Bianca Jubiläum Band 10

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MISTELZWEIG UND WEIHNACHTSKÜSSE von SUSAN MALLERY

Von wegen „O du fröhliche“! Die Adventsstimmung ist Feuerwehr-Captain Jordan vergangen. Beim Versuch, eine Katze zu retten, hat er sich übel verletzt. Immerhin hat die kratzbürstige Mistletoe überlebt, und ihre ebenso dankbare wie hübsche Besitzerin Holly tut alles, um ihm den Krankenstand mit Keksen und Plauderstunden zu versüßen.

ZEIT DER WUNDER, ZEIT DER LIEBE von GINA WILKINS

Als hätte Banner es geahnt: Kaum hat er die hübsche Lucy Guerin aus einem Wintersturm gerettet, beginnen die Schwierigkeiten. Denn Lucy hat ernsthaft vor, Weihnachten bei ihm zu feiern! Dabei ist Banner zwar ein sexy, aber einsamer Wolf, der nichts mehr schätzt als seine Ruhe …"

SÜSSE SEHNSUCHT IM KERZENGLANZ von BRENDA HARLEN

Plätzchenduft, Glitzerkugeln und glänzende Augen: Jamie Stockton und seine Kinder sollen ein wunderschönes Weihnachtsfest erleben – das hat sich Fallon fest vorgenommen. Doch der attraktive Witwer weist sie zurück: Ihm ist nicht nach fröhlichen Stunden. Aber vielleicht nach Liebe?


  • Erscheinungstag 07.11.2026
  • Bandnummer 10
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538480
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Mallery, Gina Wilkins, Brenda Harlen

BIANCA JUBILÄUM BAND 10

Susan Mallery

1. KAPITEL

Die Frau neben ihm umklammerte seine Hand, als fürchtete sie, er würde ihr davonlaufen. Ihre Augen waren geschlossen, und sie bewegte die Lippen wie in einem stillen Gebet. Lange blonde Haare fielen über ihre Schultern herab und streiften seine Hand.

Jordan Haynes erkannte den typischen Krankenhausgeruch. Verschwommen nahm er seine Umgebung wahr. Auch dieses Gefühl kannte er – offenbar hatte man ihm starke Schmerzmittel gegeben. Nur die Frau an seinem Bett konnte er nicht einordnen. Aber wer auch immer sie sein mochte, es war wirklich nett von ihr, so besorgt um ihn zu sein.

Sommersprossen sprenkelten ihre Wangenknochen und die Nase. Sommersprossen. Er zog eine Grimasse. Die Winkel ihres großzügigen Munds waren leicht nach oben gebogen. Außer dem Mascara, der ihre langen Wimpern betonte, trug sie kein Make-up. Er hätte fünfzig Dollar gewettet, dass sie blaue Augen hatte und früher einmal Cheerleaderin ihrer Highschool gewesen war. Mit ihrem kerngesunden Aussehen hätte sie das Model einer Milchwerbung sein können. Was suchte sie also in seinem Krankenzimmer?

Er zog seine Hand aus der Umklammerung. Sofort öffnete sie ihre Augen. Volltreffer! Sie waren tatsächlich dunkelblau. Jetzt schuldete er sich selbst fünfzig Dollar. Sobald er hier herauskam, war Zahltag.

Die Fremde strahlte, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen.

„Sie sind wach“, stellte sie fest. Dann griff sie wieder nach seiner Hand, und ihr Lächeln wurde noch breiter. „Ich bin so froh! Die Schwester sagte schon, Sie würden wieder gesund, aber ich habe mir Sorgen gemacht. Wie fühlen Sie sich? Haben Sie Schmerzen? Möchten Sie einen Schluck Wasser?“

Er wollte etwas sagen, aber sein Hals war zu rau. Er hustete. Sofort sprang sie auf, langte nach einer kleinen Karaffe und schenkte ein wenig Wasser in ein Glas. Sie legte einen Arm um seine Schultern und hob das Glas an seine Lippen.

„Trinken Sie langsam“, forderte sie ihn auf.

Nachdem er die Hälfte getrunken hatte, nickte er zum Zeichen, dass es genug war. Rasch stellte sie den Becher auf den Tisch neben dem Bett und kehrte an ihren Platz zurück. Dieses Mal verschränkte sie gleich die Finger ihrer Hand mit seinen. Und bevor er sich entziehen konnte, lehnte sie sich vor und presste seine Hand an ihre Brust.

Jetzt gehörte ihr wirklich seine volle Aufmerksamkeit. Als sie aufgestanden war, hatte er einen Blick auf ihre beeindruckenden Kurven erhaschen können. Jeder Halbstarke träumte von einer Frau mit solchen Brüsten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie seine Hand für den Rest des Tages weiter so halten können.

Dann bemerkte er, wie sich ihre blauen Augen verdunkelten. Ihn beschlich die unangenehme Vorahnung, dass sie gleich in Tränen ausbrechen würde. Guter Gott, alles, nur das nicht.

„Wer sind Sie?“, fragte er schroff.

Die Frau lächelte wieder. „Ich bin Holly Garrett“, verkündete sie, als würde das alles erklären.

Er kannte keine Holly Garrett. Aber so, wie sie ihn anstarrte – als hätte er gerade ganz allein die Welt gerettet –, kannte sie ihn offensichtlich sehr gut.

Großartig. Entweder hatten die Schmerztabletten merkwürdige Nebenwirkungen, oder er wurde verrückt.

„Und?“, fragte er weiter.

Einen Moment sah sie ihn verständnislos an. Dann begann sie zu lachen. Er spürte die Vibration des Klangs auf seinem Handrücken, den sie immer noch an ihre Brust drückte. Sie ist freundlich, dachte er. Eine charmante Eigenschaft an einer attraktiven Frau.

„Es hat ein Unwetter gegeben“, erklärte sie. „Sie haben meine Katze gerettet.“

Die Erinnerung brach über ihn hinein und ließ ihn aufstöhnen. Der Sturm hatte einen Baum in die Wohnung über einer frei stehenden Garage krachen lassen. Dabei hatte er nicht nur das Dach durchschlagen, sondern leider auch die Wasserleitungen beschädigt. Als Jordan mit seinen Männern angerückt war, hatten sie kaum noch etwas retten können. Dunkel entsann er sich einer Frau, die völlig aufgelöst an einer klemmenden Tür zerrte. Überall war Wasser. Das zweistöckige Gebäude sah aus, als würde es jeden Moment einstürzen. Jordan hatte die Frau gepackt und in Sicherheit gebracht, während sie nach ihrer verdammten Katze schrie. Wie ein Idiot hatte er sich auf die Suche nach dem Tier gemacht. Und das war das Ergebnis: Obwohl er noch keine sechs Monate wieder in Glenwood lebte, war er schon wieder im Krankenhaus gelandet. Verflucht!

„Sie waren wunderbar“, sagte Holly mit belegter Stimme. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn …“ Ihre Stimme schwankte.

„Äh, ja … Aber es ist ja nichts passiert, stimmt’s?“

Sie schniefte. „Danke“, murmelte sie und drückte seine Hand.

„Ich habe nur meinen Job gemacht“, brummte er. Und den auch noch miserabel. Der Spott seiner Kollegen war ihm jedenfalls sicher, wenn er wieder zu seiner Arbeit bei der Feuerwehr zurückkehrte.

Dem Pochen in seinen Beinen und im Rücken nach zu urteilen, würde das jedoch nicht allzu bald sein. Alle hatten gesehen, was passiert war. Er hatte die Katze gefunden und war sicher aus der Wohnung herausgekommen. Das zappelnde Fellbündel hatte er unter seiner Jacke festgehalten, bis es draußen auf dem Balkon versucht hatte, sich zu befreien. Aus Angst, die Katze könnte von den Feuerwehrwagen überfahren werden oder in der Menschenmenge verschwinden, umklammerte er sie so fest er konnte. Fast hätte das Biest den Kampf gewonnen, doch dann bekam Jordan das Nackenfell zu packen. Leider hatte er aber bei dem Gerangel den Halt auf den nassen Holzbohlen verloren und war seitlich vom Balkon heruntergefallen.

Vor aller Augen. Er fluchte innerlich.

„Ist irgendetwas gebrochen?“, fragte er, den Blick auf sein Bein unter der weißen Decke gerichtet. Er konnte nicht sehen, ob es eingegipst war.

Holly schüttelte den Kopf. „Nein. Der Tierarzt hat Mistletoe untersucht, es geht ihr prima.“

„Ich meinte nicht die Katze“, antwortete er trocken.

Nachdem sie ihn ein paar Sekunden angestarrt hatte, stieg ihr die Röte ins Gesicht, vom Hals über die Wangen und weiter bis unter die Haarwurzeln.

Ihr Mund formte einen perfekten Kreis. „Oh.“ Dann senkte sie den Blick und schien erst jetzt zu bemerken, dass sie seine Hand festhielt. Sie ließ ihn los. „Oh, entschuldigen Sie. Sie meinten Ihre Verletzungen. Darüber weiß ich nichts. Die Schwester meinte, Sie können morgen wieder nach Hause, falls Ihnen das weiterhilft.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Es tut mir leid, dass wir Ihnen so viel Ärger beschert haben.“

Seine Hand fühlte sich kalt an, seit Holly sie nicht mehr berührte. Er vermisste ihre Wärme und den leichten Herzschlag – ganz zu schweigen von ihren eindrucksvollen Brüsten.

„Ich habe nur meinen Job gemacht“, wiederholte er sich lahm.

Doch sie schüttelte erneut den Kopf. „Sie haben mehr als das getan. Es war gefährlich, wegen Mistletoe zurück ins Haus zu gehen. Ein Feuerwehrmann hat mir gesagt, dass Einsturzgefahr bestand. Und Sie haben sich verletzt. Es tut mir so leid. Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, sagen Sie es mir bitte.“

Tatsächlich hätte er sie beinahe gebeten, wieder seine Hand zu nehmen. Aber bevor er seinen Wunsch äußern konnte, öffnete sich die Tür und ein halbes Dutzend Menschen strömte herein.

Jordans jüngerer Bruder Kyle war der Erste. „Hab gehört, du bist von einem Haus gefallen“, grinste er. „Was tut man nicht alles, um zum Helden zu werden.“

Zwei von Jordans Schwägerinnen schoben ihn aus dem Weg und eilten zum Krankenbett.

„Wie geht es dir?“, erkundigte sich Elizabeth.

„Du kannst dich bei uns erholen“, bot ihm Rebecca an. „Wir haben genug Platz.“

Jordans dritte Schwägerin Sandy fragte: „Hast du dir etwas gebrochen?“

„Ich weiß es noch nicht“, konnte Jordan gerade noch antworten, bevor ihn seine älteren Brüder Travis und Craig mit ihren mehr oder weniger fachmännischen Einschätzungen zu seinem Gesundheitszustand übertönten.

Austin Lucas, ein alter Familienfreund, trat an die andere Seite des Betts und schüttelte Jordans Hand. „Gut zu wissen, dass du bald wieder auf dem Damm bist.“

„Finde ich auch“, erwiderte Jordan. Plötzlich bemerkte er, dass Holly verschwunden war. Irgendwie war sie aus dem Zimmer geschlüpft, als seine Familie hereingekommen war.

„Schon klar, du willst den Macho raushängen lassen, aber damit kannst du mich nicht beeindrucken.“ Elizabeth Haynes hatte die Hände in die Hüften gestemmt.

„Ich bleibe hier, in meinem Haus“, erwiderte Jordan und funkelte sie trotzig an. Dass er flach auf dem Rücken lag, verlieh ihm nicht besonders viel Durchsetzungskraft – aber das hätte er sich niemals eingestanden.

„Gut. Dann bleibst du eben in deinem Haus. Aber nicht allein“, kam die prompte Antwort. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, erklärte Elizabeth. „Entweder du kommst mit einem von uns nach Hause, oder …“

„Ich nehme oder“, entschied er schnell.

„Oder Louise bleibt hier und kümmert sich um dich.“

Zornig starrte er seine Schwägerin an.

„Ich weiß“, sagte sie. „Du hasst Louise. Keiner versteht warum, nicht einmal Louise. Aber es gibt keine Alternative. Der Arzt hat gesagt, dass du zwei Wochen liegen sollst, also muss sich jemand um dich kümmern. Such’s dir aus, Jordan. Bleib hier mit Louise oder komm mit zu einem deiner Brüder.“

Völlig entnervt drehte Jordan das Gesicht zum Fenster und blickte in den hellblauen Himmel und auf ein paar weiße Schäfchenwolken.

Louise. Er fluchte innerlich. Keiner wusste, warum er sie nicht mochte. Doch er kannte die Wahrheit, kannte ihr schmutziges Geheimnis. Seit siebzehn Jahren trug er es schon mit sich herum. Alle akzeptierten sie wie ein Familienmitglied. Alle außer Jordan. Er misstraute ihren Gründen, die Nähe zu den Brüdern zu suchen.

„Also?“ Elizabeth gab keine Ruhe.

„Du lässt mir ja keine Wahl.“

„Genau das ist meine Absicht.“

Er holte tief Luft. Das viktorianische Herrenhaus hatte er vor weniger als zwei Monaten gekauft. Bis jetzt war von seinen Renovierungskünsten kaum eine Spur zu sehen. Vielleicht konnte er einiges erledigen, während er sich erholte. Vor Neujahr durfte er ohnehin nicht zur Feuerwehr zurück.

„Ich bleibe hier“, erklärte er und bereute seine Entscheidung sofort.

„Wie du meinst.“ Elizabeth lehnte sich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Sei nett zu ihr, ja? Sie tut dir einen Gefallen.“

„Kein Problem.“

Da lachte sie. „Alter Lügner. Du wirst ihr das Leben zur Hölle machen, aber ich liebe dich trotzdem. Pass auf dich auf und sei nett zu Louise.“

Sie winkte ihm zu und verschwand in den Flur.

Holly parkte ihren Wagen vor dem viktorianischen Haus. Sie bestaunte den Bau und wünschte, sie hätte das Geld für so ein Haus. Das Erdgeschoss wäre ihr Verkaufsraum, und in den oberen Etagen würde sie wohnen. Sie lächelte. Es war ein schöner Traum, der nichts mit der Realität zu tun hatte.

Bevor sie aus dem Auto stieg, nahm sie die rosa Schachtel aus der Konditorei vom Beifahrersitz. Der Abend war ruhig. Nur der Gesang einer Amsel durchdrang die Stille. Sie sog tief die Luft ein und inhalierte den Duft der Bäume und eines entfernten Feuers. Der heimelige Geruch erinnerte sie daran, dass ihr eigenes Zuhause vor drei Tagen zerstört worden war. All ihr Besitz war irreparabel zerschlagen oder vom Wasser durchweicht. Aber wenigstens war Mistletoe in Sicherheit.

Die Keksschachtel fest umklammert stieg Holly die Treppenstufen hinauf. Zwar konnten die gekauften Kekse ihre Schuld gegenüber Captain Jordan Haynes nicht ansatzweise begleichen, aber mehr hatte sie im Moment nicht zu bieten. Im Augenblick verfügte sie über keine eigene Küche. Sobald sie das Geld für eine neue Wohnung beisammenhatte, würde sie ihm etwas Wunderbares backen.

Sie nahm die letzten drei Stufen, die zur Veranda hinaufführten.

„Du bist der größte Dickschädel, der mir in meinem verkorksten Leben jemals begegnet ist.“

Die laute Stimme ließ Holly zurückschrecken. Verunsichert starrte sie auf die Tür. Sie hatte die Hand bereits zum Klopfen erhoben, aber offensichtlich war es gerade ungünstig.

Eine tiefe männliche Stimme grollte etwas zurück, aber Holly konnte die einzelnen Wörter nicht verstehen.

„Wenn mir der Rest der Familie nicht so wichtig wäre, würde ich dich einfach hier liegen und verhungern lassen“, schimpfte die Frau weiter. „Und es geschähe dir recht. Nicht einmal mein seliger Alfred hat sich so mit seinem Essen angestellt.“

Wieder grollte die Männerstimme eine Antwort.

„Gut. Dann sei eben beleidigt. Du magst ja sowieso nichts an mir. Was wundert es mich da, dass du dich beschwerst, wenn ich dich mit einem Hund vergleiche? Oh, und übrigens war Alfred deutlich hübscher als du.“

Bevor Holly zurückweichen konnte, flog die Haustür auf. Eine Frau stand im Eingang und starrte ihr entgegen. „Dachte ich mir doch, dass ich ein Auto auf der Einfahrt gehört habe“, rief sie.

Holly wusste nicht, was sie tun sollte. Linkisch stand sie auf der Veranda, mit einem Bein schon bereit zur Flucht.

„Ich …“, brachte sie hervor, dann brach sie ab. „Ich wollte zu Captain Haynes, aber ich komme lieber später wieder. Jetzt ist wohl nicht der beste Zeitpunkt.“

Die Frau verzog den Mund. „Mit dem gibt es nie einen guten Zeitpunkt. Er ist der dickköpfigste, sturste und schwierigste Mann, der mir jemals untergekommen ist.“ Sie hielt inne und schüttelte den Kopf. „Warum Sie ihn besuchen wollen, ist mir zwar ein Rätsel, aber Sie können ebenso gut hereinkommen. Vielleicht bringen Sie ihn ja zur Vernunft. Ach übrigens, ich bin Louise, Louise Carberry.“

Da Louise ihr die Tür aufhielt, zwang Holly sich hindurchzugehen. Drinnen trat sie unsicher von einem Fuß auf den anderen und beäugte ihre Gastgeberin.

Die Frau trug ein knallgelbes langärmeliges Shirt, das sie in ihre kobaltblaue Stoffhose gestopft hatte. Der silberfarbene Gürtel um ihre Hüften passte zu den silbernen Monden und Sternen, die sie als Ohrringe trug. Obwohl Holly noch ihre dezent hochhackigen Schuhe von der Arbeit an hatte, waren die zwei Frauen etwa auf Augenhöhe.

„Was machst du?“, fragte die männliche Stimme.

„Ich bin zur Tür gegangen. Hör auf, dich wie ein Kleinkind zu benehmen. In deiner Nähe willst du mich nicht haben, aber wenn ich weggehe, fängst du an zu quengeln. Entscheide dich mal, Jordan.“

„Wer ist da?“, fragte er.

Louise verdrehte die Augen. „Eins von deinen Frauenzimmern.“

„Oh, nein“, warf Holly ein. „Ich bin nicht …“

„Welche?“

Louise streifte sie mit einem Blick. „Wie heißen Sie?“

„Holly, aber ich bin nicht …“

„Holly“, brüllte sie quer durch das Haus.

Jordan blieb still. Vermutlich versuchte er, sich an ihr Gesicht zu erinnern.

„Ich bin keine von Captain Haynes’ Frauen“, sagte sie.

Da lächelte die andere. „Dann sind Sie ein cleveres Mädchen. Der Kerl da hinten ist einfach nur ein anstrengendes Ekel! Und wer sind Sie dann?“

„Mein Name ist Holly Garrett.“ Holly klemmte die Schachtel unter den linken Arm und streckte ihre Hand aus. „Meine Wohnung wurde bei dem Unwetter in der letzten Woche zerstört. Captain Haynes ist hineingegangen, um meine Katze zu retten.“ Sie schüttelte Louises Hand. „Meinetwegen hat er sich verletzt. Streng genommen war Mistletoe schuld, aber ich fühle mich verantwortlich.“

„Mistletoe?“

„Meine Katze. Als er mit ihr aus der Wohnung kam, hat sie sich erschreckt und wollte weglaufen. Captain Haynes hat sie festgehalten, dabei aber den Halt unter den Füßen verloren und ist vom Balkon gefallen. Ich habe ein schrecklich schlechtes Gewissen.“

Louises Mundwinkel begannen zu zucken. Sie lachte in sich hinein. „Zu Fall gebracht von einer Katze. Geschieht ihm recht.“

„Ich habe Kekse mitgebracht.“ Holly hielt ihr die Box entgegen. „Es ist nichts Großes. Sie sind auch nicht selbst gemacht. Ich habe gerade keine Küche – ich wünschte, ich hätte eine. Ich koche und backe unglaublich gern.“

„Louise!“, brüllte Jordan.

„Warte einen Moment!“, rief Louise zurück. Dann senkte sie die Stimme: „Früher als in zwei Wochen wird er nicht aufstehen können. Ich glaube nicht, dass ich es so lange mit ihm aushalte.“

„Und Sie sind seine …“

„Seine Haushälterin. Nur vorübergehend. Sehr vorübergehend. Möchten Sie einen Kaffee?“ Louise wartete die Antwort nicht ab, sondern ging schnurstracks in Richtung der hinteren Zimmer des Hauses.

Holly lief ihr nach. Staunend bemerkte sie den stattlichen Kronleuchter, der von der Decke zwei Stockwerke weiter oben in die Eingangshalle herabhing. Die winzigen kristallenen Tropfen waren echt. Sie fingen das Licht ein und brachen es in alle Regenbogenfarben. Bewundernd musterte Holly das handgeschnitzte Treppengeländer und den gut erhaltenen Bodenbelag. Sie stellte sich das Haus vor, wie es einmal gewesen sein musste. Und wie es aussehen könnte, wenn man genügend Zeit, Geld und Liebe hineinsteckte.

„Er ist da drin“, sagte Louise und zeigte auf eine halb geöffnete Tür.

Dahinter erkannte Holly eine Bibliothek. Noch weiter hinten, wo früher vermutlich das Studierzimmer gewesen war, erspähte sie durch eine weitere Tür das Fußende eines Betts.

„Wie geht es ihm?“

Die andere schnaubte. „Gemessen an seiner schlechten Laune geht es ihm stündlich besser.“

Sie betraten die große Küche. Auf dem Tisch in der Mitte des Raums stand ein Tablett. Louise deutete darauf. „Das isst er nicht, hat er gesagt. Können Sie sich das vorstellen? Mein ganzes Leben koche ich nun schon, aber Seiner Hoheit ist es nicht gut genug.“

Genüsslich betrachtete Holly den Teller mit Hackbraten, Kartoffelpüree und Gemüse. Es roch wunderbar. Ihr Magen knurrte. Seit dem Morgen hatte sie nichts mehr gegessen, und auf einmal merkte sie, wie hungrig sie war.

„Bedienen Sie sich“, bat Louise.

„Oh, das kann ich nicht annehmen.“

„Louise!“, rief Jordan inzwischen wutentbrannt.

Daraufhin sah Holly zuerst auf das Tablett und dann in Richtung des provisorischen Krankenzimmers. Sie stand tief in Jordan Haynes’ Schuld, schließlich hatte er ihre Katze gerettet. Mistletoe war ein Geschenk ihrer Mutter gewesen – zum letzten Weihnachtsfest, bevor sie starb. Mit einem simplen Abendessen konnte sie sich nicht annähernd bei ihm revanchieren, aber es wäre vielleicht ein Anfang. Sie wusste zwar nicht viel über Männer, doch in Krankenzimmern kannte sie sich bestens aus.

„Vielleicht kann ich helfen“, bot sie vorsichtig an.

„Nur zu, Schätzchen.“ Louise warf einen Blick zur Uhr über dem Herd. „In vierzig Minuten fängt meine Abendschule an. Ich habe keine Zeit, etwas Neues für Jordan zuzubereiten. Warum gehen Sie nicht einfach zu ihm? Und wenn Sie etwas für ihn kochen wollen, dann tun Sie sich keinen Zwang an.“

„Danke“, sagte Holly und ging zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sie kannte einige Gerichte, die garantiert den Appetit eines Kranken anregten. Schließlich hatte sie jahrelang ihre Mutter versorgt.

„Ach, noch etwas, Holly!“, rief Louise ihr nach.

Sie blieb stehen und sah über die Schulter zurück. „Ja?“

„Sagen Sie ihm, er soll sich etwas anziehen.“

2. KAPITEL

Jordan sollte sich etwas anziehen? Holly blinzelte mehrmals. „Sie meinen, er ist …“ Das Wort konnte sie nicht einmal laut aussprechen, aber denken konnte sie es. Nackt?

Louise zwinkerte ihr zu. „Gehen Sie einfach und finden Sie es heraus. Und seien Sie unbesorgt – es ist nichts an ihm, das Sie nicht schon Dutzende Male gesehen haben.“

Darauf lächelte Holly schwach und machte sich auf den Weg zum Studierzimmer. Tatsächlich hatte Louise unrecht: An Jordan war doch etwas, das Holly noch nie gesehen hatte – zumindest, wenn er nackt war.

Als sie durch die Bibliothek ging, bemerkte sie die maßgezimmerten Bücherschränke, die vom Boden bis zur Decke reichten. In jeder Ecke des Raums hingen große kristallene Lampenhalter. Dann erschien vor ihren Augen das Fußende eines Betts, und ihre Schritte verlangsamten sich. Er war nackt? Das konnte Louise ihr nicht antun.

An der Tür blieb Holly stehen und räusperte sich. Vielleicht sollte sie ihn warnen, bevor sie eintrat. Wenn er wirklich … nackt war, konnte er sich schnell zudecken.

Trotzdem zögerte sie. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Allein der Gedanke an den attraktiven Feuerwehrmann machte sie schon nervös. Im Krankenhaus war sie so besorgt um ihn gewesen, dass sie kaum auf sein Aussehen geachtet hatte. Aber nachdem er aufgewacht war und sie miteinander geredet hatten, hatte sie an nichts anderes mehr denken können. Plötzlich waren Schmetterlinge in ihrem Bauch herumgeflattert, und sie hatte keinen vollständigen Satz mehr herausgebracht. Zum Glück war seine Familie aufgetaucht. Bevor sie sich völlig blamierte, hatte sie Reißaus genommen.

Und jetzt stand sie hier mit einem Fuß in seinem Schlafzimmer. Na ja, es war ja kein richtiges Schlafzimmer. Er schlief nur im Erdgeschoss, weil es praktischer war und er keine Treppen steigen musste. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihre Mutter das erste Mal ins Wohnzimmer umquartiert hatten. Bei diesen trüben Gedanken musste Holly seufzen. Mit Männern hatte sie wenig Erfahrung, aber sie wusste, wie man einen Kranken versorgte. Und deshalb war sie hier – weil Jordan Haynes sich verletzt hatte. Wenn sie sich darauf konzentrierte und sein Aussehen vergaß, würde schon alles gut gehen.

„Captain Haynes?“, fragte sie leise, während sie die Kratzer auf dem Fußboden betrachtete. „Hier ist Holly Garrett. Wir kennen uns aus dem Krankenhaus. Kann ich hereinkommen?“

„Klar.“

Sie wartete und lauschte, ob er sich die Bettdecke überzog. Aber es war nichts zu hören. Kranke und Verletzte hatten vieles gemeinsam, rief sie sich ins Gedächtnis. Sie langweilten sich, sie wurden verbittert und ihrer Schmerzen und der Einsamkeit überdrüssig. Wenn der Anblick seines nackten Körpers sie verunsicherte, würde sie eben nicht tiefer als bis zum Hals sehen.

Also holte sie tief Luft, setzte ein breites Lächeln auf und betrat das umfunktionierte Büro.

Dichte Gardinen waren vor zwei große Fenster gezogen. Morgens bekam das Zimmer ohne die Vorhänge direktes Sonnenlicht. In der Mitte des Raums stand ein Krankenhausbett. Holly kannte das Modell: Mithilfe eines elektrischen Motors konnte der Kranke das Kopf- und Fußende bis zur gewünschten Position verstellen. Ein niedriger Tisch und ein Küchenstuhl standen neben dem Bett.

Holly ignorierte den Patienten, solange es ging. Dann schickte sie ein kleines Bittgebet für mehr Mut zum Himmel und wandte ihm den Blick zu.

Er war nicht nackt. Jedenfalls nicht ganz. Trotzdem blieb ihr die Luft weg, ihr Herz setzte aus, und sie hatte das unangenehme Gefühl, feuerrot zu werden.

Jordan hatte seine Rückenlehne erhöht, sodass er beinahe aufrecht saß. Die dunklen Haare fielen ihm in die Stirn, und er musterte Holly aus seinen ebenso dunklen Augen. Vielleicht war es wegen seiner maskulinen Gesichtszüge und des markanten Kinns, vielleicht spielte auch ihre Wahrnehmung verrückt. Aber sie war sicher, dass sie nie einen schöneren Mann gesehen hatte. Die Muskeln in ihren Beinen fühlten sich merkwürdig an, und erst nach einer Weile begriff sie, dass ihre Knie zitterten.

„Suchen Sie nach Beweisen für meine Verletzungen?“, fragte er.

Ihr wurde bewusst, dass sie ihn angestarrt hatte. Jetzt gab es keine Zweifel mehr an ihrer Gesichtsfarbe, denn die Hitze schoss ihr vom Hals in die Wangen. Sie sah betreten zu Boden.

„Ich …“ Was sollte sie sagen?

„Setzen Sie sich.“

Gehorsam sank sie auf den Stuhl und faltete die Hände im Schoß.

„Sie sind die Frau mit der Katze“, stellte er fest.

Vorsichtig riskierte sie einen Blick auf sein Gesicht. Er schien nicht wütend zu sein. „Ja. Sie haben sie gerettet. Ich möchte nicht stören. Ich wollte nur sehen, wie es Ihnen geht.“

Er musterte sie ebenso aufmerksam wie sie ihn vor einigen Minuten. Obwohl sie sich unter seinem prüfenden Blick wand, wagte sie nicht, zu protestieren. Gerecht war gerecht.

„Haben Sie die Katze mitgebracht, um mir den Rest zu geben?“, fragte er schließlich.

Zuerst verstand sie nicht, dass er sie neckte. Dann lächelte sie. „Mistletoe ist sehr lieb. Sie wollte Ihnen bestimmt nichts Böses tun. Sie hatte nur Angst.“

„Ja, klar. Ich habe den Ausdruck in ihren Augen gesehen. Sie war froh, als ich vom Balkon stürzte.“ Sein Blick huschte über ihr Gesicht. „Was ist mit Ihren Haaren?“

„Mit meinen Haaren?“ Sie tastete nach dem Zopf an ihrem Hinterkopf. „Nichts. Ich habe sie nur geflochten.“

„Lassen Sie sehen.“

Also rückte sie den Stuhl herum und drehte sich zur Seite. Das Ende des Zopfs hatte sie im Nacken zu einer Schlaufe hochgesteckt.

„Ich mag es offen“, sagte er. „Sie haben sehr schönes Haar.“

„Oh.“ Sie blinzelte. „Ähm, danke.“

Hatte er ihr gerade ein Kompliment gemacht? Anscheinend schon. Warum? Machten Männer und Frauen das so? Flirtete er etwa mit ihr? Niemals, nicht mit ihr. Sie war nicht sein Typ. Eigentlich hatte sie keine Ahnung von seinem Geschmack, aber mit Sicherheit stand sie am untersten Ende der Skala. Er war verletzt, das war alles. Vielleicht halluzinierte er auch.

Sie räusperte sich und wünschte, sie würde sich mit solchen Situationen besser auskennen. Aber mit einem Mann mit freiem Oberkörper hatte sie noch nie ihre Zeit verbracht.

„Ich habe Kekse mitgebracht“, erklärte sie. „Aus der Bäckerei. Meine Küche ist hin, aber wenn ich wieder eine habe, backe ich selbst etwas – ich meine, wenn es Ihnen keine Umstände macht.“

„Mit so einer Art von Umständen komme ich klar“, antwortete er lächelnd.

Das Lächeln erwischte sie mit voller Breitseite. Um seine dunklen Augen bildeten sich kleine Fältchen. Die weißen Zähne blitzten, und das ohnehin attraktive Gesicht wurde fast unerträglich schön. In ihr brodelte es, und sie fühlte sich, als würde sie jeden Moment abheben. Wow. Sie sollte wirklich öfter ausgehen.

„Ich bin ziemlich hungrig“, stellte er fest. „Könnten Sie mir ein paar von den Keksen bringen? Ich würde sie auch selbst holen, aber ich bin …“ Er deutete auf das Laken.

„Nackt“, vollendete sie seinen Satz, ohne nachzudenken.

„Wie? Nein. Ich soll nur ein paar Tage nicht aufstehen. Ich bin nicht nackt.“

Hatte sie tatsächlich nackt gesagt? Holly vergrub ihr Gesicht in den Händen und stöhnte auf. „Nein“, stotterte sie. „Ich meinte … Das heißt, ich …“

„Holly?“

Leise rief er sie beim Namen. Am liebsten wäre sie aus dem Zimmer gerannt, aber ihre Beine waren wie aus Gummi.

„So habe ich das nicht gemeint“, murmelte sie. „Louise meinte, ich solle Ihnen raten, etwas anzuziehen. Also dachte ich …“

„Ist schon in Ordnung.“

Vorsichtig ließ sie die Hände ein wenig sinken, bis sie nur noch ihren Mund bedeckten. Dann blinzelte sie in seine Richtung. Er lächelte nicht, aber er sah auch nicht verärgert aus. Erleichtert seufzte sie und ließ die Hände in den Schoß fallen. „Entschuldigen Sie. Ich hole jetzt die Kekse.“

Noch immer zitterte sie, doch sie ignorierte es. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen. „Ich bin eine gute Köchin“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, und betrachtete stattdessen die Tür zur Bibliothek. „Wenn Sie Louises Abendessen nicht mögen, könnte ich Ihnen etwas anderes kochen.“ Sie schluckte. „Vergessen Sie’s. Das war keine gute Idee.“

Wie auch immer. Besser, sie verschwand, bevor sie sich noch einmal blamierte. Sie wollte Jordan erklären, dass es nicht ihre Schuld war. Außer den Ärzten ihrer Mutter hatte sie nie etwas mit Männern zu tun gehabt. Für Holly hätten sie genauso gut Marsmenschen sein können.

„Das wäre schön“, sagte er.

Überrascht wirbelte sie herum. „Wirklich?“

„Ja, hört sich gut an. Aber nur, wenn Sie mir Gesellschaft leisten. Seit zwei Tagen habe ich mit niemandem geredet. Das macht mich noch verrückt.“ Wieder schenkte er ihr dieses Wahnsinnslächeln.

Sie zwang sich zurückzulächeln, obwohl sie am ganzen Körper schlotterte und ihr Herz gegen die Rippen donnerte. „In Ordnung. Ich beeile mich.“

„Ich kann es kaum erwarten.“

Später konnte Holly sich nicht mehr erinnern, wie sie vom Krankenzimmer durch die Bibliothek und den Flur gekommen war. Ehe sie sich versah, schwebte sie durch die Küchentür. Dort lehnte Louise an der Spüle und hob fragend die blonden Augenbrauen.

„Nun?“, fragte sie.

„Ich habe ihm angeboten, etwas für ihn zu kochen. Er hat Ja gesagt.“

Die Ältere schüttelte den Kopf. „Er ist der dickköpfigste Mann, den ich jemals getroffen habe. Fühlen Sie sich wie zu Hause.“ Sie ging an den Kühlschrank und zog zwei Steaks heraus.

Zweifelnd betrachtete Holly das Fleisch. „Kann er so viel essen?“

Louise grinste. „Er bekommt nur eins davon. Das andere ist für Sie. Ich habe Ihren Magen knurren gehört. Sie haben den ganzen Tag gearbeitet, nicht wahr? Keine Zeit gehabt für eine Mittagspause?“

Bevor sie etwas erwidern konnte, nickte Louise und fuhr fort: „Ich weiß, wie es den jungen Leuten geht. Tausend Sachen im Kopf, nur nicht die Gesundheit.“ Sie zeigte auf das unterste Fach im geöffneten Kühlschrank. „Hier ist jede Menge frisches Gemüse. Er isst es gern gedämpft. Natürlich nicht von mir.“

„Was hat er gegen Sie?“, fragte Holly.

„Ich weiß es nicht. Er war schon immer so. Seit Jahren arbeite ich hin und wieder für die Familie. Es gibt vier Haynes-Brüder – fünf, wenn Sie Austin mitzählen. Er ist zwar kein offizielles Familienmitglied, aber es macht kaum einen Unterschied. Ich habe den Frauen mit ihren Babys geholfen, für die Junggesellen gekocht, die Kranken gepflegt …“ Mit dem Kopf deutete sie in Richtung des Arbeitszimmers, „… und die Verletzten versorgt.“ Sie lächelte. „Sie sind wunderbare Leute. Nur er nicht.“

„Warum sind Sie dann hier?“

Louise schlüpfte in ihre Jacke. Dann angelte sie sich den Rucksack vom zweiten Haken und warf ihn sich über die Schulter. „Weil mir die Familie viel bedeutet. Ich habe zugesagt, mich um ihn zu kümmern. So Gott will, werde ich es überleben. Aber Jordan ist ein notorischer Miesmacher. Fragen Sie mich nicht warum. Er hat es mir nie erklärt, und ich habe ihn nicht gefragt. Vielleicht hole ich das demnächst einmal nach.“

Sie öffnete die Hintertür. „Mein Unterricht beginnt um sieben. Gegen halb elf bin ich zurück.“

„Oh, bis dahin bin ich längst weg“, erwiderte Holly. „Ich mache nur schnell sein Abendessen, dann verschwinde ich.“

„Danke, ich weiß es zu schätzen. Zur Abendschule wäre ich zwar so oder so gegangen, aber ich hätte die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen gehabt.“ Mit einem verschmitzten Lächeln verschwand Louise.

Jordan sah zu, wie Holly ein voll beladenes Tablett ins Zimmer trug. Sie hatte eine Schürze gefunden und sie über die weiße Rüschenbluse und den langen blauen Rock gebunden. Die großen Augen leuchteten vor Aufregung, und ihre bebenden Mundwinkel zauberten fast ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Haben Sie Hunger?“, fragte sie.

Er inhalierte den würzigen Duft des Steaks und der gebackenen Kartoffeln mit Brokkoli. „Wie ein Bär.“

Vorsichtig stellte sie das Tablett auf den Tisch neben dem Bett. Auch dieses Möbelstück hatte Jordan in einem Sanitätsgeschäft gemietet. Wenn er schon wochenlang diese Einschränkungen erdulden musste, wollte er es wenigstens gemütlich haben. Der Tisch ließ sich leicht herumschieben und über dem Bett in die richtige Höhe bringen.

Holly griff nach der Fernbedienung für das Krankenbett. „Mögen Sie sich aufrechter hinsetzen? Dann können Sie besser essen.“

„Gern.“

Wie eine Expertin bediente sie die Knöpfe. Anschließend erhöhte sie die Tischplatte um einige Zentimeter, schob sie näher an Jordan heran und reichte ihm eine auseinandergefaltete Serviette. Die Krankenschwester spielt sie perfekt, interessant, dachte Jordan bei sich.

Auf dem Tablett erblickte er zwei Teller. „Danke, dass Sie mit mir essen“, sagte er. „Manchmal habe ich das Alleinsein satt.“

„Ich bin froh, dass Sie nichts dagegen haben. Louise schlug vor, ich sollte mich zu Ihnen setzen. Ich wollte Sie fragen, aber …“ Sie brach ab.

Ihre Geschäftsmäßigkeit verschwand so rasch, wie sie gekommen war. Als wagte sie nicht, ihn direkt anzusehen, betrachtete sie Jordan aus den Augenwinkeln. Verwundert bemerkte Jordan den Wechsel in ihrem Verhalten. Hatte sie die Veränderung beabsichtigt oder gar nicht bemerkt? Dann erinnerte er sich, dass er mittlerweile fast drei Tage lang dieselben vier Wände anstarrte. Zwar hatte ihn seine Familie besucht, aber das füllte die Zeit nicht annähernd aus. Holly hätte ebenso gut eine Serienmörderin sein können, es hätte ihn nicht gekümmert. Er war ihr dankbar für die Gesellschaft, was auch immer sie antrieb.

Sie nahm ihren Teller auf den Schoß. Währenddessen schnitt er sich einen Bissen vom Steak herunter und kostete. Das Fleisch war perfekt zubereitet.

„Köstlich“, schwärmte er, nachdem er es heruntergeschluckt und sich zurückgelehnt hatte. „Also, Katzenhalterin Holly Garrett, wie haben Sie mich gefunden?“

„Ich bin zur Feuerwehrstation gegangen. Dort wollte ich die Kekse einem Ihrer Kollegen geben, damit jemand sie Ihnen vorbeibringen kann.“

„Von wegen. Die wären garantiert innerhalb von dreißig Sekunden verschwunden.“

Sie lächelte. „Genau das hat der diensthabende Captain auch gesagt und mir Ihre Adresse gegeben. Hoffentlich nehmen Sie es ihm nicht übel.“

„Das geht in Ordnung. Glenwood ist eine kleine Stadt. Jeder kennt hier jeden. Darum bin ich auch zurückgekommen.“

„Wo waren Sie denn vorher?“

„In Sacramento. Aber hier bin ich aufgewachsen. Nachdem ich mich entschieden hatte, Feuerwehrmann zu werden, zog ich weg.“

Sie zerteilte ein Brokkolistück und spießte es mit der Gabel auf. „Gibt es dafür in Glenwood keine Ausbildung?“

„Hier im County schon, das war nicht das Problem. Aber mein Vater war der Sheriff, sein Vater war Polizist, und auch meine Onkel sind Polizisten. Ich habe drei Brüder – und alle sind Polizisten.“

„Sie wollten, dass Sie den gleichen Weg einschlagen“, stellte Holly fest.

„Genau.“ Er erinnerte sich an die Kämpfe mit seinem Vater. Seine Brüder hatten ihn zwar wegen seiner Wahl aufgezogen, unterstützten ihn aber trotzdem. Nicht so jedoch Earl Haynes, der ihm mit Enterbung drohte. Aber zu der Zeit gab Jordan ohnehin kaum noch etwas auf die Meinung des alten Herrn. Nicht nach allem, was er getan hatte.

Holly legte den Kopf schief. „Sind Sie glücklich mit Ihrem Beruf?“

„Ja. Aber ich mochte nicht länger von meinen Brüdern und ihren Familien getrennt sein, darum habe ich mich hier beworben. Als eine Stelle für einen Feuerwehrhauptmann frei wurde, bekam ich die Zusage.“ Er grinste. „Einer meiner Brüder ist hier Sheriff. Er hat zwar nichts gesagt, aber bestimmt hat er ein gutes Wort für mich eingelegt.“

Als sie darauf leise lachte, ging ihm der weiche Klang unter die Haut, und die Wärme taute für einen Augenblick das Eis in seinem Herzen. Dann verklang ihr Lachen. Ihre Augen verdunkelten sich, was Jordan nur als Traurigkeit deuten konnte.

Sei nicht albern, rief er sich selbst zur Ordnung. Schließlich kannte er diese Frau zu wenig, um ihre Gefühle zu lesen.

„Ihre Familie scheint wundervoll zu sein“, meinte Holly, wobei ihr Tonfall seinen Verdacht bestätigte. „Ich kann verstehen, warum Sie in ihrer Nähe sein wollten. Wie lange sind Sie wieder hier?“

„Sechs Monate.“

„Zu der Zeit bin ich auch hergekommen.“

„Was hat Sie denn hierher verschlagen? Glenwood ist ja nicht gerade eine lebhafte Metropole.“

„Meine Mutter und ich haben einen Laden geerbt.“

Also war sie keine Krankenschwester. „Welchen?“

„Das Antiquitätengeschäft gegenüber vom Park. Es heißt jetzt ‚Der Viktorianische Salon‘.“

„Ich meine mich zu erinnern, dass die Ladenräume lange Zeit leer standen. Wann haben Sie und Ihre Mutter denn das Geschäft geerbt?“

„Vor fünf Jahren ist die Tante meiner Mutter gestorben und hat es uns vermacht.“

Nachdenklich schob sie das letzte Stück ihres Steaks auf dem Teller herum, schließlich stellte sie ihn auf den Boden. „Meine Mutter war jahrelang krank. Sie hatte Brustkrebs, der immer wieder zurückkam. Wir haben oft über den Antiquitätenladen gesprochen. Er war unser gemeinsamer Traum.“ Holly lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und faltete die Hände im Schoß. „Als sie vor drei Jahren starb, habe ich erst die restlichen Arztrechnungen abgestottert und dann so lange gespart, bis ich hierherziehen konnte.“

Sie hatte ihre Geschichte schlicht gehalten. Natürlich war ihm bewusst, dass sie ihm viele Details erspart hatte. Jordan fragte sich nach ihrer Familie. War sie ein Einzelkind, und wo war ihr Vater? Aber er mochte selbst keine Fragen, und er würde Holly nicht drängen, ihm zu antworten. Wenigstens war nun ein Teil des Rätsels gelöst: Wegen der langen Krankheit ihrer Mutter kannte sich Holly in Krankenhäusern gut aus. Kein Wunder, dass sie so überzeugend die Krankenschwester spielte.

„Gefällt es Ihnen, ein eigenes Geschäft zu haben?“, fragte er.

„Ich würde nichts lieber tun. Als ich in der Highschool war, hatte ich einen Teilzeitjob in einem Antiquitätenladen. Nach meinem Abschluss begann ich, dort voll zu arbeiten. Irgendwann möchte ich ein Haus wie dieses kaufen und es von Grund auf renovieren.“

„Zwei meiner Brüder haben so ähnliche Häuser. Travis ist mit seinem fertig, aber Kyle und Sandy kämpfen noch mit der Sanierung der Wasserleitungen. Wenn ich wieder gesund bin, kann ich sie Ihnen zeigen, wenn Sie möchten.“

„Das wäre toll. Was haben Sie mit diesem Haus vor?“

„So genau weiß ich es noch nicht. In einigen Zimmern will ich die Tapeten von den Wänden ziehen. Sie können sich nicht vorstellen, was die Leute auf schönstes Holz kleistern.“

„Das können Sie laut sagen. Ich kann Ihnen Dinge erzählen … Es sollte verboten werden.“ Sie rückte mit ihrem Stuhl näher an sein Bett. „Einmal war ich bei einer Wohnungsauflösung, da hatte die Frau jedes Möbelstück mit Goldfarbe bemalt. Es war entsetzlich.“

Während Holly weitererzählte, fiel es Jordan immer schwerer, sich zu konzentrieren. Stattdessen starrte er in ihr Gesicht. Als sie ihn im Krankenhaus besucht hatte, waren ihm ihre Sommersprossen und das dezente Make-up aufgefallen. Auch heute betonte dunkler Mascara ihre Wimpern, aber ansonsten war sie so ungeschminkt wie eine Zehnjährige.

Er registrierte, wie sich ihre Lippen beim Sprechen bewegten und die Augen vor Begeisterung sprühten, während die Arme und der ganze Körper in Bewegung waren. Dann wurde sein Blick von ihrem Brustkorb angezogen. Ihre Kurven fielen definitiv üppig aus. Seine Hände könnten ihre Brüste nicht umfassen, aber das würde ihn sicher nicht stören.

Er unterdrückte ein Lächeln. Von seiner Familie und Freunden wurde er für verschlossen und grüblerisch gehalten. Manchmal war er fast griesgrämig. Was in aller Welt suchte also diese Frau in seinem Haus? Und warum freute er sich über ihre Gesellschaft?

„Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie die Tapeten abreißen“, hörte er sie sagen. „Ich habe ein Dampfgerät, das Wunder wirkt.“ Mit einem Blick zu der hohen Zimmerdecke stellte sie fest: „Aber sogar damit werden Sie Tage brauchen.“

„Meine Brüder würden mich unterstützen“, sagte er. „Ich habe ihnen oft genug geholfen.“

„Sie sind zu viert, nicht wahr?“

Jordan nickte.

„Das ist schön.“ Sie seufzte. „Ich hätte gern eine große Familie gehabt, aber es gab immer nur meine Mutter und mich.“

Holly war allein. Jordan hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlte. Oft war er bei Familienaktivitäten zwar außen vor und sah eher zu, als dass er Teil des Ganzen war. Aber das lag an ihm und nicht an seinen Geschwistern. Für ihn gab es immer einen Ort, an dem er willkommen war. Eine Welt ohne einen einzigen lieben Menschen war für ihn nicht vorstellbar.

„Halten Sie keinen Mann irgendwo versteckt? Oder einen eifersüchtigen Freund? Zur Selbstverteidigung bin ich nämlich gerade nicht in der Lage.“

Sie errötete. „Wohl kaum. Für so etwas hatte ich bisher keine Zeit.“

Wofür hat sie dann Zeit gehabt? Lass gut sein, Haynes, ermahnte er sich selbst. Diese Frau war nichts für ihn. Anfangs hatte er ihre unschuldige Art in Zweifel gezogen, jetzt beschlich ihn das ungute Gefühl, dass sie echt war. Rein und unverfälscht.

„Wie alt sind Sie?“, fragte er.

„Achtundzwanzig.“

Achtundzwanzig Jahre und noch nie geküsst? Er schob den Rolltisch beiseite. Das war unwahrscheinlich. Sicher hatte sie ihre Erfahrungen gesammelt. Wie konnte sie so aussehen, ohne dass jemand sie geküsst hätte? Bestimmt hing ihr ständig eine Horde von Männern an den Fersen, wo immer sie hinging.

„Haben Sie Freunde in Glenwood?“, erkundigte er sich. Natürlich meinte er männliche Freunde, aber er wollte nicht ungezogen wirken. Außerdem hätte es den Eindruck erweckt, er wäre an ihr interessiert, was natürlich nicht stimmte.

Lügner schalt ihn seine innere Stimme, doch er ignorierte sie.

„Ein paar. Nette Kunden aus meinem Laden. Und meinen Vermieter kenne ich natürlich. Doch, einige Freunde habe ich schon gefunden.“

Während sie sprach, mied sie seinen Blick. Jordan wusste sofort, dass sie log. Sie hatte kaum Freundschaften geschlossen, wollte aber kein Mitleid erregen.

Er dachte an die großartigen warmherzigen Ehefrauen seiner Brüder. Er war überzeugt, dass sie Holly unter ihre Fittiche nehmen und in die Gruppe aufnehmen würden, wenn er ihnen von ihr erzählte. Oder wenigstens würden sie ihr helfen, sich nicht mehr einsam zu fühlen. Aber vielleicht wollte sie nicht, dass er sich einmischte.

Bevor er sie fragen konnte, erhob sie sich und begann, die Teller zusammenzuräumen. „Möchten Sie einen Kaffee?“, erkundigte sie sich.

„Das wäre toll. Und auch ein paar von den Keksen, die Sie mitgebracht haben.“

Sie lächelte ihm kurz zu, dann ging sie aus dem Zimmer. Während er ihren Hüftschwung beobachtete, spürte er, wie sich tief in seinem Inneren etwas regte. Er schob es beiseite, genauso wie sein aufflackerndes Interesse und die Neugier. Es war lange her, seit eine Frau das letzte Mal seine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Sich auf jemanden einzulassen kostete seinen Preis, rief er sich ins Gedächtnis. Einen hohen Preis dafür, jemanden zu mögen. Und er war nicht bereit, noch einmal zu zahlen. Aber das stand auch gar nicht zur Debatte. Holly leistete ihm Gesellschaft, mehr nicht. Bald würde sie gehen, und er brauchte sie nie wiederzusehen. Schlimm genug, sich überhaupt auf eine Frau einzulassen. Aber noch schlimmer wäre es, das Herz einer Unschuldigen aufs Spiel zu setzen.

3. KAPITEL

Mit Kaffee und einem Teller voller Kekse kam Holly zurück. Die Schürze hatte sie in der Küche abgelegt. Jordan kämpfte darum, seine natürliche Reaktion auf ihre Rundungen zu verdrängen. Erstens kannten sie sich nicht. Und zweitens war er nicht in der Verfassung, irgendeiner Art von Impuls nachzugehen – so reizvoll die Idee auch sein mochte.

„Ich wusste nicht, wie Sie ihn mögen“, sagte sie, während sie das Tablett auf den Tisch bei seinem Bett stellte. „Hier sind Milch und Zucker.“ Sie deutete auf die Schalen neben den Keksen.

„Schwarz ist okay.“

Sie goss etwas Milch in ihren Becher, rührte um und nahm wieder Platz. „Wie fühlen Sie sich?“, fragte sie.

Als er darauf mit den Schultern zuckte, verzog er das Gesicht, weil sich sofort sein Rücken bemerkbar machte. „Als hätte mich jemand von einem Haus geschmissen.“

Statt zu lachen, wurde sie bitterernst. „Es tut mir so leid.“

„Es war nicht Ihre Schuld.“

„Doch, das war es.“ Sie beugte sich vor und stellte ihren Becher auf das Tischchen. „Ich hätte Sie nicht bitten dürfen, zurückzugehen und Mistletoe zu retten. Wenn ich daran denke …“ Sie schluckte. „Sie hätten sterben können.“

„Wenn es wirklich so gefährlich gewesen wäre, hätte ich es nicht getan.“

„Wirklich?“

Er nickte. „Ich mag meinen Beruf, aber ich bin nicht lebensmüde.“

„Sie ist alles, was mir von meiner Mutter geblieben ist. Mom hat mir Mistletoe am letzten Weihnachtsfest geschenkt, bevor sie starb – deshalb habe ich sie nach den Mistelzweigen benannt. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe“, schloss sie mit heiserer Stimme. „Und ich sollte gehen, damit Sie ein wenig Ruhe bekommen.“

„Mir wäre es lieber, Sie leisten mir Gesellschaft. Es ist ziemlich langweilig, den ganzen Tag hier herumzuliegen.“

„Louise ist doch bei Ihnen.“

Lieber trank Jordan weiter seinen Kaffee, als darauf zu antworten.

Holly öffnete den Mund, aber bevor sie etwas sagen konnte, hörten sie ein Geräusch aus der Küche. Überrascht stand sie auf und drehte sich in Richtung des Lärms.

„Ich bin wieder da!“, rief Louise.

„Dachte ich mir“, grummelte Jordan bei sich.

Holly warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Du liebe Güte, ich habe gar nicht gemerkt, wie lang ich schon hier bin. Sie müssen hundemüde sein. Es tut mir so leid. Sie hätten etwas sagen sollen.“ Sie verknotete ihre Finger ineinander. „Meine einzige Entschuldigung ist, dass ich zu viel allein bin. Mistletoe ist ein Schatz, aber für eine Unterhaltung taugt sie nicht besonders.“

Vor Verlegenheit war sie ins Plappern geraten, und das gefiel ihm. Es bedeutete, dass sie nervös und verunsichert war. Besser noch: Es hieß, dass sie ihn mochte. Und er wollte, dass sie ihn mochte.

Vom Flur hörte er Schritte, dann betrat Louise den Raum. Überrascht hob sie die Augenbrauen. „Sie scheinen sich gut zu verstehen. Ist alles in Ordnung?“

„Es ist meine Schuld“, sagte Holly schnell. „Nach dem Essen habe ich …“

Jordan wusste nicht, wie er sie anders aufhalten sollte, als den Arm auszustrecken und nach ihrer Hand zu greifen. Holly fuhr zu ihm herum und starrte ihn an.

„Alles ist gut“, beruhigte er die Haushälterin. „Wie war der Unterricht?“

Jetzt starrten ihn gleich zwei Frauen an. Höchstwahrscheinlich fesselte er Hollys Aufmerksamkeit, weil plötzlich unfassbar heiße Funken zwischen ihren Händen hin und her stoben. So etwas war ihm noch nie passiert, und er hatte nicht die leiseste Ahnung, was es bedeutete. Loslassen würde er jedenfalls nicht, denn er befürchtete, dass sie dann sofort davonstürmen würde. Erst wollte er sicherstellen, dass sie zurückkam und ihn besuchte.

Und Louise starrte ihn an, weil er gerade den ersten zivilisierten Satz seit ihrer Ankunft an sie gerichtet hatte. Einen Augenblick fragte er sich, ob er wirklich so fies zu ihr sein musste. Doch dann rief er sich ins Gedächtnis, was sie getan, wie viele Leben sie ruiniert hatte. Sie verdiente es nicht besser, und eigentlich sogar noch schlimmer. Dass sie ihm etwas Gutes tat, indem sie sich um ihn kümmerte, musste er ignorieren.

„Der Professor ist nicht einmal alt genug, um sich täglich zu rasieren, aber seine Vorträge sind hervorragend“, antwortete Louise zurückhaltend.

„Ich sollte gehen“, sagte Holly und entzog ihre Finger seinem Griff.

Aber Jordan wollte nicht, dass sie ging. Eine verrückte Sekunde lang wünschte er, er könnte aufstehen und sie küssen. Hätte er noch Medikamente genommen, hätte er es auf die Pillen geschoben. Aber seit gestern Abend hatte er nichts mehr geschluckt. Also war es wohl die Langeweile – oder die Schmerzen. Oder es lag daran, dass er außer seiner Familie nicht viele Freunde hatte. Er mochte Holly. Sie war jemand, mit dem man befreundet sein konnte.

Noch während er den Gedanken zu Ende brachte, wartete er darauf, dass der Blitz einschlug. Klar doch, er wollte mit ihr befreundet sein. Darum hatte er auch den halben Abend kein Auge von ihren Kurven gelassen.

„Kommen Sie morgen wieder“, bat er sie, ohne nachzudenken.

Ihre vollen Lippen bogen sich zu einem zarten Lächeln nach oben. „Das mache ich gern“, antwortete sie sacht.

Holly ging in die Küche, um ihre Handtasche zu holen.

„Ich bin beeindruckt“, bemerkte Louise, die hinter ihr herschlenderte. „Sie haben ein Wunder vollbracht.“

„Es war nicht besonders schwer.“ Holly lächelte der Haushälterin zu.

„Es war vielleicht nicht schwer für Sie“, entgegnete Louise, „aber ich kann den Jungen nicht einen Zentimeter zum Mitspielen bewegen. Sie möchten vermutlich nicht in Vollzeit hierherkommen, bis er gesund ist?“

Holly grinste. „Ich muss mich um meinen Laden kümmern.“

„Tja, Pech für mich. Ich schätze, ich sitze hier mit ihm fest.“ Sie verdrehte die Augen. „Vorhin hat er sich gehen lassen und war beinahe nett zu mir. Bestimmt bekomme ich morgen dafür die Rechnung serviert.“

„Ich verstehe nicht, warum er sich so verhält.“

Louise tastete nach ihrem rechten Ohrring und entwirrte den baumelnden silbernen Mond und die Sterne. „Das könnte die verschiedensten Gründe haben. Er ist nie aus der Deckung gekommen und hat es erklärt. Glenwood ist eine kleine Stadt, und jeder kennt hier jeden. Aber er hat seine Wut auf mich aufgehoben. Wahrscheinlich muss ich es ihm irgendwann aus der Nase ziehen – aber das werde ich ganz sicher nicht mehr heute tun.“ Sie lächelte fröhlich. „Kommen Sie morgen wieder?“

„Meinen Sie wirklich, das sollte ich?“

„Natürlich. Nicht zuletzt, weil ich eine Verschnaufpause von seiner schlechten Laune gebrauchen kann.“

„Ich weiß, wie schwer so etwas ist. Meine Mutter war fast zehn Jahre lang krank. Wenn es ihr gut ging, war sie lustig und unkompliziert. Aber nach Tagen voller Schmerzen wurde sie …“ Holly zögerte.

„Quengelig?“, schlug Louise vor.

Holly lächelte. „Das Wort passt so gut wie jedes andere.“

„Sie werden also kommen?“, hakte Louise nach und begleitete Holly zur Haustür.

„Ja. Das würde ich sehr gern“, erwiderte Holly.

„Schön. Ich freue mich drauf, und Jordan freut sich sicher auch.“ Zum Abschied hielt sie die Tür auf.

„Gute Nacht“, wünschte Holly, trat hinaus auf die Veranda und winkte.

Es ging nur um ein gemeinsames Essen und höfliche Konversation, rechtfertigte sie sich, während sie ihr Auto anließ und rückwärts die Einfahrt herunterfuhr. Es war kein wirkliches Date. Jordan war lustig, charmant und gut aussehend – na und? Sie war einfach nur nett zu ihm. Außerdem war sie seit der Eröffnung ihres Ladens so eingespannt gewesen, dass sie keine Zeit für neue Freunde gehabt hatte. Jordan könnte ihr erster Freund werden. Und Louise ihre Freundin, obwohl der Gedanke an ein Wiedersehen mit ihr nicht halb so aufregend war.

Wenigstens würde sie dank der Verabredung aus dem Laden herauskommen. Seit ihre Wohnung verwüstet war, lebte sie dort. Es gab eine Menge Sofas, auf denen sie schlafen konnte. Das war zwar nicht gemütlich, aber es war ja auch nur für ein paar Wochen. Erst vor Kurzen hatte sie das Warenlager für Weihnachten aufgestockt und dafür ihr letztes Geld zusammengekratzt. In dem Unwetter hatte sie alle Möbel und fast ihre gesamte Kleidung verloren. Jetzt konnte sie es sich nicht mehr leisten, alles nachzukaufen, geschweige denn die Kaution für eine neue Wohnung aufzubringen. Aber wenn das Weihnachtsgeschäft gut lief, wäre sie im Januar über den Berg. Dann würde sie sich eine neue Wohnung suchen und einige Dinge ersetzen. Bis dahin hatte sie den Laden, das reichte.

Drei Tage später öffnete Louise bereits die Haustür, während Holly noch die Treppenstufen erklomm.

„Auf die Minute genau“, begrüßte Louise sie.

„Es waren keine Kunden im Laden, also habe ich um Punkt fünf geschlossen.“ Nachdem sie hereingekommen war, stellte sie den großen Korb auf den Boden, den sie mitgebracht hatte. „Es stört Sie hoffentlich nicht, dass ich Mistletoe mitgebracht habe?“

Louise betrachtete den Korb. „Ist das die Katze, die für Jordans Blessuren verantwortlich ist?“

„Ja. Sie ist wirklich sehr lieb, aber das Chaos um sie herum hat ihr Angst gemacht.“

„Entschuldigen Sie nichts! Ich mag sie jetzt schon.“ Louise bückte sich und öffnete den Korb. Mistletoe lag zusammengerollt darin, das weiche graue Fell stand in alle Richtungen ab. Mit großen grünen Augen starrte sie Louise entgegen. Erst ließ die Haushälterin Mistletoe an ihrer Hand schnuppern, dann kraulte sie das Fell zwischen den Ohren. Die Katze schnurrte begeistert.

„Sie ist wunderschön“, sagte Louise.

„Tja, eine reinrassige Perserkatze, die gern alle wissen lässt, dass sie etwas Besonderes ist.“

Louise richtete sich wieder auf. Bevor sie aus dem Körbchen stieg, schnüffelte Mistletoe in die Luft. Ihr runder Bauch hing tief herunter.

„Hat sie zu viele Küchenabfälle gefressen oder ist sie schwanger?“, wollte Louise wissen.

„Schwanger“, e...

Autor

Gina Wilkins

Die vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Gina Wilkins (auch Gina Ferris Wilkins) hat über 50 Romances geschrieben, die in 20 Sprachen übersetzt und in 100 Ländern verkauft werden! Gina stammt aus Arkansas, wo sie Zeit ihres Leben gewohnt hat. Sie verkaufte 1987 ihr erstes Manuskript an den Verlag Harlequin und schreibt seitdem...

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Brenda Harlen

Brenda ist eine ehemalige Rechtsanwältin, die einst das Privileg hatte vor dem obersten Gerichtshof von Kanada vorzusprechen. Vor fünf Jahren gab sie ihre Anwaltskanzlei auf um sich um ihre Kinder zu kümmern und insgeheim ihren Traum von einem selbst geschriebenen Buch zu verwirklichen. Sie schrieb sich in einem Liebesroman Schreibkurs...

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