Das Geheimnis der Hochzeitsnacht

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Hat die schöne Lady Juliana Uppingham ihren frisch angetrauten Ehemann noch in der Hochzeitsnacht ermordet? Mit seinem eigenen Dolch? Zuzutrauen wäre es ihr, immerhin hatte ihr Mann sie zuvor auf das Schlimmste misshandelt. Doch Sir Edmund Ashendon, seines Zeichens Baronet, Anwalt und von den Behörden gern zur Lösung verzwickter Kriminalfälle eingesetzt, glaubt an Julianas Unschuld und will sie vor dem Galgen retten. Und das nicht nur, weil er sich zunehmend zu ihr hingezogen fühlt. Die Zeit, den wahren Mörder zu finden, läuft den beiden allerdings davon …


  • Erscheinungstag 25.07.2026
  • Bandnummer 188
  • ISBN / Artikelnummer 0840260188
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

L.C. Sharp

Das Geheimnis der Hochzeitsnacht

L.C. Sharp

L.C. Sharp lebt im Norden von Großbritannien. Sie hat ihr ganzes Leben damit verbracht, Geschichte zu erforschen, zu leben und zu lieben, und endlich schreibt sie nun darüber! Sie schreibt bereits seit ihren frühen Versuchen, den Morte D’Arthur und die Romane von Georgette Heyer in eine neue Fassung zu bringen. Geschichte war ihr schon wichtig, als ihre Eltern sie jedes Wochenende zu einem anderen herrschaftlichen Anwesen mitgenommen haben. Nun darf sie diese Liebe mit Ihnen teilen.

1. KAPITEL

Frühling 1748

Waren alle Hochzeitsnächte so schrecklich?

Juliana, seit gestern Lady Godfrey Uppingham, wagte nicht, sich zu bewegen. Wenn sie das täte, würde Godfrey vielleicht aufwachen. Dann würde alles wieder von vorn anfangen.

Ihre Angst drohte sich zu einer Panik auszuweiten, ihr Herz raste, ihr Magen drehte sich um. Stundenlang hatte sie mit dem Blick das geschwungene Muster des dunkelgrünen Brokats an der Wand gegenüber dem Bett nachgezeichnet, um ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

In ihrem Kopf drehte sich alles vor Verwirrung und Angst. Würde sie das nun jede Nacht durchstehen müssen? Würde sie sich daran gewöhnen können?

Sie hatte keine Antworten. Niemand hatte sie auf diesen Gewaltstreich vorbereitet.

Neben sich im Bett spürte sie ein Gewicht, das ihr sagte, dass Godfrey noch da war, auch wenn sie ihn nicht atmen hörte. Nach dem letzten Mal, dass er sie genommen hatte, hatte sie sich an den Rand der Matratze geklammert. Das tat sie jetzt noch immer. Von dem Augenblick an, in dem er ihr damit gedroht hatte, ihr Hochzeitskleid mit seinem Militärdolch aufzuschlitzen, wenn sie es nicht schnell genug auszöge, hatte sie nichts als Angst gehabt.

Jeder Teil ihres Körpers tat ihr weh; es ging über die Wunden, die er ihr zugefügt hatte, weit hinaus. Wenn sie atmete, schoss der Schmerz durch ihren Körper, aber sie zwang sich trotzdem dazu, einen gleichmäßigen Rhythmus beizubehalten, so als schlafe sie noch. Ganze fünf Minuten lang konzentrierte sie sich darauf, wobei sie das laute Ticken der Uhr als Orientierung benutzte: einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Ganz langsam, während sie darauf wartete, dass ihr klopfendes Herz sich beruhigte und die Tränen, die ihren Körper zu erschüttern drohten, versiegten.

Sie durfte ihn nicht aufwecken.

Der Gedanke an ihn ließ die Spannung in ihr wieder aufsteigen, verursachte ihr Übelkeit. Also atmete sie wieder tief ein, so tief, wie sie es wagen konnte, und dann wieder ganz langsam aus. Dies war ihr Leben. Sie würde sich einfach daran gewöhnen müssen, das war alles. Sie hatte gelernt, mit unbequemen Wahrheiten umzugehen, also konnte sie auch lernen, hiermit klarzukommen.

Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Akt, mit dem man Nachkommen zeugte, so erschütternd war, so schmerzhaft, so … Es hatte beim ersten Mal wehgetan. Beim zweiten Mal sogar noch mehr, und an das dritte und vierte Mal wollte sie gar nicht denken.

Sie verdrängte die Erinnerungen. Sie würde weinen, wenn sie allein war, dann die Tränen trocknen und weitermachen mit dem, was nun aus ihrem Leben geworden war. Sie hatte keine Wahl. Die hatte sie nie gehabt.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie ihren Eltern gehorcht, getan, was sie von ihr erwarteten, den Mann geheiratet, den sie ihr ausgesucht hatten – und was hatte es ihr gebracht?

Nichts.

Warum sollte sie also genau so weitermachen? Widerstand regte sich in ihr. Was hatte sie von all dem Gehorsam und der Akzeptanz? Sie hatten ihr diese furchtbare Hochzeitsnacht beschert.

Keine Sekunde länger. Das schwor sie sich an Ort und Stelle, heiliger als jedes Versprechen, das sie je gegeben hatte. Nach diesem letzten Verrat durch ihre Eltern hatte sie genug. Genug von Gehorsam und Schicklichkeit. Sie würde sie ersetzen durch Ehrlichkeit und unabhängiges Denken.

Hatten ihre Eltern gewusst, wie Godfrey wirklich war? Wenn dem so gewesen wäre, hätten sie sie dann mit ihm verheiratet? Sie fürchtete, dass die Antwort Ja lautete. Sie war auf sich gestellt – auf die einzige Person, der sie etwas bedeutete.

Die Kraft, die ihr blieb, würde sie dazu nutzen, um sich selbst zu retten. Wenn sie das nicht täte, wäre sie binnen eines Jahres tot. Sie hatte eine Waffe, genau eine, und die würde sie nutzen. Ihre Eltern wollten einen Enkelsohn. Um den gebären zu können, musste sie am Leben bleiben. Das würde sie ihrer Mutter genau so sagen. Diese musste dann dafür sorgen, dass Juliana wenigstens so lange überlebte, bis sie den Enkel geboren hatte, den sich ihre Eltern so sehr wünschten.

Das war doch ein Anfang. Ihr Herz schlug allmählich wieder langsamer, und sie konnte wieder normal atmen. Die Entscheidung stand. Sie würde einen Plan ausarbeiten.

Die Uhr schlug zur halben Stunde und riss sie mit ihrem weichen Klang aus ihren Gedanken. Das Licht, das durch den Spalt zwischen den Vorhängen eindrang, wurde langsam heller.

Er bewegte sich nicht. Er schnarchte nicht einmal, so wie er es zu Beginn der Nacht getan hatte. Vielleicht hatten ihn seine Anstrengungen erschöpft. Hatte man ihre Schreie im Haus gehört? Wahrscheinlich schon, aber Godfrey hatte sie als Ermutigung gedeutet und Juliana nur noch härter rangenommen.

Jetzt lag er ruhig da, ohne sich zu bewegen. Juliana traute sich, sich ganz langsam über die Bettkante zu schieben. Wenn sie es schaffen würde, das Bett zu verlassen, ohne dass er es merkte, könnte sie vielleicht entkommen.

Sie verlagerte das Gewicht und unterdrückte einen Schmerzensschrei, als ihr gebeutelter Körper sich selbst einer so leichten Bewegung widersetzen wollte. Langsam schob sie ihre Decke beiseite. Dann wappnete sie sich, um die Sauerei zu begutachten, in der sie sich befand.

Blut befleckte ihre Oberschenkel und sammelte sich unter ihr. Sie hatte gewusst, dass sie bluten würde, aber nur ganz leicht – eine feine Spur, die den Übergang zu ihrem Leben als Frau kennzeichnen würde. Das hier war aber mehr als eine Spur, und ein übler Geruch ging davon aus, der ihr im Hals stecken blieb. Warum war da so viel Blut?

Sie tastete ihren Körper ab und zuckte zusammen, als sie wunde Stellen und Prellungen ertastete … aber keine klaffenden Wunden, nichts, was diese Sauerei erklären konnte. Wenn sie so viel Blut verloren hatte – warum war sie nicht tot?

Das Blut gerann, wurde dick, bildete schwarze Stellen auf der Oberfläche, jetzt, da frische Luft herankam.

Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Ihr Ehemann lag so ruhig da, er könnte genauso gut …

Sie ließ die Heimlichtuerei fahren, schnellte hoch und wandte den Kopf – voller Angst vor dem, was sie erwartete.

Godfrey lag auf dem Rücken, nackt. Die Decke reichte ihm nur bis zur Hüfte. Seine muskulöse, behaarte Brust war mit Blut verkrustet. Die blassblauen hervorstehenden Augen waren weit geöffnet, aber er konnte nichts mehr sehen. Denn in seiner Brust steckte ein Messer.

Juliana sprang aus dem Bett. Der Atem blieb ihr in der Kehle stecken, und ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Während ihr Blick auf die blassen, stierenden, toten Augen ihres Mannes gerichtet war, löste sich ihr Atem in einem einzelnen heftigen Keuchen.

Und als sie dieses Mal schrie, kamen die Leute angerannt.

2. KAPITEL

Alles schien sich außerhalb von Julianas Reichweite abzuspielen, so als säße sie unter einer Kuppel aus Glas, durch die sie zwar sehen und hören, aber nicht an den Ereignissen teilnehmen konnte. Diesen Zustand hatte sie sich für den größten Teil ihres Lebens selbst auferlegt, insbesondere für die ermüdenden Besuche bei Hofe, wenn sie – wie eine Puppe in steifem Brokat gewandet – dasaß und sich eine Darbietung von jemandem anhören musste, der sich für eine Opernsängerin hielt. Ihren Verehrern, denen die Geldgier ins Gesicht geschrieben stand, lächelte sie dann freundlich zu.

Aber dieses Mal konnte sie diesem Zustand nicht entkommen. Sie war gefangen.

Ihre Schwiegermutter schrie und beschimpfte sie im selben Atemzug. „Du hättest nicht solch einen Lärm machen sollen. Jetzt wissen es alle Bediensteten. Hast du denn gar keine Hemmungen, kein Feingefühl?“ Die Marchioness of Urmston schritt durch den Raum wie ein riesiger Vogel und ließ ihrem Zorn freien Lauf. Durch ihr weites Nachthemd wirkte sie noch größer. „Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe, dich mit meinem geliebten Sohn zu verheiraten.“ Ihre Ladyschaft rang die Hände, blieb stehen und starrte die Leiche ihres Sohnes an. Ihre Gesichtshaut war unter ihrer weißen Schminke noch blasser als diese, und durch ihr in Lockentücher gewickeltes Haar erschien sie noch grotesker.

„O mein Gott!“ Der Marquess stand im Türrahmen und ließ den blutigen Anblick auf sich wirken. Dann drehte er sich um, ergriff den Diener beim Arm und stieß ihn in Richtung des Stubenmädchens. „Hinaus! Ihr alle, außer dir!“ Er zeigte auf Wood, Julianas Zofe. „Du bleibst! Deine Herrin wird dich brauchen.“

Er packte das Stubenmädchen und schob sie mit Gewalt aus dem Raum. Drei weitere Bedienstete folgten ihr, alle außer Wood. Deren Neigung, Julianas Vater alles zu erzählen, was sie tat oder sagte, spielte jetzt keine Rolle. Im Moment war nur wichtig, dass jemand da war und sah, was geschah. Der Marquess sah aus, als wolle er sie töten, und vielleicht würde ihn die Anwesenheit der Zofe davon abhalten.

Sein Gesicht färbte sich schnell purpurrot. Seine vorstehenden blauen Augen, die denen seines Sohnes ähnelten, als der noch gelebt hatte, traten aus dem Kopf hervor, und an seinem Hals schwollen die Adern. Er ballte die Fäuste.

„Du hast meinen Jungen ermordet!“, schrie er Juliana an. Die Worte schwappten über sie hinweg. „Dafür wirst du sterben.“

Wood brachte einen Morgenmantel. Juliana glitt mit den Armen in die Ärmel. Niemand wandte sich ab. Sie starrten ihren blutverschmierten Körper an, als sei sie ein Exponat in einer Horrorausstellung. Der Morgenmantel würde ruiniert sein, aber Juliana war froh über den Schutz, den er ihr bot.

Die Marchioness war blass wie der Tod, als sie den Raum durchschritt und Juliana eine gehörige Schelle auf die linke Wange verpasste. Wenn Juliana sich nicht am Nachttisch festgehalten hätte, wäre sie zu Boden gestürzt. Immerhin spürte sie den Schmerz, den der Schlag verursacht hatte.

„Wie konnten wir jemandem wie dir Zutritt zu unserem Haus gewähren?“, schrie Ihre Ladyschaft. „Welch irrer Impuls hat uns verleitet zu glauben, dass wir dir trauen können?“ Sie drehte sich weg. „Wir haben alles verloren, wofür wir gekämpft haben.“

Das war ihr erster Gedanke? Sie war nicht so von Trauer getroffen, wie Juliana erwartet hätte. Ihr Zorn entsprang vereitelten Plänen, nicht ihrem Kummer. Schließlich hatte sie noch weitere Söhne. Godfrey war ihr zweiter Sohn – gewesen.

„Unser Sohn ist tot“, sagte der Marquess ausdruckslos. Mit Tränen in den Augen drehte er sich zum Fenster.

Juliana war zu schockiert, um zu weinen. Die Glaskuppel, die sie vom Rest der Welt trennte, diente ihr als Schutz. Sie bekam das subtile Zittern, das durch ihren Körper lief, nicht in den Griff, also verschränkte sie die Arme, um sich selbst festzuhalten.

„Ich habe das nicht getan“, sagte sie in die Stille hinein.

Sie konnte sich nicht mehr richtig entsinnen, was geschehen war, nachdem Godfrey sie zum letzten Mal genommen hatte. Es gab definitiv Lücken in ihrer Erinnerung, aber sie wusste mit absoluter Gewissheit, dass sie ihren Ehemann nicht getötet hatte.

Oder konnte sie es doch gewesen sein, ohne sich später daran zu erinnern? Sicher nicht. Nicht, wenn sie nicht wahnsinnig geworden war; sie war zwar nicht ganz sie selbst, aber sie konnte noch rational denken. Das konnten Wahnsinnige bestimmt nicht.

Zweifelsohne würde die Nachricht ihre Eltern erreichen, wenn sie es nicht bereits wussten. Genug Menschen hatten diesen Raum gesehen, und der Klatsch der Bediensteten verbreitete sich schneller als der Blitz. Sie würden schon bald anreisen. Oder vielleicht eine Nachricht schicken, dass sie für sie gestorben war. Juliana würde das begrüßen, aber sie bezweifelte, dass ihre Eltern das tun würden.

Solange sie lebte, hatte sie einen gewissen Wert. Als einziger Sprössling eines bedeutenden Hauses trug sie die Last der Vererbung auf ihren Schultern.

„Wer soll es denn sonst gewesen sein?“, fragte ihre Schwiegermutter mit verkniffenen Lippen und hartherzigem Blick. „Ist jemand in den frühen Morgenstunden ins Zimmer getreten und hat ihn abgeschlachtet, während du danebenlagst? Oder hast du jemanden gerufen? Hattest du Helfer? Was hat mein Sohn getan, dass du ihm das antun würdest?“

Das Einzige, an dem ihr ansonsten unberechenbarer Verstand unerschütterlich festhielt, war dieses Leugnen. Sie wusste mit jeder Faser ihres Körpers, dass sie die Tat nicht begangen hatte. „Warum hätte ich ihn umbringen sollen? Ich habe ihn doch geheiratet, oder nicht?“

Sie verkniff sich die Bemerkung, die sie jetzt eigentlich hatte loswerden wollen, denn die Marchioness hätte sie dafür töten können. Aber tief in ihrem Herzen wusste sie, dass ihr Ehemann es verdient hatte, für das zu sterben, was er ihr angetan hatte. Und was er ihr weiterhin hatte antun wollen. Juliana wusste es, weil er es ihr gesagt hatte. Er hatte sie damit gequält, sie immer wieder daran zu erinnern, dass so fortan ihr Leben aussehen würde.

Die Schwiegermutter umkreiste Juliana mit ihrem raschelnden blauen Seidenkleid und blieb dann vor ihr stehen, um sie prüfend anzusehen, als begutachte sie eine Statue oder ein Stück Fleisch. Ihr Zorn war verflogen, einem abgebrühten Kalkül gewichen. „Wurde die Ehe vollzogen?“

Juliana nutzte das bisschen Macht, das sie hatte, und stand steif da, ohne zu antworten. Nur sie und Godfrey konnten das sicher wissen, und er war tot. Jede Information, die sie hatte und die anderen nicht, gereichte ihr zum Vorteil. Sie würde alles tun, was möglich war, um sich selbst zu retten. Zu gegebener Zeit würde sie es ihnen sagen, aber sie brauchte jemanden, der sich mit dem Gesetz besser auskannte als sie und sie beraten konnte. Sie würde ihren Vater fragen, sobald er käme – falls er käme. Wie auch immer er über ihre Verfehlungen als Tochter dachte, er würde wollen, dass sie am Leben blieb.

Die Reste ihres Hochzeitskleides lagen verstreut auf dem Boden. Godfrey hatte es ihr vom Leib geschnitten und dabei die ganze Zeit gelacht, besonders dann, wenn sie vor Angst gewimmert hatte. Danach hatte sie nicht mehr gewimmert, sondern nur noch geschrien. Godfreys Kleidung lag noch auf dem Stuhl, wo er sie hingeworfen hatte.

Auf dem kleinen Tisch stand neben der Brandykaraffe noch eine mit Wein, zusammen mit zwei benutzten Gläsern. Sie könnte jetzt einen Schluck vertragen. Vielleicht würde das helfen, ihre Lebensgeister wieder zu wecken, sodass sie sich wieder spüren konnte.

Der penetrante Geruch des frischen Blutes setzte sich in ihrer Kehle fest. Das Bett war ruiniert, übersät mit rotbraunen Flecken, dem geronnenen Lebenssaft ihres Ehemannes für einen Tag. Nein, nicht einmal das. Sie hatten gestern um elf Uhr geheiratet, und die aufwendig vergoldete Uhr auf dem Kaminsims sagte ihr, dass es gerade erst neun war.

Die düstere, förmliche Möblierung entsprach ihrer Stimmung, als sie das erste Mal diese Räume betreten hatte – wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde. Das Zimmer war ihr vorgekommen wie eine Leichenhalle, nicht wie ein Ort, an dem man eine Hochzeit feierte. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wie zutreffend das sein würde.

„Ich will, dass du dieses Haus verlässt“, sagte der Marquess. „Verschwinde, hörst du? Ich beherberge hier keine Mörderin“, fügte er hinzu und drehte ihr weiter den Rücken zu.

Julianas Körper, noch immer nackt unter dem seidenen Morgenmantel, war voller Blut. Wie ein Damm hatte sie es aufgehalten, sodass es sich an ihrer Seite gesammelt hatte. Ein Rinnsal war an der Matratze und dem Mahagoni-Bettgestell entlang auf den Boden gelaufen. Den Perserteppich würde man verbrennen müssen. Die Flecken würden sie niemals herausbekommen.

Weil das vermutlich das letzte Mal war, dass sie ihren Ehemann sah, blickte sie in sein Gesicht. Er war auf eine fleischige Art gut aussehend. Dicke Lippen, blasse Augen, kurzes, dickes naturblondes Haar. In seinem leeren Blick war kein Leben. Er war eine Hülle, ein Überbleibsel von dem, was einst in ihm lebendig gewesen war.

Wenn Godfrey nicht von so hoher Geburt gewesen wäre, hätte er sich seinen Lebensunterhalt als Schläger in einem Gasthaus oder als Ringer oder Boxer verdienen können. Er hatte eine breite Brust und breite Schultern. Stämmig, hatte sie bei ihrem ersten Treffen gedacht.

Godfrey hatte keine Verletzungen außer der einen tiefen Wunde über seinem Herzen. Der Dolch ragte grotesk in die Höhe. Es war ein Militärdolch. Sie erkannte das an der Machart und der vergoldeten Verschlingung um das Heft herum. Er war mit seinem eigenen Dolch erstochen worden – dem, mit dem er ihr die Kleidung aufgeschlitzt hatte.

Godfrey hatte in der Armee gedient, dort aber eine zeremonielle Stellung innegehabt. Er hatte London nie verlassen. Der Dolch gehörte zur Uniform seines Ranges: Captain Lord Godfrey Uppingham. Im Rahmen der Brautwerbung – die eher eine Farce gewesen war, da sie ohnehin kein Mitspracherecht gehabt hatte – hatte er ihr von seinen Jahren beim Militär erzählt, von seinen Uniformen und den mit glänzenden Diamanten besetzten Orden, die er besaß. Nichts davon hatte er sich verdient. Juliana hatte er damit nicht beeindrucken können.

Ein flacher Kasten aus Mahagoni lag auf dem Tisch am Fenster neben ihr. Er sah aus wie eine Kiste für Schusswaffen, eine von der Art, in denen man Duellpistolen aufbewahrte. Wer auch immer ihn getötet hatte – die hatte er also nicht benutzen wollen. Vielleicht war der Plan des Mörders gewesen, leise vorzugehen.

Godfreys Vater durchquerte den Raum, blickte auf seinen Sohn hinab und schloss ihm die Augenlider.

Juliana konnte noch immer nichts fühlen, aber dafür klar denken. Während ihre Schwiegermutter händeringend herumzeterte, konzentrierte sich Juliana auf das Problem. Sie wusste, dass sie Godfrey nicht getötet hatte, auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, wie es sonst passiert sein sollte. Es sei denn, er hatte es selbst getan. Den Gedanken verwarf sie so schnell, wie er gekommen war. Er hatte keinen Grund gehabt, sich umzubringen.

Jetzt lag Godfrey dort, jedes Leben war vollständig aus ihm gewichen.

Ihr würde es bald genauso gehen, wenn man ihr den Strick aus Seide um den Hals legen würde. Sie konnte bereits fühlen, wie er sie erbarmungslos in den Tod zog.

Aber sie würde dagegen kämpfen. Auch wenn es ausweglos schien – sie würde nicht zum Galgen gehen, ohne bei jedem Schritt ihre Unschuld zu beteuern.

3. KAPITEL

Auf ein Nicken des Marquess hin führte die Zofe Juliana in einen anderen Raum, der der Totenkammer ähnelte, nur dass kein toter Mensch darin lag.

Schweigend zog Wood Juliana aus und wusch sie mit kaltem Wasser, um jeden Rest des Bluts zu entfernen. Juliana hieß das kalte Elend willkommen. Wenigstens fühlte sie etwas.

Innerlich rezitierte sie wieder und wieder: Ich habe ihn nicht getötet. Ich habe ihn nicht getötet. Ich habe ihn nicht getötet.

Wood brachte die Ausstattung, die Juliana normalerweise trug: den weiten Reifrock, die raffinierten Röcke, das Haarpuder. Juliana lehnte alles ab. „Bring mir etwas Einfacheres.“

Was auch immer sie erwartete, sie würde dem offen begegnen, ohne Maskierung, ohne List. Instinktiv verstand sie, dass sie ihre Unschuld zeigen, sich selbst unverhüllt darbieten musste. Sie würde es ihrem Vater und den anderen, die sie unterstützen wollten, überlassen, mit all ihrem Glanz und ihrer Macht die Behörden einzuschüchtern.

Nur über Peers, Mitglieder des Hochadels, die im House of Lords saßen, konnte auch dort verhandelt werden, und sie war kein Peer. Man würde sie im Old Bailey vor Gericht stellen. Der Mann, der zurzeit die Stellung des Friedensrichters in der Bow Street innehatte, ließ sich von gar nichts einschüchtern, und er war unbestechlich. Henry Fielding, der Schriftsteller, und sein blinder Bruder John bildeten ein beeindruckendes, wenn auch unerwartetes Bollwerk gegen Korruption und Kriminalität. Sie hatten sich diesbezüglich erklärt und übten immer mehr Einfluss auf die Gesetzgebung und das Land aus. Sie hatte die beiden nie getroffen, würde aber sicher schon bald dieses Privileg haben.

Sie würde vor einem von ihnen antreten und sich sein Urteil anhören müssen. Sie würde sehen, wie Mr. Fielding sich den schwarzen Dreispitz auf die Perücke setzte und sie zum Tode verurteilte.

Sie würde alldem offen begegnen. Sie sollten wissen, wen sie da töteten. Und sie würde bis zum Ende auf ihrer Unschuld beharren. Das würde sie zwar vielleicht nicht vor dem Galgen bewahren, aber wenigstens würde sie in Stolz und Würde sterben.

Die Erinnerung an die vergangene Nacht rumorte in ihrem Kopf. Schmerz und Demütigung, seltsame neue Gerüche und Geschmäcker und der Widerhall von etwas anderem, das sie nicht klar ausmachen konnte, wie sehr sie es auch versuchte.

Sie stand dort wie eine Marmorstatue und ließ sich von Wood anziehen. Die Zofe führte ihre Aufgabe mit zugeknöpftem Schweigen aus. Sie fand einen blauen Unterrock und ein zart besticktes Kleid aus feinster Taftseide in noch dunklerem Blau. Juliana ließ zu, dass sie ihr ein Hüftpolster anlegte, um sich den Anschein von Ehrbarkeit zu geben. Ihr schwarzes Trauerkleid befand sich im Haus ihrer Eltern. Wer hätte schon wissen können, dass sie es brauchen würde?

Einfache Strümpfe, nicht die mit den aufgestickten Ornamenten entlang der Fesseln, und eine bescheidene, wenn auch kostbare Spitzenhaube auf ihrem dunkelroten Haar vervollständigten ihre Tracht.

Sie rechnete mit, ja wartete sogar hinter ihrer ruhigen Fassade auf Tränen, aber sie fühlte einfach nichts. Sie wappnete sich für die Zeit, wenn sie in ihr aufsteigen würden, und war entschlossen, sie niemandem zu zeigen. Sie hatte von der Besten gelernt – ihrer Mutter –, und sie wusste, wie man seine Gedanken kontrollierte, sein Gesicht dazu brachte, regungslos zu wirken. Das würde sie so lange tun, bis sie nicht mehr konnte. Gegenwärtig fiel ihr das überhaupt nicht schwer.

Wood verließ den Raum und kam mit einem Umhang zurück. „Sie sollen mit mir kommen, Mylady“, sagte sie.

Juliana folgte ihr mit dem vagen Gedanken, wegzulaufen und nie mehr zurückzukehren. Aber es hatte ihr noch nie behagt, vor Problemen davonzulaufen. Sie würde die Stellung halten, bis sie mehr wusste. Wood brachte sie nach unten und vor die Tür, wo eine Kutsche wartete. Es war kein Gefährt, auf dessen Tür ein Wappen prangte oder das raffiniert gepolstert und beschlagen war. Nein, Mörderinnen reisten in einfachen Pferdedroschken.

Juliana stieg ohne die Hilfe eines Dieners oder gar ihres Dienstmädchens hinein. Im Inneren stank es nach Pisse und Erbrochenem, und die Ledersitze waren gerissen und vom Alter geschwärzt. Auf dem Boden lag Stroh. Sie bemerkte das alles, aber es machte ihr kaum etwas aus. Jedenfalls nicht so viel wie Wood, die hinter ihr angewidert mit gerümpfter Nase hineinkletterte.

Würden sie sie ins Newgate Prison werfen? Das Gebäude türmte sich unheilvoll über den Vorbeieilenden auf. Selbst Kutschen bevorzugten es, die andere Straßenseite zu benutzen, und es war nicht nur das Gefängnisfieber, das sie auf Abstand hielt.

Sie rechnete damit, innerhalb der nächsten Stunde in eine Zelle geworfen zu werden. Sie würde ein öffentliches Spektakel sein, die Mörderin, die ihren Ehemann in der Hochzeitsnacht getötet hatte.

Nur dass sie ihn gar nicht getötet hatte.

Sie erwartete, dass die Droschke nach links abbiegen und sie in die City bringen würde, ins Stadtzentrum, diesen Gegensatz aus Arm und Reich, von dem manche sagten, es sei die wohlhabendste Quadratmeile der Welt. Stattdessen fuhr sie die Hanover Street entlang und über den Platz am Ende, um den grünen Bereich in der Mitte herum, der nur den Bewohnern vorbehalten war.

Von der City weg.

Der Kutscher setzte sie vor dem Eingang ihres Elternhauses in London ab, wie ein Paket, das man an die falsche Adresse geliefert hatte. Ein Diener erwartete sie bereits, um sie hineinzugeleiten. Er deutete nicht einmal durch eine hochgezogene Augenbraue an, dass heute etwas anders war als sonst. Wie üblich verbeugte er sich knapp, während sie mit hoch erhobenem Kopf auf die Tür zuschritt.

Etwa zwanzig Leute waren um das Eisengitter versammelt, das den arglosen Fußgänger von dem unteren Bereich abschirmte, wo Kohle sowie Obst und Gemüse angeliefert wurden. Juliana wäre an diesem Tag lieber die ärmste, gehetzteste Küchenmagd gewesen als sie selbst.

Die Menge war nicht da, um Gemüse zu verkaufen oder Stühle zu reparieren. Sie war da, um zu gaffen. Die Nachricht hatte sich bereits verbreitet, und die Geier umkreisten schon die Leiche.

Als sie an ihnen vorbeiging, erhob sich ein Gemurmel, aber niemand rief etwas. Noch nicht. Die Atmosphäre war zum Bersten gespannt.

Dann ertönte ein Ruf: „Da ist sie!“, und noch einer: „Mörderin!“, und: „Hexe!“

Bald würden sie handeln, da war sich Juliana sicher.

Die Tür öffnete sich, als sie sich näherte, und schloss sich dann hinter ihr. Es klang wie das Scheppern einer Gefängnistür.

4. KAPITEL

Ash wusste es besser, als höflich zu fragen, ob jemand die letzte Scheibe Toast wollte. Er stürzte sich auf das Rost und schnappte sie sich um Haaresbreite. Seine Schwester Amelia schrammte knapp an der Beute vorbei. Triumphierend winkte er ihr damit zu, bevor er sich wieder setzte. „Sag Cook, sie soll Nachschub bringen“, sagte er und zog sich die Butterschale über den Tisch heran, ohne die Hand von der Scheibe zu nehmen. „Ich werde in einer halben Stunde in der Bow Street erwartet, also brauche ich das. Du hast mehr Zeit als ich.“

„Was ist bloß mit den Manieren eines Gentleman passiert?“, fragte Amelia entrüstet.

Er hob die Scheibe hoch und winkte wieder damit. „Wer als Erster da ist, hat gewonnen. Hör auf, die Regeln ändern zu wollen, Schwesterherz.“ Amelia warf ihm aus dem Augenwinkel einen giftigen Blick zu. Darin war sie gut. Ihr jüngster Bruder kicherte.

Amelia grummelte leise vor sich hin, weil er gewonnen hatte, aber dann grinste sie ihn gutmütig an. Sie stand auf, ging zur Tür des Esszimmers und rief: „Können wir bitte mehr Toast haben?“ Dann kehrte sie zu ihrem Platz zurück.

Ash liebte das normale Chaos der Familienfrühstücke, auch wenn vier von ihnen fehlten – zwei aus dem guten Grund, dass sie ihr eigenes Leben lebten. Prudence kümmerte sich um das Landhaus, und William fuhr mit der Navy zur See. Was die anderen anging: Sie sprachen selten über ihren toten Bruder, dem Ash vom Alter her am nächsten war. Er war auch der Grund, warum Ash umgestiegen war vom lukrativen Geschäft des Eigentumsrechts auf Strafrecht. Sie sprachen auch selten über ihre Schwester Silence, die ihren Ehemann verlassen hatte und jetzt ihr eigenes Leben führte, getrennt von ihrer Familie, die sie liebte.

Die verbleibenden Ashendons waren über das reichhaltige Frühstück hergefallen wie die biblischen Heuschrecken, aber das war normal. Die Deckel der Silberteller waren beiseitegelegt und der Inhalt herausgekratzt worden; nur das erstarrende Schweinefett und das ein oder andere Reiskorn blieben übrig. Die Bediensteten deckten den Tisch und die Anrichte mit einer Fülle an Kaffee- und Teekannen sowie tiefen Schüsseln mit Rührei, Speck, Schweinekoteletts und so weiter, und dann überließen sie es den Herrschaften. Zogen sich an einen sicheren Ort zurück, wie er das Dienstmädchen zur Köchin hatte sagen hören.

Auch wenn die Ashendons perfekte Tischmanieren hatten, wenn sie unterwegs waren, so war das Frühstück zu Hause doch tendenziell eine lebhaftere Angelegenheit, bei der jeder Mann für sich selbst kämpfte. Ganz zu schweigen von den weiblichen Mitgliedern. Er hatte viel Konkurrenz, und der Älteste und nominell das Oberhaupt der Familie zu sein, galt nicht viel, wenn die gefräßigen Horden sich über das Essen hermachten.

Ash strich Butter auf sein Toast und stand dann mit dem Brot im Mund auf. Hätte er es hingelegt, wäre es weg gewesen – sowohl aufgrund freundlicher Rivalität und Sticheleien als auch wegen des Hungers. Er griff sich seinen Mantel vom Haken neben der Tür im Flur, schlüpfte hinein und schnappte sich die abgegriffene Ledermappe, die die Fälle des Tages enthielt. Fielding arbeitete gern hart und erledigte so viele davon wie nur möglich.

Ash hatte während des Frühstücks einen Blick darauf geworfen. Keiner der Fälle schien so interessant, als dass man ihm nachgehen müsste. Müde hatte er sich durch die übliche Liste an Diebstählen, Einbrüchen und Landfriedensbrüchen geblättert, und dann gab es noch einen Straßenräuber. Die Öffentlichkeit würde sich bei diesem Fall zweifellos auf der Galerie drängeln, aber er war sozusagen auf frischer Tat ertappt worden, sodass es da nichts Uneindeutiges zu geben schien. Er würde tapfer und in feinen Kleidern zum Galgen schreiten, der Menge eine Schau liefern und dann sterben. Niemand würde sich eine Woche später noch an seinen Namen erinnern.

Sein schwer verdientes Toast kauend griff Ash nach seinem Hut und verließ das Haus. So entkam er dem freundlichen Missklang eines lebhaften Streits, der in seinem Fahrwasser entstanden war. Er hatte keine Ahnung, worum es ging, aber wenn er zurückkehrte, würden sie ihn in ihre Diskussion mit hineinziehen. Er ging besser weiter, sonst käme er noch zu spät.

Ein paar Treppenstufen führten vom Haus hinab, die einiges dazu beitrugen, dass die Familie vom hektischen Gewühl Londons abzuschirmen, aber sobald er auf der Straße war, befand er sich inmitten der größten, dynamischsten Stadt der Welt. Ash liebte sie. Jeden Tag, wenn er das Haus verließ, spürte er die Stadt um sich herum, als sei sie ein lebendiges Wesen. Die Menschen eilten vorbei und gingen ihren Geschäften nach, und der Lärm der Straßenverkäufer und Musikanten erfüllte die Luft. Er atmete tief ein, und der Geruch des Rauchs, der Pferdeäpfel und des Lebens sickerte in seinen Körper. Er war zu Hause.

Ash schlenderte an seiner Seite des Platzes entlang, vorbei an der Pracht von Newcastle House, dem Wohnsitz des Bruders des Prime Ministers. Seine Gnaden verließ gerade zufällig das Haus und stieg in seine Kutsche. Dabei nickte er Ash zu. Das war schon was, zu einem der mächtigsten Männer des Landes in einem Nickverhältnis zu stehen.

Er ließ sich von einem schreienden Jungen ein Klatschblatt andrehen und warf ihm für seine Mühen zwei Pence hin. Das Kind fing die Münzen aus der Luft auf.

Klatsch machte einen Teil von Ashs Gewerbe aus. Er war einer von zwei Wegen, auf denen er etwas über die Fälle erfuhr, die seine Zeit beanspruchen würden. Der andere waren die Informationen, die er aus den Gerichtssälen bekam.

Bow Street lag keine halbe Meile entfernt von Lincoln’s Inn Fields. Das waren gerade einmal zehn Minuten Fußweg, wenn er sich Zeit ließ, was er jetzt tat. Er schlenderte den breiten Durchgangsweg der Great Queen Street hinab, überquerte die Drury Lane und ging dann zur Bow Street hinunter, was ihm die Gelegenheit gab, nachzudenken und zu planen oder einfach nur das Leben zu beobachten, das sich um ihn herum abspielte.

Er ging an Kaffeehäusern vorbei, die man mit den Reichen und Mächtigen und den nicht so Reichen und Mächtigen in Verbindung brachte; an Geschäften, die alles verkauften, was die Welt so im Angebot hatte; er wich Ladys aus, deren Röcke so weit waren, dass zwei von ihnen nicht nebeneinander gehen konnten, und den eleganteren Damen aus der City, die ihnen abfällige Blicke zuwarfen. In London gab es alle Arten von Menschen, und die wohlhabenden Kaufleute der City blickten auf die Bewohner Mayfairs herab, was auf Gegenseitigkeit beruhte – so lange, bis dieses gut funktionierende Gleichgewicht von außen bedroht wurde.

Die weniger zuträglichen Komponenten direkt aus der Gosse der gesetzlosen Elendsviertel verteilten sich dazwischen. Nicht alle waren so auffällig wie die Straßenkinder, die von einem zum anderen eilten und vorn um Pennys bettelten, während sie hintenrum Geldbörsen stahlen.

Die Menge, die sich vor dem Amtssitz des Friedensrichters versammelt hatte, schien noch aufgebrachter als sonst, so als würde ein spektakulärer Fall verhandelt werden. Was war passiert, seit der Junge ihm heute Morgen seine Liste gebracht hatte? Etwas war anders, das stand fest.

Ash musste sich seinen Weg durch einen Pulk Menschen bahnen, um ins Gebäude zu gelangen. Selbst hier trieben sich Taschendiebe herum, und als eine kleine Hand nach seiner Manteltasche griff, schlug er sie weg, ohne hinzusehen.

Der Amtsträger hinter der Tür hob die Hand an die Stirn und ließ ihn durchgehen, hielt ihn dann aber auf, als er den Gerichtssaal betreten wollte. „Mr. Fielding möchte mit Ihnen sprechen, Sir Edmund.“

Ash nickte und änderte die Richtung. Fieldings Büro lag auf der anderen Seite.

Es gab in der Bow Street zwei Fieldings, aber zurzeit war Mr. Henry Fielding der Friedensrichter – ein Mann mit vielen Talenten und vielen Berufen. Derjenige, den er zurzeit ausübte, hatte sich bislang als sein größter Erfolg erwiesen, und er hatte Reformen in Gang gebracht, die sich auf die grundlegendsten rechtlichen Strukturen auswirkten. Zunächst einmal hatte er die Korruption in seinem Bezirk, wenn zwar nicht ausgelöscht, so doch auf ein Minimum reduziert. Sein Bruder John erwies sich für dieses Unterfangen als fähiger Partner, und die Presse feierte den blinden Kadi und seinen schreibenden Bruder.

Fielding, ein Mann in den Fünfzigern, saß mit kantigem Kinn und gestrafften Schultern hinter seinem zerkratzten Schreibtisch, umgeben von Gesetzestexten, Dokumenten und abgenutzten Ledermappen, so wie die, die Ash bei sich hatte. Er blickte auf das Klatschblatt in Ashs Hand. „Haben Sie da schon einen Blick drauf geworfen?“

Ash zuckte mit den Schultern. „Der übliche Gesellschaftstratsch.“

Fielding schob ihm eine Zeitung über den Tisch zu. „Lesen Sie das hier. Es kam eine Stunde nach Ihrer Ausgabe heraus.“ Er bedeutete Ash, sich auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch zu setzen.

Ash platzierte seinen Hintern auf dem harten Stuhl, legte seine Mappe auf den Tisch und blickte auf die Zeitung. The Daily Ransom, ein aufstrebendes Blatt, aber diese Dinger stiegen und fielen wie die Themse mit den Gezeiten.

Sein Blick blieb an etwas hängen, und er schenkte ihm mehr Aufmerksamkeit. Fielding reichte ihm eine Lupe, aber seine Sehkraft war noch gut genug, den verwischten Druck zu lesen.

Ein furchtbares Verbrechen wurde inmitten der Nacht verübt: Ein ehrbares Mitglied der Gesellschaft wurde in seinem Bett ermordet – von seiner Frau!

Lady Juliana Christianson, die einzige Tochter des Earl of Hawksworth, wurde bereits seit einiger Zeit als treues Mitglied der Gesellschaft gehandelt. Ihr Status als Erbin verhinderte, dass sie ins Jungfrauendasein abglitt. Sie hatte den Ruf, eine gehorsame Frau von bescheidenem Auftreten zu sein.

Die perfekte Ehefrau, stellte sich Ash vor. Nur für ihn nicht. Wenn er heiraten würde, dann eine Frau von Esprit und Intelligenz; jedenfalls keine, die man als gehorsam und bescheiden beschreiben würde. Er las weiter.

Gestern heiratete sie den zweiten Sohn des Marquess of Urmston, was von der Allgemeinheit freudig aufgenommen wurde. Nach einem ausgiebigen Hochzeitsessen zogen sich die frisch Vermählten in ihre Kammer zurück, um die Ehe auf die übliche Weise zu vollziehen.

Heute Morgen fand man Lady Juliana blutverschmiert und völlig nackt neben ihrem Ehemann liegend auf. Sie hatte ihm einen Dolch ins Herz gestoßen. Der Mann war mausetot. Sie hatte die Nacht an seiner Seite verbracht, zweifelsohne um sich an ihrer Tat zur erfreuen.

Bislang ist noch kein Motiv für das schreckliche Verbrechen bekannt – falls man bei einer so furchtbaren Tat überhaupt von einem Motiv sprechen kann. Wir werden unsere Leserschaft natürlich auf dem Laufenden halten, sobald es weitere Informationen diesbezüglich gibt.

Die Lady verhielt sich bislang ruhig und bescheiden, aber wer weiß schon, welche Boshaftigkeit unter der sanften Oberfläche schlummert?

Er überflog den Rest des Artikels, der bloß noch aus reißerischen Spekulationen und der Aufforderung bestand, die nächste Ausgabe zu kaufen, in der die Hintergründe der Tat erläutert werden würden. Es gab keine wirklich interessanten Fakten. Ash brauchte Fakten wie die Luft zum Atmen. Es zahlte sich immer aus, genau auf das zu achten, was tatsächlich passiert war, statt sich sofort zu Annahmen hinreißen zu lassen.

Nachdem er den Bericht, der in reißerischer Bildsprache verfasst war, kurz überflogen hatte, las er ihn noch einmal. Das Einzige, was diesen Fall hervorstechen ließ, war der Rang der Beteiligten. Die Frau hatte vermutlich Anstoß an etwas genommen, das ihr Mann gesagt hatte, und ihn dann erstochen. Er legte die Zeitung weg.

„Die Lady wurde doch sicher festgenommen? Ist das nicht ein ziemlich eindeutiger Mordfall und gesellschaftlicher Skandal? Was hat das mit mir zu tun?“

Fielding räusperte sich und legte die Hände gefaltet auf seine Weste, die eigentlich grün war, wenn man die Schnupftabakflecken außer Acht ließ. „Die Lady ist die Tochter und einzige Erbin des Earl of Hawksworth. Es ist allgemein bekannt, dass, wer auch immer sie heiratet, aller Wahrscheinlichkeit nach den Titel ihres Vaters nach dessen Ableben verliehen bekommen wird.“

Jetzt wurde es schon interessanter. „Sie meinen, der Titel wird über die Frau weitergegeben?“ So etwas hatte es quasi noch nie gegeben.

Fielding schüttelte den Kopf, wobei sich eine Strähne seiner Perücke in einem seiner Mantelknöpfe verfing. Ungeduldig entwirrte er sie und rückte das ungehörige Objekt auf seinem Kopf wieder zurecht. „Nein, Sir, dem ist nicht so. Es gibt keinen männlichen Erben für den Titel. Aber der gegenwärtige Earl hat ein Gesuch an die Krone gerichtet, in dem er darum bittet, die Grafenwürde nach seinem Tod an den Ehemann seiner Tochter übertragen zu dürfen, als Neuerung gewissermaßen. Kurzum, er hat eine Menge Beamte im Crown Office und bei Gericht geschmiert. Natürlich muss ihnen der Kandidat genehm sein, aber sie würden den Titel auch einem Affen verleihen, wenn das Geld stimmt.“

Noch interessanter, musste Ash zugeben. „Also wer immer die Lady heiratete, bekam auch das Versprechen auf die Grafenwürde. Sie hält nicht nur ein bedeutendes Erbe, sondern auch einen Titel in ihren Händen.“ Er runzelte die Stirn. „Und die Frau hat ihren neuen Mann erstochen, der nun, wie es scheint, den Titel nicht bekommt. Ist sie eine verwöhnte reiche Aristokratin? Oder hatte sie einen anderen Grund, ihn zu töten?“ Er tippte auf das Klatschblatt, das nun quer über zwei ordentlichen Dokumentstapeln lag.

Fielding hob eine seiner sandfarbenen, allmählich grau werdenden Augenbrauen und rückte sich in seinem Stuhl zurecht, der unter seinem beträchtlichen Gewicht knarzte. „Ich habe keine Ahnung, Sir.“ Er räusperte sich, förderte ein Taschentuch zu Tage und hustete hinein. „Ich habe weiß Gott genug zu tun, auch ohne einen Gesellschaftsmord. Dieser neue Rüpel hat mein Arbeitspensum schon enorm erhöht.“

„Welcher Rüpel?“, fragte Ash. „Derer gibt es ja zur Genüge in London.“

„Der Raven.“

„Ah.“ Der. Er nannte sich der Raven – der Rabe – und niemand kannte seinen wirklichen Namen, falls er einen hatte. Er war aus dem Schlamm der Elendsviertel aufgestiegen. Immer mal wieder stieg einer auf, übte ein paar glorreiche, berüchtigte Jahre lang seine Schreckensherrschaft aus und fand dann ein unrühmliches Ende, entweder durch seine Mitstreiter oder aber am Hinrichtungstag am Galgen in Tyburn.

„Sein Sinn für Dramatik verschleiert nicht den Schaden, den er unter den guten Bürgern von London anrichtet. Er vereint die unterschiedlichen Banden der Unterwelt zu einer gefährlichen Bedrohung. Und er besitzt die Kühnheit, mir seine Verstoßenen zu schicken. Natürlich muss ich mich damit befassen.“

„Ah ja, der übliche Diebesfänger.“ Das war nicht das erste Mal, dass London erlebte, dass jemand sich zum König der Unterwelt hochstilisierte. Normalerweise endeten solche Versuche in jämmerlichem Versagen, aber dieser hier war gerissen und vorsichtig – zwei Eigenschaften, die man bei einem berüchtigten Verbrecher selten vereint vorfand. Sein kleines Vogelabzeichen zusammen mit ein paar verstreuten schwarzen Federn tauchten nun überall in der Stadt auf.

Wenigstens hatte der Raven nichts mit dem Mord am Sohn des Marquess zu tun. Das schien ein eindeutiger Fall zu sein, aber Ash würde Fielding dabei helfen, die Details zu entwirren. Die Frau würde binnen eines Monats der kreischenden Menge am Galgen von Tyburn gegenüberstehen.

Fielding fuhr fort: „Ihr Vater wird sehr darauf bedacht sein, sie vom Prozess und der Verurteilung fernzuhalten.“

„Ist die Dame denn verhaftet worden?“

„Das wird sie noch. Zurzeit hält sie sich im Haus ihres Vaters auf, aber ich habe ein paar geeignete Männer abgestellt, die dafür sorgen, dass sie uns nicht unter der Nase weggezaubert wird.“

Die Möglichkeit bestand. Wenn ihr Vater sie ins Ausland schickte, könnte sie der Justiz entgehen. „In diesem Fall steckt also sowohl ein prominenter Skandal als auch ein Versuch, das Gesetz zu brechen?“

Die Angelegenheit wurde immer interessanter.

„Man sagt, sie sei zutiefst erschüttert, aber ihr Vater lässt sie mit niemandem sprechen. Ich habe jemanden geschickt, um sie zu befragen, aber er hat ihn nicht ins Haus gelassen.“

„Wer hat Ihnen gesagt, dass sie erschüttert sei?“, fragte Ash unvermittelt.

„Bedienstete“, antwortete Fielding. „Sie sind dem Earl und der Countess gegenüber nicht besonders loyal. Mein Mann hatte keine Schwierigkeiten, sie zum Tratschen zu überreden. Aber dann hat der Earl ihn vom Eingang weggeschickt.“ Aus seinem ausdruckslosen Lächeln wurde ein ironisches. „Er wünscht, dass jemand von seiner Art, wie er es ausdrückt, die Ermittlungen durchführt. Ich habe sofort an Sie gedacht.“

„Ich bin wohl kaum von seiner Art“, protestierte Ash grinsend. „Wenn überhaupt, gehöre ich zur Gentry. Ich bin ein Baronet, was gar kein Adelsrang ist. Wir sind einfache Bürger durch und durch.“

Irgendetwas an dem Fall ließ ihm keine Ruhe, aber er konnte den Grund nicht ausmachen. „Womit wurde er erstochen? Mit einer Waffe, die schnell zur Hand war und somit in einem Moment der Leidenschaft ergriffen und benutzt werden konnte?“

Fielding zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung, aber das wüsste ich auch gern. Das könnte ein lukrativer Fall für Sie sein. Zumindest kann ich Ihnen ein kleines Honorar dafür zahlen, dass Sie zum Haus des Earls gehen und die Frau festnehmen.“

Das Geld bedeutete ihm nichts im Vergleich mit den Vorzügen, die der Fall mitbrachte. Ash konnte nicht leugnen, dass sein Interesse geweckt war, und Fielding kannte ihn gut genug, um zu wissen, wie er es wachrufen konnte. Nur – was gab es da zu ermitteln?

Irgendetwas … Irgendwas war da.

„Lady Uppingham muss festgenommen und hierhergebracht werden.“ Fielding beugte sich vor und legte die Hände auf das verkratzte und polierte Eichenholz vor ihm. „Wie hochrangig sie auch immer sein mag, eine Mörderin darf sich der Gerechtigkeit nicht entziehen.“

Ash zuckte zusammen. Ah, jetzt verstand er. Ash hatte sich Justitia in all ihrer Pracht gewidmet. Er würde sicherstellen, dass Lady Uppingham nicht wegen ihrer hohen gesellschaftlichen Position entwischen würde. Gerechtigkeit bedeutete nichts, wenn sie nicht jeden gleich behandelte.

„Sie geben mir sicher eine schriftliche Vollmacht, dass ich in Ihrem Namen agieren darf?“

Fielding schob ihm mit einem Finger ein Dokument hinüber. „Hier ist sie. Ich brauche eine schnelle Entscheidung, Sir, einen Bericht, und ich muss die Frau in sicheren Händen wissen. Ich soll in zehn Minuten zu Gericht sitzen.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. „Acht.“

Es war ja nicht so, als hätte Ash etwas anderes zu tun. „Sehr gut.“ Die Angelegenheit würde schließlich schnell erledigt sein.

Fielding rückte seinen Stuhl nach hinten und stand auf, um ihm die Hand zu reichen. „Ich bin Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet, Sir. Ich werde Ihnen das nicht vergessen. Übrigens – ich würde mich an Ihrer Stelle umziehen, bevor Sie ins West End gehen.“

Ash grinste und zupfte an den Rockschößen seines abgetragenen braunen Wollmantels, den er für sein Erscheinen in der Bow Street angelegt hatte. „Es ist meine Gerichtskleidung.“ Das war allerdings nicht die Art von Gericht, die die meisten Einwohner der eleganten Ecken von Mayfair gewohnt waren.

Auf der anderen Seite von London saß eine Frau, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet, und sann über ihre Zukunft nach – oder darüber, ob sie überhaupt noch eine hatte.

Julianas Schlafzimmer schien noch ziemlich genau so, wie es am Tag zuvor gewesen war, als sie es verlassen hatte. Täuschend ähnlich. Man hatte Wood geschickt, damit sie ihr Gesellschaft leistete, und man brachte ihr etwas zu essen. Dann öffnete ihr Vater die Tür und kam herein.

„Deine Mutter ist völlig außer sich“, sagte er. „Als wir die Nachricht bekamen, habe ich sie in die Villa an der Themse geschickt.“

Juliana schauderte, als die Erinnerungen wieder hochkamen. Wenn Lady Hawksworth zornig war, bekam das jeder mit. Juliana käme keinen Moment auf die Idee, dass ihre Mutter irgendetwas anderes sein könnte als wütend über das Versagen ihrer Tochter oder dass sie sich nicht in die Villa verzogen hätte. Ihr war die Familie ihres Mannes wichtiger als ihm selbst, und das wollte etwas heißen. „Wollte sie mich nicht sehen?“

„Sie sagt, wenn sie das täte, würde sie dich eigenhändig töten.“

Juliana senkte den Kopf. Ein Stachel bohrte sich durch ihre Taubheit und verletzte sie. Ihre Mutter wusste immer genau, wie sie ihre Schläge setzen musste. Sie betrachtete ihre Tochter als ewige Erinnerung an ihr eigenes Versagen, denn sie hatte der Familie keinen Sohn geschenkt. Wenn Juliana einen Cousin hätte, oder einen Onkel, irgendjemanden, der den Titel hätte erben können, wäre sie wahrscheinlich mit ihm verheiratet worden, wenn die Konsanguinitätsgesetze es erlaubt hätten. Wie bei der spanischen Krone, deren Mitglieder durch die Verwandtenehen so verunstaltet gewesen waren, dass die gesamte Linie ausgestorben war.

Ihr Vater fuhr mit fester Stimme völlig emotionslos fort: „Was du getan hast, war ungeschickt.“

Die Wortwahl verblüffte sie. Es hätte gepasst, wenn sie ein Stück des wertvollen Porzellans ihrer Mutter fallen gelassen hätte, aber nicht, wenn sie neben einem Toten aufgewacht war. „Ungeschickt?“

„Ganz genau.“

„Sie nimmt also an, dass ich es getan habe?“

Ihr Vater bedachte sie mit einem verächtlichen Blick. „Was denn sonst? Gütiger Gott, Kind, hat deine Mutter dir denn nicht gesagt, was du in der Hochzeitsnacht zu erwarten hast?“

„Doch.“ Sie hob die Arme und schob die Spitze zurück, um ihrem Vater die blauen Flecken zu zeigen, Handabdrücke auf ihrer blassen Haut. „Aber davon hat sie nichts gesagt.“

Er begutachtete leidenschaftslos die Male. „Ich habe deiner Mutter gesagt, sie soll dich vor ihm warnen.“

Vor Schock wurde sie ganz steif. Seine Worte durchfuhren sie wie ein Blitz. „Ihr habt gewusst, wie … Godfrey war?“

Und trotzdem hatten sie sie mit ihm verheiratet?

Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Gewalt zum Vollzug der Ehe dazugehören konnte. Als sie aufwuchs, hatte man sie von derlei Tratsch ferngehalten, und sie hatte keine Freunde – niemanden, der sie vor Lord Uppingham hätte warnen können.

Ihre Mutter kontrollierte ihren gesamten Schriftverkehr und alles, was sie lesen durfte, um sicherzustellen, dass sie mit keinerlei Obszönitäten in Berührung kam. Hätte sie es gewusst, hätte sie sich geweigert, ihn zu heiraten und die Konsequenzen akzeptiert. Alles wäre besser gewesen als das, was sie in der vergangenen Nacht erlebt hatte.

„Sein Ruf ist ihm vorausgeeilt. Er war zu den Frauen in seiner Obhut nicht gut.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber niemand sonst passte mir so vorzüglich in den Kram wie sein Vater.“

Julianas Ehe bedeutete die Verbindung mit einer mächtigen Familie und die Fortführung des Titels, der ansonsten mit ihrem Vater ausgestorben wäre. Es bedeutete, dass ihr Vater eine Allianz gegen die Macht der Pelhams bilden konnte, die zurzeit im Parlament ein hohes Ansehen genossen. Und mit der Macht ging mehr Geld einher.

Er fixierte sie mit strengem Blick, der keinerlei Mitleid zeigte, sondern besagte, dass er absoluten Gehorsam von ihr erwartete. Sie war diesen Blick gewohnt. „Wie konntest du ihm das antun? Jetzt hast du alles ruiniert.“ Er beugte sich vor, sodass sein fleckiges Gesicht und die blutunterlaufenen Augen ihr gesamtes Blickfeld ausfüllten. „Du hättest zu mir kommen sollen. Sobald du schwanger gewesen wärst, hätte ich ihn von dir fernhalten können. Zwei oder drei weitere Nächte wie diese, und du wärst mit ihm fertig gewesen.“

„Vielleicht“, fuhr sie auf, „hätten Sie mir das vorher sagen sollen. Dann wäre ich wenigstens auf die Schrecken meiner Hochzeitsnacht vorbereitet gewesen.“

Er schlug auf die Armlehne seines Sessels, so hart, dass er die fragilen Beine der modischen französischen Sessel im Salon damit hätte zerschlagen können.

Juliana unterdrückte ein Zusammenzucken.

„Ich habe dich nie für so dumm gehalten, Tochter.“

„Ich habe ihn nicht getötet.“ Als sie die Worte laut aussprach, spürte sie, wie richtig das war, was sie sagte. Zweifel befielen sie – wie könnte es auch anders sein? Aber sie erinnerte sich nicht daran, ihm das Messer in die Rippen gestoßen zu haben. Tatsächlich erinnerte sie sich an gar nichts, was in der zweiten Hälfte der Nacht stattgefunden hatte. Vermutlich wegen der Erschöpfung und des Schreckens.

Ihr Vater glättete und schüttelte die Spitzenrüschen an seinen Ärmeln. Es war typisch für ihn, dass er sich inmitten solchen Aufruhrs so sorgfältig kleidete. Der Schein musste schließlich gewahrt werden. „Behaupte das auch weiterhin. Das verschafft uns Zeit. Ich überlege noch, wie wir das am besten handhaben.“

Wie sie den Mord an ihrem Ehemann handhabten? Sie hatte es nicht getan, sondern jemand anderes. Godfrey hatte sich nicht selbst erstochen. Selbst unter ihrer Glaskuppel der Gefühllosigkeit hätte sie ihn nicht umbringen können, ohne dass irgendetwas davon in ihrem Gedächtnis haften geblieben wäre.

Draußen vor dem Haus schrie jemand. Es war nicht das übliche Rufen der Straßenverkäufer, sondern eine im Zorn erhobene Stimme. Sie zeigte keine Regung. Das hatte sie sich anerzogen.

Der Earl grunzte. „Sie versammeln sich.“

„Wer?“

„Der Pöbel. Die Nachricht, dass eine Braut ihren Ehemann in der Hochzeitsnacht erstochen hat, hat sich über ganz London verbreitet. Die Druckereien sind sicher voll davon und die Klatschblätter ebenso.“ Er seufzte. „Sie lechzen immer nach einer guten Darbietung, und der nächste Tag des Hängens ist erst in einer Woche.“

Wieder durchbohrte ein Pfeil ihren unsichtbaren Schild. Sie könnte einer der Menschen sein, die man nächsten Donnerstag zur Schau stellen würde. Sie würde spüren, wie man ihr das Seil um den Hals legte, und nach Luft ringen, wenn es sich zusammenzog. Der unerträgliche Moment, in der die Menge vor den Brettern johlte, ging über in den abscheulichen Fall.

Sie hatte es noch nie miterlebt, aber bereits darüber gelesen. Manche Klatschblätter verdankten ihren Erfolg den entsetzlichen Beschreibungen von Morden und ihren Folgen.

Selbst jetzt kamen ihr nicht die Tränen. Es ging ihr um ihr Leben, mit dem sie spielten. Es ging um ihre Existenz. Sie konnte sich den Luxus nicht leisten, sich selbst leidzutun.

Sie würde nicht länger die passive Puppe sein, die alle benutzen konnten, wie es ihnen beliebte.

Sie würde es nicht zulassen. Sie würde kämpfen bis zum Ende.

5. KAPITEL

Ash ging nach Hause und zog sich um, bevor er zum West End aufbrach. Er fand den dunkelblauen Wollmantel mit den Silberknöpfen, zu dessen Kauf Amelia ihn diese Saison gedrängt hatte. Zum Glück passte er zu der marineblauen Weste, die er bereits trug; so konnte er sich auf den Weg machen in der Überzeugung, dass er an der Tür des Earls nicht abgewiesen werden würde. Schließlich hatte er nichts als Fieldings Brief, das ihn ansonsten empfehlen würde.

Auf dem Weg nach draußen drückte ihm sein Butler Banyon noch einen Hut in die Hand – nicht den für werktags, sondern den Sonntagshut mit der silbernen Tresse. Seufzend setzte Ash ihn sich auf den Kopf. Was sein muss, muss sein, sagte man. Die Tresse und der Mantel würden ihn als jemand Besseren ausweisen. Sogar als reich. Er bevorzugte es, unbemerkt durch die Straßen zu gehen.

Während er eine Droschke herbeiwinkte und in das widerliche Innere kletterte, rief er sich das bisschen in Erinnerung, was er über die Familien wusste, die in den Fall involviert waren. Er ignorierte den Zwiebelgestank, den sein Vorgänger hinterlassen hatte.

Beide Familien, die die Angelegenheit betraf, waren wohlhabend und einflussreich, beide reich an Selbstgefälligkeit. Eine lief Gefahr auszusterben, und nur die Tochter hielt die Erwartungen der Familie aufrecht. Der Earl hatte einen Haufen Leute bestochen, um das „Übereinkommen“ zu erzielen, aber jetzt, wo die Frau des Mordes angeklagt werden würde, war all die harte Arbeit umsonst.

Die Uppinghams waren bestechlich und mit Söhnen reich gesegnet. Wenn zwei der Jungen einen Titel trügen, hätten sie einen Coup gelandet – aber das würde nun nicht passieren. Die frisch verwitwete Dame war nichts als eine Schachfigur, aber sosehr er sich auch bemühte: Ash konnte sich einfach an nichts Weiteres über sie erinnern. Er hatte nur das, was Fielding ihm erzählt hatte.

Er hielt sich so weit entfernt von den privilegierten aristokratischen Ärschen, wie er nur konnte. Sie brauchten ihn nicht, und das beruhte definitiv auf Gegenseitigkeit. Um aber einen zerstörerischen Aufruhr verhindern zu helfen, würde er seinen Stolz hinunterschlucken und versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Die Frau würde in der Bow Street geschützt werden. Die Fieldings hatten sichere Räume, wo man, wenn nötig, einen überschwänglichen Gefangenen festsetzen konnte. Nach ihrem Prozess und der Verurteilung würde Lady Uppingham die kurze Zeit, die ihr noch blieb, in Newgate in der Todeszelle verbringen.

Er würde sich zuerst zum Haus des Marquess begeben und danach die kurze Distanz zum Haus des Earls zurücklegen. Er wollte den Tatort sehen, bevor die Bediensteten sich an die Arbeit machten und alles putzten.

Die Kutsche geriet ins Schlingern, als sie um eine Ecke fuhren. Schnell griff er nach den Dokumenten, bevor sie ihm vom Schoß rutschten. Diese Gefährte schienen viel länger im Gebrauch zu sein, als sie sollten, so lange, bis die Federung völlig den Geist aufgab. Er hatte Droschken gesehen, die in Teil zerbrochen auf der Straße lagen. Glücklicherweise hatte man die Opfer schon weggetragen, falls es Verletzte gegeben hatte.

„Ich kann nicht weiterfahren, Herr“, schrie der Kutscher zu ihm hinab, während sie in...

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