Baccara Collection Band 503

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MEIN SCHÖNSTES GESCHENK BIST DU von JENNIFER WILCK

Diese sexy Kurven, dieser süße Duft! Als Sander Fortune vor Weihnachten Lisas Backkurs besucht, verfällt er ihren sinnlichen Reizen. Doch die junge Witwe sehnt sich nach einem Baby. Sander hat sich ewig um seine Familie gekümmert und will jetzt seine Freiheit genießen …

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Leseprobe

Jennifer Wilck, Brenda Jackson, B.J. Daniels

BACCARA COLLECTION BAND 503

Jennifer Wilck

1. KAPITEL

Wie betäubt stieß Lisa Bergen die Türen des Emerald-Ridge- Kinderwunschzentrums auf und nahm weder von der kalten Dezemberluft noch von der weihnachtlichen Dekoration des Gebäudes Notiz. Sie wandte sich nach links und ging in den Park, um sich dort auf einer Bank neben dem Spielplatz zu setzen. Dann bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen, stützte die Ellenbogen auf den Knien ab und dachte an das, was sie soeben während des Termins erfahren hatte.

Ein einziger In-vitro-Fertilisationszyklus – kurz IVF-Zyklus – sollte um die fünfzehntausend Dollar kosten, und die Kinderwunschpraxis empfahl eine Behandlung von sechs Zyklen. Neunzigtausend Dollar mit dem Gehalt einer Lehrerin? Sie liebte ihren Job, der sie voll und ganz erfüllte, jedoch nicht zu einer Gutverdienerin machte. Selbst, wenn sie das Geld verwendete, das sie von ihrem verstorbenen Mann geerbt hatte, würde sie sich diese Kinderwunschbehandlung nicht leisten können.

Sie hatte schon immer davon geträumt, ein Kind zu haben – selbst, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Ein kinderloses Leben war für sie unvorstellbar gewesen.

Die Tränen, die ihr seit dem Verlassen der Klinik in den Augen gebrannt hatten, rannen nun ungehemmt über ihre Wangen, als ihre letzte Hoffnung, jemals Mutter werden zu können, wie Tumbleweeds im Wüstenwind davonwehte.

Sie schüttelte den Kopf. Nein, sie würde jetzt nicht zusammenbrechen – nicht hier, mitten in der Stadt, wo sie jeder sehen konnte. Sie wischte sich über die Augen und setzte ihre große Sonnenbrille auf, obwohl der Himmel bedeckt war. Wohin sie auch sah, jede Frau im Staate Texas schien einen Kinderwagen zu schieben. Warum konnte nicht auch sie eine von ihnen sein, dachte sie verbittert.

Jordan und sie hatten von einem ganzen Haus voller Kinder geträumt. Zitternd atmete Lisa aus. Sie hatte förmlich das Patschen kleiner Füße auf dem Boden und das Lachen gehört, wenn sie über ihre zukünftige Familie gesprochen hatte.

Unfähig, weiter an diesem Ort zu bleiben, stand sie auf, um zu ihrem roten Subaru Legacy zu gehen. Als sie im Wagen saß, brach sie wieder in Tränen aus. Ihre Therapeutin, zu der sie seit dem Tod ihres Mannes ging, hatte ihr versichert, dass es ungesund war, die Trauer in sich einzuschließen. Und obwohl die Tränen etwas Befreiendes hatten, linderten sie Lisas Schmerz nicht. Wie sollte sie in einer Welt leben, in der sie nicht Mutter sein durfte?

Vielleicht benötigte sie ja überhaupt keine sechs Versuche. Möglicherweise genügte bereits einer. Das wäre immer noch teuer, doch das könnte sie sich leisten. Doch was würde sie machen, wenn sie beim ersten Mal keinen Erfolg hatte? Jordan und sie hatten alles versucht, ein Kind zu zeugen, und es war wesentlich schwieriger gewesen, als sie ursprünglich angenommen hatten. Natürlich hatten sie am Anfang noch Scherze darüber gemacht, wie spaßig es war, es zu probieren, doch je länger sie auf eine Schwangerschaft warteten, desto enttäuschter wurden sie. Jetzt war sie achtunddreißig und die Wahrscheinlichkeit, dass sie gleich beim ersten Versuch schwanger werden würde, gegen null.

Sie schlug mit den Fäusten gegen das Lenkrad, bis sie so sehr zu schmerzen begannen wie ihr Herz. Es dauerte einige Minuten, bis ihre Tränen allmählich versiegten. Sie setzte die Sonnenbrille ab und betrachtete sich im Rückspiegel. Ihre bernsteinfarbenen Augen glänzten dunkel und waren von ihrer Weinattacke gerötet.

Wie liebreizend. So wollte sie eigentlich nicht zu dem Challah-Backkurs fahren, den sie im Freizeitzentrum leitete und der – sie warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr – in fünfundzwanzig Minuten beginnen würde. Sie atmete tief aus. Gleichgültig, wie aufgewühlt sie war, sie musste ihre Gefühle in den Griff bekommen. Also griff sie nach der Ledertasche auf dem Beifahrersitz, zog ihr Handy daraus hervor und wählte eine vertraute Nummer. Ihre beste Freundin nahm den Anruf nahezu augenblicklich entgegen.

„Bitte, hol mich von dem Abgrund weg“, flehte Lisa.

„Du hast Höhenangst, und der Wind versaut dir deine Frisur“, erwiderte Melissa.

Unwillkürlich musste Lisa lachen. Sie konnte immer darauf vertrauen, dass der Sarkasmus ihrer besten Freundin sie aufheiterte.

„Nun erzähl schon“, sagte Melissa. „Was ist denn passiert?“

„Ich kann mir die IVF nicht leisten.“

„Oh, Süße, das tut mir so leid. Ich weiß, wie sehr du dir das wünschst.“

Lisa schluckte. „Nein, nein, nein. Kein Mitleid. Ich muss in zwanzig Minuten unterrichten und kann dort nicht in diesem Zustand aufkreuzen.“

„Lass den Unterricht ausfallen und geh lieber ein Eis essen.“

Schokoladeneis war die Antwort auf nahezu jedes Problem, doch leider würde es bis später warten müssen. „Ich kann die Stunde nicht ausfallen lassen“, widersprach Lisa. „Ich liebe es zu unterrichten. Außerdem werden Molly und Olivia auch dort sein.“

„Deine Nichten sind einfach süß.“

„Ich weiß.“ Gegen ihren Willen musste sie leise schluchzen.

„Hast du schon mal an Adoption gedacht?“, erkundigte sich Melissa mit sanfter Stimme.

Lisa hatte nicht nur immer davon geträumt, Kinder zu haben, sondern auch davon, schwanger zu sein. Als Kind hatte sie schwangere Frauen voller Ehrfurcht angestarrt. Als Erwachsene wollte sie Teil dieses exklusiven Clubs werden. Als sie und Jordan sich ineinander verliebt hatten, hatten sie schon früh mit den Bemühungen begonnen, ihre eigene Familie zu gründen. Keiner von ihnen war darauf vorbereitet gewesen, wie schwierig es sich erweisen sollte, und als Lisa endlich nach Jahren bangen Hoffens schwanger geworden war, waren sie außer sich vor Glück gewesen. Doch kurz danach erlag Jordan einem Herzinfarkt, und einen Monat später erlitt Lisa eine Fehlgeburt.

Somit hatte sie das letzte Band, das sie mit Jordan verbunden hatte, verloren und war darüber vor Trauer fast verzweifelt.

Vier Jahre später war sie endlich wieder bereit, ein Baby zu bekommen. Doch Adoption?

„Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht“, gestand sie. Spielte es wirklich eine Rolle, wie das Kind zu ihr kam?

„Dann solltest du es jetzt vielleicht tun“, ermutigte sie Melissa.

„Ich weiß nicht.“ Sie seufzte. „Ich habe mir immer vorgestellt, schwanger zu sein.“ Auf der anderen Seite hatte sie sich aber auch vorgestellt, mit Jordan gemeinsam alt zu werden.

„Manchmal müssen wir unsere Träume ändern, Lis“, sagte ihre Freundin leise.

„Ich weiß. Aber ich bin es leid, ständig meine Träume zu ändern, weißt du? Das ist egoistisch, klar, aber …“

„Das ist nicht Egoismus, sondern Beharrlichkeit. Du tust, was du tun kannst, um deinen Traum wahr zu machen“, unterbrach Melissa sie.

Ihre Freundin hatte recht. Eine weitere schwangere Frau ging an Lisas geparktem Wagen vorbei. Ernsthaft jetzt, waren die wirklich überall?

„Ich wünschte wirklich, es wäre einfacher für dich“, ergänzte Melissa.

Lisa seufzte. Das tat sie auch. Sie atmete tief aus und räusperte sich. „Okay, keine weiteren Mitleidsbekundungen mehr.“

„Hey, warte!“, rief Melissa. „Wir haben ja noch nicht einmal Eis gekauft.“

Lisa lachte. „Warum mag ich dich noch mal?“

„Weil du mich nicht loswirst.“

„Genau.“ Solange Lisa zurückdenken konnte, war Melissa ihre Freundin, die jedes einschneidende Lebensereignis mit ihr geteilt hatte: Highschool-Abschlussball, College, Hochzeiten … Jordans Beerdigung. Ohne Melissa hätte Lisa all das nicht überstanden und sie konnte sich kein Leben ohne ihre beste Freundin vorstellen.

„Du rufst mich später an, okay?“, vergewisserte sich Melissa.

„Das mache ich. Hab’ dich lieb.“

„Ich dich noch mehr.“

Sander Fortune zog die Haustür des neuen Zuhauses seiner Tochter Kelsey hinter sich ins Schloss und atmete erleichtert auf. Er liebte Kelsey von ganzem Herzen und war über alle Maßen glücklich, dass sie endlich ihr großes Glück mit Trevor Porter gefunden hatte und ihn bald heiraten würde. Er vergötterte die Drillinge, deren neue Mom Kelsey geworden war, und war unsäglich stolz auf sie. Dennoch – wow – waren die drei Kleinkinder ganz schön anstrengend. Gott sei Dank hatte er das nicht mehr jeden Tag, und erleichtert wurde ihm endgültig bewusst, dass er jetzt sein Haus für sich ganz alleine hatte.

Er dachte daran, wie er zunächst alleine für Kelsey gesorgt und einige Jahre später auch noch seine Nichten und Neffen aufgenommen hatte, als sein Bruder und seine Schwägerin bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen waren. Erinnerungen an das Chaos, die Angst und die Einsamkeit stiegen wieder in ihm auf – aber auch die an den Spaß, den sie gehabt hatten. Trotz der traumatischen Umstände, die sie zu einer Familie gemacht hatten, war der Spaß nie zu kurz gekommen. Das große Haus, in dem sie alle zusammengewohnt hatten, war stets von Lachen und Liebe erfüllt gewesen. Doch Zeit für sich alleine hatte Sander so gut wie nie gehabt.

Er war vierundvierzig Jahre alt und endlich damit fertig, die Kinder großzuziehen. Er atmete tief ein und genoss das Gefühl von Unabhängigkeit, das ihn durchströmte. Sosehr er es liebte, mit Kelseys und Trevors Drillingen zu spielen, so sehr hieß er die Möglichkeit willkommen, dann Opa zu sein, wenn es ihm passte.

Wenn er nur diesen neuen Lebensabschnitt mit jemandem teilen könnte – denn manchmal fühlte er sich, um ehrlich zu sein, etwas einsam.

Kopfschüttelnd verharrte er auf dem Weg zu seinem Wagen. Kelseys Versuche, ihn zu verkuppeln, vernebelten wohl gerade sein Hirn. Glücklich verlobt war sie erpicht darauf, ihren Dad mit Gleichaltrigen in Kontakt bringen und ihn zu allen möglichen Aktivitäten anzumelden. So wie heute.

Begeistert hatte sie ihm mitgeteilt, dass er an einem Challah-Backkurs teilnehmen würde, und Sander hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. Dabei wusste er gar nicht, was Challah eigentlich war. Als er das Kelsey gegenüber erwähnte, schickte sie ihm umgehend Fotos von Zopfbrot, und schulterzuckend hatte Sander sich in sein Schicksal ergeben. Er mochte Brot, und wenigstens würde er das Ergebnis seiner Bemühungen am Ende essen können. Wie schlecht konnte es also sein?

Er hatte Kelsey nicht gesagt, dass er sich zum letzten Mal auf einen der Kurse einließ, die sie für ihn aussuchte. Schließlich war er schon ein großer Junge und konnte sich selbst unter das Volk mischen, wenn ihm danach war. Er brauchte keine Hilfe dabei, Freunde zu gewinnen, und ganz bestimmt war er nicht auf eine Beziehung aus. In einer Beziehung würde er die Bedürfnisse eines anderen Menschen über seine stellen müssen, was er sein ganzes Leben lang getan hatte. Das bereute er nicht, doch es reichte ihm vorerst.

Sander fuhr durch Emerald Ridge zum Freizeitzentrum, parkte seinen Wagen davor und betrat, das klirrende Schlüsselbund in der Hand, das Gebäude. Aus den Lautsprechern erklang Weihnachtsmusik, und er summte dazu. Hoffentlich schmeckte Challah gut, denn sein Magen knurrte vor Hunger. Da es sich um einen Backkurs handelte, hatten sie dort vielleicht auch etwas, womit man das Brot belegen konnte – Käse etwa oder Roastbeef. Als er nur daran dachte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

In der in Weiß und Silber dekorierten Lobby folgte er den Schildern, die ihm den Weg zur Gemeinschaftsküche wiesen, und sobald er den Raum betreten hatte, blieb er wie angewurzelt stehen. Der Anblick der Frau, die dort vorne stand und eine blau-weiß karierte Schürze mit der Aufschrift Happy Chanukka – dem Gruß zum jüdischen Lichterfest – trug, beschleunigte seinen Pulsschlag. Fasziniert betrachtete er ihre große, sinnlich gerundete Gestalt, das lange dunkle Haar und die bernsteinfarbenen Augen, in denen ein fröhlicher Glanz zu sehen war, während sie sich angeregt mit zwei jungen Mädchen unterhielt. Ihre üppigen Locken fielen in einer weichen Welle nach vorne, als die Frau sich zu den Mädchen herabbeugte, um sie zu umarmen. Da waren Kinder im Kurs, fragte sich Sander verwirrt. Er war davon ausgegangen, hier ausschließlich Erwachsene zu treffen. Vielleicht waren es ja die Töchter der Lehrerin, die ungefähr in Sanders Alter war. Obwohl sie keinen Ehering trug, konnte sie auch gut alleinerziehend sein. Oder sie hatte den Ring vor dem Backen abgenommen. Verlangen nach der unbekannten Frau durchströmte seinen Körper und brachte Sander zum Schwitzen.

Normalerweise reagierte er nicht so auf Frauen und glaubte nicht an Insta-Love oder Insta-Lust oder wie auch immer man Liebe auf den ersten Blick heute nennen mochte. Doch zweifellos erregte sie sein Interesse.

Mit einem strahlenden Lächeln, das ihre weißen Zähne zum Vorschein brachte und offenbarte, dass einer ihrer Schneidezähne auf entzückende Weise kaum merklich schief stand, begrüßte sie Sander. „Hi, ich bin Lisa Bergen. Ich nehme an, dass Sie wegen des Challah-Backkurses hier sind?“

Ihre rauchige Stimme zog ihn augenblicklich in den Bann, und unwillkürlich musste er Whiskey, Lagerfeuer und Samt denken – eine seltsame Kombination, aber eine höchst zutreffende.

Er nahm den Hut ab und umfasste ihre ausgestreckte Hand. „Ja, Ma’am. Ich habe zwar keine Ahnung, was Challah ist, aber meine Tochter hat mich hier eingeschrieben und behauptet, dass ich es lieben würde.“

„Es ist geflochtenes Brot, leicht süßlich und mit einem Hauch von Ei“, erklärte sie und sah sich suchend um. „Ist Ihre Tochter auch hier?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, sie hat alle Hände voll mit ihren Drillingen zu tun. Ich bin alleine hier.“

Für einen winzigen Moment erstarb ihr strahlendes Lächeln, und Sander fragte sich, was er Falsches gesagt haben mochte, doch ehe er sich versah, wirkte sie wieder so unbeschwert wie zuvor. „Wow, Drillinge. Das klingt nach Spaß.“

„Lisa, wann machen wir endlich Challah?“ Eines der kleinen Mädchen kam zu der Lehrerin und umarmte ihre Taille.

„Molly, geh zurück zu deiner Schwester“, erwiderte die Lehrerin und tätschelte dem Kind den Rücken. „Wir fangen in einer Minute an.“ Sie wandte sich an Sander. „Schätze, das war mein Zeichen, mit dem Unterricht zu beginnen. Warum suchen Sie sich nicht einen Tisch?“

Ob es falsch wäre, gleich den in ihrer Nähe zu wählen?

„Ihre Tochter ist ja ganz aufgeregt“, sagte er, als er mit ihr zu dem leeren Tisch vorne im Unterrichtsraum ging. „Ich bin schon ganz gespannt.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Oh, Molly und ihre Schwester Olivia sind meine Nichten – und meine größten Fans“, erklärte sie, bevor sie sich an die übrigen Schüler in der Klasse wandte.

Sanders Herzschlag schien sich ein wenig zu beschleunigen. Dann war sie also die Tante der Mädchen, was sie plötzlich noch reizvoller werden ließ. Begehrenswert. Seine Gedanken überschlugen sich. Ob sie Single war? Er hatte keinen Ehering an ihrem Finger gesehen und hoffte, sie hatte ihn einfach nur zum Backen abgenommen. Verzweifelt bemühte er sich, ihren Ausführungen zu folgen, während er mit dem klebrigen Teig hantierte. Obwohl er nie ein Lieblingsschüler von irgendeinem Lehrer gewesen war, wünschte er sich im Augenblick nichts sehnlicher, als Lisas zu sein. Was ihm ein wenig schwerfiel, bis zu den Ellenbogen im Teig versunken und mit einem Raum voller eifriger Bäcker. Auf keinen Fall wollte er verzweifelt wirken und rufen: „Schauen Sie mal? Ist das okay? Gehen Sie mit mir aus?“

Er presste die Lippen zusammen, um sicherzugehen, dass ihm nicht versehentlich eine dieser Fragen herausrutschte.

„So, und jetzt packt bitte alle euren Teig in einen der Plastikbeutel auf eurem Tisch. Ihr nehmt ihn mit nach Hause, lasst ihn gehen, flechtet ihn, lasst ihn wieder gehen, und dann backt ihr ihn. Ich gebe euch jetzt einen Teig, der bereits gegangen ist, damit wir zusammen das Flechten lernen können.“

Mit reizendem Hüftschwung ging sie zwischen den Teilnehmern umher, um den aufgegangenen Teig zu verteilen. Als sie Sanders Tisch erreichte, gab sie ihm lächelnd eine Schale. War dieses Lächeln nur für ihn allein? Wärmer und herzlicher als für die anderen Schüler? Als sich ihre Finger berührten, spürte Sander förmlich den Funken überspringen.

Er verlor gerade jegliche Beherrschung. „Danke“, stieß er heiser hervor. Hatte er sich das nur eingebildet, oder hatte sie den Funken eben auch gespürt?

Vor der versammelten Klasse demonstrierte sie, wie man den Teig in vier gleich große Stränge teilte. Obwohl Sander sich redlich bemühte und Lisas Anweisungen folgte, waren seine Teigstränge ungleichmäßig geformt und verschieden lang – und ließen sich nicht so einfach wieder zusammenbringen. Vielleicht schmeckte es ja besser, als es aussah. Was für ein Glück, dass er Architekt und kein Ranchhand war. Seine Vorzüge lagen im Planen und weniger im Ausführen – ganz im Gegensatz zu einigen seiner Cousins. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Wenn die ihn jetzt sehen könnten …

Stirnrunzelnd legte er die Teigrollen wieder vor sich auf den Tisch und versuchte sich daran zu erinnern, was Lisa vorhin erzählt hatte.

„Knoten Sie sie oben zusammen. Beginnen Sie mit dem linken Strang und schlagen Sie über, unter und über.“

Verwirrt sah er sie an, und ihre Anziehungskraft verschlug ihm die Sprache.

Aufmunternd nickte sie ihm zu. „Machen Sie, Sie schaffen das.“

„Ich fürchte, Sie haben mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten als ich“, erwiderte er und beobachtete, wie Lisa sich amüsiert auf die Lippen biss.

„Es ist nicht fair, seine Schüler auszulachen“, beschwerte er sich.

„Oh, ich lache ja nicht alle meine Schüler aus“, bemerkte sie. „Nur einen.“

„Eine tolle Art, Eindruck zu schinden“, meinte er scheinbar resigniert.

„Darüber würde ich mir an Ihrer Stelle keine allzu großen Sorgen machen“, meinte sie, und er glaubte, in ihren bernsteinfarbenen Augen einen Ausdruck von … Bewunderung zu sehen.

Sein Nacken wurde warm, und er spürte, wie er errötete. Hölle, das war ihm seit der Highschool nicht mehr passiert. Aufmerksam betrachtete er das unförmige Brot, das letztendlich unter seinen Fingern Gestalt angenommen hatte. Mit seinen Beulen und zusammengeknoteten Enden würde es keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Lisa hingegen raubte ihm mit ihrer Schönheit und warmen Ausstrahlung den Atem.

„Lassen Sie mich mal helfen“, sagte sie, stellte sich neben ihn und versuchte, den matschigen Klumpen in etwas zu verwandeln, das zumindest Ähnlichkeit mit einem Brot hatte. Ihr zarter Vanilleduft umhüllte ihn und machte Sanders nahezu willenlos. Leider war sie viel zu schnell fertig und trat einen Schritt zurück.

„Gar nicht mal so schlecht“, meinte sie. „Und es wird köstlich schmecken. Sie brauchen nur ein bisschen Praxis.“

Sie zwinkerte ihm kurz zu, bevor sie zu den anderen Schülern ging. Sander atmete tief aus und strich sich durchs Haar, das er länger als gewöhnlich trug, wie er stirnrunzelnd zur Kenntnis nahm. Plötzlich fragte er sich, was Lisa von ihm halten mochte.

Und dann fragte er sich, weswegen er sich das fragte.

Das musste an all den frisch verliebten Menschen in seiner Umgebung liegen – Roth, Priscilla, Harris und Kelsey. Wie so viele andere glückliche Liebende sehnten sie sich danach, alle anderen Menschen in ihrer Gegenwart an ihrem Glück teilhaben zu lassen. Nun, er fühlte sich viel zu erschöpft, um auch nur daran zu denken, und war eigentlich ganz zufrieden mit sich allein.

Doch jedes Mal, wenn er Lisas Stimme hörte, brachte sie etwas in ihm zum Schwingen. Jedes Mal, wenn er sie aus dem Augenwinkel wahrnahm, starrte er sie und nicht sein Brot an. Trotz des aromatischen Duftes des Gebäcks war Lisas Vanilleparfüm das Einzige, was er wahrnahm. Leise stöhnte er auf.

„Das klingt aber nicht gut“, meinte Lisa und kam zu ihm herüber. „Ich kann nicht zulassen, dass Sie meinen Unterricht unglücklich verlassen.“

Er blinzelte und bemerkte erst jetzt, dass alle anderen außer ihren Nichten den Unterrichtsraum verlassen hatten. „Dann gehen Sie mit mir aus.“ Die Einladung kam aus seinem Mund, ohne dass er darüber nachdachte, und überraschte ihn genauso sehr wie sie.

„Sie bitten mich also, aus Mitleid mit Ihnen auszugehen?“ Sie legte den Kopf schief und lächelte.

„Oh, das haben Sie falsch verstanden“, meinte er.

„Dann wollen Sie nicht mit mir ausgehen?“ Sie lachte lautlos und sah ihn amüsiert an.

Mit den Fingern strich er über den Rand seines Stetsons und rief sich innerlich zur Räson. Los, Sander.

„Lisa, würden Sie mir beim Dinner Gesellschaft leisten? Ich würde Sie gerne besser kennenlernen.“

Einen winzigen Moment zögerte sie, doch dann nickte sie. „Das würde ich sehr gerne.“

Erleichtert sah er sie an. „Keine Sorge, ich koche nicht“, versicherte er ihr und deutete auf das misslungene Challah. „Ich würde Sie lieber ins Captain’s einladen.“

„Das ist aber ziemlich kostspielig für ein erstes Date“, meinte sie. „Ich bin ja eher für etwas Bodenständiges. Pizza und Bier.“

Das Verlangen, einen guten Eindruck zu machen, ließ ihn nicht aus dem Griff. „Ich würde es aber gerne. Pizza und Bier gibt es dann beim nächsten Mal.“

Heiliger Strohsack, da hatten sie sich noch nicht einmal für das erste Date getroffen, und er plante bereits das zweite?

Prüfend sah sie ihn an, doch die Unsicherheit, die ihn im Unterricht noch befallen hatte, war völlig verschwunden. Es machte ihm nichts aus, im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit zu stehen, und während er ihr die Zeit gab, ihn anzusehen, fragte er sich, ob sie sein Angebot annehmen würde. Trotzdem verspürte er tief in sich eine unerklärliche Ruhe.

„Klingt perfekt“, sagte sie schließlich.

Jetzt lächelte auch er. „Morgen Abend? Um sieben?“

„Ich bin da.“

Und zum ersten Mal seit Langem freute sich Sander wirklich auf eine Verabredung.

2. KAPITEL

Lisas Hände zitterten leicht, als sie die letzten Materialien zusammenpackte, ihre Nichten zur Tür des Unterrichtsraums begleitete und mit ihnen das Zimmer verließ. Während Molly und Olivia sich angeregt darüber unterhielten, wie viel Spaß es ihnen gemacht hatte, Challah zu backen, musste Lisa immer wieder an einen ganz bestimmten Schüler denken.

Sander Fortune.

Der Mann war einfach der Hammer. Das blonde, etwas längere Haar, das darum zu betteln schien, dass Lisa es mit den Fingern durchkämmte – um es glattzustreichen oder in Unordnung zu bringen. Ihre Wangen wurden warm. Dieses Funkeln in seinen haselnussbraunen Augen, wenn er lächelte. Sie hatte ihn nur aufgezogen, um dieses Lächeln zu sehen. Obwohl er größer war als sie, fühlte sie sich nicht eingeschüchtert, sondern beschützt. Seine kräftigen Hände, völlig ungeeignet für die Zubereitung eines Challahs, waren gebräunt. Außerdem verströmte er einen frischen Duft wie nach Regen.

Leise lachte sie auf.

„Was ist denn, Tante Lisa?“, erkundigte sich Molly. „Unsere Challahs haben doch von allen am besten ausgesehen, oder?“

„Entschuldigt bitte, ich war mit den Gedanken gerade woanders. Ich bin schon gespannt, was eure Mom zu ihnen sagt.“ Am Wagen angekommen, half sie den Mädchen auf die Sitzerhöhungen, bevor sie sich ans Steuer setzte. Dabei ermahnte sie sich, wieder in der Realität anzukommen. Das hier war keine romantische Komödie und kein Liebesroman, das war das richtige Leben. Sie verliebte sich nicht auf den ersten Blick, gleichgültig, wie anziehend ein Mann auf sie wirkte. Trotzdem war ihr das gerade eben passiert. Ein prickelndes Lustgefühl hatte sie durchströmt, wann immer sie in Sanders Nähe gekommen war. In Gedanken war sie während des ganzen Unterrichts unentwegt bei ihm gewesen.

Außerdem verspürte sie nicht das Gefühl tiefer Zufriedenheit, das sie normalerweise nach dem Backen empfand. Einige meditierten, um diese innere Ruhe zu finden, Lisa buk. Nur heute war es ihr nicht gelungen, auf diese Weise herunterzukommen.

Zu Hause bei ihrer Schwester Sara angekommen, liefen die beiden Mädchen aufgeregt in die Küche, um ihre Brote zu backen. Auf dem Weg dorthin rief Molly ihrer Mutter noch zu: „Tante Lisa hat einen neuen Freund.“

„Hat sie das?“ Stirnrunzelnd betrachtete Sara ihre Schwester. „Wen denn?“

„Sander Fortune.“

„Du machst Witze“, meinte Sara überrascht. „Was hat er denn dort gewollt? Er ist doch kein Jude.“

„Na, und?“, entgegnete Lisa und zupfte nervös an den Manschetten ihrer Bluse herum. „Challah kann doch jeder backen und essen, Sara. Es ist keine Voraussetzung, jüdischen Glaubens zu sein.“ Allerdings fragte sie sich auch, weshalb Sander dort gewesen war – er schien nicht unbedingt ein talentierter Bäcker zu sein. Er hatte behauptet, seine Tochter habe ihn eingeschrieben. Die Frage war nur: warum?

„Natürlich nicht“, gestand Sara. „Und er ist ziemlich attraktiv.“

Verlegen sah Lisa zur Seite. „Nun, sein Anblick lässt bestimmt keinen Spiegel zerbrechen.“

Ihre Schwester lachte. „Was würde Grandma sagen? Er ist ein Punim, jemand, den man gerne ansieht.“

„Er hat mich zum Dinner eingeladen.“

Sara lächelte. „Und was hast du gesagt?“

„Ja. Wir wollen ins Captain’s. Kannst du dir das vorstellen? In diesen teuren Laden.“

Jeder in Emerald Ridge wusste, dass das Captain’s, das im Penthouse des Emerald-Ridge-Hotels lag, nicht nur einen fantastischen Rundblick, sondern auch hohe Preise hatte. Das Essen dort war exzellent und sein Geld wert, doch mit dem Gehalt einer Lehrerin konnte sich Lisa einen Besuch dort nicht leisten. Offensichtlich hatte Sander Fortune dieses Problem nicht.

„Perfekt für ein erstes Date“, meinte Sara lächelnd.

„Wieso sagst du das?“

„Weil man sich beim ersten Date beeindrucken möchte“, erwiderte ihre Schwester achselzuckend.

„Tja, das ist ihm schon mal gelungen. O Gott, was soll ich bloß anziehen?“

Glücklicherweise verfügte Sara über genügend Auswahl an Outfits in ihrem Kleiderschrank, und nachdem Lisa einige davon anprobiert hatte, entschied sie sich für ein blaues Wickelkleid, das mit silbernem Garn durchwirkt war. Bewundernd betrachtete sie sich im Spiegel. Der Wickelstyle betonte ihre weiblichen Formen, und der V-Ausschnitt zauberte ihr ein wunderschönes Dekolleté.

Lachend umarmte ihre Schwester sie. „Dieses Kleid sorgt garantiert dafür, dass Sander Fortune nicht die Finger von dir lassen kann. Nach allem, was du durchgemacht hast, hast du dir endlich ein bisschen Spaß verdient, Schwesterherz. Geh mit Sander aus, genieße das Dinner und zerbrich dir nicht den Kopf darüber, was danach sein könnte.“

Lisa schluckte. Spaß? Es war schon eine ganze Weile her, dass sie etwas nur zu ihrem Vergnügen getan hatte. Vielleicht hatte Sara recht. Sie warf noch einen Blick auf ihr Spiegelbild. Mit diesem Kleid war Spaß durchaus wahrscheinlich. Sie straffte die Schultern, holte tief Luft und sah zu Sara. „Okay.“

Keine Sorgen mehr. Es wurde Zeit, dass sie für den Moment lebte.

Am nächsten Morgen stand Sander in seiner Küche, trank einen Kaffee und aß eine Scheibe des selbst gebackenen Challahs mit Butter. Dabei telefonierte er mit seiner Tochter Kelsey und verabredete, dass sie später vorbeikommen sollte, um ihm auf der Suche nach dem geheimnisvollen Schlüssel zu helfen. Vergangenen Monat hatten sie im Bootshaus hinter einer festen Trennwand eine Geheimtür entdeckt, doch erst jetzt fand er die Zeit, nach dem passenden Schlüssel zu suchen. Sein Bruder Mark und dessen Frau Marlene hatten für ihre Kinder eine Art Familienschatz versteckt, den sie nach ihrer Rückkehr von den Kids suchen lassen wollten. Doch leider verunglückten sie tödlich auf ihrer Reise. Seitdem suchten die Fortunes immer wieder nach diesem Familienschatz, der, wie Sander sicher war, bestimmt hinter der Tür verborgen lag. Weshalb sonst sollte sie verschlossen sein?

Einige Stunden später ließ Kelsey sich selbst ins Haus. „Dad?“, rief sie von der Eingangstür aus.

Er ging ihr entgegen und küsste ihre Wange. Als Mark und seine Frau dieses Anwesen gebaut hatten, hatten sie davon geträumt, es zum Sommerdomizil für ihre Familie zu machen. Jedes Mal, wenn eines ihrer Kinder geboren wurde, ließen sie ein kleines Haus bauen, damit alle für immer einen Platz hier hatten. Wer hätte je gedacht, dass sie nicht lang genug leben würden, um die Früchte ihrer Arbeit zu genießen? Nach ihrem Tod waren Sander und Kelsey zu den verwaisten Geschwistern in das Haupthaus gezogen. Jetzt sah Sander sich im Foyer um und versuchte, es mit Marks Augen zu sehen.

Die breiten Natursteinplatten führten direkt ins Wohnzimmer, wo ein großer Kamin eine ganze Wand einnahm. Dank der offenen Bauweise schlossen sich Küche und Essbereich nahtlos an. Sander fand die Gestaltung perfekt für eine Familie und sie hatte es ihm und seiner Haushälterin Delia ermöglicht, die Rasselbande jederzeit im Blick zu behalten. Er vermisste die Frau, die im Laufe der Jahre weniger Haushälterin und immer mehr zur Freundin für ihn wurde.

„Wir sollten in deinem Büro beginnen“, schlug Kelsey vor, und während sie dort systematisch alles durchsahen, unterhielten sie sich und Sander erzählte seiner Tochter, dass er sich mit Lisa Bergen verabredet hatte.

„Wow!“, rief Kelsey begeistert. „Dann ist mein Plan also aufgegangen. Wie sieht sie denn aus?“

Wie sollte er seiner Tochter die überwältigend sinnlichen Attribute der Lehrerin schildern, wenn sie sich gerade so überschwänglich freute und vor seinen Augen wieder zu seinem kleinen Mädchen wurde? Wahrscheinlich war es besser, wenn er sich auf Lisas Charakter beschränkte.

„Sie ist warmherzig und witzig. Geduldig. Sie vergöttert ihre Nichten und backt fantastisches Challah.“

„Wohin geht ihr denn?“

„Captain’s.“

„Und weißt du, was sie beruflich macht?“

„Außer Backkurse zu geben? Ich weiß es nicht. Schätze, das muss ich sie heute Abend fragen.“ Er wusste tatsächlich nicht sehr viel über diese Frau, nur, welche Gefühle sie in ihm wachrief.

Nach einer ganzen Weile erfolglosen Suchens setzte er sich auf die Fersen und stand auf. „Hier ist nichts. Ist dir was aufgefallen?“

„Außer einem erschreckenden Defizit an Weihnachtsdekoration nichts.“

Er zuckte mit den Achseln. „Ich bin dieses Jahr einfach nicht in der Stimmung.“

„Inakzeptabel.“ Kelsey schüttelte den Kopf. „Ich trommle die Familie zusammen, und wir treffen uns hier zum Schmücken. Du bist derjenige, der darauf besteht, dass wir einmal im Monat zusammen essen. Nun, dieses Mal werden wir während des Essens eben das Haus schmücken.“

„Das ist nicht notwendig. Ich habe noch nicht einmal einen Baum …“

„Wir bringen einen mit“, unterbrach sie ihn.

„Und dann diese ganzen Kartons vom Dachboden holen …“ Allein der Gedanke daran ermüdete ihn bereits.

„Wir kümmern uns um alles, versprochen. Du musst uns nur den Raum zur Verfügung stellen.“ Sie breitete die Arme aus. „Und davon hast du mehr als genug. Außerdem würde Linc wollen, dass wir …“

Finster starrte er sie an, als sie die Linc-Karte ausspielte. Linc, der Sohn von Delia, der mit den anderen Fortunes wie mit eigenen Geschwistern aufgewachsen war, hatte Weihnachten geliebt. Sander gab nach. „Ich glaube, hier haben wir keinen Erfolg. Wir müssen wohl woanders weitersuchen, aber ich habe keine Ahnung, wo. Erst mal brauche ich eine Pause.“

Auch Kelsey erhob sich und kam zu ihm herüber. „Du musst dich jetzt für dein Date fertig machen“, sagte sie. „Und ich muss ein paar von meinen Sachen hier mit zu Trevors Haus nehmen.“

Er lachte, als er ihren prüfenden Blick bemerkte.

„Und versprich mir, dass du etwas Nettes für Lisa anziehst“, ergänzte Kelsey.

„Für was hältst du mich? Natürlich ziehe ich etwas Nettes an. Das ist nicht meine erste Verabredung, weißt du.“

In den letzten Jahren hatte er sich mit einigen Frauen getroffen und sich für alle angemessen gekleidet. Dass keines dieser Dates in eine feste Beziehung mündete, lag weniger an unpassender Kleidung als vielmehr an der Tatsache, dass keine Frau Stiefmutter von fünf – wenn auch fast erwachsenen – Kindern zu werden beabsichtigte. Oder sie wollten eigene Babys.

Doch das hatte er alles hinter sich. Er liebte seine große Familie und würde für sie sterben, wenn es nötig sein sollte. Doch er würde nicht noch einmal eigene Kinder in die Welt setzen. Er war völlig zufrieden damit, seine Tochter, Nichten und Neffen erwachsen werden und in Beziehungen glücklich werden zu sehen.

Und er? Wer wusste das schon? Ein Schauer der Erregung durchströmte seinen Körper, als er an die Verabredung mit Lisa dachte.

Und für den Moment genügte ihm das völlig.

„Mrs. Bergen, meine Mom hat gerade ein Baby bekommen!“

Lisa sah von ihrem Computer auf zu der Sechstklässlerin, die nach dem Ende der vierten Unterrichtsstunde zu ihr ans Pult gekommen war. Kurz verspürte sie einen Stich der Eifersucht, doch dann schob sie das Gefühl beiseite und lächelte das aufgeregte Mädchen an.

„Das ist toll, Morgan! Herzlichen Glückwunsch. Mädchen oder Junge?“

Morgan zeigte ihr ein Foto. „Ein Junge. Sein Name ist Aiden. Ist er nicht supersüß?“

Der Anblick des kleinen, verknautschten Gesichtchens unter der winzigen Babymütze stimmte Lisa traurig. „Er ist …“ Sie räusperte sich. „Er ist wunderschön.“

Sie reichte dem Mädchen die Fotografie zurück und sah zur Uhr über der Tür zum Klassenraum. „Ist deine Mom schon wieder zurück aus dem Krankenhaus?“

Morgan schüttelte den Kopf. „Morgen. Meine Großeltern wohnen so lange bei uns.“

Ihre quirlige Schülerin hatte einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Es ging sicher recht beengt bei ihnen zu Hause zu. „Wie schön, dass ihr Weihnachten schon mit dem Baby feiern könnt“, sagte Lisa. „Braucht ihr irgendwas?“

„Nein, vielen Dank. Die Freunde meiner Mom versorgen uns mit Essen, und meine Großeltern bleiben noch eine Woche, nachdem Mom wieder zu Hause ist. Ich kann es kaum erwarten“, gestand das Kind. „Allerdings fände ich noch cooler, wenn es ein Mädchen wäre.“

Lisa verkniff sich ein Lachen. „Er ist trotzdem einfach unglaublich süß, und du hast Glück, seine große Schwester zu sein. Bitte richte deiner Familie meine Glückwünsche aus. Und jetzt gehst du besser in deine nächste Stunde, bevor du noch einen Eintrag wegen Zuspätkommens erhältst.“

Nachdem Morgan gegangen war, atmete Lisa tief durch und dankte den Göttern des Stundenplans, dass sie die fünfte Stunde freihatte. Sie ging zum Fenster und sah auf den Schulhof, doch vor ihrem geistigen Auge sah sie immer noch Morgans kleinen Bruder. Sie schlang die Arme um sich. Würde sie auch jemals eine Mom sein dürfen?

Das war das Schlimmste daran, eine Lehrerin zu sein – zumindest für sie. Bei so vielen Schülern gab es immer irgendeine Mutter, die ein weiteres Kind erwartete. Erst letzte Woche bei der Elternsprechstunde hatten ihr drei Mütter erzählt, dass sie schwanger waren.

Doch dann beschloss sie, nicht länger Trübsal zu blasen, sondern lieber an das bevorstehende Date heute Abend zu denken. Was wohl danach kam?

Am Abend zog sie mit zitternden Händen das glitzernde blaue Kleid ihrer Schwester an. Was war bloß in sie gefahren, dass sie ausgerechnet mit Sander Fortune ausgehen wollte? Dabei traf sie sich eigentlich nie mit jemandem, der nicht irgendeine Verbindung zu jemandem hatte, den sie kannte. Einen völlig Fremden zu treffen, war nicht ihr Ding, und sie war immer ganz gut gefahren mit dieser Freund-von-Freunden-Sache. So hatte sie auch Jordan kennengelernt, und das war auch die Grundlage ihrer wenigen Verabredungen gewesen, die sie nach Jordans Tod gehabt hatte. Es war sicher und bequem und ermöglichte ihr stets einen guten Start für eine Unterhaltung, denn man konnte über gemeinsame Bekannte sprechen.

Doch ein Blick auf Sanders kräftige Hände, tief vergraben in dem klebrigen Challah-Teig, hatte genügt, sie all ihre Dating-Regeln vergessen zu lassen. Verdammt, sie hatte Schwierigkeiten gehabt, sich an das Rezept für das Challah zu erinnern, als er sie mit diesen haselnussbraunen Augen angesehen hatte. Sie hätte zu allem Ja gesagt, was er vorschlug. Glücklicherweise hatte er sie nur zum Dinner eingeladen.

In eines der teuersten Restaurants der Stadt. Immerhin war er ein Fortune – hatte sie da etwas anderes erwartet? McDonald’s? Sie ließ sich aufs Bett sinken. O Gott. Er war ein Fortune – hoffnungslos oberhalb ihrer Liga. Gleichgültig, was ihre Schwester darüber gesagt hatte, dass sie den Moment genießen sollte. Lisa war so weit aus ihrer Komfortzone heraus, dass sie sich schon fast in der Erdumlaufbahn befand. Schweißperlen benetzten ihre Stirn, und sie fächerte sich Luft zu. Wenn sie dieses Kleid mit Flecken ruinierte, würde sie nichts mehr anzuziehen haben.

Was war bloß in sie gefahren?

Und weshalb wurde ihr jedes Mal, wenn sie an Sander dachte, so heiß? Sie war nie die Frau gewesen, die auf Lust fokussiert war. Niemals. Anziehungskraft und Liebe entwickelten sich mit der Zeit, und sie war mehr an dem Charakter eines Mannes interessiert als an seinem Aussehen. Doch bei Sander war das anders gewesen. Sobald er sie angesehen hatte, war sie wie hypnotisiert gewesen, während sie ihn dabei beobachtete, wie er den Teig knetete. Nein, sie konnte das nicht tun! Sie sollte es nicht!

Sie musste absagen, einen Notfall vortäuschen, sich eine Ausrede einfallen lassen. Sie nickte. Ja. Absagen.

In diesem Moment klingelte zu ihrer großen Erleichterung ihr Telefon. Vielleicht sagte er als Erster ab.

Zu ihrer Enttäuschung sah sie, dass es sich bei dem Anrufer um ihre Mutter handelte.

„Hi, Mom.“

„Du klingst ja nicht sonderlich begeistert, mich zu hören, Lis. Hast du mit jemand anderem gerechnet?“

„Nicht wirklich.“

Ihre Mom lachte. „Also, ich wollte dir nur alles Gute für dein Date mit Sander wünschen. Sara hat es mir erzählt.“

„Danke, Mom, aber ich denke gerade, es ist vielleicht doch nicht so eine gute Idee …“

„Wieso denn nicht?“

„Weil ich überhaupt nichts über ihn weiß. Ich habe sozusagen die Einladung von einem Wildfremden angenommen.“

Ihre Mutter schnaubte. „Ich kannte seinen Bruder Mark und dessen Frau Marlene von ihren Sommerurlauben hier. Sehr nette Leute.“ Ihre Mutter machte eine kleine Pause. „So eine Schande. Sie sind bei einem Unfall ums Leben gekommen und haben vier Kinder hinterlassen. Sander hat sie alle bei sich aufgenommen und sie zusammen mit seiner kleinen Tochter aufgezogen.“

Lisas Herzschlag schien sich zu beschleunigen. „Fünf … Kinder? Was für eine Leistung.“ Mitleidig dachte sie daran, welchen Verlust sie alle zu verkraften gehabt hatten. Sie hatten etwas gemeinsam. Aufgeregt dachte sie nach. Sander war ein Familienmensch, und ohne dass sie etwas dagegen unternehmen konnte, musste sie daran denken, wie es wohl wäre, Kinder zu haben. Sie versuchte, ihre Aufregung zu zügeln.

„Der arme Mann.“

„Er hat gute Arbeit geleistet und sogar den Sohn seiner Haushälterin mit großgezogen. Sein Name war Linc Banning.“

„Warte mal, der Name kommt mir bekannt vor“, meinte Lisa.

„Tja, er wurde im Juli erschossen im Fluss gefunden.“

„Du liebe Güte, wie furchtbar!“ Gleichgültig, wie reich man war, niemand war vor Verlust geschützt. „Haben sie den Täter denn gefasst?“

„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte ihre Mom.

Lisa begann, ihren Schmuck anzulegen, und verharrte mitten in der Bewegung, einen Ohrring in einer Hand. „Noch nie habe ich mich zu einem Mann so hingezogen gefühlt“, gestand sie und senkte ihre Stimme. „Noch nicht einmal zu Jordan, und ich habe ihn bewundert. Ich fühle mich wegen meiner Zuneigung für Sander schuldig.“

„Schatz, Jordan würde das bestimmt nicht wollen. Jede Beziehung ist anders. Er hätte bestimmt gewollt, dass du weitermachst.“

„Ich weiß, aber es ist trotzdem schwierig. Ich hatte ja ein paar Verabredungen seit seinem Tod und fürchte, ich interessiere mich weniger für einen Ehemann als vielmehr für eigene Kinder. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle abbrechen. Das wäre Sander gegenüber nicht fair.“

„Lisa Bergen“, sagte ihre Mutter streng. „Du musst gehen. Wage es bloß nicht, einen feigen Rückzieher zu machen, ohne diesem Mann eine Chance zu geben. So habe ich dich beileibe nicht erzogen.“

Die offenen Worte ihrer Mom verfehlten ihre Wirkung nicht, und Lisa streckte die Schultern durch. „Du hast recht“, sagte sie leise. „Ich kann jetzt absagen.“ Sie betrachtete ihr Spiegelbild und fragte sich, was Sander denken mochte.

Ihre langen dunklen Locken hatte sie mit einer extrareichen Pflege behandelt, sodass sie in der feuchten texanischen Luft nicht wie ein Nest von ihrem Kopf abstanden, sondern in weichen Wellen über ihre Schultern fielen.

Dank der Tipps von ihrer Schwester hatte sie sich perfekte Smokey Eyes geschminkt und einen Hauch Lipgloss auf ihre natürlich rosafarbenen Lippen aufgetragen. Schlichte Diamantstecker in den Ohrläppchen, eine silberne Halskette und silberfarbene Slingpumps machten sie bereit für einen Abend in der Stadt. Sie wusste, dass sie für den Anlass perfekt gekleidet war.

Jetzt musste sie nur noch danach handeln.

Nachdem sie sich von ihrer Mutter verabschiedet hatte, nahm Lisa ihre Tasche und brach zum Restaurant auf. Sie ging schnell, denn trotz ihrer Vorbehalte konnte sie die kleinen Hoffnungsfunken nicht ignorieren, die immer größer wurden, je öfter sie an Sander dachte. Er war ein Familienmensch, wahnsinnig attraktiv und Single. Vielleicht waren ihre Träume von einem Kind oder mehreren gar nicht so unrealistisch, wie sie noch bis vor Kurzem gedacht hatte.

3. KAPITEL

Nachdem Lisa am Captain’s angekommen war, reichte sie dem Parkservice-Mitarbeiter die Autoschlüssel und betrat die prunkvolle Lobby des Emerald-Ridge-Hotels, die festlich weihnachtlich geschmückt war. Zu ihrer großen Überraschung und Freude entdeckte sie auch eine stilvolle elektrische Me-nora auf dem Empfangstresen. Gemütlich wirkende kleine Samtsofas waren auf dem Marmorfußboden um Tische aus Mahagoni aufgestellt.

Auch den Hotelgästen haftete ein exklusives Flair an. Die Männer trugen teure Anzüge und die Damen erlesenen Schmuck. Der Tourismus boomte in Emerald Ridge, und die gut betuchten Reisenden quartierten sich im Emerald-Ridge- Hotel ein. Lisa war erst ein oder zwei Mal für eine Brautparty hier gewesen und sah sich bewundernd um, während sie zu den Fahrstühlen ging, um in die oberste Etage des Gebäudes zu fahren.

Auch dort wurde sie von Gestalt gewordener Exklusivität und geschmackvoller Festdekoration begrüßt. Aus nicht sichtbaren Lautsprechern erklang Weihnachtsmusik, und ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem verlieh dem Fischrestaurant eine erlesene und gleichzeitig behagliche Atmosphäre. Lisa konnte es kaum erwarten, in der Speisekarte zu blättern.

Sie stellte sich an das große Panoramafenster, von dem aus man einen wundervollen Blick auf das nächtliche Emerald Ridge hatte. Aufregung stieg in ihr empor, als ihr bewusst wurde, dass sie gleich ein Date mit Sander Fortune haben würde, und sie konzentrierte sich auf den Panoramablick, um sich wieder zu beruhigen. Gerade, als sie sich umdrehen und nach ihm im Restaurant umsehen wollte, ertönte seine tiefe Stimme dicht neben ihr.

„Guten Abend.“

Sie wandte sich um und sog den Anblick, der sich ihr bot, förmlich in sich auf. Sander trug seinen schwarzen Stetson, ein weißes Hemd unter einer schwarzen Lederjacke, eine Bolo-Krawatte mit einem Moosachat und schwarze Jeans zu silberfarbenen Cowboystiefeln. Die Farbe des Achats betonte das Haselnussbraun von Sanders Augen. Er war frisch rasiert und hatte das blonde Haar hinter die Ohren gesteckt. Kurzum – er sah einfach umwerfend aus. Lisa schluckte.

„Hallo“, erwiderte sie etwas atemlos und fühlte sich, als wäre sie soeben einen Marathon gelaufen.

Bewundernd musterte er sie, und ihr wurde noch heißer. Es war lange her, dass sie in dem Blick eines Mannes derart unverhohlenes Gefallen gesehen hatte, und sie dankte im Stillen ihrer Schwester für das Kleid.

„Ich hoffe, dass Sie nicht schon lange warten“, sagte er.

„Nein, ich bin gerade angekommen und habe die Aussicht bewundert.“

„Ich auch“, erwiderte er, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Sie spürte, wie ihre Wangen warm wurden.

Dann streckte er eine Hand aus, und seine Finger schlossen sich um ihre, als er sie durch das Restaurant führte. Sein Handgriff war warm und fest, und Lisa fühlte sich trotz ihrer üppigen Kurven plötzlich zierlich neben ihm. Dieses Gefühl gefiel ihr.

Kurz darauf wies ihnen der Maître den Weg zu dem erlesen eingedeckten Tisch für zwei vor dem deckenhohen Panoramafenster. Mit vollendeter Höflichkeit zog Sander einen der Stühle hervor, damit Lisa sich setzen konnte, bevor er selbst Platz nahm. Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein Kellner neben ihnen, schenkte ihnen Wasser ein, während ihnen ein anderer die in Leder gebundenen Speisekarten reichte. Wenige Momente später waren Sander und Lisa wieder alleine.

„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass wir uns direkt hier getroffen haben und ich Sie nicht abgeholt habe“, sagte Sander. „Meine Tochter sagt, dass es beim ersten Date schlauer ist, der Frau eine Fluchtmöglichkeit zu lassen.“

Lisa lachte. „Ihre Tochter hat recht.“ Sie stockte kurz. „Obwohl ich nicht denke, dass ich eine nötig habe.“

„Ich versuche, mich von meiner besten Seite zu zeigen.“

Er zwinkerte ihr zu, eine Woge des Verlangens brandete durch ihren Körper. Sie liebte diesen erfrischenden Sinn für Humor.

„Können Sie sich denn überhaupt schlecht benehmen?“

Er beugte sich zu ihr herüber und stützte die muskulösen Unterarme auf dem Tisch ab. „Kommt ganz darauf an, wen Sie fragen. Meine Familie würde Ihnen vermutlich so viele Geschichten auftischen, dass Sie Ihre Entscheidung überdenken würden, warum Sie sich heute Abend mit mir treffen sollten.“

Sie nickte. „Ich bin jedenfalls noch nie im Captain’s gewesen“, sagte sie und sah sich im Restaurant um, bis Sanders Lachen sie wieder zu ihm blicken ließ.

„Ach, du Schreck“, stieß sie verlegen hervor. „Damit wollte ich natürlich nicht andeuten, dass ich deswegen einverstanden war, mit Ihnen essen zu gehen.“

Nachdem er sich beruhigt hatte, griff er über den Tisch nach ihrer Hand, um sie sacht zu drücken. „Dann sagen Sie mir doch, warum Sie einverstanden waren.“

Sie hätte ihm eine Million Gründe nennen können, und jeder von ihnen würde sie auf sicherem Abstand zu Sander halten, doch Lisa entschied sich stattdessen für die Wahrheit. Gleichgültig, ob sich zwischen ihnen eine romantische Beziehung oder eine ehrliche Freundschaft entwickelte, sollte Aufrichtigkeit die Grundlage dafür sein. „Sie sind witzig, und nur wenige Menschen haben mich in der letzten Zeit zum Lachen bringen können.“

„Ich verstehe“, erwiderte er. „Ich mag Frauen mit Sinn für Humor. Der hat mir schon oft durch dunkle Zeiten geholfen.“

„Meine Mom hat erwähnt, dass Sie alleinerziehend waren. Da hat Lachen bestimmt oft geholfen.“

Er lächelte. „Sehr oft sogar. Seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr habe ich Kinder aufgezogen. Meine Tochter ist gerade in ihr eigenes Zuhause zusammen mit ihrem Verlobten und seinen Drillingen gezogen, sodass ich endlich das leere Nest genießen kann.“

Wie immer bei der Erwähnung von kleinen Kindern verspürte Lisa einen sehnsuchtsvollen Schmerz, doch bevor sie Sander über die Drillinge befragen konnte, kehrte der Kellner an den Tisch zurück, um ihre Bestellungen aufzunehmen.

Sander half ihr bei der Auswahl und nahm ihr die Scheu, die die hohen Preise der Gerichte in ihr weckten. Letztendlich entschied sie sich für schwarzen Seehecht mit Reis und Spargel und dafür, sich die Vorspeise mit Sander zu teilen. Zufrieden schloss sie die Karte wieder und beschloss, an diesem Abend das Essen in vollen Zügen zu genießen.

Fasziniert beobachtete sie das Leuchten in Sanders Augen, wenn er sprach, und die kleinen Lachfältchen um die Augenpartie. Ihr wurde warm. Sie liebte es, wenn ein Mann oft lachte und man ihm das ansah. Das wirkte distinguiert und höllisch sexy zugleich.

„Sie haben also mit einundzwanzig begonnen, Kinder zu erziehen?“, erkundigte sie sich. „Das muss ganz schön herausfordernd gewesen sein.“

„Ja, das war es auch“, erwiderte er lächelnd. „Ganz und gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber eine zutiefst bereichernde Erfahrung. Das Schönste, was ich je getan habe.“

Erfreut stellte sie fest, dass ihr Instinkt sie nicht getäuscht hatte. Er war wirklich ein Familienmensch … Und ein glücklicher noch dazu. „Darf ich fragen, was passiert ist?“

Er beugte sich vor und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab. Durch diese Bewegung wurden seine breiten Schultern unter dem weißen Hemd noch mehr betont, und Lisa seufzte leise.

„Kelseys Mom und ich waren auf dem College ein Paar“, erklärte er und sein Blick wurde wehmütig. „Sie war einfach hinreißend. Kelsey erinnert mich sehr an sie, sie hat die roten Haare und die grünen Augen von ihrer Mom geerbt.“

Lisa ließ ihm Zeit, als er mit den Gedanken kurz in die Vergangenheit zu schweifen schien. Auch sie erinnerte sich immer noch gerne an ihre glückliche Zeit mit Jordan – ungeachtet dessen, wie traurig und jäh diese geendet hatte. Doch das Glück von damals war ihr stets ein Licht in der Dunkelheit gewesen.

Sander räusperte sich. „Wir waren nicht vorsichtig genug, und Lani wurde schwanger. Als sie es mir sagte, wusste ich nicht, ob ich schon bereit dafür sein würde, ein Dad zu sein. Doch als ich das Baby dann zum ersten Mal beim Frauenarzt auf dem Ultraschallmonitor gesehen habe, war es um mich geschehen.“

Mit schmerzhafter Wehmut dachte Lisa an den Moment zurück, in dem sie das Gleiche erlebt hatte. An die Freude und die Ehrfurcht, als ihr klar geworden war, dass ihr Traum sich erfüllt hatte. Nie zuvor hatte sie einen solchen Ausdruck tiefer Ehrfurcht in Jordans Gesicht gesehen – noch nicht einmal an ihrem Hochzeitstag.

„Rückblickend“, meinte Sander kopfschüttelnd, „habe ich mich vermutlich weit mehr als Lani auf das Kind gefreut. Aber damals hatte ich es auf ihre Hormone geschoben. Ich habe die Zeichen nicht beachtet.“

„Was für Zeichen?“

„Sie war schon immer ein Freigeist gewesen, und nach Kelseys Geburt hat sie sich mit Händen und Füßen gegen die Fesseln der Mutterschaft gewehrt – bis sie uns schließlich verlassen hat.“ Er sah einen Moment zur Seite.

„Zugegeben – ein Teil von mir war erleichtert, als sie fort war, weil ich so tun konnte, was ich für das Beste für meine Tochter hielt. Doch natürlich hätte ich mir auch gewünscht, dass sie blieb. Kelsey hätte eine Mutter verdient, die ihretwegen geblieben wäre.“ Er seufzte.

„Das stimmt“, pflichtete sie ihm bei, von Mitgefühl erfasst. Sie konnte nicht verstehen, wie man einfach so seine Familie verließ. „Aber zumindest hatte sie Sie, und ich glaube, Sie waren ein toller Vater.“

Dankbar lächelnd sah er sie an. „Wie auch immer – einen Monat nach Kelseys Geburt starb Lani bei einem Autounfall, und ich wurde offiziell alleinerziehend.“

Entsetzt sah Lisa ihn an. „Oh, das ist ja furchtbar!“ Sie trank einen Schluck Wasser. „Nur gut, dass Kelsey Sie hatte.“

„Danke.“ Sander nickte. „Mit Hilfe meiner Familie konnte ich das College beenden, doch dann starben mein Bruder und seine Frau, und ich bekam das Sorgerecht für ihre vier Kinder.“

Anstatt vor dieser riesigen Verantwortung zu kapitulieren, hatte Sander sich ihr gestellt. Lisas Hochachtung vor diesem Mann wuchs. „Ich kann nicht glauben, dass Sie all das alleine geschafft haben.“

„Was blieb mir denn übrig? Sollte ich sie ignorieren?“ Er strich über den Rand seines Wasserglases. „Natürlich nicht. Also habe ich sie aufgenommen und eine Haushälterin angestellt, die ebenfalls einen Sohn hatte.“ Er lachte. „Wir waren eine große, glückliche Familie.“

„Das kann ich mir vorstellen“, meinte Lisa. „Und wo sind alle heute? Sie haben bestimmt großartige Familientreffen.“

„Mein Bruder und seine Frau haben bei der Geburt jedes Kindes ein Haus auf dem Grundstück bauen lassen, sodass alle ein Zuhause hier haben. Allerdings wohnen sie dort nicht in Vollzeit.“ Plötzlich wirkte er traurig. „Und Linc, der Sohn meiner Haushälterin, ist vor ein paar Monaten getötet worden.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, ich wüsste, wie es dazu kommen konnte.“

„Ich habe davon gehört“, erklärte Lisa leise und empfand tiefes Mitleid mit Sander. „Es tut mir sehr leid.“

„Genug von mir“, sagte er unvermittelt. „Erzählen Sie doch von sich.“

„Ich bin verwitwet, unterrichte an der Mittelschule und liebe das Kochen.“

Er lächelte. „Ich weiß. Und Sie sind eine gute Köchin.“

„Danke.“

„Mein Beileid wegen Ihres Mannes. Ich weiß, wie hart es ist, jemanden zu verlieren.“

Sie spürte, dass er meinte, was er sagte – und dass er sie wirklich verstand. „Das stimmt. Mithilfe meiner Familie und meiner Freunde habe ich es schließlich geschafft, mit der Situation fertigzuwerden.“

„Ja, dafür braucht es wirklich Zeit“, sagte er nachdenklich. „Aber Mittelschule? Wow. Darum beneide ich Sie nicht. Diese ganzen Hormone würden mich verrückt machen – und haben mich auch verrückt gemacht.“

Sie lachte. „Ich liebe Kinder, aber wie Sie sagen – in diesem Alter können sie eine echte Herausforderung sein.“

„Und welches Fach unterrichten Sie?“

„Englisch. Zurzeit nehmen wir gerade Shakespeare durch.“

In gespieltem Horror wich er zurück, lächelte dann jedoch, und sie wusste, dass er sie necken wollte „O Gott, ich habe Shakespeare gehasst.“

Sie stand auf und tat so, als wolle sie gehen, setzte sich jedoch lachend wieder, als sie seinen entsetzten Blick bemerkte. „Sie würden ihn lieben, wenn Sie bei mir Unterricht hätten.“

Sander sah ihr in die Augen, und sein Blick verdunkelte sich, sodass das Haselnussbraun die Farbe von geschmolzenem Gold hatte. Lisa spürte, wie sie vor Erregung schneller zu atmen begann.

„Darauf wette ich“, sagte er heiser, und seine tie...

Autor

Brenda Jackson

Brenda ist eine eingefleischte Romantikerin, die vor 30 Jahren ihre Sandkastenliebe geheiratet hat und immer noch stolz den Ring trägt, den ihr Freund ihr ansteckte, als sie 15 Jahre alt war. Weil sie sehr früh begann, an die Kraft von Liebe und Romantik zu glauben, verwendet sie ihre ganze Energie...

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