Dein Kuss sagt mehr als 1000 Worte

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Warum trägt Dr. Andrew Barrett plötzlich keinen Ehering mehr? Der attraktive Arzt gibt Schwester Alice Rätsel auf - und lässt ihr Herz heimlich höher schlagen. Aber auch wenn er sich mit einem Kuss bedankt, heißt das noch lange nicht, dass er so empfindet wie sie. Oder?


  • Erscheinungstag 20.10.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759636
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

So also fühlte es sich an, wenn man ohnmächtig wurde.

Als würde einem ein Stöpsel aus dem Kopf gezogen, alles Blut schlagartig aus dem Gehirn verschwinden und stattdessen eine merkwürdige Taubheit zurückbleiben …

Alice versuchte einen Schritt zu machen, aber ihre Beine waren schwer wie Blei. Immerhin konnte sie noch ihren Arm bewegen. Sicherheitshalber, falls ihre Knie nachgeben sollten, packte sie das Gitter des leeren Notaufnahme-Betts.

„Alles okay, Ally?“, fragte ihre Kollegin, die gerade das Gitter auf der gegenüberliegenden Bettseite herunterließ. Ihre Stimme schien wie aus weiter Ferne zu kommen. „Du bist ja weiß wie die Wand.“

„Ich …“ Alice umklammerte das Gitter, als hinge ihr Leben davon ab. Sie musste sich geirrt haben. Der Mann, der dort am Ausgang der Station stand, das konnte einfach nicht Andrew sein. Er befand sich auf der anderen Seite der Welt. In London. In einer Welt, aus der sie vor Jahren geflüchtet war.

„Komm, setz dich!“ Kräftige Hände schoben Alice zu dem Stuhl neben dem Bett.

„Es geht schon, Jo“, wehrte sie ab. Tatsächlich hatte sich die Benommenheit inzwischen gegeben, und ihr Gehirn wurde dank der erhöhten Herzfrequenz wieder mit der nötigen Blutmenge versorgt. „Ich bin nur ein wenig …“

Geschockt.

Weil sie unverhofft an eine Vergangenheit erinnert wurde, die sie nur sehr schwer hinter sich hatte lassen können. Wahrscheinlich war er es gar nicht. Einfach nur jemand, der ihm ähnlich sah. Hochgewachsen, gut gebaut, mit leicht zerzaustem dunkelblondem Haar und der sonnengebräunten Haut eines Mannes, der sich viel im Freien aufhält. Eine breitschultrige Gestalt, vertraut genug, um an längst vergangene Gefühle zu erinnern.

Zum Beispiel Verlangen.

Aber auch unangenehme wie Eifersucht.

„Erschöpft?“, ergänzte Jo ihren angefangenen Satz. „Das wundert mich nicht. Wann bist du denn gestern ins Bett gekommen?“

„So gegen elf.“

„Und wie lange hat die Fahrt gedauert?“

„Über zehn Stunden. Weil mein Kühler anfing zu kochen, als ich mit dem Pferdeanhänger bergauf fahren musste.“

„Oh nein, du Arme. Und das alles nach einer Woche, in der du den Nachlass deiner Großmutter regeln musstest.“ Jo umarmte Alice kurz. „Hast du überhaupt gefrühstückt, Kindchen?“

„Nein.“ Alice konnte kaum sagen, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Kein Wunder, dass sie beinahe umgekippt war – oder Gespenster sah.

„Ab in den Personalraum und mach dir ein Sandwich. Trink eine heiße Schokolade. Ich räume hier auf.“

Wieder schüttelte Alice den Kopf. Wenn sie zum Personalraum wollte, musste sie an den beiden Männern vorbei, die sich am Lichtkasten gerade eine Röntgenaufnahme ansahen. Und es konnte ja gut sein, dass es doch keine Einbildung war. Vielleicht war einer der Männer doch jemand, den sie hier nie erwartet hätte und den sie auch nicht sehen wollte. Nie wieder.

„Mir geht’s gut, wirklich.“ Alice lächelte. Sie ließ das Gitter herunter und griff nach dem Bettlaken, das gewechselt werden musste. „Außerdem war es den Aufwand wert. Ohne Aufsicht hätte ich Ben keine Woche allein lassen können, und die morgendlichen Ausritte am Strand haben mich für den Stress beim Ausräumen von Grandmas Haus entschädigt. Die letzten Mieter hatten leider einen echten Saustall hinterlassen. Kein Wunder, dass der Verkauf gerade genug brachte, dass ich die restliche Hypothek abtragen konnte.“

„Immerhin ist das jetzt ein für alle Mal erledigt.“ Jo begab sich auf die andere Bettseite, als Alice das Laken abzog und in den Schmutzwäschebeutel stopfte. „Zu deiner Miete auch noch ein ganzes Jahr die Hypothekenzinsen bezahlen zu müssen, hat dich finanziell ziemlich in den Keller gestürzt, stimmt’s?“

Alice nickte. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Sache war abgehakt und erledigt. Man konnte sich nicht drücken, wenn’s einmal schwierig wurde im Leben. So hatte sie es immer gehalten. In Ohnmacht zu fallen, half nichts und würde ihr auch jetzt nicht weiterhelfen.

Sie holte einmal tief Luft und straffte die Schultern. „Wer ist das da – mit dem Peter sich gerade unterhält?“, fragte sie möglichst unbeteiligt.

Jo warf einen Blick über die Schulter und grinste. „Andy Barrett. Der neue Chefarzt. Schnuckelig, was?“

Alice schluckte. Also doch, er war es!

„Er ist Engländer, hat einen Tag, nachdem du letzte Woche Urlaub genommen hattest, hier angefangen. Wir waren alle ziemlich überrascht, denn keiner von uns wusste, dass Dave gesundheitliche Probleme hatte. Aber es sieht so aus, als hätten wir mit Dr. Barrett einen Volltreffer gelandet. Er war leitender Chefarzt an einem ziemlich großen Krankenhaus in London. Ich glaube, in Hammersmith.“

Nein, nicht in Hammersmith, sondern in dem Krankenhaus, in dem Alice ein gutes Jahr lang gearbeitet hatte, bis sie mehr oder weniger hinausgeworfen worden war.

Und zwar von Dr. Barrett höchstpersönlich.

Jo kannte die Geschichte nicht. Niemand hier wusste davon, und so sollte es auch bleiben. Alice war froh gewesen, endlich wieder ein normales Leben führen zu können.

Bis jetzt. Der Mann dort drüben am Lichtkasten konnte ihr gefährlich werden, sowohl beruflich als auch persönlich.

Musste er um die halbe Welt reisen und sich ausgerechnet an dem Ort niederlassen, an dem sie lebte? So klein war Neuseeland nun auch wieder nicht, oder? Er hätte sich doch eine der größeren Städte auf der Nordinsel aussuchen können. Sicher, dort gab es nicht so viele Skigebiete oder Berge zum Klettern, aber dafür viel Meer. Er hätte doch Segeln oder Surfen lernen können!

Vielleicht wusste Pam mehr. Sie hätte sich schon längst bei der einzigen Freundin melden müssen, die ihr aus der Londoner Zeit geblieben war. Eigentlich mochte sie keinen Tratsch, aber in diesem Fall ging es um Selbsterhaltung.

Allein schon der Entschluss, Pam eine E-Mail zu schreiben, gab ihr das Gefühl, die Dinge wieder besser unter Kontrolle zu haben. Sie riss den Blick von der athletischen Gestalt los, bekam aber noch mit, wie Andrew die linke Hand hob, um etwas auf dem Bildschirm zu zeigen.

Unwillkürlich runzelte sie die Stirn.

Andrew Barrett trug keinen Ehering mehr. Der schmale goldene Reif, der damals all ihre dummen Träume im Keim erstickt hatte, fehlte …

In Schockraum 1 lag eine Patientin mit Mehrfachverletzungen. Die Fünfunddreißigjährige war in der Notaufnahme gut bekannt. Sie tauchte immer wieder hier auf, weil ihr Freund sie mit Fäusten und Fußtritten bearbeitete, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Leider hatte sich Janine bisher geweigert, gegen ihn Anzeige zu erstatten.

Heute war sie besonders schlimm zugerichtet. Sie lag still im Bett, das Gesicht so zugeschwollen, dass sie beim Sprechen Schmerzen hatte.

„Nein!“, brachte sie mühsam hervor, als Andrew ihr vorschlug, die Polizei einzuschalten. „Keine Polizei. Das hab ich doch schon gesagt. Ich bin die Treppe runtergefallen.“

Na sicher. Eine Treppe mit geballten Fäusten und schweren Stiefeln. Die Platzwunden an Augenbraue und Unterlippe mussten mit mehreren Stichen genäht werden, und ein Wangenknochen war wahrscheinlich gebrochen. Andrew gefielen auch die hässlichen dunklen Schwellungen an den Rippen nicht, die er zu sehen bekam, nachdem die Schwester die Kleidung der Patientin aufgeschnitten hatte.

„Atmen Sie bitte einmal tief durch.“ Andrew tastete vorsichtig die Rippen ab.

„Au!“ Janine stöhnte auf.

„Das tut ziemlich weh, nicht?“ Sie atmete normal, aber flach, was Andrew nicht weiter überraschte. „Wie würden Sie den Schmerz auf einer Skala von eins bis zehn einordnen, Janine?“

„Es ist alles in Ordnung mit mir.“ Janina hielt den Atem kurz an. Sie hatte die Augen geschlossen, und Schweiß mischte sich mit dem Blut auf der Stirn.

In Ordnung war gar nichts mit ihr.

„Haben Sie woanders noch starke Schmerzen?“

Eine Träne drang durch die geschwollenen Lider. „Mein Arm …“

Der Arm ihrer Wolljacke wurde aufgeschnitten, und deutlich war nun der seltsam verrenkte Unterarm zu sehen. Noch eine Fraktur. Andrew konnte die gebrochenen Knochen unter der Haut erkennen. Weitere Untersuchungen mussten unterbleiben, bis der Bruch gesichert war. Jede noch so kleine Bewegung konnte dazu führen, dass Knochenstücke die Haut durchbohrten, und dann drohte eine Infektion.

Er drehte sich zur Schwester um und senkte die Stimme. „Sie wurde nicht von einem Krankenwagen gebracht, oder?“

Jo schüttelte den Kopf. „Im Privatwagen. Jemand hat sie draußen vor dem Eingang abgesetzt, und sie musste sich allein zum Empfang schleppen.“

Andrew presste die Lippen zusammen und unterdrückte seine Wut. Was für ein Mann war das, der eine Frau so behandelte? Wäre der Kerl in der Nähe gewesen, er hätte ein paar deutliche Worte zu hören bekommen!

Rasch vertrieb er die Erinnerung an den Albtraum, als er beschuldigt worden war, selbst ein solcher Kerl zu sein. „Legen wir einen Zugang und schienen wir den Arm“, ordnete er knapp an. „Wenn die Schmerzmittel wirken, schauen wir uns die Patientin noch einmal an, bevor wir Röntgenaufnahmen machen.“

Noch während er den Stauschlauch um Janines Arm legte und festzog, kam eine weitere Schwester herein. „Ich werde Ihnen jetzt eine dünne Kanüle in die Handvene schieben“, sagte er zu Janine gewandt. „Dann können wir Ihnen etwas gegen die Schmerzen geben.“

Sie nickte, zuckte aber zusammen, als er den Zugang legte. Aus dem Augenwinkel sah Andrew, wie die neue Schwester mit geübten Bewegungen Janines gebrochenen Arm mit einer gepolsterten Pappschiene sicherte.

Er klebte die Kanüle mit einem Pflaster fest und schaute auf, um der Schwester einen anerkennenden Blick für ihre behutsame Art zuzuwerfen – und erstarrte.

Alice Palmer?

Er hatte gewusst, dass sie aus Neuseeland stammte. Warum war ihm nie der Gedanke gekommen, dass er ihr hier begegnen könnte?

Weil die Wahrscheinlichkeit, dass sie in derselben Klinik Kollegen wurden, gleich null war? Oder weil er an jene Episode seines Leben nicht mehr erinnert werden wollte?

Welch eine Ironie des Schicksals, dass ihn alles, was er hinter sich lassen wollte, hier am anderen Ende der Welt wieder einholte. Nicht nur in Gestalt der misshandelten Patientin, sondern auch, indem ausgerechnet Alice auftauchte!

Wie viel wusste sie? Wahrscheinlich kaum etwas, denn sie hatte ihren Job schon verloren, als die Sache anfing. Er war dafür verantwortlich gewesen, dass man ihr gekündigt hatte, aber als er sich ein halbes Jahr später zu ihrer Adresse aufmachte, um ihr alles zu erklären, fand er ein leeres Haus vor. Von der Nachbarin erfuhr er, dass Alice es verkauft hatte. Ihre neue Adresse kannte niemand, aber im Krankenhaus gingen Gerüchte um, dass sie das Land verlassen hätte.

Und jetzt konnte er es ihr nicht mehr erzählen, denn dann würde sie mehr wissen wollen, und genau das wollte er nicht. Die Vergangenheit sollte begraben bleiben.

Emmys wegen.

Er hielt ihrem Blick stand und bemühte sich um einen neutralen Tonfall, während er fieberhaft überlegte, ob er zeigen sollte, dass sie sich kannten.

„Würden Sie bitte etwas Morphin aufziehen?“, hörte er sich ruhig sagen.

Damit war die Entscheidung gefallen. Er musste es verheimlichen, sonst würde man ihm Fragen stellen, die er weder hören noch beantworten wollte. Um sich zu schützen, ging er in die Offensive und fügte, ohne lange darüber nachzudenken, hinzu: „Falls Sie einen Schlüssel zum BTM-Schrank haben.“

Heiß stieg Alice das Blut in die Wangen.

Sie riss den Blick von seinem Gesicht los. Es war schmaler geworden, kantiger, der Ausdruck in seinen Augen distanziert, fast abweisend. Hatte Andrew Barrett sich so sehr verändert, oder wollte er nur nicht verraten, dass sie sich kannten?

Schön, von mir aus, dachte sie trotzig. Tun wir so, als wären wir uns nie begegnet.

Seine Bemerkung war ein Warnschuss gewesen. Wenn sie auch nur einen Ton von den Gerüchten verlauten ließ, die ihr damals in London zu Ohren gekommen waren, würde er ihre Vorgesetzten darauf hinweisen, dass sie ihr besser keinen Zugang zum Giftschrank gewährten.

Zorn stieg in ihr auf und mischte sich mit den anderen Gefühlen, die sie aufwühlten, seit sie Andrew wiedergesehen hatte. Doch auch wenn ihr schwacher Körper verräterisch reagierte, so wusste sie doch, dass sie in diesen Mann nicht mehr verliebt war. Darüber war sie hinweg, seit sie vor seinem Schreibtisch gestanden und er ihr eröffnet hatte, dass er ihr nicht mehr vertraute. Sie müsse gehen.

Den Job aufgeben, den sie liebte.

Alice hatte versucht, ihn dafür zu hassen, aber das war ihr nicht gelungen.

Ihr war klar gewesen, dass er in seiner Position nicht anders hatte handeln können. Und anstatt eine offizielle Untersuchung einzuleiten, die für immer in ihren Papieren gestanden hätte, hatte er ihr die Gelegenheit gegeben, von sich aus zu kündigen.

Ironischerweise hatte sie niemals die Gerüchte glauben können, die über ihn in Umlauf gewesen waren. Dass er eine Frau prügeln und misshandeln würde, war in ihren Augen genauso absurd wie der Vorwurf, sie, Alice, hätte Drogen gestohlen.

Er hingegen schien dieses Vertrauen in sie nicht zu haben. Seine Bemerkung über den Giftschrankschlüssel sprach für sich, und das schmerzte.

Auch wenn man zu Unrecht mit Dreck beworfen wurde, etwas blieb immer kleben. Manchmal genug, um ein Leben zu ruinieren. Alice hatte einen dumpfen Druck im Magen, als sie die Ampulle aus dem Schrank nahm und die Entnahme im Buch vermerkte. Sie spürte, dass Andrew sie dabei beobachtete.

Wie vorgeschrieben überprüfte Jo den Vorgang noch einmal, verglich den Namen des Mittels mit dem Eintrag, dann die Menge und das Verfallsdatum. Trotz aller Mühe zitterten Alice’ Hände, als sie die Ampulle öffnete und den Inhalt in eine Spritze zog.

„Du solltest wirklich etwas essen“, flüsterte Jo ihr zu.

Alice brauchte etwas ganz anderes – Abstand von dem neuen Kollegen. Wie sollte sie mit ihm zusammenarbeiten, wenn er sie ständig überwachte?

Natürlich könnte ich die Abteilung wechseln, überlegte sie. Auf die Kardiologie gehen oder in die Pädiatrie. Aber sie arbeitete so gern hier, wo sie jeden Tag gefordert war, wo es darum ging, Menschenleben zu retten. Die Arbeit in der Notaufnahme hatte ihr geholfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Entschlossen konzentrierte sie sich auf ihre Patientin. Das Morphin begann zu wirken. Alice betrachtete das geschwollene und bläulich verfärbte Gesicht, die geprellten Rippen und den gebrochenen Arm. Dass jemand eine Frau brutal verprügeln konnte, ging über ihren Verstand.

Sie sah auf und suchte Andrews Blick, wohl wissend, dass ihr Mitgefühl sich in ihren Augen spiegelte.

Zwar hatte sie die Gerüchte über ihn nie geglaubt, aber das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden. So hatten sie beide etwas, das ihre Kolleginnen und Kollegen nicht wissen sollten, und es war besser, Distanz zu halten, denn das bedeutete Sicherheit.

Andrew begegnete ruhig ihrem Blick.

Zumindest im Moment war keiner von ihnen im Vorteil.

Was für ein Desaster.

Alice wusste anscheinend mehr, als er gedacht hätte. Hielt sie noch Kontakt zu ihren Freunden in London? Zu Leuten, die sich gern darüber ausließen, dass es eine polizeiliche Untersuchung gegeben hatte, in die ein gewisser leitender Chefarzt aus der Notaufnahme verwickelt gewesen war?

Als er hierhergekommen war, war er sich sicher gewesen, den perfekten Ort für Emmy und sich gefunden zu haben. Obwohl sie erst seit einer Woche hier waren, hatte er seine Tochter noch nie so glücklich gesehen. Das hatte ihn darin bestätigt, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Manche mochten es vielleicht als Schuldeingeständnis ansehen, aber er hatte es für seine Tochter getan.

Gedankenverloren wartete er auf die Röntgenaufnahmen von Janine. Was sollte er tun? Alice um ein Gespräch unter vier Augen bitten, seine Karten offen auf den Tisch legen und sie um Hilfe bitten?

Aber warum sollte sie ihm helfen wollen? Seinetwegen hatte sie nicht nur ihren Job verloren, sondern auch ihr Haus verkaufen müssen. Gerüchte besagten, die Bank hätte sie dazu gezwungen. Andrew hatte sich entschuldigen wollen, aber sie war spurlos verschwunden gewesen. Und dann hatten seine eigenen Schwierigkeiten begonnen, und darüber hatte er alles andere vergessen – es ging ums Überleben. Um Emmys Sicherheit.

Und was sollte er Alice jetzt auch sagen? Eine Entschuldigung, weil er ihren Beteuerungen nicht geglaubt hatte, reichte bestimmt nicht aus. Er könnte es ihr nicht verdenken, wenn sie sich jetzt an ihm rächen würde.

Es passte allerdings nicht zu dem Bild, das er sich vor fünf Jahren von Alice Palmer gemacht hatte – der attraktiven, kompetenten Krankenschwester in der Notaufnahme. Sie gehörte zu den Schwestern, denen jeder einzelne Patient am Herzen lag, die sich freundlich und aufmerksam um jeden kümmerten, der ihnen anvertraut war. Alice war auch auf seiner Hochzeit gewesen, weil Mel sie eingeladen hatte.

Als es dann so aussah, als hätte sie Morphin und andere Betäubungsmittel gestohlen, war er schockiert gewesen und hatte es anfangs nicht glauben wollen. Aber wer kannte sich schon mit den Frauen aus? Melissa war das beste Beispiel …

Andrew fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Nein, er wollte nicht an Mel denken. Auch nicht an London.

Janines Röntgenbilder bauten sich auf dem breiten Computerbildschirm an der Wand auf und lenkten ihn von seinen tristen Gedanken ab. Wie es aussah, mussten der Wangenknochen verdrahtet und die Armfraktur operativ gerichtet werden. Die Orthopäden waren bereits unterwegs, und es fehlte nur noch jemand von der plastischen Chirurgie, der sich im OP mit dem lädierten Gesicht befasste. Andrew machte sich auf den Weg zurück zum Traumaraum.

Alice würde sicherlich auch dort sein. Sollte er seine Dienste tauschen, damit er Alice so wenig wie möglich sah, bis er sich entschieden hatte, was er tun sollte?

Nein, wie kam er dazu? Schließlich war er einer der Chefärzte der Abteilung und Alice Krankenschwester. Er konnte es sich nicht leisten, diesen Vorteil aus der Hand zu geben. Wichtig war, weiterhin die Kontrolle zu behalten.

Nachdem Janine in den OP gebracht worden war, war es eine Zeit lang verhältnismäßig ruhig auf der Station. Genauer gesagt, langweilig. Alice kümmerte sich um einen Epileptiker, der nach einem schweren Anfall nun schlief, dann um eine Diabetes-Patientin aus einem Pflegeheim, die neu eingestellt werden musste, und eine ältere Frau mit Magenproblemen.

Als der Krankenwagen einen vierzig Jahre alten Mann mit stark erhöhter Herzfrequenz einlieferte, übernahm Alice den Patienten nur zu gern.

„Das ist Roger“, informierte sie der Sanitäter. „Tachykard, Herzfrequenz bei 196. Sauerstoffsättigung neunundachtzig Prozent. Keine kardiale Vorgeschichte.“

Roger war blass und hatte offensichtlich Angst, aber die EKG-Werte waren nicht lebensbedrohlich. Kardiologie hatte schon immer zu Alice’ Lieblingsfächern gehört. Ein 12-Kanal-EKG konnte sie besser interpretieren als die meisten Assistenzärzte.

„Haben Sie Schmerzen in der Brust?“, fragte sie den Patienten.

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin ein wenig kurzatmig, das ist alles. Und mein Herz rast.“

„Hatten Sie so etwas schon einmal?“

„Nein.“

Alice half den Sanitätern, Roger in ein Bett in Schockraum 2 zu bringen. Sie stellte das Kopfteil so ein, dass der Patient halb aufrecht sitzen konnte, um seine Atmung zu unterstützen. Jo kam herein und stöpselte den Sauerstoffschlauch in den Wandanschluss.

„SV-Tachykardie“, informierte Alice sie über die Herzrhythmusstörungen. „Ist Peter in der Nähe?“

„Nein.“ Andrew kam in dem Moment herein, als die Sanitäter mit der Trage hinausgingen. „Ich übernehme den Fall.“ Er hielt den Bericht in der Hand, an den der rosafarbene EKG-Ausdruck angeheftet war.

Dann stellte er sich dem Patienten vor, der immer noch ziemlich besorgt wirkte.

„Habe ich einen Herzinfarkt?“, fragte Roger.

„Das ist eine der Möglichkeiten, die wir gerade untersuchen“, erklärte Andrew. „Aber im Moment sehen wir noch keine Anzeichen dafür. Ihr Herzschlag ist ein wenig zu schnell, um wirklich ein Ergebnis zu bekommen, deswegen werden wir versuchen, ihn zu verlangsamen. Versuchen Sie, sich zu entspannen.“

Roger lachte etwas gequält auf.

Andrew lächelte mitfühlend. „Ich weiß, ich habe gut reden“, sagte er und legte dem Mann die Hand auf den Arm. „Ich weiß auch, dass so etwas Angst macht, aber wir werden herausfinden, was mit Ihnen los ist, und Ihnen dann helfen.“

Sein Lächeln und die kurze Berührung beruhigten Roger sichtlich. Mit einem erleichterten Seufzer legte er sich zurück ins Kissen und nickte.

Andrew wandte sich an Jo. „Haben Sie ein Stück Plastikschlauch zur Hand?“

„Sicher.“

„Holen Sie mir bitte eine EKG-Assistentin für ein 12-Kanal-EKG.“

„Das EKG kann ich auch schreiben“, bot Alice ruhig an.

„Fein. Legen Sie los.“ Andrew zog sich OP-Handschuhe über.

Alice holte das Gerät und befestigte die Elektroden am Patienten, während Jo einen dünnen Plastikschlauch nahm und ein kurzes Stück davon abschnitt.

„Jetzt bitte tief einatmen“, bat Andrew Roger. „Dann umschließen Sie den Schlauch fest mit den Lippen und blasen die Luft so lange aus, wie Sie können.“

Mit dem Valsalva-Manöver wollte er das aus dem Takt geratene Herz wieder zum normalen Rhythmus bewegen. Alle starrten auf den Monitor, als Roger mit hochrotem Gesicht die Luft ausstieß. Aber die Herzfrequenz blieb unverändert.

„Holen Sie erst einmal ordentlich Luft, dann versuchen wir es ein zweites Mal“, meinte Andrew.

Das gab Alice die Gelegenheit, die Herzaktivität aufzuzeichnen. „Bitte liegen Sie so still wie möglich“, instruierte sie ihn, als sie den Startknopf drückte.

Aber er war noch zu sehr außer Atem, und die Kurven enttäuschten ihre Hoffnung. Sie riss den Ausdruck ab und hoffte, dass Andrew es nicht mitbekommen hatte.

„Versuchen wir es noch einmal“, sagte sie ruhig. „Es wäre großartig, wenn Sie für ein, zwei Sekunden die Luft anhalten können, damit wir ein brauchbares Ergebnis bekommen.“

Roger schaffte es tatsächlich, aber auf dem Ausdruck fehlten einige Informationen.

„Eine Beinelektrode ist abgegangen“, bemerkte da Andrew wie nebenbei. Alice stieg das Blut ins Gesicht, als sie die selbstklebende Elektrode fester auf Rogers linkes Fußgelenk drückte.

Oh, wie peinlich. Wie konnte sie sich bei einer simplen Aufgabe so blöd anstellen! Als wäre sie völlig unfähig.

Andrew ließ Roger erneut durch den Schlauch pusten, und sie musste warten, bis er wieder normal atmete, ehe sie die Messung wiederholen konnte. Aber diesmal lief alles glatt.

Der leitende Chefarzt war inzwischen hereingekommen, und sie unterhielten sich über die nächsten Schritte. Da der Patient bei Bewusstsein war, konnten sie keinen Defibrillator benutzen, um die Schlagzahl des Herzens wieder zu normalisieren. Also blieb nur die Möglichkeit, Adenosin zu geben, was auf chemischer Basis die Wirkung eines Stromstoßes auf das Herz hatte.

Normalerweise funktionierte es hervorragend, und Alice wusste genau, wie man vorgehen musste. Das Mittel wirkte nur für kurze Zeit und wurde deshalb in den rechten Arm injiziert, um so schnell wie möglich das Herz zu erreichen. Sofort im Anschluss daran wurde mit einer Kochsalzlösung nachgespült. Das bedeutete, dass zwei Personen synchron zusammenarbeiten mussten.

Alice hatte oft genug die Nachspülung übernommen. Sie liebte die Herausforderung, die Abläufe perfekt aufeinander abzustimmen. Jetzt wurde das Adenosin aufgezogen, und auch die große Kanüle mit fünfzig Millilitern Kochsalzlösung lag bereit. Beide Nadeln kamen gleichzeitig in den intravenösen Zugang.

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
Sie fand eine Stelle...
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Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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