Bianca Weekend Band 42

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EIN WEITER WEG INS GLÜCK von ELISSA AMBROSE

Laura ist ratlos. Als sie ihrem Ex-Mann Jake Logan begegnet, spürt sie sofort: Sie begehren einander noch immer! Aber soll sie wirklich einen Neuanfang wagen? Oder will der reiche Bauunternehmer keine feste Bindung, sondern nur eine leidenschaftliche Affäre?

ICH GEHÖRE DIR von NIKKI BENJAMIN

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UNVERGESSENE KÜSSE von SUZANNE CAREY

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  • Erscheinungstag 14.02.2026
  • Bandnummer 42
  • ISBN / Artikelnummer 8053260042
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Elissa Ambrose, Nikki Benjamin, Suzanne Carey

BIANCA WEEKEND BAND 42

Elissa Ambrose

1. KAPITEL

Sie hatte gewusst, er würde auftauchen.

Sei ehrlich, sagte sie zu sich selbst. Sie hatte gehofft, er würde auftauchen. Fünf Jahre lang hatte sie sich eingeredet, dass sie ihn vergessen hatte, und doch hatte sie sich die ganze Zeit gewünscht, ihn noch einmal zu sehen. Einfach, um einen Schlussstrich ziehen zu können. Den Schlussstrich wollte sie, nicht den Mann. Und war ein Begräbnis nicht der ideale Ort dafür?

Jetzt war er da. Er stand direkt vor ihr und streckte ihr die Hand entgegen, und ihr fiel nichts, absolut gar nichts ein, was sie sagen sollte. Nimm seine Hand, Dummkopf, befahl ihr die innere Stimme. Sei nicht nervös. Lächle. So ist es richtig, das machst du gut!

Sie hob den Kopf und schaute ihm in die Augen. Sie waren genauso dunkel, wie Laura sie in Erinnerung hatte. Augen, in denen eine Frau sich leicht verlieren konnte. Aber die verräterischen Linien um die Augenwinkel waren neu, ebenso die kleine Narbe über seiner rechten Braue. Ein Unfall auf einer Baustelle? Ein umgestürzter Kran? Eine kleinere Explosion? Aber das hätte Cassie ihr erzählt. Laura hatte ihrer alten Freundin zwar das Versprechen abgenommen, nie wieder in ihrer Gegenwart seinen Namen zu erwähnen, aber wenn es um Jake ging, hatte Cassie noch nie richtig zugehört.

„Es ist schön, dich wiederzusehen, Squirt“, sagte er und hielt Lauras Hand. „Du siehst gut aus. Du auch, Cass.“ Er nickte der schlanken, dunkelhaarigen Frau zu, die neben Laura in der Kirchenbank saß.

Laura ging es tatsächlich gut. Eine Operation und die Chemotherapie hatten dafür gesorgt. Nach ihrer Genesung hatte sie beschlossen, ein gesundes Leben zu führen, wozu sie auch regelmäßig ins Fitnesscenter ging. Jetzt, fünf Jahre später, war sie in besserer Form als je zuvor. Sie gehörte nicht zu denjenigen, die sich gern selbst lobten, aber heute wusste Laura Matheson, dass sie besser als nur gut aussah. Es war ihr gelungen, die überschüssigen Pfunde, die sie während ihrer Krankheit verloren hatte, nicht wieder zuzunehmen, und nachdem ihr Haar nachgewachsen war, hatte sie ihr natürliches Dunkelblond mit goldenen Strähnchen aufgehellt.

Jake hingegen sah aus wie immer. Laura erinnerte sich an den schlaksigen Jungen, den sie in der Highschool vergöttert hatte, den anmaßenden Teenager mit dem dunklen, nicht zu bändigenden Haar, das ihm ständig in die Stirn fiel. Auch hatte er immer noch das kleine Grübchen auf der linken Wange, das auch der finstere Gesichtsausdruck nicht vertreiben konnte.

Doch auch wenn er nicht mehr der unbekümmerte Junge aus ihrer Jugend war, so sah Jake Logan immer noch gut aus. Verdammt gut sogar, besonders in dem dunklen Anzug. Laura unterdrückte ein Lächeln, als sie sich vorstellte, wie er leise fluchend versuchte, seine Krawatte zu binden. Er war immer der unabhängige Jeans-Typ gewesen, durch die Jahre auf dem Bau jetzt auch stark und muskulös geworden. Mit seinen ein Meter siebenundachtzig war er fast dreißig cm größer als Laura. Sie fühlte ein vertrautes Kribbeln im Bauch, als er sie mit ihrem alten Spitznamen Squirt ansprach.

„Du siehst auch gut aus“, entgegnete sie und versuchte, nicht darauf zu achten, wie die Berührung seiner Hand sie elektrisierte. Schnell entzog sie ihm die Hand wieder. Warum fiel ihr bloß keine intelligente Antwort ein? Irgendetwas Witziges würde Cynthia sagen. Würde sie gesagt haben, korrigierte Laura sich.

Gewissensbisse schnürten ihr den Hals zu. Würde sie jemals in der Lage sein, an Jake zu denken ohne auch gleichzeitig an Cynthia? Dabei war es Jake gewesen, der nie aufgehört hatte, an Cynthia zu denken, Lauras beste Freundin aus Kindertagen und Jahre später Jakes erste Frau.

„Es tut mir leid wegen deiner Tante. Ich weiß, wie schwer das für dich sein muss. Wie kommst du klar?“

Bevor Laura antworten konnte, trat der Geistliche ans Pult, und die Trauerfeier fing an. Jake drehte sich abrupt um und ging weg.

„Jake, warte!“, rief sie leise hinter ihm her, erstaunt über ihre Direktheit. „Kommst du später noch vorbei? Nach dem Gottesdienst werden noch einige Leute zu mir nach Hause kommen, und ich würde mich freuen, wenn du auch kämst. Bring auch Cory mit. Wie geht es ihm? Ich würde ihn gern sehen.“

Er wirbelte herum. „Wie zum Teufel glaubst du geht es einem zehnjährigen Jungen, den du verlassen hast, als er fünf war? Wir waren dir keinen Pfifferling wert. Also sitz hier nicht rum, und tu so, als ob mein Sohn dir etwas bedeutete.“

Sie fühlte, wie sie kreidebleich wurde. „Wovon redest du? Dass ich gegangen bin, hatte doch nichts mit ihm zu tun. Ich dachte nie …“

„Das ist es ja, du hast einfach nicht nachgedacht. Eigentlich merkwürdig für jemanden, der sonst immer alles überanalysiert.“ Jake holte tief Luft. „Aber ich will dir hier keine Szene machen. Nein, Cory und ich werden später nicht kommen. Er erinnert sich nicht an dich, und ich will keine alten Wunden aufreißen.“ Er nickte ihr zum Abschied kurz zu. „Pass auf dich auf, Laura.“

Sie sah ihrem Exmann nach, aufgewühlt von widersprüchlichen Gefühlen. Was hatte sie eigentlich erwartet? Dass Jake sich geändert hatte und von vorn beginnen wollte? Sie hatte sich ein Leben ohne ihn aufgebaut. Sie hatte einen Verlobten, der sie anbetete, und sie war glücklich. Sie war nach Connecticut zurückgekommen, um ihrer Tante die letzte Ehre zu erweisen, das war alles.

Aber das war eben doch nicht alles. Sie hatte noch nicht entschieden, was aus dem Haus werden sollte. Das weitläufige, zweigeschossige Landhaus gehörte nun ihr. Dem Gesetz nach gehörte es ihr bereits seit dem Tod ihrer Eltern, aber als sie es verlassen hatte, um Jake zu heiraten, war es klar gewesen, dass ihre Tante weiter dort wohnen würde. Jetzt wollte sie es verkaufen und ihr neues Leben weiterleben, doch ein Teil von ihr zögerte irgendwie und wollte es behalten. Obwohl sie sich an die Jahre vor dem Tod ihrer Eltern kaum erinnern konnte, hatte sie die Vorstellung, dass sie hier sehr glücklich gewesen war, bevor ihre Tante einzog.

„Sieht so aus, als wäre Jake genauso charmant wie früher“, unterbrach Cassie Lauras Gedanken.

„Ich kann es ihm nicht übel nehmen. Ich dachte nur, er hätte seinen Ärger inzwischen überwunden. Aber er ist immer noch so verbittert.“

Hinter ihr hatte sich die Kirche gefüllt. Wer waren all diese älteren Leute? Tante Tess war nicht gerade gesellig gewesen und der mütterliche Typ schon gar nicht.

Laura schloss die Augen und versuchte vergebens, ein Bild von ihren Eltern heraufzubeschwören. Wenn sie sich wenigstens an eine Kleinigkeit erinnern könnte, an einen Hauch von Rasierwasser, eine vergessene Haarnadel auf der Badablage, an irgendetwas … Sie war fünf Jahre alt gewesen, als der Fahrer eines Lastwagens die Kontrolle verlor und über den Mittelstreifen fuhr, wobei er sich und ihre Eltern tötete. Fünf Jahre alt. Genauso alt, wie Cory war, als sie Jake verließ. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihr aus. Dachte Cory manchmal an sie? Oder hatte er sie komplett aus seinem Gedächtnis gestrichen, wie Jake behauptet hatte?

Sie öffnete die Augen und versuchte, sich auf den Pfarrer zu konzentrieren.

„… Großzügigkeit des Geistes“, sagte er gerade. „Elizabeth Armstrong berührte die Herzen all jener, die sie kannten, und man wird sie sehr vermissen …“

Cassie lehnte sich rüber und flüsterte: „Großzügigkeit des Geistes? Dass ich nicht lache.“

„Übertreib nicht“, ermahnte Laura. „Sie hat mich aufgenommen und mich großgezogen.“

„Sie nahm dich auf? Es war das Haus deiner Eltern, nicht ihres! Die Frau bekam einen Freifahrtschein, in dem Haus wohnen zu dürfen. Nicht, dass sie jemals für dich da war. Dich großgezogen? Du hast dich selbst großgezogen.“

„Psst!“

Aber Cassie flüsterte weiter. „Und wo wir schon dabei sind, der Charmeur hinter uns hat dich verlassen, nicht umgekehrt. Technisch gesehen mag er recht haben, aber er hat sich nicht gerade ein Bein ausgerissen, um dich zurückzubekommen. Außerdem war er nicht für dich da, als du ihn am meisten gebraucht hättest.“

Laura mochte nicht darüber nachdenken, wer wen verlassen hatte. Cassie spürte das Unbehagen ihrer Freundin und lehnte sich in der Bank zurück. Aber Cassie war Cassie und konnte nicht länger als eine Minute still sein. „Wo hast du diesen Typ gefunden?“, kicherte sie und deutete auf die Kanzel. „‚Berührte die Herzen aller, die sie kannten‘? Ist der echt?“

„Er ist aus Ridgefield“, antwortete Laura leise. „Meine Mutter und Tante Tess sind dort aufgewachsen. Ehrlich, Cass, kannst du nicht einfach still sitzen und der Predigt zuhören? Die Frau war immerhin die Schwester meiner Mutter.“

Cass war jedoch nicht zu bremsen. „Erinnerst du dich, als sie mich erwischte, wie ich durch dein Schlafzimmerfenster kletterte und versuchte, dich über die alte Eiche nach unten zu lotsen?“ Sie stupste ihre Freundin leicht in die Rippen. „Nie werde ich ihr Gesicht vergessen. Aber wir haben es geschafft! Ellen und Cyn warteten unten mit ihren Taschenlampen. Ellen war ausgerüstet mit Tupfern und Bandagen, denn sie war sicher, wir würden runterfallen. Wie alt waren wir? Sieben? Acht?“

Obwohl sie entschlossen war, eine ernste Miene zu wahren, musste Laura bei diesen Erinnerungen schmunzeln.

„Und wie deine Tante aus der Haustür schoss und uns aufhalten wollte. Ich sehe sie immer noch die Straße runterrennen in ihrem scheußlichen alten Bademantel und der furchtbaren Schlammpackung auf dem Gesicht.“

„Würdest du bitte aufhören? Die Leute gucken schon!“

„Und was war damals, als sie aus dem Haus raste und schrie wie eine Verrückte, weil sie eine Schlange in der Toilette gefunden hatte? Hast du ihr je erzählt, dass Jake sie da reingetan hatte?“

„Cass, ich warne dich!“ Aber es war zu spät. Laura krümmte sich vor Lachen. Cassie konnte sie immer zum Lachen bringen, überall und jederzeit, sogar auf einer Beerdigung.

Was ist los mit mir? dachte sie. Dies hier ist eine Beerdigung. Die Beerdigung meiner Tante. Es ist nicht mehr wichtig, dass sie mich den ganzen Tag Babysittern überlassen hat, auch nicht, dass sie so streng war und mich für jede Kleinigkeit ausgeschimpft hat. Beherrsch dich! Wer benimmt sich so an einer Beerdigung? „Hör auf, Cass! Was sollen die Leute denken?“

„Du meinst, was soll Jake denken, nicht wahr?“ Cassies Gesicht wurde ernst. „Schon gut, nimm’s leicht, Kleine“, meinte sie. „Leg deinen Kopf auf meine Schulter. Sie werden denken, du weinst.“

Doch Laura weinte wirklich, tief in ihrem Inneren.

Sie konnte Jakes Blick auf ihrem Rücken fühlen. Wer war er, sie zu verurteilen? Was wusste er von ihrem Leben? Als sie zusammen aufwuchsen, war er immer ihr Verbündeter und ihr Feind zugleich gewesen, ihr Freund und Peiniger und immer ihre heimliche Liebe. Aber während ihrer dreijährigen Ehe blieb er auf Distanz, als ob er sie nie richtig gekannt hätte.

Sie drehte sich um. Ihre Blicke trafen sich, und einen Moment lang wurde ihr schwindelig. Er braucht einen sicheren Abstand, dachte sie traurig, als sie sah, dass er sich in die letzte Bank gesetzt hatte.

Sie drehte sich wieder dem Pfarrer zu, der jetzt sagte: „… eine schöne Seele, die von ihrer innig geliebten Nichte und ihren Freunden betrauert wird …“

Ein Blick auf Cassie – und wieder musste sie lachen.

Laura taten die Füße weh. Nach dem Gottesdienst hatte sie stundenlang gestanden und die Gastgeberin für einen Strom fremder Menschen gespielt. Jetzt stand sie im Flur und verabschiedete die letzten Gäste.

„Was für ein liebevoll sorgender Mensch sie doch war“, bemerkte Reverend Barnes. Abgesehen von Cassie war er der letzte Besucher. „Als ich hörte, dass sie uns durch einen Schlaganfall genommen wurde, habe ich darauf bestanden, die Trauerrede zu halten.“

Laura hatte Schwierigkeiten, sich auf die Worte des Geistlichen zu konzentrieren. Ihre Gedanken kehrten immer wieder in die Kirche zurück. Es hatte sie schockiert, dass Jake immer noch zornig war oder dass es ihr immer noch etwas ausmachte, was er dachte. Seine Worte gingen ihr so oft in ihrem Kopf herum, bis sie sicher war, den Verstand zu verlieren.

„… dicke Freunde als Kinder“, sagte der Pfarrer gerade. „Ich hatte eine heimliche Schwäche für sie, aber sie hatte nur Augen für einen anderen …“

Zornig oder nicht, er hätte vorbeikommen müssen. Nicht, dass sie es sich gewünscht hätte. Aber sie waren verheiratet gewesen. Es wäre einfach anständig von ihm gewesen.

„… hat nicht geklappt. Arme Tess, gesegnet sei sie.“

Bei jedem Klingeln war Laura erstarrt, halb vor Erwartung, halb vor Angst. Aber er war nicht aufgetaucht. Das ist lächerlich, rügte sie sich selbst und sah zur Tür. Was kümmerte es sie?

„… zog immer mit. Aber es war uns recht. Ihre Mutter war so ein entzückendes kleines Ding. Genau wie Sie in dem Alter.“

Laura konzentrierte sich wieder auf den Pfarrer. „Sie kannten meine Mutter?“

„Selbstverständlich! Obwohl sie sechs Jahre jünger war, nahm Elizabeth sie überall mit hin. Ich sehe immer noch die kleine Caroline vor mir, ihre goldbraunen Zöpfe, ihre strahlenden türkisfarbenen Augen. Und die Sommersprossen! Schon bei dem Wort ‚Sonne‘ bekam sie zwanzig neue Punkte im Gesicht. Und sie hatte einen süßen kleinen Höcker auf der Nase. Genau wie Sie.“

Laura hob automatisch die Hand an ihren Nasenrücken. Als Teenager wollte sie ihre Nase korrigieren lassen, aber alle ihre Freunde waren dagegen. „Das gibt dir Charakter“, hatte Jake gesagt, „auch wenn du eigentlich schon genug hast.“ Später hatte sie beschlossen, dass der Höcker, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte, zu klein war, um so viel Wind darum zu machen.

Warum kann ich mich nicht daran erinnern, wie meine Mutter aussah? überlegte Laura jetzt. So klein war ich doch gar nicht, als sie starb. Ich müsste mich an irgendetwas erinnern können. Noch Jahre nach dem Unfall hatte Laura ihre Mutter im Park gesucht, in der Schule, in der Arztpraxis. Noch heute ertappte sie sich manchmal dabei, dass sie sich in Kaufhäusern nach ihr umsah. Kein Wunder sagte sie sich. Ich habe niemals Bilder von meinen Eltern gesehen. Wo sind die Erinnerungen an unser Familienleben? Wo sind die Fotoalben? Tante Tess hatte ihre Fragen danach nie beantwortet.

„Meine Mutter sah aus wie ich.“ Die Aussage war als Frage gemeint.

„Himmel, ja! Und wie vernarrt Ihre Tante in sie war! Bis zu dem Tag, als ich die Trauzeremonie für Ihre Eltern praktizierte, war Tess immer da und schaute nach ihr. Elizabeth war mehr eine Mutter als eine Schwester.“

Es war, als ob Reverend Barnes eine andere Person beschrieb. Es schien, dass Tante Tess zwei Gesichter gehabt hatte, eins für zu Hause und eins für die Außenwelt.

Eine Autohupe riss Laura in die Gegenwart zurück.

„Mein Taxi ist da“, erklärte der Pfarrer. „Halten Sie Kontakt, Laura. Vielleicht finden Sie in unserer Kirche in Ridgefield Trost.“

Sie sah hinter ihm her, wie er sich schwer auf seinen Stock stützend zum Taxi ging und einstieg. Dann schloss sie die Tür.

Ihre Gedanken kehrten zu Jake zurück. Sie blieb einige Minuten im Flur stehen und starrte auf die Tür, als ob sie mit Willenskraft die Türglocke zum Läuten bringen wollte.

„Wer hätte gedacht, dass sie so viele Leute kennt?“

Laura saß neben Cassie auf der Couch, und sie sprachen über die Ereignisse des Tages.

„Sei froh, dass nicht alle Leute aus der Kirche gekommen sind“, meinte Cassie gähnend. „Das wäre ein Albtraum geworden. Aber warum war dein Stephen Standfest eigentlich nicht da?“

„Ich sagte dir doch schon, dass Stephen nicht wegkonnte. Sein Operationsplan steht für Wochen im Voraus fest.“ In Wahrheit war Laura erleichtert. Irgendwie konnte sie sich ihren Verlobten hier in Middlewood, in Connecticut, nicht vorstellen. Sie brach in Gelächter aus, als sie versuchte, sich den berühmten Herzchirurgen in einem der tantenhaften Kittel von Tess vorzustellen, wie er ihr half, das Haus zu putzen.

„Das ist nicht fair“, beklagte Cassie sich. „Du musst auch dein Privatvergnügen mit mir teilen.“

Cassie war nicht zu bremsen, sobald sie sich über die Mangelhaftigkeit der männlichen Bevölkerung ausließ, und Laura hatte keine Lust, Stephens Fehler zu diskutieren. „Ich dachte an Ellen mit all den Bandagen in der Nacht, als wir den Baum runtergeklettert sind. Ich wünschte, sie hätte heute hier sein können. Aber du kennst Ellen, immer beschäftigt, die Welt zu retten.“

„Wie geht es ihr eigentlich? Sie hat mich schon seit Monaten nicht mehr angerufen. Irgendein Mann in ihrem Leben?“

„Dr. Ellen Gavin geht es gut“, berichtete Laura liebevoll. „Und das Telefon funktioniert in beide Richtungen. Um deine Frage zu beantworten, ja, es gibt einen Mann, obwohl ich nicht weiß, wie sie bei ihrem Arbeitspensum noch Zeit für ein Privatleben findet.“

„Für ein Privatleben ist immer Zeit. Glaub mir, ich weiß es.“

Laura hatte keine Ahnung, wie Cassie das machte, von einer Beziehung in die andere zu flattern, ohne mit ihren Gefühlen durcheinanderzukommen. Wenn es um Männer ging, behauptete Cassie genau zu wissen, was sie wollte. Das Problem war allerdings, dass sich das wöchentlich änderte. Nur wenn es ums Geschäft ging, war sie geradlinig und knochenhart. Cassie war eine der erfolgreichsten Immobilienmakler der Stadt. Ihren guten Ruf hatte sie sich hart erarbeitet, aber für Laura war es mehr als erstaunlich.

Auch Ellen Gavin erstaunte Laura. Schon als Kind hatte Ellen genau gewusst, was sie im Leben wollte, und sich durch nichts vom Weg abbringen lassen. Genau diese Entschlossenheit hatte Laura später das Leben gerettet. Als Laura krank wurde und sich entschloss, Jake zu verlassen, war es Ellen, die sie davon überzeugte, dass das Leben lebenswert war. Als frischgebackene Fachärztin für innere Medizin hatte sie es geschafft, dass Laura das beste Team der Belegschaft bekam – den besten Onkologen, den besten Anästhesisten, den besten Chirurgen und den besten Chemotherapeuten. Trotz ihres engen Arbeitsplans war Ellen Tag und Nacht für sie da gewesen.

„Ellen hat mir Stephen vorgestellt“, sagte Laura zu Cassie. „Sie hat eine Menge Freunde im Krankenhaus. Wenn du nett zu ihr bist, könnte sie dir vielleicht jemanden beschaffen, der dich überzeugt, dich häuslich niederzulassen. Wollte deine Mutter nicht immer, dass du einen Arzt heiratest? Wie wär’s mit einem Psychiater?“

„Willst du damit andeuten, dass ich eine Therapie brauche?“ Cassie tat, als sei sie entrüstet, und griff hinter sich nach einem Kissen zum Werfen.

„Nein, tu das nicht!“, schrie Laura. Aber es war zu spät. Die Federn flogen bereits. „Ich habe versucht, dich zu warnen, aber du hörst ja nie.“

„Sagtest du etwas?“, fragte Cassie, und Laura lachte. Cassie erhob sich von der Couch. „Ich schätze, die Schweinerei geht auf mein Konto.“

„Das ist nichts im Vergleich zu der Schweinerei, die ich vor der Beerdigung hier weggeräumt habe. Dieses Haus war ein Warenlager. Tante Tess hatte alles in Schachteln gepackt und sie hier gestapelt, als hätte sie gewusst, dass sie dieses Haus verlassen würde.“

„Schaurig“, meinte Cassie. „Und wo sind die Schachteln jetzt?“

„Vergiss den Besen, und komm mit.“

Cassie zog fragend eine Augenbraue hoch und folgte Laura durch den Bogengang. „Ich hatte vergessen, wie trostlos dieses Haus ist“, bemerkte sie mit einem Schaudern. „Du solltest es renovieren, bevor du es auf den Markt bringst. Du könntest einen ordentlichen Profit erzielen. Was hältst du davon, eine Frühstücksecke hinter der Küche anzubauen? Ein Deckenfenster würde Wunder wirken.“

„Ich möchte die Zeit nicht investieren, ganz zu schweigen vom Geld, das ich nicht habe. Stephen fragt dauernd, wann ich nach Hause komme.“ Sie öffnete die Tür zur Speisekammer hinter der Küche. „Voilà!“, trällerte sie.

Die Speisekammer war ursprünglich das Dienstmädchenzimmer, als das Haus in den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gebaut wurde. An den Tapetenresten konnte man erkennen, dass der Raum einmal als Arbeitszimmer, Gäste- oder Nähzimmer genutzt worden war. Als Kind hatte sich Laura oft hier hereingeschlichen, um zu träumen, wie ihre Mutter ihr ein Kostüm nähte, später ein Ballkleid und dann ihr Hochzeitskleid …

In der Mitte des Raums waren Dutzende von Schachteln aufgestapelt. „Diese Schachteln sind mein nächstes Projekt. Ich kann sie nicht einfach wegwerfen, ohne zu wissen, was drin ist.“

„Da hast du dir aber was vorgenommen“, bemerkte Cassie mitleidig. „Ich helfe dir gern, nur nicht mehr heute Abend. Ich gehe jetzt ins Bett, und dir empfehle ich das Gleiche. Es war ein langer Tag.“

Laura drehte sich zu ihrer Freundin und umarmte sie. „Vielen Dank, dass du für mich da warst, Cass. Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte.“

„Das sagst du immer, aber in Wahrheit bist du hier die Starke. Du bist die Kämpferin.“ Laura setzte zum Protest an, aber Cassie schnitt ihr das Wort mit einem schnellen Kuss auf die Wange ab. „Du brauchst mich nicht zur Tür zu bringen. Ich finde allein raus. So wie ich dich kenne, wirst du nicht eher ins Bett gehen, bis du alle Schachteln genauestens untersucht hast.“

Manchmal schien es, dass Cassie Laura besser kannte als sie sich selbst. Aber in einem Punkt lag Cassie falsch. Laura war nicht stark. Es gab Zeiten, da meinte sie, nicht weitermachen zu können, Zeiten, wo sie nicht weitermachen wollte. Immer wenn sie daran dachte, dass sie keine eigenen Kinder mehr haben konnte …

Sie wartete darauf, dass die Haustür ins Schloss fiel, und griff nach einer der kleineren Schachteln. Sie war in silbernes Zellophanpapier gewickelt und mit einer verblichenen roten Schleife verschnürt – eine ihrer eigenen alten Erinnerungsschachteln, stellte sie fest, eine von vielen, die sie nach ihrer Hochzeit nicht mitgenommen hatte. Ich wollte einen neuen Anfang für uns, dachte sie, während sie die Schleife entfernte.

Laura riss die Verpackung ab und zögerte. Sollte man manche Erinnerungen nicht besser ruhen lassen? Sie atmete tief ein und hob den Deckel ab.

Als Erstes zog sie einen Schnappschuss von ihr und Cassie raus, beide in Pfadfinderuniform. Sie lächelte. Die Reise in die Erinnerung war doch nicht so schlecht. Als Nächstes zog sie ein Bild von Jake heraus, wie er in seiner goldbetressten Uniform Trompete spielte.

Das nächste Bild war eine Aufnahme von Cynthia.

Cynthia trug ein weißes Satinkleid, das sie selbst entworfen und genäht hatte. Mit dem tiefen Dekolleté und dem Seitenschlitz bis zur Hüfte war es so gewagt, dass Cynthias Mutter ihr verboten hatte, es zu tragen. Am Abend der Party erzählte sie darum ihrer Mutter, dass Jake sie bei Laura abholen würde.

Cynthia hatte ihren Körper in das elegante enge Kleid gezwängt. Sie war nicht nur sinnlich, sie war majestätisch und trug ihr Selbstbewusstsein wie eine Krone. Laura betrachtete sie ehrfürchtig. „Nach Ihnen, Königliche Hoheit“, hatte sie mit einem Hofknicks gesagt.

„Du bist diejenige, die wie eine Prinzessin aussieht“, entgegnete Cynthia, dann fügte sie scherzhaft hinzu: „Ich werde dich heute Abend beobachten, also komm auf keine dummen Gedanken, was meinen Prinzen angeht!“

Laura zog weitere Schnappschüsse heraus. Auf einem Foto war Cynthia mit Cory auf dem Arm. Es war vermutlich das letzte Bild, das von ihrer einst besten Freundin gemacht worden war.

Sie dachte an den letzten Tag, die letzte Stunde, den letzten Moment im Krankenhaus, als Cynthia zum letzten Mal ihre Augen geöffnet hatte.

„Pass auf meine Männer auf“, hatte sie gebeten.

Und Laura hatte das getan. Acht Monate später waren sie und Jake verheiratet.

Oh, Cyn, ich habe alles gründlich vermasselt, oder? dachte sie jetzt traurig.

Vielleicht war das Kramen in alten Erinnerungen doch keine so gute Idee. Mit jeder Erinnerung schwappte eine neue Welle des Schmerzes über sie.

Lauras Gedanken wanderten zurück in ihre Kindheit. Tante Tess war eine kalte und strenge Vertreterin ihrer Eltern gewesen. Doch obwohl sie ihre Tante nie hatte lieben können, empfand sie doch Mitleid mit ihr. Arme Tante Tess. Die strenge Frau hatte die Bedeutung von Glück niemals kennengelernt.

Laura weinte. Nicht leise wimmernd wie als Kind, als sie den Kopf unter ihr Kissen steckte, damit niemand sie hören konnte. Sie schluchzte laut und herzzerreißend. Ob es an den Erinnerungen lag oder an ihrer Erschöpfung, spielte keine Rolle. Ihr Kummer war ein akuter, geradezu körperlicher Schmerz, der nicht aufhören wollte. Sie schlang die Arme fest um ihre Mitte und schaukelte vor und zurück, als wäre sie die tröstende Mutter und das verzweifelte Kind gleichermaßen.

Durch ein kleines Fenster in der Küche fielen die Strahlen des Monds auf die Schachteln. Wind war aufgekommen und spielte mit dem Glockenspiel, das am Dachvorsprung hing. Dort saß sie, es kam ihr vor wie Stunden, und beweinte alle Verluste, die sie selbst und Menschen, die sie kannte, erlitten hatten, bis sie nur noch leise weinen konnte. Erschöpft ging sie ins Bett und schlief schnell ein.

2. KAPITEL

Der Morgen war hell und frisch. Der kräftige Wind des Vorabends war zu einer kühlen Brise geworden. Sonnenstrahlen fielen durch die Bäume am Straßenrand und brachten die ersten herbstlich gefärbten Blätter zum Leuchten. Der Sommer ging zu Ende.

Jake stand unter dem Vordach vor der Haustür und klingelte. Als niemand antwortete, versuchte er es mit dem großen Messing-Türklopfer. Er wusste, dass sie zu Hause war. Ihr Mietwagen stand in der Einfahrt.

Er trat unter dem Vordach zurück und sah sich um. Er liebte das Haus, das im Kolonialstil längst vergangener Tage mit klaren Linien und kräftigen Proportionen gebaut war. Ihm gefiel besonders die Art, wie der Kamin aus der Mitte des Daches nach oben ragte und majestätisch Himmel und Herd verband. Leider war das Gebäude viele Jahre vernachlässigt worden. Die Schäden waren nicht zu übersehen. Am Haus entlang waren Teile der Verschalung abgebrochen, und die Holzpfosten lagen frei. Er blickte auf den zerbrochenen Zaun und runzelte die Stirn. Laura wohnte schon lange nicht mehr hier, aber es war ihr Haus, und sie hätte für seine Instandhaltung sorgen müssen.

Er ging den Weg entlang, und sein Blick blieb an dem Fenster von Lauras altem Schlafzimmer hängen. Schlief sie jetzt auch hier? Oder war sie in eines der größeren Zimmer gezogen? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie eine Stunde, geschweige denn eine ganze Nacht im Zimmer ihrer Tante verbracht haben sollte.

Er ging zur Rückseite des Hauses. Das steil geneigte Dach, das den Anbau mit abdeckte, musste dringend repariert werden. Einige Schindeln waren verschoben und viele fehlten ganz. Der Garten war ebenso ungepflegt, Unkraut hatte den einst gesunden Pflanzenwuchs überdeckt, und die Sträucher ähnelten einem Urwald. Er erinnerte sich dunkel an einen Garten, und für einen Moment hätte er schwören können, den Duft von Rosen zu riechen.

Nachdem er das ganze Grundstück umrundet hatte, fand er sich vor der Haustür wieder. Wo konnte sie um acht Uhr morgens sein? Da er sich für seinen Ausbruch in der Kirche entschuldigen wollte, war er früh vorbeigekommen, um sie auf alle Fälle zu Hause anzutreffen.

Am Wohnzimmerfenster meinte er eine Bewegung gesehen zu haben. Weiße Spitzengardinen wehten in der Brise.

Was war los mit der Frau? Hier war zwar nicht New York, aber sie konnte doch nicht einfach die Fenster offen lassen! Er schob den Stoff zur Seite und sah hinein. Warum war das Licht an? Sie musste es die ganze Nacht über brennen gelassen haben. Seine Besorgnis wuchs, und er rannte zurück zur Haustür, um nochmals zu klingeln. Wenn sie sich jetzt nicht meldet, so schwor er sich, klettere ich durch das offene Fenster.

Er wusste, dass er unvernünftig war – sie konnte noch schlafen oder unter der Dusche sein –, aber dennoch, er hatte das beunruhigende Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Dieses Radarsystem, von dem sie immer behauptet hatte, es sei zwischen ihnen, alarmierte ihn. Normalerweise hielt er nichts von all diesem Psycho-Hokuspokus, aber es war unheimlich, wie sie manchmal seine Sätze beendet oder ihm gesagt hatte, was ihn bedrückte, wenn er versucht hatte, es zu verbergen.

Jake zog sein Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche und rüttelte am Türknauf, um ihn zu testen. Er war überrascht, als er sich in seiner Hand drehte. Das ergab keinen Sinn. Laura war schon immer sehr vertrauensselig und ein bisschen naiv gewesen, aber sie hätte niemals die ganze Nacht die Tür unverschlossen gelassen.

Er betrat die Eingangshalle und kletterte die steile Treppe nach oben. Seine Schritte klangen dumpf auf dem verschlissenen Teppich. „Laura!“, rief er laut und war überzeugt, dass sie irgendwo bewusstlos im Haus lag. „Laura!“

Als er im Kinderzimmer angelangt war, gönnte er sich einen Moment zum Nachdenken. Auf dem Nachttisch stand ein Foto in einem teuer aussehenden Rahmen. Sein Blick ruhte auf dem abgebildeten Paar. Laura sah fantastisch aus in einem schwarz schimmernden Satinkleid, das ihre rechte Schulter freiließ, ihr Haar zu einem eleganten Knoten zurückgesteckt. Der Mann neben ihr trug einen Smoking, sein Arm ruhte in vertrauter Geste auf ihrer Schulter. Der schwere grüne Brokatvorhang des Fensters, vor dem sie standen, diente als Hintergrund.

Blitzartig erinnerte sich Jake an den grünen Samtvorhang im Wohnzimmer. Was, wenn sie das Fenster aufgelassen hatte? Was, wenn jemand eingebrochen war? Was, wenn …?

Er rannte aus dem Zimmer und nahm drei Stufen gleichzeitig die Treppe runter. Aber auch im Wohnzimmer war sie nicht. Als er im Eingang vor der Küche stand, hörte er ein schwaches, leises Seufzen aus der Speisekammer, nicht lauter als das Maunzen eines Kätzchens.

Er stürzte in den kleinen Raum und blieb einen Moment lang entsetzt stehen. Sie lag auf dem Boden, bewegungslos. Er beugte sich hinunter und berührte sie vorsichtig.

Laura öffnete blinzelnd die Augen und starrte ihn erstaunt an. „Was machst du denn hier?“, stotterte sie. „Wie bist du reingekommen?“

„Die Frage ist“, begann er, „was machst du hier?“

Eine kleine nackte Glühbirne an der Decke und ein Sonnenstrahl vom Küchenfenster waren die einzigen Lichtquellen. Er sah die Schachteln und versuchte, die Situation zu deuten. Dutzende von Fotos stapelten sich auf einem Haufen, in der anderen Ecke lag ein umgeworfener Hocker. „Geht es dir gut? Als ich dich hier liegen sah, bekam ich Angst. Ich dachte …“

„Natürlich geht es mir gut!“ Sie setzte sich auf. „Was ist los mit dir? Sehe ich nicht gut aus?“

„Beweg dich nicht. Du könntest eine Gehirnerschütterung haben oder dir etwas gebrochen haben.“

„Soweit ich mich erinnere, sind wir nicht mehr verheiratet. Ich habe vor Jahren aufgehört, Befehle von dir entgegenzunehmen.“

„Soweit ich mich erinnere, hast du nie von jemandem Befehle entgegengenommen, schon gar nicht von mir.“ Er wollte seine Bemerkung genauso spitz klingen lassen wie ihre, aber seine Erleichterung nahm ihr den Stachel. Sie war nicht verletzt. Ein wenig gereizt und zerknittert, aber es ging ihr gut. Sie trug noch immer das schwarze Leinenkostüm, das sie bei der Trauerfeier angehabt hatte, nur war es jetzt staubig und zerknittert. Geschwollene und gerötete Augen zeugten davon, dass sie geweint hatte.

„Ehrlich gesagt, du siehst nicht gerade toll aus“, bemerkte er nüchtern. „Was hast du gemacht? Die Nacht hier verbracht?“ Als sie nicht antwortete, berührte er ihre Wange. „Mensch, du bist ja eiskalt! Du hast die Nacht hier verbracht. Komm, lass mich dir aufhelfen.“

„Warum wendest du den Rettungsgriff an?“, fauchte sie. „Ich ersticke nicht.“ Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Beine gaben nach, und sie sackte wieder zusammen.

Jake hob sie hoch und hielt sie wie ein kleines Kind in den Armen.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du kommst hier rein und schleppst mich weg! Lass mich runter!“

„Ich sehe, es geht dir besser. Du bist wieder die alte Gewitterhexe. Gut zu wissen, dass sich manche Dinge im Leben niemals ändern.“

„Du hast Nerven“, zischte sie und wand sich in seinen Armen. „Wo bringst du mich hin?“

„Du brauchst mir nicht zu danken“, erwiderte er, lockerte seinen Griff und ließ sie auf die Couch im Wohnzimmer fallen. „Ich möchte nicht, dass du dich überanstrengst.“ Er spürte ihren Blick im Nacken, als er zum Fenster ging, um es zu schließen.

„Was tust du jetzt?“, rief sie, als er in die Eingangshalle ging.

Jake kam mit einer hellroten Decke zurück. „Um deine Frage zu beantworten, ich kümmere mich um dich. Offensichtlich hast du vergessen, wie das geht. Willst du dich jetzt zudecken, oder habe ich diese Ehre?“

„Das pikst wie tausend Nadelstiche.“ Mit schmerzverzogenem Gesicht sah Laura auf ihre Hand hinunter.

Er breitete ihr die Decke über die Beine und setzte sich ans Fußende der Couch. „Geschieht dir recht, weil du die Tür unverschlossen gelassen hast.“ Er griff nach ihren Händen und massierte das Blut zurück in ihre Finger. „Kleine Sünden werden sofort bestraft. Blitzkarma.“

„Autsch! Das tut weh! Ich nehme an, du genießt es.“

„Halt still.“

„Ich dachte, du machst dir nichts aus all dem Zeug.“

„Was für Zeug?“

„Karma und all die anderen mystischen Kräfte des Universums. Und zu deiner Information, Karma dreht sich um Konsequenzen, nicht um dumme Fehler. Obwohl ich manchmal glaube, dass sich nichts je ändert, zumindest nicht innerhalb eines Lebens. Aber ich glaube an diese Reinkarnationstheorie. Vielleicht machst du es beim nächsten Mal richtig.“

„Wenn du mich zitierst, dann tu es richtig. Ich habe gesagt: ‚Manche Dinge im Leben ändern sich nie‘.“

Auf dem Kaffeetisch lagen ein paar Bleistifte sauber aufgereiht neben einem Skizzenblock. Er lehnte sich vor und nahm den Block. „Wie ich sehe, hast du deine Kunst nicht aufgegeben.“

„Ich habe sie aufgegeben, als wir heirateten. Nach der Scheidung habe ich wieder angefangen. Erinnerst du dich an meinen Traum? Meinen Lebensunterhalt mit dem Malen zu verdienen? Den habe ich nie aufgegeben.“

So wie sie sprach, könnte man meinen, ihre Ehe sei ein einziges Opfer gewesen. Er nahm einen Bleistift und ließ ihn in seinen Fingern kreisen. Laura war schon immer schnell mit Schuldzuweisungen gewesen. Das hatte sich offensichtlich nicht geändert. Er betrachtete sie prüfend. Vielleicht änderten sich manche Dinge im Leben tatsächlich nicht, aber andere taten es, so sicher wie das Amen in der Kirche.

Irgendetwas war anders an der neuen Laura, er hatte nur noch nicht herausgefunden, was. Sie war immer noch starrköpfig und hatte Wutausbrüche, aber er sah auch etwas anderes. Etwas, was er noch nie vorher gesehen hatte. Die alte Laura hätte keine Sekunde an Selbstmitleid verschwendet, wofür jetzt die geschwollenen roten Augen und die Flecken auf ihren Wangen ein deutliches Zeichen waren.

Er senkte den Blick. Obwohl sie eingerollt unter der Decke lag, konnte er sich die Rundungen ihrer wohlgeformten Beine vorstellen. Auch hatte er noch das Bild vor Augen, wie er sie gerade auf die Couch fallen ließ. Ihr zerknitterter schwarzer Rock war hoch über ihre Knie gerutscht und entblößte die weiche, zarte Haut ihrer Oberschenkel. Wie damals gelang es ihr, ihn mit einer kleinen Bewegung der Beine, einem Blitzen der Augen zu erregen … Auch das hatte sich nicht geändert.

Er dachte an den Abend zurück, an dem er ihr den Heiratsantrag gemacht hatte, als sie so begierig, so bereit zu ihm gekommen war. Sie waren schon immer Freunde gewesen, gute Freunde, und Cory hatte sie vergöttert. Es war nur natürlich, dass sie sich näher kamen und schließlich heirateten. Er wäre mit einer Kameradschaft zufrieden gewesen, denn Cory brauchte eine Mutter, aber was sie mit in die Ehe brachte, das war ein Zusatzbonus.

Nein, in dieser Hinsicht hatten sie nie Probleme gehabt.

In der Eingangshalle schlug die Standuhr vier Mal, womit sie eine Viertelstunde anzeigte. „Stört dich das nicht?“, fragte er und legte den Bleistift zurück in seine Reihe. „Mich würde das Geläute alle fünfzehn Minuten stören.“

„Man gewöhnt sich daran. Man kann sich an alles gewöhnen. Jake?“

„Ja?“

„Es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe. Ich weiß, du wolltest nur helfen. Es war blöd, in der Speisekammer einzuschlafen. Cassie war hier, und nachdem sie gegangen war, habe ich vergessen, die Haustür abzuschließen. Ich war so müde, und es war ein so langer Tag …“

„Ist schon gut. Ich bin nur froh, dass nichts passiert ist.“

Sie setzte sich auf und schlang die Arme um ihre Knie. „Jake?“

„Ja?“

„Kannst du dich an diese Decke erinnern?“

Er grinste. Sie musste Gedankenleserin sein. Auch er erinnerte sich an den Abend seines Heiratsantrags, als er gesagt hatte, dass er den Rest seines Lebens mit ihr verbringen wollte, als er gesagt hatte, dass er sie als Mutter für Cory wollte. Sie hatten die Decke mit zu Freemans Teich genommen, unter den Sternen gelegen, geredet, geträumt, geplant. „Ja, ich erinnere mich.“

„Wir hatten auch gute Zeiten miteinander, nicht wahr?“, fragte sie und blickte ihm in die Augen. „Ich meine, es war nicht alles schlecht, oder?“ Ohne Vorwarnung rollten ihr zwei dicke Tränen über die Wangen.

„Laura …“

„Ich weiß nicht, was mit mir los ist“, flüsterte sie mit zitternden Lippen. „Seit ich zurück bin, bin ich völlig durcheinander. Vielleicht ist es die Erinnerung, wie meine Tante mich behandelt hat. Vielleicht ist es die Rückkehr nach Middlewood nach so vielen Jahren. Entweder lache ich, oder ich heule, oder ich tue beides gleichzeitig.“

Er zog sie näher zu sich heran. Mit einem unterdrückten Schluchzen sank sie in seine Arme und barg das Gesicht an seinem Hals. Er hielt sie fest und spürte, dass der Rest ihrer Abwehr wie Schnee in der Sonne schmolz. Ihr Duft hing in der Luft, und er sog ihn tief ein. Und dann strich er mit seinen Händen ganz langsam ihren Rücken hinunter.

„Oh, nein.“ Sie wurde steif in seinen Armen. „Ich kann das nicht tun.“

„Du kannst was nicht tun?“, fragte er und gab sich ahnungslos. Er konnte sich vorstellen, was sie dachte. War es sein Fehler, dass sie seine Absichten missverstanden hatte? „Dass dich jemand umsorgt? Du tust, als wäre es ein Zeichen von Schwäche. Weißt du, was dein Problem ist? Du brauchst niemanden. Es gefällt dir, die Märtyrerin zu spielen.“ Er strich ihr mit den Fingern über die Lippen. „Bist du nicht einsam da oben, allein in deinem Elfenbeinturm?“

„Hör auf“, verlangte sie schroff und wich seiner Berührung aus. „Antworte mir, Jake. Warum bist du hier?“

Jake lehnte sich seufzend zurück. „Du wirst mir wahrscheinlich nicht glauben, aber ich wollte mich entschuldigen.“

„Du? Dich entschuldigen? Wofür?“, fragte sie und runzelte die Stirn.

„Wegen gestern. Ich hätte lieber nicht sagen sollen, was ich gesagt habe. Du hattest deine Gründe, unsere Ehe aufzugeben, selbst wenn ich damit nicht einverstanden war.“

„Also da sind wir wieder gelandet. Deine Entschuldigung lässt mich als die Böse dastehen.“

„Komm schon, Laura. Das ist nicht leicht für mich. Lass mich nicht zu Kreuze kriechen.“

„Entschuldigung angenommen. Ich weiß zwar noch nicht, worauf du hinauswillst, aber ich muss zugeben, Demut steht dir.“

Das war genau die Laura, an die er sich erinnerte, nur Gift und Galle. „Waffenstillstand?“, sagte er dennoch um des lieben Friedens willen.

„Waffenstillstand.“ Sie hob eine Gänsefeder auf und blies sie in die Luft. Sie schaukelte nach unten und landete wieder am gleichen Platz. „Gestern Abend hat Cassie mit einem Kissen gekämpft – das Kissen hat verloren. Ich sollte besser diese Federn aufsammeln, bevor ich sie durchs ganze Haus verteile.“

Er machte Anstalten aufzustehen. „Bleib liegen. Ich erledige das.“

„Nein, lass es. Gemessen am Zustand dieses Hauses wäre das Beseitigen von ein paar Federn ein Tropfen auf den heißen Stein. Cassie sagte, ich sollte es renovieren, bevor ich es zum Verkauf anbiete. Aber ich denke, ich mache es sauber, so gut ich kann, und verkaufe es so.“

„Du hast dich entschieden zu verkaufen?“ Es war das erste Restaurationsprojekt seines Vaters gewesen, lange bevor Jake geboren wurde. Voll mit alten Häusern im Kolonialstil war Middlewood einst ein verschlafenes Nest in New England gewesen. Charles Logan, Jakes Vater, hatte sein Geld damit verdient, diese alten Häuser zu restaurieren und ihnen ihre alte Schönheit wiederzugeben, aber das Geschäft hatte nie den Erfolg, den er sich davon versprochen hatte. Schließlich hatten Jakes Eltern genug von den harten Wintern des Nordostens, zogen sich nach Florida zurück und überließen Jake das Geschäft. Unter seiner geschickten Leitung wurde es ein blühendes Baugeschäft, das jedoch immer seltener Renovierungsaufträge annahm.

„Ich habe überhaupt nichts entschieden“, erwiderte Laura. „Ich habe sogar überlegt, das Haus zu behalten, aber der Gedanke, hier zu leben, unter diesen Bedingungen …“

Jake schaute sich prüfend um, aber man musste nicht vom Baufach sein, um zu sehen, dass unendlich viel gemacht werden musste. Die vergilbte Rosentapete löste sich ab, die Fußleisten waren abgestoßen und abgesplittert, an der gegenüberliegenden Wand waren die Fensterscheiben geborsten, und die Holzrahmen zeigten Wasserschäden. Der Bauunternehmer in Jake wusste, dass es mehr als kosmetische Reparaturen brauchte, um das Haus bewohnbar zu machen.

„Vielleicht solltest du das Haus mehr öffnen“, schlug er vor. „Eventuell die Wand in der Eingangshalle rausbrechen.“

„Das kostet Geld. Wenn ich es behalte, dann werde ich nur das Nötigste machen. Der Rest kann warten. Nicht, dass ich für immer hier herziehen will, aber es wäre nett, einen Zufluchtsort zu haben. Ein Heim weg von zu Hause.“ Ein Stirnrunzeln zog über ihr Gesicht.

„Und was ist das Problem?“

„Du weißt, wie meine Kindheit war. Dieses Haus ruft nicht gerade angenehme Erinnerungen hervor.“

Jake grinste. „Sie können nicht alle schlecht gewesen sein. Was ist mit all den Treffen, die du hattest, zu denen du mich nicht eingeladen hast? Was habt ihr überhaupt an euren Mädchenpartys gemacht, außer über uns Jungs herzuziehen?“

„Falsch. Ich habe dich eingeladen und eine Menge anderer Jungs von der Schule auch, aber Tante Tess wollte keinen von euch ins Haus lassen.“ Sie seufzte. „Aber ich glaube, unabhängig von Tante Tess wird sich dieses Haus immer als Zuhause anfühlen. Und du hast recht. Ich hatte schöne Zeiten hier mit Cass und Ellen … und Cynthia.“ Sie wandte ihr Gesicht ab, als sie den Namen seiner ersten Frau aussprach. „Aber ich fühle die Gegenwart meiner Tante überall. Zuhause oder nicht, dieses Haus kann absolut unheimlich sein.“ Laura zog sich die Decke bis unters Kinn.

„Soll ich ein Feuer anmachen? Wie wär’s mit einem Brandy?“

„Ein Feuer im September? Und was den Brandy angeht, es ist erst halb neun Uhr morgens. Ich treffe nachher den Anwalt, und es fehlte gerade noch, dass er denkt, ich sei eine Säuferin. Außerdem ist kein Brandy im Haus. Du weißt, wie Tante Tess über Alkohol dachte. Aber hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als bei mir den Babysitter zu spielen? Früher konnte dich nichts von deiner Arbeit abhalten.“

„Nun, früher ist vorbei“, erwiderte er.

Seine Worte hingen in der Luft wie Nebel, und eine unangenehme Stille machte sich breit.

Jake erhob sich von der Couch. „Trotzdem musst du jetzt etwas Heißes trinken.“ Er ging in Richtung Küche. „Nimmst du immer noch Sahne?“, rief er aus der Küche.

„Ja“, rief sie zurück. „Aber ich habe keine!“

„Wie steht’s mit Zucker?“

„Kein Zucker!“

„Wo ist die Kaffeemaschine?“

„Da ist keine! Mach Pulverkaffee!“

„Wo sind die Becher?“

„Im Schrank neben dem Spülbecken!“

Du meine Güte, dachte sie, wenn er noch mal ruft, stehe ich auf und mache es selber. Sie lächelte. In der Küche war er immer schon ungeschickt gewesen. Wie damals, als sie mit Grippe ans Bett gefesselt war und er darauf bestanden hatte, das Abendessen zu machen. Als sie sich am nächsten Morgen in die Küche wagte, fand sie Töpfe, Pfannen, Schüsseln, Teller, Messer, Gabeln und Löffel verteilt auf der Anrichte, dem Spülbecken und dem Herd. Obwohl sie krank war und obwohl sie das Durcheinander aufräumen musste, war es doch eines der wenigen Male gewesen, dass er für sie da war. Und nun war er wieder da und kramte in der Küche, weil sie sich schlecht fühlte.

Auf dem Tisch neben dem Sofa klingelte das Telefon. „Bleib liegen!“, rief er aus der Küche, „ich geh’ ran!“

„Nein, ich hab’s! … Stephen! Wie geht es dir? … Weiß ich nicht, ein paar Tage mindestens, vielleicht eine Woche … Weißt du nicht mehr? Ich habe drei Wochen Urlaub. Mach dir keine Sorgen, wir haben viel Zeit für die Flitterwochen. Mein Urlaub beginnt erneut im Januar … Was meinst du damit, ich bin ein Herumtreiber! Du bist nur neidisch, weil du dir nicht so lange freinehmen kannst, als ob du dich auch nur eine Woche von deiner Praxis losreißen könntest … Hör mal, ich bin im Moment etwas in Eile. Warum rufst du nicht heute Abend an? … Ja, das Treffen mit dem Anwalt und später Mittagessen mit Cassandra … Nein, ich habe das Essen im Krankenhaus am nächsten Samstag nicht vergessen. Ich werde vorher zurück sein, spätestens Freitag … Ja, ich weiß, dass das noch eine Woche hin ist, aber du musst eben noch ein bisschen ohne mich auskommen. Ich muss Schluss machen, Liebling. Ich rufe dich später wieder an.“ Sie legte auf.

„Der Typ auf dem Foto nehme ich an“, bemerkte Jake steif. Er stand mit einem Tablett und zwei Bechern schwarzem Kaffee in der Tür.

„Entschuldigung. Ich wollte nicht lauschen.“

„Und ich nehme an, du wolltest auch nicht schnüffeln“, antwortete sie knapp. „Was soll das, in meinem Schlafzimmer rumzuschnüffeln? Du hattest kein Recht, da reinzugehen.“

„Ich habe nach deiner Leiche gesucht“, entgegnete er trocken. Er stellte das Tablett auf den Kaffeetisch neben den Skizzenblock. „Er ist fertig, Liebling. Aber es ist keine Sahne da, Liebling. Du musst ihn schwarz trinken, Liebling. Was glaubst du eigentlich, wo du bist? In einem Film von 1940? Wann wurde aus Cassie Cassandra?“

Sie hatte doch nur ein einziges Mal Liebling gesagt. Himmel, er benahm sich wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Es war fast komisch – aber auch ironisch. Er war ihrer immer so sicher gewesen.

Jake setzte sich neben sie. „Sieh mal, ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich dachte, du wärst verletzt. Aber es geht dir gut, ich hätte nicht schnüffeln dürfen. Und ich bin wirklich froh, dass du jemanden gefunden hast. Es war Zeit, dass du mit deinem Leben weitermachst. Es war Zeit, dir selbst zu vergeben.“

In Lauras Kopf ging eine Alarmglocke los. „Wie bitte?“

Jake hob seine Hand, als ob er sie abwehren wollte. „Lass mich ausreden. Ich versuche, das Kriegsbeil zu begraben.“

Sie beäugte ihn misstrauisch. „Ja, und …“

„Manchmal, wenn ich an die Vergangenheit denke, werde ich immer noch sauer. Ich weiß, ich werde noch länger brauchen, um dahin zu kommen, wo du jetzt bist, aber du sollst wissen, dass ich dir vergebe.“

Ihre drei gemeinsamen Jahre spulten sich vor ihrem inneren Augen ab. „Du vergibst mir? Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Und wenn du auf Händen und Knien lägest, ich würde dir nicht vergeben.“ Sie atmete tief und langsam ein. „Sag mir, waren wir eigentlich jemals richtig verheiratet? Wo warst du die ganze Zeit? Ich meine nicht physisch. Physisch warst du da, wenn du nicht gearbeitet hast, was du allerdings die meiste Zeit getan hast. Aber zu Hause hast du durch mich hindurchgesehen. Ich hatte deine Aufmerksamkeit nur, wenn du mir gesagt hast, was ich tun und wie ich mein Leben führen sollte.“

Sein Blick glitt von ihrem Gesicht zu Boden. „Du hast meine Aufmerksamkeit jetzt“, antwortete er und zog sie mit seinen Blicken aus. „Meine volle Aufmerksamkeit.“

Laura wusste, dass, wann immer sie wütend wurde, sie etwas an sich hatte, das entweder seine Libido anheizte oder ihn dazu brachte, sie erwürgen zu wollen. Es schien, dass dieses Mal seine Libido gewonnen hatte.

Er langte über die Couch und umarmte sie. Ihr Instinkt riet ihr, ihn wegzuschieben, jeder Nerv in ihrem Körper schrie, lauf weg, Laura, lauf! Sie schnappte nach Luft, als er seine Lippen auf ihren Hals presste, sein Atem war feucht und warm auf ihrer Haut, sein Geruch erinnerte sie an Holz und Gras.

„Jake, nein“, hauchte sie, nicht sicher, ob sie die Worte wirklich ausgesprochen hatte. Er fuhr mit der Zunge an ihrem Hals entlang bis zu ihrem Ohr, und kleine Schauder liefen ihr über den Rücken. Ihr Herz raste.

Mit einem Ruck befreite sie sich. „Ich sagte Nein.“

„Wie ich schon sagte, manche Dinge im Leben ändern sich nie“, bemerkte er sarkastisch.

Im Nu war sie auf den Beinen, ihr Gesicht brannte wegen der Demütigung. Sie wollte zuschlagen, schreien, etwas nach ihm werfen. Er hatte dieses grässliche, selbstgefällige Lächeln aufgesetzt, aber sein kühler, wissender Blick ernüchterte sie. „Für den Fall, dass du es nicht bemerkt hast“, sagte sie mit betont gelangweilter Stimme, „ich bin nicht mehr dein Spielzeug. Das ist sowieso alles, was du je wolltest. Ein Spielzeug für dich und ein Kindermädchen für Cory. Armer Cory. Ich wollte, er wäre mein Sohn gewesen. Ich wollte, ich hätte ihn mitnehmen können. Du hättest es vermutlich gar nicht bemerkt.“

„Was soll das heißen?“

Etwas in ihr hakte aus. Worte, die sie seit Jahren zurückgehalten hatte, sprudelten in einem wütenden Strom aus ihr heraus, den sie nicht mehr stoppen konnte. „Sag mir, hast du ihn je wirklich gesehen? Hast du mich je wirklich gesehen? Nun, manche Dinge ändern sich doch. Ich habe jetzt ein erfülltes Leben, und dazu gehört ein aufmerksamer, fürsorglicher Mann, der weiß, dass ich existiere. Und lass dir noch etwas sagen, du Macho, du hast mit Cyn den gleichen Fehler gemacht wie mit mir.“

„Sei vorsichtig, Laura!“

Sie ignorierte seine Warnung und setzte ihre Tirade fort. „Hat sie dir je erzählt, dass sie das College aufgegeben hat, um deine Frau zu werden? Seit wir Kinder waren, wollte sie Design studieren. Hast du eine Ahnung, welches Opfer sie für dich gebracht hat? Und da wir schon von Cynthia sprechen, es wäre nett gewesen, wenn du sie ein einziges Mal in der ganzen Zeit nicht mit in unser Bett genommen hättest. Ich spreche nicht von Sex, du Casanova. Vergiss deine Fantasien. Ich wünschte nur, du hättest gemerkt, dass ich neben dir im Bett lag und nicht Cynthia. Ich wünschte, du hättest nur ein einziges Mal gewusst, dass ich überhaupt da war.“

Sie fürchtete, die Beine würden ihr den Dienst versagen, und lehnte sich gegen die Anrichte. „Ich hatte sie auch lieb“, fuhr sie mit trauriger Stimme fort. „Sie war meine beste Freundin. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Aber sie ist tot, Jake. Sie ist fort.“

Er starrte sie wütend an. „Wovon redest du? Was hat Cynthia mit uns zu tun? Darf ich dich daran erinnern, dass du diejenige warst, die mich verlassen hat? Wie kommst du darauf, dass du schuldlos bist?“

„Geh nach Hause“, verlangte sie tonlos. „Ich muss mein Leben leben.“

Er starrte eine Weile ins Leere und stand dann auf. Mit geballten Fäusten drehte er sich auf dem Absatz um und verließ den Raum.

Sie ließ sich auf die Couch fallen und hörte seine Schritte in der Eingangshalle. Die Haustür gab beim Öffnen ein Knarren von sich und wurde dann zugeschlagen. Vom Wohnzimmer aus konnte sie das Quietschen der Reifen hören, als er aus ihrer Auffahrt fuhr.

Sie blieb noch ein Weilchen im Wohnzimmer sitzen, und als sie endlich nach ihrem Kaffeebecher griff, war sie nicht überrascht, dass er kalt geworden war.

3. KAPITEL

Es war fast halb zehn, als Laura endlich die Kraft fand, sich von der Couch zu erheben. Auf ihrem Weg in die Küche schaute sie in den antiken Spiegel neben der Standuhr. Ihr Gesicht war grau, die Wimperntusche verschmiert, und ihre zerzausten Haare sahen aus wie ein Vogelnest nach einem Sturm.

Nachdem sie etwas Saft und trockenen Toast zu sich genommen hatte, stieg sie schwerfällig die Treppe rauf, der ganze Körper schmerzte nach der auf dem Fußboden verbrachten Nacht.

Sie hatte noch die Bilder im Kopf, wie Jake sie auf seinen Schoß gezogen, sie geneckt und sich über sie lustig gemacht hatte. Sie hatte genauso reagiert, wie er es erwartet hatte, und wieder stieg der Zorn in ihr hoch. Sie war wütend auf sich selbst, weil ihre Reaktion so eindeutig war, und wütend auf ihn, weil er … weil er einfach ein Blödmann war.

Dies war nicht das Märchen vom Aschenputtel. Und er war kein Prinz. Sie betrachtete sich in dem langen Spiegel an der Schlafzimmertür, als sie das zerknitterte Kleid auszog. Hier bin ich schon wieder, dachte sie. Ich scheine mich überallhin zu verfolgen. Ihr Blick glitt über ihre zarte Gestalt und hielt kurz inne, um die muskulösen Beine zu bewundern, den flachen Bauch und die schmale Taille. Dann glitt ihr Blick nach oben zu ihren festen Brüsten in einem durchsichtigen rosa BH. Nicht schlecht gestand sie sich zögernd ein und dachte an die Zeiten, als sie etwas rundlicher war. Mit ihrem Körper war sie eigentlich nie wirklich zufrieden gewesen. Vielleicht sollte ich alle Spiegel wegwerfen, dachte sie.

Sie nahm ihren grünen Morgenmantel aus dem Schrank und ging ins Bad. Sie trug noch BH und Strumpfhose, als sie in der Dusche das Wasser andrehte. Resigniert betrachtete sie die braune Flüssigkeit, die herauströpfelte. Nun würde sie fünf Minuten warten müssen, bis das Wasser heiß und klar lief. Die Leitungen waren hinüber. Koronare Gefäßerkrankung würde Stephen sagen.

Wie hätte wohl der untadelige Dr. Palmer auf ihre Erscheinung an diesem Morgen reagiert? Cassie nannte ihn nicht zu Unrecht „Stephen standfest“, denn aufrecht und tadellos ging er durchs Leben. Der renommierte Herzchirurg hätte bei ihrem Anblick wahrscheinlich selbst einen Herzanfall erlitten.

Sei fair, schimpfte sie mit sich selbst. Ist es nicht das, was du immer wolltest? In den Augen eines anderen perfekt sein? Auf dem sprichwörtlichen Podest sitzen?

Sag mir, bist du nicht einsam da oben, allein in deinem Elfenbeinturm?

Sei still, sagte sie in Gedanken zu Jake. Ich bin jetzt glücklich. Stephen und ich sind das ideale Paar. Du solltest ihn nicht schlecht machen, er ist dir sehr ähnlich: gut aussehend, intelligent, ehrgeizig. Oh ja, da ist noch etwas. Er wil...

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