Bianca Exklusiv Band 401

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TÜR AN TÜR MIT DEM GLÜCK von ROCHELLE ALERS

Natalia lässt die Großstadt und ihren übergriffigen Ex hinter sich, um im beschaulichen Wickham Falls neu anzufangen. Das Letzte, was sie da braucht, ist gleich die nächste Beziehung! Allerdings ist ihr Nachbar Seth einfach unwiderstehlich. Kann ein einziger Kuss ein Fehler sein?

EINE AFFÄRE IST NIE GENUG von BRENDA NOVAK

Eine unverbindliche Affäre – mehr will Elijah nicht von seiner hübschen Kollegin Cora. Denn Liebe bedeutet für ihn nichts als Schmerz! Bis er ungeahnte Sehnsucht spürt, sobald er Cora in seine Arme zieht. Doch kaum vertraut er ihr sein Herz an, fürchtet er, dass sie ihn belügt …

DIE AKTE DADDY von MEG MAXWELL

Georgias Herz klopft wie verrückt: Sie muss Nick sagen, dass sie ein Baby erwartet! Vier Monate ist ihre zärtliche Liebesnacht jetzt her – mit süßen Folgen. Wie wird er reagieren? Doch als Georgia ihn sieht, trifft sie fast der Schlag: Nick hat bereits ein Baby auf dem Arm …


  • Erscheinungstag 23.05.2026
  • Bandnummer 401
  • ISBN / Artikelnummer 0852260401
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Rochelle Alers, Brenda Novak, Meg Maxwell

BIANCA EXKLUSIV BAND 401

Rochelle Alers

1. KAPITEL

Klopf! Klopf! Klopf!

Natalia Hawkins öffnete die Augen und starrte an die Decke ihres Schlafzimmers. Das stakkatoartige Hämmern hatte sie aus ihrem wohlverdienten Schlaf gerissen. Warum hatte sie auch ausgerechnet in ein Haus ziehen müssen, in dessen Baum im Garten ein Specht wohnte?

Klopf! Klopf! Klopf! Klopf!

Nun fing das schon wieder an! Natalia setzte sich im Bett auf und schlug die Decke zurück. Als ihre nackten Füße den Boden berührten, wusste sie, dass ihre Nacht vorbei war. Als frühere Ärztin in der Notaufnahme eines unterbesetzten Krankenhauses in der Innenstadt von Philadelphia war sie daran gewöhnt, mit wenig Schlaf auszukommen.

Sie hatte gehofft, in Wickham Falls, einer abgelegenen Kleinstadt in den Appalachen mit weniger als fünftausend Einwohnern, nicht mehr von lautem Hupen, Sirenen oder ihrem Pager geweckt zu werden. Nun war sie also dem Großstadtlärm entkommen, nur, um in der Einöde von einem nervigen Vogel geweckt zu werden.

Natalia zog die Vorhänge auf, ließ die Morgensonne herein und blickte sich im Zimmer um. An den Wänden standen unausgepackte Umzugskartons mit Bettwäsche, Kleidung und Schuhen – genau wie im Nebenzimmer, der Küche, dem Bad, dem Wohn- und dem Esszimmer. Vor gerade mal sechs Wochen hatte sie die Entscheidung getroffen, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und Kleinstadtärztin zu werden – etwas, was sie sich immer gewünscht hatte, sogar schon während ihres Medizinstudiums. Und nun war sie seit drei Tagen hier, in ihrem neuen Leben.

Sie schlüpfte in die plüschigen gelben SpongeBob-Pantoffeln, die sie von ihrer achtjährigen Nichte zu Weihnachten bekommen hatte, und ging ins Bad. Der Bungalow war zwar größer als das Apartment in dem luxuriösen Hochhaus, in dem sie in Philadelphia gewohnt hatte, doch es fehlte ihm die spektakuläre Aussicht. Das war ihr allerdings egal gewesen, denn im Gegensatz zu ihrem Apartment war der Bungalow ein sicheres Zuhause.

Beim Zähneputzen betrachtete sie sich in dem ovalen Spiegel. Sie sah eigentlich nicht anders aus als direkt nach dem Studium, doch sie war nicht mehr dieselbe wie damals. Ärztin war noch immer ihr Traumberuf, doch ihr Privatleben war eher ein Albtraum gewesen, seit sie sich in einen Mann verliebt hatte, der sie ohne Unterlass kritisiert und schikaniert hatte. Aus der gemeinsamen Wohnung war Daryl irgendwann ohne Vorwarnung ausgezogen und hatte ihren Verlobungsring und den Hund, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, mitgenommen.

Den Verlust des Rings und des Verlobten konnte sie locker verschmerzen. Die Beziehung hatte ihren Status schon lange nicht mehr verdient; sie hatten sich ständig gestritten und seit Ewigkeiten keinen Sex mehr gehabt. Doch Oreo fehlte ihr furchtbar. Der Zwergpudel mit dunkelbraun-weißem Fell war ihr in ihrer Einsamkeit ein großer Trost gewesen.

Natalia hatte nach Daryls Abgang sofort das Schloss austauschen lassen, und schon am ersten Morgen, an dem sie allein aufwachte, hatte sie sich wie neugeboren gefühlt. Sie musste nicht mehr jedes Wort auf die Goldwaage legen und ständig Angst haben, Daryl irgendwie zu verärgern. Von da war es nur ein kleiner Schritt gewesen, ihr Leben grundlegend zu ändern.

Natalia ging ins Schlafzimmer zurück und machte das Bett. Normalerweise hätte sie sich jetzt einen Kaffee gekocht, aber sie hatte die Kaffeemaschine noch nicht ausgepackt. Auf ihrer To-do-Liste standen heute ein Frühstück in der Stadt und ein Besuch im Baumarkt, um Farbe und Malerzubehör zu kaufen, um die Küche zu streichen. Danach wollte sie Lebensmittel besorgen und sich den Rest des Tages dem Auspacken widmen, damit ihr neues Zuhause endlich wohnlich wurde.

Vor sich hin summend schüttelte sie ihr Kopfkissen auf und öffnete dann das Fenster, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Draußen hämmerte es immer noch, doch dann hörte sie eine Reihe von herzhaften Flüchen. Das klang gar nicht nach einem Specht. Neugierig blickte sie hinaus und sah im Nachbarvorgarten einen Mann, der seine Hand umklammert hielt und munter weiterfluchte, wenn auch jetzt leiser.

Instinktiv eilte Natalie zur Haustür, um nachzuschauen, ob der Mann ernsthaft verletzt war. Es vergingen keine dreißig Sekunden, bis sie vor ihm stand und in hellbraune Augen blickte – auch, wenn sie dafür den Kopf in den Nacken legen musste. Mit seinen eins achtzig überragte er sie um gute fünfzehn Zentimeter, und sein weißes T-Shirt spannte sich über einer muskulösen Brust und breiten Schultern.

„Zeigen Sie mir bitte Ihre Hand“, sagte sie unbeeindruckt.

Seth Collier starrte die Frau an, die anscheinend aus dem Nichts aufgetaucht war. Der Schmerz in seinem linken Daumen steigerte sich zu einem intensiven Pochen im Takt seines Herzschlags.

„Wer sind Sie?“, fragte er.

„Ich bin Ärztin, und offenbar haben Sie sich an der Hand verletzt.“

„Was Sie nicht sagen“, murmelte Seth. Er hatte beim Versuch, den letzten Nagel in den Pfosten für sein Vogelhäuschen zu hämmern, seinen Daumen getroffen, und es tat so weh, dass er fürchtete, er wäre gebrochen.

Sein Blick wanderte von seiner Hand zu der zierlichen Frau mit dem kurz geschnittenen krausen Haar und dem makellosen dunklen Teint und dann unwillkürlich zu ihren festen Brüsten, die in dem blumenbedruckten Trägerhemdchen, das sie zu ihren roten Pyjamahosen trug, äußerst vorteilhaft zur Geltung kamen. Hastig schaute er woandershin, bevor sie ihn dabei ertappte, wie unverschämt er sie anstarrte.

„Soll ich mir Ihre Hand nun anschauen oder nicht?“, fragte sie. „Möglicherweise ist was gebrochen.“

Seth streckte die Hand aus und biss sich auf die Unterlippe – der Schmerz wurde immer unerträglicher. Es war das allererste Mal, dass er sich mit einem Hammer verletzt hatte – sein Vater war Handwerker gewesen und hatte ihm den sicheren Umgang mit weitaus gefährlicheren Werkzeugen beigebracht. Doch heute war er einfach unaufmerksam und abgelenkt gewesen. Er war im Morgengrauen aus Savannah zurückgekehrt, wo er eine Woche mit seiner Mutter und seinen Schwestern verbracht hatte, und hatte sofort den weißen SUV zur Kenntnis genommen, der nebenan parkte. Sein Nachbar war im Ausland, und das Haus stand seit einem Jahr leer; Seth hatte sich bereit erklärt, einen Blick darauf zu haben. Dass offenbar jemand eingezogen war, überraschte ihn, zumal es in Wickham Falls nicht viele Dinge gab, von denen er als Deputy Sheriff nicht wusste.

Als Zweites war ihm aufgefallen, dass sein Vogelhäuschen schon wieder auf dem Boden lag. Seth wusste, dass die beiden Jungs aus dem Haus hinter seinem lieber die Abkürzung über sein Grundstück nahmen, als um den Block zu laufen, und dabei ständig das Vogelhäuschen umstießen. Bis jetzt hatte er noch nicht mit ihren Großeltern gesprochen, bei denen sie wohnten, während die Eltern in einer turbulenten Scheidung steckten, aber jetzt musste er wohl eine ernsthafte Warnung ins Auge fassen.

„Tut das weh?“

„Nein“, sagte er, da die Ärztin seine Finger abtastete und nicht seinen Daumen. Zum Glück war er Rechtshänder, sonst hätte er in zwei Tagen nicht wie geplant wieder bei der Arbeit antreten können.

„Versuchen Sie mal, die Finger zu bewegen“, sagte sie leise, und er gehorchte. „Zum Glück ist nichts gebrochen“, fuhr sie fort. „Aber Sie haben den Daumen ziemlich hart getroffen, er wird also anschwellen. Ich werde ihn mit einem Spray behandeln, das den Schmerz dämpft, und Sie sollten ihn heute so oft wie möglich kühlen. Bleiben Sie hier, ich komme gleich mit dem Spray wieder.“

Trotz seines schmerzenden Daumens konnte Seth den Blick nicht abwenden von ihren sanft schwingenden Hüften in der sexy Pyjamahose, als sie ins Nachbarhaus eilte. Er ging zu dem weißen SUV und betrachtete den Parkaufkleber vom Philadelphia Zentralkrankenhaus – offenbar war sie also wirklich Ärztin. Unwillkürlich musste er lächeln. In diesem Moment war es sehr praktisch, eine Medizinerin als Nachbarin zu haben – sonst hätte er darauf warten müssen, dass Dr. Franklin seine Praxis aufmachte, oder die zehn Kilometer ins County-Krankenhaus einhändig fahren müssen.

Die hübsche Ärztin tauchte wieder auf – jetzt trug sie ein übergroßes T-Shirt mit dem verwaschenen Logo der Universität von Pennsylvania. Also hat sie auf einer Elite-Uni studiert, dachte Seth beeindruckt. Hoffentlich hatte sie nicht bemerkt, wie er auf ihre Brüste starrte – sie sollte nicht denken, dass neben ihr ein Perverser wohnte.

Vorsichtig griff sie nach seiner Hand und besprühte den Daumen mit einer eiskalten Flüssigkeit, die wundersamerweise den Schmerz abklingen ließ.

„Vergessen Sie aber nicht, ihn zu kühlen.“

Seth bewegte den Daumen und lächelte. „Was schulde ich Ihnen?“

„Nichts, es sei denn, Sie wecken mich noch einmal vor sieben am Morgen mit nervtötendem Hämmern.“

Seth setzte eine zerknirschte Miene auf. „Das tut mir leid. Die Kinder von der Woodfield Road sind über meinen Zaun gesprungen und haben dabei das Vogelhäuschen umgestoßen. Ich wollte das schnell reparieren.“

„Das hätte vielleicht auch Zeit bis später am Tag gehabt“, sagte sie leise, drehte sich um und ging davon.

„Wie heißen Sie, Miss?“, rief er ihr nach.

Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um. „Dr. Hawkins.“

„Vielen Dank, Dr. Hawkins.“

Als sie darauf nicht reagierte und ins Haus zurückging, murmelte er leise: „Gern geschehen.“

Normalerweise dauerte es ewig, bis in Wickham Falls mal etwas passierte, aber offenbar musste er nur mal eine Woche wegfahren, um eine neue Nachbarin zu bekommen. Ob die neue Ärztin Dr. Franklins Praxis übernehmen würde? Oder arbeitete sie im County-Krankenhaus?

Er griff nach dem Vogelhäuschen und lehnte es an die Hauswand. Vielleicht sollte er erst mit den Großeltern der beiden Racker sprechen und seinen Daumen schonen. Außerdem sollte er ihn ja kühlen. Seth legte den Hammer in die Garage zurück und ging ins Haus, um den Anweisungen seiner Ärztin zu folgen.

Natalia parkte ihren SUV vor dem Eisenwarenladen, dem örtlichen Äquivalent zu einem Baumarkt. In der Innenstadt von Wickham Falls schien die Zeit stehen geblieben zu sein. In der Hauptstraße waren neben vielen Einzelhandelsgeschäften eine Bank, ein kleiner Supermarkt, die Post, die Feuerwehr und die Amtsgebäude mit Rathaus, Gericht, Sheriffbüro und Gefängnis. Dr. Franklins Arztpraxis befand sich in einem einstöckigen Gebäude zwischen einer Rechtsanwaltskanzlei und einem Friseur.

Schon bei ihrem ersten Besuch in der Stadt, als sie zu ihrem Vorstellungsgespräch mit Dr. Franklin angereist war, war ihr aufgefallen, dass es in Wickham Falls keine Starbucks-Filialen, Modeketten oder Fast Food-Restaurants gab. Die Aussicht, meilenweit von Sushibars oder einem anständigen Einkaufszentrum entfernt zu sein, hatte sie kurz daran zweifeln lassen, ob sie wirklich fürs Kleinstadtleben geeignet war. Erst eine ausgedehnte Rundfahrt mit einer Maklerin hatte ihr die Augen für den verschlafenen Charme des Städtchens geöffnet. Statt Staus und Verkehrsgetümmel gab es hier nur zwei Ampeln, und selbst in der Innenstadt war es angenehm ruhig.

Die Maklerin hatte ihr zwei Häuser gezeigt, die zum Verkauf standen, doch Natalia war noch nicht bereit, sich derart festzulegen. Sie hatte nach einem Mietobjekt gefragt, das sie vielleicht in einem Jahr kaufen könnte, und kaum hatte sie das renovierte, möblierte Häuschen mit den weißen Wänden und der perfekt ausgestatteten Küche betreten, wusste sie, dass es genau das Richtige für sie war. Der Besitzer unterrichtete momentan mehrere Semester an einer japanischen Universität und würde erst in zwölf Monaten zurückkommen – bis dahin würde Natalia wissen, ob sie in Wickham Falls bleiben wollte oder nicht.

Es war kurz nach neun, und in der Hauptstraße erwachte das Leben: Die Ladenbesitzer fegten gemütlich die Bürgersteige vor ihren Türen. Natalie würde ein bisschen brauchen, bis sie sich an diesen langsameren Lebensstil gewöhnt hatte. Sie hatte zwanzig Kilometer zu einem Restaurant an der Schnellstraße fahren müssen, um zu frühstücken, weil Ruthie’s, der örtliche Diner, erst um elf öffnete.

Sie betrat Grand Hardware und begegnete einem Mann, der wie der Weihnachtsmann aussah, wenn er auch nicht so gekleidet war.

„Guten Morgen, Ma’am. Was kann ich heute für Sie tun?“

Natalia erwiderte sein freundliches Lächeln. „Ich brauche zehn Liter Latex-Farbe, mehrere Pinsel und Farbroller mit ausziehbaren Stielen, Abdeckfolie und Klebeband“, sagte sie.

„Welche Farbe möchten Sie denn?“

Die Küche war schneeweiß und für ihren Geschmack damit viel zu steril. „Hätten Sie ein paar Farbmuster?“

In nur fünf Minuten hatte sie sich für eine Farbe entschieden, die „Hafennebel“ hieß, ein helles Blau-Grau, das gut zu den Schränken aus gekalkter Fichte passen würde.

„Überdeckt die Farbe auch Flecken?“, fragte sie.

„Ich mische eine Grundierung mit rein, dann müssen Sie nur einmal streichen“, erwiderte der freundliche Verkäufer.

Vierzig Minuten später hatte Natalia alles, was sie brauchte, um die Küche zu streichen, packte die Sachen in den Kofferraum und fuhr die Straße hinunter zum Supermarkt. Die reiche Auswahl an frischem Fleisch und Geflügel war ebenso beeindruckend wie die große Obst- und Gemüseabteilung. Es war Ewigkeiten her, dass Natalias Arbeitszeiten es ihr erlaubt hatten, sich zu Hause frisch etwas zu kochen – meist hatte sie in der Cafeteria des Krankenhauses gegessen und nur wenig Abwechslung gehabt.

Als sie nach Hause zurückfuhr, war die Hauptgeschäftsstraße schon viel belebter. Während in Philadelphia an diesem ersten Mai noch winterliche Temperaturen herrschten, war hier schon der Frühling da. Das milde Wetter sorgte dafür, dass die Bäume in voller Blüte standen, die Blumenrabatten ihre ganze Farbenpracht entfalteten und die Vögel um die Wette sangen.

Ich denke, es wird mir hier gefallen, dachte sie, als sie den Wagen vor ihrem Haus abstellte. Beim Aussteigen sah sie ihren Nachbarn auf seiner Verandatreppe sitzen.

„Wie geht es dem Daumen?“, rief sie hinüber.

Er stand auf und lehnte sich über das Geländer. „Er ist noch geschwollen, also kühle ich ihn, wie Sie gesagt haben.“

Natalia lächelte. „Sehr gut.“

„Brauchen Sie Hilfe beim Ausladen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“

„Ich glaube, doch“, widersprach er, als sie die ersten Tüten auf den Boden stellte.

„Das geht schon, wirklich.“

Er ignorierte ihren Protest, kam heran und stellte sich neben sie.

„Ich schlage vor, Sie schließen die Tür auf, und ich trage alles rein.“

Natalia legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den Mann mit den ebenmäßigen Gesichtszügen und den großen, goldbraunen Augen. Der leichte Bartschatten auf seinem kantigen Kinn betonte seine Männlichkeit noch.

Sie hatte in ihrer Karriere mehr nackte Männer gesehen, als sie zählen konnte, doch etwas am Aussehen ihres Nachbarn ließ sie an die Perfektion des menschlichen Körpers denken. Womöglich lag es auch an diesem weißen T-Shirt, unter dem sich nicht ein Gramm Fett, sondern nur beeindruckende Muskeln abzeichneten.

„Ist schon gut, Mr. …?“

„Collier“, sagte er. „Ich bin Seth Collier. Und Sie sind …? Als meine neue Nachbarin muss ich Sie vielleicht nicht mit Dr. Hawkins ansprechen.“

„Ich bin Natalia. Aber ich schaffe das mit den Einkäufen wirklich allein. Schließlich will ich nicht, dass Ihr Daumen sich wieder verschlimmert.“

Seth lächelte und ließ dabei ebenmäßige, weiße Zähne sehen. „Aber dann könnten Sie sich wieder um mich kümmern.“

„Dann müsste ich Ihnen aber eine Rechnung schicken“, erwiderte sie mit ebenso freundlichem Lächeln.

„Das geht in Ordnung, ich bin versichert. Und jetzt schließen Sie bitte die Tür auf, damit ich Ihnen die Einkäufe reintragen kann.“ Er deutete auf eine der Tüten. „Sie müssen die frischen Sachen in den Kühlschrank packen, bevor sie schlecht werden.“

„Na schön.“

Sie ging zur Haustür und schloss sie auf, und Seth folgte ihr mit vier Tüten, die er im Wohnzimmer auf den Boden stellte, bevor er wieder hinausging.

„Was soll denn gestrichen werden?“, fragte er, als er mit den Farbeimern zurückkehrte.

„Die Küche.“

Seth verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wer wird das machen?“

„Na, ich natürlich.“ Natalia griff nach der Tasche mit den Milchprodukten und ging in die Küche.

„Das ist aber ein größeres Unterfangen.“

Sie lächelte ihm über die Schulter zu. „Ich weiß. Ich denke, ich werde ein paar Tage brauchen, bis ich fertig bin. Aber immerhin musste ich keine Leiter kaufen. Im Abstellraum stand eine.“

„Sie würden schneller fertig werden, wenn ich Ihnen helfe.“

Nachdenklich blickte Natalia ihn an. Sie fand ihn weder abstoßend noch bedrohlich, aber sie war es nicht gewohnt, dass Fremde ihr bei der zweiten Begegnung ihre Hilfe anboten.

„Haben Sie nichts anderes zu tun, Mr. Collier?“

„Seth, bitte, und ja, ich bin schon berufstätig. Aber im Moment habe ich Urlaub, also versuche ich, ein guter Nachbar zu sein – auch als Gegenleistung für Ihre Hilfe mit meinem Daumen. Wenn Sie nicht gewesen wären, hätte ich entweder den Vormittag in der Notaufnahme verbracht oder mich vor Schmerzen gewunden, bis Dr. Franklin seine Praxis aufgemacht hätte. Sie sind neu hier, und Sie sollten wissen, dass es hier üblich ist, seinen Nachbarn zur Hand zu gehen.“

Sie nickte. „Stimmt, ich bin neu hier, und es wird eine Weile dauern, bis ich mich an die Gepflogenheiten einer Kleinstadt gewöhnt habe. Und wenn ich Ihre Hilfe beim Streichen annehme, wie revanchiere ich mich dann?“

Seth lächelte charmant. „Mit einem selbst gekochten Essen.“

Unwillkürlich musste Natalia lachen. „Sie wollen, dass ich für Sie koche?“

Als er nickte, fügte sie hinzu: „Sie wissen ja nicht mal, ob ich etwas Genießbares zustande bringe.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Sie haben all diese frischen Sachen doch nicht gekauft, weil sie im Kühlschrank hübsch aussehen. Wenn Sie nicht kochen könnten, hätten Sie Fertigmahlzeiten besorgt.“

„Und was ist mit Ihrer Freundin oder Frau? Kocht die nicht für Sie?“

„Nein, und ich habe weder eine Freundin noch eine Frau. Ich selbst bin durchschnittlich begabt am Herd, und wenn ich mir nicht selbst was koche, gehe ich zu Ruthie’s oder in den Wolfsbau. An Ruthie’s müssten Sie auf dem Weg zum Supermarkt vorbeigekommen sein. Und der Wolfsbau ist eine Sportbar auf dem Weg nach Mineral Springs.“

Natalia hatte damit angefangen, die Milchprodukte in den Kühlschrank zu räumen, und zerbrach sich dabei den Kopf darüber, warum ein gut aussehender Mann wie Seth nicht verheiratet oder zumindest vergeben war.

„Was machen Sie denn beruflich, wenn Sie nicht gerade Urlaub haben?“

„Ich bin Deputy.“

Überrascht blinzelte sie „Sie sind stellvertretender Polizeidirektor?“

„Nein, ich bin der Deputy Sheriff von Wickham Falls. Und was führt Sie in unsere hübsche Stadt?“

„Ich werde als Assistentin von Dr. Franklin arbeiten.“

Anerkennend pfiff Seth durch die Zähne. „Das wurde aber auch mal Zeit, dass der alte Herr sich Hilfe holt. Man muss stundenlang warten, bis man bei ihm drankommt, und das ist mit Termin. Ohne …“

„Er ist eben sehr gründlich“, verteidigte Natalia ihren neuen Chef.

„Gründlich und ziemlich langsam“, erwiderte Seth. „Wann wollten Sie mit dem Streichen anfangen?“

„Heute.“

„Wenn wir uns die Arbeit gut aufteilen, werden wir heute bestimmt fertig.“

Natalia wollte einwerfen, dass sie auch noch Kartons auspacken musste, aber das wäre ihr undankbar erschienen. „Wenn wir heute den ganzen Nachmittag streichen, kann ich danach aber nicht mehr für Sie kochen.“

„Das macht nichts. Heute nehme ich Sie in den Wolfsbau mit, und dann können Sie morgen für mich kochen.“

Natalia traute ihren Ohren kaum. Der Mann redete, als wäre es völlig selbstverständlich, dass er sie zum Essen ausführte. Hoffentlich dachte er nicht auch noch, es wäre ein Date, denn sie war im Augenblick nicht an Männern interessiert. Nicht einmal an so attraktiven wie diesem Mr. Collier.

„Auf das selbst gekochte Essen haben Sie es ja wirklich abgesehen.“

„Na ja, es ist eine Weile her, dass ich bekocht wurde.“

„Und deshalb bieten Sie sich in Ihrer Freizeit als Malergeselle an?“

Seth lachte laut. „Nicht grundsätzlich. Aber mein Dad war der hiesige Allroundhandwerker.“

Als Natalia den Mund öffnete, hob er die linke Hand. „Sagen Sie es nicht“, warnte er sie leise.

„Was soll ich nicht sagen?“, fragte sie und versuchte, dabei ernst zu bleiben.

„Sie wollen mich darauf hinweisen, dass ich statt eines Nagels meinen Daumen getroffen haben.“

„Das war ein Unfall“, gab sie zurück. „Geben Sie mir zwanzig Minuten, die restlichen Einkäufe zu verstauen und mich umzuziehen, dann können wir anfangen. Ich lasse die Haustür offen.“

Ihre Blicke trafen sich, und Natalia starrte ihren neuen Nachbarn wie gebannt an, bevor sie den Kopf senkte. Ihr Gesicht fühlte sich heiß an, und sie war froh, dass ihr dunkler Teint ihr Rotwerden verbarg. Außerdem hoffte sie inständig, dass es Seth nicht aufgefallen war, dass sie sich wie ein verknallter Teenager aufführte.

Seth salutierte gekonnt. „Dann bis gleich.“

Als er die Küche verlassen hatte, atmete sie hörbar auf. Sie war nach Wickham Falls gezogen, um Kleinstadtärztin zu werden, nicht, um sich von ihrem sexy Nachbarn den Kopf verdrehen zu lassen.

2. KAPITEL

So ganz genau wusste Seth nicht, warum er Natalia angeboten hatte, ihr zu helfen, die Küche zu streichen – jedenfalls nicht nur deshalb, weil sie seine Hand behandelt hatte. Und es stimmte ja auch, dass Nachbarschaftshilfe in Wickham Falls selbstverständlich war.

Er hatte hier gelebt, bis er achtzehn war, und dann ebenfalls achtzehn Jahre lang als Marinesoldat gedient. Jetzt war er achtunddreißig und entschlossen, den Rest seines Lebens hier zu verbringen.

Deshalb hatte er seit seiner ehrenhaften Entlassung aus der Marine auch fast seine gesamte Freizeit damit verbracht, sein Elternhaus von Grund auf zu renovieren. Er hatte den Keller ausgebaut und die Küche modernisiert, das Dach neu decken lassen und die Außenverkleidung erneuert.

Diese Dinge machten ihm Spaß, schließlich hatte er von klein auf seinem Vater auf Baustellen geholfen. Seth wusste, dass sein Vater es damals gern gesehen hätte, wenn er die Baufirma übernommen hätte. Doch er hatte zum Glück auch Verständnis dafür gehabt, dass Seth seinem Land dienen wollte.

Seth ging in den Keller und holte sein Malerwerkzeug. In seinem Daumen begann es wieder zu pochen, was ihn daran erinnerte, dass er ihn ja kühlen sollte, und er holte ein Kühlpad aus dem Eisschrank und drückte es auf seine Hand. Hoffentlich würde die Schwellung zurückgehen, bevor er wieder zum Dienst antreten musste. Die Verletzung zu erklären wäre doch zu peinlich.

Als das Pochen nachließ, schlüpfte er in seine Malersachen und setzte sich eine alte Baseballkappe auf. Dank seines Vaters fühlte er sich in Arbeitskleidung genauso wohl wie in Uniform.

Natalia hatte den Rest ihrer Einkäufe verstaut und sich umgezogen. Ein weißes XXL-T-Shirt und alte Shorts sowie Flipflops schienen ihr geeignet für die Malaktion. Die kurzen Haare schützte sie mit einem im Nacken gebundenen Kopftuch. Ihre Frisur war völlig unkompliziert, was ihren Doppel- oder Dreifachschichten im Krankenhaus geschuldet war. Oft hatte sie nach einer kurzen Dusche im Bereitschaftsraum geschlafen und war nach höchstens vier Stunden wieder auf den Beinen gewesen. Sie freute sich wirklich auf die Arbeit bei Dr. Franklin, wo sie nicht nur ihre Patienten besser kennenlernen, sondern auch endlich mal wieder ausschlafen könnte.

Als sie in die Küche kam, sah sie Seth auf einer Leiter stehen. Er war dabei, den Fensterrahmen mit Klebeband abzukleben, und hatte auch bereits überall Malervlies ausgebreitet, um die Einrichtung zu schützen. Aus dem Radio erklang Soft Jazz.

„Ich habe Sie gar nicht reinkommen hören“, sagte sie.

Seth blickte sich zu ihr um. „Das sollte Ihnen eine Warnung sein. Lassen Sie nicht offen, wenn Sie allein zu Hause sind. Heutzutage sollte man die Haustür immer abschließen.“

„Oh, und ich dachte, dass es in Wickham Falls keine Verbrechen gibt.“

„Nicht so viele wie in Großstädten, das stimmt“, gab er zu und stieg von der Leiter. „Allerdings haben wir ein anderes Problem.“

„Die Opioid-Krise“, sagte sie.

„Dr. Franklin hat Ihnen davon erzählt?“

Natalia schüttelte den Kopf. „Das war gar nicht nötig. Der Schmerzmittelmissbrauch zieht sich durch alle Regionen und Schichten der USA. Selbst die sogenannten Gutverdiener sind betroffen.“

„Sie sagen es“, murmelte Seth. Er öffnete einen der Farbeimer und füllte die beiden Farbwannen. „Ich habe auch noch einen Farbroller mitgebracht“, sagte er. „Dann sind wir schneller fertig.“

„Was meinen Sie, wie lange werden wir brauchen?“

„Zwei bis drei Stunden.“

„Ich verstehe gar nicht, warum die Küche so schlimm aussieht. Alle anderen Räume wirken wie frisch gestrichen.“

Diese Tatsache sowie die gute Ausstattung mit Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner hatten sie dazu bewogen, das Haus zu mieten. Sie hatte die Maklerin gefragt, warum es fast ein Jahr lang leer gestanden hatte, und die hatte gesagt, dass bisher allen Interessenten die Miete zu hoch gewesen war. Natalia dagegen sparte gegenüber ihrer früheren Kreditrate für ihr Apartment einiges.

„Ich denke, das liegt an Chandlers Neffen“, sagte Seth.

„Ich dachte, mein Vermieter lebte allein hier.“

„Das stimmt, aber seine Schwester hat ihn öfter mal gebeten, auf ihre Zwillinge aufzupassen, und dann brach hier das reinste Chaos aus. Chandler und seine Schwester wurden ziemlich streng erzogen, und deshalb ließ er seinen Neffen ziemlich viel durchgehen. Zumindest in der Küche, wie es scheint.“

Natalia hätte gern noch mehr über ihren Vermieter erfahren, in dessen Haus sie ein Jahr lang wohnen würde, aber sie wollte auch mit dem Streichen fertig werden. Also griff sie nach dem Farbroller und machte sich an die Arbeit.

Zwei Stunden später waren sie fertig. Die blaugraue Farbe passte perfekt zu den Edelstahloberflächen. „Das war gute Arbeit, Seth“, bemerkte sie.

Wenn er lächelte, erschienen um seine Augen feine Fältchen. „Ebenso“, gab er zurück. „Ich wette, Sie haben das nicht zum ersten Mal gemacht.“

Natalia nickte. „Als ich dreizehn wurde, habe ich meine Mutter gefragt, ob ich mein Zimmer neu streichen darf, und sie meinte, solange es nicht schwarz wäre, hätte sie nichts dagegen. Im ersten Jahr wurde es leuchtend rosa, dann fliederfarben. Als ich dann am Krankenhaus anfing und meine eigene Wohnung hatte, fragte meine Mutter, ob sie den Raum für sich nutzen können, und strich ihn beige. Ich finde Beige viel zu langweilig, aber sie ist da eher konservativ.“

„Was ja nichts Schlimmes ist.“

Natalia blicke ihn überrascht an. „Sie sind auch konservativ?“

„Ich würde sagen, ich bin durchschnittlich traditionalistisch.“

„Ist das eine Umschreibung für altmodisch?“

„Na ja, vielleicht nicht altmodisch, aber verlässlich. Ich halte mich an die Gesetze und befolge Regeln ohne Wenn und Aber.“

„Wenn Sie mich also wegen zu schnellen Fahrens anhalten würden, könnte ich mich nicht rausreden, selbst, wenn es ein medizinischer Notfall wäre?“

„Das wäre eine Ausnahme, und dann würde ich Sie mit Blaulicht zum Patienten begleiten.“

Offenbar war Seth niemand, der öfter mal fünf gerade sein ließ. War das der Grund, warum er nicht verheiratet oder liiert war – weil er so festgefahrene Ansichten hatte?

„Na, hoffen wir, dass es nicht allzu viele Notfälle geben wird“, sagte sie leise.

„Werden Sie die Praxis abwechselnd mit Dr. Franklin führen?“

„Am Anfang nicht. Wir wollen erst einmal ein paar Monate gleichzeitig in der Praxis sein und dann die Öffnungszeiten verlängern. Apropos, kann ich mir Ihren Daumen noch mal anschauen?“

„Dem geht’s gut.“

„Wenn dem so wäre, würden Sie ihn nicht massieren.“

Wie ertappt ließ Seth seine linke Hand los. Tatsächlich hatte er ganz unbewusst daran geknetet. Zwar war die Schwellung zurückgegangen, doch jetzt schien der Daumen steif zu sein.

„Ich habe ihn ziemlich hart erwischt, es dauert wahrscheinlich ein paar Tage, bis ich nichts mehr davon merke.“

Natalia griff nach seiner Hand. „Soll ich ihn noch mal einsprühen?“

Hastig zog er die Hand weg. „Nein! Ich werde zu Hause noch mal Eis drauftun.“

„Danach können Sie eine warme Kompresse machen, das wird die Steifheit abklingen lassen.“

„Mache ich. Lassen Sie mich hier noch aufräumen, und dann …“

„Das mache ich“, unterbrach sie ihn. „Sie haben wirklich schon genug getan. Ich mache hier sauber, und ich bezahle heute Abend für das Essen.“

Seth schüttelte den Kopf. „Auf gar keinen Fall. Mich hat noch nie eine Frau eingeladen, wenn ich mit ihr essen war.“

„Aber das ist kein Date, Seth.“

„Das spielt doch gar keine Rolle. Jedenfalls werden Sie nicht für mein Essen bezahlen.“

„Können wir die Rechnung dann wenigstens teilen?“

Er wollte sich nicht streiten – das hatte er in der Vergangenheit viel zu oft getan, wenn es um Frauen ging. Also zwang er sich zu einem Lächeln. „Es ist fast drei. Ich würde Sie gern um sechs abholen – oder ist das zu früh?“

„Nein, das geht.“

„Dann bis später.“

Damit verließ er die Küche. Er hatte seine neue Nachbarin erst vor zwölf Stunden kennengelernt, aber etwas an ihr ließ ihn nicht los. Was hatte es mit dieser Frau auf sich, die einen teuren Geländewagen mit Vollausstattung fuhr und sich in der hintersten Ecke von Pennsylvania ein Haus mietete? Natürlich hätte er schnell mehr über sie herausfinden können, indem er ihre Nummernschilder durch die Datenbank laufen ließ, aber das war ohne begründeten Verdacht nicht nur illegal, sondern auch übertrieben. Er hoffte, dass sie sich beim Essen von selbst ein wenig mehr öffnen und ihm die Frage beantworten würde, warum sie ausgerechnet nach Wickham Falls gezogen war.

Natalia betrachtete sich kritisch im Spiegel über dem Waschbecken. Es war eine Weile her, dass sie sich das letzte Mal so richtig geschminkt hatte. Im Krankenhaus hatten Tagescreme und Lipgloss gereicht, doch offenbar war sie mit Lidschatten, Wimperntusche und Lippenstift nicht aus der Übung gekommen. Ihr gefiel, wie sie aussah. Das letzte Mal hatte sie sich für eine Silvesterparty so zurechtgemacht, die einer der Seniorpartner der Anwaltskanzlei ihres Ex gegeben hatte.

Es war ein schöner Abend gewesen, bis Daryl ihr vorgeworfen hatte, sie würde mit einem seiner Kollegen flirten. Bei dem furchtbaren Streit auf der Rückfahrt hatte sie ihm geschworen, nie wieder mit ihm auf eine Party zu gehen, bis er sich bei ihr für seine ungerechtfertigten Vorwürfe entschuldigt hatte. Sie hatte wochenlang vergeblich darauf gewartet, und da war ihr klar geworden, dass diese Beziehung keine Zukunft hatte. Bevor sie jedoch dazu kam, mit ihm Schluss zu machen, war er selbst ausgezogen – mit ihrem Ring und ihrem Hund.

Und jetzt machte sie sich hübsch, um mit ihrem Nachbarn auszugehen. Allerdings war das für sie kein klassisches Date – auch, wenn sie zugeben musste, dass sie Seth Collier äußerst attraktiv fand. Aber selbst das reichte nicht aus, um in ihm irgendetwas anderes als den netten Nachbarn zu sehen.

Zum Schluss fuhr sie sich mit den Fingern durch die kurzen Haare, um ihnen mehr Volumen zu geben. Durch den Umzug und den Verkauf ihres Apartments an ihre Schwester und ihren Schwager hatte sie so viel um die Ohren gehabt, dass sie es nicht mehr geschafft hatte, in Philadelphia zu ihrem Lieblingsfriseur zu gehen. Jetzt konnte sie sich überlegen, ob sie ihre Haare wachsen lassen wollte oder sich hier einen Friseur suchte.

Um Punkt sechs klingelte es – offenbar war Seth nicht nur hilfsbereit, sondern auch pünktlich. Als sie die Haustür aufschloss und öffnete, starrte er sie allerdings an wie einen Geist. Er selbst trug eine schwarze Hose und ein weißes Hemd darüber, dazu schwarze Schuhe. Die Bartstoppeln vom Nachmittag waren verschwunden – es überraschte Natalia, dass sie das ein wenig schade fand. Eigentlich stand sie nicht auf Dreitagebärte, aber an Seth hatte es gut ausgesehen.

„Kommen Sie doch rein, ich muss nur noch meine Jacke und meine Handtasche holen.“

„Kein Problem, ich warte einfach hier.“

Seth hoffte, dass die Wartezeit ausreichen würde, um sich von seiner Überraschung zu erholen. Natalia sah völlig anders aus als am Nachmittag. Nicht nur, dass sie eine enge schwarze Stretchhose und hochhackige Stiefeletten trug, was bei ihrer Figur schon reichte, um einen Mann um den Verstand zu bringen – sie hatte sich auch vom ungeschminkten Mädchen von nebenan in eine umwerfende Verführerin mit Smokey Eyes und himbeerfarbenen Lippen verwandelt. Am liebsten hätte er sie sofort geküsst, um zu spüren, ob sie sich auch so gut anfühlten, wie sie aussahen. Es war eine Weile her, dass er mit einer Frau geschlafen hatte, aber das erklärte noch nicht, warum er dermaßen stark auf Natalia reagierte. Als sie die Tür aufgemacht hatte, war ihm tatsächlich die Luft weggeblieben.

Als sie zurückkam, trug sie über der schwarz-weiß gestreiften Seidenbluse einen weich fallenden Kurzmantel mit Schößchen. Es war ganz offensichtlich, dass sie aus der Großstadt kam. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie sich an den entspannteren Kleidungsstil hier gewöhnte? Die meisten Einwohner von Wickham Falls liefen in Jeans herum und trugen dazu Stiefel oder Turnschuhe.

„Sie sehen sehr hübsch aus“, bemerkte Seth, als sie die Haustür abschloss. Ein Hauch ihres teuren Parfums stieg ihm in die Nase.

Natalia blickte bescheiden zu Boden. „Danke.“

Er umfasste ihren Ellenbogen und führte sie die Einfahrt hinunter zu seinem Wagen, wo er die Beifahrertür öffnete und wartete, bis Natalia eingestiegen war und sich angeschnallt hatte, bevor er sie schloss und selbst einstieg. Es war eine willkommene Gelegenheit, seinen Dodge Charger, einen schnittigen Sportwagen, zu fahren. Meistens war er mit dem Pick-up-Truck seines verstorbenen Vaters unterwegs, der dank dessen Pflege im Bestzustand war, obwohl er über hunderttausend Kilometer auf dem Buckel hatte. Sein Vater hatte seinen Truck geliebt, deshalb gab sich Seth Mühe, ihn ebenso in Schuss zu halten, wie er es getan hatte.

„Wie weit ist der Wolfsbau von hier?“, fragte Natalia, als sie an den geschlossenen Schranken des Bahnübergangs halten mussten.

„Am Stadtrand zwischen Wickham Falls und Mineral Springs.“

„Warum ist er nicht in der Innenstadt wie die anderen Geschäfte?“

„Die Gibson-Brüder hatten sich während der Prohibition weit ab vom Schuss niedergelassen, um schwarz Schnaps zu brennen, und sie hatten großen Zulauf. Nach der Prohibition erließen einige Stadträte das Gesetz, dass in der Innenstadt kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, und so wurde der Wolfsbau dort, wo er war, zum beliebten Anlaufpunkt. Außerdem haben sie das beste Barbecue im ganzen County.“

„Und was ist mit Ruthie’s?“

„Dort gibt es ein All-you-can-eat-Buffet, weshalb es am Wochenende immer sehr voll ist. Vor allem nach der Kirche ist es ein Anlaufpunkt für Familien.“

Natalia runzelte die Stirn. „Soll das heißen, dass niemand mehr Sonntagsessen selber kocht?“

„In manchen Familien ist es wohl so.“

„Unglaublich. Als ich klein war, gab es jeden Sonntag ein großes Familientreffen, immer reihum bei einer anderen meiner vielen Tanten. Meine beiden Großmütter hatten einen Wettstreit, wer den besten Nachtisch zaubern konnte, aber meistens ging es unentschieden aus.“

Seth lachte. „Oh ja, die Rezepte der Großmütter werden hier auch sehr in Ehren gehalten, das werden Sie spätestens beim Backwettbewerb am Vierten Juli sehen. An den Feiertagen ist immer die ganze Stadt auf den Beinen. Demnächst gibt es den Umzug und das Picknick zum Memorial Day.“

„Ja, davon hat mir Mr. Grand im Eisenwarenladen schon erzählt“, erwiderte Natalia lächelnd. „Er konnte gar nicht wieder aufhören. Gibt es noch andere Tage, die hier groß gefeiert werden?“

„Der Vierte Juli, wie gesagt, da haben wir Kirmes, Spiele und eben den Backwettbewerb. Am Labor Day geben die meisten hier eine Grillparty mit Freunden und Familie, aber Halloween ist wieder ein Großereignis. Nach Sonnenuntergang zünden wir riesige Feuer an, und die Leute wechseln sich ab beim Vorlesen von Gruselgeschichten. Dann kommen unser Herbstfest, Thanksgiving und natürlich Weihnachten. Es ziehen viele junge Leute von hier weg, weil die Arbeitslosigkeit hoch ist und es wenige Perspektiven gibt. Aber an Weihnachten kommen dann viele nach Hause, das macht es zu etwas Besonderem.“

„Das hat bestimmt Spaß gemacht, hier aufzuwachsen, bei so vielen Stadtfesten.“

„Ja, stimmt, und ich genieße es immer noch. Die Erwachsenen haben hier genauso viel Spaß wie die Kinder.“

„Kommen auch Leute, die weggezogen sind, dauerhaft zurück?“

Seth legte einen Arm über ihre Rückenlehne und seufzte. „Leider nicht viele. Die einzige Arbeit, die es hier früher gab, war in den Minen, und seit die geschlossen wurden, entscheiden sich viele junge Leute für den Militärdienst und suchen danach anderswo ihr Glück.“

„War Ihr Vater auch ein Minenarbeiter?“

„Nein, als er aus dem Vietnamkrieg zurückkam, machte er sich als Handwerker selbstständig. Er konnte so gut wie alles reparieren. Aber mein Großvater und Urgroßvater haben noch in den Minen gearbeitet. Es war ein Segen und ein Fluch zugleich. Zwar war die Bezahlung gut genug, dass sie ihre Familien versorgen konnten, aber es gab auch viele Unfälle und Grubenunglücke. In fast jeder Stadt hier werden Sie Gedenksteine für Unfallopfer der Minen finden.“

„Und warum sind Sie zurückgekommen?“, fragte Natalia.

„Ich wollte ursprünglich beim Militär bleiben, aber als mein Vater starb, wollte ich meiner Mutter zur Seite stehen und bat um meine Entlassung. Nach vier Monaten fragte mich der örtliche Sheriff, ob ich nicht sein Deputy werden wollte; ich hatte Erfahrung aus der Militärpolizei. Ich sagte Ja, und kurz darauf beschloss meine Mutter, näher zu meinen Schwestern zu ziehen, die in Savannah wohnen. Also habe ich meinen Pensionsfonds flüssig gemacht und ihr das Haus abgekauft.“

„Einer der wenigen, die zurückkehrten, um zu bleiben.“

Endlich war der Güterzug vorbeigerauscht, und Seth ließ den Wagen wieder an. „Das hatte ich eigentlich erst im Alter vor, aber manchmal kommen die Dinge anders, als man denkt.“

„Wem sagen Sie das …“, murmelte Natalia.

„Und wie lange wollen Sie hierbleiben, bevor Sie nach Philadelphia zurückkehren?“, fragte Seth. Endlich eine Gelegenheit, mehr über seine hübsche Nachbarin zu erfahren, ohne zu aufdringlich zu wirken.

„Das weiß ich erst nächsten April“, erwiderte sie.

„Was ist denn nächsten April?“

„Da entscheide ich, ob ich als vollwertige Partnerin in Dr. Franklins Praxis einsteigen will.“

„Und wenn nicht?“

„Dann muss ich mir eine andere Kleinstadt suchen. Von der Arbeit im Krankenhaus mit dem ständigen Personalmangel, immer kleineren Budgets und endloser Bürokratie habe ich jedenfalls mehr als genug. Es war immer mein Traum, in einer Kleinstadt eine Praxis zu haben. Hier kann ich die nötige Erfahrung dafür sammeln.“

„Dann hoffen wir mal, dass es Ihnen hier gefällt“, sagte Seth. „Diese Stadt braucht Sie.“

3. KAPITEL

Seth legte die Hand auf Natalias unteren Rücken, als sie in den Wolfsbau gingen, und spürte, wie sie kurz erstarrte, bevor sie sich entspannte. Als er ihr gesagt hatte, dass die Stadt sie brauche, hatte er auch sich selbst gemeint. Er wollte sie nicht als Geliebte, sondern als Freundin – es war Jahre her, dass er weibliche Freunde gehabt hatte.

Die Gespräche an der Bar verstummten, als die anderen Gäste ihn und Natalia sahen. Die Stammgäste kannten ihn hauptsächlich in Uniform – dass er Zivilkleidung trug oder von einer Frau begleitet wurde, kam selten vor. Er nickte denen zu, die er kannte, und begrüßte sie. Sein Wiedereintritt ins zivile Leben war ihm leichtgefallen, weil er auch in seinen Urlauben immer nach Wickham Falls zurückgekehrt war. Er mochte diese Stadt einfach. Auch, als seine Mutter weggezogen war, war er lieber geblieben, als sich wieder beim Militär anstellen zu lassen.

„Hey, Seth, wo hast du denn gesteckt?“, rief der Bartender.

Einer der Stammgäste hob seinen Krug. „Wir haben schon gedacht, du wärst wieder in Afghanistan.“

Lächelnd begrüßte Seth den älteren Mann mit einem leichten Schlag auf die Schulter. „Das nennt man Urlaub, Jesse.“

„Na, so ein Glück. Ach übrigens, wer ist denn deine hübsche Freundin?“

Erst als er Natalias fragenden Blick auffing, wurde Seth klar, dass es Gerede geben würde, wenn man sie mit ihm sah.

Er beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte: „Möchten Sie sich vorstellen?“

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ganz Wickham Falls sie kannte, das war Natalia klar – allerdings nicht als Seth’ Freundin, sondern als Dr. Franklins Assistentin.

„Ich bin Natalia Hawkins, und Seth und ich sind nur Nachbarn“, erklärte sie lächelnd.

„Wenn das so ist – ich wäre noch frei, falls Sie Single sind“, rief ein Mann mit Vollglatze, rotem Vollbart und tätowierten Oberarmen.

Natalia stimmte in das Lachen der anderen Gäste ein. „Ich bin gerade erst einen Mann losgeworden, also suche ich wirklich keinen neuen“, sagte sie wahrheitsgemäß.

Seth legte ihr einen Arm um die Taille. „Suchen wir uns einen Platz, bevor Sie noch jemand vom Fleck weg heiratet.“

„Bekommen Frauen, die hierherkommen, immer Heiratsanträge?“, fragte sie.

Er wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und nahm dann ihr gegenüber Platz. „Nicht, dass ich wüsste. Ich bin froh, dass Sie Spaß verstehen, denn die Jungs sind wirklich harmlos.“

Lächelnd senkte sie den Blick. „Ich war nicht beleidigt. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass sie alle sofort aufgehört hätten, wenn wir gesagt hätten, dass wir ein Paar sind.“

„Ja, aber nun, da sie wissen, dass es nicht so ist, wird sich die Neuigkeit, dass Sie noch frei sind, wie ein Lauffeuer verbreiten.“

Sie blickte ihn an. „Das spielt keine Rolle, denn ich bin derzeit nicht an einer Beziehung interessiert.“

„Stimmt das, was Sie vorhin gesagt haben, dass Sie gerade Ihrem Freund den Laufpass gegeben haben?“

Nach kurzem Zögern erwiderte sie: „Er war nicht nur mein Freund, er war sogar mein Verlobter.“

„Was ist passiert?“

Seth stockte, als eine Kellnerin an ihren Tisch trat. „Hey, schöner Mann, ich habe dich letzte Woche vermisst.“

„Ich hatte Urlaub und habe meine Mutter und Schwestern in Savannah besucht.“

„Wie geht es denn deiner Mutter?“, fragte die Kellnerin, während sie Servietten und Platzdeckchen auf den Tisch legte.

„Sehr gut, Sharleen, danke.“

„Sag ihr viele Grüße.“ Die ältere Frau hielt inne. „Und wo sind deine Manieren, Seth? Willst du mich deiner neuen Freundin nicht vorstellen?“

Seth fragte sich, wie oft Natalia und er noch richtigstellen mussten, dass sie kein Paar waren. Aber er konnte es den Menschen nicht übel nehmen. Er hatte sich hier in Wickham Falls noch nie mit einer Frau an seiner Seite gezeigt. Er stellte die beiden Frauen einander vor und ging auf ihren Beziehungsstand gar nicht erst ein.

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Sharleen. „Was darf ich euch denn bringen?“

Sie bestellten, und als die Kellnerin gegangen war, wandte sich Seth wieder Natalia zu. „Tut mir leid, dass die Leute uns für ein Paar halten.“

Sie lächelte leicht. „Das stört mich nicht, denn ich weiß ja, dass wir nur Nachbarn sind.“

„Dann ist es ja gut.“

Nach einer kurzen Pause fragte er: „Wie sind Sie zu dem Namen Natalia gekommen? Der ist ungewöhnlich.“

„Meine Mutter unterrichtete Literatur am College und beschloss, all ihren Kindern lateinische Namen zu geben. Ich bin Natalia, was auf den Geburtstag von Christus hinweist, weil mein Geburtstermin auf den 25. Dezember fallen sollte. Meine Schwester heißt Serena und mein Bruder Justin, wie die Gerechtigkeit.“

„Und, sind Sie am Weihnachtstag geboren?“

„Nein.“ Natalia lächelte. „Ich war zwei Tage zu früh, aber es war immer noch nah genug an Weihnachten dran, dass meine Mutter bei dem Namen blieb.“

„Sind Sie die Älteste?“

„Nein, die Mittlere. Mein Bruder ist der Älteste.“

Seth nickte leicht. „Da haben er und ich ja was gemeinsam: Meine Schwestern sind auch jünger als ich, und meine Aufgabe war es, sie zu beschützen. Und dafür zu sorgen, dass der Name Collier nicht ausstirbt.“

„Und, haben Sie Kinder?“

„Nein, aber …“

„Dann haben Sie Ihre Aufgabe auch noch nicht erfüllt“, unterbrach ihn Natalia.

„Das kann ja noch kommen.“

„Wenn Sie fünfzig sind?“, zog sie ihn auf.

Seth kniff die Augen zusammen. „Haha.“

„Was denn?“, fragte Natalia unschuldig. „Sie sind um die vierzig, oder? Also sind Sie entweder beziehungsscheu, oder Sie suchen eine sehr viel jüngere Frau als Mutter für Ihre Kinder.“

„Keins von beiden. Ich war schon einmal verheiratet, und ich stehe ganz gewiss nicht auf junge Frauen.“

Natalia verzog das Gesicht, und er fragte sich, ob die Erwähnung seiner gescheiterten Ehe sie wieder an ihre zerbrochene Verlobung erinnert hatte.

„Tut mir leid, ich wollte nicht vorschnell urteilen“, flüsterte sie.

„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Manche Dinge laufen einfach nicht so, wie wir sie uns vorgestellt haben.“

„Wie wahr.“

„Ist das der Grund dafür, dass Sie hierhergezogen sind?“ Es war eine impulsive Frage, die ihm sofort wieder leidtat. Er kannte Natalia noch nicht lange und wollte sie nicht mit Aufdringlichkeit vergraulen.

Sie senkte den Blick. „Das war nicht der einzige Grund, aber darüber würde ich gerade lieber nicht reden. Ich habe seit heute Morgen nichts gegessen und bin am Verhungern. Ich könnte die ganze Speisekarte rauf und runter bestellen.“

Seth lachte. „Dann sind Sie also keine dieser Frauen, die jeden Bissen zählen?“

„Sehe ich etwa abgemagert aus?“

Ihr etwas schärferer Tonfall mahnte ihn zur Vorsicht. „Nein. Tut mir leid.“

„Ich hatte nie Zeit dafür, mir Gedanken darüber zu machen, wie viel ich wiege. In der Notaufnahme habe ich manchmal achtzehn Stunden durchgearbeitet und musste mit einem schnellen Salat oder Smoothie auskommen. Aber wenn ich freihatte, habe ich mir meine Lieblingsgerichte gekocht und jedes Essen ausgiebig genossen.“

„Mit dem Stress ist es jetzt hoffentlich vorbei, wenn Sie mit Dr. Franklin arbeiten.“

„Ja, und darauf freue ich mich schon.“ Sie öffnete die Speisekarte. „Was können Sie empfehlen?“

„Hier ist alles lecker, aber ich halte mich meist an das Tagesgericht.“ Er deutete auf eine Tafel an der gegenüberliegenden Wand.

Natalia folgte seinem Blick. „Gut, dann nehme ich das. Wie ist die Bohnensuppe?“

„Köstlich. Die wollte ich auch nehmen.“

Sharleen servierte die Getränke, und sie gaben ihre Bestellung auf. Nur Minuten später brachte die Kellnerin die Suppe, deren würziges Aroma Seth das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Natalia kostete einen Löffel voll und schloss die Augen.

„Sie hatten recht. Das ist köstlich.“

„Alles hier ist lecker. Deshalb konnte sich der Wolfsbau so lange halten, während in anderen Städten ein Restaurant nach dem anderen schließen muss. Und alles, was am Tagesende übrig ist, wird an die Suppenküche in der Stadt gespendet. Das ist auch toll.“

„Es gibt eine Suppenküche in Wickham Falls?“, fragte Natalia überrascht.

„Ja, die Kirche hat das organisiert.“ Seth seufzte. „Viele Menschen hier leben am Rande des Existenzminimums. Als die Minen stillgelegt wurden, schoss die Arbeitslosenrate in die Höhe.“

„Ich muss mich wohl noch mit der Geschichte meiner zukünftigen Heimat beschäftigen.“

„Oh, ich denke, Ihre Patienten werden Ihnen schon genug erzählen. Hier hat jeder eine Geschichte über seine Großeltern auf Lager.“

Natalia wischte die Suppenschale mit dem Brot aus. „Wie war es für Sie, hier aufzuwachsen?“

„Ganz wunderbar. Uns war es nicht bewusst, dass wir arm waren, denn wir hatten immer Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf.“

Sharleen brachte den Hauptgang, und während sie aßen, hörte Natalia fasziniert zu, wie Seth über seine Vorfahren sprach, die alle in den Minen gearbeitet hatten, bis sein Vater gezwungen gewesen war, sich einen anderen Beruf zu suchen.

„Als er aus dem Vietnamkrieg zurückkam, hat er sich als Handwerker selbstständig gemacht und all denen Kredit gewährt, die dringende Reparaturen hatten, aber nicht sofort die volle Summe zahlen konnten. Er hat undichte Dächer geflickt, Leitungen repariert und Strom verlegt. Damit ging ihm die Arbeit nicht aus, und wir hatten genug zum Leben. Aber nicht alle hier hatten so viel Glück und Geschick.“

Natalia blickte schnell auf ihren Teller, als ihr auffiel, wie intensiv Seth sie anblickte.

„Als ich auf die Highschool kam, hat Dad mich auf die Baustellen mitgenommen, damit ich ihm zur Hand gehe. Er hat mir alles beigebracht und hätte es gern gesehen, wenn ich sein Geschäft übernommen hätte, aber meine Mutter bestand darauf, dass ich aufs College gehe. Das war das einzige Mal, wo ich meine Eltern habe streiten sehen. Letztendlich entschied ich mich für den Militärdienst, sodass mein Studium vom Staat bezahlt wurde. Ich habe meinen Abschluss in Strafjustiz gemacht – und in den Semesterferien meinem Dad bei der Arbeit geholfen.“

„Sehr diplomatisch. Das klingt nach einer Win-win-Situation.“

„Ja, meine Eltern waren dann auch zufrieden mit der Lösung. Aber genug von mir. Haben Ihre Geschwister Sie schon zur Tante gemacht?“

„Ja, mein Bruder hat zwei Kinder. Meine Schwester ist erst zwei Jahre verheiratet, und sie wollen noch ein paar Jahre warten.“

„Und verwöhnen Sie Ihre Nichten und Neffen?“

„Wenn sie alt genug sind, werde ich das ganz bestimmt tun. Aber noch sind die beiden zu klein, um sie allein bei mir zu lassen. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich mit ihnen Kekse backen kann oder so.“

„Apropos Kekse – was soll es denn morgen eigentlich zu essen geben?“

Natalia lachte laut auf. „Gibt’s denn so was? Sie hatten gerade eine volle Mahlzeit und denken schon wieder ans Essen?“

„Was denn? Ich esse eben gern. Aber dafür treibe ich auch Sport, um in Form zu bleiben.“

„Was machen Sie denn?“

„Ich habe einen Teil meines Kellers zum Fitnessraum ausgebaut. Sie können ihn gern mitbenutzen, wenn Sie wollen.“

„Danke für das Angebot, aber ich habe mein Fahrrad mitgebracht. Angesichts der Hügel hier wird mich das ganz bestimmt in Form halten.“

„Stimmt, flache Strecken gibt es hier kaum. Was machen Sie sonst noch so in der Freizeit?“

Sie lächelte wehmütig. „Das ist auch schon alles. Bisher hatte ich nie Zeit für Hobbys.“

„Das müssen wir ändern. Waren Sie schon mal Fliegenfischen?“

„Nein, aber ich würde es gern mal ausprobieren. Das letzte Mal war ich angeln, als ich bei den Pfadfindern war. Ich habe aber nichts gefangen.“

„Dann nehme ich Sie demnächst einfach mal mit“, schlug Seth vor.

Natalia spürte, wie ein aufgeregtes Flattern sich in ihr ausbreitete. Jetzt, wo sie nicht mehr rund um die Uhr arbeiten musste, konnte sie endlich mal wieder die Natur genießen. Sie war gern draußen, und bei den Pfadfindern hatte ihr das Wandern, Kanufahren und Im-Zelt-Übernachten großen Spaß gemacht.

„Sehr, sehr gern! Sagen Sie mir einfach, was ich an Ausrüstung kaufen soll.“

„Gar nichts, ich habe alles da. Und ich mache Ihnen sogar den Wurm an den Haken.“

„Denken Sie, ein Wurm könnte mich schockieren, wenn ich Menschen untersucht habe, denen wegen einer Verletzung die Gedärme aus dem Bauch hingen?“

Seth hob die Hände. „Verzeihung!“

„Ich entspreche äußerlich vielleicht dem Großstadtklischee, aber im Innern bin ich ein Mädchen vom Lande.“

„Und wie kommt das?“

„Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Paoli liegt zwanzig Minuten von Philadelphia entfernt und ist nicht viel größer als Wickham Falls. Das war eine schöne Zeit.“

„Tja, Philadelphias Verlust ist unser Gewinn, kann man da nur sagen.“

„Hoffen wir’s.“

In der Bar war es lauter geworden, als einige Pärchen hereinkamen.

„Wollen wir den Tisch frei machen, oder möchten Sie noch einen Nachtisch?“, fragt Seth....

Autor

Brenda Novak
Brenda Novak hätte es sich nie erträumt, einmal eine so erfolgreiche Autorin zu werden, interessierte sie sich doch in der Schule stark für Mathematik und Naturwissenschaften und wählte Betriebswirtschaftslehre als Hauptfach auf der Universität. Für ihren ersten Roman brauchte Brenda fünf Jahre – sie wollte perfekt sein. Und sie hatte...
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Meg Maxwell

Melissa Senate hat viele Romane für Harlequin Enterprises und andere Verlage geschrieben, inklusive ihres ersten veröffentlichten Romans „See Jane Date“, der für das Fernsehen verfilmt wurde. Unter dem Pseudonym Meg Maxwell war sie auch Autorin von sieben in der Harlequin Special Edition-Reihe erschienenen Büchern. Ihre Romane werden in über fünfundzwanzig...

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