4. KAPITEL

Sie lag nicht in ihrem Bett.

     Shannon versuchte, sich aus den Fängen des Albtraumes zu befreien, was nicht so einfach war, wenn man nicht wusste, wo man war. Das Ticken der Standuhr, Seidenbettwäsche, nichts davon war ihr vertraut. Und dann stieg ihr der Duft von Sandelholz in die Nase, eine Sekunde, bevor …

     "Hey." Tonys Stimme drang durch die Dunkelheit. "Alles okay. Ich bin hier."

     Ihr Herz begann zu rasen, und sie schoss hoch. Blinzelnd versuchte sie, sich zu orientieren, aber vor ihren Augen verschwamm alles in der Dunkelheit. Unter ihren Händen spürte sie den weichen Bezug eines Sofas, und plötzlich kam die Erinnerung zurück. Sie war bei Tony.

     "Alles okay", wiederholte Tony beruhigend, während er ihre Schulter sanft berührte, als er sich neben das Sofa kniete.

     Shannon setzte sich auf, doch der Albtraum ließ sie noch nicht los. Dunkle Schatten huschten durch ihre Gedanken und vermischten sich mit Erinnerungen an die Nacht, als Nolan gestorben war, nur dass Tonys Gesicht sich über das ihres toten Ehemannes schob.

     Ihr war schwindelig und schlecht, und sie musste schlucken, weil der Traum so entsetzlich gewesen war. "Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe." O nein! Ihr Sohn! "Ist mit Kolby alles in Ordnung?"

     "Der schläft tief und fest."

     "Ein Glück. Ich möchte ihm nicht noch mehr Angst machen." Sie warf einen Blick auf Tonys zerzaustes Haar, die Jeans, deren Knopf noch offen stand und den nackten Oberkörper. Sie musste schlucken. "Entschuldige, dass ich dich gestört habe."

     "Ich habe nicht geschlafen." Er reichte Shannon die Brille.

     Nachdem sie sie aufgesetzt hatte, konnte sie das Tattoo auf seinem Arm erkennen. Ein nautischer Kompass. Außerdem stellte sie fest, dass sein Haar nass war. An Tony in der Dusche, in der sie sich auch schon geliebt hatten, wollte sie jetzt lieber nicht denken. "Es war eine harte Nacht."

     "Möchtest du darüber reden, was dich aufgeweckt hat?"

     "Eigentlich nicht." Niemals. Mit niemandem. "Ich glaube, meine Angst um Kolby hat mich im Traum verfolgt. Träume sollen ja angeblich helfen, Probleme zu lösen, aber manchmal machen sie alles nur noch schlimmer."

     "Ach, verdammt, Shanny, es tut mir so leid, dass ich dich da mit reingezogen habe." Er setzte sich aufs Sofa und schlang ihr einen Arm um die Schultern.

     Eine Sekunde lang versteifte sie sich, bevor sie nachgab. Was soll's, dachte sie und lehnte sich gegen seine breite Brust. Der Albtraum war noch zu gegenwärtig, als dass sie die Kraft hätte, sich Tony zu entziehen. Sofort schloss er beide Arme um sie und zog ihren Kopf unter sein Kinn. Irgendwie war es einfacher, seinen Trost zu akzeptieren, wenn sie ihm nicht in die Augen schauen musste. Sie war schon so lange mit ihren schlimmen Träumen allein. War es falsch, sich wenigstens einen Moment lang in diese schützenden Arme zu flüchten? Sie würde gleich wieder stark sein.

     Minuten verstrichen, während Shannon auf Tonys Hände blickte. "Danke, dass du noch einmal nach uns gesehen hast."

     "Es kann einem ganz schön zusetzen, wenn man allein an einem unbekannten Ort aufwacht." Seine Stimme vibrierte an ihrem Rücken, nur ihr dünnes Nachthemd trennte sie von seiner nackten Brust.

     Erneut stieg ihr der frische Duft von Shampoo und Seife in die Nase und weckte Erinnerungen an feuchte, schaumbedeckte Körper …

     "Ich bin jetzt bestimmt schon ein Dutzend Mal hier gewesen, aber noch nie in diesem Zimmer." Sie hatten sich vor fünf Monaten kennengelernt, waren vor zwei Monaten das erste Mal ausgegangen … und hatten vor vier Wochen zum ersten Mal miteinander geschlafen. "Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass wir zusammen geduscht haben, ich aber noch gar nicht alles von deinem Haus gesehen habe."

     "Irgendwie sind wir immer ein wenig abgelenkt gewesen, sobald wir hier oben ankamen", meinte er leicht amüsiert.

     Das stimmte. Der Weg hatte sie immer direkt ins Schlafzimmer geführt.

     "Beim ersten Mal …" Shannon erinnerte sich, dass sie in der Oper gewesen waren. Die Inszenierung hatte sie aufgewühlt, und außerdem hatten ihre Hormone verrückt gespielt. "… hatte ich Angst."

     Das Geständnis entschlüpfte ihr, bevor sie darüber nachdenken konnte, aber irgendwie war es in der Dunkelheit einfacher, solche Schwächen zuzugeben.

     "Das Letzte, was ich je wollte, ist, dir Angst zu machen", sagte Tony und zog sie noch enger an sich.

     "Das war ja nicht dein Fehler. Es war für mich ein großer Schritt nach vorn, weil ich wieder jemandem Vertrauen schenken musste." Auf einmal war es wichtig, dass er verstand, was sie bewegte. "Seit Nolan war es das erste Mal, dass ich mit einem Mann zusammen war."

     Tony erstarrte, und sogar sein Atem stockte einen Moment, bis sie spürte, wie er schluckte. "Es gab niemand anderen?"

     "Nein." Nicht nur, dass Tony ihr erster Liebhaber nach Nolan gewesen war, er war auch erst ihr zweiter überhaupt.

     Irgendwie geriet sie immer an Männer mit dunklen Geheimnissen.

     "Ich wünschte, du hättest es mir erzählt."

     "Und was hätte das geändert?"

     "Ich wäre … vorsichtiger gewesen."

     Eine Flut von Erinnerungen schoss ihr durch den Kopf … Kleidung, die auf die Treppe fiel, als sie hinaufstolperten. Nackt waren sie oben angekommen, das Mondlicht hatte Tonys Haut warm schimmern lassen und Schatten auf seine ausgeprägten Muskeln geworfen. An die Wand gelehnt, hatten sie sich stürmisch geküsst, bis Shannon ihre Beine um seine Taille geschlungen und er kraftvoll in sie eingedrungen war. Im nächsten Moment schon hatte sich die aufgestaute Spannung in einem köstlichen Höhepunkt entladen, und noch ehe das wunderbare Kribbeln ihren Körper verlassen hatte, war sie von Tony ins Schlafzimmer getragen worden. Im Bett hatte sie noch einmal zusammen mit ihm Erlösung gefunden, bevor sie schließlich gemeinsam unter die Dusche gegangen waren und sich in dieser aufregenden Nacht ein letztes Mal geliebt hatten.

     Allein beim Gedanken daran durchrieselte ein Wonneschauer sie. "Du warst fantastisch an dem Abend, und das weißt du auch." Sie schlug ihn leicht auf die Hand. "Und jetzt verkneif dir das selbstherrliche Lächeln."

     "Du kannst mich ja gar nicht sehen." Seine Stimme klang erstaunlich ernst.

     "Aber ich habe recht, oder?"

     "Sieh mich an."

     Sie drehte sich herum. Sein intensiver Blick war sehr viel berührender als ein Lächeln.

     In diesem Augenblick war es schwer, sich daran zu erinnern, dass sie kein Paar mehr waren. "Hätte ich es dir erzählt, hätte ich dem Ganzen zu viel Gewicht beigemessen."

     Sein Angebot, ihr finanziell unter die Arme zu greifen, stand noch immer zwischen ihnen und wirkte jetzt sogar noch verletzender. Warum konnten sie nicht einfach zwei ganz normale Leute sein, die sich im Park vor ihrer Wohnung getroffen hatten? Hätte sie dann einen Neuanfang gewagt?

     Sie würde es niemals erfahren.

     "Shannon." Seine Stimme klang heiser und gequält. "Kannst du jetzt wieder schlafen? Ich muss nämlich gehen."

     Seine Worte hatten denselben Effekt wie eine kalte Dusche. "Natürlich, du musst sicherlich eine Menge regeln."

     "Du verstehst mich falsch. Ich muss gehen, weil es mich fast verrückt macht, wie sehr ich dich verletzt habe. Und als würde das nicht schon genügen, um mich in die Knie zu zwingen, drehe ich fast durch, wenn du deinen Kopf bewegst und dein Haar über meinen Oberkörper streicht." Seine dunklen Augen funkelten vor Entschlossenheit. "Aber ich will verdammt sein, wenn ich irgendetwas tue, was dein Vertrauen in mich erneut erschüttert."

     Bevor Shannon die Bedeutung seiner Worte richtig begriffen hatte, löste er sich von ihr und verschwand genauso leise, wie er gekommen war. Ohne seine tröstende und wärmende Umarmung wurde ihr auf einmal kalt, und sie zog die Decke enger um sich.

     Allerdings brauchte sie nun wohl keine Angst mehr vor Albträumen zu haben. Schlafen würde sie jetzt ohnehin nicht mehr.

 

Tony hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, die Tagesdecke von seinem Bett zu ziehen. Nachdem er Shannons Zimmer verlassen hatte, war er den Großteil der Nacht damit beschäftigt gewesen, sich mit seinem Anwalt und der Sicherheitsfirma zu beraten. Die Arbeit war eine willkommene Ablenkung von seinem Verlangen nach Shannon.

     Gegen fünf Uhr hatte er sich auf das Sofa in seiner Bibliothek gelegt, um wenigstens ein bisschen zu schlafen. Als Vernon gegen acht am Tor klingelte, schreckte er hoch. Er hatte dem pensionierten Kapitän gemailt und sich mit ihm zum Frühstück verabredet. Schließlich hatte sein alter Freund ein Anrecht auf ein paar Erklärungen.

     Kurz darauf betrachtete Vernon ihn über den Rand seines Kaffeebechers. "Also stimmt es, was sie in den Zeitungen und im Internet schreiben?"

     Tony nickte. "Mein Bruder ist zwar kein tibetischer Mönch, aber im Großen und Ganzen stimmt die erste Nachricht vom Global-Intruder."

     "Du bist ein Prinz." Vernon rieb sich über sein Doppelkinn. "Verdammt. Aber ich wusste schon immer, dass du etwas Besonderes bist, Junge."

     Tony hoffte, dass er sich eher durch harte Arbeit und weniger durch seine Abstammung ausgezeichnet hatte. "Du bist mir hoffentlich nicht böse und verstehst, dass ich nichts erzählen durfte."

     "Du hast Brüder und einen Vater." Der Kapitän goss einen großzügigen Schluck Milch in seinen Kaffee. "Auf die musstest du ja wohl Rücksicht nehmen."

     "Genau. Danke für dein Verständnis."

     Er wünschte, Shannon würde das auch so sehen. Er hatte gehofft, dass sie sich hier wieder an all das Gute erinnern würde, was sie gemeinsam erlebt hatten. Wie würde sich ihre Beziehung entwickeln? Er wusste es nicht, aber zumindest hatte er noch mehr Zeit gewonnen, um es herauszufinden. Schon bald würde sie mit ihm in seinem Privatjet sitzen.

     Vernon stellte seinen Becher auf den Tisch. "Dir ist es hoch anzurechnen, dass du deinen eigenen Weg gehen wolltest."

     "Noch einmal danke." Er hatte befürchtet, dass Vernon wütend über seine Geheimniskrämerei sein würde und ihm die Freundschaft aufkündigen könnte.

     Vernons Respekt bedeutete ihm viel, genauso wie seine wertvollen Ratschläge. Vom ersten Tag an, als Tony seine nicht sehr aussagekräftige Bewerbung abgegeben hatte, war er von Vernon wie ein Sohn behandelt worden. Sie hatten einiges zusammen erlebt. Und genau wie vor vierzehn Jahren, schenkte Vernon ihm auch jetzt uneingeschränktes Vertrauen.

     "Und was sagt deine Familie zu dem Ganzen?", wollte Vernon wissen.

     "Ich habe bisher nur mit meinem mittleren Bruder gesprochen."

     "Den Zeitungen nach wäre das dann Duarte, richtig?" Als Tony nickte, fuhr Vernon fort: "Habt ihr eine Ahnung, warum eure Tarnung jetzt nach all den Jahren aufgeflogen ist?"

     Das war die Eine-Million-Dollar-Frage. Der Antwort waren sie leider noch kein Stück näher gekommen. "Duarte weiß nur, dass eine Fotojournalistin ihn auf einem Schnappschuss verewigt und daraufhin die Details herausgefunden hat. Wie, ist uns ein Rätsel. Keiner von uns sieht mehr so aus wie damals, schließlich waren wir noch Kinder, als wir San Rinaldo verlassen haben."

     "Und in der Zwischenzeit gab es keine Fotos von euch?"

     "Nur wenige – wir waren immer sehr vorsichtig."

     Er brach sich gerade ein Stück von der Blätterteigtasche ab, als er auf einmal das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Abrupt drehte er sich um …

     Kolby stand in der offenen Tür, seine Kuscheldecke in der Hand.

     Verflixt. Und jetzt? Er hatte den Jungen nur wenige Male getroffen, und war nicht so recht mit ihm warm geworden. Das musste er ändern. "Hallo, Großer. Wo ist deine Mom?"

     Kolby rührte sich nicht von der Stelle. "Schläft noch."

     "Willst du dich nicht zu uns setzen?", fragte Vernon den Jungen einfach.

     Ohne seinen Blick von Tony zu nehmen, tapste Kolby über die geflieste Terrasse und kletterte auf den Stuhl. Schweigend saß er dann da und blinzelte mit diesen großen blaugrauen Augen, die Shannons so sehr ähnelten.

     Vernon wischte sich den Mund ab, warf die Serviette auf den Tisch und stand auf. "Danke fürs Frühstück, Tony. Ich muss mich ums Geschäft kümmern. Den Weg nach draußen finde ich allein."

     Als sein alter Freund sozusagen das sinkende Schiff verließ, wurde Tony etwas mulmig zumute. Seine Erfahrung mit Kindern war gleich null. Selbst als Kind hatte er nur seine Brüder als Spielgefährten gehabt.

     Später, nachdem er die Insel schließlich verlassen hatte, war ihm die Arbeit auf einem Shrimpskutter wie ein Urlaub vorgekommen. So viel Weite, keine Grenzen, keine Einschränkungen. Vor allem aber hatte er es genossen, Menschen zu treffen, denen er vertrauen konnte.

     Aber mit Dreijährigen hatte er auch da nicht zu tun gehabt.

     Was brauchten Kinder? "Hast du Hunger?"

     Kolby nickte und zeigte zu den Blätterteigtaschen. "Das da. Aber mit Erdnussbutter."

     Dankbar, etwas tun zu können, sprang Tony auf. "Na, dann sollst du Erdnussbutter bekommen. Komm mit."

     Es dauerte einen Moment, bis er in der großen Speisekammer fündig geworden war, zum Glück fand er Erdnussbutter.

     Doch gerade, als er Kolby den Teller zuschieben wollte, fiel ihm etwas ein. Verflixt, und was war, wenn der Kleine allergisch auf Nüsse reagierte? Kolby wollte nach dem Teller greifen, und Tony unterdrückte erneut einen Fluch. "Lass uns lieber auf deine Mom warten."

     "Warum wollt ihr auf mich warten?" Shannons Stimme erklang hinter ihm.

     Er schaute sich um, und sein Herzschlag erhöhte sich. Verdammt, die Jeans standen ihr aber auch gut, sie schmiegten sich wie eine zweite Haut um ihre langen Beine. Das Haar, noch feucht vom Duschen, fiel ihr auf die Schultern, und Tony dachte daran, wie seidig es sich anfühlte … und ermahnte sich dann, derlei Gedanken in Gegenwart ihres Sohnes lieber zu unterdrücken.

     Tony hielt den Teller hoch. "Darf er Erdnussbutter essen?"

     "Er hat sie noch nie so probiert, aber ich bin sicher, dass es ihm schmeckt." Sie nahm ihm den Teller ab. "Allerdings fürchte ich, dass zerbrechliche Keramik nicht unbedingt geeignet ist für einen Dreijährigen."

     "Hey, Großer, ist der Teller in Ordnung für dich?"

     "Is okay." Kolby tapste zu seiner Mutter und schlang ihr einen Arm ums Bein. "Elefanten sind besser. Kann ich Milch kriegen?"

     "Mit Milch kann ich dienen." Tony öffnete den Kühlschrank und holte die Milch heraus. "Und beim nächsten Mal bekommst du den schönsten Elefantenteller, den wir finden können."

     "Warte." Shannon wühlte in der großen Tasche, die sie um die Schulter hängen hatte, und holte einen Kinderbecher heraus.

     Sie füllte den Becher bis zur Hälfte, nahm den Teller in die eine und Kolby an die andere Hand und ging hinaus auf die Veranda. Sie setzte sich und zog Kolby auf ihren Schoß, den Teller gerade außerhalb seiner Reichweite. Dieses Bild – eine Familie beim Frühstück – beunruhigte Tony auf seltsame Weise.

     Shannon brach ein Stück von dem Gebäck ab und reichte es ihrem Sohn. "Ich hatte letzte Nacht viel Zeit zum Nachdenken."

     Also hatte sie auch nicht besser geschlafen als er. "Worüber hast du nachgedacht, nachdem ich gegangen bin?"

     Abrupt schaute sie ihn an, und eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. "Über den Besuch bei deinem Vater natürlich."

     "Natürlich." Er nickte lächelnd.

     "Natürlich", plapperte Kolby nach.

     "Ich möchte Vernon und deinen Anwalt über unsere Pläne unterrichten, und dann komme ich mit dir."

     Er hatte gewonnen. Tony war unglaublich erleichtert, nicht nur, weil sie in Sicherheit sein würde, sondern auch, weil er mehr Zeit bekam, um sie umzustimmen. Was ihm allerdings zu schaffen machte, war die Tatsache, dass sie ihm so wenig traute, dass sie es für nötig hielt, ihre Reisepläne Dritten anzuvertrauen. "Und wie kommt es, dass du Vernon einweihen willst? Er ist mein Freund. Ich habe sein Restaurant finanziert."

     "Dir gehört das Restaurant? Du bist derjenige, der mein Gehalt bezahlt? Ich dachte, es gehört Vernon."

     "Du wusstest es nicht?" War wahrscheinlich ganz gut, sonst hätte er sie vermutlich nie davon überzeugen können, mit ihm auszugehen. "Vernon hat sich als Freund erwiesen, als ich einen gebraucht habe. Von daher war ich froh, ihm einen Gefallen tun zu können."

     "Er hat dir einen Job gegeben, als du ohne nennenswerte Referenzen Arbeit gesucht hast, oder?", meinte sie intuitiv.

     "Woher weißt du das?"

     "Bei mir war es genauso." Ein bittersüßes Lächeln erschien auf ihren Lippen. "Aus dem Grund vertraue ich ihm."

     "In Ordnung", erwiderte Tony und dachte daran, dass er, noch ehe die Sonne untergegangen war, auf die Insel seines Vaters in der Nähe von Florida zurückkehren würde.

 

Sie saß tatsächlich in einem Privatflugzeug und flog …

     Irgendwohin.

     Da die Fensterblenden heruntergelassen waren, wusste Shannon nicht, ob sie über Land oder Wasser flogen. Gen Norden ging die Reise wohl nicht, da Tony ihr geraten hatte, sich auf warmes Wetter einzustellen.

     Und welche Distanz sie schon zurückgelegt hatten, war schwer zu sagen, da sie ein wenig geschlummert hatte und nicht wusste, wie schnell der Jet fliegen konnte. Sie war in eine Welt entführt worden, die all das, was sie je erlebt hatte, in den Schatten stellte.

     Shannon presste eine Hand auf ihren Magen, der vor Aufregung flatterte. Himmel, sie hoffte, sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Wenigstens ihrem Sohn schien der ganze Trubel nichts auszumachen.

     Der Steward nahm ihn gerade mit zur Bordküche und versprach ihm einen Snack und ein Video. Auf dem Weg nach hinten fuhr Kolby mit seiner kleinen Hand über die weißen Ledersitze. Zum Glück waren seine Hände sauber.

     Shannons Blick wanderte zu dem Mann, der in dem komfortablen Sessel gegenüber von ihrer Couch saß. Tony trug eine graue Hose und ein weißes Hemd. Konzentriert schaute er auf den Laptop-Monitor vor sich.

     Shannon hasste das klaustrophobische Gefühl, das sie überkam, wenn sie daran dachte, dass sie seine Hilfe brauchte, ganz zu schweigen von all dem Geld, das diese Flucht verschlang. Abhängigkeit machte sie verletzlich, etwas, was sie nie wieder hatte erleben wollen. Und doch war sie hier und vertraute ihr Leben einem Mann an, der sie angelogen hatte.

     Vielleicht würde es ihre angespannten Nerven beruhigen, wenn sie mehr über Tony erfuhr, zumal sich herausgestellt hatte, dass so ziemlich alles, was sie über ihn wusste, falsch war, einmal von den Geheimnissen des Schlafzimmers abgesehen. Sie hatte ja nicht einmal gewusst, dass ihm das Restaurant gehörte, in dem sie arbeitete.

     Natürlich war es albern, sich darum zu sorgen, als Geliebte des Chefs gebrandmarkt zu werden. Eine Affäre mit einem fantastisch aussehenden Prinzen zu haben war einfach nicht zu überbieten. "Wie lange hast du deinen Vater nicht mehr gesehen?"

     Tony schaute langsam von seinem Laptop auf. "Ich habe die Insel verlassen, als ich achtzehn war."

     "Insel?" Kurz schaute Shannon zum Fenster und stellte sich vor, dass sie über Wasser flogen. "Ich dachte, du hast San Rinaldo als kleines Kind verlassen."

     "Haben wir auch." Er klappte den Laptop zu, drehte den Sessel zu ihr herum und streckte die Beine aus. "Damals war ich fünf. Wir haben uns, ungefähr einen Monat nach unserer Flucht, auf einer anderen Insel niedergelassen."

     Geistesabwesend blickte Shannon auf ihre abgetragenen Sneaker und Tonys glänzende Halbschuhe. Sie trennten Welten, doch auch wenn Tony noch so heiß aussah, würde sie sich weder davon noch von seinem Reichtum verführen lassen.

     Widerstrebend konzentrierte sie sich wieder auf seine Worte statt auf seinen Körper und zog die Beine an. Lag die Insel an der Ost- oder Westküste? Vorausgesetzt natürlich, dass sich Enrique Medinas Anwesen überhaupt in der Nähe der USA befand. "Hat dein Vater eine Insel gewählt, damit ihr euch in der neuen Heimat wieder wie zu Hause fühlt?"

     "Mein Vater hat eine Insel gewählt, weil sie am leichtesten zu sichern war."

     Oh! "Natürlich."

     Von weiter hinten im Flugzeug drang Musik zu ihnen, als ein neuer Cartoon anfing. Shannon drehte sich um und sah Kolby angeschnallt vor einem großen Flachbildschirm sitzen.

     "Wie viel von dir ist echt und was ist Teil deiner neuen Identität?", hakte sie nach.

     "Mein Alter und mein Geburtstag stimmen." Er steckte den Laptop weg. "Sogar mein Name ich technisch gesehen korrekt, wie ich dir schon erzählt habe. Castillo kommt aus dem Stammbaum meiner Mutter. Ich habe ihn angenommen, als ich achtzehn wurde."

     Während sie den Ellbogen auf die Rückenlehne des Sofas legte, versuchte Shannon, genauso gelassen zu wirken wie Tony. "Was denkt dein Vater über all das, was du seitdem vollbracht hast?"

     "Kann ich dir nicht sagen." Er lehnte sich zurück und verschränkte die Hände und lenkte damit ihre Blicke und die Erinnerungen auf seinen Bauch.

     Prompt spürte sie Schmetterlinge in ihrem Bauch. "Und was sagt er dazu, dass wir jetzt kommen?"

     "Das wirst du ihn selbst fragen müssen." Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte.

     "Hast du ihm überhaupt erzählt, dass du Gäste mitbringst?" Sie widerstand dem Drang, die offensichtliche Anspannung in seinem Nacken wegzustreichen. Wie merkwürdig, dass sie ihn trösten wollte, obwohl sie selbst noch längst nicht über ihre Zweifel an dieser Reise hinweg war.

     "Ich habe seinen Anwalt gebeten, ihn zu informieren. Sein Personal wird alle Vorbereitungen treffen. Kolby bekommt alles, was er braucht."

     Wer war dieser kühle, kalkulierende Mann, der nur eine Armlänge von ihr entfernt saß? Shannon fragte sich inzwischen schon fast, ob sie sich diesen sorgenfreien Tony nur eingebildet hatte … doch er hatte ihr immerhin erzählt, dass er gern surfte. Sie klammerte sich an dieses alltägliche Bild und bohrte weiter.

     "Hört sich so an, als stündet ihr euch nicht nahe, du und dein Vater. Oder ist das einfach nur die Art und Weise, wie man in königlichen Kreisen kommuniziert?" Wenn ja, war das schon ziemlich traurig.

     Als Tony nicht antwortete, dachte Shannon an Kolby. Natürlich wollte sie, dass ihr Sohn später ein unabhängiges Leben führte, aber trotzdem hatte sie vor, die Verbindung zu ihm nicht abreißen zu lassen.

     "Tony?"

     Sein Blick wanderte zu dem Fenster. "Ich wollte nicht länger auf einer abgeschotteten Insel leben. Also bin ich weggegangen. Er war dagegen. Das Problem wurde nie gelöst."

     Mit so wenigen Worten umriss er einen Bruch, der so tief ging, dass sie nur noch per Anwalt kommunizierten. Das war mehr als Entfremdung. Diese Familie war nicht nur örtlich voneinander getrennt. Hier lag weit mehr im Argen.

     "Was haben deine Anwälte deinem Vater über Kolby und mich erzählt? Was haben sie deinem Dad über unsere Beziehung gesagt?"

     "Beziehung?" Er musterte sie mit seinen dunklen Augen so intensiv, dass es sich fast so anfühlte, als hätte er seine große Hand ausgestreckt und sie gestreichelt. Trotz seiner Größe war er ein unglaublich zärtlicher Mann.

     Und er war gründlich … verdammt gründlich.

     Ihr Herz klopfte plötzlich so laut, dass es sogar das Dröhnen der Maschine zu übertönen schien.

     "Ich habe ihn wissen lassen, dass wir ein Paar sind. Dass du verwitwet bist und einen Sohn hast."

     Es war eine Sache, eine heimliche Affäre mit ihm zu haben. Es offen – gegenüber einem König – zuzugeben, etwas ganz anderes.

     "Warum willst du deinem Vater nicht die Wahrheit sagen? Dass wir uns getrennt haben, die Presse das aber wohl nicht glauben würde."

     "Ist das wirklich die Wahrheit, Shanny? Wir haben noch vor einer Woche miteinander geschlafen. Mir kommt es fast vor wie gestern, denn ich schwöre, ich kann manchmal deinen Duft noch auf meiner Haut wahrnehmen." Er beugte sich zu ihr und strich ihr mit dem Daumen über das Handgelenk.

     Ihre Finger verkrampften sich, als die Hitze seiner Berührung sich in ihrem Körper ausbreitete. "Aber am letzten Wochenende …"

     "Shanny." Er berührte sanft ihre Lippen und zeichnete sie nach, als sie einen kleinen Seufzer von sich gab. "Wir haben uns zwar gestritten, aber wenn ich mit dir in einem Zimmer bin, wird meine Hand wie von selbst von deinem Körper angezogen."

     Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Das Verlangen, das Tony mit seinen Worten ausdrückte, machte Shannon sprachlos.

     "Die Anziehungskraft zwischen uns ist unglaublich stark, Shannon, ob ich nun ganz nah bei dir bin oder dir einfach nur zuhöre." Ein Lächeln förderte das kleine Grübchen auf einer seiner Wangen zutage. "Was glaubst du, warum ich dich immer spät abends noch anrufe?"

     Hastig sah Shannon zu der Fernsehecke, um sich davon zu überzeugen, dass ihr Sohn und der Steward noch immer mit dem Zeichentrickfilm beschäftigt waren, bevor sie flüsterte: "Weil du mit der Arbeit fertig bist?"

     "Du weißt es besser. Allein der Klang deiner Stimme am anderen Ende der Leitung lässt mich …"

     "Bitte, hör auf." Sie presste ihre Finger auf seinen Mund. "Du machst es uns beiden nur noch schwerer."

     Zärtlich knabberte er an ihrem Finger, bevor er seine Hand mit ihrer verschränkte. "Wir haben Probleme, zweifellos, und du hast allen Grund, wütend zu sein. Aber das Verlangen, zusammen zu sein, ist keinen Deut schwächer geworden. Willst du das abstreiten? Wenn du das kannst … okay. Dann halte ich Abstand."

     Sie öffnete den Mund, formte die Worte, die das letzte Band zu der Beziehung, die sie während der vergangenen Monate aufgebaut hatten, zerschneiden würden. Sie war wild entschlossen, ihm zu sagen, dass sie fertig miteinander waren … Aber sie brachte kein einziges Wort heraus.

     Langsam zog er sich zurück. "Wir sind fast da."

     Fast, wo? Wieder zusammen? Shannon bemühte sich, mit ihm mitzuhalten, was verdammt schwierig war, wenn er sie so durcheinanderbrachte. Verflixt, sie hatte einen Magna-cum-laude-Abschluss und hasste es, sich wie ein Dummchen zu fühlen, das sich nur von der Libido leiten ließ. Aber in Gegenwart dieses Mannes lief ihre Libido zu Höchstform auf …

     Tony erhob sich und ging weg. Einfach so. Er unterbrach ihre Unterhaltung, so als wären sie nicht beide gerade in einen dieser sinnlichen Taumel geraten, der ihnen in der Vergangenheit solch erotische Freuden bereitet hatte. Shannons Blick wanderte über Tonys breite Schultern, hinunter zu der schmalen Taille und dem knackigen Po, der in der maßgeschneiderten Hose so perfekt zur Geltung kam.

     Ein Stöhnen unterdrückend, vergrub sie die Finger in der Armlehne. Tony blieb bei Kolby stehen und öffnete die Fensterblende.

     "Schau nach draußen, Großer, wir sind fast da." Tony deutete durchs Fenster auf den klaren Himmel.

     Ach so. Da. Das hatte er gemeint, sie waren fast auf der Insel seines Vaters angekommen. Tony hatte sie so in seinen Bann gezogen, dass sie einen Moment lang vergessen hatte, dass sie auf dem Weg zu einem mysteriösen Ziel waren.

     Sie rutschte zum Fenster, schob die Blende hoch und schaute nach draußen, neugierig auf ihr zukünftiges – zeitweiliges – Domizil. Und zugegebenermaßen extrem neugierig auf den Ort, wo Tony aufgewachsen war. Tatsächlich, da erstreckte sich in der Ferne eine Insel mitten im glitzernden Ozean. Palmen erhoben sich aus einer leicht hügeligen Landschaft, und ungefähr ein Dutzend Gebäude bildeten einen Halbkreis um eine größere Anlage.

     Die weiße Villa war u-förmig in Richtung Meer ausgerichtet und verfügte über einen großen Garten mit Pool. Shannon nahm Kolbys "Oohs" und "Aahs" kaum war, weil der Anblick sie selbst auch überwältigte.

     Noch waren Details kaum zu erkennen, doch sie würde schon bald einen genaueren Blick auf den Ort werfen können, an dem Tony den Großteil seiner Kindheit und Jugend verbracht hatte. Selbst aus dieser Entfernung konnte man nicht übersehen, dass es sich wahrlich um ein königliches Anwesen handelte.

     Das Flugzeug setzte zur Landung auf einer schmalen Insel an, die parallel zur größeren Insel lag. Als sie näher kamen, erschien eine Fähre in ihrem Blickfeld. Um sie vom Flughafen zur Hauptinsel zu bringen? Die Sicherheitsvorkehrungen wurden hier wohl wirklich ernst genommen.

     Die Lautsprecher knackten eine Sekunde, bevor der Steward verkündete: "Wir werden jetzt zur Landung ansetzen. Bitte kehren Sie auf Ihren Sitzplatz zurück und schnallen sich an. Vielen Dank, und wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Flug."

     Tony wandte sich vom Fenster ab und schenkte ihr noch ein Lächeln. Nur erreichte es diesmal nicht seine Augen. Wieder kribbelte Shannons Magen, doch jetzt vor Sorge und nicht vor Verlangen.

     Würde die Insel die Antworten liefern, die sie brauchte, um Tony Vergangenheit werden zu lassen? Oder würde ihr hier noch einmal das Herz gebrochen werden?