Affäre mit dem Gegner

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Star-Anwalt Stone Michaelsen ist außer sich vor Wut! Wie hat es seine Rivalin Hillary Bellows nur geschafft, das Alibi seines Mandanten zu zerpflücken? Hat sie etwa zu dem Betriebsspion Kontakt, der ihm und seinen Partnern zu schaffen macht? Als Stone die verführerische Staatsanwältin ausfragen will, liegt plötzlich pure Leidenschaft in der Luft. Für ihn gibt es nichts Besseres als diesen Moment, in dem er ihre sonst so eiskalte Fassade zum Schmelzen bringt. Obwohl sie vor Gericht erbitterte Gegner sind, beginnt eine mehr als riskante Affäre …
  • Erscheinungstag 05.12.2019
  • Bandnummer 29
  • ISBN / Artikelnummer 9783745751543
  • Seitenanzahl 224
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Für Andrew

für immer

1. KAPITEL

„Ich werde Ihnen beweisen, dass dieser Mann böse ist“, erklärte die Staatsanwältin und deutete zum Tisch der Verteidigung.

Stone Michaelsen hatte das unbehagliche Gefühl, dass sie auf ihn zeigte statt auf seinen Klienten. Er hätte da nicht einmal widersprechen können. Er war ein böser Mann – manchmal.

Gerade jetzt zum Beispiel, während er Hillary Bellows dabei beobachtete, wie sie die Jury bearbeitete, hätte er gern schlimme Dinge mit ihr angestellt. Sie war verdammt sexy in ihrem himmelblauen Kostüm, das perfekt zu ihren himmelblauen Augen passte. Der Rock umspannte fest ihren gerundeten Po, während die Jacke sich nicht ganz über ihren vollen Brüsten schloss und ihr cremefarbenes Camisole sehen ließ. Ihr gehörte die ungeteilte Aufmerksamkeit jedes männlichen Jurymitglieds und, da sie ernsthaft argumentierte, auch die der Frauen. Als sie sich wieder schwungvoll zur Jury umdrehte, strich ihr das kinnlange blonde Haar über die Wange. Es sah so seidig aus, dass Stone versucht war, es zu berühren. Sie zu berühren.

Doch wie immer, wenn er ihr im Gerichtssaal begegnete, musste er dem Drang widerstehen, dieser verrückten Anziehung nachzugeben. Hillary Bellows war strikt tabu. Und selbst wenn sie es nicht wäre: Sie hatte überdeutlich klargemacht, dass sie nicht viel von ihm hielt. Er würde ordentlich seinen Charme spielen lassen müssen, um ihre Meinung von ihm zu ändern.

Und im Gegensatz zu seinen Kanzleipartnern war Stone als Charmeur eher kein Naturtalent. Er war zu offen und freimütig, um anderen zu schmeicheln und Komplimente zu verteilen. Genau wie Hillary.

Sie fuhr mit ihrem Eröffnungsplädoyer fort: „Ich werde zweifelsfrei beweisen, dass der Angeklagte seine junge Frau in eifersüchtiger Raserei umgebracht hat. Der Anwalt des Angeklagten, Stone Michaelsen von der berühmt-berüchtigten Kanzlei Street Legal, wird mit allen Mitteln versuchen, Ihnen seinen Klienten als unschuldig darzustellen, denn er und seine Partner tun alles, um zu gewinnen.“

Stone konnte gerade noch verhindern, dass er zusammenzuckte. Es war selbst für Hillarys Verhältnisse unter der Gürtellinie, die jüngsten Probleme seiner Firma gegen ihn zu verwenden. Dabei waren diese Probleme nicht einmal durch eigenes Verschulden entstanden. Es gab einen Maulwurf in der Kanzlei, jemanden, der ihre Fälle sabotierte und sie dadurch vor Gericht schlecht dastehen ließ. Hätte Hillary Zugang zu den Fallakten, hätte er glatt sie für die undichte Stelle gehalten.

Sie schien einen Groll gegen ihn zu hegen, weil er sie schon so oft vor Gericht geschlagen hatte – ihre einleitende Argumentation kam ihm eher wie ein persönlicher Angriff vor als wie eine Zusammenfassung des Falles, den sie vertrat.

„Genau wie seine Partner“, fuhr Hillary fort, „wird Stone Michaelsen die Medien und andere Tricks einsetzen, um diesen Fall zu gewinnen. Denn er hat keine Beweise.“

Er ließ sich nichts anmerken. Später am Tag hatte er ein Meeting mit Allison McCann von McCann Public Relations. Sie würden über seine nächste Presseverlautbarung sprechen. Die Presseagentin hatte bereits Statements herausgegeben, weil die Anklage über die Tatsache hinweggegangen war, dass sein Klient für den Zeitpunkt des Mordes ein wasserdichtes Alibi besaß. Byron Mueller hätte niemals angeklagt werden dürfen. Aber wegen dieses Alibis würde es ein leichter Sieg für Stone werden und eine weitere Niederlage für Hillary.

Vielleicht klang sie deshalb so bitter in ihrem Eröffnungsplädoyer. Sie wusste, dass sie verlieren würde, wie bisher jedes Mal, wenn er und sie vor Gericht aneinandergeraten waren. Was, wenn er einmal auf andere Weise mit ihr aneinandergeriet? Bildlich? Wenn all diese üppigen Kurven an seinen Körper gepresst würden?

Jetzt musste er sich ein Lächeln verkneifen. Die Jury durfte nicht glauben, er sehe selbstzufrieden aus, obwohl er sich genau so fühlte.

Aber auch Hillary sah ziemlich selbstzufrieden aus. Erneut blickte sie zu ihm statt zu seinem Klienten, und da war ein belustigtes Glitzern in ihren Augen. Was zum Geier fand sie denn so amüsant?

Ganz sicher nicht die Tatsache, dass sie den Fall verlieren würde. Das konnte sie angesichts ihres Ehrgeizes überhaupt nicht witzig finden.

Dann wandte sie sich von ihm ab und konzentrierte sich wieder auf die Jury. Sie senkte die Stimme, als vertraue sie den Jurymitgliedern ein großes Geheimnis an. „Auch das Alibi, das sein Klient für die Zeit des Mordes zu haben behauptet, wurde durch Beweise aus Mr. Michaelsens eigenen Fallunterlagen erschüttert.“

Wovon redete sie da? Stone sprang auf und protestierte. „Einspruch, Euer Ehren. Die Staatsanwältin macht eine belastende Aussage …“

„Die ich beweisen kann“, fiel Hillary ihm ins Wort.

Der Hammer sauste herunter. „Dies ist Miss Bellows Eröffnungsplädoyer, Mr. Michaelsen. Sie werden während der Verhandlung Gelegenheit haben, Ihren Klienten zu verteidigen.“

„Klingt eher so, als bräuchte ich einen Verteidiger“, brummte Stone und setzte sich widerwillig.

„Mr. Michaelsen …“, ermahnte der Richter ihn scharf. Harrison war schon sehr lange vorsitzender Richter, wahrscheinlich zu lange. Die noch auf seinem Kopf verbliebenen Haare waren weiß, und sein Gesicht war faltig vor Alter und Missbilligung.

Es war nie gut für Stone, wenn er Harrison als Richter bekam. Trotzdem musste er sich ihm fügen.

„Bitte erinnern Sie Miss Bellows daran, dass nicht meine Kanzlei hier vor Gericht steht, sondern mein Klient“, sagte er.

Der Richter verzichtete auf eine verbale Verwarnung und begnügte sich mit einem eindringlichen Blick, den Hillary mit zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen blauen Augen an Stone weitergab. Allerdings erschien die Andeutung eines Lächelns auf ihren Lippen. Offenbar genoss sie es, ihn zu piesacken.

Er stellte fest, dass sich sein Puls beschleunigt hatte, und zwar nicht nur wegen des unter großer medialer Beachtung stehenden Gerichtsverfahrens, sondern auch aus Begeisterung darüber, Hillary wiederzusehen. Er hatte sie schon zuvor besiegt, aber leicht war es nicht gewesen. Als Anwältin hatte sie sich als seine größte Herausforderung erwiesen.

Und als Frau …

Nein. Da sie Staatsanwältin war und in diesem Fall seine Gegnerin, durfte er sie nicht als Frau sehen. Nur war das verdammt hart.

Er hätte nichts dagegen, wenn Hillary unter seine Gürtellinie ginge, solange sie es nicht mit Schlägen tat. Wow, es wäre wirklich nicht schlecht, wenn sie unter seinen Gürtel und Reißverschluss ginge! In seine Boxershorts …

Stones Klient stupste ihn am Arm. „Das sieht nicht gut aus“, murmelte er ehrlich besorgt. „Wovon redet sie da? Dass Ihre Fallakten mein Alibi widerlegen?“

„Ich habe keine Ahnung“, flüsterte Stone zurück. Doch er würde es herausfinden.

„Mr. Michaelsen, Miss Bellows hat das Wort. Sie und Ihr Klient können Ihre Diskussion im Anschluss an den heutigen Verhandlungstag fortsetzen.“

Stone zuckte zusammen. Fabelhaft. Jetzt hatte er auch noch den Richter verärgert. Allerdings machte Richter Harrison immer einen verärgerten Eindruck, auch schon vor der Verhandlung.

Stone drückte den Arm seines Klienten, um ihn zu beruhigen. Doch plötzlich sah man Byron Mueller jedes einzelne seiner über sechzig Jahre an. Der Milliardär war bekannt für seine aufbrausende Art, nur war er vorher noch nie in Schwierigkeiten geraten, die sich nicht mit Geld beheben ließen. Indem er Stone und Street Legal engagierte, hatte er wohl auch diesmal gehofft, sich herauskaufen zu können. Aber eine Mordanklage war eine ernste Sache.

Und Hillary Bellows auch, während sie in ihrem Eröffnungsplädoyer sämtliche Gründe aufzählte, aus denen die Jury seinen Klienten für schuldig befinden sollte. Wobei ihr wichtigster Grund Stone zu sein schien – als hätte Byron Mueller ihn nicht engagiert, wenn er nicht schuldig wäre.

Das Problem war: Er war es wirklich nicht. Was auch immer Hillary glaubte, aus Stones Fallakten erfahren zu haben – das Alibi war echt. Byron war unschuldig, und Stone hatte die Absicht, das auch zu beweisen. Sollte es Hillary gelingen, das Alibi zu kippen, würde das verdammt hart werden … beinah so hart wie Stone wurde, während er die schöne Staatsanwältin bei der Arbeit beobachtete.

Hillary Bellows kümmerte sich nicht darum, wie spät es war. Sie war kein bisschen müde. Das verhinderte ihre Aufregung. Sie konnte nicht aufhören zu grinsen. Diesmal würde sie gewinnen. Stone Michaelsen würde seinen Klienten nicht heraushauen, wie es ihm schon bei so vielen zuvor gelungen war.

Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischsessel zurück und dachte an den verblüfften Ausdruck in seinem lächerlich attraktiven Gesicht während ihres Eröffnungsplädoyers. Sie hatte ihn überrascht, was sie ein wenig beunruhigte. Wie war sie an diese Information gelangt, wenn nicht durch seine Kanzlei?

Es spielte keine Rolle.

Sie würde gewinnen. Natürlich würde sie das nicht auf die Art feiern können, wie sie es gern getan hätte – mit Stone, der es ihr besorgte. Er sah so verdammt gut aus mit seinen vollen schwarzen Haaren und den dunkelgrauen Augen. Und dieser Körper …

Mit den breiten Schultern, der muskulösen Brust und den trainierten Armen und Beinen war sein Körper ebenso lächerlich vollkommen wie sein Gesicht.

Wie schaffte er es, derart gut in Form zu bleiben? Er verhandelte ständig einen Fall vor Gericht, also musste er fast so hart arbeiten wie sie. Und sie fand nie die Zeit, ins Fitnessstudio zu gehen. Wie machte er das?

Er musste häufig Gewichte stemmen. Viele Gewichte …

Oder er stemmte viele Frauen. Zu gern hätte sie sich von ihm stemmen lassen – von diesen starken Armen tragen lassen, mühelos, in sein Schlafzimmer.

Sie gab einen verächtlichen Laut von sich wegen dieser Fantasie. Und genau das würde es auch bleiben: nur eine Fantasie. Dummerweise gab sie sich diesen Fantasien über Stone Michaelsen sehr oft hin.

Sie seufzte wehmütig und griff nach dem Schokoriegel, der ihr Abendessen war. Oder eher das Dessert, da die Abendbrotzeit schon eine Weile vorbei war. Sie schloss die Augen, als die dunkle Schokolade auf ihrer Zunge schmolz und ihre Geschmacksknospen mit dem Kontrast von süß und bitter neckte. Ein genüsslicher Seufzer entwich ihr.

Ein Stöhnen kam als Echo zurück.

Vor Schreck zuckte sie zusammen und fiel fast aus dem Sessel, als sie die Augen öffnete und Stone Michaelsen entdeckte, der im Türrahmen ihres Büros lehnte. Sie hatte die Tür nicht offen gelassen, das tat sie nie, schon gar nicht, wenn sie Überstunden machte. Aber vielleicht war es eine Dame von der Reinigungscrew gewesen, als sie vorhin den Mülleimer leerte. Hillary hatte gesagt, sie könnten später zum Putzen wiederkommen, doch nahm sie an, dass die Reinigungskräfte inzwischen Feierabend gemacht hatten, denn das war schon vor einer ganzen Weile gewesen.

„Wie in aller Welt sind Sie hier hereingekommen?“, fragte sie.

Warum hatte sie nicht gehört, wie die Tür aufging? Wieso hatte sie nicht gemerkt, dass er sie beobachtete? War sie so sehr beschäftigt gewesen … mit Gedanken an ihn?

Er hob eine seiner breiten Schultern ein wenig an. „Ich bin nicht so ein übler Bursche, dass ich nicht an der Security vorbeikäme“, erwiderte er grinsend. „Besonders, da ich den Enkel des Wachmannes bei einem Drogenverfahren verteidigt habe.“

Sie sah ihn funkelnd an. „Natürlich haben Sie das.“ Und sie vermutete, dass es ihm gelungen war, das Strafmaß zu mildern oder ganz aufzuheben.

Im aktuellen Fall jedoch würde er keine Chance haben auf Strafmilderung oder gar die Einstellung des Verfahrens.

Es gab wohl kaum einen Zweifel daran, dass er deshalb hier war. Sie lehnte sich zurück und musterte ihn. „Lassen Sie mich raten … Sie wollen sich mit mir auf einen Deal einigen.“

„Nein. Ich habe eine Bitte an Sie“, sagte er, trat ein und schloss die Tür.

Der Raum war ohnehin klein, doch nun, da Stone sich darin befand, schien er noch weiter zu schrumpfen. Der Mann war groß, über eins achtzig, und muskulös. Sein volles schwarzes Haar sah zerzaust aus, als sei er sich mit den Händen hindurchgefahren. Oder eine Frau. Und seine grauen Augen blickten so intensiv und konzentriert … auf sie.

Ihr Puls beschleunigte sich, als er sich ihrem Schreibtisch näherte. Er legte die Hände auf die Akten und beugte sich vor, sodass sich sein Gesicht fast auf gleicher Höhe mit ihrem befand. Jetzt raste ihr Puls. Wollte er einen Kuss?

Sie war versucht, ihm entgegenzukommen und ihre Lippen auf seine zu pressen. Aber sie wusste, dass es nicht das war, was er wollte. Er würde – konnte – nicht sie wollen.

Er und seine Kanzleipartner dateten Unterwäschemodels, Modedesignerinnen, Schauspielerinnen und reiche Erbinnen – keine schlecht bezahlten und überarbeiteten Staatsanwältinnen wie sie. Aber das waren das Leben und die Karriere, die sie gewählt hatte, und sie war ganz zufrieden damit. Noch besser war, dass sie Stone nur in ihrer Fantasie haben konnte, denn das war viel sicherer als der echte Stone Michaelsen.

Den echten wollte sie gar nicht. Der war arrogant, rücksichtslos und unmoralisch. Nein, ihr genügte der Mann in ihrer Fantasie, der nicht redete, sondern sie nur küsste und liebkoste.

„Wollen Sie meine Bitte nicht hören?“, fragte er.

Sie atmete tief ein, um sich zur Vernunft zu bringen. Leider nahm sie dadurch nur umso intensiver seinen Duft wahr – Seife, Moschus und eine ganz individuelle Note.

„Um Gnade?“, neckte sie ihn. „Mir gegenüber haben Sie jedenfalls nie welche walten lassen.“

Zumindest nicht vor Gericht. Und nicht in diesen verdammten Presseverlautbarungen, die seine PR-Firma für ihn herausgab. Erstaunlicherweise war heute gar keine erschienen. Dabei hätte sie gedacht, es sei ihm gerade heute wichtiger als sonst, ihren Fall zu diskreditieren.

Nur wusste er natürlich, dass er Beweise aus seiner eigenen Kanzlei nicht diskreditieren konnte. Warum hatte er diese Fakten überhaupt zugänglich gemacht? Es sah ihm nicht ähnlich, sich an die Regeln zu halten oder auch nur fair zu sein.

„Sie sind nicht meine Klientin“, erklärte er. „Ich handle nur Deals für meine Klienten aus.“

Meistens musste er das nicht, weil ihm immer irgendeine Verteidigungsstrategie einfiel, und sei sie noch so abwegig. Irgendwie gelang es ihm stets, die Jury zu überzeugen.

Was führte er wohl diesmal im Schilde? Sie konnte es kaum erwarten, das herauszufinden.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde Ihrem Klienten bestimmt keinen Deal anbieten.“ Stone hatte mit seinem Besuch bei ihr nur seine Zeit vergeudet.

„Ich will keinen Deal für ihn“, sagte Stone. „Byron Mueller ist unschuldig.“

Sie gab einen verächtlichen Laut von sich. Wer lebte hier in einer Fantasiewelt? „Wenn Sie diese Lüge oft genug wiederholen, fangen Sie dann an, sie zu glauben?“

Stone warf ihr einen finsteren Blick zu. Offenbar gefiel es ihm gar nicht, Lügner genannt zu werden. Aber er war einer, und Hillary nannte die Dinge stets beim Namen.

„Nein, im Ernst. Ich bin neugierig“, gestand sie. „Ich verstehe nicht, wie Anwälte das machen.“ Wie konnten die jemanden verteidigen, wenn sie von der Schuld dieser Person wussten?

Doch offensichtlich glaubte Stone, sie spreche über etwas anderes, denn er sah amüsiert aus. Er hob eine Braue und senkte die Stimme zu einem sexy Flüstern. „Ich könnte es Ihnen zeigen.“

Für einen kurzen Moment setzte ihr Herz aus. Flirtete er etwa mit ihr?

Aber nein, Stone Michaelsen flirtete nicht. Er war viel zu sehr darauf konzentriert, Gerichtsverhandlungen für sich zu entscheiden – und stets der Beste zu sein. War er im Schlafzimmer genauso?

Musste er der Beste sein?

Das würde sie ohnehin nie herausfinden. Und es war schließlich nicht so, als würde er das andeuten wollen, was sie glaubte. Nein. Sie fantasierte wohl wieder. Er war ja nicht einmal hier, und schon gar nicht machte er irgendwelche zweideutigen Anspielungen. Schnell kniff sie sich unter dem Schreibtisch in den Oberschenkel und versuchte, vor Schmerz nicht das Gesicht zu verziehen.

Nein, sie fantasierte nicht. Es war Realität. Stone Michaelsen war wirklich in ihrem Büro, und er …

… flirtete.

Mit.

Ihr.

2. KAPITEL

Was zur Hölle tat er?

Stone war nicht in das Büro der Staatsanwältin gegangen, um mit Hillary Bellows zu flirten. Er war dort, um Antworten zu bekommen und herauszufinden, was sie meinte, als sie vor Gericht von Dokumenten aus seiner Kanzlei sprach. Jetzt aber wollte er sie nur noch zum Höhepunkt bringen.

Und er selbst wollte auch kommen, unbedingt.

Mit ihr allein zu sein, war eine ziemlich dumme Idee. Aber er war dermaßen in Rage gewesen über ihr Eröffnungsplädoyer, dass nicht in seiner Vorstellungskraft gelegen hatte, dass ihre Wirkung auf ihn ein Problem sein könnte. Dann jedoch sah er sie zurückgelehnt in ihrem Bürostuhl sitzen und seufzen …

Und da konnte er nur noch daran denken, dass er ihr weitere Seufzer entlocken wollte – indem er sie küsste, berührte, …

Ein zartes Pink schoss ihr in die Wangen, während sie ihn ansah, die blauen Augen geweitet – sie war genauso schockiert über seine Worte wie er. Dann stammelte sie: „Ich … ich will nicht wissen, wie Anwälte es machen.“

„Warum nicht?“, fragte Stone. „Weil wir alle unter Ihrer Würde sind?“

Unter ihr … Er stöhnte auf, als ein Bild vor seinem geistigen Auge auftauchte: er unter ihr, während sie ihn wild ritt, auf dem Weg zur Erlösung von dieser Anspannung, die sich längst in ihm aufzubauen begonnen hatte.

Als würde dieses Gerichtsverfahren nicht schon für genug Anspannung sorgen.

Jetzt geriet auch noch diese Anziehung, die er für sie empfand, außer Kontrolle. Die er immer empfunden hatte.

Fühlte sie denn auch etwas?

Sie erschauerte und murmelte: „Ich habe keine Ahnung, wie Sie es machen.“

„Und ich habe Ihnen angeboten, es Ihnen zu zeigen“, sagte er und war genauso überrascht wie beim ersten Mal, als ihm diese Zweideutigkeit herausgerutscht war. Flirtete er etwa?

Die Jungs hätten ihn ausgelacht, wenn sie ihn gehört hätten. Sie zogen ihn ständig damit auf, dass er Frauen nicht mit Worten schmeicheln konnte; sie behaupteten, er nähere sich ihnen direkt und grunze sie an.

„Mr. Michaelsen!“, rief sie.

Und er lachte. „Schauen Sie sich an, Miss Bellows. Ganz die empörte Selbstgerechtigkeit. Jetzt verstehe ich, warum Sie so hart arbeiten. Offenbar wollen Sie eines Tages den Vorsitz im Gericht.“

„Was?“, fragte sie verwirrt.

„Sie wollen Richterin werden“, erklärte er. „Jetzt gerade verurteilen Sie mich zum Beispiel ziemlich schnell.“ Das hätte ein Dämpfer sein sollen für seine Fantasien, stattdessen stellte er sie sich in der schwarzen Robe vor, mit nichts darunter …

Außer seinen Händen.

Er war dabei, den Verstand zu verlieren. Und das war alles ihre Schuld. Sie löste eine Unruhe in ihm aus, heute noch schlimmer als sonst, und das lag nicht an ihrer Schönheit.

Denn schön war sie wirklich. Wunderschön.

Ihre Augen waren sehr klar, blau und intelligent, umrahmt von langen dunklen Wimpern. Dazu hatte sie ein rundes Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und einem spitzen kleinen Kinn, das er oft stolz nach vorn geschoben sah. Und voller Selbstgerechtigkeit, die er ihr eben vorgeworfen hatte. Ihre Lippen, die meistens Missbilligung ausdrückten, waren sinnlich, rot und wie zum Küssen geschaffen. Besonders jetzt, mit Schokolade am Mundwinkel …

Er wollte diesen Schokoladenklecks wegküssen. Er wollte sie küssen, so sehr, dass seine Bauchmuskeln angespannt waren und sein Schwanz vor Verlangen pulsierte.

Doch bevor er die Distanz zwischen ihrem und seinem Mund überwinden konnte, sprang sie aus ihrem Sessel auf – als wüsste sie, was er vorhatte. „Ich will Gerechtigkeit“, sagte sie, „für die arme Bethany Mueller und all die anderen Opfer Ihres Klienten.“

Das konnte er verstehen, aber in diesem Fall war Byron wirklich unschuldig. Und Stone glaubte, das Alibi zu haben, das seine Unschuld bewies. „Wenn Sie wirklich Gerechtigkeit wollen für Bethany, sollten Sie die Anklage gegen Byron fallen lassen. Er hat seine Frau nicht umgebracht.“

Sie stieß einen verächtlichen Laut aus. „Ich wusste, dass Sie deswegen hergekommen sind. Damit die Anklage fallen gelassen oder abgeschwächt wird.“ Enttäuschung flackerte in ihren Augen auf, ungeachtet dieser Behauptung.

Wünschte sie, er hätte sie aus einem anderen Grund besucht? Begehrte sie ihn, wie er sie begehrte?

Seine körperliche Anspannung nahm weiter zu, sein Schwanz pulsierte hinter dem Reißverschluss. Zum Glück trug er noch sein Jackett, sonst hätte sie womöglich gesehen, welche Wirkung sie auf ihn hatte. Und er hegte keinerlei Zweifel daran, dass sie sich das im Gerichtssaal zunutze machen würde.

Es sei denn, diese Anziehung beruhte auf Gegenseitigkeit.

Ein Schauer überlief ihn, aber er wusste nicht, ob es Furcht war oder Erregung. Wenn sie sich auch zu ihm hingezogen fühlte, bestand kaum Hoffnung, dass er ihr würde widerstehen können.

Es war schwer genug gewesen, als er noch glaubte, diese Anziehung sei einseitig. Doch jetzt …

Er schüttelte den Kopf, aber damit konnte er das Verlangen nach Hillary nicht vertreiben. „Ich bin nicht hier, um auszuhandeln, dass die Anklage abgeschwächt oder fallen gelassen wird“, erklärte er, obwohl es den Fall erheblich vereinfachen würde, wenn sie ihm nur glauben würde, dass Byron Mueller unschuldig war.

„Warum sind Sie dann hier?“, fragte sie. „Sie sprachen von einer Bitte an mich.“

Er hatte eine gehabt, als er hereinkam. Jetzt konnte er nur noch daran denken, den Schokoladenfleck an ihrem Mundwinkel wegzuküssen. Sie war so verdammt sexy.

„Um was wollten Sie mich bitten?“, ließ sie nicht locker.

Er wollte sie um diesen Kuss bitten …

Starrte er etwa ihren Mund an? Hillary war sich nicht sicher, aber es kam ihr so vor, als sei sein Blick darauf gerichtet, auf ihre Lippen. Wollte er sie ebenso dringend küssen wie sie ihn? Wäre sie nicht unvermittelt aufgestanden, hätte sie sich womöglich nach vorn gelehnt und ihre Lippen auf seine gepresst.

Die Versuchung war groß gewesen.

Vorhin hatte sie in ihrem Büro ein wenig gefroren. Jetzt war ihr heiß, als brenne ein Feuer in ihr – seinetwegen. Aus Angst, sie könne ins Schwitzen geraten, zog sie ihre Jacke aus und hängte sie über die Sessellehne.

Stones Augen verdunkelten sich, die Pupillen verdrängten das silbrige Grau, und ein Wangenmuskel zuckte in seinem angespannt wirkenden Gesicht. Ein Bartschatten zeigte sich bereits auf seiner Haut, obwohl er heute Morgen vor Gericht ordentlich rasiert gewesen war. Er wirkte unruhig und gereizt, als beherrsche er sich nur mit Mühe.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

Er sah aus, als könne er sich jeden Moment über den Schreibtisch hinweg auf sie stürzen und sie nehmen. Zumindest fand sie, dass er so aussah, aber das konnte natürlich auch an all ihren Fantasien über ihn liegen.

Warum musste er nur so attraktiv sein?

Es war nicht fair, dass der gegnerische Anwalt so unwiderstehlich sexy aussah.

Hillary war Fairness sehr wichtig. Deshalb war sie Anwältin geworden. Sie bezweifelte, dass bei Stone solche altruistischen Gründe ausschlaggebend dafür gewesen waren, dass er Jura studierte und Anwalt wurde. Vermutlich hatten ihn und seine Partner eher Geld denn Gerechtigkeit dazu motiviert, den Anwaltsberuf zu ergreifen. Street Legal war die teuerste Kanzlei in New York City.

Und das sagte einiges.

Deshalb konnten es sich nur Milliardäre wie Byron Mueller leisten, sich von Stone Michaelsen vertreten zu lassen. Der Enkel des Wachmannes musste einen reicheren Verwandten haben, der Stone bezahlte, damit der die Drogen-Anklage abmilderte. Denn Gerechtigkeit interessierte Stone nicht. Hillary war sich nicht einmal sicher, wie sehr Geld ihn wirklich interessierte. Sie vermutete, dass es ihm vor allem ums Gewinnen ging. Und dass er deshalb alles daransetzen würde zu triumphieren.

Daher traute sie ihm durchaus den Versuch zu, sie zu verführen, um seinem Klienten einen Vorteil zu verschaffen. Möglicherweise glaubte er, sie würde Mueller gegenüber nicht so hart sein, wenn er etwas mit ihr anfing. Diese Vorstellung ernüchterte sie; sie war nicht länger trunken vor Begierde nach ihm. Da er noch nie mit ihr geflirtet hatte, schien es sehr wahrscheinlich zu sein, dass er etwas im Schilde führte.

Ihre Herzfrequenz verlangsamte sich, und Müdigkeit überkam sie; es war ein sehr langer Tag gewesen.

„Was wollen Sie, Stone?“, fragte sie und gähnte. „Es ist spät, und ich muss nach Hause.“

„Wartet da jemand auf Sie?“, erkundigte er sich.

Klang er eifersüchtig?

Unsinn, das war nun wirklich zu abwegig. Er war überhaupt nicht an ihr interessiert, sondern spielte nur, um seine Klienten rauszuboxen. Er würde es ihr nicht besorgen … wie sie es gern gehabt hätte und brauchte.

Vielleicht sollte sie sich mit jemandem in ihrem Apartment verabreden. Dwight? Seit sie sich während des Jurastudiums kennengelernt hatten, trafen sie sich gelegentlich: auf einen Drink, um über ihre Fälle zu sprechen oder um Dampf abzulassen. Aber war er inzwischen nicht fest mit einer Frau zusammen?

Nein, sie konnte ihn nicht anrufen. Ein Pflichtverteidiger hatte vor zwei Wochen nach ihrer Nummer gefragt, aber sie hatte sie ihm nicht gegeben. Trotzdem hatte Dwight ihr seine gegeben, oder? Wenn sie die Nummer wiederfand, könnte sie ihn anrufen. Leider wusste sie gar nicht mehr, wie er aktuell aussah.

Außerdem konnte sie an keinen anderen denken als an Stone Michaelsen. Das lag daran, dass er hier war und ihr kleines Büro mit seiner Präsenz, seinem Duft und seinem sexy Körper ausfüllte.

„Das ist eine lange Pause“, bemerkte er. „Ich kann nicht glauben, dass Sie niemanden haben, der auf Sie wartet. Ehemann? Verlobter? Freund?“

„Ich habe ja gar nicht gesagt, dass niemand auf mich wartet“, konterte sie.

„Nein“, pflichtete er ihr bei. „Sie haben nichts gesagt.“ Er schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte.

Seine Beharrlichkeit entlockte ihr ein Lächeln. „Das ist eine sehr persönliche Frage“, entgegnete sie. „Und wir wollen doch nicht persönlich werden, Stone.“

Sie mochte mit einem anderen Anwalt etwas trinken oder essen gewesen sein. Aber nicht mit ihm. Jedes Mal, wenn er sie nach einem Fall bat, mit ihm auszugehen, lehnte sie ab.

Sie hatte den Verdacht gehabt, dass er doch bloß mit seinem Triumph angeben wollte. Und sie war zu wütend gewesen über die Niederlage der Gerechtigkeit.

Erneut funkelten seine Augen. War es Begierde, oder bildete sie sich das nur ein? „Mir gefällt, wie Sie meinen Namen sagen“, murmelte er mit rauer Stimme.

Jetzt erschauerte sie. Allerdings trug sie auch nur ein dünnes Camisole, da sie ja ihre Jacke ausgezogen hatte. Sein Blick wanderte zu der Stelle, wo sich ihre Brustwarzen durch den Spitzen-BH schoben und unter der Seide ihres Camisoles abzeichneten.

„Sto… Mr. Michaelsen“, sagte sie und legte denselben warnenden Ton in ihre Stimme wie Richter Harrison ihm gegenüber am Nachmittag.

Er grinste. „Oh, Hillary … ich glaube, wir könnten Spaß haben, wenn wir persönlich würden.“

Schon wieder wurde ihr heiß, im Gesicht, am ganzen Körper. Sowohl ihre Beherrschung als auch ihre Geduld ließen nach. „Warum sind Sie hier?“

Er antwortete nicht, sondern sah sie unverwandt mit diesem sündigen Glimmen in den Augen an.

„Wenn Sie es mir nicht verraten, gehe ich.“ Nur hieß das, dass sie an ihm vorbei musste, um zur Tür zu gelangen, und sie wollte ihm auf keinen Fall näher kommen. Nicht jetzt …

Nicht, wenn er sie auf diese Weise ansah.

Stone schloss die Augen und unterbrach so die Verbindung zwischen ihnen. Als er sie wieder aufmachte, schüttelte er den Kopf und rieb sich den Nacken, als wäre er gestresst.

Nach ihrem Eröffnungsplädoyer sollte er auch gestresst sein!

Diesmal hatte sie ihn. Und das musste er ebenso gut wissen wie sie.

„Ich bin gekommen, um herauszufinden, was zum Geier Sie eigentlich meinten, als Sie davon sprachen, Sie hätten Beweise aus meinen Fallakten“, erklärte er.

Sie entspannte sich und lächelte. „Es ist die Wahrheit. Ich habe Beweise …“

Autor

Lisa Childs

Die Bestseller-Autorin Lisa Childs schrieb ihr erstes Buch bereits mit 6 Jahren - es war die Biografie des Familienhundes. Inzwischen schreibt sie Liebesromane und Krimis. Als jüngstes von sieben Kindern ist ihr die Familie im wahren Leben ebenso wichtig wie in ihren Romanen. Viele ihrer Geschichten basieren daher auf der...

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