Bianca Extra Band 121

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KLEINER BUCHLADEN – GROSSE LIEBE! von ROCHELLE ALERS
Nie wieder Liebe! schwört sich Lucy. Sie zieht weit weg ins beschauliche Spring Forest, eröffnet einen Buchladen und nimmt eine schwangere Hündin auf. Aber als die Welpen kommen, braucht Lucy die Hilfe ihres neuen Nachbarn Calum – der ihren Schwur ins Wanken bringt!

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  • Erscheinungstag 04.04.2023
  • Bandnummer 121
  • ISBN / Artikelnummer 0802230121
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Rochelle Alers, Cathy Gillen Thacker, Melissa Senate, Mona Shroff

BIANCA EXTRA BAND 121

1. KAPITEL

Die Nachmittagssonne, die durch das Bleiglas in der schweren Eichentür fiel, ließ bunte Lichter aufschimmern, als Lucy Tucker den Schlüssel herumdrehte und das Schild an der Tür des Buchladens „Chapter One“ auf die Seite mit der Aufschrift „geschlossen“ wendete.

Seit sie für das Tierheim Fellknäuel fürs Leben eine trächtige Golden-Retriever-Hündin in Pflege genommen hatte, ging sie, wenn sie Buttercup daheim gelassen hatte, nach Ladenschluss direkt nach Hause. Aber heute war die sanfte Hündin mit von der Partie und lag auf ihrem Hundebett im Büro. Also beschloss Lucy, noch das Schaufenster neu zu dekorieren.

Sie griff nach einem Gartenbuch und legte es zusammen mit einigen Kochbüchern, die sich um die Themen Grillen, Picknicks und Gartenpartys drehten, in die Auslage. Es war Anfang Mai. Langsam wurde es wärmer in Spring Forest. Also wollte sie mit den ausgestellten Büchern die Vorfreude auf den nahenden Sommer wecken.

Lucy war stolz auf ihr Schaufenster. Sie arbeitete sich durch ganze Bücherberge auf der Suche nach auffälligen Exemplaren. An Halloween, Thanksgiving und Weihnachten zog sie alle Register und dekorierte das Schaufenster mit passenden Büchern, bunten Miniaturhäusern und Figuren.

Ihr erstes Weihnachtsschaufenster war besonders bei kleinen Kindern beliebt gewesen. Wie hypnotisiert von Lucys Winterwunderland, waren sie vor dem Buchladen stehen geblieben.

Ein eigenes Geschäft war ein Traum, der für Lucy Wirklichkeit geworden war, als sie mit sechsundzwanzig Jahren ihre Stelle als Grundschullehrerin in Charlotte gekündigt hatte. Nachdem ihr Verlobter mit ihrer besten Freundin und Trauzeugin nur einen Monat vor der Hochzeit durchgebrannt war, hatte Lucy gewusst, dass sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt leben konnte, wo sie regelmäßig auf das junge Paar treffen würde.

Zum Glück hatte sie neunzig Prozent der Anzahlungen für die Hochzeitsfeier zurückbekommen. Dazu kam noch das Geld aus dem Verkauf des Verlobungsrings. Das hatte für einen Neuanfang in Spring Forest, einem Vorort von Raleigh, fast zweihundertfünfzig Kilometer entfernt von Charlotte, gereicht.

Aber auch wenn der räumliche Abstand geholfen hatte, konnte sie ihren Emotionen nicht entkommen. Selbst mehr als ein Jahr später hatte sie noch mit dem Verrat zu kämpfen. Lucy hatte Schwierigkeiten, neue Freunde zu finden, und weigerte sich, an Verabredungen auch nur zu denken.

Also hatte sie ihr ganzes Herzblut und ihre gesamte Zeit investiert, um den Buchladen aufzubauen. Mit dem Chapter One, also dem „Kapitel eins“, hatte sie auch ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen, und sie war stolz auf alles, was sie erreicht hatte.

Da hörte sie, wie jemand ans Fenster klopfte. Calum Ramsey, der Eigentümer der benachbarten Bowlingbahn „Pins and Pints“ – „Kegel und Krüge“, Krüge im Sinne von Bierkrügen –, bedeutete ihr mit einer Geste, aufzuschließen. Sie nickte lächelnd und ging zur Tür.

Lucy hatte Calum kennengelernt, als sie die Bowlingbahn aufgesucht hatte, um sich als neue Nachbarin vorzustellen. Bei dieser ersten Begegnung war sie von seinem durchdringenden Blick wie hypnotisiert gewesen. Calum war gleich dreifach perfekt: groß, dunkel und unglaublich attraktiv – und es war ihr nicht gelungen, das zu ignorieren, ganz egal, wie sehr sie sich bemüht hatte. Sie wollte keine Verabredungen, sie wollte sich nicht verlieben. Aber Himmel, Calum machte es ihr schwer, sich nicht zu ihm hingezogen zu fühlen.

Immer wenn er anbot, eine schwere Lieferung für sie zu tragen oder eine Kiste Bücher für sie zu heben, zwang Lucy sich, nicht auf die Muskeln seiner Oberarme zu starren oder darauf, wie die engen Jeans sich um seine definierten Oberschenkel spannten. Egal wie attraktiv Calum auf sie wirkte, es würde nie mehr daraus werden. Denn sie lehnte es ab, sich je wieder mit einem Mann einzulassen.

Lucy öffnete die Tür und lächelte zögerlich, während ihr Blick über Calums kurzes, dunkles Haar, seinen sauber geschnittenen Kinnbart und seine großen, hellbraunen Augen glitt. Dann holte sie tief Luft, um ihren außer Kontrolle geratenen Herzschlag zu beruhigen, als er hereinkam und ihr der vertraute Geruch seines Rasierwassers in die Nase stieg.

„Alles okay mit Buttercup?“, fragte Calum.

„Ja. Warum?“

„Ich hab heute Nachmittag schon mal vorbeigeschaut. Da hat mir Miss Grace erzählt, dass du zu Hause bist, um irgendwas für sie zu holen.“

Sie wusste, dass Calum sich ehrlich um Buttercup sorgte. Er hatte sie begleitet, um den Golden Retriever bei Fellknäuel fürs Leben abzuholen, nachdem Buttercup und viele andere Hunde aus einer Hinterhofzucht gerettet worden waren.

Die Entscheidung, Buttercup in Pflege zu nehmen, war die perfekte Lösung für Lucy. Ihr Buchladen war ein Erfolg, aber sie war einsam. Als sie Calum erzählt hatte, dass sie einen der geretteten Hunde aufnehmen wollte, hatte er angeboten mitzukommen, wenn sie sich einen davon aussuchte.

Sobald sie die trächtige Golden-Retriever-Hündin zu Gesicht bekommen hatte, hatte Lucy sich für sie entschieden. Und Calum hatte dann die herzzerreißend abgemagerte einjährige Hündin zu seinem SUV getragen.

„Ich musste mehr Futter holen. Sie muss jetzt über den Tag verteilt mehrere kleine Portionen fressen.“

Calum lächelte. „Es ist toll, dass sie langsam wieder ein gesundes Gewicht erreicht. Ich hätte sie gerne schon öfter besucht, aber ich war so mit den Vorbereitungen der Bowling-Sommermeisterschaften beschäftigt.“

„Du brauchst einen Assistenten, Calum. Du kannst nicht alles allein stemmen. Als ich den Buchladen eröffnet habe, habe ich es auch nicht geschafft, an der Kasse zu stehen und gleichzeitig die Kunden zu beraten. Da hab ich dann eine Annonce aufgegeben, dass ich zwei Teilzeitkräfte suche.“

„Ich weiß, Lucy. Ich sag mir immer, dass ich eine Anzeige schalten muss, aber dann kommt immer irgendwas dazwischen. Jetzt zurück zu Buttercup. Wie geht es ihr?“

„Ihr Bauch wird langsam richtig rund“, sagte Lucy stolz.

„Das liegt daran, dass sie jetzt im Luxus lebt.“

Lucy lachte. „Und auch noch verwöhnt wird.“

Calum zog die Augenbrauen hoch, während er die muskulösen Arme vor dem breiten Oberkörper verschränkte. „Jetzt frage ich mich, wer wohl dafür verantwortlich ist.“

Sie senkte den Blick. „Schuldig im Sinne der Anklage.“ Eigentlich wollte Lucy sagen, dass es doch das wenigste war, was sie tun konnte, nach allem, was die Hündin durchgemacht hatte.

„Ich mag Buttercup wirklich sehr.“

Lucy wurde ernst. „Ich auch. So sehr, dass ich gar nicht daran denken will, dass sie und ihre Welpen adoptiert werden könnten.“

„Aber genau darum hast du sie in Pflege, Lucy – um sie auf die Adoption vorzubereiten.“

Sie hatte die Golden-Retriever-Hündin so ins Herz geschlossen, dass sie ernsthaft darüber nachdachte, sie selbst zu adoptieren. „Ich weiß. Aber es wird nicht leicht, sie gehen zu lassen. Ich hoffe nur, dass ich nicht anfange zu heulen. Und ich muss dich warnen, dabei schaue ich nicht gut aus.“

„Das bezweifle ich, Lucy.“

„Ganz ehrlich, das willst du nicht sehen, Calum.“ Lucy wusste, dass sie sich für das Unausweichliche wappnen musste. Sobald Buttercup ihre Welpen entwöhnt hatte, würden die Hunde ein neues Zuhause bekommen. Und Lucy würde allein zurückbleiben.

Calum fuhr sich mit dem Zeigefinger über den Kinnbart und lächelte voller Mitgefühl, als Lucy behauptete, sie wäre hässlich beim Weinen. Sogar mit roten, geschwollenen Augen wäre sie noch atemberaubend schön.

Seit Lucy Tucker vor mehr als einem Jahr zum ersten Mal in seine Bowlingbahn gekommen war, hatte er ihr zu seiner eigenen Überraschung immer öfter seine Hilfe angeboten. Seither hatte ihm die hochgewachsene Frau mit den tollen Kurven mehr als einmal den Schlaf geraubt. Doch als er sie besser kennengelernt hatte, war ihm klar geworden, dass sie eine Frau war, die ein Mann heiratete, um mit ihr eine Familie zu gründen.

Mit seinen dreißig Jahren hatte Calum schon einige Beziehungen hinter sich. Jedes Mal hatte er sie abrupt beendet, wenn das Thema Ehe und Kinder auch nur angeschnitten wurde. Mit Lucy war das anders, weil sie nicht ein einziges Mal angedeutet hatte, dass sie mehr wollte als Freundschaft. Das empfand er als wohltuend. Und in dieser Freundschaft war seine Bereitschaft inbegriffen, Bücherkisten zu heben und Lieferungen für sie in Empfang zu nehmen.

Jetzt betrachtete Calum Lucys Gesicht und nahm alle Details in sich auf. Sie war eine Schönheit, sogar ohne Make-up. Ihr dunkelbraunes, kinnlanges Haar war von Natur aus gewellt und umrahmte ein Gesicht mit makellosem, ockerbraunem Teint. Besonders mochte er die Lachfältchen, die sich in den Augenwinkeln ihrer dunkelbraunen Augen bildeten, wenn sie lächelte, während er sich bemühte, ihre vollen, sinnlichen Lippen nicht anzustarren. Zu wissen, dass zwischen ihnen nie mehr sein würde als Freundschaft, war Glück im Unglück. Er wusste ohne jeden Zweifel, dass er sich nie mit Lucy einlassen würde. Denn sie würde ihn ganz sicher dazu bringen, zu vergessen, dass er zum Heiraten nicht taugte.

„Du schaffst das schon, wenn du weißt, dass Buttercup ein gutes Zuhause gefunden hat.“ Er zögerte. „Wenn Buttercup und ihre Welpen adoptiert sind, kannst du ja vielleicht weitere Tiere in Pflege nehmen“, schlug er vor.

Lucy seufzte. „Ich weiß nicht so recht. Das hängt ganz davon ab, wie es mir damit gehen wird, Buttercup wegzugeben. Aber wenn es mir nicht völlig das Herz bricht, werde ich darüber nachdenken.“ Sie hielt inne. „Ich habe das noch nie so gesagt, aber ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du mir hier im Laden hilfst, wenn schwere Sachen zu schleppen sind.“

„In Spring Forest unterstützt man sich eben noch gegenseitig. Und für uns hier im Einkaufsviertel gilt das erst recht.“

Lucy senkte den Blick. „Du hast recht, Calum. Aber ich weiß deine Hilfe trotzdem zu schätzen.“

„Was Hilfe angeht, ich war vorhin da, weil ich eine Lieferung angenommen habe, während du unterwegs warst. Soll ich sie jetzt rüberbringen?“

„Okay. Und noch mal vielen Dank, Calum.“

Er beugte sich vor und gab ihr ein Küsschen auf die Wange. „Dank und Anerkennung angenommen.“ Er trat einen Schritt zurück. „Dann geh ich mal und hol diese Kiste.“

Calum verließ den Buchladen und ging nach nebenan ins Pins and Pints. Er wusste nicht, was über ihn gekommen war, Lucy zu küssen. Auch wenn es nur ein Küsschen auf die Wange war. Er wollte nicht glauben, dass seine Entschlossenheit ins Wanken geraten könnte, was die schöne Besitzerin des Buchladens betraf.

Als er die Tür zum Pins and Pints öffnete, traf ihn dank der neuen Klimaanlage ein Schwall kühler Luft. Vor drei Jahren, als Calum den Laden gekauft hatte, war die altmodische Bowlingbahn ziemlich heruntergekommen gewesen. Inzwischen hatte sie eine komplette Renovierung hinter sich, und es gab jetzt zehn Bahnen sowie eine Kinderbahn, außerdem eine Bar aus massivem Mahagoniholz und einen Servicebereich mit zehn Tischen. Vor ein paar Monaten hatte er noch ein halbes Dutzend Flachbildschirmfernseher angebracht, auf denen diverse Sportkanäle ohne Ton, aber mit Untertiteln liefen.

An der Bar gab es alles von Limo über Bier vom Fass bis zu Cocktails. Die kleine Speisekarte umfasste Appetizer, Beilagen und Sandwiches. Das frische Popcorn war der Renner.

Nachdem Calum seinen Abschluss in Rechnungswesen und Finanzwirtschaft an der Duke University gemacht hatte, arbeitete er ein paar Jahre bei einer Investmentbank, aber das war nicht das Leben gewesen, das er sich vorgestellt hatte. Schließlich hatte er es sattgehabt, für andere Leute Geld zu scheffeln, und er hatte beschlossen, sein eigenes Geschäft zu gründen.

Daraufhin war er nach Spring Forest zurückgekehrt, um die Bowlingbahn zu kaufen und zu renovieren. Jeden Tag war er noch vor neun Uhr früh da, und an den meisten Abenden ging er nicht vor Mitternacht.

Lange Arbeitstage und eine Sieben-Tage-Woche waren nicht hilfreich, was Verabredungen anging. Calum war sich auch durchaus bewusst, dass so viel Arbeit ein Rezept für Burn-out war.

Er holte die Kiste für Lucy aus dem Lagerraum, nahm sie auf die Schulter und kehrte zum Chapter One zurück.

Lucy hatte ihre Arbeitsschürze ausgezogen, und Calum schluckte, um seine urplötzlich staubtrockene Kehle zu befeuchten, als er die Konturen ihrer vollen Brüste unter dem hellblauen Shirt anstarrte. Lucy Tucker war die Versuchung in Person.

„Wo soll ich den Karton hinstellen?“

„Komm mit, dann mach ich die Bürotür für dich auf.“

Calum war wie hypnotisiert davon, wie sie sanft die Hüften wiegte, als sie vor ihm herging. Dann zwang er sich wegzuschauen, bevor seine Bewunderung Formen annahm, die sich nicht verheimlichen ließen. Es war lange her – viel zu lange –, seit er so auf eine Frau reagiert hatte. Sein Pech, dass sie kein Interesse an ihm hatte, das über Freundschaft hinausging.

Um sich abzulenken, konzentrierte er sich auf die Einrichtung des Buchladens. Lucy hatte ihm einmal erzählt, dass Chapter One aussehen sollte wie eine private Bibliothek, mit Bücherstapeln, abgenutzten Ledersesseln und Beistelltischen. Lucys Vorliebe für Art déco zeigte sich im Muster der bunten Glaseinsätze in Laden- und Bürotür. Der dunkle Holzboden war doppelt eingelassen worden, bis er satt goldbraun schimmerte. Statt die Wände mit Porträts von Autoren zu schmücken, hatte Lucy mithilfe von Schablonen berühmte Zitate darauf gemalt.

Calum warf einen Blick auf einige dieser geflügelten Worte, als er an den Bücherregalen aus dunklem Massivholz vorbeiging. Aber er wurde immer wieder von Lucys üppiger Figur abgelenkt. Bis sie die Bürotür öffnete und zur Seite trat, um ihn hineinzulassen.

„Stell die Kiste einfach auf den Tisch da.“

Calum folgte ihren Anweisungen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit Buttercup zu, die auf einem orthopädischen Hundebett in der anderen Ecke des Büros lag. Lucy hatte recht. Ihr Bauch war viel runder geworden, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte.

„Sieht aus, als ob sie beim Friseur war.“

Lucy lächelte und nickte. „Ich war letzte Woche mit ihr zum Trimmen. Sie sieht toll aus, nicht? Ganz anders als der Tierheimhund, den ich von Fellknäuel fürs Leben nach Hause gebracht habe.“

„Dann will ich dich auch gar nicht länger stören, damit du nach Hause fahren und dich um Buttercup kümmern kannst. Schönen Abend noch.“ Dann wäre er am liebsten Hals über Kopf aus dem Buchladen geflüchtet, einfach nur, um Abstand von Lucy zu gewinnen.

„Gute Nacht, Calum.“

Draußen fluchte Calum leise. Seit dem College hatte er keine richtige Beziehung mehr gehabt. Als es mit seiner letzten Freundin aus und vorbei war, hatte er für sich die Regel aufgestellt, nur noch unverbindliche Verabredungen einzugehen. Lucy konnte das nicht wissen, aber sie brachte ihn dazu, diesen Schwur zu überdenken.

Seit er wieder in Spring Forest war, hatte er sich eingeredet, dass er sowieso viel zu beschäftigt für Dates war. Aber jetzt sagte ihm eine innere Stimme, dass er sich etwas vormachte. Er wollte Lucy um eine Verabredung bitten. Aber er war sich nicht sicher, wie er das anstellen sollte, ohne ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen.

Calum wusste, dass es nur einen Weg gab, das herauszufinden.

Er musste sie fragen.

2. KAPITEL

Lucy öffnete die Tür und wartete darauf, dass Buttercup ihr folgte.

„Ich ziehe mich nur kurz um. Dann wird gekuschelt, bevor du Futter und frisches Wasser bekommst.“

Es hieß ja, dass der Hund der beste Freund des Menschen war. Buttercup war treu. Das war mehr, als sie über ihren betrügerischen Verlobten und ihre angebliche Freundin sagen konnte. Rückblickend hätte Lucy auffallen sollen, wie viel Zeit Johnny und Danielle miteinander verbrachten. Dass die beiden einen Monat vor ihrer Hochzeit durchgebrannt waren, hatte unglaublich wehgetan – aber wenigstens war so alles klar.

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus.

Ihre Limonade bestand darin, nach Spring Forest zu ziehen und noch mal ganz von vorn anzufangen, Chapter One zu eröffnen, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen und ein kleines Haus mit drei Zimmern in Kingdom Creek zu mieten.

Mit Buttercup auf den Fersen ging sie ins Schlafzimmer und zog sich statt T-Shirt und Jeans Jogginghose und Trägertop an.

Dann setzte sie sich im Wohnzimmer auf den Fußboden und wartete darauf, dass Buttercup auf ihren Schoß kletterte. Es war nicht leicht für Lucy, einen Hund im Arm zu halten, der etwa fünfundzwanzig Kilo wog. Aber irgendwie bekamen sie das hin. Buttercup lehnte den Kopf an Lucys Brust. Lächelnd streichelte Lucy sanft ihr Ohr.

„Ich weiß, du willst die Neuigkeiten hören, die man sich heute im Buchladen erzählt hat“, fing Lucy an, als ob sie sich mit einem anderen Menschen unterhielt. „Dieser arme Kater, Oliver, ist immer noch verschwunden. In der ganzen Stadt hängen Suchplakate. Und dann gibt es noch Gerüchte, dass Birdie Whitaker und der alte Tierarzt, Doc J, sich streiten, weil er wieder zurück nach Florida ziehen will“, erzählte sie. „Noch eine Beziehung, die in die Brüche zu gehen droht. Das sollte mir eine Warnung sein, richtig? Also warum kann ich nicht aufhören, Calum Ramsey anzustarren? Wenn er mich nur ansieht, will ich mich ihm an den Hals werfen. Das wäre aber mehr als peinlich, weil ich ihm gesagt habe, dass ich keine Beziehung will. Und irgendwas sagt mir, dass Calum nicht für ein Techtelmechtel zu haben ist.“

Buttercup winselte leise. Lucy lächelte und gab der Hündin einen Kuss auf den Kopf. „Na schön. Genug gekuschelt. Dann fütter ich dich mal.“ Buttercup war nicht nur ihre Gefährtin. Sie war ihr Therapiehund geworden.

Ein paar Minuten später füllte Lucy Buttercups Fressnapf zur Hälfte mit dem hochwertigen Welpenfutter, das der Tierarzt empfohlen hatte, und gab ihr frisches Wasser. Buttercup schnüffelte an dem Futter und drehte sich dann um, um Lucy anzusehen.

„Du bekommst erst einen Hundekeks, wenn du alles aufgegessen hast“, ermahnte Lucy sie sanft.

Lucy überließ Buttercup ihrem Futter. Für sich selbst holte sie eine Dose Shrimps aus dem Kühlschrank. Sie hatte beschlossen, sich einen Caesar Salad mit Shrimps zu machen. Sonntags war Chapter One geschlossen. Da kümmerte sie sich um die Wäsche, putzte und kochte für die ganze Woche im Voraus. Ihre Großmutter mütterlicherseits wäre entsetzt gewesen.

Lucy lächelte, als sie an ihre geliebte Grammie dachte. Ihre Großmutter hatte eigentlich vorgehabt, die erste Frau in der Familie zu sein, die aufs College ging. Doch als ihre Mutter gestorben war, hatte sie als älteste Tochter helfen müssen, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern. Sie hatte jedoch erleben dürfen, wie ihre Tochter das College abschloss und später ihre Enkelin mit dem Studium anfing. Lucy gefiel der Gedanke, wie stolz Grammie wäre, weil sie einen eigenen Laden hatte – auch wenn das bedeutete, dass sie die Hausarbeit am Tag des Herrn erledigte.

Sie hatte zwar Unterstützung im Geschäft, aber nicht genug, um mehr als einen Tag freizuhaben. Ihre Assistentinnen arbeiteten nur fünf Stunden am Tag, drei Tage in der Woche. Ihre erste Angestellte war Miss Evelyn Grace, die vor ihrer Pensionierung in der Cafeteria der Middle School gearbeitet hatte. Dann hatte Lucy noch Angela Fowler eingestellt, eine ehemalige Schulbibliothekarin.

Zu beiden Frauen hatte sie ein gutes Verhältnis, auch wenn sie nicht sagen würde, dass sie sich nahestanden. Abgesehen von Buttercup hatte sie eigentlich niemanden, der ihr wirklich nahestand.

Lucy machte das Radio auf der Arbeitsfläche an. Sie tanzte durch die Küche, als einer ihrer Lieblingsoldies gespielt wurde. Ihr Handy klingelte, als sie angefangen hatte, den Römersalat zu zerpflücken.

„Hallo.“

„Lucy, hier ist Doug vom Spring Forest Chronicle. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass wir Ihre Anzeige in der nächsten Ausgabe drucken. Der Herausgeber hat auch sein Okay gegeben, dass die Anzeige auf der Website erscheint.“

Sie lächelte. „Bitte bedanken Sie sich bei ihm an meiner Stelle.“

„Mach ich.“

Sie beendete den Anruf und verschränkte die Finger wie zum Gebet. Lucy hatte einen eigenen Lesebereich für Kinder eingerichtet. Den wollte sie jetzt mit einer Gutenachtgeschichten-Veranstaltung noch bekannter machen – und so den Verkauf von Kinderbüchern ankurbeln. Zusätzlich zu dem Zeitungsinserat und dem Hinweis im Internet hatte sie vor, Flyer in der Innenstadt zu verteilen.

Buttercup kam mit wedelndem Schwanz auf Lucy zu. „Braves Mädchen. Alles aufgegessen. Jetzt kannst du dein Leckerli kriegen.“ Die Hündin bellte, und Lucy gab ihr einen großen Hundekeks.

Dann setzte sie sich an den Küchentisch, aß ihren Salat und trank dazu ein Glas Limonade.

Buttercup wartete schon, als Lucy fertig war. Nachdem sie Geschirr, Leine und mehrere Kotbeutel zusammengesucht hatte, gingen sie hinaus. Lucy merkte, dass Buttercup langsamer lief, und nahm an, dass der Grund ihr größer werdender Welpenbauch war.

„Lass dir nur Zeit, kleine Mama. Noch eine Woche oder so, dann ist das alles vorbei.“ Lucy war nervös und aufgeregt zugleich wegen der bevorstehenden Geburt. Ihr Leben würde bald sehr hektisch werden – sie konnte nur hoffen, dass sie dem gewachsen war.

Calum zog sich in sein Büro zurück, setzte sich an seinen Schreibtisch und schloss die Augen. Wenn es so etwas gäbe wie eine Zeitmaschine, würde er jetzt vierundzwanzig Stunden zurückreisen.

Das Vibrieren seines Handys hatte ihn vor Sonnenaufgang geweckt. Er hatte gewusst, das konnten keine guten Nachrichten sein. Und er hatte recht gehabt – sein neuer Barkeeper rief ihn aus der Notaufnahme an. Er hatte sich die Hand an einem zerbrochenen Glas geschnitten, als er bei einer privaten Feier gearbeitet hatte. Zehn Stiche waren nötig gewesen, um die Wunde zu schließen.

Vierzig Minuten später hatte Calum beim Betreten des Pins and Pints das Geräusch von laufendem Wasser gehört. In der Toilette hatte er entdeckt, dass jemand den Abfluss des Waschbeckens verstopft und den Wasserhahn aufgelassen hatte. Calum hatte das Wasser abgestellt, Mopp und Eimer geholt und aufgewischt, bevor er den Klempner angerufen hatte. Dann hatte er telefoniert, um eine Vertretung für den Barkeeper zu finden.

Weil keine Zeitmaschine auftauchte, beschloss Calum, sich auf seine nächste Aufgabe zu konzentrieren. Er hatte gerade mit der Gehaltsabrechnung angefangen, als es klopfte.

„Was gibt’s?“

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Die Mitarbeiterin, die für den Verleih der Bowlingschuhe zuständig war, streckte den Kopf herein. „Da ist jemand, der Sie sehen will.“

Er runzelte die Stirn. „Hat dieser jemand auch einen Namen?“

„Er hat gesagt, Sie erkennen ihn, wenn Sie ihn sehen.“

Calum war nicht in der Stimmung für Rätselraten. „Schicken Sie ihn rein.“

Dann erhob er sich. „Ich glaub es nicht. Aiden Harding.“

„Glaub es ruhig, Ramsey. Ich bin es, leibhaftig.“

Calum ging um den Schreibtisch herum. Dann schüttelte er die Hand seines alten Freundes und Kollegen aus Raleigh. Aiden war ein richtiger Sonnyboy, mit blondem Haar und aquamarinblauen Augen. Einmal war Aiden sogar von einer Modelagentur angesprochen worden.

„Was führt dich nach Spring Forest?“

Aiden starrte an Calum vorbei ins Leere. „Können wir irgendwohin gehen und reden?“

„Okay. Lass uns ins Diner gegenüber gehen.“ Der „Main Street Grille“ war sein Lieblingslokal für Lunch und Abendessen, wenn er mehr als die Kleinigkeiten essen wollte, die es im Pins and Pints gab.

Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück und speicherte seine Arbeit.

„Dein Städtchen gefällt mir.“

Lächelnd schnappte sich Calum die Schlüssel von seinem Schreibtisch. „Mir auch.“ Er wartete, bis Aidan draußen war, bevor er das Büro abschloss.

„Besser als Raleigh?“, fragte Aiden.

„Es hat seine Vorteile.“

„Und wie steht es mit den Nachteilen, Ramsey?“

Calum warf ihm von der Seite her einen Blick zu. In seinem maßgeschneiderten, kobaltblauen Anzug sah Aiden aus wie aus einer Anzeige in einem Hochglanzmagazin – eine Erinnerung an die Geschäftswelt, die Calum hinter sich gelassen hatte.

„Da gibt’s keine. Sonst noch was?“

Er wusste, dass er sich streitlustig anhörte, aber ihm missfiel Aidens Versuch, Spring Forest schlechtzumachen. Sein Freund war im Luxus groß geworden. Calum wollte Aiden daran erinnern, dass sie aus verschiedenen Welten stammten und verschiedene Maßstäbe hatten.

Aiden begegnete Calums Blick. „So hab ich das nicht gemeint.“

„Dann lass uns essen gehen.“

Calum hatte keine drei Schritte gemacht, als er sah, wie Lucy aus der Bank kam. Enge, schwarze Jeans schmiegten sich an ihre weiblichen Kurven. Ihre Beine wirkten endlos in ihren hochhackigen Sandalen. Er selbst war eins dreiundachtzig groß, und er schätzte, dass Lucy nur ein paar Zentimeter kleiner war. Ein schwarz-weiß gestreiftes Haarband hielt ihr das Haar aus dem Gesicht zurück, und sie hatte die Ärmel ihres weißen Männerhemdes hochgekrempelt. Augenblicklich stellte er sich vor, wie sie eines seiner Hemden trug und nichts weiter.

Lucy winkte ihm zu. Lächelnd erwiderte Calum die Geste.

Reiß dich zusammen, Ramsey!

Sich vorzustellen, wie er Lucy Tucker ins Bett bekam, war so gefährlich, wie den Ring von einer Handgranate abzuziehen.

Lucy und er waren Freunde. Bis sie – und erst wenn sie – deutlich machte, dass sie mehr wollte. Und selbst wenn sie an einer intimen Beziehung interessiert wäre, war sie keine Frau, mit der er ohne Weiteres schlafen konnte. Denn was wäre, wenn sie nach einer Weile mehr wollte und er einfach nicht bereit dafür war?

„Da gibt es etwas, das mir schon aufgefallen ist, was Spring Forest angeht“, sagte Aiden.

„Was denn?“

„Die Frauen hier sind umwerfend.“

Eine Woge der Eifersucht verschlug Calum die Sprache. Er wusste, dass Aiden Lucy damit meinte. „Denkst du darüber nach, noch ein bisschen Spaß zu haben, bevor du mit Jennifer eine Familie gründest?“

„Jen und ich haben Schluss gemacht. Aber das erzähle ich dir nach dem Essen. Ich habe mich die letzten Tage nur von schwarzem Kaffee ernährt. Das spielt meinem Magen übel mit.“

Calum schaffte es, im Main Street Grille einen freien Tisch in einer Nische zu finden, wo sie beide Burger mit Zwiebelringen bestellten.

Er wartete, bis Aiden mit seinem Burger fertig war. Dann sagte er: „Jetzt aber raus mit der Sprache!“

„Ich schätze, es hat mit Jen angefangen. Ich habe gewusst, dass sie eine Familie will – aber das konnte ich mir für mich einfach nicht vorstellen. Und nachdem wir Schluss gemacht hatten, habe ich angefangen über andere Dinge in meinem Leben nachzudenken. Die Arbeit für die Investmentfirma eingeschlossen.“

Aiden bedachte Calum mit einem durchdringenden Blick. „Ich habe eine Weile gebraucht, aber ich habe endlich begriffen, warum du die Bankenwelt aufgegeben hast. Ja, wir verdienen mehr Geld als andere Leute, aber der Preis dafür ist, dass man nicht die Zeit hat, es zu genießen.“

Calum nickte. Er hatte endlose Stunden damit verbracht, den Computerbildschirm anzustarren, das Auf und Ab der Märkte zu beobachten. Sein Handy hatte noch mitten in der Nacht geklingelt. „Im Augenblick arbeite ich aber so viel wie vorher auch. Der Vorteil ist, dass ich für mich selbst arbeite. Ich weiß aber nicht, wie lange ich das noch schaffe. Irgendwann werde ich einen Assistant Manager brauchen.“

„Hast du schon eine Stellenanzeige aufgegeben?“

„Noch nicht.“

„Dann lass es.“

Calum runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“

„Wenn du einen Assistenten brauchst, dann bin ich dein Mann.“

Calum lachte. „Das Koffein muss auch deinem Gehirn übel mitspielen. Willst du wirklich hier in einer Bowlingbahn arbeiten?“

Aiden fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Heute Morgen habe ich endlich genug Mumm gehabt, meinem Vater zu sagen, dass ich mit der Bankierdynastie Harding nichts am Hut habe. Ich habe mein Kündigungsschreiben auf seinem Schreibtisch hinterlassen.“

Calum starrte Aiden an. Als sie Kollegen waren, war Aiden ein ziemlich enger Freund gewesen. Aber Calum hatte nie auch nur den Verdacht gehabt, dass Aiden ein Problem damit hatte, für die Investmentbank zu arbeiten, die seiner Familie gehörte.

„Ich will jetzt nicht gefühllos wirken, Harding, aber ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich in deine Leidensgeschichte vom armen, kleinen, reichen Jungen reinpasse.“

„Ich will in dein Unternehmen investieren.“

Calum schüttelte den Kopf. „Du bist unglaublich. Erst behauptest du, dass du für mich arbeiten willst. Dann drehst du den Spieß um und sagst, du willst investieren.“ Seine Miene verspannte sich. „Kein Interesse. Mein Laden gehört zu einhundert Prozent mir.“

Er hatte sein ganzes Privatleben geopfert, während er buchstäblich Blut, Schweiß und Tränen ins Pins and Pints gesteckt hatte.

Aiden schaffte es, verlegen auszusehen. „Ich wollte dich nicht beleidigen.“

„Hast du nicht. Ich bin nur nicht interessiert.“

„Tut mir leid.“

„Ich will, dass du Klartext sprichst, Harding. Was willst du wirklich?“

„Ich will, was du hast, Ramsey.“

Calum runzelte die Stirn. „Woher weißt du, was ich habe?“

„Ich kenne vielleicht nicht alle Details, aber du kannst nicht abstreiten, dass du dein Schicksal selbst bestimmst. Das ist es, was ich will, Calum. Wenn du keinen Investor willst, dann nicht. Alles bestens. Aber was den Job angeht, das meine ich ernst. Was sagst du?“

Calum saß reglos da. Er wusste, dass es Aiden nicht leichtgefallen sein konnte, das alles auszusprechen.

„Lass mich darüber nachdenken“, sagte er nach einer Pause. Es war nicht so, dass er keinen Assistenten brauchte – und Calum wusste, dass Aiden gut mit Menschen umgehen und Konflikte schnell lösen konnte. „Aber falls ich dich einstelle, muss ich dich warnen. Das ist kein Job von neun bis fünf. Mein Laden hat von Montag bis Donnerstag von elf bis elf auf. Freitags und samstags von elf Uhr morgens bis ein Uhr nachts. Und von zwölf bis elf am Sonntag.“

Aiden nickte. „Kein Problem.“

„Ich arbeite einen Zeitplan aus, wann ich dich brauchen würde“, sagte Calum. „Wenn du dich darauf einlässt, können wir uns über dein Gehalt unterhalten.“

Aiden schüttelte den Kopf. „Es geht mir nicht um Geld.“

Calum lächelte. „Meinst du, das weiß ich nicht?“

Aiden war mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Für ihn hatte Geld keine Bedeutung. Calum winkte der Bedienung.

Aiden legte die Hand über Calums. „Das geht auf mich. Ich bestell mir noch ein Dessert. Also, warum machst du dich nicht wieder an die Arbeit? Ich habe schon genug von deiner Zeit in Anspruch genommen.“

Calum steckte sein Geld weg. „Die Zeit war gut genutzt.“

„Für mich auf jeden Fall“, gab Aiden zu.

Calum legte eine Hand auf Aidens Schulter. „Ich ruf dich in ein paar Tagen an.“

Er wollte Aiden nicht sagen, dass er sich schon entschieden hatte. Oder dass seine Entscheidung nicht ganz uneigennützig war. Wenn er einen Assistant Manager hätte, dann hätte er mehr Zeit für sich – und für andere Dinge. Als er am Chapter One vorbeiging, dachte er an die Frau, für die er auch gerne etwas mehr Zeit hätte …

Calum brauchte keine sechsunddreißig Stunden, um einen Schichtplan auszuarbeiten, in dem Aiden Harding die Rolle des Assistant Managers übernehmen würde. Als er Aiden anrief, herrschte volle dreißig Sekunden lang Totenstille, bevor Aiden sich bei ihm bedankte und ihn um ein paar Tage Zeit bat, um seinen Umzug zu organisieren.

Als Nächstes setzte Calum eine Teambesprechung an, um alle Mitarbeiter zu informieren, dass er einen Assistenten angeheuert hatte.

Danach sagte Calum dem Barkeeper Bescheid, dass er eine Stunde außer Haus sein und alle Anrufe an ihn weiterleiten würde. Jake war verständlicherweise schockiert. Calum war sonst immer erreichbar. Aber jetzt wollte Calum für die nächste Stunde partout nicht gestört werden.

Er ging rüber ins Chapter One. Seit er den Flyer mit der Ankündigung der Teddybären-Gutenachtgeschichten gesehen hatte, war er neugierig, was Lucy für ihre kleinen Kunden geplant hatte.

Als er den Buchladen betrat, war klar, dass er nicht der einzige Interessierte war. Erwachsene schlenderten durch den Raum, während Lucys Donnerstagsaushilfe Klappstühle aufstellte. Er lächelte, als er mehr als ein halbes Dutzend kleiner Kinder in Schlafanzügen und mit Stofftieren im Arm auf den Sitzsäcken zählte. Ein kleiner Junge rieb sich die Augen. Ein anderer steckte sich den Daumen in den Mund und schmiegte einen ramponierten Plüschhasen an sich.

Calum konnte den Blick nicht von Lucy abwenden, als sie sich auf einen niedrigen Hocker vor die Kinder setzte. Die waren auf einmal hellwach, als sie ein Buch hochhielt. Er wusste, dass sie in Charlotte als Grundschullehrerin gearbeitet hatte, und wollte sie schon öfter fragen, warum sie die Stelle aufgegeben hatte. Spring Forest war eine Kleinstadt, in der es wenige Geheimnisse gab, aber Lucy schaffte es, ein Rätsel zu bleiben. Und jedes Mal, wenn er versuchte, über ihre Vergangenheit zu sprechen, mauerte sie.

Sekunden nachdem Lucy das Buch aufgeschlagen hatte, waren die Kinder ganz hingerissen. Calum selbst fühlte sich vom süßen Klang ihrer Stimme verzaubert. Ihre Stimme war sanft, beruhigend, aber lebhaft genug, um die Zuhörer mitzureißen. Alle klatschten, auch die Erwachsenen.

„Noch eins!“, rief ein kleines Mädchen mit dunklen Locken.

Ein rothaariger Junge sprang auf. „Nein! Noch mal das mit dem Bär.“

Lucy hob die Hand. „Jedes Mal, wenn ihr kommt, lese ich ein anderes Buch. Wenn ihr eine Geschichte noch mal hören wollt, dann kann sie euch eure Mommy oder euer Daddy vorlesen.“ Sie warf den Eltern einen Blick zu. „Vorne auf dem Tisch liegen einige Exemplare der Bücher, die ich heute Abend lese.“

Lächelnd verschränkte Calum die Arme. Eines musste er Lucy lassen: Sie wusste, wie man Interesse weckte und Bücher verkaufte. An diesem Abend las sie noch drei Bücher vor. Die Veranstaltung endete damit, dass die Kinder ihren Eltern sagten, welche Bücher sie mitnehmen wollten. Lucy und ihre Assistentin hatten viel zu tun.

Lucy fiel auf, dass Calum blieb, bis alle anderen weg waren. Obwohl sie wusste, dass er im Augenblick Single war, hatte sie keine Ahnung, ob er Kinder hatte oder schon mal verheiratet war. „Bist du gekommen, um Bücher für deine Kinder zu kaufen?“

Er strich sich mit dem Zeigefinger über den Kinnbart. „Ich habe keine Kinder. Aber ich würde mich freuen, wenn du mir ein Buch für meine vierjährige Nichte und meinen Neffen empfehlen könntest.“

„Dann bist du also ein Onkel?“

Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Onkel von Zwillingen.“

„Du hörst dich wie ein sehr stolzer Onkel an.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Das bin ich auch. Die beiden sind etwas ganz Besonderes.“

Lucy sah ihm in die hellbraunen Augen und kämpfte darum, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Seit sie aus Charlotte geflohen war, hatte sie sich eingeredet, dass sie keinen Mann in ihrem Leben wollte oder brauchte. Aber allein die Gegenwart von Calum Ramsey sagte ihr, dass sie sich etwas vormachte.

Lucy senkte den Blick, weil sie fürchtete, dass er die Sehnsucht in ihren Augen sehen könnte. „Lesen die beiden gerne?“

„Ja. Meine Schwester ist Lehrerin, und ihr Haus ist voller Bücher.“

„Ich kann dir ein paar raussuchen. Wenn sie die schon haben, kannst du sie umtauschen.“

„Zeig mir, was du empfehlen würdest, dann schick ich meiner Schwester eine Textnachricht und frage, ob sie die schon hat.“

Lucy ging in die Kinderabteilung und suchte zwei Titel heraus, von denen sie wusste, dass sie bei Kindern im Alter von drei bis sieben beliebt waren. Als sie wieder zurückkam, war Calum dabei, Stühle zusammenzuklappen und auf einem Handwagen zu verstauen.

„Das musst du nicht tun.“

„Schon okay. Ich habe gedacht, ich helfe dir schnell, bevor du abschließt.“

„Ist dir klar, wie oft du mir hilfst, Calum?“

„Nein“, sagte er und legte den letzten Stuhl auf den Wagen.

„Ich weiß nicht, wie ich das je wiedergutmachen kann.“

„Ich hätte da eine Idee“, sagte er leise.

„Was denn?“ Ihr Herz klopfte so heftig, dass sie sich fragte, ob Calum es hören konnte.

„Geh mit mir essen.“

Lucy unterdrückte ein nervöses Lachen. Meinte er einfach nur essen oder … eine Verabredung? Und was wäre ihr lieber?

„Wann?“

„Übernächsten Sonntag. Abendessen bei mir.“

Wenn sie ein erstes Date haben sollten, dann wollte Lucy die Rahmenbedingungen festlegen. „Okay. Wenn wir bei mir essen.“

Als Calum Lucy um eine Verabredung bat, erwartete er nicht, dass sie zustimmen würde. Und er erwartete ganz bestimmt nicht, dass sie ihn zu sich nach Hause einladen würde.

„Okay.“ Er hielt inne, den Blick auf ihren aufreizenden Mund gerichtet. „Kochst du?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ich bin nicht ganz inkompetent.“

„So hab ich das nicht gemeint“, sagte Calum hastig. Er hatte Angst, sie beleidigt zu haben. Das war das Letzte, was er wollte.

„Was genau hast du denn gemeint, Calum?“

Er zögerte und wusste, dass er seine Worte mit Bedacht wählen musste. „Wenn du keine Lust auf Kochen hast, könnte ich was bei Veniero’s bestellen.“ Das neueste Restaurant der Stadt bot gehobene Küche im authentischen süditalienischen Stil.

„Italienisch?“

„Ich mag italienisches Essen.“

Sie lächelte. „Dann gibt’s was Italienisches. Hast du irgendwelche Allergien?“

„Nein. Was wirst du kochen?“

„Weiß ich noch nicht. Aber ich habe mehr als eine Woche Zeit, mir was zu überlegen.“

Calum hatte den übernächsten Sonntag gewählt, weil er dann arrangieren konnte, dass Aiden für ihn einsprang. „Soll ich was mitbringen?“

„Nein, danke, nicht nötig.“

„Wein?“

Lucy schüttelte den Kopf. „Keinen Wein. Ich habe ein paar Flaschen zu Hause, aber ich trinke fast nie welchen, weil ich dann immer sofort einschlafe.“

„Dann haben wir was gemeinsam, weil ich auch nur ganz selten Alkohol trinke.“

„Bist du Alkoholiker?“

„Nein“, antwortete er ehrlich, führte das aber nicht weiter aus. Es gab Alkoholmissbrauch in seiner Vergangenheit. Aber nicht er war der Alkoholiker – das war sein Vater. Und in dessen Fußstapfen zu treten war das Letzte, was Calum wollte.

„Dann würde es dir nichts ausmachen, wenn ich alkoholfreie Cocktails serviere?“

„Ganz und gar nicht.“

„Weißt du, was ich merkwürdig finde, Calum?“, sagte Lucy.

„Was denn?“

„Dass du einen Laden hast, bei dem Bierkrüge im Namen vorkommen, du aber nicht trinkst.“

Er grinste. „Als ich mir einen Namen für die Bowlingbahn ausdenken musste, habe ich gedacht, Pins and Pints passt einfach. Außerdem gefällt mir die Alliteration.“

Lucy nickte. „Ja, das klingt schön.“

„Und für einen Buchladen ist Chapter One perfekt.“

Lucy zeigte auf die Bücher. „Sag mir Bescheid, ob die Titel passen.“

Calum zog sein Handy aus der Tasche und schickte seiner Schwester eine Nachricht. Er musste nicht lange auf eine Antwort warten. „Die haben sie noch nicht. Dann nehme ich sie. Wie viel macht das?“

„Nichts, Calum.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Lucy. Das geht doch nicht.“

Sie nahm die Bücher und ging zur Theke. „Sag deiner Nichte und deinem Neffen, dass sie ein Geschenk von einer Freundin ihres Onkels sind.“

„Nur dieses eine Mal, Lucy.“

„Ja, ja, schon klar“, sagte sie gedehnt.

Calum wusste, dass Lucy abwiegelte. Aber dann beschloss er, dass es nicht wert war, sich zu streiten. Schließlich hatte er es geschafft, sie zu einem Abendessen zu überreden.

Lucy reichte ihm die Tüte mit den Büchern und hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Gute Nacht, Calum. Ich muss abschließen und mit Buttercup einen Spaziergang machen.“

„Soll ich die Stühle wegbringen?“

„Nein. Die Firma, von der ich sie gemietet habe, holt sie morgen früh ab.“

„Du musst doch keine Stühle mieten, Lucy. Ich habe Dutzende Tische und Stühle im Lager. Nächsten Donnerstag denk ich dran, welche vorbeizubringen.“

„Das ist nicht nötig …“

Calum unterbrach ihren Protest, indem er seinen Mund auf ihren presste. Der Kuss sollte sie zum Schweigen bringen, aber dann wurde viel mehr daraus, als er den Kuss vertiefte und sie die Lippen unter seinen öffnete.

Was zur Hölle machst du da?

Er stand ganz vorne im Buchladen und küsste die Besitzerin, wo jeder sie sehen konnte.

Er wich zurück. „Muss ich mich entschuldigen?“, fragte er leise. Als sie den Kopf schüttelte, stieß er erleichtert den Atem aus. Sie sah benommen, aber nicht verärgert aus. „Dann gute Nacht, Lucy.“

Er drehte sich auf dem Absatz um, obwohl er sich danach sehnte zu bleiben. Lucy Tucker hatte ihn in ihren Bann gezogen – einen Zauber, den er nicht einmal brechen wollte. Und er würde alles tun, um herauszufinden, was sie so anders machte als alle anderen Frauen, die er je gekannt hatte.

Eines wusste er jedoch. Sie war die Art Frau, die einen Mann dazu brachte, heiraten zu wollen. Und nachdem er gesehen hatte, wie sie mit kleinen Kindern umging, wusste er, dass sie eine wunderbare Mutter sein würde.

Ehefrau.

Mutter.

Aber das waren zwei Begriffe, die er mit seinem Leben nicht in Verbindung bringen wollte.

Lucy machte sich Vorwürfe, weil sie Calum nicht daran gehindert hatte, sie zu küssen. Sie hatte seinen Kuss nicht nur erwidert, sie hatte die Lippen geöffnet, um seine Zunge in ihren Mund zu lassen.

Es hatte Stunden gedauert, bis sie eingeschlafen war. Und dann war es schon wieder Zeit zum Aufstehen.

Sie fütterte Buttercup und ging mit ihr spazieren, bevor sie ihr in den Laderaum ihres Toyota half. Das SUV war ein Geschenk ihres Vaters zum Abschluss ihres Studiums gewesen und hatte Lucy völlig überrascht. Ihr Vater und sie sprachen kaum miteinander.

Adam Tucker und ihre Mutter hatten sich scheiden lassen, als Lucy zehn war. Seither hatte sie mit ihm eigentlich nur zu tun, wenn es um Finanzielles ging. Während Lucys Mutter wieder geheiratet hatte, als Lucy einundzwanzig war, war Lucys Vater unverheiratet geblieben.

Lucy parkte hinter dem Laden und schloss die Hintertür zum Chapter One auf. Sie war zwei Stunden früher dran als sonst, weil der Partyausstatter um acht Uhr die Stühle holen wollte.

Buttercup schleppte sich zu ihrem Hundebett. Lucy bemerkte eine Menge Bewegung im Bauch der Hündin. Der Wurftermin stand kurz bevor. Lucy hatte zu Hause schon ein Nest für die Hündin vorbereitet und war nervös und aufgeregt zugleich.

Der Partyausstatter war pünktlich, und Punkt zehn Uhr schaltete Lucy das Licht im Laden ein, drehte das Schild in der Tür um und schloss auf. Vormittags lief das Geschäft meistens schleppend, aber nachmittags waren normalerweise ständig Leute im Laden, um sich umzusehen oder etwas zu kaufen.

Gegen Mittag bimmelte die Glocke an der Ladentür, und ein junger Mann mit einer Tüte kam herein. „Mr. Ramsey wollte, dass ich Ihnen das gebe.“

„Warten Sie!“, rief Lucy, aber er war schon wieder weg.

Sie warf einen Blick in die Tüte und nahm Behälter mit Salat, frittierten Shrimps, Hühnchen und Erbsensuppe heraus. Lucy schüttelte den Kopf. Sie durchschaute Calum. Weil sie ihm nicht erlaubt hatte, die Bücher zu bezahlen, hatte er beschlossen, sich mit einem Lunch erkenntlich zu zeigen.

„Hier riecht’s aber gut“, sagte Miss Grace.

Lucy lächelte ihrer Assistentin zu. „Ein Geschenk vom Pins and Pints.“

„Als ich in Ihrem Alter war, konnte ich alles essen. Jetzt hat mir mein Arzt eine Menge Dinge von meinem Speiseplan gestrichen, und das macht mich wahnsinnig.“ Miss Grace schwenkte die Hand. „Genießen Sie Ihr Mittagessen. Ich kümmere mich derweil um den Laden.“

Lucy ging nach hinten. Buttercup schlief noch. Sie wusch sich die Hände, setzte sich und fing an zu essen. Sie war froh, dass niemand Zeuge ihres genüsslichen Stöhnens wurde. Die Erbsensuppe war die beste, die sie je gegessen hatte, und die dezente Schärfe des Hühnchens lag ihr noch eine Weile auf der Zunge.

Buttercup wurde wach, als Lucy fertig war, und sie fütterte die Hündin. Eine halbe Stunde später bellte Buttercup, um Lucy wissen zu lassen, dass sie mal rausmusste.

Der Freitagnachmittag verging – und schon stand das Wochenende vor der Tür. Da war es höchste Zeit, sich mal wieder im Pins and Pints sehen zu lassen. Es war eine Weile her, seit sie zur Happy Hour dort war.

„Mach dich auf was gefasst, Mr. Ramsey“, flüsterte sie, als sie nach Hause fuhr.

3. KAPITEL

Calum traute seinen Augen nicht, als Lucy zur Tür hereinkam. Zuerst erkannte er sie gar nicht. Doch dann verriet sie ihr sexy Gang. Ihr Haar hatte sie an diesem Abend zu einer Mähne aus winzigen Löckchen gestylt. Aber ihr Gesicht und ihr Kleid waren es, bei denen ihm die Spucke wegblieb. Rauchiger Lidschatten, scharlachroter Lippenstift und ein schwarzes Minikleid, das unglaublich viel nackte Haut offenbarte.

„Was ist denn, Calum?“, flüsterte Lucy ihm ins Ohr. „Hat es dir die Sprache verschlagen? Ich habe gedacht, ich komme mal wieder vorbei und schau mir selbst an, was das Pins and Pints am Wochenende zum beliebtesten Schuppen der Stadt macht.“

Er führte sie Richtung Bar. „Und, gefällt dir, was du hier siehst?“

Lächelnd nickte sie. „Oh ja.“

Calum sorgte dafür, dass Lucy auf dem Barhocker neben seinem Platz nahm. Er beugte sich vor, bis sein Mund nur noch ein paar Zentimeter von dem winzigen Diamanten in ihrem Ohrläppchen entfernt war. „Mir gefällt auch sehr gut, was ich sehe.“

Lucy drehte den Kopf. „Mr. Ramsey, flirten Sie etwa mit mir?“

„Ja, Miss Tucker. Stört Sie das?“

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. „Nein. Ehrlich gesagt, gefällt mir das sehr.“

Calum lächelte ebenfalls. „Jetzt, wo wir uns einig sind, denke ich, dass wir mit dem zweiten Kapitel anfangen können.“ Lucy warf den Kopf in den Nacken und lachte. So zog ihr langer Hals seinen Blick auf sich. Diesen Hals wollte er kosten, bevor er sich mit genüsslichen Küssen weiter nach unten vorarbeitete. Jedes Mal, wenn sie atmete, konnte er den Blick nicht von den Rundungen ihrer Brüste abwenden, die sich unter dem gewagten Ausschnitt hoben und senkten.

Er winkte Jake. „Die Dame bekommt, was sie will. Auf meine Rechnung.“

Lucy lächelte dem Barkeeper zu. „Ich hätte gerne eine alkoholfreie Margarita.“

„Und ich nehme ein Mineralwasser mit einem Schuss Limettensaft“, sagte Calum. Er legte den rechten Arm um ihre Taille. „Kann Jake noch etwas aus der Küche für dich kommen lassen?“ Lucy senkte den Blick und schaute durch ihre Wimpern zu ihm auf. Dabei sah sie unendlich sinnlich aus.

„Nein, danke. Apropos Essen, ich wollte mich noch für meinen Lunch bedanken.“

„Es ist nicht verboten, sich mal was Gutes zu tun.“

Lucy starrte seinen maskulinen, starken Mund an und erinnerte sich daran, wie er sich angefühlt und geschmeckt hatte. Sie wusste, dass er recht hatte – sie hatte es verdient, sich mal etwas zu gönnen, einfach nur, weil es guttat. Und sie hatte das Gefühl, Calum würde ihr guttun. Sie war sich zwar immer noch unsicher, ob sie bereit für eine Beziehung war. Aber sie wusste, dass sie mit ihm zusammen sein wollte.

Der Barkeeper stellte ihre Getränke ab. Lucy hob das Glas und stieß mit Calum an. „Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ Als er sie fragend ansah, erklärte sie: „Das ist ein Zitat von Ralph Waldo Emerson.“

„Siehst du uns beide so, Lucy?“

„Ja. Wir sind Freunde. Bis wir …“ Sie verstummte.

Er zog die Augenbrauen hoch. „Bis wir was?“

Sie stellte das Glas ab. Lucy hatte das Gefühl, als ob alles um sie herum verschwunden und sie mit Calum ganz allein war.

„Bis die Umstände das ändern.“

Calum stieß mit ihr an. „Darauf trinke ich.“

„Worauf trinkst du?“, fragte ein Mann.

Calum drehte sich um und sah Aiden vor sich, der ihn angrinste. Innerlich verfluchte er dessen Timing. Er erhob sich. „Ich habe dich nicht vor nächster Woche erwartet.“

„Ich hab ein Haus in Kingdom Creek gemietet. Heute Nachmittag hab ich mir meine Sachen aus Raleigh liefern lassen. Das Auspacken hat eine Weile gedauert, aber jetzt kann ich jederzeit anfangen.“

Obwohl Aiden mit ihm gesprochen hatte, bemerkte Calum, dass dieser den Blick nicht von Lucy abwenden konnte. Er verlagerte sein Gewicht und legte ihr besitzergreifend eine Hand auf den Rücken. „Lucy, das ist Aiden Harding, mein neuer Assistant Manager. Aiden, Lucy Tucker. Sie ist die Besitzerin des Buchladens nebenan.“

Lucy streckte die Hand aus. „Nett, Sie kennenzulernen, Aiden.“

Aiden nahm ihre Hand und küsste ihre Finger. „Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Lucy. Sieht aus, als müsste ich viel mehr lesen.“

Eifersucht durchfuhr Calum. Wie konnte Aiden es wagen, mit ihr zu flirten?

Lucy runzelte kurz die Stirn. „Dürfte ich bitte meine Hand zurückhaben?“

Gut gemacht, mein Mädchen!, dachte Calum. Es war offensichtlich, dass Lucy Aidens Charme nicht erlegen war.

Lächelnd ließ Aiden ihre Hand los. „Entschuldigen Sie bitte.“

„Schon okay.“ Lucy reckte das Kinn. „Calum, Liebling, ich glaube, ich brauche doch etwas zu essen. Dieser Drink ist wirklich stark.“

Er biss sich auf die Lippe, um nicht laut zu lachen. „Alles gut, Babe. Ich lass Jake in der Küche Bescheid sagen, dass sie dir was bringen.“ Er half ihr vom Barhocker. „Du kannst an meinem Tisch warten.“

Calum führte sie zu einem kleinen Tisch für zwei. Er rückte Lucy den Stuhl zurecht und beugte sich dann vor, um sie zu küssen. „Was willst du essen?“

„Überrasch mich.“ Lucy ließ eine Hand auf seiner Schulter ruhen. „Danke, Liebling.“

Er beugte sich vor, um ihr einen Kuss auf die Schläfen zu geben, und flüsterte ihr ins Ohr: „Du bist als Schauspielerin so gut – und wunderschön.“

Lucy senkte bescheiden den Blick, und Calum wünschte sich, dass sie irgendwo anders wären als in der vollen Bowlingbahn. Sie löste etwas in ihm aus, was er mit keiner anderen Frau je erlebt hatte.

„Du redest ganz schön viel Blödsinn, Calum.“

Er zwinkerte ihr zu. „Das denke ich nicht.“

Calum ging zur Bar, um Jake die Bestellung aufgeben zu lassen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit Aiden zu. „Wenn du möchtest, zeige ich dir jetzt alles. Oder du kannst einfach erst mal abhängen und zusehen, wie der Laden läuft.“

„Ich denke, ich seh einfach mal zu.“

„Für Dienstag habe ich zwei Treffen mit den Mitarbeitern angesetzt, damit ich dich den Teams für die Tages- und die Nachtschicht vorstellen kann.“

„Und am Montag?“, fragte Aiden.

„Gibt’s die große Einführung. Ich zeige dir Schritt für Schritt, wie man eine Bowlingbahn betreibt.“

Calum wurde abgelenkt, als der Koch ihn sehen wollte. Fünfzehn Minuten später kehrte er an die Bar zurück und sah sich nach Lucy um.

Er bemühte sich, seine Enttäuschung nicht zu zeigen, als Jake ihm sagte, dass sie gegangen war.

Calums Frust hielt nicht lange an. Er wusste, dass er am nächsten Sonntag mehr als ein paar Minuten mit ihr verbringen würde. Und heute Abend, das spürte er, hatte sich etwas geändert zwischen ihnen. Sie war hergekommen, sie hatte sich schick gemacht. Das gab ihm die Hoffnung, dass ihre Freundschaft sich weiterentwickeln würde.

Er konnte den Sonntag gar nicht erwarten.

Lucy schob die Gläser zurecht und trat dann einen Schritt zurück, um den gedeckten Tisch zu begutachten.

Buttercup trottete in den Essbereich und schmiegte die Schnauze an Lucys Knöchel. „Du musst ganz brav sein“, sagte Lucy. „Calum kommt heute her. Ich will nicht, dass du mich in Verlegenheit bringst, indem du ihn anknurrst.“

Vor ein paar Tagen war Lucy aufgefallen, dass sich das Verhalten der Hündin geändert hatte. Normalerweise war sie ruhig und freundlich. Jetzt knurrte sie, damit die Leute ihr nicht zu nahe kamen. Lucy fragte sich, ob Buttercup wieder sanfter werden würde, nachdem sie geworfen hatte.

Sie kraulte Buttercup hinter den Ohren. „Ich nehme jetzt eine Dusche. Und dann muss ich mich umziehen.“ Buttercup stupste sie wieder an. „Ich bin gleich wieder da, Süße.“

Lucy ging ins Schlafzimmer und dann in das angeschlossene Bad. Sie hatte sich sofort in dieses kleine Haus verliebt, das so wunderschön renoviert worden war. Harris Vega hatte das einstöckige Gebäude komplett entkernt, um einen offenen Wohnbereich zu schaffen. Neue Edelstahlgeräte in der Küche und frisch eingelassene Holzböden waren weitere Pluspunkte, die ganz oben auf Lucys Liste standen. Außerdem gefielen ihr die geräumige Speisekammer, die Waschküche und der eingezäunte Garten.

Sie zog sich aus und steckte die Sachen in einen Wäschekorb. Dann trat sie in die Duschkabine. Beim Duschen ließ sie Revue passieren, was Calum alles in der letzten Woche für sie getan hatte. Obwohl sie ihn nicht persönlich gesehen hatte, hielt er sein Versprechen und ließ für die Gutenachtgeschichten-Veranstaltung am Donnerstag Stühle in den Buchladen bringen. Der junge Mann, der das Lunchpaket abgegeben hatte, tauchte jetzt jeden Tag um Punkt eins mit einer Tüte auf.

Lucy wollte die Einladung heute Abend nicht als Verabredung sehen. Vielmehr sollte es ein Zeichen ihrer Wertschätzung für seine Hilfe sein. „Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ Das Zitat von Emerson gehörte zu ihren Favoriten. Und Calum Ramsey auch. Als Freund war er für sie etwas, was ihr Ex-Verlobter nie war und nie hätte sein können. Und vielleicht würde sie an diesem Abend herausfinden, ob sie noch mehr als das füreinander sein konnten.

4. KAPITEL

Calum stieg aus dem Auto, die Geschenke für Lucy im Arm. Er war dazu erzogen worden, nie mit leeren Händen zu jemandem nach Hause zu kommen. Buttercup tauchte oben auf der Treppe auf. Sie wedelte mit dem Schwanz und winselte.

Lucy lächelte. „Anscheinend freut sie sich, dich zu sehen.“

„Es ist eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“ Calum küsste Lucy auf die Wange. Ihre Wärme und der vertraute Duft ihres Parfüms erinnerten ihn daran, wie sehr er sie vermisst hatte. „Tut mir leid, ich weiß, dass ich früh dran bin.“

„Schon okay.“

Lucy hielt die Tür auf. Buttercup schmiegte sich an seine Beine, und er bückte sich, um sie zu tätscheln.

Calum überreichte ihr die Blumen. „Ich habe nicht gewusst, welche Blumen du magst, also habe ich mich für einen bunten Strauß entschieden.“ Die Verkäuferin hatte Rosen, Tulpen und Chrysanthemen empfohlen.

„Die sind wundervoll, Calum. Der perfekte Tischschmuck.“

Er zeigte ihr die Topfpflanze, die er hinter seinem Rücken versteckt hatte. „Dann habe ich noch diese hier mitgebracht, weil ein Blumenstrauß nicht lange hält.“

Lucy schlug die Hand vor den Mund. „Woher hast du das gewusst?“, fragte sie, als sie den Strauß auf die Konsole neben der Haustür legte.

„Was gewusst?“

„Dass ich Orchideen sammele.“ Sie nahm ihm die Pflanze ab. „Komm mit, dann zeig ich sie dir.“

Calum konzentrierte sich auf ihr welliges Haar statt auf ihre wohlgerundeten Hüften in den schwarzen Leinenhosen, zu denen sie eine weiße, ärmellose Seidenbluse trug. Er bemühte sich, ihren Anblick in dem heißen, schwarzen Kleid zu vergessen, das so freizügig ihren muskulösen Körper und ihre langen, wohlgeformten Beine präsentiert hatte. Er hegte den Verdacht, dass sie genau gewusst hatte, wie ihre Verwandlung ihn schockieren würde.

Er folgte ihr, bis Lucy am Ende des Flurs stehen blieb. Er betrat den Raum, den sie als Arbeitszimmer ausgestattet hatte, mit einer geblümten Chaiselongue und dicht gefüllten Bücherregalen.

Ein langer Tisch erstreckte sich über die ganze Breite des Zimmers. Darauf standen in handbemalten Tontöpfen bunte Mondorchideen und Sukkulenten. Die spätnachmittäglichen Sonnenstrahlen verwandelten den Raum in einen Zaubergarten. Calum musterte gerahmte Fotos, die Lucy mit verschiedenen Familienmitgliedern zeigten.

„Der perfekte Ort, um am Ende des Tages zur Ruhe zu kommen“, meinte Calum.

Lucy stellte die Pflanze mit den zarten, schneeweißen Blüten auf den Tisch. Dann drehte sie sich um und sah zu ihm auf. „Hier lese ich noch ein paar Stunden oder entspanne mich einfach nur, bevor ich ins Bett gehe.“

„So einen Platz brauche ich auch. Wenn ich heimkomme, dauert es immer eine Weile, bis ich runterkomme.“

Lucy legte eine Hand auf seinen Oberkörper. „Das liegt daran, dass du zu viel arbeitest.“

Calum nickte lächelnd. „Du hast recht. Aber jetzt, wo Aiden mir zur Hand geht, werde ich mehr Zeit haben.“

„Wie macht er sich?“

„Ganz gut.“

„Wie gewöhnen sich deine Mitarbeiter daran, einen superreichen Assistant Manager zu haben?“

Calum zog die Augenbrauen hoch. „Du weißt über Aidens Familie Bescheid?“

Lucy verschränkte die Arme. „Jetzt komm schon, Calum. Den meisten Leuten in North Carolina ist der Name Harding ein Begriff.“

„Was weißt du über ihn?“

„Nur, dass er zu einer der reichsten Familien in Raleigh gehört. Als seine Eltern seine Verlobung bekannt gegeben haben, war das überall in den Lokalnachrichten. Als du ihn mir als deinen Assistant Manager vorgestellt hast, konnte ich nicht glauben, dass du den Prinzen von Raleigh angeheuert hast.“

„Hast du ihn darum zur Schnecke gemacht, Lucy? Wegen seines Reichtums?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Mir ist egal, wie viel Geld er hat. Er ist bei mir unten durch, weil er versucht hat, mich anzumachen, obwohl er mit einer anderen Frau verlobt ist.“

Calum hörte die Bitterkeit aus Lucys Stimme heraus und fragte sich, ob sie etwas Ähnliches erlebt hatte. „Aiden ist nicht mehr verlobt, also kann er flirten, mit wem er will.“

„Aber nicht mit mir.“

„Willst du damit sagen, dass du nie mit Aiden ausgehen würdest?“

Ein Augenblick verstrich, dann sagte sie: „Ich hatte noch nie was für blonde Männer übrig.“ Dann musterte sie ihn nachdenklich. „Warst du jemals verliebt, Calum?“

„Ich habe geglaubt, dass ich das war“, antwortete er wahrheitsgemäß.

„Was ist passiert?“

Er lächelte schief. „Sie wollte etwas, wozu ich nicht bereit war.“

„Heiraten?“

Calum nickte. „Ja. Wir waren noch auf dem College. Ich wollte warten, bis ich eine Familie über Wasser halten kann. Sie hat gesagt, jetzt oder nie. Also haben wir uns getrennt.“

„Nicht überstürzt zu heiraten hört sich vernünftig an für mich.“

„Vielleicht für dich, aber nicht für sie.“

Lucy schüttelte den Kopf. „Genug über andere Leute geredet, Calum. Was willst du mit der ganzen freien Zeit anfangen, die du jetzt hast?“

Calum zwinkerte ihr zu. „Vielleicht werde ich eine Freundin und Geschäftsnachbarin dazu überreden, Zeit mit mir zu verbringen.“

„Erst wenn Buttercup und ihre Welpen adoptiert sind. Ich denke ernsthaft darüber nach, im Sommer die Öffnungszeiten zu verkürzen, damit ich mehr Zeit mit den Hunden verbringen kann.“

„Gut für dich.“ Da sie die einzige Vollzeitkraft in ihrem Laden war, konnte Lucy sich die Tage aussuchen, an denen sie aufmachte. Für das Pins and Pints kam das nicht infrage. Sein Geschäft war sieben Tage die Woche geöffnet, und er musste mehr als ein Dutzend Vollzeit- und Teilzeitkräfte bezahlen.

„Noch mal danke für die Blumen und die Orchidee. Jetzt ist Zeit fürs Essen.“

„Kann ich dir helfen?“

„Nein, Calum. Du bist mein Gast. Ich hab alles unter Kontrolle.“

Das Dessert hatte Lucy schon am Vorabend gemacht und kalt gestellt. Außerdem hatte sie Hühnchen Piccata vorbereitet. Die gefüllten Pilze und der Spargel mit Pecorinokäse waren auch schon fertig.

Sie arrangierte Calums Blumenstrauß in einer Vase und stellte sie auf den Tisch. Dann ging sie in das kleine Bad, um sich die Hände zu waschen. Sie hatte nicht gemerkt, dass Calum ihr gefolgt war...

Autor

Rochelle Alers
Seit 1988 hat die US-amerikanische Bestsellerautorin Rochelle Alers mehr als achtzig Bücher und Kurzgeschichten geschrieben. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Zora Neale Hurston Literary Award, den Vivian Stephens Award for Excellence in Romance Writing sowie einen Career Achievement Award von RT Book Reviers. Die Vollzeitautorin ist Mitglied der...
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Cathy Gillen Thacker
Cathy Gillen Thackers erster Schreibversuch war eine Kurzgeschichte, die sie in der Mittagsstunde ihrer Kinder zu Papier bringen wollte. Monate später war ihre Kurzgeschichte auf Buchlänge angewachsen und stellte sich als Liebesroman heraus. Sie schrieb sechs weitere Romane, bevor ihr achter von einem Verlag angenommen und 1982 veröffentlicht wurde.

Seitdem hat...
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Melissa Senate
Melissa Senate schreibt auch unter dem Pseudonym Meg Maxwell, und ihre Romane wurden bereits in mehr als 25 Ländern veröffentlicht. Melissa lebt mit ihrem Teenager-Sohn, ihrem süßen Schäfermischling Flash und der spitzbübischen Schmusekatze Cleo an der Küste von Maine im Norden der USA. Besuchen Sie ihre Webseite MelissaSenate.com.
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Mona Shroff
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