4. KAPITEL

"Siehst du, das war doch gar nicht so schlimm", bemerkte Zooey fröhlich, als sie mit Jack zur Haustür ging.

     Fast hätte er eine ungeduldige Antwort gegeben, aber die Worte wollten ihm nicht über die Zunge. Denn in diesem Augenblick verspürte er ein Knistern zwischen der Nanny und ihm – fast wie elektrische Spannung. Nur dass das natürlich nicht sein konnte.

     Jack fühlte sich wie am Rand eines Abgrunds, und er riss sich zusammen. "Das Wort schlimm habe ich nicht verwendet, sondern – ach, vergiss es." Er machte eine abweisende Handbewegung. "Wahrscheinlich muss ich dankbar sein, dass du nicht bei der Staatsanwaltschaft arbeitest."

     "Gut gemacht, Jack! Immer positiv denken."

     Jack glaubte nicht daran, dass das Glas immer halb voll war. In seinem letzten Anfall von Optimismus hatte er Patricia gebeten, ihn zu heiraten. Damals hatte er auf ein "und sie lebten glücklich bis an ihr Ende" gehofft. Was er bekommen hatte, waren Streitigkeiten und unüberbrückbare Differenzen gewesen, bis Patricias Tod sie abrupt beendete.

     "Für mich sind Fakten wichtig", antwortete er kurz angebunden.

     Sah sie ihn etwa mitleidig an? Und warum starrte er überhaupt in ihre smaragdgrünen Augen?

     "Fakten können sehr kalt sein", entgegnete sie. "Schließlich und endlich sind es Träume, die uns am Leben erhalten. Sie sind der Grund, jeden Tag wieder aufzustehen."

     War er jemals so idealistisch gewesen? Jack bezweifelte das sehr. Wenn überhaupt, dann konnte er sich zumindest nicht mehr daran erinnern. "Ein Haus abzubezahlen und Geld für die Ausbildung der Kinder anzusparen sind auch Gründe, jeden Morgen aufzustehen."

     Zooey schaute ihn mit leicht schräg gelegtem Kopf an. Sie schien in seine Seele zu blicken. Als sie leicht seine Hand berührte, kam ihm das merkwürdig intim vor.

     "Hast du niemals Spaß, Jack?"

     "Willst du wissen, ob ich jetzt keinen Spaß habe?"

     Ihr Gesichtsausdruck zeigte ihm, dass sie seine Bemerkung ernst nahm. "Das hast du bestimmt, wenn du deine Arbeit liebst."

     "Ich bin gut in dem, was ich tue." In seiner Antwort lag kein Stolz. Er stellte lediglich eine Tatsache fest.

     Zooey schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick hätte Jack schwören können, einen leichten Jasminduft wahrzunehmen.

     "Das meine ich nicht", erwiderte sie. "Liebst du denn deine Arbeit, Jack?"

     Das Wort Liebe war zu stark, um so etwas wie Arbeit zu beschreiben. "Manchmal, wenn ich mich so richtig in eine Aufgabe vertiefe, dann … also dann … spüre ich schon etwas, ja."

     Diese Antwort reichte ihr nicht. Sie merkte, dass man nur schwer an Jack herankam, und sie war nicht sicher, ob er sich dessen bewusst war.

     "Das ist etwas anderes als Liebe, Jack." Zooeys Stimme klang jetzt sanfter, und sie beugte sich zu ihm, um ihm den Hemdkragen zu richten. "Liebe bedeutet, sich auf etwas zu freuen. An etwas oder jemanden zu denken, nicht weil man es muss, sondern weil man es so will. Liebe hat mit Vorfreude zu tun und gleichzeitig auch damit, Opfer zu bringen."

     Sie steht viel zu nah bei mir, dachte er. Aber zurückzutreten sähe feige aus. Deshalb rührte Jack sich nicht von der Stelle und fragte sich, was wohl als Nächstes passierte. Und warum. "Für eine alleinstehende Frau weißt du viel über die Liebe."

     "Dafür muss man keinen Ring am Finger tragen, Jack." Sie lächelte ihn an und schien ihm noch näher zu kommen. "Weißt du denn etwas über die Liebe?"

     Gut, jetzt ahnte er, worauf sie hinauswollte. Sie wollte, dass er mehr Zeit zu Hause verbrachte. Das wäre ja alles gut und schön, wenn seine Arbeit sich von selbst erledigte. Aber das funktionierte natürlich nicht. "Wenn du mich fragst, ob ich meine Kinder liebe, dann kann ich nur mit Ja antworten. Ich möchte aber auch, dass sie auf nichts verzichten müssen."

     Sie sagte nichts, blickte ihn nur durchdringend an. Jack wurde langsam ungeduldig. Wie kam sie dazu, ihn zu verurteilen? Warum meinte sie, dass sie ihm vorschreiben konnte, wie er sich als Vater zu verhalten hatte? Sie hatte ja noch nicht einmal selbst Kinder! Er unterdrückte das starke Bedürfnis, sie deutlich in ihre Schranken zu verweisen. Und das nicht weniger starke Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen und zu küssen.

     Wo kam das auf einmal her?

     Jack beherrschte sich und unternahm nichts.

     "Am allerwenigsten sollten die Kinder auf dich verzichten müssen", meinte sie leise.

     Okay, jetzt sollte er das Gespräch wirklich beenden. "Ich glaube, wir drehen uns im Kreis."

     Sein unwirscher Ton erzielte nicht die gewünschte Wirkung. "Ja, weil sich alles um 'Daddy' dreht."

     Alles, was ihm jetzt noch blieb, war geordneter Rückzug.

     "Warte", rief Zooey, als er sich zum Gehen wendete.

     "Gibt es noch jemanden, dem ich nicht Auf Wiedersehen gesagt habe?", fragte Jack ironisch. Diese Frau ging ihm unter die Haut, und er musste unbedingt Abstand zu ihr gewinnen, bevor er etwas tat, das er später bereute.

     Zu seiner Überraschung verschwand Zooey ins Wohnzimmer. "Nein", rief sie über ihre Schulter, "aber du hast etwas vergessen." Im nächsten Augenblick stand sie wieder vor ihm und reichte ihm amüsiert lächelnd seine Aktentasche. "Die brauchst du doch sicher, oder?"

     Jack riss ihr die Tasche aus der Hand, und Zooey, die damit nicht gerechnet hatte, stolperte nach vorn. Plötzlich war sie ihm ganz nah.

     Im Flur wurde es warm.

     Zooeys Herz schlug schneller, als sie zu Jack aufschaute. Sie bekam weiche Knie – wie immer, wenn sie vergaß, dass er der Vater von Emily und Jackie und ihr Boss war. Jetzt sah sie in ihm nur den gut aussehenden Mann, der ihr den Atem raubte.

     Es war so still, dass sie ihren Herzschlag hören konnte.

     "Schließlich kannst du nicht ohne Aktentasche in die Kanzlei gehen", sagte sie leichthin. Da ihr Mund ganz trocken geworden war, fiel ihr das Reden schwer.

     Verdammt, jetzt ist es schon wieder passiert, dachte Jack verärgert. Erneut spürte er die Anziehungskraft zwischen ihnen, und seine Selbstbeherrschung schwand zusehends dahin. Er hatte keine Ahnung, warum ihn diese Frau manchmal geradezu überwältigte, während er zu anderen Zeiten in ihr nur die Supernanny der Kinder sah, der alles mühelos von der Hand ging. Eine Frau, die von seinen Kindern geradezu angebetet wurde und die seine beiden Rangen immer im Griff hatte, selbst in ihren wildesten Phasen.

     Aber immer häufiger fühlte er sich körperlich zu Zooey hingezogen.

     Er holte tief Luft und versuchte, nicht so zu wirken, als ob er unter Sauerstoffmangel litte.

     "Nein, ohne Aktentasche kann ich nicht gehen", murmelte er und nickte. "Danke."

     Sie lächelte ihn an, und in diesem Augenblick hätte er sie am liebsten geküsst.

     "Nicht der Rede wert."

     Jack floh in die Garage, ohne sich noch einmal umzusehen. Trotzdem wusste er, dass Zooey ihn beobachtete.

     In ihrer Nähe fühlte er sich manchmal wie ein Kind, obwohl er es doch gewöhnt war, Verantwortung zu übernehmen.

     Was war los mit ihm? Er sollte nicht so heftig auf sie reagieren, aber in letzter Zeit passierte das immer wieder.

     Ich habe ein Problem, dachte Jack, als er in seinen BMW stieg. Natürlich durfte er seinen Gefühlen auf keinen Fall nachgeben. Zum ersten Mal seit Patricias Tod schienen seine Kinder glücklich zu sein, und sie entwickelten sich prächtig. Wenn er seiner Lust nachgab und die Beziehung später zerbrach, was dann?

     Er hatte keine Ahnung, wie man eine erfolgreiche Beziehung führte. Für so etwas gab es keine Checklisten, die man abhaken konnte, und ein Naturtalent schien er auch nicht zu sein – das hatte ihm Patricia sehr deutlich gemacht.

     Sollte eine Beziehung mit Zooey scheitern, dann hätte er die perfekte Nanny verloren. Dann wäre er wieder am selben Punkt angelangt wie im Januar, als er Zooey gebeten hatte, sich um die Kinder zu kümmern.

     Nein, er musste seine Gefühle im Zaum halten und irgendwie mit der Situation fertig werden.

     Es konnte doch nicht so schwer sein, sich zu beherrschen! Zumindest wenn die Alternative hieß, wieder Bewerbungsgespräche mit lauter Nannys zu führen, die alles andere als perfekt waren.

     Plötzlich durchfuhr es ihn siedend heiß: Er hätte Zooey fast geküsst. Was zum Teufel war mit ihm los?

     Sex, das war es. Oder besser gesagt fehlender Sex.

     Jack wich einem entgegenkommenden Fahrzeug aus. Er fluchte laut, weil er das Gefühl hatte, einen schwierigen Balanceakt vollführen zu müssen.

     Vielleicht waren es aber auch nur seine Hormone, die verrückt spielten.

     Seit Patricias Tod hatte er nicht mehr mit einer Frau geschlafen, und mit Patricia selbst auch nur selten. Beim letzten Mal war Jackie gezeugt worden.

     Kein Wunder, dass ich mich so angespannt fühle, dachte Jack. Er war ein ganz normaler Mann, der hin und wieder ein kleines Vergnügen brauchte.

     Beinahe wäre er mitten in der langen Sackgasse stehen geblieben, weil ihm plötzlich einfiel, was er brauchte: ein Date mit einer Frau, die ihn von Zooey ablenkte.

     Beim Blick in den Rückspiegel bemerkte er Rebecca Peters, die vor ihrem Haus stand. Als sie sich umdrehte, sah sie ihn oder zumindest seinen Wagen.

     Das strahlende Lächeln war unmissverständlich.

     Außerdem war es ein Zeichen.

     Später würde er sich damit beschäftigen, denn jetzt musste er sich um einen Fall kümmern.

 

"Mein Bauch tut weh", klagte Emily eine halbe Stunde später und starrte in ihre Schüssel mit Cornflakes. Sie presste die Lippen zusammen, als wollte sie verhindern, in Tränen auszubrechen. "Kann ich heute zu Hause bleiben?"

     Nicht zum ersten Mal litt Emily unter Bauchschmerzen, und sie hatte auch schon diverse andere Gründe vorgebracht, um nicht in die Schule zu müssen.

     Zooey fühlte mit dem Kind, denn Emilys Widerwillen erinnerte sie an ihre eigene Schulzeit. Damals hatte sie ständig das Gefühl gehabt, nicht zu den anderen zu passen.

     Sie warf einen Blick auf Jackie, um festzustellen, ob er sicher in seinem Hochstuhl saß, und wandte sich dann an Emily. "Schreibst du heute einen Test?"

     Emily wich ihrem Blick aus und starrte weiter in die Schüssel. "Nein."

     "Sollst du ein Buch vorstellen?"

     "Erst nächsten Freitag."

     Zooey blickte sie genauer an. "Ärgert dich jemand in der Schule?"

     Emily zog die Stirn in Falten. Sie sah traurig aus. Langsam hob sie den Löffel aus der Schüssel und sah zu, wie die Milch mit den Cornflakes wieder in die Schüssel tropfte.

     "Nö."

     Sie hat etwas zu lange gezögert, dachte Zooey. Vermutlich war sie auf der richtigen Spur. "Bist du sicher, dass dich niemand ärgert?", fragte sie nach. "Du kannst es mir ruhig sagen. Ich will dir helfen."

     Emily hob den Kopf, und Zooey sah Tränen in ihren Augen. "Nein, niemand ärgert mich. Sie sehen mich gar nicht. Genau wie Daddy. Für sie bin ich gar nicht da."

     Oje, das klingt nach einer schweren Last für so eine kleine Person. Voller Mitgefühl legte Zooey einen Arm um das Mädchen, und Emily lehnte den Kopf an ihre Schulter. Gerührt streichelte Zooey ihr über das seidige Haar. Wenn sie eine Tochter hätte, sähe sie sicher auch so zart aus. Und verletzlich.

     Und das wird sich ändern, versprach Zooey sich. "Natürlich sehen sie dich. Ich wette, die fragen sich, warum du nicht mit ihnen redest."

     Unsicher sah Emily sie an. "Was soll ich denn sagen?"

     "Fang ruhig mit 'Hallo' an. Wenn sie spielen, frag doch einfach, ob du mitspielen darfst."

     "Ich kenne keine Spiele für draußen", murmelte Emily. "Die Nannys vor dir sind immer mit uns drinnen geblieben. Sie haben gesagt, das sei einfacher, als Daddys ganze Regeln zu beachten."

     So, so, Daddys Regeln, dachte Zooey. Die Regeln, die sie völlig missachtete. Dafür, dass er nie anwesend war, hatte dieser Mann enorm viele Gesetze aufgestellt. Wahrscheinlich wollte er damit seine Schuldgefühle kompensieren, aber er musste lernen, dass es so nicht ging.

     Ihr war schon aufgefallen, dass Emily gar nicht gern draußen spielte. Lieber saß sie vor einem Videospiel. Da es hieß, diese Spiele förderten die Geschicklichkeit, hatte Zooey nicht besonders dagegen protestiert.

     Aber die Zeit war reif für ein paar Veränderungen.

     Zooey dachte an die Kinder, die gegenüber wohnten, zwei Jungen und ein Mädchen: der neunjährige Anthony, der fünfjährige Michael und die siebenjährige Olivia. Sie waren die Kinder von Angela Schumacher, einer alleinerziehenden Mutter, die als Büroleiterin arbeitete. Diese Frau schien eine regelrechte Supermutter zu sein, die sogar ihre jüngere Schwester aufgenommen hatte, als die ein Zuhause brauchte.

     Im Moment war Zooey jedoch hauptsächlich an Olivia interessiert.

     "Emily, bist du nicht in der gleichen Klasse wie Olivia?"

     Überrascht sah Emily sie an. "Ja."

     "Magst du sie?", fragte Zooey.

     Das Mädchen nickte. "Alle mögen Oliva." Der wehmütige Unterton in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

     Zooey blickte auf die Cornflakes. "Bist du fertig?"

     "Ja", erwiderte Emily und schob die Schüssel von sich. Dann schien sie sich an etwas zu erinnern. "Ich habe Bauchweh", wiederholte sie.

     "Bald geht es dir wieder besser", versprach Zooey. Sie ging zu Jackie und holte ihn aus dem Hochstuhl. Der Junge wirkte so energiegeladen, dass Zooey ihn lieber gleich im Arm behielt.

     "Emily, hol deinen Schulranzen."

     "Jetzt?" Das Mädchen sah sie mit offenem Mund an.

     "Ja, jetzt", erwiderte Zooey und hängte sich ihre Handtasche über die Schulter, während sie zur Haustür ging.

     "Aber wir sind zu früh!", rief Emily.

     "Wir fahren nicht gleich zur Schule", klärte Zooey sie auf. Sie hielt die Tür auf, bis das Mädchen hinausgetreten war, und schloss hinter ihnen ab. Mit dem zappelnden Jackie auf dem Arm ging sie die Einfahrt entlang. "Zuerst gehen wir noch nach gegenüber."

     Verwirrt sah Emily sie an. "Warum?"

     "Wir fragen Olivias Mom, ob wir Olivia mit zur Schule nehmen sollen."

     "Olivia?" Ehrfürchtig wiederholte das Mädchen den Namen. "In unserem Auto?"

     "Wieso nicht?" Kurz vor der Tür des Nachbarhauses blieb Zooey stehen und lächelte Emily an. "Sie hat doch keine Läuse, oder?"

     "Nein, aber …"

     Zooey setzte Jackie auf ihre andere Hüfte und klingelte an Angelas Tür. Als sie gerade ein zweites Mal klingeln wollte, wurde die Tür geöffnet.

     Statt Olivias Mutter erschien Angelas Schwester an der Tür.

     "Hallo." Megan grüßte Zooey, bevor sie einen Blick auf Jackie und Emily warf. Sie wirkte überrascht, sie schon so früh zu sehen. "Sucht ihr Angela?", fragte sie und schaute über die Schulter ins Haus.

     "Nein, wir suchen Olivia."

     Megan drehte sich um und blickte zu Emily, die sich scheu hinter Zooey versteckte. "Meine Nichte?"

     "Ja, ich dachte, da die beiden Mädchen in die gleiche Schule gehen …"

     "In die gleiche Klasse", verbesserte Emily sie im Bühnenflüsterton. "In die von Miss Nelson, weißt du?"

     "Entschuldige", flüsterte Zooey zurück. "In die gleiche Klasse", sagte sie zu Megan. "Wir wollten deine Schwester fragen, ob wir Olivia heute Morgen mit zur Schule nehmen können."

     "Hm, sicher, warum eigentlich nicht? Ich frage sie schnell. Kommt doch bitte herein."

     Zooey nickte und trat in den Flur. Emily ging direkt hinter ihr und hielt sich an ihrer Jacke fest.

     Megan verschwand kurz und rief laut nach Angela.

     Schönes Haus, dachte Zooey. Aber es wirkt etwas einsam.

     Im Handumdrehen standen Megan und Angela vor ihnen. Olivia kam hinter den beiden Frauen hergerannt.

     "Danke", meinte Angela freundlich. "Dein Angebot kommt mir sehr entgegen, denn ich bin heute Morgen spät dran." Sie errötete leicht.

     Zooey lächelte. "Kommt mir bekannt vor. Emily, nimm doch Olivia schon mal mit zum Auto. Ich bin gleich bei euch."

     Emily ergriff schüchtern Olivias Hand und ging mit ihr nach draußen, während Zooey kurz erklärte, warum sie Olivia so plötzlich mitnehmen wollte.

     Ab heute Morgen sollte Emilys Schüchternheit bekämpft werden.

 

Als Zooey fünfzehn Minuten später im Auto saß, fiel ihr auf, dass sie für Emily und Jackie schon Muttergefühle entwickelt hatte. Besonders für Emily.

     In den letzten Monaten war sie dem Mädchen nähergekommen und hatte mit ihr gelitten, wenn sie sich allein fühlte oder ihren Vater vermisste. Zum ersten Mal fragte sich Zooey, was ihre eigene Mutter wohl mit ihr durchgemacht hatte.

     Wie sehr hatte sie sich gewünscht, dass Zooey in das Familienunternehmen einstieg?

     Zooey hatte ihre Eltern niemals für schlechte oder unsensible Menschen gehalten. Nie war sie wütend auf sie gewesen oder hatte sie gehasst, wie das bei manchen Teenagern der Fall war, die Vater und Mutter und sich selbst das Leben zur Hölle machten.

     Allerdings war sie auch nicht besonders pflegeleicht gewesen. Sie hatte ihren Eltern häufig widersprochen, weil sie nicht einfach den Weg einschlagen wollte, den andere für sie ausgesucht hatten.

     Dass sie nicht in die Firma einsteigen wollte, hatte sich nicht geändert. Aber plötzlich ging ihr auf, dass ihre Eltern sie nicht aus Böswilligkeit in das Unternehmen drängten, sondern weil sie glaubten, es sei das Beste für ihre Tochter.

     Die Erkenntnis traf Zooey wie ein Blitz aus heiterem Himmel – dicht gefolgt von Schuldgefühlen. Sie hatte vieles gesagt, was sie heute bereute.

     Vermutlich lief es alles darauf hinaus, dass sie trotz ihrer lässigen Art befürchtet hatte, die in sie gesetzten Erwartungen nie erfüllen zu können. Da ihre Eltern geradezu perfekt waren, wollte sie sie nicht enttäuschen. Und deshalb hatte sie manches gar nicht erst versucht. Das war der Grund, warum sie das Studium an den Nagel gehängt und mit Connor Schluss gemacht hatte – sie wollte es ihren Eltern ersparen, sie anzusehen und zu denken: Sie ist gescheitert.

     "Tut mir leid, Mom", murmelte sie.

     Entschlossen kehrte sie in die Gegenwart zurück und blickte in den Rückspiegel. Emily saß in der Mitte zwischen Jackie und Olivia und hatte nicht mehr diesen verängstigten Rührmichnichtan-Gesichtsausdruck. Zooey hatte sogar gehört, wie sie mit leiser Stimme Olivia ein paar Fragen gestellt hatte. Gut. Und was noch besser war: Olivia hatte ihr geantwortet. Inzwischen war ein Gespräch zwischen den Mädchen in Gang gekommen.

     Zooey wusste nicht, wer glücklicher darüber war – sie oder Emily.

     "Olivia?", fragte Zooey laut. Sofort unterbrach das Mädchen das Gespräch, um zuzuhören.

     "Emily und ich wollen am Wochenende einkaufen gehen."

     "Einkaufen?", fragte Olivia sehnsuchtsvoll.

     "Ja, Emily braucht neue Kleidung für den Herbst." Zooey sah wieder in den Rückspiegel. Emily wirkte überrascht, aber Olivia strahlte. "Hast du Lust, mit deiner Mom oder deiner Tante Megan mitzukommen?"

     Bisher hatte Emily noch kein großes Interesse an Kleidung, aber Zooey vermutete, dass Olivia gerne einkaufen ging.

     Das Leuchten in ihren Augen zeigte ihr, dass sie richtig vermutet hatte. "Bestimmt! Ich frage meine Mom", rief Olivia begeistert. Und an Emily gewandt: "Sie sagt bestimmt Ja. Ganz sicher."

     Emily nickte. Für sie ging alles ein bisschen schnell, denn sie hatte noch nie eine Freundin gehabt. Bisher hatte sie nur mit ihrem Bruder gespielt. Langsam zeigte sich ein Lächeln auf ihren Lippen.

     Zooey bemerkte es und triumphierte innerlich. "Okay, dann haben wir eine Verabredung", sagte sie zu Olivia.

     Bei sich dachte sie: Jetzt muss Jack nur noch zustimmen.

 

Zum ersten Mal seit langer Zeit kam Jack früher nach Hause. Er war müde und gleichzeitig aufgedreht. Seine Begegnung mit Zooey am Morgen ging ihm einfach nicht aus dem Kopf, denn sie hatte in ihm Empfindungen geweckt, die er am liebsten leugnen wollte.

     Andererseits ging es auch nicht, dass er von nun an nur noch mit gemischten Gefühlen nach Hause kam. Schließlich lebte er hier! Um sich abzulenken, musste er sich eben in die Arbeit stürzen. Darin war er gut. Im Fach Leben dagegen schien er bisher versagt zu haben.

     Seine Hoffnungen, die er in die Beziehung mit Patricia gesetzt hatte, hatten sich nicht erfüllt. Er wusste überhaupt nicht, wie man liebte und eine befriedigende Beziehung zustande brachte. Da er kein positives Beispiel vor Augen hatte, an dem er sich orientieren konnte, war er völlig hilflos.

     Nur wenn er arbeitete, fühlte er sich sicher. Deshalb hatte er sich in die Akten vergraben und musste sich nun anhören, dass er seine Kinder vernachlässigte.

     Als er ausstieg, grüßte er Bo Conway, der in der Einfahrt von Carly Anderson stand und an einem Auto herumschraubte. Bo hatte Carly neue Hoffnung gegeben, als ihre Ehe scheiterte, und Jack verstand nur zu gut, wie das dem großen, muskulösen Mann gelungen war.

     Er ist genau das, was ich nicht bin, dachte Jack, warmherzig, freundlich und offen. Außerdem stammte er wohl aus einer intakten Familie, in der sich alle nahestanden. Für ihn selbst bedeutete der Ausdruck "jemandem nahestehen" nur, neben jemandem zu stehen, aber nicht, mit einem anderen Menschen Gedanken und Gefühle auszutauschen.

     Um diese Fähigkeit beneidete er Bo. Er wollte gerade ins Haus gehen, als der Nachbar ihn zu sich winkte. Erfreut über die Ablenkung ging Jack zu ihm.

     "Hallo, wie geht's?"

     Bo wischte sich die Hände an seiner Jeans ab, und dabei zeichnete sich sein Bizeps deutlich ab.

     Ich muss auch wieder Sport machen, dachte Jack.

     Der Nachbar kam näher. "Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?", flüsterte er.

     Jack wunderte sich über die Frage. Sie waren gute Nachbarn, hatten aber noch nie viel über Privates geredet. Trotzdem fühlte er sich geschmeichelt.

     "Ich bin Anwalt", erinnerte Jack ihn. "Da muss ich den Mund halten können."

     Bo grinste. "Ja, aber das hier fällt nicht unter die anwaltliche Schweigepflicht."

     "Ja, ich kann ein Geheimnis für mich behalten", erwiderte er ernst, weil er nicht wusste, worauf Bo hinauswollte.

     Bo sah sich um, aber ausnahmsweise befand sich niemand auf der Straße. "Carly und ich heiraten."

     Lachend bemerkte Jack: "Aber das ist doch kein großes Geheimnis. Fast jeder hier hat damit gerechnet."

     Bo schüttelte den Kopf. "Aber wir heiraten schon nächste Woche. Wir brennen durch."

     "Durchbrennen?", fragte Jack skeptisch. "Sind Sie sicher, dass Carly das möchte?"

     Bo war ein ganz bodenständiger Typ, aber alle kannte Carlys Vorliebe für das Großartige und Besondere. Patricia hatte ihm erzählt, dass Carly bei ihrer Hochzeit mit Greg zwölf Brautjungfern gehabt hatte. Vermutlich mussten es dieses Mal vierzehn sein.

     Bo schien jedoch andere Pläne zu haben. "Auf jeden Fall. Carly möchte diesmal ganz anders heiraten als beim ersten Mal. Nur wir beide und ein Priester. Trauzeugen holen wir uns von der Straße. Würden Sie mal nach dem Haus sehen, wenn wir weg sind? Ich habe zwar eine Alarmanlage installiert, aber Einbrecher scheinen immer einen Schritt voraus zu sein."

     Jack wunderte sich, dass Bo ihn fragte und nicht Molly Jackson oder Rebecca Peters, die direkt neben Carly wohnten. Wahrscheinlich fühlte Bo sich wohler, wenn ein Mann nach dem Rechten sah.

     "Ich bin nicht viel zu Hause, aber wenn ich da bin, kann ich mich gerne um das Haus kümmern. Zooey kann die Post holen und bei uns verwahren, bis Sie zurückkommen."

     Plötzlich fiel ihm auf, dass er Zooeys Dienste anbot, als gehörten sie zusammen. Hoffentlich gewann Bo dadurch keinen falschen Eindruck!

     Der allerdings schien auf Wolke sieben zu schweben und nichts zu bemerken. "Perfekt. Ich wusste doch, dass ich auf Sie zählen kann. Wir bringen Ihnen ein Souvenir von unserer Hochzeitsreise nach Maui mit. Falls wir daran denken." Er grinste. "Es gibt nichts Besseres, als verliebt zu sein, Jack."

     "Das kann ich nicht beurteilen", murmelte Jack.

     "Weil Sie nur Ihre Arbeit im Kopf haben." Bo klopfte leicht gegen Jacks Brust, als wolle er ihn daran erinnern, dass sein Herz auch noch für etwas anderes da war, als nur Blut durch den Körper zu pumpen. "Sie müssen einfach mehr ausgehen."

     Jack wusste, dass Bo es nur gut mit ihm meinte. Leute, die verliebt waren, wollten, dass alle anderen auch glücklich waren. Aber in seinem Fall war wohl Hopfen und Malz verloren.

     "Ja, gut …"

     Doch Bo schien das Thema noch nicht beenden zu wollen. "Ich bin sicher, dass Rebecca nichts dagegen hätte, wenn Sie mal mit ihr ausgingen."

     "Rebecca?" Obwohl ihm normalerweise nicht auffiel, wenn eine Frau sich für ihn interessierte, hätte er blind sein müssen, wenn er die Blicke der freiberuflichen Fotografin nicht registriert hätte.

     "Ja, genau die." Bo wies mit dem Kopf auf ihr Haus. Rebecca kam aus New York City und lebte noch nicht so lange in dieser Straße. Sie fiel allerdings besonders auf, weil sie immer in Eile zu sein schien.

     "Haben Sie nicht gemerkt, wie die Frau Ihnen hinterhersieht, wenn Sie vorbeifahren?" Bo zwinkerte ihm zu. "Sie sollten mal an ihrem Haus vorbeigehen, statt immer nur zu fahren. Ich weiß, dass sie gerade zu Hause ist. Warum klingeln Sie nicht bei ihr und laden sie zu einem Kaffee ein?"

     Das alles ging Jack viel zu schnell. "Ich weiß nicht …"

     Bo ließ ihn jedoch noch nicht in Ruhe. "Darum geht es ja. Wie können Sie etwas wissen, wenn Sie gar nichts ausprobieren? Nur zu arbeiten kann doch nicht Ihr Lebensinhalt sein."

     Jack wusste nicht, ob er überhaupt mit Rebecca ausgehen wollte. Natürlich war die Frau attraktiv und sexy, aber eigentlich war sie nicht sein Typ.

     Nur – welche Frau war eigentlich sein Typ? In letzter Zeit fühlte er sich zu Zooey hingezogen. Zu seiner Nanny, um Himmels willen! Viel Erfahrung mit Frauen hatte er nicht, denn seit der Highschool hatte es nur Patricia gegeben.

     Bo hob die Lappen auf, die er auf den Boden geworfen hatte, und legte sie auf die Motorhaube. "Seit wann haben Sie Blei in den Füßen? Warum gehen Sie nicht einfach zu ihr?"

     Jack starrte ihn an. "Und was soll ich tun – anklopfen und sie um ein Date bitten?"

     "Natürlich, warum nicht? So machen andere Leute das ja auch."

     Zweifellos. Jack war nicht wohl bei dem Gedanken. "Kann sein, aber ich nicht."

     Ernst sah Bo ihn an. "Vielleicht sollten Sie endlich mal damit anfangen."

     "Wenn ich sie zufällig treffe, kann ich sie ja mal fragen", räumte Jack ein. "Aber bei ihr zu klingeln, nein, das wirkt zu gewollt. Ich …"

     Bo blickte über seine Schulter und lächelte. "Raten Sie mal, was ich sehe!"

     "Was?", fragte Jack, aber er ahnte schon etwas.

     Der Nachbar legte ihm die Hand auf die Schulter und drehte ihn um.

     Während sie geredet hatten, war Rebecca aus dem Haus getreten. Sie stand auf ihrer Veranda, Hände auf den Hüften, und sah sich um. Der Wind spielte in ihren Haaren.

     Bo beugte sich zu Jack. "Sie ist gerade rausgekommen. Ist das nicht Zufall genug?" Dann richtete er sich auf und sah zufrieden aus. "Das ist Schicksal, Mann", versicherte er. "Das Schicksal mischt sich höchstpersönlich ein."

     Vielleicht stimmt das, dachte Jack. Hatte er sich nicht selbst nach Ablenkung gesehnt, damit er in Zooey weiterhin nur die Nanny sehen konnte? Wenn er sich mit einer anderen Frau verabredete, dann kühlte das seine Gefühle für Zooey möglicherweise ab. Oder brachte sie sogar ganz zum Verschwinden.

     Einen Versuch war es wert.

 

Schon zum zehnten Mal blickte Zooey zur Tür. Immer noch bewegte sich nichts, und sie seufzte.

     Sie war sicher, dass Jack vor zehn Minuten in die Einfahrt gefahren war, aber er kam einfach nicht ins Haus. Warum brauchte er so lange? Natürlich wollte sie nicht den Eindruck erwecken, dass sie ihm auflauerte, aber es könnte ja auch etwas passiert sein. Vielleicht stand er draußen, weil er ihr etwas Wichtiges sagen wollte und die richtigen Worte nicht fand.

     Heute Morgen hatte es zwischen ihnen diese knisternde Spannung gegeben. Sie hatten beide so getan, als merkten sie es nicht, aber es war da gewesen.

     Hatte die Anziehungskraft zwischen ihnen Jack abgeschreckt? Überlegte er, ob es gut war, dass sie in seinem Haus lebte? Oder wusste er einfach nicht, wie er reagieren sollte?

     Vielleicht hatte sein Verhalten auch etwas mit den Kindern zu tun. Hatte sie ihn heute Morgen zu sehr unter Druck gesetzt, sich von Emily und Jackie zu verabschieden? Vielleicht erwartete er eine Entschuldigung von ihr.

     Zooey biss sich nervös auf die Lippe. Sie konnte sich doch nicht für ihren Wunsch entschuldigen, dass Jack sich mehr um seine Kinder kümmerte! Als Nanny war es schließlich ihre Aufgabe, sich um das Wohlergehen der Kinder zu sorgen.

     Verdammt, wo steckte er bloß?

     Eigentlich hatte sie eine Entschuldigung dafür, einen Blick aus dem Fenster zu werfen und erwartungsvoll nach Jack Ausschau zu halten. Schließlich wollte sie ihm unbedingt von Emilys Fortschritten und dem geplanten Einkaufsbummel am Samstag berichten. Und sie brauchte seine Zustimmung, wenn sie Geld für Emilys neue Kleidung ausgab.

     Zooey holte tief Luft und schritt energisch zur Tür. Sie wollte sie gerade öffnen, als ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde. Im nächsten Augenblick ging die Tür auf, und Jack stand vor ihr.

     "Hi." Sie lächelte ihn freundlich an und nahm ihm die Aktentasche ab. "Du bist heute früh zu Hause. Bist du meinem Rat gefolgt, oder hat die Kanzlei plötzlich nicht mehr genug Mandanten?"

     "Weder noch." Er zog seinen Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. "Der Gerichtstermin hat nicht so lange gedauert."

     "Hast du Hunger?" Sie ging schon zur Küche. "Heute gibt es Schmorbraten."

     Jetzt wusste er, was anders war als sonst. Es war ruhig. Wenn Jack sonst früher nach Hause kam, also vor sieben Uhr, dann dauerte es genau fünf Sekunden, bevor seine Kinder zu ihm rannten und laut "Daddy!" schrien.

     Fragend blickte er Zooey an. "Wo sind die Kinder?"

     "Jackie ist nach dem Essen sofort eingeschlafen, deshalb habe ich ihn ins Bett gelegt. Emily ist noch bei Olivia."

     "Wer ist Olivia?"

     "Das kleine Mädchen von gegenüber. Die Tochter von Angela Schumacher und Nichte von Megan Schumacher. Megan ist die Frau, mit der sich Greg Banning trifft. Der Ex von Carly Anderson", fügte sie noch hinzu.

     Zooey schien sich in der Nachbarschaft besser auszukennen als er selbst. "Also ist Emily bei einem anderen Kind zu Besuch?" So etwas hörte er zum ersten Mal.

     "Sie spielt mit Olivia", verkündete Zooey triumphierend. "Hast du nicht bemerkt, wie schüchtern Emily ist?"

     Er zuckte mit den Schultern. "Sie ist doch noch so jung." Soviel er wusste, waren alle kleinen Mädchen schüchtern.

     Zooey lachte. Woher hatte der Mann denn diese verqueren Vorstellungen? "Du begegnest nicht vielen kleinen Mädchen, oder? Wenn sie jemanden nicht kennen, sind sie ungefähr zwei Minuten schüchtern, aber dann können sie ziemlich aufdrehen. Emily ist zu Hause manchmal recht altklug und durchaus lebhaft, aber wenn sie mit Gleichaltrigen zusammen ist, benimmt sie sich erschreckend scheu."

     Jack konnte ihr nicht ganz folgen. "Was macht sie dann bei Schumachers?"

     Zooey schüttelte ein Kissen auf. "Hoffentlich ihre Schüchternheit überwinden. Heute Morgen habe ich angeboten, Olivia mit zur Schule zu nehmen, denn die beiden Mädchen besuchen die gleiche Klasse." Wahrscheinlich wusste Jack das gar nicht.

     "Nach der Schule haben sie hier gemeinsam Hausaufgaben gemacht, haben zusammen gegessen und sind dann zu Olivia zum Spielen gegangen. Und am Wochenende gehen wir vier zusammen einkaufen."

     "Einkaufen?" Jack runzelte die Stirn. Eine Wurzelbehandlung wäre ihm lieber. "Ich kann nicht mit einkaufen gehen."

     "Ich meinte auch nicht wir vier, sondern Emily, Olivia, ihre Tante Megan und ich."

     Wahrscheinlich musste er am Wochenende noch einmal in die Kanzlei fahren, aber das konnte er vergessen, wenn sich niemand um Jackie kümmerte. "Was ist mit Jackie?"

     "Für ihn findet sich schon eine Lösung", versicherte Zooey. Im Moment wollte sie ihm noch nichts von ihrem Plan verraten, falls es doch nicht klappte. Sie wollte ihre Mutter bitten, sich um den Jungen zu kümmern, und wusste nicht, wie die reagierte. Seit mehr als zehn Monaten hatte sie ihre Mutter nicht mehr gesehen. Damals hatten sie über den Job als Kellnerin gestritten, und Zooey hatte wütend das Elternhaus verlassen.

     Seit heute bedauerte sie das sehr.

     Sie legte den Kopf schräg und betrachtete Jack neugierig. "Du hast eben ziemlich entschieden geklungen, als es ums Shoppen ging. Ist das nur die Angst des Mannes vor Einkaufszentren, oder hat man dich für das Wochenende in der Kanzlei verpflichtet?"

     "Weder noch. Ich muss tatsächlich am frühen Nachmittag noch einiges im Büro erledigen, aber danach …" Jack suchte die richtigen Worte, aber dann riss er sich zusammen. Lächerlich! Es ging Zooey gar nichts an, wie er sein Privatleben führte. Sie machte schließlich nur Small Talk.

     "Am Samstagabend habe ich ein Date."

     Zum ersten Mal in ihrem Leben fehlten Zooey die Worte.