2. KAPITEL

Nur wenige Dinge hatten Alex bislang in seinem Leben wirklich überrascht. Zwei davon hatten sich in den letzten achtzehn Stunden ereignet. Dana Lofgren erwischte ihn unvorbereitet.

     "Ich habe bisher noch nichts zugesagt oder unterschrieben. Ist die Jahreszeit für Sie von Bedeutung?"

     Als sie energisch nickte, verfing sich das Sonnenlicht in ihrem Haar, und es glänzte wie ein goldenes Gespinst. "Es muss Spätsommer sein. Im Grunde genau jetzt. Wenn es möglich ist", fügte sie hinzu und sah sich noch einmal um. "Aber vielleicht ist das zu viel verlangt."

     "Machen Sie sich keine Sorgen. Das Schloss ist nicht gebucht."

     "Gut", murmelte sie, fast als hätte sie vergessen, dass er überhaupt da war.

     "Möchten Sie jetzt die Innenräume sehen?"

     "Nein." Sie klang, als wäre sie schon weit fort. "Das überlasse ich meinem Vater. Ich habe gesehen, worauf es ankommt. Das Anwesen strahlt genau die Atmosphäre aus, die er sucht. Ich wusste es schon, als ich gestern Abend hier war."

     "Wenn Ihr Vater Ihnen so sehr vertraut, muss es eine tiefe, spirituelle Verbindung zwischen Ihnen beiden geben."

     "Ich würde eher sagen, dass es mehr mit unser beider Liebe zur Geschichte zu tun hat. Ich rufe ihn nachher an und sage ihm, dass ich den richtigen Drehort gefunden habe. Noch heute Nachmittag werden Sie zwei Anrufe bekommen."

     Traf sie ihre Entscheidungen immer so schnell? War sie bei allen Entscheidungen so impulsiv oder nur in den Fragen, die mit ihrem Vater zu tun hatten? "Dann erwarte ich die Anrufe."

     "Sol Arnevitz kümmert sich um die finanziellen Angelegenheiten. Paul Soleri ist für alles und jeden verantwortlich, wenn wir erst einmal hier sind. Paul arbeitet auch die logistischen Details aus. Er ist ein Genie, es gibt kein Problem, das er nicht lösen kann. Sie werden ihn mögen."

     "Im Unterschied zu …"

     Sie schnitt eine Grimasse. "Wem wohl?"

     Ihrem Vater natürlich. "Was kann ich heute noch für Sie tun?"

     "Gar nichts." Ihre blauen Augen straften diese Antwort Lügen. Tausend Fragen schienen darin zu brennen und weckten sein Interesse. "Haben Sie vielen Dank für das Abendessen und Ihre Zeit. Es war ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Alex. Sol wird sich dann bald bei Ihnen melden. Hier ist seine Visitenkarte." Sie reichte ihm das Kärtchen. "Er wird die Einzelheiten mit Ihnen besprechen."

     Sie war so schnell in den Wagen eingestiegen, dass er ihr nur perplex hinterherschauen konnte.

     "Wohin fahren Sie jetzt?" Er war nicht willens, sie einfach so gehen zu lassen.

     "Die Arbeit einer Tochter ist nie zu Ende. Ich muss heute Nachmittag in Paris sein und fliege anschließend nach L.A. zurück. Genießen Sie Ihre Ruhe, bevor die Meute anrückt."

     Im nächsten Augenblick hatte sie das Auto schon gewendet und war losgefahren. Und er stand da mit leeren Händen und immer noch neugierig auf diese Beziehung zu einem Vater, der in ihren Augen bedeutender als alles andere war. Er hatte die Vorahnung, dass Jan Lofgren in zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahren seine Tochter immer noch an der kurzen Leine führen würde.

     Er ging ins Haus, zog sich um und begann wieder, Unterholz auszureißen. Nachdem er etwa eine Stunde lang gearbeitet hatte, klingelte sein Handy. Es konnte jeder sein, aber nur für den Fall, dass Dana anrief, zog er das Telefon schnell aus der Gesäßtasche. Das Display zeigte eine amerikanische Rufnummer an. Er nahm den Anruf an. "Hier ist Alex Martin."

     " Mr. Martin? Pyramid Film Studio aus Hollywood, Kalifornien. Mr. Sol Arnewitz würde gern eine Telefonkonferenz mit Ihnen und Mr. Paul Soleri verabreden. Jetzt ist es neunzehn Uhr. Mr. Lofgren hat die Neuigkeiten von seiner Tochter erfahren und möchte, dass wir rasch agieren."

     Alex hatte es aus anderen Gründen ebenso eilig. "Acht Uhr Ihrer Zeit passt mir gut."

     "Fein. Dann erwarten Sie bitte den Anruf."

     Alex belud noch zwanzig Minuten lang den Pick-up und ging dann zum Schloss zurück. Er betrat die Küche durch einen Seiteneingang, wusch sich die Hände und goss sich eine Tasse Kaffee ein, die er in den reich verzierten Salon im Erdgeschoss mitnahm, den er zu seinem zeitweiligen Arbeits- und Schlafzimmer umfunktioniert hatte. Er liebte die modernen Möbelstücke seiner Eltern darin, die er von Australien hatte herbringen lassen.

     Die Originalmöblierung des Salons lagerte im obersten Stock des Schlosses ein. Erst wollte er mit dem Gestrüpp draußen Fortschritte machen und sich danach auf das Schloss selbst konzentrieren, vorausgesetzt, er hatte rechtzeitig genug Geld verdient. Solange versorgte er sich selbst mit dem Notwendigsten: Strom, Internetanschluss, fließend kaltes und warmes Wasser, einen neuen Durchlauferhitzer, einen Ofen, Kühlschrank, Waschmaschine und Trockner und ein neue, breite Matratze samt Lattenrost.

     Er gab dem Drehstuhl einen beherzten Schwung und setzte sich an seinen Schreibtisch. Kaum hatte er den Computer hochgefahren, klingelte das Telefon. Die Konferenzteilnehmer stellten einander vor und kamen schnell zum geschäftlichen Teil. Das Studio wollte das Schloss vom achten bis zum einunddreißigsten August buchen. Sol nannte eine grobe Schätzung der Summe, ließ sie aber offen, weil schließlich immer zusätzliche Kosten entstünden.

     Alex wusste nicht, ob Dana mit der Höhe des Honorars etwa zu tun hatte, aber es war weit höher, als er zu hoffen gewagt hatte. Sol faxte ihm noch während des Gesprächs den offiziellen Vertrag zu und verabschiedete sich dann aus der Konferenzschaltung. Mit Paul besprach Alex weitere zwanzig Minuten lang die logistischen Einzelheiten für die Kameramänner und die Crew. Er mailte ihm eine Liste mit Hotels, Autovermietungen und anderen Geschäften in und um Angers, auch in Chanzeaux.

     "Chanzeaux? Dana hat vorhin erwähnt, dass sie die eine Nacht dort in einem Hotel geschlafen hat. Ich glaube, es war das Hermitage. Sie sagt, das wäre das perfekte Hotel für ihren Vater."

     Es gefiel Alex, dass sie dem Hotel ihren Gütestempel gegeben hatte. "Das Essen ist dort ausgezeichnet. Ich glaube, Mr. Lofgren wird sich in dem Hotel sehr wohlfühlen."

     "Da wir dem Zeitplan hinterherhinken, läge das in unser aller Interesse", gab Paul mit einem trockenen Lachen zu, das Bände über Danas Vater sprach. "Die Kamera-Crew wird übermorgen eintreffen. Alle anderen einen Tag später. Ich freue mich darauf, Sie persönlich kennenzulernen, Alex."

     "Ganz meinerseits, Paul."

     Nachdem er aufgelegt hatte, ging er wieder nach draußen. Dana würde in ein paar Tagen wieder hier sein, dieses Mal mit ihrem Vater. Über die Jahre, dachte Alex, habe ich einige Frauenbeziehungen gehabt, doch niemals diese Vorfreude beim Gedanken an das nächste Treffen empfunden. Er hatte keine Antwort auf die Frage, warum ihn ausgerechnet jetzt dieses Gefühl beschlich.

 

Dana rief auf der Taxifahrt vom Flughafen zu ihrem Elternhaus Paul an. Sie wollte kurz mit ihm den aktuellen Stand besprechen, bevor sie ihrem Vater begegnete.

     "Hallo, Dana! Bist du schon zurück?"

     "Ja, aber nur, um meinen Koffer neu zu packen, bevor ich wieder abdüse. Sind alle bereit?"

     "Alles okay. Das Hermitage hatte nichts frei, aber ich habe mit ein bisschen Kleingeld nachgeholfen und konnte dann doch noch zwei nebeneinanderliegende Zimmer für dich und deinen Vater für den ganzen Monat buchen."

     Sie lächelte. "Du bist Gold wert, Paul."

     "Sag das deinem Vater."

     "Das brauche ich nicht." Niemand erzählte Jan Lofgren je irgendetwas. Und Paul wiederum ahnte nicht, dass Saskia, für die er anderswo ein Zimmer gebucht hatte, bestimmt bei Jan Lofgren übernachten würde. "Paul, hör zu, ich bin fast zu Hause, ich muss jetzt Schluss machen. Wir sprechen uns später."

     "Ciao, Dana."

     Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, dachte sie über ihren Aufenthalt in Frankreich nach und entschied spontan, dass sie den August über in dem verlassenen Schloss schlafen würde, weit ab von den anderen. Wann würde sich sonst in ihrem Leben noch einmal eine solche Chance auftun? Sie würde sich einen Schlafsack kaufen. Gewiss ein großer Spaß, drinnen zu campen.

     Ihr Vater würde sie nicht brauchen – bis auf ihren Aushilfsjob, ihm das Mittagessen zu bringen. Entscheidend war, dass sie die meiste Zeit frei und ausreichend Gelegenheit hatte, die Gegend zu erkunden. Ihre Gedanken wanderten zu Alex, und sie fragte sich, wo er im Augenblick wohl wohnte. Die Empfangsdame im Hotel hatte angedeutet, dass er in der Nachbarschaft lebte. Wenn man seine Steuerschulden bedachte, war es wahrscheinlich, dass er sich irgendwo in der Nähe ein einfaches Hotel gesucht hatte, um seine Kosten niedrig zu halten. Es machte sie froh, dass die Filmgesellschaft ihm zu einer Finanzspritze verhelfen würde.

     Das Taxi hielt vor dem Haus, sie bezahlte und klingelte mehrere Male an der Haustür, bevor sie den Schlüssel benutzte, denn womöglich war ihr Vater zusammen mit Saskia da. Als sie sich sicher war, dass sie allein war, ging sie ins Haus, zog die Schuhe aus und tappte in die Küche, um sich ein kleines Mittagessen zuzubereiten und die Post durchzusehen.

     Die Uhr in der Diele schlug eins, was sie darauf brachte, dass es in Frankreich jetzt spätabends war. Ob Alex heute mit einer hübschen Frau ausging?

     Sie konnte selbst kaum glauben, wie schnell ihr dieser Mann, den sie kaum kannte, unter die Haut gegangen war. Es war die unerwartete Einladung zum Abendessen gewesen. Er hätte sich die Zeit nicht nehmen müssen, aber dass er es getan hatte, unterschied ihn von den Männern, die sie kannte. Sie fand ihn nicht nur bemerkenswert, sondern irritierend attraktiv.

     Während sie noch aß, nahm sie das französische Lieblingskochbuch ihrer Mutter aus dem Regal. Es war eigentlich gar kein richtiges Kochbuch, sondern die sehr unterhaltsam erzählte Geschichte einer amerikanischen Familie, die 1937 in Frankreich lebte. Durch Zufall trafen sie eine Französin, die fortan für sie kochte.

     Alles, was man über Frankreich wissen wollte, fand sich in dem Buch, einschließlich französischer Redewendungen und kleiner Alltagsgeschichten. Es gab Rezepte und Zeichnungen. Viel liebevoller gemacht als ein Guide Michelin. Sie würde es auf die Reise mitnehmen.

     Ob Alex Frankreich genauso bezaubernd fand wie sie? Es gab so viele Fragen, die sie ihm gerne stellen würde, aber sie hatte wahrscheinlich bereits genug nachgefragt. Wenn er ihr mehr erzählen wollte, musste er es schon von sich aus tun, wenn sie sich denn über den Weg liefen. Er konnte sehr abweisend sein. Womöglich wäre es klug, seine Gegenwart zu meiden. Was für ihren Vater genauso galt.

     Ein Gedanke hielt sie noch vom Packen ab. Seit sie gehört hatte, dass die Familie Fleury früher Wein angebaut hatte, wollte sie so viel wie möglich darüber herausfinden. Der Wein, den sie mit Alex probiert hatte, hinterließ den Geschmack von Nektarinen auf den Lippen. Wie sie schon zu ihm gesagt hatte: Man konnte süchtig danach werden.

     Sie ging ins Wohnzimmer, schaltete den Computer an und gab die Suchworte 'Anjou Weine Frankreich' ein. Das erste Suchergebnis klang vielversprechend:

     Das Anjou ist eine Region im Loire-Tal, wo eine Vielzahl von trockenen bis hin zu süßen Dessertweinen angebaut wird. Die zwei wichtigsten Anbaugebiete für den Chenin Blanc liegen in der Tourraine und entlang des Flusses Layon. Der Boden ist dort reich an Kalkstein und Sinter. Im Abgang entfaltet der Wein ein reiches Steinobstaroma. Schon im 16. Jahrhundert handelten niederländische Kaufleute mit diesem Wein.

 

So weit zurück ging die Tradition?

     Im Anjou-Gebiet Coteaux du Layon, das in Flussnähe liegt, sind die Weinstöcke durch eine Hügelkette geschützt. Von hier stammen die einzigartigen Weine, deren Rezepturen bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückreichen. Im späten 17. Jahrhundert stiegen die Weingüter Domaine du Rochefort, Domaine de Château Belles Fleurs und die Domaine Percher zu den führenden Produzenten auf.

 

Das war ein Teil von Alex' Familiengeschichte. Ihr Vater würde diese Information genauso fesselnd finden wie sie, doch einstweilen wollte sie sie für sich behalten. Schließlich war der Besitzer eine Privatperson. Am besten war es, sie wartete, bis er selbst das Gespräch darauf brachte, wenn er es überhaupt jemals anschnitt. Jetzt warteten erst einmal andere Aufgaben auf sie.

     Sie war gerade dabei, in ihrem Zimmer den Koffer zu packen, als ihr Vater den Kopf zur Tür hereinsteckte. "Hier bist du."

     Sie sah auf. "Hi."

     "Du bist doch gerade erst zurückgekommen. Wie kommt es, dass du schon wieder packst?"

     Dana hatte diese Frage vorausgesehen. "Ich fliege morgen früh mit den Kamerajungs nach Paris."

     "Warum?"

     "Weil Saskia sehr viel glücklicher sein wird, wenn sie dich während des Flugs für sich hat."

     "Saskia bestimmt nicht über mein Leben."

     Niemand bestimmte über sein Leben. Und ich spiele mit Sicherheit keine Rolle darin, außer ihn in jeder Hinsicht zu unterstützen, dachte Dana. Aber die Schauspielerin mochte sie nicht. "Das weiß ich, doch es schadet nichts, die Truppe bei Laune zu halten, nicht wahr?" Sie schenkte ihm ein Lächeln und hoffte, damit die Spannung ein wenig zu lockern, ihm vielleicht sogar ein Lachen zu entlocken, aber alles, was sie erntete, war ein Stirnrunzeln.

     "Glaubst du wirklich, dass du den richtigen Drehort gefunden hast?", fragte er mürrisch.

     Der Film beschäftigte ihn, nichts und niemand anderes. Bis er den Drehort mit eigenen Augen gesehen hatte, würde er unerträglich sein. Saskia würde viel Spaß haben. "Wenn nicht, wird Paul ohne Probleme von Plan A nach Plan B in der Nähe von Paris umschalten."

     Nachdem er eine Minute lang Löcher in die Luft gestarrt hatte, fragte er: "Hast du meine Lesebrille gesehen?"

     "Sie liegt auf der Anrichte in der Küche, neben dem Drehbuch. Hast du gegessen?"

     "Ich erinnere mich nicht."

     "Ich mache dir Rührei und Toast."

     "Gutes Mädchen", murmelte er, wandte sich ab und ließ sie allein.

     Das sagte er nur, wenn er etwas von ihr brauchte. Als Narzisst war er nicht in der Lage, einem anderen Menschen mehr zu geben. Sie wusste das, doch weil ihre Charaktere gegensätzlich waren, wollte ein Teil von ihr mehr. Wenn sie aber an Alex' Mutter dachte, die von ihrem Vater verstoßen worden war, erkannte sie, dass das Verhältnis zu ihrem eigenen Vater nicht in diesem Ausmaß zerrüttet war. Noch nicht …

 

Alex stand in seinem Schlafzimmer, als das Telefon läutete. Jedes Mal, wenn er den Klingelton vernahm, hoffte er, es wäre Dana.

     "Monsieur Martin ici."

     "Bonjour, Alex."

     Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht. An ihrem Akzent musste sie noch arbeiten, doch mit diesen Lippen, die an eine Rosenknospe erinnerten, würde sich kein Franzose um ihre Aussprache scheren. "Bonjour. Wie läuft es in Hollywood?"

     "Keine Ahnung. Wie läuft es in Ihrem Dschungel?"

     Er lachte laut auf. "Stachelig."

     "Sie haben mein Mitgefühl."

     "Wo genau sind Sie?"

     "Vor dem Schloss."

     Ein Adrenalinstoß lief durch seinen Körper.

     "Ich hatte gehofft, Sie würden mich hereinbitten, aber angesichts Ihrer dornenreichen Notlage werde ich lieber wiederkommen, wenn Sie und Ihre Machete aufgetaucht sind."

     "Ich bin näher, als Sie denken. Gehen Sie nicht weg." Er legte auf und durchquerte rasch die Eingangshalle. In dem Augenblick, als er die Vordertür öffnete, stieg Dana aus ihrem Wagen aus. Heute trug sie Jeans und eine weiße kurzärmelige Bluse. Wenn die hellblaue Weste, die sie darüber trug, dazu dienen sollte, ihren wunderbar geformten Körper zu verhüllen, dann war dieser Versuch misslungen.

     Obwohl sie sich den Anschein gab, ruhig und gesammelt zu wirken, sah er das Pulsieren ihrer Halsschlagader. Er wusste, Dana freute sich, ihn zu sehen.

     "Wann sind Sie in Paris angekommen?"

     "Um halb sieben, zusammen mit den Kameraleuten. Sie werden morgen um acht in der Früh da sein, um alles vorzubereiten."

     "Und Ihr Vater?"

     "Morgen wird das ganze Team im Laufe des Tages mit verschiedenen Flügen eintreffen."

     "Okay. Hat es ihn nicht gestört, dass Sie früher geflogen sind?"

     "Die meiste Zeit macht jeder von uns sein Ding." Sie sah ihn direkt an, als wolle sie ihn davor warnen, ihr zu widersprechen.

     Alex hatte für den Anfang genug Fragen gestellt. Es war fast Mittag. "Lassen Sie uns reingehen. Wenn Sie sich frisch machen möchten, es gibt oben im zweiten Stock ein Badezimmer."

     "Dankeschön."

     Dana folgte ihm die Stufen hinauf zur Halle. Ohne Möbel, Gemälde, Wandteppiche und Läufer wirkte das Château nur noch wie ein Gerippe, trotzdem war sie fasziniert.

     In ihr Schweigen hinein erklärte er: "Das Haus wurde vor Jahren ausgeräumt. Alles lagert im dritten Stock, wo früher die Bediensteten wohnten."

     Er sah, dass ihr Blick von den dekorativen, italienisch anmutenden Wandvertäfelungen zu den Einlegearbeiten in den Holzfußböden wanderte. "Im dritten Stock liegt auch ein Kronleuchter, der eigentlich im Treppenhaus hängen sollte. Ohne ihn ist das Château nachts völlig dunkel. Ich habe schon zu Paul gesagt, dass er an zusätzliche Beleuchtung denken muss, wenn nachts Innenaufnahmen geplant sind. Ihr Vater …"

     "Mein Vater ist sehr abergläubisch", wechselte sie das Thema. "Das hat er von seinen schwedischen Vorfahren. Wenn er hier stehen wird, wo ich jetzt stehe, wird er zuerst einen großen Schrecken bekommen."

     "Einen Schrecken?"

     "Ja." Sie drehte sich zu ihm um. "Meinen Sie nicht auch, dass es sehr beängstigend sein kann, wenn das Produkt Ihrer Einbildung plötzlich Wirklichkeit geworden ist? Er wird anfangs nicht wissen, ob er es als gutes oder schlechtes Omen werten soll."

     Wenn ihr Vater das Schloss sah, würde er zunächst sprachlos sein. Seine Aufregung bliebe einem fremden Beobachter wahrscheinlich verborgen, wohingegen sie in seinen Augen das Flackern erkennen und die positive Energie spüren würde, die von ihm ausging.

     "Könnten Sie vielleicht etwas deutlicher werden?"

     "Mein Vater hat seinem Lieblingsautor einige Ideen als Anhaltspunkte gegeben. Sie haben dann zusammen an dem Drehbuch für diesen Film gearbeitet, der während des Zweiten Weltkriegs spielt. Ihr Château und das Grundstück sind wie eigens dafür gemacht. Ich habe das Gefühl, dass dieser Film sein bisher wichtigstes Projekt ist."

     Er verschränkte die Arme. "Mögen Sie mir etwas darüber erzählen, oder ist es ein Geheimnis?"

     "Ein Geheimnis? Nein." Und nach einer Pause. "In dem Film herrscht diese Art von Beklemmung, für die mein Vater berühmt ist." Er hörte, wie sie tief einatmete. "Hilft Ihnen diese Erklärung weiter?"

     "Was das Setting angeht, ja, aber ich bin neugierig auf die Story."

     Sie hob kurz die Schultern. "Darüber muss mein Vater entscheiden. Ich glaube nicht, dass er die Geschichte schon von Anfang bis Ende fertig im Kopf hat." Alex wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihm aus irgendeinem Grund auswich. "Aber um Ihre Frage zu beantworten: Seine Filme hinterlassen beim Zuschauer mehr Fragen, als dass sie Antworten geben."

     Das stimmte, doch sie hielt trotzdem etwas zurück, und das machte ihn erst recht neugierig. Sie war offenkundig nicht so dumm, zu viel preiszugeben. Wollte ihr Vater nicht, dass sie darüber sprach? "Was glauben Sie, warum arbeitet Ihr Vater gerade an dieser Geschichte?"

     "Wie kommt ein Autor auf eine Idee? Er sieht oder hört etwas, das sein Interesse weckt, und die Idee beginnt, Form anzunehmen. Es gibt so viele mögliche Motive. Vielleicht vermisst er auch tief im Innern immer noch meine Mutter, oder er wünscht sich, er hätte einen Sohn gehabt anstelle von mir."

     Sie sagte das mit einem Lächeln, aber Alex empfand die Worte wie einen Schlag in den Magen. Er hatte aus dieser letzten Bemerkung Einsamkeit und Traurigkeit herausgehört und empfand das Bedürfnis, sie zu trösten. "Aber trotz allem bin ich von Nutzen für ihn. Dank Ihnen habe ich das hier für ihn gefunden." Sie breitete ihre Hände aus, als ob sie das ganze Schloss umfassen wollte. "Ein Geschenk des Himmels."

     Alex schluckte schwer. "Für mich ebenfalls."

     "Ich freue mich, wenn es Sie glücklich macht. Und ich schätze, es hätte auch Ihre Mutter froh gemacht." Sie legte ihre Hand auf das Geländer. "Nun habe ich Sie aber lange genug von Ihrer Arbeit abgehalten. Wenn Sie einverstanden sind, schaue ich mich hier noch ein bisschen um und lege mich dann für eine Weile hin. Ich habe mir in Angers einen Schlafsack gekauft. Er liegt im Auto."

     Warum wollte sie das tun? "Wenn Sie erschöpft sind, rufe ich im Hermitage an und bitte sie, Ihnen ein Zimmer herzurichten."

     "Ich wohne nicht dort, das ist nicht nötig. Vielen Dank aber für das Angebot." Er wollte etwas einwenden, aber sie fuhr fort: "Ich will, während ich hier in Frankreich bin, möglichst viel Zeit allein verbringen. Wenn die anderen abends in ihre Hotels zurückfahren, möchte ich gern hierbleiben und das Schloss für mich haben."

     Ihm entfuhr ein kurzes, verärgert klingelndes Lachen. "Das wird leider nicht möglich sein."

     Sie schenkte ihm ein offenes und argloses Lächeln. "Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich fürchte mich nicht so schnell und bin gern allein."

     Seine Augen wurden schmal. Dana war ihm so unbedarft erschienen, dass sie ihn beinahe zum Narren gehalten hätte. "Sie verstehen anscheinend nicht", stieß er hervor. "Meine Anzeige bezog sich ausschließlich auf Filmarbeiten, auf nichts anderes."

     Eine lange Stille entstand, während sie seine Absage verdaute. "Mein Fehler, Alex. Ich bin froh, dass Sie das klargestellt haben, bevor irgendein Schaden entstanden ist."

     "Dana …"

     Sie war fast schon an der Tür, bevor sie sich umdrehte. "Ja?"

     Er ging langsam auf Sie zu. "Wohin wollen Sie?"

     "Ich suche mir ein Hotelzimmer."

     "Wären Sie nicht besser bei Ihrem Vater aufgehoben?", fragte er ruhig.

     Ihre Wangen röteten sich vor Zorn. "Erstens: Wäre ich siebzehn, würde ich Ihnen zustimmen, da ich aber nächste Woche siebenundzwanzig werde, kommt das mit Papas kleinem Mädchen nicht mehr hin."

     Er hatte sich in ihrem Alter völlig verschätzt.

     "Zweitens: Mein Vater ist noch nicht senil. Um genau zu sein, ist eine der Schauspielerinnen seine derzeitige Geliebte, die bei ihm schlafen wird. Und drei sind bekanntlich einer zu viel."

     Alex hatte diesen Rundumschlag nicht vorausgesehen. Ihre Attacke nahm ihm die Luft.

     "Drittens: Während ich in diesem herrlichen Land bin, möchte ich wenigstens so tun, als sei ich eine unabhängige Frau, die zur Abwechslung einmal ihre Flügel ausstreckt. Es muss für Sie ein unangenehmer Moment gewesen sein, als Sie glaubten, ich hätte es auf Sie abgesehen. Dafür entschuldige ich mich nochmals."

     Er hatte ihre fluchtartige Bewegung vorausgeahnt und war schnell genug, um vor ihr an der Tür zu sein. Dabei stießen ihre Hüften gegeneinander, und er wurde sich einmal mehr ihrer weiblichen Rundungen bewusst. Die Spannung zwischen ihnen war mit Händen zu greifen. Langsam machte sie einen Schritt zurück.

     Das Letzte, was er wollte, war, sie sich zur Feindin zu machen, doch genau das hatte er getan. Ein Wort zu ihrem Vater, und er konnte das Geschäft in den Wind schreiben. Und er konnte es sich nicht leisten, den Vertrag mit der Filmgesellschaft zu verlieren, nicht wo er das Geld so verdammt dringend brauchte.

     "Dana, ich … ich bin nie auf die Idee gekommen, dass Sie im Schloss schlafen wollten."

     Sie mied seinen Blick. "Sie sind eben kein Träumer."

     "Sie werden überrascht sein, aber das ist nicht der Grund." Er versuchte ihre Reaktion auf den nächsten Satz einzuschätzen: "Ich lebe hier."

     Sie hob den Kopf. Und als er den erstaunten Blick in diesen blauen Tiefen sah, wusste er instinktiv, dass seine Eröffnung eine Überraschung für sie war.

     "Die Empfangsdame im Hotel erwähnte, dass Sie in der Gegend wohnten. Für mich schloss diese Bemerkung das Château aus …" Ihre Stimme wurde leiser.

     "Seit ich aus Bali hier eingetroffen bin, sind, fürchte ich, eine Menge Gerüchte über mich in Umlauf."

     "Bali? Was haben Sie da gemacht?"

     "Gearbeitet. Ich bin Agraringenieur."

     Sie strich über ihre Hüften, so als ob sie nicht wüsste, was sie mit ihren Händen machen sollte. "Nehmen Sie gerade so eine Art Auszeit?"

     "Nein, ich habe gekündigt, um mich um das Erbe meiner Mutter zu kümmern, bevor ich in die Vereinigten Staaten gehe."

     "Dann bleiben Sie nur eine Zeit lang in Frankreich?"

     "Für eine sehr kurze Zeit. Ich restauriere das Schloss und pflege das Grundstück so weit, dass das Anwesen für Touristen geöffnet werden kann. Ich suche mir ein Verwalterehepaar, das sich um alles kümmert. Es könnte eine lohnende Investition sein, und ich kann meine Karriere in Amerika weiterbetreiben."

     Der Ausdruck ihres Gesichtes hatte sich ganz leicht verändert, ohne dass er hätte sagen können, in welcher Weise. "Ein ehrgeiziges Unternehmen, aber mit Ihrer Arbeitsmoral werden Sie es bestimmt schaffen." Sie schaute auf ihre Armbanduhr. "Ich muss los, und Sie wollen sicher wieder an die Arbeit."

     "Nicht so schnell. Es wäre unerhört, Sie nicht hier wohnen zu lassen, wo doch das Haus ursprünglich für mehrere Dutzend Bewohner gebaut wurde. Unter diesen Umständen bestehe ich darauf, dass Sie bleiben. Es bedeutet aber, dass wir uns das Château teilen."