Alice und der geheimnisvolle Earl

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Noch ein einziges Mal frei sein, tanzen und flirten: Kurz bevor Alice auf Wunsch ihrer Eltern die Ehe mit einem ungeliebten Mann eingeht, schleicht sie sich wagemutig auf einen Maskenball – und wird von einem geheimnisvollen Fremden in den Bann gezogen! Heiß und verwegen küsst er sie. Alice glaubt fest daran, ihre Maske verberge ihre wahre Identität, doch sie irrt sich. Schon am nächsten Tag sucht er sie auf, um sie zu warnen: Ihr nächtlicher Kuss wurde beobachtet. Will sie ihren Ruf retten, muss Alice heiraten – ihn, den Earl of Northumberland! Dessen verhängnisvolles Schicksal jede leidenschaftliche Liebe unmöglich macht …


  • Erscheinungstag 03.02.2026
  • Bandnummer 446
  • ISBN / Artikelnummer 0814260446
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Laura Martin

Alice und der geheimnisvolle Earl

1. KAPITEL

Northumberland, Abend vor dem Mittsommerfest, 1816

Nicht zum ersten Mal an diesem Abend kam Alice sich lächerlich vor. Sie sah auf das geliehene Kleid herab, dessen Saum deutliche Schlammspritzer aufwies, und auf die zarten Schuhe. Falls sie es jemals bis zu Lady Salisburys Ball schaffen sollten, würde sie diesen Schmutz über den gesamten Ballsaal verteilen.

„Komm, Alice. Wir können jetzt nicht aufgeben“, rief Lydia über die Schulter, bevor sie über einen Holzzaun kletterte. Alice folgte ihr etwas langsamer und fragte sich, wie sie sich in diesen hirnrissigen Plan hatte hereinziehen lassen. „Wir sind fast da. Wirklich, ich kann schon die Musik hören.“

Mit all der Anmut und Eleganz, die sie aufbringen konnte, folgte Alice ihrer Freundin über den Zaun und schloss entsetzt die Augen, als sie spürte, wie ihr Rock an einem Nagel hängen blieb. Und dann hörte sie zu ihrem Entsetzen, wie etwas an ihrem Kleid riss.

„Lydia, warte!“, schrie sie und sah noch, wie ihre Freundin sich durch eine Hecke kämpfte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr hinterherzulaufen. Sie verzog kläglich das Gesicht, als sie den Riss im Saum sah, und konnte nur hoffen, dass es ihr gelingen würde, das Kleid zu nähen und zu säubern, bevor ihrer Cousine auffiel, dass es nicht im Schrank war.

Vor der Hecke zögerte sie kurz und fragte sich, wie Lydia durch das dichte Laub gekommen war, und dann schoss plötzlich eine Hand hervor und packte ihr Handgelenk. Lydia kicherte, während Alice verblüfft auf der anderen Seite wiederauftauchte, und dann musste Alice auch lachen.

„Stell dir nur vor, in ein paar Minuten werden wir in den Armen der bestaussehenden Junggesellen in ganz Northumberland über die Tanzfläche wirbeln“, sagte Lydia und drückte Alice’ Hand. „Vielleicht ist ein eleganter Duke oder Earl unter ihnen, der dein Herz im Sturm erobern wird.“

Einen Moment lang schloss Alice die Augen und versuchte, genau das zu tun. Aber es war sehr unwahrscheinlich, dass sie auf dem Ball jemanden kennenlernen würde, der sie vor ihrer bevorstehenden Heirat retten könnte. Der Gedanke an ihre Zukunft wurde bedrückender, je öfter sie daran dachte.

„Mein letzter Abend in Freiheit“, sagte sie leise.

Lydia schnaubte spöttisch. „Das hört sich so an, als wolle man dich zum Schafott fahren.“

„Genauso fühlt es sich auch an.“

„So schlimm kann er doch nicht sein.“

Alice erschauderte. „Ich weiß, ich habe ein sehr behütetes Leben geführt und bin deswegen noch keinem Schuft oder Verbrecher über den Weg gelaufen, aber Cousin Cecil ist der schrecklichste Mensch, dem ich je begegnet bin.“

„Vielleicht werden deine Eltern dich nicht zwingen, ihn zu heiraten.“

„Ich bezweifle sehr, dass sie mich vor einem solchen Schicksal retten können.“ Morgen würde Alice’ Cousin zweiten Grades, Cecil Billington, zu einem einwöchigen Besuch zu ihnen kommen, und das zu dem einzigen Zweck, endgültig eine Ehe zwischen ihm und Alice zu vereinbaren. Bisher hatte er noch nicht um sie angehalten, aber sie war sich sehr wohl der Verhandlungen bewusst, die im Hintergrund mit ihrem Vater stattfanden. Sie hatte nicht gewagt, nach Einzelheiten zu fragen, denn allein der Gedanke an Cecil genügte, damit ihr übel wurde.

„Dann wird der heutige Abend dich für die nächsten vierzig Jahre entschädigen müssen, in denen du gezwungen sein wirst, Cecil zu erdulden.“

Lydia ergriff ihre Hand und zog sie wieder über das Gras. Das Haus kam inzwischen in Sicht, ebenso wie die Terrasse, die von Dutzenden von Lichtern auf der Steinbrüstung erleuchtet wurde. Musik schwebte aus den offenen Türen zu ihnen herüber, und man hörte die Stimmen all jener Paare, die vor der Hitze im Ballsaal auf die Terrasse geflohen waren.

„Jemand wird uns sehen“, sagte Alice beunruhigt. Nur wenige Meter trennten sie noch vom Haus und dazwischen lag eine flache Grasfläche, wo man sich nirgendwo verstecken konnte.

„Dann lass uns so tun, als würden wir dazugehören. Wir sehen jedenfalls so aus. Wenn wir einfach Arm in Arm dahinschlendern, wird uns bestimmt niemand beachten. Wir sind lediglich zwei Gäste, die sich großartig auf dem Mittsommernachtsball unterhalten.“

Alice nickte nach kurzem Zögern. „Du hast recht. Wenn wir versuchen, uns hineinzuschleichen, werden wir sofort auffallen. Das können wir nur verhindern, wenn wir uns locker geben.“

Sofort straffte sie die Schultern und hob das Kinn an – in einem unbewussten Versuch, Lady Salisburys Haltung und Stolz zu imitieren, der Gastgeberin dieses prächtigen Maskenballs. Hin und wieder hatte Alice einen Blick auf die Viscountess erhascht, wenn sie aus ihrer Kutsche gestiegen war oder über die weitläufigen Grünanlagen von Salisbury Hall spazierte. Sie besaß eine königliche Haltung und bewegte sich anmutig und elegant.

„Warte“, rief Lydia und drückte Alice eine Maske in die Hand. Sie war zart und weiß mit einem kunstvollen silbernen Muster und bedeckte nur den oberen Teil des Gesichts. Alice setzte sie auf und befestigte sie mit einem silbernen Band. Lydia trug eine ähnliche Maske.

Arm in Arm gingen sie weiter. Obwohl Alice insgeheim lieber gelaufen wäre, wusste sie, dass ihre List nur funktionieren würde, wenn sie sich ruhig verhielten. Keiner zuckte auch nur mit der Wimper, als sie die Stufen zur Terrasse hinaufgingen, und Alice spürte, wie ihre Freundin ihre Hand drückte, als sie die Türen zum Ballsaal erreichten.

Keine von beiden hatte je an einem solchen Ball teilgenommen. Gelegentlich gingen sie zu den Tänzen in den hiesigen Versammlungsräumen, aber auch die fanden nur selten statt.

„Es ist wie im Märchen“, flüsterte Alice und hielt auf der Schwelle inne, um alles aufzunehmen. Es war ein großer, reich geschmückter Raum. Die Wände wiesen eine geschmackvolle cremefarbene Tapete auf, und hier und da waren große Spiegel aufgestellt worden, damit die Gäste sich beim Tanzen sehen konnten und der Ballsaal sogar noch größer erschien, als er sowieso schon war. Von der Decke hingen zwei herrliche Kronleuchter, auf denen mindestens je hundert Kerzen hell brannten, und auch zwischen den Spiegeln waren Kerzen entzündet worden, die flackerten, vom Glas zurückstrahlten und den gesamten Saal zum Schimmern und Leuchten brachten.

Die versammelten Gäste vervollständigten den Eindruck von Überfluss und Glanz – die Gentlemen in eleganten Jacken und seidenen Krawattentüchern, die Damen in wunderschönen Kleidern aus Seide und Satin. Das Thema des Maskenballs waren natürlich die Mittsommerfeierlichkeiten, und viele Gäste hatten sich entsprechend gekleidet. Einige Frauen hatten frische Blumen in ihre Frisur geflochten oder trugen sie an ihrem Kleid wie eine Brosche.

„Ich habe noch nie so etwas gesehen“, sagte Lydia, den Mund offen vor Ehrfurcht.

„Danke.“ Alice drückte die Hand ihrer Freundin. „Dafür, dass du mich heute hergebracht hast. Du hattest recht. Ich verdiene eine letzte Nacht voller Glück, bevor ich ein ganzes Leben lang mit meinem abscheulichen Cousin Cecil verbringen muss.“

Lydia sah ihr eindringlich in die Augen. „Genieße es mit aller Kraft. Tanze mit jedem Mann, der dich auffordert, trinke den Schaumwein, als wäre er Wasser, bewundere die herrlichen Frauen in ihren wunderschönen Kleidern.“

„Das werde ich.“

Einen Augenblick lang war Alice ein wenig überwältigt von allem. Dies hier war nicht ihre Welt. Sie gehörte nicht hierher, und ihr war klar, dass sie nicht wusste, wie sie sich mit diesen Leuten unterhalten sollte. Sie hatte vielmehr das Gefühl, dass jeden Moment jemand kommen, sie aus der Menge herauspicken und verkünden könnte: Alice James, Sie gehören nicht hierher.

Ein junger Gentleman, nicht viel älter als Alice oder Lydia, näherte sich ihnen und schluckte nervös. Er lächelte beide an, wobei er seine etwas schiefen Zähne blicken ließ, und wandte sich dann an Lydia.

„Ich weiß, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden, aber dürfte ich das Vergnügen haben, Sie zum nächsten Tanz zu führen?“

Alice sah ihre Freundin erröten. Lydia mochte ja kühn und selbstbewusst erscheinen, aber manchmal geriet sie vor Menschen, die sie nicht kannte, ins Stottern.

„Ich wäre entzückt“, sagte sie und warf Alice noch einen letzten Blick zu, bevor sie mit ihrem Partner zum Rand der Tanzfläche ging, um auf den nächsten Tanz zu warten.

Alice war plötzlich allein und schrak unwillkürlich zurück. Zu ihrem Entsetzen stieß sie gegen einen großen Blumentopf mit großen Blättern, der jetzt von seinem Tischchen zu fallen drohte. Sie sprang vor, verzweifelt bemüht, ihn aufzufangen, damit niemand auf sie aufmerksam wurde.

„Ruhig“, sagte eine tiefe Stimme dicht an ihrem Ohr. Alice zuckte zusammen und brachte die Topfpflanze wieder aus dem Gleichgewicht. Jemand streckte an ihr vorbei den Arm aus und bewahrte die Blume davor, doch noch auf dem Boden zu landen.

Alice rührte sich nicht. Erst als sie sicher war, dass keine unmittelbare Katastrophe mit der Pflanze bevorstand, drehte sie sich um. Und dann sog sie scharf den Atem ein. Genau hinter ihr, wenn auch weit genug entfernt, um keine Missbilligung zu erwecken, stand der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Er trug keine Maske, und Alice fand, dass das wirklich ein Jammer gewesen wäre. Außerdem würde jedermann wissen, wer er war, wenn er nur seine Augen sah. Sie waren von einem unglaublich strahlenden Blau, nicht blass und langweilig wie ihre eigenen Augen, und sie boten einen hinreißenden Kontrast zu dem dunklen Haar. Dass er darüber hinaus noch über ein vollkommenes Gesicht verfügte, machte ihn zum begehrenswertesten Mann im ganzen Saal.

„Danke“, brachte sie hervor, und ihr Herz klopfte noch heftig von dem ausgestandenen Schrecken. „Das hätte eine Katastrophe werden können.“

Simon lächelte die hübsche junge Frau vor sich höflich an und wandte sich zum Gehen, da er nicht in ein Gespräch mit einer Dame verwickelt werden wollte, die er wahrscheinlich kennen sollte. Es gab Hunderte dieser Sorte in Northumberland, die ihm vorgestellt worden waren und an deren Namen er sich nicht erinnern konnte. Es war eine der Plagen, die man als Earl hinnehmen musste – alle kannten ihn und alle erwarteten, dass er sich an sie erinnerte.

Sein Bruder war tatsächlich in der Lage gewesen, sich an jedes Gesicht, jeden Namen zu erinnern und sie mit den Mitgliedern ihrer Familien zu verbinden. Auf dem Gut oder im Dorf war Robert stets stehen geblieben und hatte sich mit fast jedem unterhalten, dem er begegnete, und er hatte sich nach jedermanns Gesundheit erkundigt. Seine Pächter und seine Dienerschaft hatten ihn so sehr geliebt, dass es unmöglich war, es ihm gleichtun zu wollen. Ganz besonders, da es Simon nicht einmal gelang, sich den Bruchteil der Namen aller Menschen zu merken, denen er begegnete.

Als er sich umwandte, sah er seine Schwägerin den Saal betreten. Er hatte enormen Respekt und große Zuneigung für Maria, die Dowager Countess, aber in diesem Moment wollte er sie nicht sehen. Kürzlich hatte sie ihn gedrängt, zu heiraten und eine Familie zu gründen, und nichts lag ihm im Moment ferner als das. Zweifellos hatte sie bereits eine lange Liste junger Damen aufgesetzt, die sie ihm heute Abend vorstellen wollte – gewiss sehr nette, sehr anständige junge Damen –, aber es hatte keinen Zweck, dass er eine Verbindung mit irgendjemandem einging, weder heute, noch sonst irgendwann.

Hastig drehte er sich wieder zu der jungen Frau um. „Ich glaube nicht, dass wir uns bereits vorgestellt wurden“, sagte er.

„Miss Alice James.“ Sie knickste und sah erwartungsvoll zu ihm auf.

„Lord Westcroft“, sagte er verwundert. Sie riss verblüfft die Augen auf, und wenn sie keine begnadete Schauspielerin war, dann hatte sie ihn wohl wirklich nicht erkannt. Ohne eingebildet sein zu wollen, wusste er doch, dass die meisten Leute wussten, wer er war, wenn er einen Raum betrat. Es war ein weiterer Nachteil, wenn man ein Earl war.

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Mylord.“

„Gleich kommt der nächste Tanz, Miss James. Dürfte ich die Freude haben, Sie auf die Tanzfläche zu führen?“

„Sie wollen mit mir tanzen?“ Sie klang ungläubig, und er musste ein Lächeln unterdrücken.

„Wenn es Ihnen angenehm wäre.“

Sie nickte, und er reichte ihr seinen Arm und geleitete sie zur Tanzfläche. Die Musiker spielten bereits die ersten Noten eines Kontratanzes.

Er hatte sein ganzes Leben lang getanzt. Bevor sein Bruder starb, war Simon gern in Gesellschaft gegangen, aber nach Roberts Tod hatte alles seinen Glanz verloren. Miss James sah sich entzückt um. Sie war jung, aber nicht so jung, als könnte dies ihr erster Ball sein, und er fragte sich, ob sie alles mit einer solch unwiderstehlichen Freude anging.

Es war ein schneller Tanz, und als es an ihnen war, die Reihe der Tänzer entlangzugehen, sah Miss James zu ihm auf und lächelte ihn so glücklich an, dass er einen Moment erstarrte. Glücklicherweise erholte er sich, bevor es ihr auffiel, und sie setzten den Tanz ohne Stolpern fort. Doch als sie ihren Platz am Ende der Reihe einnahmen, stellte er fest, dass er den Blick nicht von ihr nehmen konnte. Trotz ihrer Maske sah man, dass sie hübsch war. Sie hatte ihr volles kastanienbraunes Haar nach der jetzigen Mode zu einem Knoten gebunden, aber einige Strähnchen hatten sich gelöst und umrahmten ihren Hals. Ihre hellblauen Augen schimmerten verführerisch im Kerzenlicht, aber ganz besonders fühlte Simon sich zu ihrem Mund hingezogen. Sie lächelte die ganze Zeit, manchmal mit geschlossenen Lippen und einem zufriedenen Lächeln, dann wieder einem breiteren Lächeln, das ihr Vergnügen am Tanz ausdrückte. Als sie einen falschen Schritt tat, errötete sie nicht verlegen, wie es viele junge Damen taten, sondern kicherte stattdessen über ihren Fehler. Simon erkannte, dass er seit langer Zeit niemandem mehr begegnet war, der völlig im Augenblick aufging und, in diesem Fall, so glücklich dabei war.

Als die Musik zum Ende kam, verbeugte er sich vor ihr und war selbst erstaunt, als er ihr seinen Arm reichte.

„Wollen wir ein wenig an die frische Luft gehen, Miss James?“

Sie sah mit von der Anstrengung geröteten Wangen zu ihm auf und nickte. „Das wäre schön.“

Simon sah, dass seine Schwägerin ihm mit dem Blick folgte, während er Miss James von der Tanzfläche heruntergeleitete und kurz anhielt, um zwei Gläser Punsch vom Tablett eines Dieners zu nehmen. Im Ballsaal war es jetzt so heiß, dass es eine Erleichterung war, in den kühlen Abend hinauszutreten.

„Ich glaube, der Mittsommerabend wird von jetzt zu meiner Lieblingsjahreszeit“, sagte Miss James, als sie neben der Steinbrüstung stehen blieben. Sie lehnte sich darauf und sah in den Garten hinaus.

„Lieber als was?“, fragte Simon.

„Ich liebe Weihnachten. Es ist so zauberhaft, wenn das Feuer knistert, während es draußen schneit, man selbst aber gemütlich im Warmen sitzt. Aber diesen wunderschönen Mittsommerabend werde ich nie vergessen.“

„Verzeihen Sie, Miss James, aber sind wir uns irgendwann begegnet?“

„Nein.“

„Sie scheinen ganz sicher zu sein.“

Sie lächelte arglos, und ihm wurde bewusst, dass sie nichts von ihm erwartete. Die meisten jungen Damen, denen er vorgestellt wurde, betrachteten ihn als jemanden, den sie erobern mussten. Ihr Ziel war es, ihn so zu beeindrucken, dass er sie zu seiner Countess machte. Es war unvorstellbar lästig, und so hatte er angefangen, Situationen aus dem Weg zu gehen, in denen er gezwungen werden könnte, mit unverheirateten jungen Frauen Konversation zu betreiben. Miss James machte keinen berechnenden Eindruck auf ihn. Sie versuchte nicht, ihn zu beeindrucken, und es war erfrischend festzustellen, dass eine Frau einmal nichts von ihm zu wollen schien.

„Ich glaube, daran würde ich mich erinnern, Mylord.“

„Sie stammen aus Northumberland?“

„Ja, meine Familie lebt nur wenige Meilen von hier entfernt.“

„Dann sind wir uns bestimmt auf einem Ball oder einer Dinnerparty begegnet.“

Sie sah ihn erschrocken an, und einen Moment hatte er den Eindruck, sie würde fliehen, aber stattdessen nahm sie einen großen Schluck von ihrem Champagnerglas.

„Ich muss Ihnen etwas beichten“, sagte sie so leise, dass nur er sie hören konnte. „Das heute ist mein erster Ball.“

Er musterte sie eingehender. Hatte er sich in ihrem Alter geirrt? Er schätzte sie auf zwanzig oder einundzwanzig Jahre, immer noch jung, aber gewiss schon vor Jahren in die Gesellschaft eingeführt.

„Ich war schon auf vielen Tanzabenden“, klärte sie ihn hastig auf. „Nur noch auf keinem Ball wie diesem.“

„Wie kann das sein, Miss James?“

Sie kaute auf der Unterlippe und sah ihn unruhig an. „Wenn ich es Ihnen verrate, werden Sie mich vielleicht hinauswerfen lassen.“

Er musste lächeln. „Das bezweifle ich sehr, Miss James. Es sei denn, Sie sagen mir, dass Sie sich hereingeschlichen haben, um Lady Salisburys Ball zu sabotieren oder ihr Silberbesteck zu stehlen.“

Einen Moment presste sie die Lippen zusammen und beugte sich dann so dicht zu ihm hinüber, dass ihre Schultern sich berührten.

„Sie haben halb richtig geraten“, sagte sie noch leiser.

„Sie wollen Lady Salisburys Silber stehlen?“

Ein amüsiertes Lächeln erschien kurz um ihre Mundwinkel. „Nein, ich bin keine Diebin, aber ich habe mich hereingeschlichen.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, da hielt sie sich die Hand erschrocken vor den Mund. „Ich kann nicht glauben, dass ich es Ihnen verraten habe. Es war das Einzige, was ich heute Abend geheim halten sollte, und dann ist das das Erste, was ich ausplaudere.“

Simon musste gegen ein Lachen ankämpfen, und er erkannte, dass es das erste Mal seit Langem war, dass er richtig Spaß an einer Unterhaltung hatte. In den letzten paar Jahren war so etwas undenkbar gewesen. In kurzer Zeit hatte er seinen Bruder verloren und den Titel geerbt, nur um dann dazu gezwungen zu sein, sein eigenes baldiges Ende in Betracht zu ziehen. Seit einigen Wochen zwang er sich, wichtige Entscheidungen zu treffen – jede einzelne davon schwerwiegend und gefühlsgeladen.

„Sie haben sich ohne Einladung hereingeschlichen?“

Sie nickte betroffen.

„Werden Sie mich verraten?“

„Ich bin nicht sicher“, meinte er und unterdrückte ein Lächeln.

„Lydia wird wütend auf mich sein.“

„Sie sind zu zweit hier?“

Miss James schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich muss wirklich den Mund halten.“

„Nein, tun Sie das bitte nicht, Miss James. Seit Monaten habe ich mich nicht mehr so gut unterhalten.“

„Sie machen sich über mich lustig.“

„Ganz und gar nicht.“

„Sie sind ein Earl. Ihr Leben besteht praktisch nur aus Luxus und Vergnügungen.“

„Ich finde eher, dass es vor allem aus Kontobüchern und Verantwortung besteht“, sagte er trocken. „Nun, das ist nicht fair und sehr … mir ist wohl bewusst, dass ich ein Leben voller Vorrechte führe. Es besteht aus Luxus und Prunk, wie Sie sagen, aber nicht aus Spaß.“

„Das ist traurig.“ Alice berührte seine Hand. Es war kaum zu spüren, aber es brachte seine Haut zum Prickeln, und er sah schnell auf. Aber er las keine Berechnung in ihren Augen und erkannte, dass sie ganz gewiss nicht die Absicht hatte, ihn zu verführen – vielleicht weil sie bereits einen jungen Mann hatte, den sie zu lieben glaubte, oder auch weil ihre gesellschaftliche Stellung sich so sehr unterschied, dass sie wusste, es könnte nie etwas zwischen ihnen geben.

„Ja, es ist traurig“, sagte er leise. „Also übertrage ich Ihnen heute Abend die Aufgabe, die Stimmung dieses griesgrämigen Mannes zu heben.“

„Und dafür versprechen Sie dann, mich nicht zu verraten.“

„Abgemacht. Sagen Sie, Miss James, wie ist es Ihnen überhaupt gelungen, ins Haus zu kommen, ohne dass es auch nur einer unter den Dutzenden von Dienern bemerkt hat?“

Sie wies auf den Garten, der jetzt völlig im Dunkeln lag. Nur die Terrasse war erleuchtet. „Wir sind durch den Garten gekrochen.“

Er sah nach unten und lachte. „Ja, ich sehe da ein wenig Schmutz an Ihrem Saum.“

„Ich hatte so große Angst, ich könnte irgendwelche Blätter im Haar haben, als wir ankamen. Wir mussten uns nämlich durch eine Hecke quetschen, um zur Terrasse zu kommen.“

„Das nenne ich wahre Hingabe an Ihr Ziel. Warum wollten Sie unbedingt auf den Ball?“

Sie seufzte und sah wieder in die Dunkelheit hinaus. „Sie kennen gewiss das Gefühl der Hilflosigkeit nicht, wenn man seine eigene Zukunft nicht bestimmen kann“, sagte sie bedrückt. Sie irrte sich zwar, aber jetzt war nicht der Moment, sie aufzuklären. „Schon bald werde ich nichts Aufregenderes mehr entscheiden dürfen, als welche Vorhänge ich wählen oder was für ein Menü es zum Dinner geben soll.“

„Sie werden heiraten.“

Der Ausdruck auf ihrem Gesicht verriet ihm, dass sie nicht glücklich darüber war. Aber sie straffte die Schultern und wandte sich zu ihm um. „Ich soll den ekligen Cecil, einen Cousin zweiten Grades, heiraten.“

„Den ekligen Cecil?“

„Eine absolut zutreffende Beschreibung.“

„Sie tun mir schon jetzt leid. Was macht ihn so eklig?“

Miss James stieß heftig die Luft aus, und er musste wieder lächeln. Er kannte ihren gesellschaftlichen Hintergrund zwar nicht, aber so wie sie sprach und sich verhielt, glaubte er, dass sie aus einer Familie des niederen Landadels stammen musste. Vielleicht war ihr Vater ein Gutsbesitzer oder Geistlicher. Sie wusste, wie sie sich benehmen musste, war aber nicht der sehr viel strikteren Prüfung unterzogen worden wie viele junge Damen des ton, und so war ihr das Schulterzucken und ein theatralischer Seufzer hier und da nicht abgewöhnt worden.

„Wo soll ich anfangen? Stellen Sie sich vor, Sie wären eine junge Dame“, begann sie, und er setzte seine ernsteste Miene auf.

„Ich bin dabei.“

„Gut. Man stellt Sie einem entfernten Verwandten vor, der fünfzehn Jahre älter ist als Sie.“ Sie hielt einen Finger hoch. „Der Altersunterschied ist nicht das Problem, müssen Sie wissen. Mir ist bewusst, dass Frauen von größerem Wert zu sein scheinen, wenn sie jung und schön sind, und Männer, wenn sie älter und reicher sind.“

„Ich hätte Sie nicht für so zynisch gehalten, Miss James.“ Simon war erstaunt, wie ausgesprochen viel Spaß er hatte. Es wirkte so befreiend auf ihn, sich mit dieser jungen Frau zu unterhalten, die ihm völlig fremd war und nicht die geringsten Erwartungen an ihn stellte.

„Ist es zynisch, die Wahrheit festzustellen?“ Sie fuhr fort. „Dieser entfernte Verwandte hat ein etwas unglückliches Aussehen – ein schielendes Auge, gelbe Zähne und dünnes Haar. Aber man hat Sie dazu erzogen einzusehen, dass niemand etwas für sein Aussehen kann, also verdrängen Sie jeden Gedanken an seine Erscheinung.“

Simon presste die Lippen zusammen. Miss James war ein humoristisches Talent, fand er, und er drängte sie fortzufahren. „Ich beginne zu begreifen.“

„Gut. Dann streckt er den Arm aus und legt seine verschwitzte Hand auf Ihre Schulter. Eine flüchtige Berührung könnten Sie vergeben, aber er lässt sie viel zu lange verweilen, und die ganze Zeit über heftet er den Blick auf Ihre Brust.“

„Er klingt nicht sehr verlockend.“

„Den ganzen Abend über gibt er dann seine entsetzlichen Ansichten über alles zum Besten – angefangen von der Sklaverei und davon, dass die Armen für die schreckliche Lage, in der sie sich befinden, bestraft werden müssen, dass es Gottes Plan für die weniger Begünstigten unserer Gesellschaft sei, sie durch Krankheiten zu dezimieren, weil er sie in Umständen leben lässt, wo diese Krankheiten schneller verbreitet werden.“

„Ich sehe allmählich, warum Sie ihn eklig nennen.“

„Und das alles, während er gleichzeitig Ihr Knie unter dem Tisch drückt.“

„Ihre Eltern sind damit einverstanden, dass Sie ihn heiraten?“

Miss James seufzte. „Letztes Jahr ist meine Schwester …“ Sie biss sich auf die Unterlippe, und Simons Blick heftete sich einen Moment auf ihren Mund. „Wahrscheinlich sollte ich Ihnen das nicht sagen.“ Dann zuckte sie die Achseln. „Aber wir werden uns ja nie wieder über den Weg laufen.“

„Und ich verspreche Ihnen, niemandem gegenüber auch nur ein Wort verlauten zu lassen.“

Sie nickte. „Letztes Jahr wurde meine Schwester in eine Art Skandal verwickelt. Es gab Gerüchte über nächtliche Treffen mit einem verheirateten Mann. Einen Monat lang durften weder sie noch ich das Haus verlassen, und meine Eltern dachten, wir würden Bamburgh sogar verlassen und woanders hinziehen müssen. Glücklicherweise schritt ein Freund meines Vaters ein und bat um die Hand meiner Schwester, um sie und den Rest der Familie vor dem Skandal zu retten.“

„Hat es geholfen?“

„Ja, wenn einige Leute auch immer noch die Straßenseite wechseln, um meiner Mutter und mir auszuweichen, wenn wir einen Spaziergang machen. Meine Schwester ist glücklich. Sie lebt in Devon, ist Herrin ihres eigenen Haushalts und auch ein Baby ist unterwegs. Das alles hatten wir nur kurze Zeit zuvor nicht mehr für möglich gehalten.“

„Aber das trieb Ihre Eltern dazu, eine unkluge Verbindung für Sie zu planen?“

„Sie sind in Panik geraten. Der Makel des Skandals wird noch eine ganze Weile an mir hängen, und sie erinnern mich ständig daran, dass ich bereits einundzwanzig Jahre alt bin. In der Gegend gibt es keine unverheirateten Männer unseres Standes, also beschlossen sie, die einzige Partie zu arrangieren, die mir offenstand.“

„Hätten Sie sich nicht weigern können?“

Miss James lachte ohne jede Bitterkeit. „Wir leben wirklich in völlig verschiedenen Welten, Mylord. Ich habe kein eigenes Vermögen, kein Einkommen, keine Möglichkeit, mich selbst zu erhalten. Ich kann nicht einmal mit einer besonders guten Erziehung aufwarten, also würde mich wahrscheinlich niemand als Gouvernante einstellen. Mein Wert zeigt sich erst, wenn ich jemanden heiraten kann, der mich und unsere zukünftigen Kinder ernähren und meine Eltern von ihrer Verantwortung für mich befreien kann.“

„Und der eklige Cecil ist wohlhabend?“

„In Maßen. Ausreichend, um meine Eltern zufriedenzustellen. Er ist begierig darauf zu heiraten und kommt morgen zu einem Besuch, um unsere Verlobung zu besprechen.“

„Er hat Ihnen noch keinen Antrag gemacht?“

„Nein, aber das ist auch nur eine Formalität.“ Sie schloss die Augen. „Wie Sie also sehen, ist dies meine letzte Chance, auf einem Ball mit einem Mann meiner Wahl zu tanzen, einen kleinen Schwips zu bekommen und völlig unangebrachte Spaziergänge mit geheimnisvollen Männern auf der Terrasse zu machen.“

„Dann müssen wir dafür sorgen, dass es der schönste Abend Ihres Lebens wird.“

2. KAPITEL

Alice wurde ein wenig schwindlig von ihrem eigenen Wagemut. Sie hätte Lord Westcroft nie so viel verraten dürfen, aber es hatte sich so befreiend angefühlt. Und sie wusste, dass sie dem Earl nie wieder begegnen würde. In einigen Wochen würde sie Mrs. Cecil Billington sein und ein trostloses Leben in irgendeiner bäuerlichen Gegend von Suffolk führen, wo sie bis auf ihren verhassten Mann niemanden kannte.

„Ich glaube, wir brauchen mehr Punsch“, sagte Lord Westcroft, verbeugte sich vor ihr und ging in den Ballsaal zurück, bevor sie protestieren konnte. Bisher hatte sie nie viel Alkohol zu sich genommen, einige Schlückchen Wein bei Tisch, aber schon jetzt spürte sie, wie sich eine gewisse Wärme in ihrem Körper ausbreitete.

Er kam schon bald mit zwei Gläsern zurück und reichte ihr eins. Alice war sich all der neugierigen Blicke bewusst, die ihm folgten, während er auf sie zukam. Zweifellos kannten alle Lord Westcroft und fragten sich wohl, mit wem er so viel Zeit verbrachte. Alice fühlte sich plötzlich sehr befangen.

„Ein Toast auf einen letzten Abend in Freiheit, bevor Sie zu einem Leben mit dem ekligen Cecil verdammt werden.“

Alice lächelte und hob das Glas an ihre Lippen. Nie hätte sie geglaubt, ein Earl könnte so sein wie Lord Westcroft. Es war erstaunlich einfach, sich mit ihm zu unterhalten, denn er war so gelassen und locker wie die jungen Männer im Dorf und überhaupt nicht wie ein Adliger.

„Und Sie?“, fragte sie, nachdem sie ihr halbes Glas geleert hatte. „Ich habe Ihnen meine tiefsten Geheimnisse anvertraut, da ist es nur gerecht, wenn Sie mir auch eines Ihrer Geheimnisse verraten würden.“

Einen Augenblick lang glaubte sie, zu weit gegangen zu sein, weil seine Miene finster wurde. Doch dann stellte er sein Glas auf die Brüstung und beugte sich vor, den Blick in die Dunkelheit gerichtet.

„Soll ich Ihnen etwas sagen, was ich noch niemandem verraten habe?“ Seine Stimme klang plötzlich sehr ernst.

Alice nickte. Ihr Herz schlug schneller.

„Ich habe noch nie unter freiem Himmel einen Walzer getanzt.“ Er lächelte sie breit an und streckte die Hand aus.

„Ich dachte, Sie würden mir etwas Ernstes beichten“, meinte sie mit einem erleichterten Lächeln.

„Sie lassen mich warten, Miss James. Dürfte ich um diesen Tanz bitten?“

„Alle werden uns anstarren, Mylord, und ich versuche doch, keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.“

„Dazu ist es viel zu spät. Jeder starrt uns bereits an.“

„Wie halten Sie nur so viel Interesse an Ihnen aus?“

„Man gewöhnt sich daran.“

Er reichte ihr die Hand, und Alice ergriff sie, obwohl eine innere Stimme sie davor warnte. Im Ballsaal erklangen die ersten Noten eines Walzers und ein Dutzend Paare befanden sich bereits auf der Tanzfläche und bewegten sich zum Rhythmus der Musik.

Alice spürte eine freudige Erregung, als Lord Westcroft die Hand auf ihre Taille legte und sie zu führen begann. Er war ein wunderbarer Tänzer. Bei ihm sah jede Bewegung so mühelos aus, und sobald Alice sich gefasst hatte, sah sie zu ihm auf und genoss einfach den Tanz, weil sie wusste, er würde sie auffangen, wenn sie einen falschen Schritt tun sollte.

Einige Minuten lang vergaß sie, dass sie nicht allein im Ballsaal waren – es war, als würden sie und Lord Westcroft allein unter den Sternen tanzen. Jedes Mal wenn er sie herumwirbelte, spürte sie, wie ihre Körper sich näher kamen, gelegentlich berührten seine Beine ihre Röcke. Als die Musik schließlich verstummte, hatte sie plötzlich das Gefühl, sie hätte etwas sehr Wertvolles verloren, und sie tadelte sich insgeheim wegen ihrer romantischen Gefühle.

„Vielen Dank für den Tanz, Miss James“, sagte Lord Westcroft, verbeugte sich vor ihr und küsste die Luft über ihrer Hand.

Sie ging davon aus, dass er sie jetzt verlassen würde. Immerhin hatten sie über eine halbe Stunde miteinander verbracht, hatten getanzt, sich im Mondlicht unterhalten und an einem Glas Punsch genippt. Es wurde nicht für ratsam erachtet, dass ein Gentleman zu viel Zeit mit nur einer jungen Dame verbrachte, da sonst Gerüchte entstehen könnten. Das Vernünftigste, was Lord Westcroft tun konnte, war, sich von ihr zu verabschieden und mit einer anderen jungen Dame zu tanzen.

Einen Moment sah sie ihm an, dass er daran dachte, genau das zu tun. Er blickte fast verzagt über die Schulter, dann drehte er sich wieder zu Alice um und lächelte.

„Hätten Sie Lust zu einem Spaziergang?“

„Ein Spaziergang?“

„Nur die Terrasse auf und ab. Nur ein paar Dutzend Male. Irgendwie widerstrebt es mir, Sie bereits gehen zu lassen, Miss James. Ich habe das ungute Gefühl, ich muss nur einen Moment woanders hinsehen, und Sie werden verschwinden.“

„Wäre es Ihnen nicht lieber, mit einer anderen Dame zu tanzen?“

„Nein“, antwortete er schlicht.

„Dann würde ich mich sehr freuen, mit Ihnen auf und ab zu gehen.“

Er reichte ihr seinen Arm, und sie hakte sich bei ihm ein. Sie hatten erst einige Schritte getan, da stellte sich ihnen eine schöne Frau in einem hinreißenden grüngoldenen Kleid in den Weg. Alice erkannte sofort Lady Salisbury hinter der Maske.

„Lord Westcroft, ich hoffe, Sie genießen den Ball.“

„Sehr, vielen Dank, Lady Salisbury.“

Die Viscountess wandte sich Alice zu, die unwillkürlich zusammenzuckte. Der Ausdruck im Gesicht der älteren Frau wurde plötzlich kühl. „Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden, Miss …“, sagte sie mit einem Lächeln, das nicht ihre Augen erreichte.

Alice spürte, wie ihr Mund ganz trocken wurde. Sie brachte kein Wort heraus.

„Verzeihen Sie“, warf Lord Westcroft ein. „Ich muss Ihnen etwas beichten.“

„Ja?“ Lady Salisbury nahm den Blick noch immer nicht von Alice.

„Dies ist Miss James, eine entfernte Verwandte mütterlicherseits. Sie wohnt seit einigen Wochen bei meiner Mutter, und als Mama hörte, dass ich an Ihrem Ball teilnehmen wollte, bat sie mich, Sie zu fragen, ob ich Miss James als meinen Gast mitbringen könnte, aber ich habe es völlig vergessen. Als Miss James heute Abend plötzlich in der Kutsche meiner Mutter vorfuhr, geriet ich in Panik und gab vor, Sie hätten eingewilligt, sie kommen zu lassen. Ich muss gestehen, ich hatte gehofft, niemand würde etwas merken und somit würde auch Mama nichts von meinem Versehen erfahren.“

Lady Salisbury sah von Lord Westcroft zu Alice und wieder zurück und lächelte dann. „Lord Westcroft, Sie hätten einfach mit Miss James zu mir kommen sollen, als Sie ankamen. Sie wissen doch, dass ich Ihnen nichts abschlagen kann. Er ist so einnehmend, nicht wahr, Miss James?“

„Das ist wahr“, stimmte Alice bei.

„Ich bitte Sie um Vergebung“, sagte Lord Westcroft und flüsterte Lady Salisbury noch in verschwörerischem Ton zu: „Und ich flehe Sie an, verraten Sie meiner Mutter nichts von meinem Fehler.“

„Meine Lippen sind versiegelt, Mylord. Und Miss James, wir können nicht zulassen, dass der Earl Ihre gesamte Zeit in Anspruch nimmt. Sicher gibt es viele andere Gentlemen, mit denen Sie gern tanzen möchten.“

„Ich war egoistisch“, meinte Lord Westcroft lächelnd. „Aber ich verspreche, sobald wir unseren kleinen Spaziergang beendet haben, bringe ich Miss James in den Ballsaal zurück, wo sie die Aufmerksamkeiten aller übrigen Gentlemen heute Abend genießen kann.“

Lady Salisbury neigte leicht den Kopf und wandte sich ab, um wieder hineinzugehen. Alice wartete, bis sie außer Hörweite war, bevor sie erleichtert aufatmete.

„Ganz ruhig, Miss James. Lady Salisburys Misstrauen ist erst einmal abgewendet.“

„Ich dachte, sie würde mir die Maske herunterreißen, mich als Eindringling entlarven und dann von einem ihrer Diener aus dem Haus werfen lassen.“

„Es wäre ihr zuzutrauen. Sie besitzt kein besonders nachsichtiges Wesen.“

„Ich muss sofort gehen“, stieß Alice verzweifelt hervor.

„Ganz im Gegenteil.“

Sie sah ihn ungläubig an. Er blieb bemerkenswert gelassen, aber sollte sie entlarvt werden, würde es ihm ja auch kaum schaden. Lady Salisbury würde dem Earl vergeben. Nur Alice würde mit Schimpf und Schande aus dem Haus geworfen werden.

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