären Aktionen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sobald Angel einen Raum betritt, existiert keine andere Frau mehr. Punkt.“

Alex stellte sich Angelina – oder besser gesagt Angel, wie sie sich offenbar inzwischen nannte – in seinem Hotelzimmer vor. In jener Nacht vor sechs Jahren. Sie hatte es geschafft, ihn sogar Emma vergessen zu lassen. Er biss die Zähne zusammen, um das Bild zu vertreiben: Angel nackt auf seinem Bett sitzend, unbekümmert, als hätten sie nicht einfach nur fantastischen Sex gehabt, sondern als gäbe es ein Morgen, eine gemeinsame Zukunft für sie beide.

Unwillkürlich fragte er sich, ob die Bewunderung des Geschäftsführers wirklich rein beruflicher Natur war. Schlief der Kerl etwa mit ihr? Das würde ihn ganz und gar nicht wundern, argwöhnte Alex, besonders wenn er an die Branche dachte, in der sie arbeitete.

„Rudie sagt, Angel besteht förmlich nur aus Schokoladenseiten“, informierte ihn Nico, anscheinend der selbst ernannte Vorsitzende von Angels Fanclub.

„Und wer bitte ist Rudie?“

„Unser Beleuchter, einer der besten übrigens.“

Und bestimmt ebenfalls in Angel verliebt, dachte Alex grimmig.

Oh nein, ich komme viel zu spät, dachte Angel, als sie auf die Tür zuging. Am liebsten hätte sie sich ganz unauffällig wieder in ihren Bungalow zurückgeschlichen. Sie musste über sich selbst schmunzeln. Ausgerechnet sie verdiente ihren Lebensunterhalt damit, vor der Kamera zu posieren, obwohl sie es hasste, im Mittelpunkt zu stehen.

Im Türrahmen zögerte sie noch einen Moment und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die warme Brise spielte mit dem dünnen Stoff ihres Kleids und schmiegte ihn um ihre langen Beine.

In diesem Moment entdeckte Ross, der Fotograf, sie und begrüßte sie mit begeistert hochgerecktem Daumen, wobei er sich versehentlich etwas Wasser aus seinem Glas aufs Hemd schüttete. Alle Welt nahm an, er hätte ein Alkoholproblem, und er ließ die Leute in dem Glauben. Irgendwann hatte er Angel mal anvertraut, dass er Alkohol schlichtweg nicht mochte. Er fand aber, dass das Image eines Exalkoholikers ihm das gewisse Extra verlieh.

Angels spontaner Lachanfall machte die anderen auf sie aufmerksam. Jede Menge Luftküsschen flogen in ihre Richtung.

Tja, in einem hatte sie richtig vermutet: Sie war definitiv underdressed. Mit Ausnahme von Ross waren die Männer in Anzug und Krawatte erschienen, die Frauen trugen elegante Cocktailkleider.

„Das Warten hat sich gelohnt“, hörte Alex jemanden sagen, und er stimmte im Stillen zu.

Angels Anblick war einfach atemberaubend. Bereits vor sechs Jahren hatte ihn ihre natürliche Anmut bezaubert, und ihre Sinnlichkeit hatte sie umso hinreißender gemacht, weil sie nicht einstudiert wirkte. Auch heute noch zeichneten sie diese Attribute aus, aber man merkte ihrem selbstbewussten Auftreten an, dass sie sich ihrer Schönheit bewusst war und ihre Wirkung genoss.

Genauso wie jeder anwesende Mann im Raum.

Allein der Gedanke verdarb Alex schon die Laune.

Die Distanz der Jahre schrumpfte, als Alex ihren wunderschönen Körper von Kopf bis Fuß voller Bewunderung musterte. Sie war barfuß, die Zehennägel waren korallenfarben lackiert. Die zarten Riemchensandaletten trug sie in der Hand.

Sie erweckte den Eindruck, als hätte sie nicht den geringsten Aufwand auf ihr Aussehen verschwendet, trotzdem stach sie sämtliche Frauen im Raum mühelos aus. Hatte sie absichtlich ein so lässiges Kleid gewählt, um sich von der Menge abzuheben? Falls ja, hätte sie sich die Mühe sparen können. Sie könnte in Sack und Asche erscheinen und würde doch jede andere Frau in den Schatten stellen.

Ihr Anblick in dem Kleid aus halb durchscheinendem Stoff, das jeden Zentimeter ihrer sündhaft langen, schlanken Beine erahnen ließ, erinnerte ihn an die Statuen antiker griechischer Göttinnen. Ihre nackten Schultern schimmerten golden, und das Oberteil ihres Kleids schmiegte sich sanft um ihre hohen festen Brüste. Ein lockerer Gürtel hielt den weich fallenden Stoff in der Mitte zusammen und betonte ihre schmale Taille.

Soweit Alex es beurteilen konnte, hatte sie kein Make-up aufgelegt. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit dem vollen sinnlichen Mund, der hübschen Nase und den ausdrucksvollen grünen Augen wurde umrahmt von schwarzen, vollen glänzenden Haaren, die ihr in lockeren Wellen bis zum Po fielen.

Zum Glück hatte sie schon ein Glas in der Hand gehalten, an das sie sich klammern konnte, dachte Angel später, als sie den Abend noch einmal Revue passieren ließ. Denn nachdem der Fotograf sie auf den Milliardär aufmerksam gemacht hatte, der so großzügig seine Privatinsel für die Dreharbeiten zur Verfügung stellte, hatte sie sich im ersten Moment gefühlt, als ob sie gleich ohnmächtig werden würde.

Der Schock hatte sie völlig unvorbereitet getroffen. Sie konnte nicht mehr klar denken, in ihrem Kopf herrschte absolute Leere. Das konnte doch unmöglich wahr sein …

Ihr Puls raste wie wild, und sie hatte das Gefühl, eine eiskalte Hand packe ihr Herz und drücke zu. Nur mühsam bekam sie Luft, und sie fing trotz der Wärme im Raum an zu zittern.

So musste sich eine Panikattacke anfühlen, dachte sie vage, oder ertrinken … Sie spürte eine Art Sog, der sie tiefer und tiefer in eisige Schwärze hinabzuziehen schien …

Doch irgendwie schaffte sie es, tief durchzuatmen und sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen. Sie wartete darauf, dass das wilde Pochen ihres Herzens sich beruhigte. Am liebsten wäre sie weggelaufen, aber das hätte sie gar nicht gekonnt, denn ihre Beine schienen ihr nicht mehr zu gehorchen, fühlten sich taub und schwer an.

Mit einem Zug trank sie ihr Glas leer. Sie spürte, dass ER auf sie zukam, sie musste ihn dafür gar nicht sehen. Sie wusste es einfach. Trotzdem brachte sie es fertig, etwas zu der jungen Frau neben sich zu sagen, zu Sandy, der Maskenbildnerin. Anscheinend war ihr eine lustige Bemerkung gelungen, denn Sandy lachte amüsiert auf.

Im nächsten Moment erkundigte sie sich besorgt: „Ist dir kalt? Du zitterst ja.“

Angel schüttelte den Kopf. „Nein, mir ist nicht kalt.“ Das stimmte. Die Mischung aus Champagner und Brandy in ihrem Cocktail entfaltete ihre Wirkung und durchströmte si...

Autor

Jennifer Taylor
Jennifer Taylor ist Bibliothekarin und nahm nach der Geburt ihres Sohnes eine Halbtagsstelle in einer öffentlichen Bibliothek an, wo sie die Liebesromane von Mills & Boon entdeckte. Bis dato hatte sie noch nie Bücher aus diesem Genre gelesen, wurde aber sofort in ihren Bann gezogen. Je mehr Bücher Sie las,...
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Angela Devine
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