Bianca Weekend Band 41

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PLÖTZLICH WILL ICH NUR NOCH DICH von JUDY CHRISTENBERRY

Cowboy Rich gehört zu den ganz harten Kerlen. Doch nun hat er sich beim Rodeo den Knöchel gebrochen und bittet Samantha um Hilfe. Aber nur vorübergehend! Denn Samanthas Warmherzigkeit weckt eine Zärtlichkeit in ihm, die ihm mehr Angst macht als der wütendste Bulle …

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Wilde Rodeos, heiße Flirts, verräucherte Bars – das ist die Welt von Cowboy Tate Harrison. Bis ihn die hinreißende Amy um Hilfe bittet: Tate soll der Hochschwangeren bei der Geburt ihres Babys helfen! Ein Erlebnis, das ihn für immer verändert und sein Herz ganz weich werden lässt …

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  • Erscheinungstag 17.01.2026
  • Bandnummer 41
  • ISBN / Artikelnummer 8053260041
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Judy Christenberry, Kathleen Eagle, Sherryl Woods

BIANCA WEEKEND BAND 41

Judy Christenberry

1. KAPITEL

Samantha Jeffers hob den Kopf, als die Cowboys sich umständlich von ihren Stühlen aufrappelten. Deren rüpelhafte Flirtversuche hatte sie diplomatisch ignoriert, und jetzt hoffte sie, dass wenigstens ein großzügiges Trinkgeld für sie abfiel. Das Hot Skillet war kein besonders elegantes Restaurant, aber es lief gut, vor allem während des Rodeos. In der Skisaison war angeblich mehr los, aber sie war erst seit Ende Februar hier, und da hatten die Bergbahnen und Lifte ihren Betrieb für dieses Jahr bereits eingestellt.

Als die Tür hinter dem Letzten aus der Gruppe ins Schloss gefallen war, wollte Samantha den Tisch abräumen und sauber machen. Dabei stellte sie fest, dass ein Cowboy übrig geblieben war. Er war in sich zusammengesunken und wirkte unnatürlich blass.

„Fehlt Ihnen etwas?“, erkundigte sie sich besorgt.

Er hob nur mit Mühe den Kopf. „Nein“, nuschelte er, nur um gleich wieder die Augen zu schließen.

„Sie sollten Ihren Rausch woanders ausschlafen“, empfahl sie ihm. „Hier sieht es der Boss gar nicht gern.“ Sie wollte nicht unfreundlich sein, aber so war es nun einmal.

Er richtete sich ein wenig auf. Dabei entfuhr ihm ein kleiner Schmerzenslaut.

„Sind Sie verletzt?“, wollte Samantha wissen.

„Weiß nicht. Vielleicht.“

„Samantha?“, rief ihr Chef von der Theke. „Bist du fertig? Da kommen gerade neue Gäste.“

„Ich habe noch jemanden hier“, erwiderte sie und drehte sich halb um.

„Will er noch etwas?“

„Mister, Sie müssen etwas bestellen“, flüsterte Samantha. „Sonst wirft er Sie raus.“

„Kann nicht“, kam es dumpf zurück.

„Wenn Sie kein Geld haben, kann ich das für Sie übernehmen, aber …“ Samantha runzelte die Stirn. „So schlecht ist unser Essen nun auch wieder nicht.“ Ihr Versuch, die Stimmung zu heben, entlockte ihm ein schwaches Lächeln. Offensichtlich hatte er wirklich Schmerzen. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“

„Nein. Zu auffällig. Könnten Sie mich nicht fahren? Draußen steht mein Wagen.“

Samantha sah auf die Uhr. In einer Viertelstunde war ihre reguläre Schicht zu Ende. Andererseits war sie heute schon um sechs Uhr morgens gekommen, um ihrem Chef einen Gefallen zu tun. Es sollte also kein Problem sein, wenn sie ein paar Minuten vorher ging. „Warten Sie eine Minute.“

Sie stellte ihr Tablett ab und ging zur Theke. „Brad, ich würde gern gehen.“

Dass er sie keines Blickes würdigte, war ein sicheres Zeichen dafür, dass er nicht in bester Stimmung war. „Deine Schicht ist noch nicht zu Ende!“

„Dafür habe ich früher angefangen. Du könntest dich ruhig ein bisschen erkenntlich zeigen.“

„Seit wann drückst du dich denn so vornehm aus?“

„Der Cowboy da hinten ist krank, und ich will ihn ins Krankenhaus fahren.“

„Du brauchst mich nicht anzulügen, nur weil du mit ihm ins Bett willst.“

„Selbst wenn dem so wäre, ginge es dich nichts an. Ich arbeite hier und bin dir keine Rechenschaft über mein Privatleben schuldig. Heute habe ich mehr als genug getan.“ Damit wandte Samantha sich wieder ab.

„Wenn du jetzt gehst, brauchst du gar nicht mehr wiederzukommen!“

Sie presste für einen Moment die Kiefer zusammen, aber dann war ihre Entscheidung gefallen. Brad wurde in letzter Zeit für ihren Geschmack ohnehin ein bisschen aufdringlich, und sie würde ihm und seinem Restaurant keine Träne nachweinen. „Gut“, gab sie nur zurück. „In zwei Minuten siehst du mich zum letzten Mal.“

Rich Randall fühlte sich mehr als unbehaglich, als ihm klar wurde, was er da angezettelt hatte. Nur weil er die Bedienung, die so souverän mit den Belästigungen der Cowboys umgegangen war, um Hilfe gebeten hatte, war sie praktisch gefeuert worden! An die Folgen hatte er keine Sekunde gedacht.

Schuld daran war nur sein lächerlicher Stolz, der es ihm verboten hatte, sich von seinen Begleitern zum Arzt bringen zu lassen.

Bevor er noch lange darüber nachdenken konnte, wie er sich jetzt verhalten sollte, tauchte Samantha mit einer großen Schultertasche wieder an seinem Tisch auf. „Sind Sie so weit?“, fragte sie lächelnd.

„Hören Sie, ich will nicht, dass Sie meinetwegen Ihren Job verlieren. Wir können auch jemand anders rufen.“

„Nicht nötig. Hat Ihr Wagen Automatik?“

„Sind Sie sicher?“, erkundigte er sich und sah ihr ins Gesicht. Den Schmerz in seinem Knöchel versuchte er zu ignorieren.

„Ganz sicher. Schaffen Sie es bis auf die Straße?“

Irgendwie würde er sich revanchieren, wenn es ihm wieder besser ging. „Ja, ich glaube schon.“

Samantha rückte den Tisch zur Seite, damit der Cowboy leichter aufstehen konnte, und umfasste dann seine Taille. „Was ist passiert?“

„Wahrscheinlich habe ich mir den Knöchel verstaucht.“

„An welchem Bein?“

„Dummerweise am rechten. Deshalb kann ich nicht selbst fahren.“ Er hatte das Gewicht auf das linke Bein verlagert, das andere hatte er angewinkelt.

„Am besten stützen Sie sich auf mich.“

Sie war schmal gebaut, vielleicht einen Meter dreiundsechzig groß und gut fünfzig Kilo schwer.

„Ich bin kräftiger, als ich aussehe“, versicherte sie ihm, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Kommen Sie, bevor Brad ausrastet.“

„Ich dachte, das hätte er schon getan.“ Rich fand ihre Gelassenheit außerordentlich beeindruckend.

Darauf erwiderte sie nichts, sondern setzte sich stattdessen langsam in Bewegung. Als er den rechten Fuß aufsetzte, sackte er zusammen und wäre fast gefallen.

Samantha zog ihn wieder hoch. „Vielleicht sollten Sie auf dem linken Bein hüpfen. Das sieht zwar nicht so toll aus, aber damit bekommen wir Sie wenigstens nach draußen, ohne dass Sie mir in Ohnmacht fallen.“

Das Hüpfen war zwar auch nicht die angenehmste Fortbewegungsart, aber immer noch besser, als den schmerzenden Fuß zu belasten.

Vor der Tür blieben sie einen Moment stehen, damit er sich ausruhen konnte. „Geht es so?“, erkundigte Samantha sich fürsorglich.

„Ja“, stieß er angestrengt hervor. „Es ist der schwarze Kleintransporter da hinten“, fügte er dann hinzu und machte mit dem Kopf eine Bewegung nach rechts.

„Ein Glück, dass Sie in der Nähe geparkt haben“, sagte sie lächelnd.

Dieser Gleichmut war wirklich erstaunlich. Aber andererseits hatte sie nicht solche Schmerzen wie er, und ihr Leben verlief vermutlich auch geordneter als seines. Ganz bestimmt sah die Zukunft für sie rosiger aus.

„Dann wollen wir mal wieder“, sagte sie und umfasste ihn entschlossen.

Rich biss die Zähne zusammen und fing an zu hüpfen. Fünf Minuten später ließ er sich erschöpft an seinen Wagen sinken.

„Wo haben Sie die Schlüssel?“

„In meiner Hosentasche.“ Er machte keine Anstalten, sie selbst herauszuholen.

„Sie erwarten doch wohl nicht, dass ich sie aus Ihrer Hose angle?“ Samanthas Stimme klang hart. „Hören Sie, Cowboy, wenn das Ganze nur eine Anmache sein sollte, dann vergessen Sie das Ganze. Nicht mit mir.“

Rich stand einfach da und beobachtete ungläubig, wie sie sich zum Gehen wandte.

„Warten Sie! Ich wollte nicht …“ Als er die Hand ausstreckte, verlor er das Gleichgewicht. Er stieß einen Schmerzenslaut aus, als er stürzte. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen etwas vorspiele? Dann suche ich diese verdammten Schlüssel eben selbst.“

Samantha wartete schweigend, bis er nach einiger Mühe fündig wurde. „Zufrieden?“

Eine scheinbare Ewigkeit verging, bis sie ihm schließlich aufhalf. „Können Sie allein einsteigen?“

Rich nickte. Er zog sich ohne ihre Hilfe am Wagen hoch und schob sich auf den Sitz.

Dann stieg sie auf der anderen Seite ein und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

Der Schmerz war stärker geworden, und Rich fürchtete, dass ihm jeden Augenblick die Tränen kommen würden. Eine peinlichere Situation konnte er sich kaum vorstellen.

Samantha ließ den Motor an. „Wie ist das passiert?“, wollte sie wissen, als sie auf die Straße einbogen.

„Ein Bulle.“

„Sie sind Bullenreiter?“ Rich nickte. „Dann sind Sie verrückter, als ich angenommen hatte. Hat er Sie abgeworfen?“

„Ja“, erwiderte er knapp.

Sie waren vor dem Krankenhaus angekommen, und Samantha hielt vor der Notaufnahme an. „Bleiben Sie sitzen. Ich organisiere einen Rollstuhl.“

Es kostete ihn einige Überwindung, aber dann nickte er. Hier würde ihn bestimmt niemand sehen; also konnte er seinen Stolz vergessen.

Innerhalb kürzester Zeit tauchte seine Retterin mit einem Krankenpfleger samt Rollstuhl wieder auf. Der Mann zog Rich aus dem Wagen und hob ihn wortlos in den Stuhl. Rich fehlte das weibliche Feingefühl.

„Ich bringe den Wagen auf den Parkplatz“, verkündete Samantha.

Plötzlich keimte der Verdacht in ihm auf, dass sie sich mit seinem Wagen aus dem Staub machen könnte und er sie nie wiedersah. „Aber dann kommen Sie doch wieder?“

Sie bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. „Was dachten Sie denn?“

Samantha hatte viel Zeit, über ihre nähere Zukunft nachzudenken. Als sie vom Parkplatz zurückkam, war „ihr“ Cowboy schon beim Röntgen. Sie wusste nicht einmal, wie er hieß. Dabei hatte er sie um ihren Job gebracht.

Aber das war ungerecht. Um ehrlich zu sein, hatte sie ohnehin kündigen wollen. Brad war bereits viermal verheiratet gewesen. Seine letzte Frau war erst vor ein paar Wochen unter mysteriösen Umständen gestorben. Der Sheriff hatte Samantha sogar schon vor ihm gewarnt. Aber sie hielt sich sowieso nach Möglichkeit fern von ihm, schon allein, weil er ständig Andeutungen machte, dass er Ehefrau Nummer fünf in ihr sah.

Jetzt musste sie sich entscheiden, wie es weitergehen sollte. Flagstaff war ein freundlicher Ort, aber sie fürchtete, dass Brad ziemlich unangenehm werden könnte.

Eine Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie entdeckte zwei Schwestern mit einem Rollstuhl.

„He, sind Sie das, Cowboy?“, rief sie in seine Richtung.

An seiner Stelle antwortete eine der Schwestern. „Wenn Sie den Mann mit dem gebrochenen Knöchel meinen, den Sie eben gebracht haben, dann ist er es.“

Samantha lief zu ihm. „Der Knöchel ist gebrochen?“

„Ja. Er hätte den Fuß nicht belasten sollen.“

Rich hatte die Augen geschlossen und öffnete sie jetzt. „Es ist so laut hier“, beschwerte er sich mit schläfriger Stimme. Offensichtlich stand er unter der Wirkung von Medikamenten.

Samantha lächelte. „Wie geht es jetzt mit ihm weiter?“

„Das muss der Doktor entscheiden.“

„Genau“, sagte da jemand mit milder Stimme in Samanthas Rücken.

Sie drehte sich um. Der Mann war um die vierzig und sah gut aus. „Sind Sie sein Arzt?“

„Ja. Und Sie sind …?“

„Samantha Jeffers.“

Er lächelte. „Willkommen in unserem Krankenhaus, Miss Jeffers. Nicht Randall?“

Samantha warf dem Cowboy einen schnellen Blick zu. „Nein, nicht Randall.“ Immerhin wusste sie jetzt seinen Familiennamen. „Ich bin … seine Verlobte“, fügte sie dann schnell hinzu. Möglicherweise warf man sie ja hinaus, wenn sie nicht mit ihm verwandt war.

„Ich verstehe. Hat er Familie hier am Ort?“

Samantha konnte nur hoffen, dass sie das Richtige tat. „Nein. Wir sind nur zum Rodeo hier. Er ist Bullenreiter.“

„Nicht gerade ein Traumberuf.“ Das klang, als hielte der Arzt seinen Patienten für minderbemittelt.

Im Grunde konnte Samantha ihm nur zustimmen, aber aus irgendeinem Grund spürte sie das Bedürfnis, „ihren“ Cowboy zu verteidigen. „Er ist ziemlich gut.“

„Na ja. Es wird eine Weile dauern, bevor er sich am nächsten Bullen beweisen kann.“ Der Arzt zog ein Röntgenbild aus einem Umschlag und hielt es ans Licht. „Zum Glück ist es ein glatter Bruch.“

„Das heißt, ich kann ihn gleich wieder mitnehmen?“

„Nein. Wir müssen warten, bis die Schwellung zurückgeht. Vorher können wir keinen Gipsverband anlegen.“

„Und wann ist das?“

„In ein oder zwei Tagen. Den Gips muss er voraussichtlich etwa vier Wochen tragen. Aber anschließend ist er wieder so gut wie neu. Machen Sie sich Sorgen?“

„Ein bisschen.“ Das war nicht gelogen, auch wenn Samantha nicht so recht wusste, warum sie sich um diesen Mr. Randall sorgte.

Der Patient stöhnte, und sie beugte sich über ihn und strich ihm das dunkle Haar aus der Stirn. „Alles in Ordnung, Cowboy?“

„Tut weh“, stieß er mit rauer Stimme hervor.

Samantha sah zu dem Arzt auf. „Können Sie ihm nicht etwas Stärkeres gegen die Schmerzen geben?“

Der Doktor gab der Schwester eine Anweisung. „Er bekommt ein Schlafmittel. Damit müsste er bis morgen früh durchhalten.“

„Danke.“

„Soll Sie jemand nach Hause fahren? Oder brauchen Sie ein Zimmer?“, erkundigte der Arzt sich.

„Nein, danke. Aber es ist nett, dass Sie fragen.“

Als die Schwester mit dem Schmerzmittel kam, verabschiedete sie sich. „Bis morgen früh, Cowboy.“

Als Samantha das Krankenhaus verließ, war es fast zehn Uhr. Sie fuhr an einem Schnellimbiss vorbei und kaufte sich einen Hamburger für zu Hause. „Zu Hause“, das war ein möbliertes Zimmer bei einer älteren Dame. Bevor sie allerdings dort anhielt, fuhr sie langsam daran vorbei, um einen genaueren Blick auf die dort parkenden Autos zu werfen.

Wie sie befürchtet hatte, stand Brads Wagen direkt vor dem Eingang von Mrs. Walleys Haus. Ganz offensichtlich wartete er auf Samantha. Ein Glück, dass er nicht wusste, dass sie in Mr. Randalls Transporter unterwegs war. Da sie nicht genug Geld bei sich hatte, um sich ein Hotelzimmer zu nehmen, blieb ihr nichts anderes übrig, als im Wagen zu schlafen. Aber es gab Schlimmeres. Morgen musste Brad wieder arbeiten, und spätestens dann konnte sie ihre Sachen abholen.

Sie stellte den Wagen auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums ab und verschloss sicherheitshalber die Türen von innen. Dann stopfte sie sich ihren Pullover unter den Kopf und machte es sich, so gut es ging, auf der durchgehenden Sitzbank bequem.

Am nächsten Morgen wachte sie mit der Sonne auf und kaufte sich an einem kleinen Stand an der Straße etwas zum Frühstück. Sie war ein bisschen steif in den Gliedern, aber sonst hatte sie die Nacht gut überstanden. In der Hoffnung, dass Brad inzwischen verschwunden war, fuhr sie zu Mrs. Walleys Haus zurück, aber der alte zerbeulte Chevrolet stand noch immer an derselben Stelle. Vermutlich nahm Brad an, dass sie die Nacht mit dem Cowboy verbracht hatte, und das verstärkte seine Wut noch.

Samantha wandte den Kopf ab, als sie an Brad vorbei wieder zurück auf ihren Parkplatz fuhr. Da sie vermutlich einen langen Tag vor sich hatte, versorgte sie sich im Supermarkt mit Lebensmitteln und einem Taschenbuch. Das Frühstücksgeschäft schaffte der Koch allein, aber mittags, wenn das Hot Skillet voll war, musste Brad selbst mit anpacken. Das hieß, dass sie sich bis elf Uhr verstecken musste.

Kurz vor halb zwölf Uhr fuhr sie vor ihrem Haus vor, parkte und hastete zur Tür. Mrs. Walley wartete schon auf sie. „Meine Liebe, Sie hatten gestern noch Besuch von einem netten jungen Mann.“

Samantha schüttelte den Kopf. Ihre Vermieterin war hoffnungslos romantisch. Niemand sonst würde Brad als „netten jungen Mann“ bezeichnen. „Hat er gesagt, was er wollte?“

„Er wollte mit Ihnen sprechen.“ Mrs. Walley spähte auf die Straße hinaus. „Ich glaube, er hat die ganze Nacht auf Sie gewartet. Heute Morgen hat er noch einmal geklopft, aber ich habe ihm gesagt, dass Sie noch nicht da sind. Das hat er nicht sehr gut aufgenommen.“

„Mrs. Walley, ich ziehe heute aus. Die Miete ist bis zum Monatsende bezahlt. Das gibt Ihnen Zeit, einen neuen Mieter zu finden.“

„Ach, wie schade, meine Liebe. Ich fand es so schön, dass Sie da waren. Müssen Sie denn wirklich weg?“

„Ja, leider.“

„Und was soll ich dem jungen Mann sagen, wenn er noch einmal kommt?“

„Sagen Sie ihm, dass ich nach Kalifornien unterwegs bin.“ Samantha umarmte Mrs. Walley zum Abschied und ging dann in ihr Zimmer, das über einen Monat lang ihr Zuhause gewesen war. Nach einem kurzen prüfenden Blick aus dem Fenster duschte sie schnell und wusch sich die Haare.

Das Packen dauerte nur zehn Minuten. Sie besaß nicht viel; alle ihre Habseligkeiten passten in einen Seesack. Ein paar Sachen zum Anziehen, Waschzeug, ein Handtuch, mehr brauchte sie nicht. Turnschuhe komplettierten ihre Garderobe. In ihrer Situation konnte sie sich nicht mit irgendwelchem sentimentalen Krimskrams belasten.

Samantha verließ das Haus und fuhr ins Krankenhaus. Wahrscheinlich war der Cowboy frustriert, weil sie nicht gleich heute Morgen aufgetaucht war, aber so war es einfach praktischer gewesen. Einen kurzen Moment lang überlegte sie, an ihrer ehemaligen Arbeitsstätte vorbeizufahren, aber dann verkniff sie sich das Vergnügen. Nur die anderen Bedienungen, die es noch länger mit Brad aushalten mussten, taten ihr leid. Sie war heilfroh, dass sie nicht mehr zu ihnen gehörte.

Das Erste, was Rich beim Aufwachen spürte, waren die Schmerzen. Er öffnete die Augen und betrachtete seine Umgebung. Nach und nach erinnerte er sich – an seine Sturheit, seinen falschen Stolz gegenüber seinen sogenannten Freunden, an die junge Frau, die sich um ihn gekümmert hatte.

In der vagen Erwartung, sie neben seinem Bett sitzend zu finden, sah er sich um. Aber das war dumm. Seine Mutter würde natürlich kommen, wenn sie wüsste, was ihm passiert war, und sein Vater würde ihn zusammenstauchen und dann umarmen, während sein Zwillingsbruder Russ … Rich stiegen die Tränen in die Augen. Verdammt, Russ fehlte ihm – genau wie sein jüngerer Bruder Casey.

Er sehnte sich nach zu Hause, selbst wenn er nicht als der überragende Held zurückkam, wie er sich ausgemalt hatte. Hoffentlich ließ der Arzt ihn bald gehen.

Eine junge, hübsche Krankenschwester brachte ihm sein Frühstück, und er flirtete ein bisschen mit ihr. Aber gleichzeitig ging ihm die Bedienung von gestern Abend nicht aus dem Kopf.

„Wollte mich heute Morgen schon jemand besuchen?“, erkundigte er sich.

„Ich glaube nicht. Aber ich kann gern nachfragen.“

„Ja, bitte. Ich warte auf eine Frau – groß, brünett, schlank.“

Die Krankenschwester schien etwas enttäuscht, und das schmeichelte seiner Eitelkeit. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie und wollte gehen.

Aber Rich hielt sie noch einmal zurück. „Wann kommt der Arzt?“

„In ungefähr einer Stunde.“

Sie behielt bis fast auf die Minute recht. Der Arzt untersuchte Richs Fuß und stellte Rich dann in Aussicht, dass er am Abendeinen Gipsverband bekommen würde. Am nächsten Morgen könnte er entlassen werden. Allerdings war ihm dann trotz des Gehgipses vier bis sechs Wochen lang das Autofahren verboten.

Rich seufzte resigniert. Es war völlig ausgeschlossen, dass er noch so lange hier in Flagstaff blieb. Vielleicht konnte er diese Bedienung von gestern bitten, auf der Ranch anzurufen, damit ihn jemand abholte. Allerdings musste das schon sehr bald sein, denn der Stall auf dem Rodeogelände, in dem er sein Pferd untergebracht hatte, würde morgen schließen.

Die nächsten drei Stunden verbrachte er damit, einen Plan zu entwerfen, der ihn möglichst schnell nach Hause brachte und die Versorgung seiner Stute sicherstellte. In derselben Zeit wuchs seine Besorgnis, was wohl aus seinem Wagen geworden war.

Kurz vor dem Mittagessen tauchte seine Retterin endlich auf.

„Wo, zum Teufel, haben Sie gesteckt?“, brüllte er sie an.

2. KAPITEL

„Tut mir leid, dass es so spät geworden ist.“ Samantha nahm den Ausbruch ungerührt hin.

„Haben Sie eine Erklärung dafür?“

„Ich habe meine Sachen gepackt.“ Sie trat näher.

„Typisch Frau“, knurrte er abfällig. „Ich vergehe hier vor Schmerzen, und sie packt stundenlang ihre Koffer!“

Samantha ignorierte den Vorwurf. „Hat der Arzt Sie schon untersucht? Was sagt er?“

„Dass ich morgen entlassen werden kann. Heute Abend bekomme ich einen Gehgips.“

„Dann ist ja alles in bester Ordnung.“

„Überhaupt nichts ist in Ordnung! Ich kann mindestens vier Wochen nicht Auto fahren.“

„Oh.“ Das schien sie ein bisschen aus der Fassung zu bringen, und er fühlte sich gleich besser. „Was haben Sie jetzt vor?“

„Ich hatte reichlich Zeit, mir etwas zu überlegen, nachdem Sie so lange gebraucht haben, bis Sie … was meinen Sie damit, dass Sie gepackt haben? Wo wollen Sie denn hin?“ Sie war attraktiv, und er war ihr auch sehr dankbar für alles, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich gleich mit Sack und Pack an seine Fersen heften würde.

Samantha lachte. „Keine Panik. Das hat nichts mit Ihnen zu tun. Ich habe keinen Job mehr und …“

„Aber Sie finden doch bestimmt wieder etwas.“

„Ja, vermutlich“, meinte sie und hob eine Augenbraue.

„Dann bräuchten Sie nicht umzuziehen.“

„Danke. Darauf wäre ich gar nicht gekommen. Sagen Sie mir, wie es mit Ihnen weitergeht, und wo ich Ihren Wagen lassen soll.“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie noch um den einen oder anderen kleinen Gefallen bitten. Könnten Sie vielleicht zum Rodeogelände fahren und sich um mein Pferd kümmern?“

„Sie haben ein Pferd dabei?“

„Ja.“ Was wunderte sie daran so?

„Aber man braucht doch kein Pferd zum Bullenreiten.“

„Ich nehme auch am Lassowettbewerb und Stierniederringen im Team teil. Und das geht nicht ohne Pferd.“

„Aha. Und was erwarten Sie jetzt von mir? Dass ich den Stall ausmiste und Ihr Pferd füttere? Finden Sie nicht, dass Sie ein bisschen übertreiben?“

„Das würde ich nie von Ihnen verlangen. Nein, Sie sollen nur nachschauen, ob Gabe schon weg ist. Wenn nicht, dann soll er sich um Bella kümmern.“

„Bella?“

„Mein Pferd.“

„Und wenn er doch weg ist?“

„Dann gebe ich Ihnen Geld, damit jemand anderer das übernimmt.“

„Okay. Für wie lange?“

„Keine Ahnung. Ich muss zu Hause anrufen und irgendetwas organisieren. Am besten wäre es, wenn jemand sich ins Flugzeug setzt und mich abholt.“

„Und wo ist Ihr Zuhause?“, fragte Samantha neugierig.

„Rawhide, Wyoming.“ Wieso sah sie ihn so merkwürdig abwägend an? Offenbar dachte sie nach. „Was ist?“

„Gibt es in Rawhide Restaurants?“

„Ja, natürlich. Rawhide ist zwar nicht groß, aber es gibt alles, was man zum Leben braucht.“

„Gut. Dann fahre ich Sie nach Hause, und Ihre Familie kann sich die Kosten für den Flug sparen.“

Richs Unbehagen meldete sich wieder. „Hören Sie, ich weiß Ihre Hilfsbereitschaft wirklich zu schätzen, aber ich habe nicht vor … ich meine, schließlich haben wir uns gerade erst kennengelernt.“

Samantha richtete sich kerzengerade auf. „Ich habe Ihnen ausschließlich meine Chauffeurdienste angeboten, Cowboy, sonst gar nichts. Vergessen Sie es. Wo soll ich Ihren Wagen hinstellen und die Schlüssel hinterlegen, nachdem ich nach Ihrem Pferd gesehen habe?“ Sie machte ein paar Schritte auf die Tür zu, während sie auf seine Antwort wartete.

„Einen Moment noch.“ Er wollte nicht, dass sie ging. Vielleicht hatte er sie falsch eingeschätzt. Aber es gab so viele Frauen, die hinter dem Rodeozirkus herreisten und versuchten, sich einen Cowboy zu angeln. Da hieß es, auf der Hut zu sein.

„Soll ich abwarten, bis Sie mit Ihrer Familie telefoniert haben?“ Sie lächelte nicht und wirkte auch nicht mehr besonders freundlich.

„Was wollen Sie denn in Wyoming?“

„Nichts“, gab sie zurück und wandte sich endgültig zum Gehen.

„Hören Sie, etliche Frauen hier scheinen sich einzubilden, dass man ihnen mehr oder weniger die Ehe verspricht, wenn man nett zu ihnen ist. Ich wollte bloß nicht, dass Sie auf falsche Gedanken kommen. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen Geld zur Überbrückung, bis Sie einen neuen Job gefunden haben. Das bin ich Ihnen schuldig, aber …“

Samantha angelte die Autoschlüssel aus ihrer Hosentasche und sagte: „Ich hole nur mein Gepäck aus dem Wagen und gebe den Schlüssel dann unten am Empfang ab. Viel Glück.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung.

„Halt!“, befahl er, aber es überraschte ihn wenig, dass sie einfach weiterging. Er versuchte, die Beine über die Bettkante zu schwingen, um sie irgendwie zurückzuhalten, und landete im nächsten Moment auf dem harten Fußboden.

Samantha kam zurück. In der Überzeugung, dass sie ihm ins Bett zurückhelfen würde, lächelte er zu ihr auf. Aber sie klingelte nur der Schwester.

„Ja?“, kam eine Stimme durch die Sprechanlage. „Was kann ich für Sie tun?“

„Mr. Randall ist aus dem Bett gefallen“, teilte Samantha ihr ungerührt mit.

Unmittelbar darauf eilten zwei Schwestern herbei. Richs Verzweiflung wuchs, als Samantha sich schon wieder zur Tür aufmachte. „Bitte, gehen Sie nicht. Schwester, Sie müssen sie aufhalten!“, flehte er.

„Ma’am, bitte warten Sie. Sie wollen doch den Patienten nicht aufregen.“

Samantha betrachtete den Patienten und die Krankenschwester und sagte dann: „Nein, natürlich nicht.“ Aber sein Schicksal schien sie nicht weiter zu berühren.

„Mr. Randall, wenn Sie noch einmal versuchen aufzustehen, wird der Doktor Sie morgen nicht gehen lassen!“, warnte eine der Schwestern, bevor sie gemeinsam mit ihrer Kollegin das Zimmer verließ.

Rich gab nicht auf. „Warum wollen Sie mich den ganzen Weg bis nach Wyoming fahren?“

„Weil ich hier weg muss und mir so den Fahrpreis für den Bus sparen kann.“

„Und warum müssen Sie hier weg?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Haben Sie etwas angestellt?“

„Wenn ich eine Verbrecherin bin, wollen Sie ohnehin nicht von mir gefahren werden.“ Wieder bewegte sie sich auf die Tür zu.

„Mir wäre wirklich sehr geholfen, wenn Sie fahren könnten. Ich wollte nur nicht …“

„Ich erwarte keinen Ehering als Gegenleistung für zwei oder drei Tage Chauffeurdienste, falls das Ihre Befürchtung ist.“

Rich atmete tief durch. „Okay, einverstanden. Dann brauche ich meine Familie nicht anzurufen. Das hat Zeit, bis ich entlassen werde. Aber meine Stute … hoffentlich ist Gabe noch da.“

„Gehört er zur Familie?“

„Ja, er ist ein entfernter Cousin.“

„Und warum kann er Sie nicht fahren?“

„Weil er unbedingt die nationalen Meisterschaften im Rodeo gewinnen will. Deshalb kann er es sich nicht leisten, nur ein einziges Turnier zu verpassen. Aber er hilft bestimmt gern mit Bella, wenn er noch in der Stadt ist.“

„Schön. Ist es schwierig, Bella in den Anhänger zu bekommen?“

„Nein. Aber lassen Sie sich lieber dabei helfen. Würden Sie bitte meine Brieftasche aus der Schublade holen?“ Er wies auf das Nachtkästchen.

Samantha gehorchte, und er nahm drei Hundertdollarscheine heraus. „Hundert sollten reichen, um jemanden für Bella anzuheuern. Aber notfalls bezahlen Sie auch mehr. Und tanken Sie auf jeden Fall, bevor Sie den Anhänger ankuppeln. Es wäre auch nicht schlecht, wenn Sie ein paar Getränke für unterwegs kaufen würden. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.“

Sie starrte auf das Geld in seiner Hand. „Sind Sie verrückt?“, fragte sie schließlich.

Er runzelte die Stirn. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Sie kennen mich doch gar nicht und geben mir trotzdem so viel Geld.“ Sie schüttelte den Kopf.

„Sie werden es brauchen.“

„Kaum.“

„Jetzt nehmen Sie endlich das verdammte Geld und sagen Sie mir, wie Sie eigentlich heißen.“

„Samantha Jeffers.“

„Rich Randall.“ Damit drückte er ihr die Scheine in die Hand. „Sie können mir ja zurückgeben, was Sie nicht ausgegeben haben. Ich denke, dass ich morgen früh um acht Uhr fertig bin. Schaffen Sie es bis dahin? Immerhin haben Sie ja schon gepackt.“ Im selben Moment bereute er seinen Sarkasmus. Er brauchte sie und wollte sie nicht vertreiben.

„Ich werde pünktlich sein.“ Ohne ein weiteres Wort verließ sie ihn.

Rich lehnte sich in die Kissen zurück. Er fühlte sich, als hätte er eine Schlacht geschlagen. Einfach war die Frau nicht, und er konnte nur hoffen, dass er keinen Fehler gemacht hatte.

Gabe Randall wollte gerade aufbrechen, als Samantha auf dem Rodeogelände eintraf. Nachdem sie ihm erklärt hatte, was passiert war, bot er sofort an, noch einen Tag zu bleiben, um seinem Cousin zu helfen.

Aber davon wollte sie nichts hören. Schließlich wusste sie von Rich, dass er unter Zeitdruck stand, und so bat sie ihn nur, ihr zu zeigen, wie die Stute zu versorgen war. Den Rest konnte sie dann allein erledigen.

Gabe machte Samantha mit ein paar Männern bekannt, die sich sofort bereit erklärten, ihr am nächsten Morgen beim Verladen behilflich zu sein.

„Vielen, vielen Dank“, sagte Samantha, als sie Gabe zum Abschied die Hand gab.

„Sind Sie und Rich … zusammen?“, wollte er wissen.

„Nein. Wir haben uns gestern zufällig kennengelernt.“

„Der Mann ist wirklich ein Glückspilz.“ Gabe schien sich nur ungern von ihr zu trennen. „Ich hoffe, wir sehen uns wieder einmal, vielleicht ja in Rawhide. Nach den Nationals wollte ich ohnehin einen Abstecher dorthin machen.“

„Ja, vielleicht.“ Samantha lachte.

„Wenn Rich nur halb so intelligent ist, wie ich annehme, werde ich Sie mit Sicherheit dort antreffen. Ich wünsche ihm gute und schnelle Besserung.“

„Will er eigentlich weiter an diesen Rodeos teilnehmen?“ Aus ihrer Stimme klang leichte Missbilligung.

„Eher nicht, glaube ich. Er war nie so richtig mit dem Herzen dabei.“

Samantha entschloss sich, noch eine Nacht in Richs Wagen zu schlafen. Duschen konnte sie auf dem Rodeogelände, sodass ihr nichts fehlte. In einem Supermarkt versorgte sie sich mit Essen und Getränken und erstand eine billige Wolldecke. Die Nächte in Flagstaff waren kühl. Richtig kalt konnte es dann in Wyoming werden. Als Nächstes tankte sie und stattete anschließend Bella einen Besuch ab.

Bella war bei Weitem zugänglicher als ihr Besitzer und freundete sich schnell mit Samantha an. Als es dunkel wurde, ging Samantha zum Wagen zurück und machte es sich für die Nacht bequem.

Rich ertappte sich dabei, dass er sich auf Samantha freute.

Heute Morgen war er besser gelaunt, nachdem alles zu seiner Zufriedenheit geregelt war und er nach Hause durfte. Diese Untätigkeit hielt er keinen Tag länger aus. Zum Glück konnte er sich mit seinem Gehgips einigermaßen bewegen. Wenn sie zügig fuhren, konnten sie bis morgen Abend in Rawhide sein, spätestens am Tag darauf. Aber das hing von Samantha ab.

Er war gerade mit dem Frühstück fertig, als sie hereinspazierte. „Sie sind früh dran“, stellte er fest.

„Ich dachte, dass Sie möglichst bald aufbrechen wollen.“

„Stimmt.“ Er drückte auf den Summer der Sprechanlage. „Ich bin so weit.“

„Der Doktor ist unterwegs“, informierte ihn eine weibliche Stimme.

„Hat alles geklappt?“, wollte Rich von Samantha wissen.

„Ja.“

„War Gabe noch da?“

„Ja.“

„Sie scheinen nicht besonders gesprächig zu sein.“

„Nein.“

Ob sie immer so reserviert war? Als sie ihn hier abgeliefert hatte, war sie ihm sehr viel freundlicher und offener erschienen. Allerdings war er wohl nicht sehr nett zu ihr gewesen.

„Haben Sie schon etwas gegessen?“

Samantha nickte, aber bevor sie noch etwas sagen konnte, steckte eine Krankenschwester den Kopf durch die Tür. „Der Doktor wird jede Minute hier sein.“

Rich setzte sich auf.

„Kommen Sie zurecht?“ Samantha machte einen Schritt auf ihn zu, als er aufstand, um ins Bad zu gehen.

„Ja, danke.“

Irgendjemand hatte das rechte Hosenbein aufgeschnitten, sodass er es problemlos über seinen Gips streifen konnte.

„Gut, dass Ihre Verlobte da ist und Sie fahren kann“, meinte der Arzt ein paar Minuten später.

Rich erstarrte mitten in der Bewegung und warf Samantha einen durchdringenden Blick zu, den sie kühl erwiderte, ohne auch nur den Versuch einer Erklärung zu unternehmen. „J… ja.“

„Und denken Sie daran: Autofahren ist fürs Erste verboten.“

Rich nickte, den Blick immer noch auf Samantha geheftet. Der Arzt gab ihr eine kleine Flasche mit Tabletten. „Gegen die Schmerzen. Die wird er wohl noch eine Weile haben. Aber Vorsicht, das Mittel ist ziemlich stark.“

„Ich werde aufpassen.“

„He, ich kann meine Pillen selbst nehmen“, protestierte Rich.

Samantha ließ das Fläschchen kommentarlos in ihre Handtasche gleiten. „Noch etwas, Herr Doktor?“, fragte sie, ohne Rich zu beachten.

„Am besten legt er das Bein hoch. Das ist bequemer für ihn. Und zu Hause sollte er gleich seinen Arzt aufsuchen.“

„Ja, natürlich. Ich werde dafür sorgen.“ Samantha bedachte den Arzt mit einem freundlichen, offenen Lächeln. Mit einem Lächeln, wie sie es für Rich noch nicht übrig gehabt hatte.

„Dann kann ich Ihnen nur viel Glück wünschen.“ Der Arzt schüttelte Samantha die Hand. Für Richs Empfinden hielt er sie viel zu lange. „Gute Fahrt.“

Eine Schwester kam mit einem Rollstuhl. „Dann kann es losgehen, Mr. Randall.“

„Ich kann selbst laufen“, erklärte Rich störrisch.

„Schön für Sie. Setzen Sie sich.“

„Aber ich …“

„Das ist Vorschrift“, erklärte ihm die Schwester unbeirrt, und er gehorchte widerstrebend.

Samantha lächelte. „Ich hole schon mal den Wagen.“ Damit setzte sie sich in Bewegung.

„Hübsch, Ihre Freundin“, meinte die Schwester. „Wann soll denn die Hochzeit sein?“

„Überhaupt nicht“, gab Samantha unfreundlich zurück.

„Ich dachte, Sie wären verlobt.“

„Nein. Sie ist nur eine Art Freundin.“ Rich musste Samantha unbedingt fragen, wieso hier jeder annahm, dass sie verlobt waren. Aber zuerst musste er raus hier und an die frische Luft.

Samantha wartete schon mit dem Wagen. „Möchten Sie erst nach Bella sehen?“

„Ja.“ Er humpelte zum Anhänger, um sich zu vergewissern, dass mit der Stute alles in Ordnung war.

„Alles einwandfrei“, verkündete er dann. „Aber das war ja von Gabe nicht anders zu erwarten.“

Samantha sagte nichts dazu.

Als sie wieder im Wagen saßen, zog Samantha eine Straßenkarte heraus. „Vermutlich fahren wir erst Richtung Osten und dann …“

Rich unterbrach sie. „Nein. Wir fahren durch Utah und dann nach West-Wyoming.“ Er zeigte ihr die Route, die sie nehmen sollte. „Einverstanden?“

„Wie Sie meinen. Wir sollten unterwegs noch ein paar Kissen kaufen, dann sitzen Sie bequemer.“

„Ich brauche keine Kissen.“

„Wie Sie meinen“, wiederholte Samantha ungerührt und ließ den Motor wieder an.

Eine Weile schwiegen sie, dann sagte Rich: „Kissen können wahrscheinlich nicht schaden. Danke, dass Sie daran gedacht haben.“

„Keine Ursache.“

„Brauchen Sie sonst noch etwas?“, erkundigte sie sich, als sie auf den Parkplatz vor dem Einkaufszentrum einbog.

„Haben wir etwas zu trinken?“

„Ja.“

Er sah ihr nach, als sie zum Supermarkt ging. Was hatte sie nur an sich, was ihn so irritierte und zum Widerspruch reizte, obwohl sie sich tadellos höflich und zuvorkommend verhielt?

Samantha kam mit zwei Kopfkissen und passenden Bezügen zurück. Dann holte sie eine Sechserpackung Wasserflaschen von der Ladefläche, stieg wieder ein und wies Rich an, in die Mitte der Sitzbank zu rutschen.

„Warum?“

„Damit Sie Ihr Bein hochlegen können.“

Er bestand darauf, andersherum zu sitzen und beide Beine auf den Sitz zu legen. Samantha schob ihm ein Kissen unter den verletzten Fuß, zog dann das Pillenfläschchen aus ihrer Tasche und drückte ihm eine Tablette in die Hand. „Hier.“

„Brauche ich nicht“, behauptete er.

„Warum wollen Sie unnötig leiden? Was soll das für einen Sinn haben?“

Mit einem Seufzer nahm er die Tablette und trank Wasser nach.

Samantha sagte nichts.

Als sie wieder anfuhr, entspannte er sich langsam. Die Kissen waren eine gute Idee gewesen, musste er zugeben, als er sich an die Tür lehnte. Allmählich war ihm sein ruppiges Benehmen selbst unangenehm. Vor ihnen tauchte das Hot Skillet auf. „Wir könnten kurz anhalten, damit Sie sich von Ihren Freunden verabschieden können“, schlug er versöhnlich vor.

„Nicht nötig“, gab sie unfreundlich zurück.

„Warum nicht?“

„Ich möchte nicht, dass jemand erfährt, wohin ich fahre.“

„Warum? Haben Sie etwas mitgehen lassen?“ Er bereute seine Frage sofort, als sie blass wurde und die Kiefer zusammenpresste. „Ich wollte nicht …“ Er unterbrach sich, als ihm einfiel, warum er so misstrauisch war. „Wieso kam der Doktor dazu, Sie als meine Verlobte zu bezeichnen?“

„Sie müssen bei den Damen sehr begehrt sein, wenn Sie so große Angst haben“, meinte Samantha ironisch, ohne Richs Frage direkt zu beantworten. „Entspannen Sie sich, und versuchen Sie, ein bisschen zu schlafen. Ich verspreche Ihnen auch, dass ich Sie in der Zwischenzeit nicht heirate.“ Sie hätte sich ihren Sarkasmus sparen sollen, aber sie war es langsam leid, dass dieser Mann ihr ständig Vorwürfe machte.

„Jeder Mann wird misstrauisch, wenn er plötzlich erfährt, dass er angeblich mit einer ihm völlig fremden Frau verlobt ist – einer sehr attraktiven Frau, darf ich hinzufügen.“

„Ich brauche keinen Ehemann, sondern nur eine Mitfahrgelegenheit. Sie können sich also Ihre Schmeicheleien für jemanden sparen, der leichter zu beeindrucken ist.“

Rich musste lachen, aber die Augenlider wurden ihm langsam schwer. „Sie glauben doch wohl nicht, dass ich mit Ihnen flirten will?“ Das klang schon sehr undeutlich.

Samantha warf ihm einen schnellen Blick zu. Er war eingeschlafen.

Man hatte ihr ja schon allerlei vorgeworfen, aber noch niemand hatte ihr unterstellt, dass sie versuchte, einen Mann in die Ehefalle zu locken.

Ein paar Minuten später fing Rich an zu schnarchen, und sie entspannte sich.

Wenigstens musste sie sich wegen Brad keine Sorgen mehr machen. Dafür konnte sie sich bei ihrem Mitfahrer bedanken. Sie betrachtete ihn verstohlen. Er sah wirklich gut aus. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße zu.

Rich schlief den ganzen Vormittag. Erst gegen zwei Uhr, als Samantha nach dem Tanken wieder zum Auto zurückkam, schlug er die Augen wieder auf.

„Wie geht es Ihrem Knöchel?“

„Er tut weh, genau wie mein Kopf. Wo sind wir?“

„In Utah.“

Sie hatte ihm einen Hotdog mitgebracht, den er in kürzester Zeit vertilgte. Als sie ihm eine Schmerztablette anbot, wollte er zuerst ablehnen. Aber die Schmerzen waren einfach zu stark, um den Helden zu spielen. Zwei Minuten später war er wieder eingeschlafen.

Etwa zur selben Zeit rief Gabe bei den Randalls in Rawhide an.

„Gabe, das ist aber eine Überraschung“, sagte Jake Randall. „Wie geht es dir? Rich hat erzählt, dass du bei den Nationals startest. Wie läuft es denn?“

„Ganz okay. Sag mal, ist Pete da?“

Jake winkte seinen Bruder, der gerade bei einer Tasse Kaffee am Küchentisch saß, zum Telefon.

„Gabe? Was gibt es? Willst du uns besuchen?“

„Nein, ich rufe wegen Rich an. Hat er sich schon bei euch gemeldet?“

„Nein, wieso? Ist etwas passiert?“

„Er hat sich bei einem Sturz den Fuß gebrochen. Eine junge Frau kümmert sich um ihn.“

„Er hat sich den Fuß gebrochen?“, wiederholte Pete.

Er unterhielt sich noch kurz mit Gabe und legte dann wieder auf. Seine Frau Janie und etliche andere Familienmitglieder waren am Küchentisch versammelt und bombardierten ihn alle gleichzeitig mit Fragen. Er hob abwehrend die Hand. „Ein gebrochener Fuß ist keine Katastrophe“, meinte er. „Rich wird zwar eine Weile nicht mehr an Rodeos teilnehmen können, aber es kommt bestimmt wieder alles in Ordnung.“

„Warum hat er uns denn nicht sofort angerufen?“, wollte Janie wissen.

„Weil er ein Mann ist und seine Angelegenheiten allein regeln will“, erwiderte Pete.

„Mit einem gebrochenen Fuß kann er doch nicht Auto fahren“, wandte Jake ein.

„Ich weiß. Aber offenbar kümmert sich jemand um ihn.“ Erleichterung machte sich breit. „Die junge Dame bringt ihn sicher heil nach Hause.“

„Welche junge Dame?“ Janie runzelte die Stirn.

Jakes Frau B. J. lachte. „Na ja, Rich ist bei den Frauen beliebt.“

„Ich hatte immer gehofft, dass er ein Mädchen von hier heiratet und nicht so eine Rodeotussi.“

„Warte doch erst mal ab. Vielleicht ist sie ja sehr nett“, meinte Pete. „Gabe hätte uns sonst bestimmt gewarnt.“

Jake stimmte ihm zu. „Gabe gehört schließlich zur Familie.“

Eigentlich kannten sie Gabe noch nicht besonders lange, aber die Männer hatten sofort einen Draht zueinander gefunden. Sein Vater, ein Cousin ihres Vaters, hatte in Kansas City gelebt und war mit seiner Frau nach der Hochzeitsreise auf Besuch nach Rawhide gekommen. Aber bevor sie den Besuch wie geplant wiederholen konnten, war Gabes Vater bei einem Verkehrsunfall getötet worden. Seine Frau, die zu dem Zeitpunkt mit Gabe schwanger war, war in Kansas City geblieben. Später hatte sie noch einmal geheiratet und starb, als Gabe zwölf war.

Ab da hatten sie ihn aus den Augen verloren, bis Jakes ältester Sohn Toby ihn per Zufall auf einem Rodeo getroffen hatte. Seitdem war er mehrmals hier gewesen und hatte sich sogar überlegt, ob er nicht ganz nach Rawhide ziehen sollte.

„Können wir irgendetwas für Rich tun?“, erkundigte Janie sich.

„Keine Ahnung. Offenbar hat er kein Handy dabei.“ Pete erkundigte sich bei der Auskunft nach der Nummer des Krankenhauses in Rawhide und führte dann ein kurzes Gespräch mit der Stationsschwester. „Sie haben ihn heute Morgen mit einem Gehgips entlassen. Seine Verlobte hat ihn abgeholt.“

„Oh nein!“ Janie hätte sich fast verschluckt.

Rich wurde unruhig. Irgendetwas nagte an ihm. Als er die Augen öffnete, entdeckte er Samantha neben sich. Mühevoll setzte er sich auf.

„Sie sind wach“, stellte sie fest.

„Noch nicht so ganz.“ Er schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben.

„Und? Wie geht es Ihnen?“

„Keine Ahnung. Wo sind wir?“

„Kurz vor Wyoming. Ich bin auf der Suche nach einem Motel, in dem wir Bella unterbringen können, aber bisher habe ich noch nichts gefunden.“

Rich sah aus dem Fenster. „In ungefähr zwei oder drei Meilen kenne ich eines. Es ist nichts Besonderes, aber sauber.“

„Gut.“

Weiter sagte sie nichts.

„Und? Wie geht es mit dem Fahren?“

„Gut.“

„Möchten Sie das vielleicht ein bisschen näher ausführen?“, schlug Rich leicht genervt vor.

„Ich habe zweimal getankt und jedes Mal nach Bella gesehen. Jetzt bin ich müde. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?“

Rich schüttelte den Kopf und seufzte. „Tut mir leid, dass ich so lange geschlafen habe.“

„Sie hätten ohnehin nichts tun können.“

„Ich hätte Sie unterhalten können.“

„Ich rede nicht so gern.“

Ach, ja? „Sie haben mir immer noch nicht gesagt, warum der Arzt Sie für meine Verlobte gehalten hat.“

„Weil ich Angst hatte, dass er mich sonst wegschickt. Als Ihre Schwester wäre ich vermutlich nicht durchgegangen.“

Eine einfache, überzeugende Erklärung, auf die er auch selbst hätte kommen können.

„Verstehe.“

„Offenbar sind Sie ein bisschen paranoid, was Frauen angeht.“

Rich ging mit einem Achselzucken darüber hinweg. „Wo kommen Sie eigentlich her? Haben Sie irgendwo Familie?“

„Nein.“

Er sah sie fassungslos an. „Sie haben keine Familie?“

„Nicht, dass ich wüsste. Aber das beeinträchtigt mich nicht beim Fahren.“

„Das habe ich auch nicht behauptet“, meinte Rich. „Und wo kommen Sie her?“, fragte er dann noch einmal.

„In meiner Geburtsurkunde steht Dallas, Texas.“

Er veränderte seine Position und stöhnte vor Schmerzen auf.

„Möchten Sie eine Tablette?“, fragte Samantha sofort.

„Nein. Oder wollen Sie mich mundtot machen?“

„Ich war nur besorgt.“ Sie schaltete den Blinker an. „Das da vorn ist vermutlich das Pferdemotel, das Sie meinen.“

„Ja.“

„Sie kümmern sich um die Unterkunft, und ich lade Bella aus.“

Rich wehrte ab. „Das übernehme ich lieber selbst. Sie ist nicht an Sie gewöhnt.“

„Ich habe sie heute Morgen schließlich auch problemlos eingeladen.“

„Ich dachte, das war Gabe gewesen“, sagte Rich verblüfft.

„Er ist gestern noch weitergefahren. Ich hatte Glück, dass ich ihn überhaupt noch erwischt habe.“ Samantha hielt den Wagen an und stieß ihre Tür auf. „Bella hat sich mustergültig benommen.“

„Aber ich habe doch gesagt …“

„Wenn Sie Angst um Ihr Geld haben, können Sie sich wieder entspannen.“ Samantha fischte in ihrer Hosentasche. „Was fehlt, habe ich für Benzin und die Kissen ausgegeben. Und fünfzig Dollar für die Männer, die mir mit dem Anhänger geholfen haben.“

Damit ging sie, um die Stute aus dem engen Anhänger zu befreien, während Rich sich auf den Weg zur Anmeldung machte. Dabei drehte er sich mehrmals um, um sich zu vergewissern, ob Samantha auch wirklich mit Bella zurechtkam. Wenn Bella allerdings jemanden mochte, verhielt sie sich völlig problemlos – wie jetzt. Samantha streichelte und tätschelte sie und sprach leise auf sie ein. Die Stute schien so viel Aufmerksamkeit zu genießen.

Kein Wunder, dachte Rich säuerlich. Auf einmal wurde ihm bewusst, dass er sein eigenes Pferd beneidete. Das war doch lächerlich!

Er hatte nur noch den Wunsch, etwas zu essen und sich dann endlich auf einem Bett auszustrecken, das sich nicht ununterbrochen bewegte. Samantha ging es wahrscheinlich genauso, nachdem sie über zehn Stunden hinter dem Lenkrad gesessen hatte.

„Wenn Sie sich in Ihrem Zimmer eingerichtet haben, sollten wir etwas essen“, sagte er, als Samantha Bella weggebracht hatte.

„Ich brauche kein Zimmer.“

Rich runzelte die Stirn. „Wieso das denn nicht?“

„Dafür ist mir mein Geld zu schade.“

„Es ist mein Geld.“

„Ich ziehe es vor, für mich selbst zu bezahlen.“

„Betrachten Sie es als Teil des Jobs.“

„Nein.“

„Was ist denn mit Ihnen los?“

„Ich schlafe im Wagen.“

„Seien Sie nicht albern.“ Langsam verlor er die Geduld. „Das geht nicht.“

„Die letzten beiden Nächte ging es ja auch.“ Samantha hängte sich ihre Tasche über die Schulter und stieg aus. „Ich halte Ihnen einen Platz frei.“ Damit schloss sie die Tür und machte sich auf den Weg zum Restaurant.

Rich sah ihr mit offenem Mund nach. Die letzten beiden Nächte? Er hatte angenommen, dass sie eine Wohnung oder ein Zimmer hatte. Warum hatte sie denn nicht zu Hause übernachtet?

Als er ins Restaurant kam, saß Samantha bereits am Tisch.

„Ich habe koffeinfreien Kaffee bestellt“, teilte sie ihm mit. „In Ordnung?“

„Ja, wunderbar.“ Er setzte sich zu ihr und bestellte sich einen Cheeseburger mit Pommes frites und anschließend ein Stück Apfelkuchen. „Der ist gut hier“, sagte er zu Samantha.

„Ich habe schon bestellt.“

„Auch Apfelkuchen?“

„Nein.“

„Bringen Sie ihr bitte auch einen“, wandte er sich an die Bedienung.

Samantha schüttelte den Kopf. „Für mich nicht, danke.“ Dann sah sie Rich an. „Ich bin übrigens alt genug, um für mich selbst zu bestellen.“

Er war drauf und dran, mit ihr zu streiten, ließ es dann aber. Irgendwie hatte sie ja recht. „Wieso haben Sie in meinem Wagen übernachtet? Ich dachte, Sie hätten eine Wohnung oder ein Zimmer in Flagstaff.“

„Hatte ich auch.“

„Und warum haben Sie dann nicht in Ihrem eigenen Bett geschlafen?“

Samantha trank einen Schluck Wasser. „Das ging nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil Brad dort auf mich gewartet hat.“

„Und wer ist Brad?“

„Der Restaurantbesitzer.“

„Der Typ, der Sie gefeuert hat?“ Rich runzelte die Stirn. „Haben Sie mit ihm zusammengelebt?“

„Nein. Aber er hatte vor dem Haus geparkt.“

Die Bedienung kam mit Richs Cheeseburger und einem Salat für Samantha zurück.

„Mehr haben Sie nicht bestellt?“

„Nein.“

„Waren Sie mit Brad liiert?“

„Um Himmels willen, nein. Seine Frau ist erst vor ein paar Wochen gestorben.“

„Was wollte er dann? Und warum konnten Sie seinetwegen nicht nach Hause gehen?“

„Er hat sich in den Kopf gesetzt, mich zur Ehefrau Nummer fünf zu machen.“

„Seine Frau ist vor ein paar Wochen gestorben, und er sieht sich bereits nach einer Nachfolgerin um?“

„Ja. Aber darauf war ich nicht sonderlich erpicht, vor allem, nachdem seine Frau unter etwas merkwürdigen Umständen gestorben ist. Jedenfalls wollte ich ihm nicht über den Weg laufen.“ Samantha aß eine Gabel voll Salat.

„Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“

„Es war einfacher so.“

Sie aß mit sichtlichem Genuss, als führten sie eine belanglose Unterhaltung über das Wetter.

Rich schwieg. „Tut mir leid“, sagte er nach einer Weile.

„Was?“, fragte sie überrascht.

„Dass ich so unhöflich war. Wo ist Ihr Gepäck überhaupt?“

„Hinten im Wagen in der Kiste. Ich hoffe, es stört Sie nicht.“

„War denn da genug Platz?“

Samantha nickte lächelnd.

„Was ist so komisch?“

„Nichts.“

„Dann ist Brad der Grund, warum Sie Flagstaff verlassen wollten?“

Sie nickte wieder.

„Aber Ihre Freunde …“

„Ich war erst seit Februar in der Stadt und kannte kaum jemanden.“

„Was ist, wenn Sie in Rawhide keinen Job finden?“

Wieder lächelte Samantha. „Dann suche ich mir woanders einen.“

Früher, in seiner Jugend, wenn er sich über seine Eltern oder seinen Zwillingsbruder Russ geärgert hatte, hatte Rich sich oft gewünscht, gar keine Familie zu haben. Damals hatte er das Alleinsein für den idealen Zustand gehalten. Aber das hatte sich längst geändert. Jetzt tat ihm Samantha leid. Keine Familie, keine Freunde, niemanden, auf den sie sich verlassen konnte, das musste schrecklich sein. Er selbst konnte sich ein Leben ohne seine Eltern und Brüder oder ohne seine ganze zahlreiche Familie nicht vorstellen. Abgesehen von einigen Cousins, die in Laramie das College besuchten, lebten sie alle zusammen auf einer großen Ranch außerhalb von Rawhide.

„Kein einfaches Leben“, meinte er.

„Als mein Vater noch lebte, war es schlimmer.“

„Warum?“

„Sie sollten Ihren Cheeseburger essen, bevor er kalt wird“, schlug sie vor. „Und vergessen Sie Ihre Pille für die Nacht nicht.“

„Zwei am Tag sind genug.“

„Wenn Sie meinen.“

Offenbar wollte sie seine Frage nicht beantworten.

„Wann ist Ihr Vater gestorben?“

„Als ich sechzehn war.“

„Und wie alt sind Sie jetzt?“

„Das geht Sie nichts an.“

Ihre Stimme klang freundlich, aber Rich entging der harte Unterton nicht. „Warum tun Sie eigentlich so geheimnisvoll?“

„Ich halte nichts davon, Fremden allzu viel anzuvertrauen. Sobald ich Sie auf Ihrer ...

Autor

Kathleen Eagle
Kathleen Eagle wurde in Virginia als ein “Air Force Balg” geboren. Nach ihrer Schulausbildung machte sie einen Abschluss auf dem Mount Holyoke College und der Northern State University und wurde Lehrerin. Über 17 Jahre unterrichtete sie an einer High School in North Dakota. Auch nach diesen 17 Jahren blieb sie...
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Sherryl Woods
<p>Über 110 Romane wurden seit 1982 von Sherryl Woods veröffentlicht. Ihre ersten Liebesromane kamen unter den Pseudonymen Alexandra Kirk und Suzanne Sherrill auf den Markt, erst seit 1985 schreibt sie unter ihrem richtigen Namen Sherryl Woods. Neben Liebesromanen gibt es auch zwei Krimiserien über die fiktiven Personen Molly DeWitt sowie...
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