3. KAPITEL

"Deinen Vater besuchen?", fragte Shannon geschockt. Hatte Tony den Verstand verloren? "Den König von San Rinaldo? Du machst Witze."

     "Nein, das ist mein voller Ernst."

     Wie sollte das funktionieren? Es war in der vergangenen Woche schon schwierig genug gewesen, Tony zu widerstehen. Da waren sie nur in derselben Stadt gewesen. Aber mit ihm zusammen unter einem Dach? Eine Nacht? Womöglich mehrere Nächte? Am liebsten wäre sie davongelaufen. Sie biss sich auf die Lippe, aus Angst, sonst mit etwas herauszuplatzen, was sie später bereuen würde. Kolby bewegte sich unruhig und zog seine Kuscheldecke näher an sich. Weil sie einen Moment brauchte, um ihre Gedanken zu ordnen und ihre Entschlossenheit zu stärken, hob Shannon ihren Sohn hoch.

     "Tony, lass uns die Diskussion hierüber ein wenig verschieben." Sie drückte ihr Kind an sich und ging den Flur entlang, immer in dem Bewusstsein, dass hinter ihr ein Prinz im Wohnzimmer saß.

     Sie legte Kolby in das rote Kinderbett, das sie zusammen ausgesucht hatten, als sie hier in die Wohnung gezogen waren. Sie hatte sich so bemüht, all das wettzumachen, was ihr Sohn verloren hatte. Als könnte man den Verlust des Vaters, den Verlust von Sicherheit ausgleichen. Shannon küsste Kolby auf die Stirn und seufzte.

     Als sie sich umdrehte, sah sie Tony mit entschlossenem Gesichtsausdruck an der Tür warten. Gut, aber sie konnte auch ziemlich resolut sein, vor allem, wenn es um ihren Sohn ging. Sie schloss die Vorhänge, bevor sie das Zimmer verließ und in den schmalen Flur trat.

     Leise zog sie die Tür hinter sich zu. "Du weißt genau, dass dein Vorschlag ungeheuerlich ist."

     "Die ganze Situation ist ungeheuerlich und verlangt daher nach außergewöhnlichen Maßnahmen."

     "Sich bei einem König verstecken? Das nenne ich wirklich außergewöhnlich." Sie nahm die Brille ab und rieb sich über den Nasenrücken.

     Sie starrte Tony an. Sein Gesicht war so nah, dass sie es klar erkennen konnte, während sie alles andere nur verschwommen sah. "Glaubst du ernsthaft, dass ich mich, geschweige denn Kolby, noch weiteren Prüfungen aussetzen will, indem ich zu deinem Vater fahre? Warum suchen wir nicht einfach in deinem Haus Zuflucht?"

     Du meine Güte, hatte sie gerade zugestimmt, auf unbestimmte Zeit bei ihm zu bleiben?

     "Mein Haus ist sicher, bis zu einem gewissen Grad. Doch die Leute werden herausfinden, wo ich wohne und sich denken, dass du bei mir bist. Es gibt nur einen Ort, den ich kenne, wo uns niemand finden kann."

     "Mir scheint, ihre Teleobjektive reichen überall hin", erwiderte sie frustriert.

     "Die Presse hat selbst nach jahrelangem Suchen noch nicht herausgefunden, wo mein Vater lebt."

     "Wohnt er nicht in Argentinien?"

     Tony musterte sie schweigend, und man konnte geradezu sehen, wie die Gedanken in seinem Kopf herumschwirrten. Schließlich schüttelte er den Kopf.

     "Nein. Wir haben dort nach unserer Flucht aus San Rinaldo nur kurz haltgemacht." Er schob seine Uhr hoch, die einzige nervöse Geste, die Shannon je an ihm ausgemacht hatte. "Mein Vater hat dort ein Anwesen bauen lassen und bezahlt eine kleine, vertrauenswürdige Gruppe von Menschen dafür, dass sie dort wohnen. Die meisten von ihnen sind mit uns aus San Rinaldo geflohen. Auf diese Weise konnten wir den Eindruck erwecken, dass wir uns ebenfalls dort aufhalten."

     Offenbar hatte sein Vater weder Kosten noch Mühen gescheut, um seine Familie abzuschirmen. Aber war sie nicht genauso bereit, alles zu tun, um Kolby zu beschützen? Überraschenderweise fühlte sie eine enge Verbundenheit zu dem unbekannten König. "Warum erzählst du mir das alles, wenn es solch ein gut gehütetes Geheimnis ist?"

     Er umfasste ihre Schultern, eine Berührung, vertraut und … erregend. "Weil es wichtig ist, dich zu überzeugen."

     Es war so schwierig, dem Verlangen zu widerstehen, sich an ihn zu lehnen, zumal er sanft ihren Hals streichelte. "Und wo lebt er jetzt wirklich?"

     "Das kann ich dir leider nicht verraten."

     "Und trotzdem erwartest du von mir, dass ich mein Kind nehme und dir dahin folge." Sie löste sich aus seiner verführerischen Berührung.

     "Ich höre da doch nicht etwa einen Anflug von Skepsis in deiner Stimme?" Er schob die Hände in die Hosentaschen.

     "Einen Anflug? Das soll wohl ein Witz sein, Tony." Das Gefühl, von ihm betrogen worden zu sein, verstärkte sich wieder, bis sie verbittert meinte: "Warum sollte ich dir trauen. Gerade jetzt?"

     "Weil du niemand anderen hast, sonst wäre schon jemand hier, um dir zu helfen."

     Die Realität versetzte ihr einen Dämpfer. Sie hatte nur die Eltern ihres Exmannes, die jedoch nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten, weil sie sie für den Untergang ihres Sohnes verantwortlich machten. Sie war tatsächlich ganz auf sich gestellt.

     "Wie lange würden wir dort bleiben?"

     "Nur so lange, bis meine Anwälte eine einstweilige Verfügung erwirkt haben. Mir ist natürlich klar, dass einstweilige Verfügungen nicht immer die gewünschte Wirkung haben, aber zumindest ist dann unsere rechtliche Lage besser. Außerdem müssen wir die besten Sicherheitsvorkehrungen in deiner neuen Wohnung installieren. Das dürfte ein, zwei Wochen dauern."

     "Und wie kommen wir dorthin?"

     "Mit dem Flugzeug."

     Das bedeutete, dass der Ort weit weg war. "Vergiss es! Auf keinen Fall lass ich mich auf diese Weise isolieren und von der Welt abschneiden. Das ist ja so, als würdest du mich und meinen Sohn kidnappen."

     "Solange du freiwillig mitgehst, nicht." Er kam näher. Shannon hob das Kinn. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. So nah, dass sie Tonys Körperwärme spürte. So nah, dass sie ihn hätte küssen können.

     Zu nah, zu gefährlich. "Von freiwillig kann ja wohl keine Rede sein."

     "Ich weiß, Shanny …" Er strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Mir tut es unendlich leid, dass du das alles ertragen musst, und ich werde mein Möglichstes tun, um dir die nächste Woche so angenehm wie möglich zu machen."

     Seine aufrichtige Entschuldigung besänftigte sie ein wenig. Es war eine lange Woche ohne ihn gewesen. Sie war selbst überrascht gewesen, wie sehr sie die spontanen Verabredungen und Tonys spätabendliche Anrufe vermisst hatte. Seine stürmischen Küsse und die intimen Zärtlichkeiten. Albern, das zu leugnen. Sie fand ihn sowohl emotional als auch körperlich ungemein anziehend. Anderenfalls würde Tonys unglaubliche Enthüllungen sie auch nicht so belasten.

     Sie schwankte ein bisschen und legte die Hände auf Tonys Brust, nicht sicher, ob sie ihn wegstoßen oder sich an ihn schmiegen sollte. Wie immer, wenn sie einander berührten, loderte Verlangen zwischen ihnen auf. Mit hungrigem Blick schaute Tony sie an, seine Pupillen weiteten sich.

     Langsam senkte er den Kopf, bis sein Mund direkt über ihrem war. Sein warmer Atem strich ihr übers Gesicht und rief Erinnerungen an wilde Nächte hervor. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte sie geglaubt, dass Nolans Verrat sie für immer unempfindlich solchen Gefühlen gegenüber gemacht hätte … und dann war sie Tony begegnet.

     "Mom?"

     Die Stimme ihres Sohns riss sie in die Gegenwart zurück. Und nicht nur sie. Tonys Gesichtsausdruck, eben noch so verführerisch, wirkte auf einmal äußerst achtsam. Er öffnete die Tür im selben Moment, als Kolby herausgestürmt kam und sich in die Arme seiner Mutter warf.

     "Mom, Mom, …" Er barg das Gesicht an ihrem Hals. "Da ist ein Monster am Fenster!"

 

Tony rannte entschlossen zum Fenster im Kinderzimmer, während er sich insgeheim schalt, weil er sich hatte ablenken lassen.

     "Bleib bitte im Flur", rief er Shannon über die Schulter zu.

     Es könnte nichts gewesen sein, aber schon in jungen Jahren hatte er gelernt, niemals unachtsam zu sein. Sein Adrenalinspiegel stieg, als er das Fenster aufriss und in den kleinen Innenhof spähte.

     Nichts.

     Vielleicht hatte Kolby nur einen Albtraum gehabt. Er schloss das Fenster wieder und zog die Vorhänge zu.

     Shannon stand im Türrahmen, ihren Sohn eng an sich gepresst. "Ich hätte schwören können, dass ich die Vorhänge zugezogen habe."

     Kolby schaute auf. "Ich habe sie aufgemacht, als ich was gehört habe."

     Vielleicht war der Albtraum des Jungen genauso real gewesen wie seine damals, deshalb wollte er sich lieber vergewissern. "Ich gehe raus. Der Bodyguard bleibt solange bei dir."

     Schützend drückte Shannon ihren Sohn an sich. "Ich habe ihm schon Bescheid gesagt. Ich wollte nicht, dass du dich allein um das 'Monster' kümmerst."

     Ein Gefühl der Panik überkam Tony, als er überlegte, was ihr hätte passieren können, als sie die Tür geöffnet hatte, um mit dem Bodyguard zu sprechen. Mühsam unterdrückte er die Worte, die ihm auf der Zunge lagen, weil er Kolby nicht erschrecken wollte.

     Aber der Vorfall bestärkte ihn in seinem Entschluss, Galveston mit Shannon und Kolby zu verlassen. "Hoffen wir mal, dass es nur ein Ast war."

     Tony war auf dem Weg zur Haustür, als sein iPhone klingelte. "Ja?", meldete er sich.

     "Ich hab ihn", antwortete der Bodyguard. "Ein Teenager aus dem Haus nebenan wollte ein paar Schnappschüsse mit dem Handy machen. Ich habe die Polizei bereits verständigt."

     Shannon hatte offenbar mitgehört, denn ihr entschlüpfte ein Seufzer. Tony wünschte sich nichts sehnlicher, als ihr Trost zu spenden. Wichtiger war im Moment jedoch ihre Sicherheit. "Halten Sie mich auf dem Laufenden. Gute Arbeit. Danke."

     Er steckte das Telefon wieder ein und merkte, dass sein Herz wie verrückt schlug, weil diese Gefahr so knapp abgewendet worden war. Es hätte schlimmer kommen können. Aus Erfahrung wusste er, wie schrecklich es hätte werden können.

     Und offensichtlich wurde das jetzt auch Shannon bewusst. Ihre Blicke gingen suchend und ängstlich von einer Ecke zur anderen.

     Zum Teufel mit den guten Vorsätzen, dachte Tony. Er hatte ihr jetzt lange genug Zeit gelassen. Er legte ihr einen Arm um die Schultern, und sie lehnte sich ganz leicht gegen ihn. Und das fühlte sich so verdammt richtig an, nach diesem aufregenden Tag, an dem so viel schiefgelaufen war.

     Shannon schloss kurz die Augen. "Okay, du hast gewonnen."

     "Inwiefern?"

     "Wir fahren für heute Nacht mit zu dir."

     Es war ein schwacher Sieg, da Angst und nicht Verlangen sie zu dieser Entscheidung getrieben hatten, aber er würde nicht mit ihr darüber streiten. "Und morgen?"

     "Das besprechen wir morgen früh. Jetzt bring uns einfach in dein Haus."

 

Tonys Haus in Galveston konnte man nur als herrschaftliche Villa bezeichnen.

     Das dreigeschossige Haus beeindruckte Shannon jedes Mal aufs Neue, wenn sie durch das schmiedeeiserne Tor fuhr. Für sie war es unverständlich, wie Kolby bei all der Aufregung schlafen konnte, aber als sie ihn davon überzeugt hatten, dass das Monster dank des Bodyguards geschnappt worden war, hatte Kolby nur noch gegähnt. Und kaum hatten sie ihn in seinem Kindersitz festgeschnallt, war er wieder eingeschlafen.

     Wenn doch nur ihre Sorgen genauso leicht abzuschütteln wären. Sie musste nachdenken, aber die Angst um Kolby setzte ihr so zu, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Nolan hatte so viel mehr als nur Geld gestohlen. Er hatte ihr das Gefühl von Sicherheit geraubt, bevor er feige aus dem Leben geschieden war.

     Eine große Rasenfläche erstreckte sich vor Tonys Haus, silbrig glänzend im Mondschein. Das Anwesen war schon am Tag einschüchternd, im Dunkeln wirkte es fast wie ein Schloss aus einem Gruselroman. Es war eine Sache, zu einer Verabredung ins Haus zu kommen. Aber eine völlig andere, hier Schutz zu suchen und Tonys Hilfe anzunehmen.

     Mit Nolan hatte sie auch in einem großen Haus gelebt, aber selbst das hätte hier zweimal hineingepasst. Tonys Haus war im spanischen Stil gebaut, der hier in Texas allgegenwärtig war. Und jetzt, da sie seine wahre Herkunft kannte, konnte sie verstehen, warum es ihn in diese Gegend verschlagen hatte.

     Schweigend lenkte er den Geländewagen in die Garage. Und endlich waren sie sicher vor der Welt da draußen. Aber wie lange?

     Er öffnete Kolbys Sicherheitsgurt, und Shannon protestierte nicht. Ihr Sohn schlief ohnehin noch. Die Art, wie Tony das schlafende Kind geschickt und sanft aus dem Sitz hob und an seine Schulter presste, berührte Shannons Herz mehr als ein Strauß roter Rosen.

     Während sie den beiden mit einem Rucksack voller Spielzeug folgte, nahm sie das Haus nur vage wahr. Es war ihr inzwischen vertraut, weil sie häufig nach Restaurant-, Kino- oder Konzertbesuchen hier gewesen war. Ihre Seele war regelrecht ausgehungert nach Musik gewesen, und sie hatte sie umso mehr genießen können.

     Als hätte Tony das geahnt, hatte er sie, als er sie das erste Mal hierher eingeladen hatte, nicht nur mit einem Fünfgangmenü verwöhnt, sondern auch einen Geiger engagiert. Shannon hatte den Klang der Violine, die durch den großen Raum mit den hohen Decken und dem kunstvoll gefliesten Marmorfußboden hallte, noch immer im Ohr.

     An jenem Abend waren sie und Tony sich nähergekommen, und auch wenn sie in der Nacht noch nicht miteinander geschlafen hatten, wusste sie damals schon, dass es unausweichlich war.

     Doch sie hatte niemals eine ganze Nacht bleiben können. Bis jetzt.

     Sie folgte Tony die geschwungene Treppe mit dem kunstvoll gearbeiteten Geländer hinauf. Die Zärtlichkeit, die sie verspürte, als sie Tony mit Kolby sah, erinnerte sie daran, was für einen besonderen Mann sie in ihr Leben gelassen hatte. Sie hatte ihn sehr sorgfältig ausgewählt, tief verletzt nach Nolans Tod, angezogen von Tonys innerer Kraft und seinem Ehrgefühl. War sie wirklich bereit, das alles aufzugeben?

     Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, betrat Tony eine Suite in dunklen Grüntönen mit alten, gerahmten Stichen an der Wand. Nachdem er durch den Wohnbereich gegangen war, schlug er die Brokattagesdecke zur Seite und legte Kolby in die Mitte des Betts.

     Leise stellte Shannon auf jede Seite des Betts einen Stuhl als provisorische Absperrung, bevor sie die Decke über die Schultern ihres Sohnes zog. Sie küsste ihn auf die Stirn und atmete seinen frischen Duft ein.

     Als ihr auf einmal bewusst wurde, in welch ungeheurem Ausmaß sich ihr Leben heute Abend verändert hatte, stiegen ihr Tränen in die Augen. Tony legte ihr eine Hand auf die Schulter, und sie lehnte sich zurück …

     Verdammt! Abrupt löste sie sich von ihm. Wie einfach es doch war, in seiner Gegenwart wieder in alte Gewohnheiten zu verfallen. "Ich wollte nicht …"

     "Ich weiß." Er ließ die Hand sinken. "Ich hole dein Gepäck gleich hoch. Dem Personal habe ich heute Nacht freigegeben."

     Sie folgte ihm ins Wohnzimmer. "Ich dachte, du vertraust ihnen."

     "Tue ich auch. Bis zu einem gewissen Grad. Aber je weniger Leute im Haus sind, desto einfacher ist es zu bewachen. Deine Sorge, dass du dich von der Welt abgeschnitten fühlst, wenn ich dich zu meinem Vater bringe, kann ich durchaus nachvollziehen."

     Verflixt, jetzt hatte er auch noch Verständnis für sie. Wie sollte sie ihm denn da noch böse sein, ganz abgesehen von all den Erinnerungen, die das Haus in ihr wachrief? Wie oft hatten sie sich hier geliebt … Vergiss nicht, er hat dich angelogen, ermahnte sie sich.

     "Ich muss tun, was am besten für Kolby ist." Sie ließ sich aufs Sofa fallen, erschöpft nach diesem aufregenden Abend. "Mir macht es höllische Angst, wenn ich daran denke, wie einfach es einem Teenager gelungen ist, in die Nähe meines Kindes zu kommen, noch dazu, da die ganze Sache gerade erst angefangen hat. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was jemand anrichten kann, dem ganz andere Mittel zur Verfügung stehen."

     "Meine Brüder und ich haben gute Anwälte. Sie werden sich darum kümmern, dass Anklage gegen den Teenager erhoben wird." Er setzte sich neben sie.

     Denk an den Streit, nicht an die wunderbaren Nächte, beschwor sie sich und rutschte von Tony fort. "Bitte sag mir, wie hoch das Honorar der Anwälte ist."

     "Sie sind bei uns fest angestellt. Sie helfen uns auch, untereinander zu kommunizieren. Mein Anwalt erfährt, dass wir zu meinem Vater fliegen, falls du sichergehen möchtest, dass jemand von deinem Aufenthaltsort weiß."

     "Vertraust du diesem Mann, deinem Anwalt?"

     "Muss ich." Die Gewissheit in seiner Stimme ließ wenig Raum für Zweifel. "Es gibt Transaktionen, die unumgänglich sind, so sehr wir die Vergangenheit auch ruhen lassen wollen."

     Seine Stimme hatte einen härteren Klang angenommen, was Shannon dazu bewog nachzuhaken. "Sprichst du jetzt von dir?"

     Er zuckte mit den Schultern.

     O nein! So leicht würde sie nicht aufgeben. Sie hatte ihm vertraut, nur um dann feststellen zu müssen, dass er sie belogen hatte.

     Jetzt brauchte sie etwas, was ihr bewies, dass sie sich seine Integrität und sein Ehrgefühl nicht nur eingebildet hatte. "Du hast gesagt, du möchtest unsere Beziehung nicht beenden. Wenn das wahr ist, wäre dies eine gute Gelegenheit, um dich ein wenig zu öffnen."

     Sofort rutschte Tony zu ihr und presste sein Knie gegen ihres, während er sie anschaute. "Heißt das, dass wir uns wieder vertragen haben?"

     "Es heißt …" Sie räusperte sich, weil ihre Kehle plötzlich wie ausgetrocknet war. "Vielleicht könnte ich dir vergeben, wenn ich mehr über dich wüsste."

     Er richtete sich auf und betrachtete sie eingehend. "Was möchtest du wissen?"

     "Warum Galveston?"

     "Bist du jemals Surfen gewesen?" Er machte eine Handbewegung, um das Reiten auf den Wellen anzudeuten. "Der Atlantik bietet nicht so traumhafte Wellen wie der Pazifik, aber es funktioniert, vor allem in Spanien."

     "Du bist Surfer?" Sie versuchte, das Bild des gepflegten Geschäftsmannes mit dem eines sorgenfreien Wellenreiters in Einklang zu bringen. Dabei fiel ihr ein, wie hemmungslos er sich dem Liebesspiel hingab. Sofort begannen ihre Brüste lustvoll zu kribbeln, und die Spitzen richteten sich auf, als sie sich Tony vorstellte, wie er wie ein Meeresgott aus der Brandung auftauchte.

     "Wellen haben mich schon immer fasziniert."

     "San Rinaldo ist ein Inselstaat, oder?"

     Vieles ergab auf einmal einen Sinn. Sie hatte immer geglaubt, dass die maritimen Kunstwerke im Haus etwas mit seiner Reederei zu tun hatten. Jetzt wurde ihr klar, dass die Vorliebe für solche Stücke daher rührte, dass er auf einer Insel geboren worden war.

     "Ich dachte, du wüsstest so gut wie nichts über die Medinas?"

     "Ich habe dich über mein Handy gegoogelt, als wir hierhergefahren sind." Konkrete Informationen hatte es eher weniger gegeben, im Vergleich zu all den wilden Spekulationen, aber ein paar grundlegende Fakten hatte sie schon gefunden. Drei Söhne. Der Vater ein gestürzter König. Eine Mutter, die auf der Flucht getötet worden war. Shannon fühlte mit Tony. Beim Tod seiner Mutter war er kaum älter als Kolby jetzt gewesen.

     Sie lächelte schwach. "Surfbilder waren allerdings nicht dabei."

     "Wir haben die meisten Bilder vernichtet, nachdem wir geflüchtet waren." Sein lockeres Lächeln stand in krassem Gegensatz zu dem Schatten, der über sein Gesicht huschte. "Das Internet gab es damals ja noch nicht."

     Das Ausmaß seiner veränderten Lebensumstände machte sie tief betroffen. Und sie hatte gedacht, sie hätte es schwer gehabt, nachdem sie Louisiana verlassen musste, als ihr Mann verhaftet worden war und dann Selbstmord begangen hatte. Wie tragisch, wenn die eigene Vergangenheit ausgelöscht wurde.

     Man musste einfach Mitleid mit Tony haben, nach allem, was er durchgemacht hatte. "Ich habe gelesen, dass deine Mutter gestorben ist. Das tut mir leid."

     Er machte eine abwehrende Geste. "Als wir nach … dorthin kamen, wo mein Vater jetzt lebt, waren wir sehr isoliert. Aber zumindest hatten wir noch den Ozean. Draußen auf den Wellen konnte ich alles andere vergessen."

     Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und starrte an ihr vorbei, ganz offensichtlich in Erinnerungen versunken. War es die richtige Entscheidung, sich in seine Obhut zu begeben? Shannon kam immer mehr zu der Überzeugung, dass die Antwort darauf Ja lautete.

     Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. "Was denkst du?"

     "Ich dachte, vielleicht hast du Lust, es im nächsten Frühjahr zu lernen. Es sei denn, du bist schon Profi?"

     "Surfen? Wohl kaum." Der Frühling war noch weit weg. Die Vorstellung, auf einer Welle zu reiten, bereitete ihr ein mulmiges Gefühl, genauso wie die Vorstellung, sie könnte so lange mit Tony zusammen sein. "Vielen Dank für das Angebot, aber ich passe."

     "Angst?" Er strich ihr mit dem Handrücken über die Schulter, und sofort durchströmte sie wieder diese wohlige Wärme.

     "Himmel, ja. Angst davor, verletzt zu werden", erklärte sie vieldeutig.

     Tonys Hand verharrte direkt über ihrem klopfenden Herzen. Verlangen packte sie, und auch Tonys Erregung war unmissverständlich. So war es von Anfang an gewesen. Aber sie durfte sich nicht hinreißen lassen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, mehr über Tony in Erfahrung zu bringen. Jedenfalls nicht heute Abend.

     Sie entzog sich ihm, ihr Körper war angespannt. Sie brauchte jetzt den unbekümmerten Tony. Keine ernsten Einblicke in die Abgründe der Vergangenheit. "Surfen ist nichts für mich. Hast du je versucht, dich mit einem gebrochenen Bein um ein Kleinkind zu kümmern?"

     "Wann hast du dir denn das Bein gebrochen?" Er kniff die Augen zusammen. "Hat dein Mann dir wehgetan?"

     Wie kam Tony so schnell darauf?

     "Nolan war ein Betrüger und manipulativ, aber er hat mich nie geschlagen." Sie zitterte. Die Richtung, die das Gespräch nahm, gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie hatte mehr über Tony erfahren wollen. Nicht andersherum. "Müssen wir darüber reden?"

     "Wenn es wahr ist?"

     "Er hat mich nicht misshandelt." Zumindest nicht körperlich. "Mit einem Kriminellen verheiratet gewesen zu sein ist schon schlimm genug. Das Wissen, dass ich die Zeichen nicht erkannt habe … Die Fragen, ob ich mich taub und blind gestellt habe, weil mir der Lebensstil gefallen hat … Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll, Erklärungen zu suchen."

     Erschöpft sackte sie zusammen.

     "Mir fällt es schwer, mir vorzustellen, dass du jemals den leichten Weg wählen würdest." Sanft strich Tony mit dem Daumen unter ihren Augen entlang, wo mit Sicherheit dunkle Ringe ihr Gesicht verunstalteten. "Du solltest schlafen gehen. Wenn du willst, bringe ich dich ins Bett", schlug er vor und zwinkerte ihr zu.

     Sie fand, dass sie mit dem alten Tony sehr viel besser umgehen konnte als mit Antonio, dem Prinzen. "Das soll ein Witz sein, oder?"

     "Vielleicht …" Und im selben Moment blitzte das Verlangen in seinen Augen wieder auf, diesmal noch intensiver. "Shanny, ich würde dich die ganze Nacht lang halten, wenn du es mir erlaubst. Ich würde dafür sorgen, dass niemand dich oder deinen Sohn wieder bedroht."

     Wie gern würde sie sein Angebot annehmen. Aber schon einmal hatte sie sich auf einen Mann verlassen … "Wenn du mich festhältst, das wissen wir beide, bekomme ich keinen Schlaf, und auch wenn mir das heute Nacht Freude bereiten würde, käme morgen die Reue. Meinst du nicht, wir haben im Augenblick genügend andere Probleme?"

     "Okay …" Tony drückte noch einmal ihre Schulter, bevor er sich erhob. "Gute Nacht."

     Shannon stand ebenfalls auf, die Hände zu Fäusten geballt, um sie nicht nach Tony auszustrecken. "Ich bin immer noch sauer auf dich, weil du mich angelogen hast, aber ich weiß es zu schätzen, dass du dich bemühst, den Schaden zu begrenzen."

     "Das ist doch das Mindeste." Er küsste sie sacht auf die Lippen, ohne sie sonst irgendwo zu berühren, und verharrte lange genug, um sie daran zu erinnern, warum sie zueinandergefunden hatten. Shannon stockte der Atem, und es kostete sie große Überwindung, ihn nicht an sich zu ziehen, um den Kuss zu vertiefen.

     Langsam löste er sich von ihr und ging zur Tür.

     "Tony?"

     Er blickte über die Schulter. Es wäre so leicht, sich den körperlichen Trost zu holen, der nur wenige Schritte entfernt auf sie wartete. Aber sie musste einen klaren Kopf behalten. Sie musste stark bleiben und unabhängig, sich und ihrem Sohn zuliebe, und das bedeutete, dass sie Grenzen ziehen musste.

     "Nur weil ich dir vielleicht vergebe, heißt das noch nicht, dass ich dich wieder in mein Bett lasse."