Ein Vater für Billie

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Mit jedem Tag lastet das Geheimnis schwerer auf Jane: Sie muss Adam endlich gestehen, dass er der Vater ihrer Tochter Billie ist! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er selbst die Ähnlichkeit erkennt. Und dann wäre jede Hoffnung auf die Liebe, nach der Jane sich sehnt, zerstört ...
  • Erscheinungstag 08.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735036
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Klirr!

Adam Barrington blickte hoch, als ein Baseball durch sein Fenster flog, einen perfekten Bogen durch den Raum beschrieb und mitten auf seinem Schreibtisch landete. Während der Ball über die losen Papiere rollte, streckte Adam die linke Hand aus. Der Ball hüpfte über die Kante des Schreibtisches direkt in seine Handfläche.

Abgesehen von dem Klirren der Glasscherben war es still im Raum. Adam lehnte sich zurück und wartete.

Es dauerte nicht lange. Ungefähr dreißig Sekunden später erschien ein kleines Gesicht an dem zerbrochenen Fenster. Eine rote Baseballmütze verbarg die Haare des Kindes und beschattete die Augen.

„Sie haben meinen Ball gefangen.“

„Du hast mein Fenster zerbrochen.“ Er stand auf und ging zum Fenster.

„Ja, das sehe ich.“ Das Kind betrachtete die Glasreste und die noch intakten Scheiben. „Und wenn ich Ihnen sage, dass es nicht meine Schuld war?“

„War es deine Schuld?“

Ein schwerer Seufzer folgte. „Wahrscheinlich. Ich meine, ich bin nicht Fänger für einen anderen Spieler. Also kann ich auch nicht sagen, dass ein anderer den Ball geworfen hat. Dieses Fenster kostet eine Menge. Mehr als mein Taschengeld für einen Monat, wetten?“ Noch ein Seufzer. „Meine Mom bringt mich garantiert um.“

Adam unterdrückte ein Lächeln. „Warte hier! Ich komme hinaus, und wir diskutieren über die Wiedergutmachung.“

Das Kind fiel sichtlich in sich zusammen. „Es ist nie gut, wenn Erwachsene ‚diskutieren‘ und dann ein schwieriges Wort sagen.“

Adam lachte leise, während er durch den Korridor und zur Haustür hinausging. Das Kind stand auf dem Rasen neben dem Fenster und starrte düster auf die zerbrochene Scheibe. Zuerst hatte Adam angenommen, es wäre ein Junge, doch als sich das Kind umdrehte und die Baseballmütze abnahm, sah er, dass „er“ eine „sie“ war.

Kurze dunkle Haare waren von der Mütze zerzaust. Große braune Augen betrachteten ihn. Shorts und ein schmutziges T-Shirt bedeckten einen stämmigen gebräunten Körper. Adam schätzte das Mädchen auf sechs bis zehn. Im Raten des Alters von Kindern hatte er keine Erfahrung.

„Sieht schlimm aus“, sagte das Mädchen. „Ich bezahle, das schwöre ich. Und selbst wenn Sie mir nicht glauben, wird meine Mom dafür sorgen, dass ich meine ‚mir zufallende Verantwortung‘ übernehme, wie sie immer sagt.“

„Kann ich ihr nicht verdenken, wenn du anderer Leute Fenster zerbrichst.“

„Also, das mache ich nicht.“ Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüften.

„Du hast mein Fenster zerbrochen.“

„Das war ein Unfall.“

„Du siehst für mich wie ein Kind aus, das eine Menge Unfälle hat.“

Sie schob rebellisch die Unterlippe vor. „Die habe ich nicht! Na ja, ein paar. Aber nicht eine Menge!“

Zum zweiten Mal musste Adam ein Lächeln unterdrücken. „Wie heißt du?“

„Billie.“

„Ich bin Adam.“ Er streckte die Hand aus, und sie wechselten einen feierlichen Händedruck, ehe er ihr den Baseball zurückgab. „Ich habe dich noch nie gesehen, Billie. Bist du aus der Nachbarschaft?“

„Nein. Aus San Francisco. Wir sind gerade erst hergezogen. Es war eine lange Fahrt. Können wir spielen, bis meine Mom herauskommt? Sie wird sich für mein ätzendes Benehmen entschuldigen wollen. Sind Sie sauer? Wir werden Nachbarn sein. Ich möchte nicht, dass Sie sauer auf mich sind. Im Grunde bin ich ein gutes Kind.“ Sie grinste mutwillig. „Das sagt wenigstens meine Mom, wenn sie nicht weiß, dass ich zuhöre. Haben Sie Kinder? Mom hat nicht gewusst, ob welche in der Straße wohnen. Mir sind Jungs lieber. Mom sagt, sie ist froh, dass ich ein Mädchen bin, aber ich weiß nicht, ob das so toll ist. Haben Sie schon mal ein Kleid getragen und aufpassen müssen, dass es sauber bleibt? Würg!“

Adam blinzelte ein paar Mal. „Nachbarn?“

Sie deutete auf das Nachbarhaus. Das Southwick-Haus. „Wir ziehen da ein. Die Möbel sind noch nicht da. Wir werden auf dem Fußboden schlafen müssen.“

Adam betrachtete das einstöckige Gebäude, eine kleinere Version seines eigenen Hauses, das schon seit gut achtzig Jahren hier stand. Vor etwa zwei Monaten waren die alten Mieter ausgezogen, und die Handwerker waren gekommen. Er wusste, dass es nicht verkauft worden war. Die einzige Maklerfirma in der Stadt arbeitete mit seiner Bank zusammen, genau wie der Notar. Neue Mieter, hatte Adam sich gesagt. Eine andere Familie. Es war ihm egal. Es war ja nicht so, dass Jane wieder hier herzog. Ihre Eltern hatten sich in Galveston zur Ruhe gesetzt, und sie hatte …

Er runzelte die Stirn, als er erkannte, dass er nicht wusste, was Jane getan hatte. Aber es spielte keine Rolle. Ihre Beziehung gehörte der Vergangenheit an.

„Sind Sie bereit?“, fragte Billie.

„Bereit wofür?“

„Für ein Spiel. Mom kommt gleich heraus. Sie will drinnen sehen, welche Möbel wohin gestellt werden. Falls die Möbel überhaupt hier ankommen. Ich werde nicht hart werfen.“

Sie warf, und Adam fing den Ball instinktiv und warf ihn zurück. „Junge Lady, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass du für mich zu hart wirfst.“

„Ich weiß nicht. Ich werfe in meinem Baseballteam. Ich kann gemein werfen.“

Adam blickte zu dem zerbrochenen Fenster. „Das glaube ich. Wie viele gemeine Würfe im letzten Jahr?“

Sie zog die Nase kraus. „Wir haben in unserer Division gewonnen.“

„Wie viele?“

„Ich erinnere mich nicht.“

„Lass mich raten. Nicht ein paar, sondern eine Menge?“

Sie lachte. Der Klang erinnerte ihn an etwas, aber bevor er dahinter kam, warf sie den Ball, diesmal härter. „Ja, eine Menge. Der Coach sagt, dass ich genauer werfen werde, je reifer ich werde.“

„Hoffentlich ist das bald der Fall. Ich habe viele Fenster.“

Billie zog die Mütze über die Augen und beugte sich vor. „Und hier ist sie, Ladys und Gentlemen, der erste weibliche Werfer der National League! Sie wirft zu ihrem Lieblingsfänger, selbst ein Champion, Mr. Adam …“ Sie sah ihn abwartend an.

„Barrington. Adam Barrington.”

„Adam Barrington, einer von der alten Garde! Er kann noch immer einen gemeinen Wurf fangen!“

„Ich fühle mich geehrt“, sagte er trocken.

Sie holte aus und warf. Der Ball begann gut, verlor dann aber Geschwindigkeit und Richtung. Adam schnellte sich nach rechts, aber der Ball rollte an ihm vorbei in die Büsche.

„Ich muss noch an meinem Bogen arbeiten“, sagte Billie.

„Versuch es lieber hinten im Garten.“

„Warum?“

Er warf den Ball zurück zu ihr. „Dort stehen Büsche und Bäume zwischen dir und meinen Fenstern.“

Sie rümpfte die Nase. „Normalerweise werfe ich nicht …“

„Bil-lie!“

Der Ruf der Frau kam vom Nachbarhaus. Adam erstarrte. Diese Stimme! Das konnte nicht wahr sein! Er sah Billie an.

„Mütter!“ Sie zuckte die Schultern. „Die wissen doch immer, wann man Spaß hat. Ich bin hier!“, schrie sie. „Nebenan!“

„Billie, wir müssen in die Stadt fahren und telefonieren.“

Adam drehte sich langsam um. Die Frau kam um die Hecke herum und erstarrte, als sie ihn bemerkte. Ihr Blick zuckte zwischen ihm und dem Kind hin und her. Zwielicht war in den schwülheißen Tag von South Carolina gesunken. Schweiß stand Adam auf der Stirn, aber die Frau wirkte frisch und einladend wie ein Sonnenaufgang. Ein weit fließender Rock und eine helle Bluse verbargen ihren Körper. Braune Haare mit einer Spur Rot waren aus dem Gesicht gezogen. Die Stirnfransen hingen fast bis zu ihren Wimpern.

Aus der Ferne konnte er ihre Augen nicht sehen, kannte jedoch die Farbe. Haselnussbraun. Braun und Grün und Gold. Groß und leicht schräg stehend. Er sah zu Billie zurück, und der Druck auf seiner Brust erschwerte ihm das Atmen.

„Hallo, Adam“, sagte die Frau ruhig. „Wie ich sehe, hast du meine Tochter bereits kennen gelernt.“

Ihre Tochter? Der Druck verstärkte sich. Adam senkte den Blick zu ihrer linken Hand. Kein Ring. Also hatte sie geheiratet und war geschieden. Es überraschte ihn nicht.

Billie blickte ihre Mutter stirnrunzelnd an. „Woher kennst du ihn?“

„Ich bin in diesem Haus aufgewachsen, Kleines. Das habe ich dir doch erzählt.“

Billie wandte sich an Adam. „Sie haben neben meiner Mom gewohnt?“

Er konnte nicht sprechen. Langsam wurde sein Blick zu der Frau zurückgezogen. Sehnsucht stieg in ihm hoch. Doch gleich darauf so heißer Zorn, dass die Sehnsucht verpuffte. Seine Hände ballten sich an seinen Seiten zu Fäusten. Wie konnte sie es wagen, wieder zurückzukommen!

Adam zwang sich, tief einzuatmen und die Luft langsam auszustoßen. Es war seit Jahren vorbei. Sein Körper entspannte sich.

Die Gefühle wechselten so schnell auf Adams Gesicht, dass Jane keine Zeit hatte, sie einzustufen. Zweifellos war er genauso betroffen wie sie. Dieses Zusammentreffen hatte sie nicht geplant, auch wenn sie wusste, dass nach ihrer Rückkehr in dieses Haus sie ihm unweigerlich irgendwann begegnen würde.

„Hallo, Jane!“

Wie ruhig er doch sprach. Jane fragte sich, ob er das Hämmern ihres Herzens hören konnte, während sie das unerforschliche Gesicht des führenden Bürgers von Orchard, South Carolina, betrachtete.

Adam Barrington, Bankpräsident.

Er hatte sich nicht viel verändert. Knapp über einsachtzig, schlank, aber kraftvoll elegant. Auch in Shorts und T-Shirt sah er wie ein Werbeträger für ein Männermagazin aus. Die Unterzeile konnte lauten: „Der Manager daheim“. Aber in diesem Bild gab es keine glückliche Familie. Sie hatte sich erkundigt. Adam war nicht verheiratet.

Während der langen Fahrt von San Francisco nach South Carolina über das südliche Texas hatte Jane ausreichend Gelegenheit gehabt zu planen, was sie bei dem ersten Zusammentreffen nach Jahren sagen wollte. Vielleicht ein paar Worte in der Bank, wenn sie ein Konto eröffnete, oder vielleicht eine zufällige Begegnung, wenn man am Samstagmorgen die Zeitung ins Haus holte.

„Ist schon lange her.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln und blieb vor ihm stehen.

„Wie viele Jahre?“, fragte Adam.

„Neun.“ Sie bereute ihre schnelle Antwort. Er glaubte nun womöglich, dass sie die Tage gezählt, dass sie ihn vermisst und ihr impulsives Verhalten bereut habe. Sie hatte es bereut, ja, das hatte sie, aber das brauchte er nicht zu wissen!

„Dann seid ihr zwei befreundet?“, fragte Billie. „So, als ob ihr miteinander Baseball gespielt hättet?“

Jane zwang sich, den Blick von Adams faszinierenden braunen Augen abzuwenden. Sie rieb ihre feuchten Hände an ihrem Rock. Große Eichen schirmten sie von der Hauptstraße und den neugierigen Blicken der Nachbarn ab.

„Wir sind miteinander gegangen“, gab Jane zu.

„Oh.“ Billies Enttäuschung war offensichtlich. Mit acht fand ihre Tochter Jungs nur interessant, wenn man sie im Sport schlagen konnte.

„Nur kurz“, fügte Adam hinzu.

Er nannte zwei Jahre kurz?

„Was ist passiert?“, fragte Billie.

„Deine Mutter ist weggezogen.“ Auch das sagte er ohne erkennbare Emotion. „Du ziehst wieder hierher?“, fragte er.

„Das habe ich vor.“ Jane lächelte und wagte nicht, ihm in die Augen zu blicken. „Meine Eltern haben sich in Galveston zur Ruhe gesetzt, und die Mieter des Hauses wollten den Mietvertrag nicht verlängern. Ich … äh … es wurde eine Stelle an der Junior High School frei, und hier sind wir.“

„Du bist Lehrerin?“

„Für Englisch!“ Billie gab einen Würgelaut von sich. „Ganz schlimm! Sie müssten die Bücher sehen, die ich ständig lesen soll!“

„Du magst doch nur Geschichten über Sport. Das ist keine Literatur. Es gibt eine Menge Klassiker, die …“ Jane stockte und zuckte die Schultern. „Der alte Streit.“

„Wer gewinnt?“, fragte Adam.

Jane lächelte ihrer Tochter zu. „Sie, aber ich lasse nicht locker.“

„Du hast mir nie erzählt, dass du Lehrerin werden wolltest.“

Sie forschte in seinem Gesicht. Die vertrauten Linien – hohe Wangenknochen, kräftiges, kantiges Kinn – hatten sich nicht besonders verändert. Er war schon ein Mann gewesen, als sie fortging. Er allerdings würde bei ihr Unterschiede finden. Als er sie das letzte Mal sah, war sie noch ein Mädchen gewesen. Dem Gesetz nach eine Frau, aber in ihrem Herzen und ihren Gefühlen nach sehr jung. Die Zeit hatte sie verändert, innen wie außen.

„Ich habe es dir erzählt. Ein paar Mal. Du hast mir nicht zugehört.“

Feuer flammte in seinen braunen Augen auf. „Ich habe dir zugehört! Du warst diejenige, die …“ Er stockte und sah Billie an. Janes Tochter stand mit offenem Mund da.

„Diejenige, die … was?“, fragte Billie.

Er schüttelte den Kopf. „Spielt keine Rolle. Die Handwerker haben wochenlang im Haus gearbeitet. Bestimmt bist du mit ihrer Arbeit zufrieden.“

„Alles sieht großartig aus“, erwiderte Jane. „Die Bäder im ersten Stock sind neu.“

„Das war schon vor zwei Jahren.“

Jane wollte etwas sagen und tun und nicht bloß wie eine entfernte Bekannte dastehen. Bestimmt hatte Adam mit seinem Leben weitergemacht, hatte ihr vielleicht sogar verziehen, aber vergessen? Ausgeschlossen. Keiner von ihnen hatte vergessen. Also tat er nur so, als würde es keine Rolle spielen, und sie tat nur so, als fühlte sie sich nicht schuldig. Fair, dachte sie. Abgesehen von einem kleinen, acht Jahre alten Problem …

„Es war schön, dich wieder zu sehen, Adam. Billie und ich müssen in die Stadt. Es ist schon spät, und die Umzugsfirma hat geschworen, heute zu liefern. Wenn sie es nicht tun, müssen wir uns etwas einfallen lassen.“

Er blickte auf seine Uhr. „Das Büro wird schon geschlossen sein.“

„Das Hauptbüro ist an der Westküste, und dort ist noch geöffnet.“

„Äh … Mom?“ Billie starrte zu Boden und scharrte mit den Füßen. Das war kein gutes Zeichen.

„Was hast du jetzt verloren, vergessen oder zerbrochen?“

„Ein Fenster.“

Jane dachte an das wenige Geld, mit dem sie über den Sommer kommen mussten. Sie würde erst im September mit dem Unterricht beginnen, und ihr erster Gehaltsscheck war erst Ende September fällig. Lieber Himmel, lass das Fenster klein sein! Vielleicht konnte sie es für ein paar Monate mit Brettern vernageln. Wenn es auf der Seite zu Adam lag, umso besser.

„Wo?“

„Dort!“

Billie zeigte nicht auf ihr, sondern Adams Haus.

„Nein“, sagte Jane. „Doch nicht …“

„Ja. Ich habe Ball gespielt, und er ist mir ausgerutscht.“

Jane sah Adam an, der sie mit unerforschlicher Miene betrachtete. „Es ist mir vielfach zurückgezahlt worden, dass ich meine Mutter oft ignorierte, wenn sie sagte, ich solle mich wie eine Lady benehmen. Tut mir leid.“

„Nichts ist passiert“, winkte Adam ab. „Abgesehen natürlich von dem Glas.“

„Es ist hier.“ Billie ging voraus.

„Tritt nicht auf die … Rosen!“, rief Jane, als ihre Tochter ihren Tennisschuh direkt auf eine pfirsichfarbene Blüte stellte. „Sag mir, dass das nicht noch immer Charlenes Lieblinge sind“, murmelte sie.

„Das sind sie.“ Adam hielt mit Jane Schritt und blieb stehen, als sie den Tatort erreichten.

„Siehst du!“ Billie war richtig stolz. „Es wäre ein perfekter Wurf gewesen.“

„Ja. Es fehlen nur die anderen Spieler und der Schiedsrichter.“ Jane blickte zu Adam, der die Augen nicht von ihr abwandte. Wäre sie nicht so müde gewesen, hätte sie gedacht, dass ein Lächeln in seinen Mundwinkeln zuckte, aber das bildete sie sich wohl nur ein.

„Es ist bloß diese eine Scheibe.“ Billie sprang hoch und zeigte darauf. Bei der Landung zertrat sie den Rest des Rosenstrauchs. „Au! Der Busch hat mich gekratzt!“

„Selbstverteidigung der Pflanze. Zeig her.“ Jane beugte sich herunter. „Du wirst es überleben.“

„Ich blute“, jammerte Billie.

„Ein einziger Tropfen. Der wird dir nicht fehlen. Außerdem hast du vorher diese Rose umgebracht.“

Billie wich auf das Gras aus und betrachtete den zertretenen Strauch. „Oh … tut mir leid.“ Sie versuchte, einen Stiel wieder aufzurichten, doch er knickte erneut zu Boden. „Der ist hinüber.“

Jane stand auf und sah Adam an. „Ich meine das absolut nicht böse, aber sag mir bitte, dass Charlene tot ist! Denn wenn sie es nicht ist, werde ich es bald sein.“

Jetzt lächelte er. „Charlene lebt, und es geht ihr gut.“ In seinen Augenwinkeln entstanden Fältchen. „Sie wird nach Blut lechzen, wenn sie das hier sieht. Du weißt, wie sie mit ihren Rosen ist.“

„Es ist schon Blut geflossen.“ Billie marschierte zu ihnen und zeigte ihr Bein vor. „Ihr zwei seid Erwachsene. Ich bin ein Kind. Ihr solltet euch Sorgen machen, wenn Kinder bluten. Und was ist mit einer Infektion? Ich muss mir deswegen ständig die Hände waschen.“

Ein einzelner Tropfen erzeugte einen Fleck in ihrer Socke.

„Gut, kümmern wir uns um den medizinischen Notfall.“ Adam kauerte sich hin, zog sein Taschentuch hervor, befeuchtete die Ecke und betupfte den winzigen Einstich. „Es hat zu bluten aufgehört. Du solltest dein Bein behalten können.“

„Gut.“ Billie stützte sich auf seiner Schulter ab. „Es wird schon schwer genug sein, als Mädchen in die Oberliga zu kommen, aber mit einem Bein hätte ich nie eine Chance.“ Sie blickte zum Himmel. „Es wird dunkel, Mom. Wo schlafen wir heute?“

„In der Stadt. Komm, Kleines, ich muss die Umzugsfirma anrufen. Adam, ich …“

Sein Lächeln war wieder von der kühlen Distanziertheit eines Fremden. Für einen Moment hatte er genau wie sie vergessen. Es war wie in den alten Zeiten gewesen, bevor Jane die Stadt verlassen hatte. Bevor sie das Unverzeihliche getan hatte …

Jane wollte sich entschuldigen. Aber nicht jetzt. Es war noch zu früh, und sie wollte kein Publikum, nicht einmal ihre Tochter. Später vielleicht, wenn Adam verarbeitet hatte, dass sie Nachbarn sein würden. In seiner gegenwärtigen Stimmung würde er ihr nicht zuhören. Hätte er bloß zugegeben, dass er etwas fühlte! Zorn, Schmerz, Bedauern. Sie schleppte ihre Schuld schon so lange mit sich herum, dass sie sich ermattet fühlte. Selbst wenn er sie hasste, wäre das ein Anfang gewesen.

„Ich bringe dir das Geld für das Fenster und den Rosenstrauch vorbei. Meine Handtasche ist im Haus. Jetzt muss ich wirklich telefonieren. Kann ich morgen bezahlen?“

„Benutze meines.“ Er starrte über ihren Kopf hinweg.

„Dein was?“

„Telefon, Mom, was denn sonst?“ Billie stopfte den Baseball in ihre Hosentasche.

„Das geht nicht. Es ist ein Ferngespräch.“

„Natürlich geht es“, erwiderte Adam. „Das erspart dir die Fahrt in die Stadt.“

„Es ist nur eine Meile.“

Sie wollte nicht in dieses Haus gehen. Zu viele Erinnerungen erwarteten sie dort. Die Sonne ging unter, und der Duft nächtlich blühenden Jasmins erfüllte die Luft. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich an alles erinnern.

Sie behielt die Augen offen.

„Sehr freundlich“, sagte Jane schließlich. „Nach dem Anruf reden wir über das Fenster.“

„Von meinem Schlafzimmer sehe ich Ihr Haus, Adam.“ Billie fischte ihren Ball aus der Tasche und ging zur Haustür. „Vielleicht können wir Funkgeräte aufstellen. Wie ein Geheimclub.“ Sie blickte zu ihrer Mutter. „Mädchen sind nicht zugelassen.“

Jane hütete sich, Billie darauf aufmerksam zu machen, dass sie ein Mädchen war. „Kleines, ich glaube nicht, dass Adam an deinem Jungenclub interessiert ist. Er muss eine Bank führen, und in seinem Leben ist kein Platz für deine wilden Ideen. Und du bist ein wenig zu jung, um ihn beim Vornamen anzusprechen.“

„Er hat gesagt, dass ich es darf.“

„Ich habe gesagt, dass sie es darf.“

Sie sprachen gleichzeitig.

Jane betrachtete den großen Mann und das kleine Mädchen. Beide stemmten die Füße in das dichte Gras und pressten die Fäuste in identischer Abwehrhaltung in die Hüften. Billie hatte ihre Mütze herumgedreht, so dass der Schirm nach hinten zeigte. Große braune Augen – die Farbe von Adams Augen – starrten ihr entgegen.

Vater und Tochter …

Adam hatte nichts erraten. Jane musste es ihm sagen … irgendwann einmal. Aber was sollte sie sagen? Es war fast neun Jahre her, dass sie Orchard und Adam verlassen hatte. Neun Jahre, in denen sie weder miteinander gesprochen noch einander geschrieben hatten.

Doch Jane war es leid, etwas zu verbergen. Sobald sie sich eingerichtet hatten und der Zeitpunkt richtig war, wollte sie ihre geheime Schuld aufdecken.

Adam war Billies Vater.

2. KAPITEL

„Na schön.“ Jane gab sich geschlagen. „Wenn es Adam nicht stört, nenne ihn, wie du willst.“ Sie wandte sich an Adam. „Ich warne dich. Wenn Billie jemanden mag, gehört sein Leben nicht mehr ihm.“

Adam blickte auf das Mädchen herunter. Er sollte die Kleine aus Prinzip nicht akzeptieren. Sie war die Tochter ihrer Mutter. Aber er konnte sich von ihrem gewinnenden Lächeln nicht abwenden.

Er ging die Stufen zu der Veranda hinauf. „Das Telefon ist hier.“

„Wow! Eine Schaukel! So eine habe ich noch nie gesehen!“ Billie jagte über die Veranda zu der altmodischen Schaukel, die von den Dachbalken hing. Die alten Ketten stöhnten, als Billie sich auf den Sitz warf und die Schaukel mit einem kräftigen Stoß gegen den Holzboden in Bewegung setzte. „Das ist echt cool! Mom, können wir auch eine haben?“

„Vielleicht in ein paar Monaten.“

Adam öffnete die Haustür.

Billie glitt von der Schaukel und folgte ihm. „Kann ich herüberkommen und schaukeln?“

„Sicher. Jederzeit.“

„Großartig.“ Sie betrat die Diele und pfiff. „Das ist vielleicht ein Haus! Wow! Eine Treppe! Kann ich auf dem Geländer herunterrutschen?“

Jane fing Billie auf der untersten Stufen ab. „Nein! Auf dem Geländer wird nicht gerutscht, und im Haus gibt es keinen Baseball. Du kennst die Regeln.“ Sie nahm den Ball aus der Hand ihrer Tochter und zeigte Adam ein entschuldigendes Lächeln.

Er schob die Hände in seine Taschen. „Wie wäre es mit Limonade und Schokoladenkuchen?“

Billie riss sich von ihrer Mutter los. „Ich bin immer hungrig.“

„Wieso überrascht mich das nicht?“ Er deutete auf das Arbeitszimmer. „Das Telefon steht auf dem Schreibtisch. Wir sind in der Küche. Du erinnerst dich noch, wo die ist?“

„Ja.“ Jane schickte ihrer Tochter einen warnenden Blick zu. „Komm nicht wieder in Schwierigkeiten!“

„Wer, ich?“ Billie blickte zu Adam hoch. „Das macht sie immer. Sagt ständig, ich soll nicht in Schwierigkeiten kommen.“

Jane betrat sein Arbeitszimmer. Ihr voller Haarknoten endete einige Zentimeter unterhalb der Schulterblätter. Adam wusste aus Erfahrung, dass ihre Haare glatt gebürstet bis zu ihrer Taille reichten. Satin. Mit seinem süßen Duft konnte es einen Mann um den Verstand bringen.

„Wie lange wohnen Sie schon in diesem Haus?“, fragte Billie.

„Wie?“ Er zwang sich, wieder Janes Tochter anzusehen. „Oh, mein ganzes Leben.“ Er ging voraus.

„Wir sind oft umgezogen. Mom sagt, in dem Jahr meiner Geburt haben wir in einem Haus gewohnt, aber daran erinnere ich mich nicht. Dann waren es immer Apartments. Ich habe gern andere Kinder zum Spielen, aber ich brauche einen Garten. Die Vermieter sind immer sauer geworden, wenn ich das Werfen auf dem Korridor trainiert habe. In San Francisco regnet es viel. Regnet es hier auch? Ist es immer so heiß? Hey, Sie haben hier ein paar alte Bilder. Kennen Sie Leute, die so alt sind?“

Sie blieb vor alten Fotos stehen, die über einem schmalen Schreibpult hingen. Adam stellte sich neben sie. „Die sind von meiner Familie. Sie lebt seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in Orchard.“

„Wer ist das?“ Billie deutete auf das grobkörnige Foto eines Mannes in Uniform.

„Mein Urur… – ich erinnere mich nicht genau, wie oft ‚Ur‘ – Großvater.“ Adam nahm Billie an die Hand und führte sie in die Küche.

„Die ist aber groß. Sie haben zwei Herde. Ist einer kaputt?“

„Nein. Meine Eltern haben viele Einladungen gegeben. Setz dich hierher.“ Er zog einen Hocker an die Insel in der Mitte der Küche und hob Billie, um sie draufzusetzen.

„Wo sind Ihre Eltern jetzt?“

Er stellte ein Glas vor sie hin. „Sie sind gestorben.“

„Das tut mir leid.“ Billie nahm die Mütze ab. „Macht Sie das traurig?“

„Das ist schon lange her.“

„Ich hatte einen Freund in der Schule. Seine Mom ist gestorben, und er hat viel geweint. Ich habe ihm gesagt, dass ich meine Mom mit ihm teile, aber es hat nicht geholfen. Wenigstens hat er noch seinen Dad.“

„Ich war ein wenig älter als dein Freund, als ich meine Eltern verlor.“ Adam nahm die Schutzglocke von dem Kuchen und griff nach einem Messer. „Neunzehn. Und ich habe einen Bruder und eine Schwester.“

„Älter oder jünger?“

„Beide jünger.“

„Ich wollte einen Bruder, aber Mom sagt, dass der Zeitpunkt nicht richtig ist.“ Sie drehte sich mit dem Hocker zu ihm um und grinste. „Haben Sie Kinder?“

„Nein.“

„Eine Frau?“

Er schnitt ihr ein großzügiges Stück von dem Kuchen ab und legte es auf einen Teller. „Nein. Iss deinen Kuchen!“

Sie rümpfte die Nase. „Das ist die Art der Erwachsenen, einem zu sagen, dass man nicht so viele Fragen stellen soll, wie?“

„Ja.“ Er blinzelte ihr zu.

Sie kicherte und langte zu. „Mm, der ist gut!“ Ein Krümel fiel auf ihre Brust. Sie wollte ihn wegwischen und erzeugte einen dunklen Streifen auf ihrem T-Shirt.

Adam goss ihnen etwas zu trinken ein und setzte sich. Er fand Jane in Billie. Die Form der Augen, der Humor. Aber der Rest ihrer Persönlichkeit musste von ihrem Vater stammen. Jane war ein süßes Kind gewesen, aber nie extrovertiert.

„Hast du auf dem Weg hierher deine Großeltern besucht?“, fragte er.

„Mm. In Texas. Sie wohnen am Wasser.“ Sie nahm einen Schluck Limonade. „Dort ist es schön. Ich mag den Strand. Wo wohnen Ihr Bruder und Ihre Schwester?“

„Dani lebt in Atlanta. Sie ist verheiratet und hat ein kleines Mädchen, das ein paar Jahre jünger ist als du. Ty hat eine Baufirma in der Nachbarstadt.“

„Dani ist ein Mädchenname, richtig? Abkürzung von Daniella?“

Er nickte.

Billie leckte sich Zuckerguss aus dem Mundwinkel. „Mom kennt sie. Ich glaube, sie waren vor langer Zeit befreundet. Gibt es ein Baumhaus in Ihrem Garten? Auf der Fahrt hierher hat sie davon gesprochen. Meine Mom ist hier zur Schule gegangen.“

„Ich weiß.“

„Wofür sind die da?“ Billie deutete auf die Kupfertöpfe, die an der Wand hingen.

„Zum Kochen.“

„Ich habe noch nie Töpfe in dieser Farbe gesehen.“

„Adam, wen hast du da in der Küche? Ich versichere dir, du wirst unsere Familie noch in Verruf bringen!“

Charlene Belle Standing fegte in die Küche. Ein leuchtend purpurner Kaftan reichte in weichen Falten bis zu ihren Knöcheln. Mehrere Armbänder klirrten an ihren Handgelenken. Ihr noch immer rot leuchtendes Haar hatte sie zu einem altmodischen Knoten gedreht. Sie war an die sechzig, sah wie Vierzig aus und benahm sich wie fünfundzwanzig. Oder fünfzehn.

„Nun sieh mal an! Wer bist du denn?“

Adam stand auf. „Charlene, das ist Billie. Billie, das ist meine Lieblingstante, Miss Charlene Standing.“

Charlenes blaue Augen zuckten zu ihm. „Ich bin deine einzige Tante, Adam. Wäre ich nicht deine Lieblingstante, hätte ich etwas schrecklich falsch gemacht.“ Sie trat näher zu Billie. „Kind, du kommst mir so bekannt vor, aber wir haben uns noch nie gesehen. Ich würde mich erinnern.“

Zum ersten Mal erlebte Adam, dass Billie sprachlos war. Sie starrte nur diese Frau an.

„Sie ist Janes Tochter. Du erinnerst dich an Jane Southwick? Sie wohnte nebenan.“

Charles hob eine Augenbraue. „Das erklärt alles. Du hast die Augen deiner Mutter. Vielleicht eine andere Farbe, aber die gleiche Form. Hübsche Augen.“

Autor

Susan Mallery

Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren Frauenromanen voll großer Gefühle und tiefgründigem Humor. Mallery lebt mit ihrem Ehemann und ihrem kleinen, aber unerschrockenen Zwergpudel in Seattle.

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