Susan Mallery Edition Band 19

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FINGER WEG VOM PLAYBOY-BOSS!

„Sobald dir eine Frau verfallen ist, verlierst du das Interesse!“ Sabrina hat längst durchschaut, wie ihr sexy Playboy-Boss Cal Langtry tickt. So ein Mann ist nichts für sie! Trotzdem ist sie machtlos gegen das erregende Prickeln, das sie in der Nähe des Millionärs verspürt …

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Schlaf nicht zweimal mit derselben Frau! Eine eiserne Regel von Kane, der feste Bindungen scheut. Die temperamentvolle Wilma Nelson ist da anderer Meinung – weil sie spürt, wie sehr er sich nach einer zweiten Nacht mit ihr sehnt. Und nach einer dritten und vierten …

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Weil der umwerfende Jack Howington III. sie als junges Mädchen zurückgewiesen hat, will Meredith am Kumpel ihres großen Bruders Rache nehmen. Sie wird ihn wie eine Sirene locken, bis er vor ihr auf den Knien liegt. Doch ihr Plan entpuppt sich als Spiel mit dem Feuer …


  • Erscheinungstag 22.08.2026
  • Bandnummer 19
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538657
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Mallery

SUSAN MALLERY EDITION BAND 19

Susan Mallery

1. KAPITEL

„Madam findet es sicher sehr schön, stimmt’s?“ Beifall heischend blickte sie der Verkäufer hinter der Vitrine an.

Sabrina Innis betrachtete das mit Diamanten besetzte Armband an ihrem Handgelenk. »Ja, der Madam gefällt es.“ Sie nickte dem jungen Verkäufer zu und sah dann zu ihrem Boss. »Sehr exklusiv. Und obendrein noch zehn Karat. Vielleicht doch lieber einen kleinen Sportwagen? Das wäre bestimmt billiger.“

Calhoun Jefferson Langtry richtete sich mit seinen eins neunzig auf und hob die Augenbrauen. »Der Preis spielt keine Rolle, das müsstest du mittlerweile von mir wissen. Es soll eine ernst gemeinte Geste sein, aber auch elegant.“

Sie öffnete das Armband und legte es neben die anderen Schmuckstücke der engeren Auswahl: einen goldenen Armreif mit eingearbeiteten Diamanten und Smaragden und eine Rolex. »Ich erkenne das Prinzip“, stellte sie fest. »Lauter Schmuckstücke fürs Handgelenk. Fast wie Handschellen. Ist das deine Art, Tiffany mitzuteilen, dass sie dich nicht so eng hätte an sich binden sollen?“

Für diese Bemerkung handelte sie sich von Cal ein Stirnrunzeln ein, das sie mit einem Lächeln erwiderte.

»Dies hier.“ Sie deutete auf den Armreifen mit den Smaragden und Diamanten.

Der Verkäufer wartete auf Cals Zustimmung.

»Sie haben die kleine Lady gehört. Packen Sie’s ein.“

»Ja, Sir.“

Sabrina richtete sich auf. Nach sechs Jahren in Texas war sie es gewohnt, kleine Lady genannt zu werden. Schon oft hatte sie Cal vorgeworfen, er benehme sich diesbezüglich wie in einem alten Western mit John Wayne.

Natürlich zeigte er sich auch gern als weltgewandter Großstädter, der über die Politik und die Finanzmärkte plaudern und zu jedem Essen den perfekten Wein auswählen konnte. Aber in ihrer Gegenwart war er einfach Cal Langtry, der reiche Öl-Tycoon und Playboy aus Texas.

Sie sah auf das Schmuckstück, das der Verkäufer gerade in eine Samtschachtel legte. Schon sehr bald würde dieser Playboy wieder Single sein. »Weiß Tiffany es schon?“

Cal unterschrieb gerade die Kreditkartenquittung, und Sabrina nahm dem Verkäufer das Geschenk ab. Sie war dafür verantwortlich, einen angemessenen Text zu verfassen und die Karte samt Geschenk an die Empfängerin zu schicken.

Cal ging zum Ausgang voraus und hielt ihr die Tür auf. »Eher nicht.“

Grelles Sonnenlicht und die Frühlingshitze schlugen Sabrina entgegen. Sie lebte hier zwar schon so lange, aber an die hohe Luftfeuchtigkeit hatte sie sich immer noch nicht gewöhnt. Fast meinte sie zu spüren, wie sich ihre Haare wieder lockten. Wieso erfand eigentlich niemand ein Haarspray, das auch dem Wetter in Houston standhielt?

Sie gingen zur parkenden Limousine. Wie immer wartete Cal höflich, bis Sabrina sich gesetzt hatte.

Sie stellte sich gern vor, dass er das nur tat, um zuzusehen, wie ihr der Rock an den Schenkeln nach oben rutschte. Doch Cal sah gar nicht hin.

Besser so, dachte sie. Wenn ich derart gut aussähe wie mein Boss, dann würden wir überall einen Menschenauflauf verursachen.

Sabrina war eher der Typ, der unbemerkt in der Menge untertauchen konnte.

Behutsam legte sie das Päckchen zwischen Cal und sich auf den Rücksitz. »Ein Geschenk von Tiffany für Tiffany. Ob das deiner zukünftigen Ex wohl auffällt?“

»Fang nicht so an.“ Cals Tonfall klang warnend. »Tiffany ist ein Prachtmädchen.“

»Da kann ich nur voll und ganz zustimmen.“

»Okay, sie ist nicht gerade die klügste Person auf unserem Planeten.“

»Die Untertreibung des Jahres.“

Cal runzelte die Stirn.

Sabrina spielte die Verängstigte und ließ sich in ihre Ecke der Rückbank sinken. »Oh, Mr Langtry, bitte bestrafen Sie mich nicht für meine unbedachte Frechheit. Ich bin doch nur Ihre kleine Angestellte. Ich brauche diesen Job, um meine verwaisten Brüder und Schwestern zu versorgen. Ich werde alles tun, damit Sie mir wieder wohlgesonnen sind.“ Zur Bekräftigung schlug sie die Augen nieder.

Cal wandte sich ihr zu. »Verdammt, Sabrina, wieso kann ich dir nicht böse sein?“

»Weil ich immer recht habe, und weil du insgeheim weißt, dass ich klüger bin als du. Deshalb fühlst du dich von mir eingeschüchtert, aber das willst du dir nicht anmerken lassen.“

»Träum weiter.“ Er deutete auf das Geschenk. »Wieso diesen Armreifen und nicht das Armband oder die Rolex?“

Einen Moment lang sah sie ihn schweigend an. »Die Wahrheit?“

»Oh, ich ahne es schon. Die Gründe werden mir nicht gefallen. Aber nur zu: Sag mir die Wahrheit.“

Sie zuckte mit den Schultern. »Tiffany ist ein süßes Mädchen, aber noch sehr jung. Ihr Geschmack ist … sagen wir mal … noch nicht ganz entwickelt. Das Diamantarmband war schön, aber schlicht. Mit den Smaragden funkelt dieser Armreifen noch stärker, und das wird ihr sicher gefallen.“

»Einverstanden. Und wieso nicht die Armbanduhr?“

»Cal, wir sprechen hier von Tiffany. Die Rolex war keine Digitaluhr, und ich bin mir nicht sicher, ob Tiffany auch von einer Uhr mit Zeigern die Zeit ablesen kann.“

»Erinnere mich dran, dass ich dich entlasse, sobald wir wieder im Büro sind.“

»Du hast dich doch für Tiffany als Freundin entschieden. Und ich darf mich jetzt um die Abwicklung des Beziehungsendes kümmern. Was soll auf der Karte stehen?“

Er verlagerte sein Gewicht. »Irgendwas Nettes. Dass die Zeit mit ihr toll war, aber dass wir verschiedene Ziele im Leben haben. Das Übliche. Und wieso hast du ständig was an den Frauen auszusetzen, mit denen ich zusammen bin?“

»Frauen? Tiffany ist gerade mal zwanzig. Wenn du dir tatsächlich mal eine richtige Frau als Partnerin nimmst, hätte ich bestimmt nichts auszusetzen.“

»Colette war schon fast achtundzwanzig. Die zählt.“

Richtig. Vor Tiffany war Shanna gewesen, und davor Colette. »Okay, Colette zählt als richtige Frau.“ Sabrina seufzte. »Aber …“

»Aber? Worauf willst du hinaus?“

»Auf das Gleiche wie immer: Du bist einigermaßen gescheit …“ Seinen zornigen Blick ignorierte sie einfach. »Halbwegs gut aussehend.“

Die Zornesfalte auf seiner Stirn vertiefte sich.

Sabrina war klar, dass das nicht stimmte. Cal als »halbwegs gut aussehend“ zu bezeichnen, war so, als würde man New York City ein »großes Dorf“ nennen.

»Du kannst vollständige Sätze formulieren und bist ein sehr erfolgreicher Mann. Trotzdem hast du in den sechs Jahren, die ich dich jetzt kenne, nicht eine ernsthafte Beziehung gehabt. Du bist jetzt vierunddreißig. Wann willst du endlich sesshaft werden?“

»Ich hatte lange Beziehungen.“

»Es zählt nicht, wenn man die Anzüge jahrelang in dieselbe Reinigung bringt. Sieh’s ein, Chef, dich interessiert nur die Eroberung. Sobald dir eine Frau verfallen ist, verlierst du das Interesse. Sehnst du dich niemals nach mehr?“

Düster sah er sie aus seinen braunen Augen an. »Mein Privatleben geht dich nichts an.“

Sie hob das Päckchen mit Tiffanys Geschenk. »Es ist Teil meines Jobs.“ Ihre Worte klangen jetzt nicht mehr scherzhaft.

Unwillig stieß er die Luft aus.

Diesen Laut kannte Sabrina. Er wollte nicht mehr darüber sprechen. Manchmal ging sie darüber einfach hinweg, wenn ihr das Thema wichtig war, aber diesmal gab sie Ruhe. Abgesehen von diesen Abschiedsgeschenken hielt sie sich tatsächlich aus seinem Privatleben heraus. Sie bewunderte Cal in vieler Hinsicht, aber nicht wegen seiner Frauengeschichten.

Die Limousine hielt vor dem westlichen Gebäudekomplex im Galleria-District von Houston.

Sabrina stieg aus, trat in die Hitze und lächelte Cals Chauffeur zu. Dann folgte sie ihrem Chef in das Gebäude, in dem sich die Büros von »Langtry Oil and Gas“ befanden.

Die Geschäftsräume nahmen die obersten drei Stockwerke des Hochhauses ein. Während Cal direkt zu seinen Zimmern ging, blieb Sabrina noch bei ihrer Sekretärin Ada stehen, um sich die Post zu holen und einen kleinen Plausch zu halten.

»Was hast du ausgesucht?“ Lächelnd beugte Ada sich vor. Sie war Mitte fünfzig und arbeitete hier schon seit Jahren.

Als Sabrina ihre Stelle angetreten hatte, war ihr die Entscheidung über eine passende Assistentin sehr wichtig gewesen. Ada galt als eigenwillig und manchmal mürrisch, aber sie kannte sich bestens im Ölgeschäft aus, und ihr entging kein einziges Gerücht im gesamten Konzern.

Sabrina reichte ihr das Päckchen für Tiffany, und Ada zog die Augenbrauen hoch. »Tiffany für Tiffany? Diesen Scherz bekommt das Mädchen sicher gar nicht mit.“

»Dachte ich mir auch, aber ich fand’s trotzdem witzig.“

Während Ada die Schmuckschachtel öffnete und den Armreifen betrachtete, sah Sabrina ihre Post durch. »Was gibt’s Neues?“

»Nummer zehn stößt bestimmt noch heute Nacht auf Öl, spätestens morgen. Die Ingenieure sagen zwar, es dauert mindestens noch drei Tage, aber das glaube ich nicht.“ Ada probierte den Armreifen an, packte ihn wieder ein und seufzte. »Eine wirklich gute Wahl. Sie wird ihn lieben.“

»Das soll sie auch. Um ihr den Verlust etwas leichter zu machen. Mir persönlich wäre allerdings Bargeld lieber.“

»Mir auch. Sag Cal bitte, dass ich bereit bin. Unsere Affäre kann jederzeit beginnen. Oder wir überspringen die Affäre einfach und kommen gleich zum Abschiedsgeschenk. Ich möchte etwas mit Bon, das ich ohne Schwierigkeiten wieder zurückgeben kann. Denk dran, wenn du’s aussuchst, Sabrina.“

Lachend stand Sabrina auf. »Klar, ich sag’s ihm. Aber ich weiß nicht, ob ihm das gefällt, dass du nur an dem Geschenk interessiert bist und nicht an ihm. Er hält sich selbst für den absoluten Hauptgewinn.“

»Ist er ja auch. Aber ich könnte seine Mutter sein. Du dagegen …“

»Schluss jetzt, Ada. Kein Interesse, das weißt du.“ Sie ging den Flur entlang. »Bis später.“

»Du kannst nicht immer immun gegen ihn bleiben“, rief Ada ihr nach.

»Doch, das kann ich.“ Sabrina stieg die elegante Wendeltreppe hinauf zu den Büros der leitenden Angestellten. Sie hatte Ada angeboten, auch ins obere Stockwerk zu ziehen, aber Ada hatte gemeint, sie müsse unten bleiben, sonst würde ihr nicht mehr jedes Gerücht zu Ohren kommen.

Sabrina sortierte die Eingangspost. Nichts Eiliges, nichts, was sie nicht selbst klären konnte. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und sah kurz ihre E-Mails durch, dann ging sie zu Cals Bürotrakt.

Zwei Wände des Eckbüros waren komplett verglast. Der Schreibtisch wirkte fast so groß wie ein Hubschrauberlandeplatz, und außer einem riesigen Besprechungstisch und zwei Sitzgruppen aus Leder gab es noch einen Flachbildschirm an der Wand und einen temperierten Weinschrank. Sogar eine richtige Küche mit Essbereich grenzte an das Büro, zudem ein großes Bad mit Dusche und Whirlpool. Ein eigener Fahrstuhl führte direkt hinunter in die Tiefgarage.

Sabrina ging zum Schreibtisch, hinter dem Cal telefonierte, und versuchte, die fantastische Aussicht über die Stadt zu ignorieren. Von hier aus hatte sie schon Gewitter gesehen, wunderschöne Sonnenuntergänge und sogar einen Tornado, der am Horizont übers Land gefegt war. Für ihren Geschmack gab es in Texas viel zu viel Wetter. Sie vermisste den Süden Kaliforniens, wo man die Jahreszeiten nur an der Art der Kleidung erkannte, die gerade in den Schaufenstern hing.

Cal beendete das Telefonat und bat sie, Platz zu nehmen.

Sie setzte sich in einen der Ledersessel und legte das Päckchen für Tiffany auf den Sessel daneben.

Einen Moment sah Cal ihr in die Augen, dann wandte er den Blick ab, fast so, als sei ihm die Situation peinlich. Seltsam.

»Was ist los?“

»Gar nichts.“ Er schüttelte den Kopf. »Ich muss mich da noch um etwas kümmern. Etwas … Persönliches.“

»Oh.“ Sie wusste fast alles aus Cals Leben, und es war schon lange her, seit es bei ihm etwas »Persönliches“ gegeben hatte, von dem sie nichts erfuhr.

»Es ist nicht so wichtig.“ Er deutete auf die Post in ihrer Hand und wechselte bewusst das Thema. »Irgendwas davon für mich?“

»Das kann ich alles selbst regeln. Nur ein paar Einladungen.“

Cal verzog das Gesicht. »Charity-Events?“

»Selbstverständlich.“

»Schick einfach einen Scheck.“

Sabrina unterdrückte ein Lächeln. Wenn Cal gerade nicht mit einer Frau zusammen war, ließ er sich fast nie in der Öffentlichkeit sehen. Trotzdem wurde er von den Organisatorinnen der Wohltätigkeitsveranstaltungen immer wieder eingeladen, weil er mit seinem trockenen Humor jede steife Veranstaltung auflockern konnte.

Ein paar Monate, dachte Sabrina, dann hat er einen würdigen Ersatz für Tiffany gefunden und stürzt sich wieder ins Partyleben.

»Ich habe von Bohrstelle Nummer zehn gehört.“ Er räusperte sich. »Die Ingenieure sagen, es dauert noch drei bis vier Tage, aber ich bin sicher, innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden werden wir fündig.“

Wie konnte er das so treffend aus den spärlichen Tagesberichten schließen? Ada hatte fast genau dasselbe gesagt. Aber sie bekam ihre Informationen von einem alten Ölarbeiter, der sie immer anrief, sobald eine Bohrung kurz vor dem Durchbruch stand.

»Und was sagt Ada?“

»Dasselbe. Höchstens noch ein Tag.“

Sabrina lächelte. Cal sah, wie die Nachmittagssonne ihre kurzen roten Haare schimmern ließ. Die Frisur war stufig geschnitten und reichte bis knapp zum Kragen. Ihr Gesicht war ebenmäßig und hübsch, aber unauffällig. Sie hatte ein schönes Lächeln, blaue Augen und war intelligent.

Über ihre Figur konnte Cal nur Vermutungen anstellen. Seit er sie kannte, trug sie zwar taillierte, aber nie figurbetonte Kleidung. Selbst auf Geschäftsreisen, abends in Freizeitkleidung, kannte Cal sie nur in weiten Shorts und weitem T-Shirt.

Aber er war ohnehin nicht sonderlich an ihrem Körper interessiert. Für ihn stellte sie die perfekte Assistentin dar: Sie war aufmerksam und sagte ihm offen die Meinung. Mittlerweile verließ Cal sich auf ihre Einschätzungen. Dass sie ihn nicht erregte, war nur noch ein weiterer Vorteil. Er wollte sich nicht ablenken lassen, und er konnte es sich nicht erlauben, sie zu verlieren.

Wie würde sie reagieren, wenn sie erfuhr, dass er eben von der Herausgeberin des »Prominence Magazine“ angerufen worden war? Schon gestern hatte er per Post erfahren, dass er zu einem der begehrtesten Junggesellen der Welt gewählt worden war. Eigentlich hatte er höflich und freundlich auf diese Ehrung verzichten wollen, aber die Reporterin hatte ihn zu einem Interview überredet. Cal konnte sich gut vorstellen, wie Sabrina sich darüber amüsieren würde, wenn sie von dieser »Ehre“ erfuhr.

Die nächsten Stunden sprachen sie über die anstehenden Termine. »Vergiss nicht die Reise nach Singapur Ende September“, sagte er. »Wegen des Joint Ventures über die Bohrungen.“

»Schon vermerkt.“ Sie schrieb weiter mit. »Hoffentlich haben wir auf dem Rückflug Zeit für einen Zwischenstopp in Hongkong. Da gibt es dieses kleine nette Restaurant.“ In gespielter Unschuld sah sie ihn an.

»Ich hab’s nicht vergessen.“ Er knirschte fast mit den Zähnen.

»Ach, Cal, bist du immer noch sauer, dass ich dich geschlagen habe?“

»Du hattest im letzten Quartal lediglich großes Glück.“

»Ich lag das ganze Jahr vorn.“ Sie lächelte. »Genau wie dieses Jahr.“

Seit mittlerweile fünf Jahren lieferten sie sich jetzt diese Wette am Aktienmarkt. Am ersten Januar jedes Jahres stellte Cal jedem von ihnen zehntausend Dollar zur Verfügung, und wer am Ende des Jahres den meisten Gewinn erwirtschaftet hatte, durfte sich vom Verlierer an einem beliebigen Ort zum Lunch einladen lassen. Sabrina hatte gewonnen und sich für chinesisch entschieden, direkt in Hongkong.

»Dieses Jahr würde ich lieber italienisch essen. Vielleicht in Venedig. Die ganzen Kanäle, die Boote und das venezianische Glas.“

Sie führte bereits mit zwanzig Prozent. Als sie das Spiel begonnen hatten, war es ihr wichtig gewesen festzulegen, dass er nicht in Öl- oder Gasaktien investieren durfte, weil er auf diesem Gebiet der Experte war. Sie dagegen legte einen Großteil in Aktien von Cals Unternehmen an, und dadurch hatte sie letztes Jahr gewonnen.

»Ich kenne ein tolles italienisches Restaurant in New York.“

Das Telefon klingelte, und sie griff lächelnd zum Hörer. »Glaub bloß nicht, du könntest dich da herauswinden.“ Dann nahm sie ab. »Büro von Mr Langtry, Sie sprechen mit Sabrina.“

Er hörte nicht zu, aber auf einmal drückte sie das Gespräch auf stumm und wandte sich zu ihm: »Diesen Anruf solltest du lieber selbst übernehmen.“

Er legte die Zeitung weg, in der er gerade gelesen hatte. »Was ist los?“

Sabrinas Haut wirkte aschfahl.

»Ist es Tracey?“ Seine Schwester Tracey war meistens der Grund, wenn es ernste Probleme gab.

»Nein, es ist dein Anwalt. Sprich lieber selbst mit ihm.“ Bevor er etwas erwidern konnte, verließ sie das Büro.

Er hob den Hörer ans Ohr und drückte die Annahmetaste. Was konnte sein Anwalt mit ihm besprechen wollen, das so privat war? Sabrina wusste ohnehin fast alles über ihn. Das gehörte zu ihrem Job. »Jack, was gibt’s?“

»Sitzen Sie, Cal?“

Das klang nicht gut. »Kommen Sie zur Sache, Jack.“

»Okay. Erinnern Sie sich an eine Frau namens Janice Thomas? Sie hatten zu Collegezeiten eine Beziehung mit ihr.“

Er zog die Stirn kraus. »Das ist jetzt zwölf oder dreizehn Jahre her. Wir waren einen Sommer lang zusammen. Wieso fragen Sie danach?“

»Wie es aussieht, hatte sie eine Tochter. Und nach allem, was ich in Erfahrung bringen konnte, hat die Frau sich, sobald sie wusste, dass sie schwanger war, an Ihre Eltern gewandt. Es ging ihr nicht um eine Ehe, sondern sie wollte Geld. Sie einigten sich auf einen beträchtlichen Betrag, unter der Bedingung, dass Sie niemals von dem Kind erfahren. Leider starb Janice bei der Geburt, und das Baby wurde zur Adoption freigegeben. Vor knapp einem Jahr kamen die Adoptiveltern bei einem Autounfall ums Leben, und jetzt lebt das Mädchen bei einer Tante in Ohio. Diese Frau, eine ältere Lady, will die Verantwortung für das Kind loswerden und das Sorgerecht abgeben. Deshalb rufe ich Sie an. Wenn Sie das Mädchen nicht zu sich nehmen, kommt das Kind in die Obhut der Behörden.“

Er glaubte, der Boden unter seinen Füßen würde beben.

»Cal? Sind Sie noch dran? Haben Sie mich verstanden? Sie haben eine zwölfjährige Tochter.“

Eine Tochter? Von Janice? Er war fassungslos. Kein Wunder, dass Sabrina das Büro verlassen hatte. »Ich habe Sie verstanden, Jack.“

2. KAPITEL

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Cal wandte sich in seinem Sessel zum Fenster, doch er nahm nichts von der Aussicht wahr. Stattdessen dachte er an Janice. Er erinnerte sich an sie als durchschnittlich groß und hübsch. Damals hatten sie sich kennengelernt, weil sie in derselben Ölfirma ein Praktikum gemacht hatten.

»Sind Sie sich ganz sicher?“, fragte er seinen Anwalt am Telefon. »Wieso hat sie mir nicht erzählt, dass sie schwanger war?“

»Wie gesagt, es ging ihr nicht um eine Ehe, sondern um Geld. Ich schätze, sie wusste von den Problemen Ihrer Eltern mit Tracey und nahm daher an, man würde sich auf eine großzügige Summe einlassen, um sie loszuwerden. Einer meiner damaligen Kollegen in dieser Kanzlei hat die Papiere ausgearbeitet. Janice bekam viel Geld und musste im Gegenzug zusichern, nicht mit Ihnen in Kontakt zu treten. Wenn sie nicht bei der Geburt gestorben wäre, hätte sie zeit ihres Lebens nicht mehr zu arbeiten brauchen.“

Warum hatte sich Janice an seine Eltern gewandt und nicht an ihn? »Ich kann das nicht glauben. Ich habe damals versucht, sie zu erreichen, aber sie war einfach verschwunden. Ich dachte, sie sei mit einem anderen durchgebrannt.“

Ein Kind. Aus einer dieser langen Sommernächte war ein Kind entstanden.

Jack räusperte sich. »Hören Sie, Cal, ich bin Ihr Anwalt, nicht Ihr Gewissen. Wahrscheinlich geht’s dem Kind im Jugendheim besser als bei dieser Tante. Laut meinen Berichten hat die Kleine eh Probleme, sich in ihrer neuen Schule einzufügen, und sie verhält sich unsozial. Cal, Sie führen im Moment ein gutes Leben, daran muss sich nichts ändern.“

Cal wusste, dass es auf der Welt viele Männer gab, die sich in so einer Situation abgewandt hätten, doch er konnte es nicht. »Vor nicht mal einem Jahr hat sie ihre Eltern verloren, und jetzt lebt sie bei einer Tante, die sie abgeben will. Unter solchen Umständen kann sich kein Kind gesund entwickeln.“

»Überdenken Sie alles in Ruhe. Die Tante ist bereit, das Mädchen zwei weitere Wochen bei sich zu behalten, also brauchen wir heute noch keine Entscheidung zu treffen. Wenn Sie es wünschen, kann ich mich nach Internaten erkundigen. Oder nach Pflegefamilien. Sie brauchen überhaupt nichts zu tun, wenn Sie nicht möchten.“

Cal hörte die Worte seines Anwalts, aber eines stand für ihn felsenfest: »Wenn sie nachweislich meine Tochter ist, dann bin ich für sie verantwortlich.“

»Oh, das ist erwiesen. Ihre Eltern haben das schon bei der Geburt der Kleinen prüfen lassen. Mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit sind Sie der Vater.“

Mehr brauchte Cal nicht zu wissen. In seinem Leben hatte er schon vieles getan, worauf er nicht sonderlich stolz war, aber er hatte sich immer seiner Verantwortung gestellt. »Morgen oder übermorgen bekommen Sie von Sabrina alle nötigen Einzelheiten. In der Zwischenzeit teilen Sie bitte der Tante mit, dass ich noch vor Ende dieser Woche meine Tochter abholen komme.“

»Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen?“

Nein, Cal war sich absolut nicht sicher, aber er musste es einfach tun. »Wenn es meine Tochter ist, Jack, dann bleibt mir keine andere Wahl.“

Sein Anwalt seufzte. »So was dachte ich mir schon. Ich gebe der Frau Bescheid.“

Cal wollte schon auflegen, als er hörte, wie Jack noch einmal seinen Namen nannte. »Ja?“

»Wollen Sie gar nicht wissen, wie sie heißt?“

Cal erschrak. Durch einen Namen wurde das Mädchen real, eine Person mit eigener Identität. »Doch.“

»Anastasia Overton.“

»Anastasia? Was ist das für ein Name für ein zwölfjähriges Mädchen?“ Er zuckte mit den Schultern. »Okay, Jack. Wir bleiben in Kontakt.“ Er legte auf.

Es war totenstill. Cal lehnte sich in dem Sessel zurück und fluchte. Dann stand er auf und ging zum Fenster.

Wie hatte Janice ihm die Schwangerschaft verheimlichen können? Und wieso hatten seine Eltern ihm die Existenz seines eigenen Kindes verschwiegen?

Seit mittlerweile zwölf Jahren bewahrte seine Mutter jetzt dieses Geheimnis und kam sich dabei wahrscheinlich noch nobel vor.

Die Stille war unerträglich. Er drückte auf den Knopf neben dem Telefon, und keine dreißig Sekunden später betrat Sabrina das Büro.

Ihr sonst so ausdrucksstarkes Gesicht war seltsam ernst.

»Wie viel hat Jack dir erzählt?“, fragte er.

Sie nahm auf einem der Ledersofas Platz, und er setzte sich zu ihr.

»Er sagte, du hättest vor ungefähr dreizehn Jahren etwas mit einer jungen Frau gehabt, die absichtlich schwanger geworden sei. Als du dann ins College zurückgekehrt bist, hat die Frau sich an deine Eltern gewandt und versprochen, sich gegen Bezahlung von dir fernzuhalten. Deine Eltern willigten ein. Nachdem die Frau bei der Geburt gestorben war, wurde das Kind adoptiert. Jetzt lebt das Mädchen bei einer älteren Tante in Ohio.“

Cal stützte die Ellbogen auf die Knie und faltete die Hände. »Das fasst es grob zusammen, ja. Sie hieß Janice. Die Frau, nicht das Kind.“ Er sah ihr in die Augen. »Sicher denkst du: Typisch Cal.“

Flüchtig lächelte sie. »Du wusstest doch gar nichts von dem Kind. Jack sagte, er selbst habe es auch erst vor ein paar Tagen erfahren.“ Sie beugte sich zu ihm. »Cal, du bist nicht so wie deine Schwester. Tracy ist verwöhnt und launisch und würde in so einer Situation das Kind ohne Zögern weggeben. Du bist da ganz anders. Hättest du von Anfang an von deiner Tochter gewusst, hättest du Janice geheiratet und dein Kind versorgt.“

Es war ihr sehr ernst, und das wusste Cal zu schätzen. »Du hast recht. Dann werde ich jetzt eben dreizehn Jahre zu spät das Richtige tun und meine Tochter zu mir holen. Aber zuerst muss ich nach New York und mit meiner Mutter sprechen.“

Fragend sah sie ihn an. »Ich kann mich nicht erinnern, dass du jemals deine Mutter besucht hast.“

Er verzog das Gesicht. »Wir stehen uns nicht sehr nahe. Ich glaube, ich habe sie seit dem Tod meines Vaters zweimal gesehen, das ist jetzt fast zehn Jahre her. Sie war nie der mütterliche Typ. Meiner Mutter geht es mehr um die Außenwirkung als um innere Werte. Diese Situation zeigt das wieder mal sehr deutlich.“

Allmählich ließ der Schock nach, und Cal wurde wütend.

Es widerte ihn an, wie ignorant seine Mutter über seine Rechte hinweggegangen war und wie skrupellos sie ihr Enkelkind abgeschoben hatte.

Sabrina beugte sich zu ihm. »Das Kind ist schon fast ein Teenager. Hast du dir überlegt, wie sehr sich dein Leben dadurch ändern wird?“

Er stand auf und ging vor dem Sofa auf und ab. »Das spielt keine Rolle. Das Sorgerecht wird auf keinen Fall an das Jugendamt gehen. Die Kleine kann nichts für die Umstände, in denen sie lebt. Im Moment denkt sie wahrscheinlich, niemand auf der Welt will sie haben. Ich bin vielleicht nicht der perfekte Vater, aber ich werde mich nicht von ihr abwenden.“

Sabrina lächelte ihn an. »Hin und wieder tust du etwas, das mich daran erinnert, wieso ich gern für dich arbeite.“

»Dann geht es dir gar nicht ums Geld?“

»Heute nicht.“

Er steckte die Hände in die Taschen. »Das Gute daran ist, dass Tiffany, wenn sie erst von meiner Tochter erfährt, ohnehin so schnell die Flucht ergreifen wird, dass wir den Windstoß bis hierher spüren werden.“

»Das weißt du doch gar nicht. Vielleicht würde sie gern zeigen, was in ihr steckt.“

Er blieb stehen und sah ihr in die Augen. »Doch, das weiß ich sehr genau. Außerdem ist sie zu jung, um die Verantwortung für eine Zwölfjährige zu übernehmen.“

»Aber nicht zu jung für eine Affäre mit dem Vater dieser Zwölfjährigen?“

Sie blieb bei der Frage ernst, doch er sah, dass sie das Lächeln mühsam unterdrückte. »Du hörst auch nie damit auf, oder?“

»Von Aufhören steht nichts in meiner Stellenbeschreibung. Von mir bekommst du die Wahrheit gesagt, auch wenn du sie nicht hören willst.“

»Das macht dir an deinem Job bestimmt am meisten Spaß.“

»Manchmal.“ Jetzt lächelte sie. »Und ich denke, du irrst dich vielleicht in Tiffany. Sie ist nicht sonderlich klug, aber das heißt nicht, dass sie herzlos ist. Sie könnte dich überraschen.“

Cal wollte nicht, dass jemand wie Tiffany in die Nähe seiner Tochter kam. Auch eine Art Armutszeugnis für meine Frauengeschichten, dachte er. Ich gehe mit ihr aus und habe Sex mit ihr, aber mit meinem Kind soll sie nichts zu tun haben. Was fand ich bloß so toll an ihr?

Er dachte an ihren perfekten zwanzigjährigen Körper und hatte seine Antwort. Stolz war er nicht darauf. Seit wann war er so oberflächlich? Sollte das »Prominence Magazine“ der ganzen Welt so etwas über ihn berichten? Zum Glück hatte er noch Sabrina. Auf sie war Verlass.

Sie sah auf ihre Uhr. »Wenn du heute noch nach New York fliegst, kannst du gleich morgen früh zu deiner Mutter.“

Er nickte. »Ich möchte schon in den nächsten Tagen zu Anastasia. Ihre Tante hat deutlich gemacht, dass sie das Mädchen nicht bei sich haben will. In so einer Atmosphäre soll meine Tochter nicht leben.“

Sabrina ging zum Schreibtisch. »Ich buche dir ein Ticket. Eine Nacht in New York oder zwei?“

»Lieber zwei. Und ich möchte, dass du mich begleitest.“

Ungläubig sah sie ihn aus ihren großen blauen Augen an. »Ich soll mitkommen, wenn du mit deiner Mutter sprichst?“

»Sagen wir: Ich fürchte, dass ich die Beherrschung verliere. Und ein eisiger Blick von dir reicht normalerweise, damit ich mich benehme.“

»In Ordnung.“

Während sie mit der Fluggesellschaft sprach, ging Cal zum Fenster. Wie mochte das Mädchen aussehen? Er konnte sich kaum an das Gesicht von Janice erinnern. Allerdings hörte er noch genau den Klang ihres Lachens, und er wusste, wie sich ihr Körper unter seinen Händen angefühlt hatte.

Ja, da war vom ersten Augenblick an dieses Knistern gewesen. Es hatte sich alles wie von allein ergeben. Jetzt, im Nachhinein, fragte er sich, ob Janice die gesamte Sommeraffäre von Anfang an genau geplant hatte.

Der Sex mit ihr war großartig gewesen. Sie hatte behauptet, sie würde die Pille nehmen, also hatte Cal sich keine Gedanken um die Verhütung gemacht. Sie hatte anscheinend immer Lust gehabt. Damals war er geschmeichelt gewesen, weil er angenommen hatte, sie könne nicht genug von ihm bekommen. Jetzt wurde ihm klar, dass sie nur dafür gesorgt hatte, dass sie schwanger wurde. Er war ein Narr gewesen.

Beim Abschied hatte sie geweint und immer wieder beteuert, sie werde mit ihm in Kontakt bleiben. Doch dann hatte er versucht, sie anzurufen, und erfahren, dass der Anschluss abgemeldet worden war. Seine Briefe waren als unzustellbar zurückgekommen. Jetzt wusste er, dass sie sieben oder acht Monate nach dem gemeinsamen Sommer gestorben war.

Cal empfand keine Trauer. Janice hatte ihn nur verführt, um von ihm geschwängert und dadurch reich zu werden.

Anscheinend habe ich das typische Langtry-Gen, dachte er. Auch ich kann keine glückliche dauerhafte Beziehung führen.

Sabrina lehnte sich in der luxuriösen Limousine zurück und versuchte zu entspannen.

Um nicht an den bevorstehenden Besuch bei Cals Mutter zu denken, ließ sie das Fenster herunter. Es war ein perfekter New Yorker Frühlingstag. Warm, klar und nicht drückend.

Sie sah zu ihrem Chef. Er blickte starr nach vorn, und sicherlich war er wütend.

Schlimm genug zu erkennen, dass die Exfreundin die Affäre von Anfang an ganz gezielt zu einer Schwangerschaft gelenkt hatte, um damit Geld zu machen. Aber die Erkenntnis, dass die eigenen Eltern bei dem heimlichen Plan mitgewirkt hatten, musste noch viel schlimmer sein.

Cals Vater war gestorben, bevor Sabrina ihren Job angetreten hatte, und seiner Mutter war sie nie begegnet. Allerdings wusste sie von Ada, dass Cals Mutter eine kalte, berechnende Frau war, die sogar die zahllosen Affären ihres Ehemanns ignoriert hatte, nur um ihr gesellschaftliches Leben fortführen zu können. Die Ehe war eher eine Art Geschäft gewesen. Die eine Seite hatte das Land mit den Ölvorkommen eingebracht, die andere die Technologie, das Know-how und ein kleines Vermögen. Gemeinsam hatten sie ein Imperium geschaffen.

In diesem Imperium war laut Ada jedoch keine Zeit für die Kinder geblieben. So waren Cal und Tracey von ständig wechselnden Angestellten aufgezogen worden.

»Woran denkst du?“ Cal wandte sich ihr zu.

»Dass eine Zwölfjährige dein Leben ziemlich verändern wird. Ich weiß noch, wie ich nach dem Tod meiner Eltern Grandma mit meinen jüngeren Geschwistern geholfen habe. Das war harte Arbeit.“

Er zuckte mit den Schultern. »Ich werde alles Nötige lernen. Auf jeden Fall will ich das Mädchen bei mir haben, und damit ist die Kleine schon besser dran als bei ihrer Tante.“

Die Limousine hielt vor einem Gebäudekomplex an der East Side, und ein Bediensteter öffnete die Wagentür.

Sabrina folgte Cal. »Ich habe uns nicht angekündigt“, sagte sie leise, als sie durch das elegante Foyer auf die Fahrstühle zugingen.

»Aber ich. Sie hat eine Verabredung zum Lunch, aber ich habe ihr gesagt, es dauert nicht lange.“

Sabrina strich sich das Haar glatt und zupfte den Rock ihres dunkelgrünen Kostüms zurecht. Sie trug das teuerste Outfit, das sie besaß.

Als die Fahrstuhltüren sich im entsprechenden Stockwerk öffneten, erstreckte sich vor Cal und Sabrina ein riesiges Wohnzimmer. Marmorboden und Glastische glänzten im Licht, das durch die großen Fenster schien, die einen Ausblick über den Central Park boten.

Das Penthouse von Mrs Langtry lag in der begehrten Südwestrichtung. Sabrina versuchte, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Muss nett sein, zur Upper Class zu gehören, dachte sie, und dann vernahm sie das Geräusch von Absätzen auf dem Marmorboden.

Eine sehr elegante und schöne ältere Frau betrat den Raum. Sie musste Ende fünfzig sein, doch sie sah deutlich jünger aus. Das glatte braune Haar reichte ihr bis auf die Schultern. Sie war schlank, gut gekleidet und strahlte Reichtum, Luxus und die Herkunft aus einer traditionsreichen Familie aus.

Am liebsten hätte Sabrina gleich einen Schritt nach hinten gemacht, doch sie straffte die Schultern und wich nicht zurück.

»Guten Morgen, Calhoun“, begrüßte seine Mutter ihn. »Gut siehst du aus, größer, als ich dich in Erinnerung hatte. Das hast du von deinem Vater. Die Langtrys waren alle groß. Lass uns im Morgenzimmer sprechen. Hier entlang.“ Sie deutete auf einen Durchgang zur Rechten. »Deine Sekretärin kann in der Küche warten.“ Mrs Langtry schenkte Sabrina ein kleines Lächeln. »Gleich am Ende des Speiseraums, Liebes. Dort bekommen Sie Kaffee und Gebäck.“

Noch bevor sie einen Schritt tun konnte, spürte Sabrina Cals Hand an ihrem Rücken. »Das ist nicht nötig, Mutter. Sabrina ist meine persönliche Assistentin. Vor ihr habe ich keine Geheimnisse. Sie wird an unserem Gespräch teilnehmen.“

Cals Mutter ließ sich nichts anmerken. Lediglich ihre Nase zog sich einen Moment kraus, als habe sie etwas Übles gerochen. »Wie du wünschst.“ Mrs Langtry ging voraus.

Sabrina blickte auf die beigefarbene Seidenbluse. Der Stoff schimmerte wie Sternenlicht. Bekamen Reiche ihre Kleidung aus anderer Seide genäht als der Rest der Menschheit?

Das Morgenzimmer war groß und hell. Weich gepolsterte Sofas waren um einen niedrigen Tisch angeordnet, auf dem ein Kaffeegedeck stand.

Nur zwei Tassen, stellte Sabrina fest.

Mrs Langtry drückte einen Knopf in der Wand, und als eine junge Frau im schwarzen Kleid mit weißer Schürze erschien, ließ sie eine dritte Tasse und etwas Gebäck bringen.

Cal wies Sabrina einen Platz auf einem der Sofas zu, und sie war erleichtert, als er sich neben sie setzte.

Mrs Langtry runzelte die Stirn. Offensichtlich missfiel ihr die Vertrautheit zwischen ihrem Sohn und seiner Assistentin.

Die Bedienstete brachte die dritte Tasse und verließ den Raum wortlos.

Schweigend schenkte Mrs Langtry ein, reichte Cal eine Tasse schwarzen Kaffee und blickte dann fragend zu Sabrina. »Zucker? Sahne?“

»Etwas Sahne bitte.“

Mrs Langtry kam dem Wunsch nach und hielt ihr die Tasse hin. Sobald Sabrina sie entgegennahm, wandte Mrs Langtry sich wieder ihrem Sohn zu. »Ich bin immer noch der Ansicht, dass unser Gespräch lieber privat bleiben sollte.“

»Sabrina weiß über alles Bescheid, Mutter. Wer, glaubst du, hat den Vertrag zur Auszahlung von Traceys letztem Ehemann ausgearbeitet?“

Mrs Langtry rang sich ein Lächeln ab. »Ich verstehe.“

Sabrina hatte sich tatsächlich um die Lösung von Traceys Problemen gekümmert. Cals ältere Schwester verliebte sich immer in Männer, die nur an ihrem Geld interessiert waren. Mittlerweile war sie sechsmal verheiratet gewesen, und auch von ihren zwischenzeitlichen Liebhabern war sie nur ausgenutzt worden.

Sabrina dachte an Ada, die Cals Mutter als kaltherzige Hexe beschrieb. Hatte Cals Vater sich herumgetrieben, weil es bei ihm zu Hause so eisig war? Oder waren seine zahllosen Affären der Grund für diese Kälte? Bei einer Kindheit in so einer Atmosphäre war es jedenfalls kein Wunder, dass Cal und Tracey zu keiner glücklichen Beziehung in der Lage waren.

Cal stellte seine Tasse ab. »Sagt dir der Name Janice Thomas etwas, Mutter?“

»Nein.“ Sie trank einen Schluck. »Sollte er?“

»Das denke ich schon. Janice war die Mutter deines einzigen Enkelkinds.“

Mrs Langtry trank noch einen Schluck, dann nickte sie. »Du hast also von diesem Kind erfahren. Wahrscheinlich war es dumm zu glauben, dieser unselige Vorfall könne auf ewig verborgen bleiben. Tja, jetzt weißt du Bescheid. Es ist ja nichts Schlimmes passiert.“

Sabrina spürte, dass Cal vor Wut kochte. Schnell legte sie ihm eine Hand auf den Arm, und sein dankbarer Blick verriet ihr, dass er fast die Beherrschung verloren hätte.

»Ich weiß gar nicht, auf welche deiner Bemerkungen ich als Erstes eingehen soll.“ Seine Stimme klang tief und ruhig. »Dass du es als ‚unseligen Vorfall‘ bezeichnest, oder dass du findest, es sei nichts Schlimmes passiert. Du hast mit Leben gespielt, Mutter. Du hast mir die Schwangerschaft dieser Frau verheimlicht. Du hast mir mein eigenes Kind vorenthalten.“

Sie winkte ab. »Du weißt ja gar nicht, was du da redest. Damals warst du … zweiundzwanzig? Hättest du diese Kleine, der es nur ums Geld ging, tatsächlich heiraten wollen? Ich denke, nein. Dein Vater und ich wussten sehr genau, was zu tun war. Janice Thomas wollte keine Ehe mit dir, sie wollte Geld. Unter den gegebenen Umständen war es unkomplizierter, sie einfach auszuzahlen. Das habe ich keinen Moment lang bereut. Wir haben ihr genug gegeben, dass sie davon hätte leben können. Dass sie dann starb, ist wohl kaum unsere Schuld.“

Sabrina konnte nicht fassen, wie jemand so gefühllos handeln und reden konnte. Sie musste sich beherrschen, damit sie nicht mit offenem Mund dasaß.

»Wir sprechen hier über meine Tochter und deine Enkelin. Du hattest kein Recht …“

Seine Mutter stellte ihre Tasse ab und sah ihren Sohn erbost an. »Wir hatten sehr wohl das Recht“, unterbrach sie ihn. »Deine Zukunft stand auf dem Spiel. Du solltest ‚Langtry Oil and Gas‘ führen. Dieses Mädchen kanntest du kaum, also tu jetzt nicht so, als hättest du die Liebe deines Lebens verloren. Woher nimmst du das Recht zu dieser selbstherrlichen Empörung? Sie war ein kleines geldgieriges Ding, und sie hat bekommen, was sie verdiente.“

Cal biss die Zähne zusammen. »Ich gebe zu, dass ich nicht in Janice verliebt war. Die Bemerkung, dass sie bekommen hat, was sie verdiente, nehme ich dir übel, aber darum geht es nicht. Ich hatte ein Kind, und diese Tatsache habt ihr mir verheimlicht. Du hast zugelassen, dass dein eigenes Enkelkind zur Adoption freigegeben wurde. Ich schätze, du hast dir nicht mal die Mühe gemacht, dich über ihr weiteres Leben zu informieren.“

»Nein, wieso auch? Worum geht es hier denn? All diese Aufregung. Was geschehen ist, ist geschehen. Du hättest kein Interesse gehabt an einem Kind mit einer Mutter wie Janice. Wenn du unbedingt ein Kind möchtest, dann heirate eine Frau, die zu dir passt, und zeuge ein Kind mit ihr. Hör auf, ständig diesen jungen Dingern nachzujagen. Du und deine Schwester! Was haben dein Vater und ich bloß getan, um solche Kinder zu verdienen?“

Abrupt stand er auf. »Nichts, Mutter. Ihr zwei habt überhaupt nichts getan.“

»Wo willst du hin? Du hast irgendeine Dummheit vor, stimmt’s? Genau deshalb haben wir dir nicht schon damals von Janice erzählt. Du hättest sie als Mutter deines Kindes geheiratet oder zumindest die Verantwortung für das Kind übernommen. Das haben wir dir erspart, aber du willst es einfach nicht verstehen.“

»Du hast recht, Mutter. Ich verstehe es nicht. Und ja, ich werde meine Tochter zu mir holen und alles daransetzen, meinen Elternpflichten nachzukommen. Aber das wiederum ist etwas, das du nicht verstehst.“

Sabrina konnte sich nicht daran erinnern, aufgestanden zu sein, aber plötzlich verließ sie an Cals Seite das Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich, während Mrs Langtry weiterredete. Ihre Worte verebbten, während Cal und Sabrina sich entfernten.

Sabrina war schockiert. Sie hatte viel von Cals Mutter gehört, aber das war bei Weitem nicht so schlimm gewesen wie diese Begegnung.

Sie durchquerten das Wohnzimmer und warteten vor dem Fahrstuhl. Cal drückte den Knopf.

»Cal?“

Beim Klang der leisen Stimme wandten er und Sabrina sich um. Tracey Langtry stand vor ihnen im Schatten. Trotz ihrer femininen Art ähnelte sie ihrem Bruder. Im Morgenlicht zeichneten die Falten sich deutlich in ihrem Gesicht ab. Ihr Lebensstil hatte sie schnell altern lassen, und sie wirkte älter als achtunddreißig.

Die abgetragene Jeans hing ihr tief auf den ausgemergelten Hüften.

»Cal, ich brauche etwas Geld. Ich habe für diesen Monat schon alles aufgebraucht.“

Cal sah ungeduldig auf die Fahrstuhltür. »Wer ist es diesmal?“

»Ein Rennfahrer, sehr talentiert und sehr jung.“ Sie kicherte. »Sehr gut im Bett.“ Sie bekam einen Schluckauf und hielt die Hand vor den Mund. »Ich mag ihn sehr.“

Tracey war betrunken. Dabei war es gerade mal zehn Uhr früh.

»Er braucht die Startgebühr für ein Rennen. Und das Reisen wird auch immer teurer. Bitte, Cal, nur zwanzigtausend. Die wirst du nicht mal vermissen.“

Die Fahrstuhltüren gingen auf, und er führte Sabrina in die Kabine. Sobald er den Knopf drückte, schlossen sich die Türen wieder.

Er verabschiedete sich nicht von seiner Schwester.

Schweigend verließen sie das Haus und gingen auf die wartende Limousine zu. Sobald sie im Wagen saßen und zurück zum Hotel fuhren, wandte Cal sich ihr zu. Aus seinem Blick sprach ein tiefer Schmerz.

»Im Moment wäre ich tatsächlich froh, wenn ich ein Adoptivkind wäre.“

Sie wollte ihm sagen, wie sehr sie ihn bewunderte. Bei seiner Kindheit war es ein Wunder, dass aus ihm ein so warmherziger Mensch geworden war.

»Danke, dass du bei mir warst. Keine Ahnung, was ich dieser Frau angetan hätte, wenn ich allein mit ihr gewesen wäre.“

Meinte er jetzt seine Mutter oder Tracey? Wahrscheinlich beide. Bestimmt würde er ihr in ein paar Tagen die Anweisung geben, seiner Schwester einen Scheck zu schicken, damit sie die Zeit bis zur nächsten Auszahlung von ihrem Treuhänder überstehen konnte.

Lächelnd ergriff er ihre Hand.

Verwundert blickte sie auf ihre verschränkten Finger. In seiner Hand wirkte die ihre besonders klein. Sabrina fühlte sich sehr weiblich, und ein verräterisches Gefühl überkam sie.

Erst als ihr die Brust schmerzte, fiel ihr auf, dass sie die Luft angehalten hatte.

Fast so, als habe er ihre Gedanken gelesen, drückte er ihre Hand und ließ sie los.

Sabrinas Körper stand wie unter Strom, ihre Haut prickelte, wo Cal sie berührt hatte, und wenn sie ganz ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie im Schritt feucht war.

Gefahr! schrie es in ihrem Kopf. Gefahr! Tu dir das nicht an!

Entschlossen richtete sie sich auf. Es stimmte, Cal Langtry war für jede Frau gefährlich, und Sabrina war nicht so dumm, ihren guten Job zu gefährden, indem sie Cal als Mann und nicht als Arbeitgeber sah. Obendrein war sie nicht sein Typ.

Vor knapp sechs Jahren hatte sie ein Telefonat belauscht. Damals hatte sie erst drei Monate für ihn gearbeitet und war schwer in ihn verliebt gewesen. An jenem Tag war es schon spät gewesen, und sie hatte Cals Büro unangekündigt betreten.

Er saß mit dem Rücken zur Tür hinter seinem Schreibtisch und bemerkte Sabrina nicht. »Ja, meine neue Assistentin entwickelt sich ganz fantastisch. Ich bin sehr beeindruckt von ihr.“

Noch heute erinnerte Sabrina sich daran, wie ihr die Knie weich geworden waren.

»Nein, du verstehst das falsch. Sie ist einfach perfekt für mich. Klug und fleißig und gerade ausreichend attraktiv, dass niemand sich abgestoßen fühlt, aber nicht schön genug, um mich zu interessieren. Das ist toll. So eng wir auch zusammenarbeiten werden, wird Sabrina Innis für mich niemals mehr als eine Arbeitskraft sein.“

Lautlos hatte sie sich wieder aus dem Büro geschlichen und die ganze Nacht weinend im Bett gelegen. Im ersten Morgengrauen hatte sie eine Entscheidung getroffen. Bei Cal verdiente sie genug Geld, um ihren drei Geschwistern das College zu finanzieren, ihre Großmutter zu unterstützen und obendrein noch zu sparen. Als seine Assistentin reiste sie mit ihm erster Klasse in alle Welt. Was spielte es da für eine Rolle, dass dieser Mann sie nicht erregend fand?

Immer noch sah sie Cal als begehrenswerten Junggesellen, aber sie empfand nichts außer Freundschaft für ihn. Eigentlich.

Was hatte sich jetzt geändert?

Sabrina dachte über die Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden nach. Es muss an der Anspannung liegen, sagte sie sich. Er brauchte Zuspruch, und ich war gerade zur Stelle.

Vor dem Hotel hielt die Limousine an, und Sabrina sah zu ihrem Chef. »Was hast du jetzt vor?“

»Wir buchen den Flug um und fliegen schon heute Nachmittag nach Ohio. Ich rufe Jack an, damit er die Tante informiert. Ich möchte meine Tochter so schnell wie möglich zu mir holen.“

3. KAPITEL

Vom Flughafen aus fuhren sie noch drei Stunden, bis sie die Stadt erreichten. Cal folgte Sabrinas Anweisungen und bog rechts ab in ein Wohnviertel. Hier fielen Zäune um, und Autos waren auf Ziegelsteinen aufgebockt. Auf den Wäscheleinen flatterte Kleidung, die Vorgärten waren ungepflegt, und die Veranden wirkten morsch und verfallen.

Der Mietwagen war ein schlichter Sedan, aber selbst der wirkte hier in dieser Gegend unpassend. »Ein Glück, dass wir nicht mit der Limousine gekommen sind.“ Sabrina ließ das Seitenfenster herunter. »Diese Leute tun mir leid. Ich hab erlebt, was Armut heißt.“

Cal runzelte die Stirn. »Ich weiß, dass es in deiner Familie nicht viel Geld gab. Aber so aussichtslos und verzweifelt wie hier war die Lage doch nie, oder?“

»Nicht wirklich. Wir hatten nie genug Geld, aber wir sind über die Runden gekommen. Nach dem Tod meiner Eltern sind wir zu meiner Großmutter gezogen, und meine Grandma hat immer Scherze gemacht, auch wenn wir mal wieder kein Geld hatten. Dreimal pro Woche gab es dann Makkaroni mit Käsesoße. Das war billig, und wir Kids haben es geliebt. Ich sehe Grandma noch vor mir, wie sie in der Soße rührt, mich ansieht und sagt: ‚Sabrina Innis, kein Geld zu haben, ist großer Mist. Sieh bloß zu, dass du es klüger anstellst.‘“ Sie lachte. »Meine Grandma ist wundervoll.“

»Ja.“ Er war der alten Lady ein paarmal begegnet. Sabrinas Großmutter hatte zu allem eine sehr entschiedene Meinung, aber sie war unglaublich charmant. »Hast du den Job bei mir angenommen, weil du auf deine Grandma gehört hast und nicht mehr arm sein wolltest?“

Sie lachte. »Geld war ein wichtiger Faktor. Ich wollte meine Grandma unterstützen, und meine drei Geschwister wollten aufs College. Aber außerdem wollte ich weg von Los Angeles. Der Neuanfang in Houston war genau das Richtige für mich.“

Fast hätte er sie gefragt, ob sie den Schritt jetzt bereute. »Warst du enttäuscht, als dir klar wurde, dass ich kein Cowboy bin?“

»Mir reicht schon, dass du mich immer ‚kleine Lady‘ nennst. Du bist ein guter Kerl, Cal. Oh, hier sind wir richtig. Nummer 2123, das ist gleich da drüben links.“

Er stellte den Motor ab und sah das kleine Haus an.

Die Gehwegplatten im Vorgarten waren gesprungen und von Unkraut überwuchert. Von den Fensterrahmen waren Teile abgebrochen, und die Fliegentür hing nur noch halb in den Angeln.

»Hier darf meine Tochter nicht leben.“ Er fluchte. »Wie konnten meine Eltern bloß so etwas zulassen?“ Das Mädchen in diesem Haus dort hatte bestimmt auch Wünsche, Hoffnungen und Träume. Was würde es sagen, wenn es ihn sah?

Er verdrängte die Frage, weil er die Antwort darauf nicht wusste. Dann stieg er aus. Sabrina folgte ihm.

Flüchtig lächelte er ihr zu. »Danke fürs Mitkommen. Allein wäre mir das hier noch schwerer gefallen.“

»Keine Ursache, ich helfe gern.“ Das meinte sie zur Abwechslung mal völlig ernst, und dafür war Cal ihr dankbar.

Er betrachtete ihr kurzes, stufiges rotes Haar, ihre Gesichtszüge und ihre ernste Miene. Sie trug eine kakifarbene Hose und dazu eine cremefarbene Bluse. Wie immer war sie vernünftig und beherrscht. Genau das bewunderte Cal an ihr. Er konnte sich immer auf sie verlassen, genau wie gerade jetzt.

Mit einem Kopfnicken deutete er zur Haustür. »Gehen wir.“

Er ging voraus und klopfte. Nachdem eine Minute lang niemand reagiert hatte, fragte Cal sich bereits, ob sie sich vielleicht bei der Adresse geirrt hatten. Doch dann ging die Tür auf, und eine Frau Ende fünfzig oder Anfang sechzig sah sie an.

»Was wollen Sie?“ Ihre Stimme klang heiser und verärgert. »Ich kaufe nichts, also versuchen Sie gar nicht erst, mir irgendeinen Dreck anzudrehen.“

»Mrs Sellis?“ Aus Höflichkeit ging er gar nicht auf ihre Bemerkungen ein. »Mein Name ist Cal Langtry. Ich denke, mein Anwalt hat mit Ihnen telefoniert. Ich bin wegen meiner Tochter hier.“

Die hagere kleine Frau trug alte, fleckige Kleidung. Ihr kurzes schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Jetzt musterte sie Cal von Kopf bis Fuß und lächelte. Von ihren gelben Zähnen fehlten mindestens drei.

»Sie wollen die Göre also, ja? Keine Ahnung, wieso, aber dann brauche ich mich wenigstens nicht mit dem ganzen Papierkram rumzuärgern. Am besten kommen Sie rein.“

Sie hielt die Tür auf, und Cal ging voraus.

In dem kleinen, düsteren Wohnzimmer hingen alte Vorhänge vor schmutzigen Fenstern. Überall auf dem Boden lagen leere Pizzakartons und Chipstüten. Das Sofa sah aus, als sei es von einer Bombe getroffen worden. In der Mitte ragten die Sprungfedern aus dem dunkelbraunen Stoff, und kleine Flocken der Polsterung waren über die ganze Sitzfläche verteilt.

Die Frau schlurfte zu einem Schaukelstuhl vor einem brandneuen Fernseher und setzte sich. Auf dem Tischchen neben ihr lagen Zigaretten bei einem überquellenden Aschenbecher. Eine der Zigaretten zündete sie sich an und inhalierte tief.

»Sie sind früh dran. Ich hätte erst gegen Ende der Woche mit Ihnen gerechnet.“

Cal wechselte einen Blick mit Sabrina. Mrs Sellis hatte ihnen keinen Platz angeboten, folglich blieben sie stehen. Cal wäre sowieso am liebsten sofort wieder aus diesem Haus geflüchtet.

»Ich konnte meine Angelegenheiten schneller regeln als gedacht“, erwiderte er. »Ist Anastasia hier?“

»Natürlich. Wo sollte das Mädchen sonst sein? Sie ist zwölf. Ich lasse sie nicht allein herumstreunen. Sie ist zwar keine Blutsverwandte, aber ich habe mich gut um sie gekümmert. Sie hatte kein Zuhause und nichts zu essen. Viele Menschen wären nicht so nett zu ihr gewesen wie ich.“

Sabrina berührte ihn am Arm, und Cal wusste, was sie ihm damit sagen wollte. Diese Frau hatte wahrscheinlich getan, was sie konnte. Es war nicht unbedingt ihre Schuld, dass sie in einem so schäbigen Haus lebte. Allerdings hätte sie zumindest den Müll wegräumen können.

Mrs Sellis rauchte, hustete und schrie: »Anastasia, pack deinen Kram und komm her.“ Sie wandte sich wieder an Cal. »Sie kommt gleich. Haben Sie den Scheck dabei?“

Verständnislos erwiderte er ihren Blick. »Welchen Scheck?“

»Dachte ich mir.“ Sie drückte die Zigarette aus. »Diese naiven Eltern des Mädchens haben ihr keinen Cent hinterlassen. Ich hab die Kleine aufgenommen und mich jetzt fast ein Jahr um sie gekümmert. Ich bekomme ein bisschen was von der Sozialbehörde, aber das reicht nicht.“

Sie stand auf. »Die Kleine macht nichts als Ärger, das kann ich Ihnen sagen. Ein freches Ding, ständig Widerworte. Hausaufgaben will sie auch nicht machen. Sie wird in der Schule immer schlechter. Ein paarmal ist sie sogar schon ausgerissen.“ Mrs Sellis blickte sich in ihrem Wohnzimmer um. »Von hier weggelaufen, ist das zu glauben?“

»Mrs Sellis, die Zahlungen der Sozialbehörde sollten ausreichen, um Anastasia zu versorgen“, erwiderte Sabrina ruhig. »Mr Langtrys Anwalt erwähnte mit keinem Wort, dass irgendwelche Entschädigungszahlungen im Gespräch waren.“

Cal sah sich wieder in dem kleinen Zimmer um. Links schloss sich eine winzige Küche mit einer noch kleineren Essnische an. Rechts befand sich eine Tür, wahrscheinlich zum Flur, möglicherweise auch direkt zum Schlafzimmer.

Wenn er doch nur eher schon gewusst hätte, unter welchen Umständen seine Tochter hier lebte!

»Sind Sie seine Frau?“

»Nein, ich bin Mr Langtrys persönliche Assistentin.“

Mrs Sellis lachte auf. »So nennt man das also. Seine Assistentin.“

Cal platzte der Kragen. »Wie viel wollen Sie? Ich stelle Ihnen gern einen Scheck aus, wenn Sie mir ein Dokument unterschreiben, dass Sie niemals wieder etwas mit dem Mädchen zu tun haben wollen.“

»Das ist die Wahrheit. Ich will die Kleine nie wiedersehen. Die macht nichts als Ärger.“ Ihr Blick bekam einen verschlagenen Ausdruck. »Andererseits ist sie Ihr Fleisch und Blut, da sieht alles wieder ganz anders aus.“

Cal empfand nicht einmal mehr Mitleid mit ihr. »Ich möchte meine Tochter sehen.“

»Verstehe, verstehe. Anastasia, komm her, Mädchen. Und zwar sofort!“ Sie wandte sich von der Tür zurück zu Cal. »Was ist Anastasia überhaupt für ein Name? So heißen wichtige Persönlichkeiten. Die Kleine ist eine klapperdürre Göre.“

Die Tür ging auf, und Cals Herz raste vor Aufregung. Dann betrat ein Mädchen den Raum. Seine Bewegungen wirkten unbeholfen, typisch für Teenager, die nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen sind.

Sie war kaum kleiner als Sabrina. Ihre großen dunklen Augen waren hin...

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