Eine abenteuerliche Flucht mit Folgen

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Lady Kyra Deverill muss fliehen! Ihr Vater hat kurz vor seinem Tod einen Fehler gemacht und die Vormundschaft für sie einem Mann übertragen, der sie mit einem wahren Unhold verheiraten will. Die gewagte Flucht nach Schottland glückt, doch Kyras Vormund schickt ihr jemanden hinterher, den sie schon ewig kennt und zutiefst verabscheut: Ethan Ashford, Earl of Griffin, Frauenheld und so gut wie bankrott. Sooft sie ihm entwischt, er jagt sie unerbittlich – und bald scheint es, als ginge es ihm nicht mehr nur um seinen Auftrag. Dass er unverschämt gut aussieht und noch besser küsst, ändert jedoch nichts daran, dass sie ihm einfach nicht vertrauen kann …


  • Erscheinungstag 11.07.2026
  • Bandnummer 429
  • ISBN / Artikelnummer 0871260429
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Caroline Kimberly

Eine abenteuerliche Flucht mit Folgen

Caroline Kimberly

Caroline Kimberly hat sich schon immer Geschichten ausgedacht, um ihren Alltag zu verschönern. Erst während des Studiums wurde ihr klar, dass sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen wollte. Seitdem hat sie als Zeitungsreporterin und Lektorin für einen Kinderbuchverlag gearbeitet. Historische Liebesromane waren jedoch schon immer ihr Lieblingsgenre.

1. KAPITEL

11. April 1821

Lady Kyra Deverill schaute nervös aus dem Fenster und hoffte, dass der kalte Frühlingsregen ihre frisch gepflanzten Dahlien nicht kaputt machen würde. Das wäre wirklich ein absoluter Reinfall. Immerhin hatte sie fast zwei Wochen damit verbracht, diese verdammten Blumen sorgfältig einzusetzen und vorsichtig zu wässern.

Gärtnern war ein neues Hobby für Kyra und ein ziemlich ungewöhnliches für einen umschwärmten Liebling des ton, eine junge Dame, die einst für ihren schnellen Verstand und ihr temperamentvolles Wesen bekannt war. Doch in letzter Zeit war Kyra zu müde, um liebenswert oder temperamentvoll oder auch nur ein bisschen albern zu sein. Die Jungs hier aus der Gegend, die sie beim Reiten abgehängt, und all die fehlgeleiteten Verehrer, die sie mit Wortwitz besiegt hatte, wären zweifellos schockiert, wenn nicht sogar ein wenig schadenfroh, wenn sie sie jetzt so ruhig sehen würden.

Irgendwie war ihr Leben monoton geworden. Anstatt die glamourösen Abendgalas der Saison zu besuchen, stand Kyra nun zu unchristlicher Stunde auf, um durch die winterliche Landschaft zu galoppieren, die das Landgut Sheffield Manor umgab. Nach ihrer morgendlichen Toilette und einem schnellen Frühstück mit Toast und Tee machte sie sich dann daran, den Besitz ihres Vaters zu verwalten.

Als ob das noch nicht genug Abwechslung wäre, pflegte Kyra daraufhin unvermeidlich in eines ihrer farbenfrohsten Tageskleider zu schlüpfen, sich ein Buch zu schnappen und die Treppe zu diesem Raum hier, dem Schlafzimmer ihres Vaters, zu erklimmen. In den vergangenen Monaten hatte sie so viele Stunden damit verbracht, sich hier in ihre geliebten Bücher zu flüchten, dass selbst das Lesen die dunkle Wolke, die sich um sie gelegt hatte, nicht mehr vertreiben konnte. Als der Frühling zaghaft Einzug hielt, beschloss Kyra daher, dass sie genug Langeweile hatte, und stapfte hinunter zum Grundstück, wo der mürrische alte Gärtner Hobbs ihr geduldig den Unterschied zwischen Blumen und Unkraut erklärte. Die Gartenarbeit, so harmlos sie auch war, bot zumindest einen gewissen Reiz des Neuen.

Wieder schaute sie in den Garten. Wenn diese verdammten Blumen jetzt den Geist aufgäben, wäre das ein Scheitern ihrerseits, und Kyra Deverill scheiterte nicht. Sie biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht würde ein kleiner Teich ihre Stimmung heben. Sie könnte sogar irgendwelche Wasservögel dafür anschaffen. Schwäne vielleicht. Besser noch, Gänse. Laute, sich putzende Vögel könnten ein wenig Leben auf das Anwesen bringen. Ja, eine Armee von Gänsen, die schnatterten, pickten und den ganzen Haushalt nervten.

Kyra musste über ihre eigene Albernheit lächeln. Wenn schon sonst nichts, könnten die widerlichen Schnatterer zumindest für Ablenkung sorgen. Hobbs würde sich beschweren – er schien sich ziemlich oft über ihre Ideen zu beschweren –, aber ein Teich voller Leben kam ihr wundervoll vor.

Hinter ihr verriet ein leises Rascheln der Bettdecke, dass ihr Vater sich regte. Kyra hielt inne und gab ihm einen Moment Zeit, um wieder zu sich zu kommen – hoffte zumindest darauf. Sylvester Deverill, der achte Marquess of Sheffield, war nicht mehr der kluge, witzige Mann, den sie ihr ganzes Leben lang gekannt und geliebt hatte. Sein Zustand verschlechterte sich immer mehr, er war nicht immer bei klarem Verstand. Manchmal wachte er scharfsinnig, wenn auch etwas gebrechlich, auf. An solchen Tagen hinderte ihn seine Gebrechlichkeit jedoch nicht daran, zu lachen und sie zu necken wie früher, und Kyra genoss jeden Moment, den sie auf diese Weise mit ihm hatte.

Leider verbrachte er in letzter Zeit seine wachen Minuten hauptsächlich damit, über Ereignisse aus der Vergangenheit zu schwadronieren, von denen einige lange vor Kyras Geburt stattgefunden hatten. Hin und wieder schnauzte er Befehle, offenbar in der Überzeugung, immer noch im Dienste Seiner Majestät zu kämpfen. Mit anzusehen, wie ihr intelligenter, charismatischer Vater in solche Verwirrung abglitt, war schmerzhaft für Kyra. Das Schlimmste waren jedoch die Stunden, in denen er ausdruckslos aus dem Fenster oder an die Wand starrte, nicht ansprechbar, als hätte seine Seele ihn bereits verlassen und sein Körper wäre nur noch eine leere Hülle, die nichts weiter tat, als zu atmen. Dieser Anblick erfüllte Kyra mit derart überwältigender Traurigkeit, dass sie das Gefühl hatte, es wäre weniger schmerzhaft, sich einfach neben ihn zu legen und aufzugeben.

Stattdessen legte sie einen Garten an.

Es war eigentlich eine alberne Sache, dieses Gärtnern. Aber es gefiel ihr, etwas wachsen zu sehen und einen greifbaren Beweis für das Leben zu schaffen. Sie verspürte das Bedürfnis, etwas zu nähren, sich um etwas zu kümmern, das jeden Tag stärker wurde, anstatt zu verkümmern. Das Gärtnern war ein Balsam für ihre Seele, den weder Bücher noch körperliche Anstrengung zu bieten schienen.

Kyra schniefte und unterdrückte ein Schluchzen. Riley würde nicht weinen. Ihr älterer Bruder hätte sie gnadenlos gehänselt, wenn er sie weinen gesehen hätte. Wie oft hatte er ihr gesagt, dass es nichts Schlimmeres gab als eine weinerliche Frau? Kyra musste ihm zustimmen. Wie immer verlieh ihr der Gedanke an ihren Bruder Mut. Riley bot allen Widrigkeiten die Stirn, egal wie beängstigend oder schmerzhaft sie waren. Riley würde niemals in Tränen ausbrechen.

Kyra holte tief Luft und versuchte, ihre widerspenstigen kastanienbraunen Locken zu glätten, dann stand sie von ihrem Fensterplatz auf und ging zu ihrem Vater. Sie nahm die Hand des Marquess, die so zerbrechlich wirkte, dass sie sich fast nicht traute, sie zu drücken. Sie schaute auf das eingefallene Gesicht, in die Augen, die während seiner Krankheit etwas trüb geworden waren, obwohl sie in seinen klaren Momenten immer noch die Farbe von reichhaltiger Schokolade hatten. Im Moment starrten sie blind auf die Bettdecke. Kyra biss sich auf die Unterlippe. Es würde ein langer Nachmittag werden.

Der Arzt hatte ihr immer wieder gesagt, dass ihr Vater in diesem Zustand nichts mehr begreifen würde. Das hielt Kyra aber nicht davon ab, mit ihm zu reden, als würde er jedes Wort verstehen, nur für den Fall. Anfangs war es schwierig gewesen; Kyra war nie jemand gewesen, der sinnloses Geschwätz mochte. Aber reden war besser, als schweigend zu grübeln und zuzusehen, wie er dahinschwand. Und es half, die Zeit zu vertreiben.

Also redete sie. Sie redete über ihre Bücher, über ihre Ausritte, über die Pacht, das Kommen und Gehen der Pächter, über die Ernteerträge, ihre neuesten Investitionen, den Wechsel der Jahreszeiten, ihren albernen Garten. Sie redete, bis sie heiser war, und dann redete sie noch ein bisschen mehr.

Kyra plapperte bis zum Einbruch der Dunkelheit. Bald würde sie die Magd rufen, die sich um ihren Vater kümmerte, und dann würde sie hinuntergehen, um zu Abend zu essen, allein. Dann würde sie baden und zu Bett gehen, nur um morgen aufzuwachen und sich erneut demselben Alltag zu stellen. Wenn sie nicht vorher völlig verrückt wurde. Kyra seufzte und schob ihr Selbstmitleid energisch beiseite. Es könnte gewiss schlimmer sein, auch wenn sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte wie.

„Gute Nacht, Papa.“ Kyra beugte sich vor und küsste die glatte Wange ihres Vaters. „Ich komme morgen wieder.“

Als sie sich zurückzog, packte eine welke Hand sie mit überraschender Kraft am Handgelenk. Erschrocken schrie Kyra auf, als ein Blick aus verblassten braunen Augen sie fixierte, mit einer Intensität und Klarheit, die sie seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. „Kyra?“, krächzte eine schwache Stimme, die kaum als die ihres Vaters zu erkennen war.

Kyra schenkte ihm ein Lächeln, von dem sie wusste, dass es nur ein schwacher Abglanz ihres üblichen Lächelns war. Er schien bei klarem Verstand zu sein, doch sie wusste, dass sie sich keine Hoffnungen machen durfte. „Ja, Papa. Ich bin hier. Wie geht es dir?“

Der Marquess atmete tief aus und lehnte sich zurück in seine Kissen, ohne jedoch Kyras Handgelenk loszulassen. Stattdessen überraschte er seine Tochter, indem er ihre schlanke Hand in seine nahm. „Meine kleine Kay. Ich bin froh, dass du hier bist.“

Kyras Herz machte einen Sprung. Seit Wochen hatte er sie nicht mehr bei ihrem Kindheitsspitznamen genannt.

„Oh, Papa. Ich bin so froh, dass du wach bist. Ich wollte mich gerade umziehen und zum Abendessen gehen, aber ich werde nach Maggie läuten, damit sie die Köchin bittet, ein Tablett für uns beide zu richten und hochschicken zu lassen.“

Deverill schüttelte den Kopf. „Nein, Kind. Wir haben keine Zeit zum Essen. Du musst sofort weggehen.“

Kyras Herz sank. Er hatte sie schon einmal aus seinem Zimmer geschickt, weil er glaubte, sie würde für den Feind spionieren. Er hatte sie angebrüllt und beschimpft, war fast gewalttätig geworden, und sie war nur knapp einer Dusche mit dem Inhalt seines Nachttopfes entkommen.

Kyra stand auf und unterdrückte ihre Tränen. „In Ordnung, Papa. Ich werde gehen. Wir sehen uns morgen wieder.“

Doch anders als sie erwartet hatte, lockert sein Griff um ihr Handgelenk sich nicht etwa, sondern schien sogar noch stärker zu werden. „Nein, Kyra. Du verstehst das nicht. Du musst Sheffield Manor verlassen …“ Er brach ab und drückte ihre Hand fest. „Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht.“

Kyra schluckte schwer. Der Arzt hatte ihr gesagt, sie solle nicht auf seine Wahnvorstellungen eingehen, besonders wenn sie so stark waren wie diese, aber es war unmöglich, sich von ihm loszureißen, wenn er so verloren wirkte. Sie dachte an ihren Bruder und stellte sich vor, wie er mit dieser Situation umgehen würde. Riley würde dem Arzt zweifellos sagen, er möge zum Teufel gehen. Also sank Kyra wieder auf ihren Stuhl zurück und beschloss mitzuspielen.

„Erzähl mir alles, und wir werden einen Weg finden, das Problem zu lösen.“

Der Marquess ächzte und schüttelte den Kopf. „Behandle mich nicht wie ein Kind, Mädchen. Ich habe nicht mehr viel Zeit in dieser Welt und möchte meine letzten Minuten nicht damit verbringen, mir die spitzen Bemerkungen einer vorlauten Göre anzuhören.“

Kyra biss sich auf die Unterlippe. „Verzeihung, Sir. Du … du bist nicht immer du selbst.“

Ihr Vater schnaubte verächtlich. „Verdammt, das ist mir klar. Aber du selbst scheinst auch etwas neben der Spur zu sein. Du plapperst von Stickereien und Teichen und Gänsen. Vom Anlegen eines Gartens. Wirklich, Kay, du bist ziemlich langweilig geworden. Wo ist die eigensinnige, widerspenstige Tochter, die ich kenne und liebe? Ich muss sagen, es gefällt mir tausendmal besser, wenn du wie eine Furie schreist, als wenn du dich wie ein so rührseliges … Mädchen aufführst.“

Kyra lachte erstickt und versuchte, nicht zu weinen. „Ich bin hier, Papa. Ich bin immer noch hier.“

Der Marquess grinste. „Gutes Mädel. Bleib, wie du bist, Kyra. Du bist perfekt, so wie du bist – schön und eigenwillig und viel scharfsinniger, als dir guttut. Ich bin stolz auf dich, Kay. Das war ich schon immer.“

Liebevoll tätschelte sie seine Wange. „Wer klingt jetzt rührselig, Mylord? Hör auf, poetisch zu schwadronieren, und sag mir, was dich beschäftigt.“

Abrupt verschwand Lord Sheffields Grinsen. „Ich sterbe. Das weißt du.“ Er lachte leise, als sie heftig den Kopf schüttelte. „Der Tod ist wahrscheinlich das einzige Wesen, das noch hartnäckiger ist als du, Kyra. Ehrlich gesagt bin ich froh, gehen zu können, anstatt in diesem verdammten Bett zu verkümmern. Ich bedaure nur, dass ich dich den Wölfen überlasse, mein Schatz …“

„Grif wird sich um mich kümmern, wenn es so weit ist, Papa“, unterbrach sie ihn, in der Hoffnung, dieses Gespräch zu beenden.

„Genau das versuche ich dir zu sagen“, schnauzte ihr Vater sie an. „Griffin ist nicht dein Vormund, Kay.“

Als Kyra ihn verwirrt ansah, schloss der Marquess die Augen und stöhnte. „Verdammt, ich schäme mich wirklich für mich selbst.“ Angewidert schüttelte er den Kopf. „Ich war schwach, Kyra. Nach Riley habe ich … Verdammt noch mal.“

Ihr Vater verzog das Gesicht. „Bitte versteh mich, Kyra, ich habe damals nicht klar gedacht. Ich habe Grif die Schuld daran gegeben, dass ich Riley verloren habe. Ich weiß, dass das falsch war, aber ich war verzweifelt. Ich habe mich von meiner Wut blenden lassen, Kay, und jetzt wirst du wegen meiner Dummheit darunter leiden.“

Kyra schüttelte den Kopf, ohne ganz zu verstehen. Sie kannte Ethan Ashford, Earl of Griffin, schon ihr ganzes Leben lang. Seine Freunde – und Feinde – nannten ihn Grif, und er war Rileys ältester und liebster Freund. Zufälligerweise war er auch Kyras am meisten verabscheuter Mensch in ganz England. Ihre langjährige Feindschaft reichte so weit zurück, dass sie gar nicht mehr wusste, wann und warum sie angefangen hatten, einander zu hassen. Allerdings war sie überzeugt davon, dass er es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, sie zu provozieren, wann immer sie einander begegneten. Tatsächlich war eine ihrer frühesten Kindheitserinnerungen, wie Grif ihr mit einer Gartenschere einen ihrer Zöpfe abschnitt und sie dann damit neckte, während sie ihn verfolgte. Er war arrogant, unerträglich und kompromisslos, doch sosehr sie ihn auch verachtete, Grif wäre ein nahezu perfekter Beschützer für sie – er würde für ihre Sicherheit sorgen, ohne ihre Freiheit einzuschränken. Er würde sich nicht in ihr Leben einmischen, solange sie ihren makellosen Ruf aufrechterhielt, und sich nicht die Mühe machen, sie zur Heirat zu drängen. Ihr Vater würde ihr eine stattliche Summe sowie einen guten Teil der Deverill-Ländereien vermachen, sodass Geld keine Rolle spielte. Es reichte zumindest aus, um sie für den Rest ihres Lebens mit Büchern, Ballkleidern und Ententeichen zu versorgen.

Wenn, oder besser gesagt, falls sie jemals heiraten würde, dann nur, weil sie es wollte, nicht weil sie jemanden brauchte, der sich um sie kümmerte. Grif würde das verstehen. Aber anscheinend war Grif nicht mehr für ihre Zukunft verantwortlich.

„Wenn Griffin nicht mein Vormund ist“, fragte Kyra langsam, nicht sicher, ob sie die Antwort wirklich hören wollte, „wer dann?“

„Ashford.“

„Edmund?“, wiederholte Kyra, spürbar erleichtert. Sie hatte Edmund Ashford nie besonders gemocht – irgendetwas an ihm ging ihr auf die Nerven –, aber er war ihrer Einschätzung nach recht umgänglich. Ihn an der Nase herumzuführen, dürfte nicht allzu schwierig sein. Außerdem war er Grifs Onkel. Sollte Edmund irgendetwas tun, das ihre Zukunft oder ihr Glück gefährden könnte, würde Grif zweifellos eingreifen.

Der Marquess verzog das Gesicht. „Unterschätze Ashford nicht, Kyra. Er ist eine Schlange. Sobald er von meinem Zerwürfnis mit Griffin hörte, stürzte er sich wie ein Geier darauf. Ich dachte, es wäre eine gute Lektion für Griffin, zumal ihr beide euch sowieso nie gemocht habt. Bevor ich das Ganze wirklich durchdacht hatte, gab ich Ashford die komplette Kontrolle über dein Vermögen und deine Zukunft. Als ich seine Absichten erkannte, war es schon zu spät, um alles wieder rückgängig zu machen. Als ich versuchte, meine Entscheidung zu ändern, sagte mir mein eigener Anwalt, ich sei nicht zurechnungsfähig und meinte, dass jede Änderung meines Testaments wahrscheinlich vom Gericht abgelehnt werden würde. Aber ich habe es versucht, Kyra, ich habe es wirklich versucht.“

Tröstend tätschelte Kyra seine Hand. „Ich komme mit Edmund Ashford klar, Papa.“

„Nein, Kay! Du verstehst das nicht.“ Ihr Vater wurde immer aufgeregter, sein Griff um ihre Hand war fast schmerzhaft. „Er hat mich besucht, Kyra. Wusstest du das?“

„Natürlich“, erwiderte sie. Sie wusste von jeder einzelnen Person, die in den letzten Monaten diesen Raum betreten hatte. Und obwohl sie es ziemlich seltsam fand, dass Edmund ihren Vater am Krankenbett aufgesucht hatte, insbesondere da sich sein Zustand so sehr verschlechterte, war sie davon ausgegangen, dass es aus Respekt geschah, immerhin war er ein langjähriger Bekannter der Familie.

„Ich habe Dinge gehört“, fuhr ihr Vater grimmig fort. „Nur weil ich nicht immer antworten kann, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, was gesagt wird.“ Der Marquess schaute ihr direkt in die Augen. „Er ist ehrgeizig, Kay. Und es ist ihm egal, wen er auf seinem Weg zur Macht mit Füßen tritt.“

„Ich werde vorsichtig sein“, versicherte Kyra. „Grif würde ihn niemals …“

„Er plant, dich mit Brumley zu verheiraten, noch bevor ich kalt bin“, erklärte ihr Vater unverblümt. „Ah, ich sehe, jetzt habe ich deine Aufmerksamkeit.“

Kyras Herz zog sich zusammen. Sie hatte Stephen Brumley, den Vicomte von Radcliff, in ihren dreiundzwanzig Jahren zweimal getroffen und fand, dass das zweimal zu viel war. Der Mann war ein Troll. Ehrlich gesagt, Brumley verursachte ihr eine Gänsehaut.

„Ja, Brumley. Und es wird noch schlimmer, fürchte ich.“ Als der Marquess alles erzählte, was er von Ashford und dessen Anwalt, einem Mann namens Crabbs, mitbekommen hatte, wurde Kyra klar, dass ihre Zukunft tatsächlich düster aussah.

Hilflos schaute sie ihren Vater an. „Was soll ich tun?“, flüsterte sie.

„Du musst hier weg, Kay. Noch heute Nacht.“

Entsetzt schüttelte Kyra den Kopf. „Ich kann dich nicht verlassen …“

„Du musst, mein Kind. Ich bin bereits auf dem Weg in die nächste Welt … Ich spüre es. Sobald ich nicht mehr da bin, werden Ashford und Brumley keine Zeit verlieren, deine Hochzeit zu arrangieren. Du darfst ihn nicht heiraten, Kyra. Dieser Mann ist abscheulich.“

Plötzlich sehnte Kyra sich nach ihrem langweiligen, vorhersehbaren Leben zurück. „Aber ich kann nirgendwo anders hingehen.“

„Schottland“, flüsterte Deverill. „Geh nach Schottland. Die Verwandten deiner Mutter werden sich um dich kümmern. Versprich mir, dass du zu ihnen gehst, Kyra. Versprich mir, dass du Brumley nicht heiraten wirst.“

Die Augen des Marquess fielen schwer zu, als wäre er am Ende seiner Kräfte. Als Kyra seinen Gesichtsausdruck sah, wusste sie, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Sie drückte seine Hand, in der Hoffnung, ihn noch ein wenig länger bei sich zu behalten. „Ich verspreche es, Papa. Aber was ist, wenn Edmund jemanden schickt, um mich zu holen?“

„Der Clan wird dich beschützen, Kay. Nur ein einziger Mann könnte dich dort finden.“

„Grif“, sagte sie leise. „Aber er würde mich niemals verraten.“

Ihr Vater lächelte sie schwach an. „Bete darum, dass er es nicht tut.“ Der Marquess atmete schwer aus. Plötzlich wirkte er viel älter als seine sechsundfünfzig Jahre. Er sank zurück auf sein Kissen und tätschelte ihre Hand. „Mach dir keine Sorgen, Kay. Dein Bruder wird dich beschützen. Er ist ein guter Junge.“

Kyra konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Ihr Vater schwand vor ihren Augen dahin. „Papa, Riley ist schon seit zwei Jahren tot.“

„Oje. Das hatte ich vergessen“, murmelte er und runzelte die Stirn. „Es tut mir leid, mein Schatz, aber es sieht so aus, als wärst du auf dich allein gestellt. Bitte vergib mir.“

Kyra schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und legte ihren Kopf neben dem ihres Vaters auf das Bett. „Verlass mich nicht, Papa, bitte. Ich brauche dich.“

Eine sanfte Hand strich über ihren Kopf. „Du bist stärker, als du denkst, Kyra“, murmelte der Marquess abwesend. „Du bist vielleicht nur ein kleines Ding, aber du hast die Intelligenz deiner Mutter und das Rückgrat der Deverills. Kämpfe einfach weiter, und alles wird gut.“

Seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Kyra schniefte, als sie sah, wie seine einst so attraktiven Gesichtszüge erschlafften. Sie streichelte die Wange ihres Vaters, unsicher, ob er noch bei Bewusstsein war. Bei ihrer sanften Berührung zuckte er. „Papa?“, fragte sie.

Unvermittelt setzte er sich auf, der Rücken steif und gerade, und für einen Moment konnte Kyra einen Blick auf ihren Vater vor seiner Krankheit erhaschen. Er war wieder gut aussehend und voller Energie, mit einer Ausstrahlung von Autorität, die ihm so leicht fiel, dass sie ihm wohl in die Wiege gelegt worden sein musste. Seine Präsenz füllte den Raum. Klare Augen sahen sie an, und kräftige Finger umklammerten ihre Handgelenke mit eisernem Griff.

„Geh, Kyra“, befahl er mit rauer, leiser Stimme. „Jetzt!“ Ein Ausdruck huschte über sein Gesicht, eine seltsame Mischung aus Überraschung und Akzeptanz, bevor sein Körper zurück aufs Bett sank. Auch ohne seinen Herzschlag zu überprüfen, wusste Kyra, dass er tot war. Sie tat es dennoch, wohl wissend, dass es mehr mit ihrem eigenen Bedürfnis nach Abschluss als mit einer medizinischen Klarstellung zu tun hatte. Sie gab ihm einen zarten Kuss auf die Stirn. „Ich liebe dich, Papa“, flüsterte sie.

Verloren in ihrer Trauer starrte sie ihren Vater lange an. Er war der Letzte ihrer Familie; ihn zu verlieren war, als würde sie sich selbst verlieren. Ein brennendes Gefühl stach in ihren Augenwinkeln und Kyra wusste, dass sie gleich heulen würde wie ein Schlosshund. Warme Tränen strömten über die Wangen. Kyra machte sich nicht einmal die Mühe, sie wegzuwischen. Riley und seine Neckereien konnten zur Hölle fahren. Eine gefühlte Ewigkeit lang blieb sie an der Seite ihres Vaters und weinte leise.

Ob sie nun Rückgrat hatte oder nicht, im Moment fühlte sie sich völlig hilflos.

Es war bereits vollkommen dunkel, als Kyra endlich den Kopf hob, erschöpft und ohne Tränen. Sie holte tief Luft und versuchte nachzudenken. Erstaunlich, wie schnell das eintönige Leben eines Menschen außer Kontrolle geraten konnte. Ein einziger Moment hatte gereicht, um ihr jedes Gefühl von Heimat und Sicherheit zu nehmen. Sie hatte keine Familie, kein Zuhause und keine Zukunft. Schlimmer noch, sie war offenbar mit einem Troll verlobt.

Aber was konnte sie dagegen tun?

Ein Dutzend Möglichkeiten schossen ihr durch den Kopf. Hierbleiben kam nicht infrage. Auch bei ihren Freunden konnte sie keine Zuflucht finden. Edmund kannte die Verbindungen ihrer Familie gut genug – er würde sie innerhalb von zwei Wochen finden. Sie könnte mit einem weniger trollartigen Verehrer durchbrennen, aber Edmund würde ihr zweifellos jegliche finanziellen Mittel streichen, über die er Kontrolle hatte. Nicht, dass ihr ihr Erbe besonders wichtig gewesen wäre, aber es schien ihr falsch, alles zu verlieren, wofür ihre Vorfahren gearbeitet hatten, nur weil sie vor einem hinterhältigen Menschen davongelaufen war. Außerdem könnte Edmund eine ohne Einwilligung geschlossene Verbindung vermutlich annullieren lassen, sodass sie am Ende wieder mit einem Troll als Ehemann dastehen würde.

Grif könnte natürlich helfen, aber sie bezweifelte, dass ihm viel Spielraum blieb. Zumindest nicht auf legalem Wege. Kyra seufzte und nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. Vielleicht wäre er nicht mal bereit, sie zu empfangen, schon gar nicht nach dem, was ihr Vater ihr gestanden hatte. Ihre letzte Begegnung lag vier Jahre zurück und war alles andere als angenehm gewesen.

Was hauptsächlich daran lag, dass Riley mitten beim Abendessen verkündet hatte, dass er sich gemeldet hätte, um an der Seite von Grif und dessen Zwillingsbrüdern gegen Napoleon zu kämpfen. Woraufhin ihr Vater leise seine Serviette hingeworfen hatte und aus dem Raum gestürmt war. Kyra, die sich nie vor schwierigen Situationen scheute, fand im Namen ihres Vaters ein paar deutliche Worte für alle vier jungen Männer.

Nach ein paar Minuten ihrer Tirade war Grif einfach von seinem Stuhl aufgestanden und hatte sie höflich niedergeschrien, wobei er ihr genau gesagt hatte, was er von kleinen Mädchen mit kleinen Brüsten und noch kleineren Köpfen hielt, die unaufgefordert Ratschläge aus ihren großen Mündern gaben. Riley hatte natürlich laut gelacht, als er gehört hatte, wie seine temperamentvolle Schwester so gründlich zurechtgewiesen wurde.

Phillip und Simon, Grifs jüngere Brüder, waren so wohlerzogen gewesen, ihre Heiterkeit weniger offensichtlich zu zeigen. Simon hatte ihr sogar den großen Gefallen getan, sie zurückzuhalten, als sie sich auf Grif stürzen wollte, um ihm die Tracht Prügel zu verpassen, die er zweifellos verdiente. Natürlich hatte Grif nur das Gesicht verzogen und war hinausgegangen.

Das war das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte; eine Woche später waren sie alle in den Krieg gezogen. Da sie immer noch wütend wegen Grifs Kommentaren gewesen war, hatte sie sich rundheraus geweigert, ihm Adieu zu sagen. Zwei Jahre später waren er und seine Brüder vom Kontinent zurückgekommen.

Ohne Riley.

Phillip und Simon hatten sie in den Monaten zwischen ihrer Rückkehr und ihrer Abreise in fremde Länder, wo sie ihr Glück suchen wollten, gelegentlich besucht. Grif jedoch nicht – er kam nie. Oder besser gesagt, er kam, machte sich aber nie die Mühe, sie zu sehen.

Wahrscheinlich war es besser so, sagte sich Kyra.

Ihn zu sehen, wäre zu schmerzhaft gewesen.

Aber irgendwie gab er ihr auch ohne seine physische Anwesenheit ein Gefühl der Sicherheit. Solange er für ihre Zukunft verantwortlich war, fühlte sie sich geborgen. Er war dafür bekannt, seine Interessen rücksichtslos zu verteidigen – vor allem, wenn es um Familie und Freunde ging. Grif nahm seine Verantwortung sehr ernst, das wusste jeder.

Leider war sie nicht mehr seine Verantwortung. Kyra schniefte und wischte sich gedankenverloren die immer noch fließenden Tränen weg. Später würde sie Zeit haben, allein zu trauern. Jetzt musste sie etwas tun, irgendetwas, denn ohne Riley oder Grif, die auf sie aufpassten, war sie wirklich auf sich allein gestellt.

Die letzten Worte ihres Vaters hallten in ihrem Kopf wider. Geh, Kyra.

Jetzt.

Schottland, dachte Kyra. Gewiss würde der MacKenzie-Clan sie aufnehmen. Bevor sie Lady Sheffield wurde, war Kyras Mutter die einzige Tochter des MacKenzie-Lairds gewesen. Kyras Onkel Cam war jetzt das aktuelle Oberhaupt des Clans. Zweifellos würde er seiner geliebten Nichte seinen Schutz gewähren. Und sobald sie sicher innerhalb der Grenzen von MacKenzies Gebiet untergebracht war, würde es nichts weniger als eine bewaffnete Invasion erfordern, um sie wieder herauszuholen.

Ja, ein längerer Aufenthalt in Schottland schien die beste Lösung zu sein. Sie musste allerdings irgendwie dorthin gelangen. Wobei es Ihrer Einschätzung nach nur ein kleines Problem gab.

Wie flüchtete man nach Schottland?

2. KAPITEL

Unruhig lief Kyra um das Bett ihres Vaters herum. Denk nach, Kyra, denk nach, schalt sie sich bei der zweiten Runde. Das Vorhaben, nach Schottland zu fliehen, war per se gar nicht so beängstigend. Schließlich hatte sie die Klugheit ihrer Mutter und die Entschlossenheit ihres Vaters geerbt.

Was ihr jedoch fehlte, war ein Plan.

Kyra runzelte die Stirn. Sie musste wie Riley denken. Besser noch, wie Grif – der war viel verschlagener. Ja, ein vernünftiger, narrensicherer Plan klang sehr nach etwas, das Riley und Grif auf die Beine stellen würden. Etwas Einfaches und Zweckmäßiges.

Dorthin zu gelangen, wäre keine schlimme Herausforderung. Ihr Pferd Apollo war jung und gesund. Und sie hatte die Verwandten ihrer Mutter oft genug besucht, um zumindest die ungefähre Richtung zu kennen. Drei oder vier Tage hartes Reiten auf den Hauptstraßen würden sie zur Grenze bringen, sofern die Straßen nicht vereist waren. Sobald sie die Grenze hinter sich hatte, lagen die Ländereien der MacKenzies nur noch etwas mehr als zwei Tagesritte weiter nördlich.

Als sie zum vierten Mal um das Bett herumging, hatte sie genug Mut gesammelt, um sich auf die Reise zu wagen. Allerdings könnte es schwierig werden, sich unter Edmunds Nase wegzuschleichen. Er würde zweifellos ihr Ziel erraten, sobald er herausfand, dass sie geflohen war.

Nachdenklich nagte Kyra an ihrer Unterlippe. Wenn sie einen Weg finden könnte, sich unbemerkt davonzuschleichen, hätte sie vielleicht genug Vorsprung, um vor Edmund die Grenze zu erreichen.

Das Problem war, dass jeder Augenblick kostbar war. Sobald der Haushalt vom Tod des Marquess erfuhr, würde die Nachricht wahrscheinlich Edmunds Ohren schneller erreichen, als sie die Worte „Brumley ist ein Troll“ auszusprechen vermochte. Natürlich brachten sie diese Runden um das Totenbett ihres Vaters nicht schneller ans Ziel, aber die Vorstellung, ihre Flucht blindlings zu vermasseln, war ihr wirklich zuwider.

Erneut fiel ihr Blick auf ihren Vater. Er sah so friedlich aus, als würde er nur schlafen. Sie blieb stehen und blinzelte. Der Plan, ihr Plan, kristallisierte sich augenblicklich heraus – wie die Göttin Athene, die voll entwickelt aus dem Kopf ihres Vaters entsprang.

Sie würde Zeit stehlen.

Vorsichtig entfernte Kyra die meisten der Kissen, die ihren Vater aufrecht hielten, und legte seinen Kopf liebevoll zurück. Sie glättete die Decke über ihm und zog schnell die schweren Vorhänge zu, die das Bett des Marquess umgaben. Dann läutete sie nach dem Dienstmädchen, das sich um ihren Vater kümmerte.

Das Warten – obwohl es in Wahrheit nur wenige Minuten dauerte – kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Sie nutzte die Zeit, um sich zu sammeln und die Details ihrer Strategie auszuarbeiten. Kyra schaute rasch in den Spiegel, richtete ihre Haare und versuchte, die Schwellungen um ihre Augen wegzudenken. Es half nichts – sie musste improvisieren. Zumindest war ihre Nase nicht allzu rot von all dem Heulen.

Endlich kam Polly, und Kyra legte einen Finger auf die Lippen und nickte dann in Richtung des Bettes ihres Vaters. Sie hoffte, dass ihre Hand nicht zitterte. Seine liegende Silhouette war hinter den schweren Vorhängen kaum zu erkennen; er sah aus, als würde er schlafen. Polly schien nichts Ungewöhnliches zu bemerken; sie nickte verständnisvoll und begann leise, das Feuer zu schüren. Dann zog sie die Vorhänge an seinen Fenstern zu und räumte schnell und routiniert das Zimmer auf. Als das Mädchen fragend die Brauen hob und auf die Kerzen deutete, schüttelte Kyra den Kopf. Polly nickte und folgte ihrer Herrin aus dem Zimmer.

Der erste Schritt ihres Plans schien gut zu laufen. Trotzdem musste sie noch mit dem Dienstmädchen sprechen, um den weiteren Erfolg sicherzustellen. Kyra schluckte und wandte sich der Frau zu, die einen ganzen Kopf größer und doppelt so breit war wie sie. Sie schaffte es, ihr Kinn so würdevoll wie möglich zu heben. Die meisten Hausangestellten, einschließlich Polly, kannten sie schon seit ihrer Kindheit. Leider hatten erfahrene Bedienstete, obwohl sie absolut loyal waren, ein unheimliches Gespür dafür, alles Ungewöhnliche zu bemerken, wie zum Beispiel eine zitternde Stimme oder Tränenspuren bei einer jungen Dame, die für ihre Hartnäckigkeit bekannt war.

„Es war ein schwieriger Nachmittag. Bitte sag Sheridan und Mrs. Myrtle, dass mein Vater heute Abend nicht gestört werden möchte, Polly.“

Das war eine grobe Untertreibung, aber keine direkte Lüge. Die Magd nickte. Die Nachricht würde den Butler und die Haushälterin der Familie Deverill nicht sonderlich überraschen. Alle Angestellten wussten um den unvorhersehbaren Zustand des Marquess. Sie wussten auch, was Kyra mit einem „schwierigen Nachmittag“ meinte, insbesondere nach dem hässlichen Vorfall mit dem Nachttopf.

„Soll ich Ihnen das Abendessen auf Ihr Zimmer bringen lassen, Mylady?“, fragte die Frau, als sie die geschwollenen Augen ihrer Herrin bemerkte. Es war nicht das erste Mal, dass Kyra die Gemächer ihres Vaters in diesem Zustand verließ.

Kyra schüttelte den Kopf. „Heute Abend nicht, Polly. Ich habe wenig Appetit. Bitte entschuldigen Sie mich bei der Köchin und bitten sie sie, das Meisterwerk, dass sie zweifellos gezaubert hat, an die Bediensteten weiterzugeben.“

Sie machte Anstalten wegzugehen, hielt aber abrupt inne, als wäre ihr gerade ein neuer Gedanke gekommen.

„Polly, wecken Sie meinen Vater morgen früh nicht auf. Ich glaube, wir alle brauchen eine kleine Auszeit. Machen Sie einfach das Feuer an und öffnen Sie die Vorhänge. Ich werde vor dem Frühstück nach ihm sehen. Wenn er wach ist, werde ich nach einem Tablett klingeln.“

Polly nickte, sichtlich erleichtert, dass sie den Marquess nicht wecken musste. „Wie Sie wünschen, Mylady.“

Kyra versuchte, nicht zu zittern, während sie den Flur entlang zu ihrem Zimmer ging. Sie lauschte auf die Schritte des Dienstmädchens, das über die Hintertreppe hinunterging. Der erste Schritt war geschafft – sie hatte sich etwas mehr Zeit verschafft. Mit etwas Glück würde es bis zum späten Nachmittag des nächsten Tages dauern, bis jemand überhaupt bemerkte, dass ihr Vater gestorben war.

Sie verlangsamte ihre Schritte und zählte bis zehn, um zu hören, ob sie irgendwelche Geräusche der Abendbediensteten wahrnehmen konnte. Als sie nichts hörte, drehte sie sich um und eilte den Flur entlang zu Rileys Zimmer. Sie sah sich um, um sicherzugehen, dass sie allein war, öffnete die Tür einen Spalt breit und schlüpfte hinein. Ein Blick durch das Schlafzimmer bestätigte, dass sich seit ihrem letzten Besuch kaum etwas verändert hatte. Das Zimmer war sauber und gut gelüftet, alles war genau so, wie Riley es zurückgelassen hatte.

Kyra unterdrückte erneut den Drang zu weinen. Es war schon zwei Jahre her, aber manchmal fühlte es sich an, als hätte sie ihn gerade erst verloren. Kyra schniefte. Bestimmte Dinge brachten sie verlässlich zum Weinen – eine Erinnerung, ein Geruch, eine Geschichte oder ein Lied –, und sie durchlebte ihren Schmerz immer wieder aufs Neue. In seinem Zimmer zu sein, brachte jedes Mal neue Schmerzen mit sich. Diese ganze Trollsituation wäre nie passiert, wenn Riley hier wäre. Wenn dieser Dummkopf bloß nicht losgezogen wäre, um sich umbringen zu lassen …

Oh nein, schimpfte sie mit sich selbst und wischte sich die Augenwinkel ab. Riley die Schuld zu geben, würde nichts ändern. Dies war nicht die Zeit für Melancholie. Nun, eigentlich schon, aber da sie keine Zeit hatte, in ihrem Kummer zu schwelgen, musste sie einfach warten, bis sie in Schottland war. Dort würde sie Tage und Wochen damit verbringen, um jedes Mitglied ihrer Familie zu trauern und sich die Augen aus dem Kopf zu weinen. Jetzt aber musste sie den zweiten Teil ihres Plans in Angriff nehmen.

Rileys Sachen zu durchstöbern war eine Sache von wenigen Minuten. Sie schnappte sich eine Wolldecke, dicke Socken und ein paar Hemden aus seinem Kleiderschrank. Dann plünderte sie seinen Koffer. Im Handumdrehen hatte sie einen großen Tornister sowie einen kleinen Leinenbeutel mit Rileys wichtigsten Jagdutensilien herausgeholt – Messer, Angelköder und -schnur, Seil, Feldflasche, Streichhölzer, Pistole und Patronentasche. Nicht, dass sie vorhatte, jemanden oder irgendetwas zu erschießen. Um Himmels willen, nein! Aber es war ein Gegenstand, ohne den Riley nie verreiste, deshalb fühlte sie sich gezwungen, ihn mitzunehmen. Und wenn sie sich mit diesem bedrohlichen Stück Metall ein bisschen sicherer fühlte, warum sollte sie es dann nicht bei sich haben? Langsam öffnete Kyra die Tür und spähte hinaus.

Ihr eigenes Zimmer grüßte vom anderen Ende des Flurs. Sie musste nur noch dorthin gelangen. Kyra holte tief Luft und machte sich für den längsten Weg ihres Lebens bereit. Hoch erhobenen Hauptes ging sie hinaus, drückte ihre Beute an die Brust und schloss leise die Tür hinter sich. Natürlich gab es keinen Grund, verstohlen herumzuschleichen, sie hatte jedes Recht, sich die Sachen ihres Bruders auszuleihen. Es gehörte jedoch nicht zu ihrem Plan, sich vor einem zufällig vorbeikommenden Diener zu rechtfertigen. Vor allem, wenn zu besagten Sachen eine Waffe gehörte.

Sie rannte förmlich in ihr Zimmer. Sobald sie sicher drinnen war, lehnte sie sich gegen die schwere Eichentür und atmete langsam aus, ein nervöses Schluchzen unterdrückend. Jetzt galt es, sich zu konzentrieren.

Kyra stieß sich von der Tür ab und nahm Schritt drei ihres Plans in Angriff – das Packen. Was tragen modebewusste Flüchtlinge heutzutage? Schwungvoll warf sie Rileys Taschen auf ihr Bett. Zusätzlich zu den geborgten Hemden würde sie Breeches und einen dicken Umhang brauchen, vielleicht sogar einen zweiten, falls sie nass werden sollte. Ein Hut und ein paar warme Handschuhe wären auch nicht schlecht. Und natürlich darf eine Dame das Schuhwerk nicht vergessen. Sie würde schwere Reitstiefel benötigen. Ein paar Kleider, die sie bei ihrer Ankunft tragen könnte, aber nicht mehr, als sie in ihrem Habersack unterbringen konnte. Schließlich handelte es sich um eine Flucht, nicht um einen Urlaub. Um angemessene Kleidung würde sie sich bestimmt kümmern können, sobald sie sicher auf dem Gebiet der MacKenzies angekommen war.

Musselin, Seide, Korsetts und Strümpfe flogen durch die Luft, während Kyra so viele Sachen wie möglich in die Tasche stopfte – zwei Tageskleider, ein hauchdünnes Ballkleid, ein Paar Schuhe aus Chevreauleder, Unterwäsche, einige Nachthemden, ihre Reisetoilette. Leider musste sie feststellen, dass sie ihre Redingote nicht mehr unterbrachte. Nachdem sie einen Moment lang mit dem schweren Gehrock gekämpft hatte, gab sie sich geschlagen. Lieber für kurze Zeit unzureichend gekleidet sein, als für immer mit einem Troll leben zu müssen.

Ein leises Kratzen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Hastig stellte sie sich zwischen den Kleiderstapel auf ihrem Bett und die Tür, durch die Sekunden später und ohne Umstände ihre Zofe Maggie und Mrs. Myrtle traten. Die Haushälterin trug auf einer fleischigen Hand ein wackeliges Tablett voller Essen, während sie mit der anderen energisch in Kyras Richtung wedelte, bereit, sie zu schelten. Dabei geriet das Tablett so sehr ins Wanken, dass Kyra schon dachte, sie würde ihr Abendessen vom Boden essen müssen.

„Na nun, Missy, glauben Sie wirklich, dass es Ihrem Vater hilft, wenn sie das Abendessen auslassen? Sie sind doch schon jetzt kaum mehr als Haut und Knochen.“

Kyra seufzte und betete im Stillen um Geduld. Die korpulente Schottin war im Dienst von Kyras Mutter nach Deverill Manor gekommen. Nach dem Tod von Lady Deverill vor neun Jahren hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, Kyra zu bemuttern wie eine übermäßig fette Glucke. Mrs. Myrtles Vorträge drehten sich entweder um Kyras beklagenswerten Mangel an damenhaften Manieren oder um ihren noch beklagenswerteren Mangel an Appetit. Die interessanteren Vorträge schafften es, beides zu vereinen. Seltsamerweise war die widerborstige Haushälterin der einzige Mensch, an dessen Schulter Kyra jemals geweint hatte. Noch seltsamer war, dass Mrs. Myrtle sich nie geweigert hatte, besagte Schulter zur Verfügung zu stellen. Ein Blick auf Kyras Gesicht genügte der alten Frau normalerweise. Dann zog sie sie wortlos an sich, drückte Kyras Kopf an ihre üppige Brust und ließ sie sich ausweinen, während sie selbst leise, beruhigende Laute ausstieß.

Doch heute Abend wollte Kyra keine tröstliche Gesellschaft.

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, hob majestätisch den Kopf und blickte auf die Bediensteten herab. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass sie dafür tatsächlich zu beiden Frauen aufschauen musste.

„Danke, Mrs. Myrtle. Maggie. Das wäre alles“, sagte sie gebieterisch und mit einer kühlen Hochnäsigkeit, die sie sich über Jahre in der Gesellschaft angeeignet hatte.

Mrs. Myrtle schüttelte sich vor Lachen; das Tablett vibrierte mit ihr und drohte erneut seinen Inhalt zu verschütten. Maggie griff klugerweise danach, bevor sie alle drei mit Suppe bespritzt wurden. Mrs. Myrtle stieß die Zofe mit dem Ellbogen in die Rippen. „Ich glaube, wir sind entlassen, Margaret.“

Maggie stellte das Tablett anmutig auf den nahe gelegenen Schreibtisch. Kyra sah das kleine Grinsen, das um die Lippen der Frau spielte. „Ganz genau, Mrs. Myrtle.“

Die große, schlanke Zofe, ein weiteres Vermächtnis von Lady Deverill, war zehn Jahre älter als Kyra und wahrscheinlich die vornehmste Engländerin, die sie je kennengelernt hatte – viel vornehmer als die meisten vornehmen englischen Damen, die sie kannte. Maggie hatte elegante Manieren, einen eleganten Tonfall, außerdem war ihr aschblondes Haar stets makellos frisiert, im Gegensatz zu Kyras widerspenstiger rotbrauner Mähne. Maggie machte alles mit einer ruhigen Anmut, um die Kyra sie insgeheim beneidete. Gerade jetzt brachte sie diese ruhige Anmut zum Einsatz, während sie Kyra prüfend musterte.

Kyra verfluchte sich innerlich; anscheinend war sie etwas zu demokratisch mit ihren Bediensteten umgegangen. Also gab sie ihr Bestes, um die widerspenstigen Damen mit ihrem Blick zu überwältigen. „Ihr könnt gehen.“

Mrs. Myrtle kicherte erneut und schüttelte den Kopf. Maggie jedoch legte den Finger in die Wunde. „Sie scheinen ziemlich verstimmt zu sein, meine Liebe“, sagte sie leise. „Hat er wieder etwas nach Ihnen geworfen?“

Kyra spürte, wie ihre Unterlippe zitterte. „Nein.“

Sofort waren beide Frauen an ihrer Seite und umsorgten sie. „Na, na, Mädchen“, flüsterte Mrs. Myrtle und tätschelte ihren Arm. „Ein süßes kleines Ding wie Sie sollte nicht so eine große Last ganz allein tragen müssen. Das ist nicht richtig.“

Auf ihrer anderen Seite hatte Maggie ihre Hand ergriffen, die sie nun tröstend streichelte.

Kyra stockte der Atem. Die einzigen Momente, in denen sie sich wirklich über die beiden ärgerte, waren die Momente, in denen sie so schrecklich nett zu ihr waren. Das ließ sie sich unweigerlich wieder wie vierzehn fühlen, verletzlich und verloren nach dem Tod ihrer Mutter.

Maggie umarmte sie. „Sie sollten Urlaub machen. Vielleicht einen netten Besuch bei Lady York oder einen Einkaufsbummel in London …“ Sie unterbrach sich, als sie den Stoffhaufen auf dem Bett entdeckte, ließ Kyras Hand los und räusperte sich. „Oder vielleicht haben Sie ja schon Pläne.“ Sie nickte in Richtung Bett.

Mrs. Myrtle folge dem Blick der Zofe. Ihre Augen weiteten sich, und sie ließ Kyras Arm abrupt los. Beide Frauen funkelten sie jetzt finster an.

„Maria und Josef!“, wetterte die Haushälterin. „Was soll denn das, Sie leichtsinnige Närrin?“

Kyra schniefte. Diese beiden zu belügen war sinnlos – sie würden sie sofort durchschauen. Also richtete sie sich noch gerader auf. „Wenn ihr es unbedingt wissen müsst, ich fliehe nach Schottland.“

Einen Moment lang starrten beide Frauen sie an, als wäre sie verrückt. Kyra starrte zurück. Maggy und Mrs. Myrtle wechselten einen Blick, dann starrten sie erneut auf Kyra. Und dann begann das Gezeter.

„Nach Schottland? Was in aller Welt denken Sie sich dabei …?“

„Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein …“

„Haben Sie den Verstand verloren …?“

„Außerdem kann eine Dame von Ihrem Stand nicht einfach so weglaufen …“

Kyra bemühte sich, inmitten ihres Geschwätzes die Fassung zu bewahren. „Ich versichere Ihnen, dass ich es sehr ernst meine und Sie nichts tun können, um mich davon abzuhalten.“

„Und was glauben Sie, wird Ihr Vater zu diesem Unsinn sagen?“ Mrs. Myrtle kicherte düster. „Ob bei Verstand oder nicht, er würde niemals zulassen, dass seine einzige Tochter in die Highlands flieht.“

„Ganz richtig“, pflichtete Maggie bei. „Ihr Vater würde das niemals gutheißen.“

Kyra holte tief Luft. Es führte kein Weg daran vorbei. „Der Marquess ist tot.“

Beide Frauen schauten sie entsetzt an. Sofort zog Mrs. Myrtle sie in eine innige Umarmung und fing wieder an zu glucken. „Oh, Kind. Das tut mir so leid.“

Maggie schlang ihre dünnen Arme um sie und schloss Kyra  o zwischen den beiden unerträglichsten und liebenswertesten Frauen ein, die sie je kennenlernen würde. „Oh, Kay“, hörte sie Maggie murmeln. „Sie hätten es uns sagen sollen.“

Mrs. Myrtle löste sich aus der Umarmung, tupfte sich mit ihrem Taschentuch die Augen ab und ging zur Klingel. „Ich werde Sheridan rufen, damit er sich um den Herrn kümmert. Und ich werde einen Jungen schicken, der den Earl of Griffin sofort herholt.“

„Nein!“, rief Kyra.

Die ausgestreckte Hand der Haushälterin erstarrte mitten in der Bewegung. Maggie hob überrascht die Augenbrauen. Kyra seufzte. Anscheinend würde sie nicht davonkommen, ohne die ganze Wahrheit zu sagen. Sie hoffte nur, dass ihr Vertrauen nicht missbraucht werden würde.

Plötzlich müde ließ sie sich aufs Bett sinken. „Griffin ist nicht mehr mein Vormund.“

Sie seufzte tief und gab dann schnell die Details der letzten halben Stunde im Leben ihres Vaters wieder. Sie erzählte von ihrem neuen Vormund, von Edmunds Verrat, der Verlobung mit Brumley, von der Anweisung ihres Vaters zu fliehen, von ihrem ausgezeichneten Plan. Maggie und Mrs. Myrtle hörten schweigend zu, die einzige Reaktion zeigte sich im zunehmend angespannten Gesicht der Haushälterin und den zusammengepressten Lippen der Zofe.

Als sie fertig war, schüttelte Kyra ermattet den Kopf. „Ihr seht also, warum niemand erfahren darf, dass mein Vater nicht mehr unter uns weilt. Ich brauche so viel Vorsprung wie möglich.“

Maggies Lippen waren weiß. „Sie wollten also gehen, ohne uns etwas zu sagen?“ Es war eher eine Anschuldigung als eine Frage.

„Ich wollte euch eine Nachricht hinterlassen“, beteuerte Kyra in der Hoffnung, die verletzten Gefühle der Bediensteten zu beruhigen. „Das war Schritt vier meines Plans. Ich war nur noch nicht mit Schritt drei fertig. Packen.“

Die Zofe schaute auf das Bett voller Kleider. „Ja, wir müssen packen, wenn wir nach Schottland fahren. Ich werde nach Ihrem Reisekoffer und der Kutsche klingeln. Das Dienstmädchen kann Ihnen beim Packen helfen, während ich schnell in mein Zimmer gehe und meine Sachen hole …“

Kyra schüttelte den Kopf. „Ich reise allein, Maggie. Und ich nehme nur mit, was ich auf Apollo transportieren kann.“

Die Lippen der Zofe zitterten. „Sie können unmöglich allein reisen, Kyra“, protestierte sie. „Denken Sie an Ihren Ruf! Ihre Sicherheit!“

„Das tue ich, meine Lieben“, versprach Kyra leise. „Mein Ruf wird sich wieder erholen. Eigentlich muss niemand außerhalb dieses Raumes wissen, dass ich allein gereist bin. Wir könnten behaupten, dass die Familie meiner Mutter eine Begleitperson geschickt hat. Ich bin sicher, Onkel Cam würde mitspielen. Niemand würde ihm widersprechen – er ist schließlich ein MacKenzie. Was meine Sicherheit angeht … nun, allein nach Schottland zu reisen scheint weniger gefährlich zu sein als eine Ehe mit Brumley.“

Maggie wollte erneut widersprechen, doch diesmal hielt Mrs. Myrtle sie zurück. Die Haushälterin trat vor. Ihre Miene war entschlossen. „Das Mädchen hat recht, Margaret. Wir können nicht zulassen, dass sie diesen schrecklichen Mann heiratet.“

Maggie dachte einen Moment nach. „Nun“, erklärte sie denn entschlossen. „Wenn Sie in den Norden reisen, müssen wir Ihre Sachen packen.“

Kyra grinste und ging zum Bett. Mrs. Myrtle hielt sie mit fester Hand am Ellbogen zurück. „Nicht Sie, Mädchen. Sie setzen sich an den Schreibtisch und essen sich satt. Gott weiß, wann Sie das nächste Mal eine warme Mahlzeit bekommen, und Sie werden in den kommenden Tagen all Ihre Kräfte brauchen.“

Als sie zu protestieren begann, mischte sich Maggie ein. „Mrs. Myrtle hat recht, Kyra. Sie können nicht mit leerem Magen nach Schottland reisen.“

Die Haushälterin nötigte Kyra auf einen Stuhl und drückte ihr das Tablett in die Hand. Dann ließ sie sich neben dem Schreibtisch nieder, offensichtlich bereit, so lange dort stehen zu bleiben, bis Kyra gegessen hatte.

Seufzend nahm Kyra ihre Gabel in die Hand. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich über den gebratenen Fasan und das in einer leichten Weinsauce marinierte Gemüse herzumachen.

„Nun, möchten Sie Ihr grünes Reitkleid oder die hübsche saphirblaue Redingote tragen? Wenn ich persönlich nach Schottland fliehen würde, würde ich die Redingote wählen. Sie ist wärmer und sehr elegant.“

Kyra schluckte ihren Bissen herunter und trank einen Schluck lauwarmen Tee. „Ich hatte an Breeches gedacht.“ Maggie und Mrs. Myrtle drehten sich zu ihr um und starrten sie an, sodass sie sich ein bisschen in die Defensive gedrängt fühlte. Schließlich war das ihr Plan, und ihr Plan sah Breeches vor. „Als Junge falle ich weniger auf.“

Maggie wollte erneut widersprechen, aber Mrs. Myrtle zog sie beiseite, und die beiden führten eine ziemlich hitzige, wenn auch gedämpfte Diskussion. Nach ein paar Augenblicken, in denen Mrs. Myrtle wild gestikulierte und Maggie sich immer steifer machte, nickte die Zofe schließlich widerwillig und wandte sich wieder Kyra zu. „Na gut. Haben Sie Breeches?“, fragte sie knapp.

„Ich habe mir ein paar Hemden von Riley genommen, aber seine Breeches und Reitstiefel waren zu groß. Ich habe vielleicht das Rückgrat der Deverills geerbt, aber er hat ihre Größe abbekommen“, erwiderte Kyra mit einem Mund voll Gemüse. Der Blick, den die Haushälterin ihr zuwarf, ließ sie schlucken, bevor sie weiterredete. „Ich dachte, ich schaue mal in der Wäscherei vorbei und versuche, etwas aus den Bündeln der Stalljungen zu entwenden.“

Mrs. Myrtle stieß einen spöttischen Laut aus. „Stallkleidung! Ach. Gut, dass wir Ihnen helfen können.“ Die Haushälterin ging zur Tür. „Mein Neffe Stanley ist wieder ein Stück gewachsen, und ich habe gerade einige seiner Hosen für ihn ausgelassen, da seine Mutter mit ihrem Kind fast platzt. Ich denke, Sie haben ungefähr die gleiche Größe wie er.“

„Na großartig“, murmelte Kyra und führte sich dann vor Augen, dass es in diesem Fall ganz gut war, ungefähr die gleiche Größe wie ein vierzehnjähriger Junge zu haben.

„Werden Sie nicht frech, Missy“, warnte die Haushälterin. „Und essen Sie weiter, während ich die Hose hole.“

Die ältere Frau verschwand, während Maggie packte und Kyra sich den Bauch vollschlug. Die Zofe schüttelte den Kopf über Kyras offensichtlich schlampige Packversuche. „Seide und Leinen einfach in einen Sack zu werfen – eine Schande. Ihre armen Kleider werden mehr Falten haben als Lady Tunbridges Stirn. Sie müssen die Sachen in Seidenpapier einwickeln, Liebes“, wies sie sie an. „Und zwar fest. Dann müssen sie zwar trotzdem gebügelt werden, aber zumindest sind die Falten dann nicht dauerhaft. Und je fester Sie sie einrollen, desto mehr Kleider können Sie einpacken.“

Erstaunlicherweise schaffte Maggie es, noch zwei robuste Wanderkleider, ein weiteres Abendkleid und ein Paar Slipper unterzubringen. Nach einigen gewaltsamen Versuchen gab sie schließlich die Redingote auf und legte sie beiseite. „Sie werden sich wohl mit den Slippern und den Lederstiefeln begnügen müssen.“ Den Toilettenbeutel und eine kleine Haube packte sie in Rileys Gewehrtasche. „Für einen Sonnenschirm haben Sie wohl keinen Platz“, murmelte sie. „Na ja, wenigstens ist der Himmel auf dem Land um diese Jahreszeit meist wolkenverhangen.“ Sie seufzte. „So, wenn Sie fertig gegessen haben, kümmern wir uns jetzt um Ihre Haare.“ Kyra ließ ihren fast leeren Teller stehen und setzte sich gehorsam an ihren Frisiertisch. Maggie löste den fest sitzenden Dutt, der Kyras wilde Locken bändigen sollte, und kämmte die kastanienbraunen Wellen mit geübter Hand durch. Nachdem das zu ihrer Zufriedenheit erledigt war, machte sie sich daran, die Haare zu einem festen Zopf zu flechten. Sie band ihn mit einem schlichten Band zusammen, trat einen Schritt zurück und bewunderte ihr Werk. „Das sollte einen Tag oder sogar länger halten.“

Mrs. Myrtle kam zurück, wobei die vielen Sachen, die sie im Arm hielt, ihr Tempo nur leicht drosselten. Sie warf alles auf den Schreibtisch und beschwerte sich über die Reste, die auf dem Tablett zurückgeblieben waren. Maggie knöpfte Kyras Kleid auf und zog es ihr von den Schultern, sodass sie im Baumwollunterkleid dastand. Kyra griff sich eine robuste Hose, einen Streifen Leinenstoff und ein Hemd aus dem Stapel, den Mrs. Myrtle bereitgestellt hatte, und verschwand damit hinter ihrem Ankleideparavent. Maggie folgte ihr, half ihr, das Unterkleid auszuziehen, und wickelte ihr das Leinentuch eng um die Brust. Nicht, dass Kyra das für nötig gehalten hätte; man konnte ihr Dekolleté beim besten Willen nicht als üppig bezeichnen. Während sie mit Maggies Unterstützung in Hemd und Hose schlüpfte, warf Kyra einen Blick auf die restlichen Sachen, die Mrs. Myrtle angeschleppt hatte.

„Was ist das alles?“, fragte sie, auf den Stapel deutend.

„Sheridan hat ein Paar Stiefel und einen Hut von einem der Pferdepfleger geklaut. Und die Köchin hat in Scottys Schrank nach einem Mantel gestöbert. Er hat heute Nacht frei, also ist sie einfach reingegangen und hat sich das Teil genommen. Die Frau ist wirklich dreist.“ Sie kicherte anerkennend.

Kyra gab ebenfalls einen amüsierten Laut von sich. Dann bückte sie sich, um ihre Schnürsenkel festzuziehen. Stanleys Hemd war etwas zu groß, aber es passte viel besser als das von Riley. Und die Breeches saßen wie angegossen. Hätte sie gewusst, wie bequem das war, hätte Kyra schon vor Jahren angefangen, Hosen zu tragen. Sie hoffte nur, dass die entwendeten Stiefel und der Hut genauso gut funktionierten.

Der Gedanke, dass die angesehensten Mitglieder ihres Personals sich als Langfinger betätigt hatten, entlockte ihr ein leichtes Grinsen. Kyra hatte keine Probleme, sich auszumalen, wie die freche Köchin sich im Kleiderschrank eines Lakaien bediente, besonders, wenn es sich um Scotty handelte, der ein bisschen arg von sich eingenommen war. Aber die Vorstellung, dass ihr geradezu schmerzlich korrekter Butler Sheridan einem Stallburschen die Stiefel stahl, war wirklich unglaublich komisch.

Plötzlich wurde ihr klar, was das bedeutete, und sie hätte sich fast verschluckt. „Sie haben es der Köchin und Sheridan erzählt?“

Mrs. Myrtle warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Die beiden wären mehr als verletzt gewesen, wenn Sie sich davongeschlichen hätten, ohne dass sie wüssten, wohin und warum. Und Sie wissen genauso gut wie ich, Missy, dass sie dichthalten werden, also schauen Sie mich nicht so finster an.“

„Aber sie hätten es niemandem erzählen dürfen!“ Die alte Schachtel anzuschreien hätte nichts gebracht, das wusste Kyra aus Erfahrung. Also kam sie hinter dem Paravent hervor und zog die Wollsocken und schweren Stiefel an, die Maggie ihr reichte.

„Außerdem“, fuhr die Haushälterin fort, „kann Sheridan dafür sorgen, dass noch einen Tag lang niemand das Zimmer Ihres Vaters betritt. Alle wissen bereits, dass der Herr einen schwierigen Tag hatte, also wird jeder vernünftige Mensch einsehen, dass er seine Ruhe braucht. Vor allem, wenn Sheridan das anordnet. Und wir werden behaupten, Sie hätten Kopfschmerzen, um sicherzustellen, dass niemand außer Maggie in Ihr Zimmer kommt. Wie immer, wenn Sie krank sind, fällt mir die Aufgabe zu, mich um den Herrn zu kümmern. Und die Köchin meinte, sie würde mich und Maggie Tabletts nach oben bringen lassen, damit niemand Verdacht schöpft.“

Sie schenkten ihr mehr Zeit! Kyra versuchte, den Kloß zu ignorieren, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte. „Danke“, flüsterte sie.

Die Haushälterin winkte ab. „Bilden Sie sich bloß nichts ein, Missy. Keiner von uns will bei Brumley arbeiten, das ist alles. Der Mann ist nicht ganz normal. Und wenn Sie irgendwas anstellen, womit Sie den Vorsprung verspielen, den wir Ihnen verschaffen, brauchen Sie nicht auf unser Mitleid zu zählen.“

Kyra wusste es natürlich besser, vor allem, weil der raue Ton der alten Schachtel durch den Tränenschimmer in ihren Augen widerlegt wurde. Lächelnd schlüpfte sie in Scottys Mantel. Maggie reichte ihr zuerst den Habersack, an dessen Unterseite Rileys dicke Decke befestigt war. Sie warf sich den schweren Segeltuchbeutel über die Schulter, verlor dabei fast das Gleichgewicht und griff dann nach der kleineren Gewehrtasche, die sie sich über die andere Schulter legte, gefolgt von der Feldflasche, die Mrs. Myrtle für sie gefüllt hatte. Maggie warf ihr den Hut auf den Kopf. „Sie erinnern mich an meinen jüngsten Bruder John bei seiner ersten Jagd“, bemerkte sie kopfschüttelnd.

„Ist der nicht zwölf?“, fragte Kyra. Auf Maggies Lächeln hin runzelte sie die Stirn. Anscheinend ging es mit ihrer äußeren Erscheinung rasant den Bach runter. Nun ja, es hatte keinen Sinn, sich jetzt darüber Gedanken zu machen.

Mrs. Myrtle reichte ihr eine dritte Tasche. „Proviant von der Köchin“, erklärte sie, als Kyra fragend die Brauen hochzog. „Ein Stück Brot, etwas Trockenfleisch, ein bisschen geräucherter Fisch, ein paar Äpfel und Orangen.“ Einen Moment zögerte die Haushälterin unsicher, dann drückte sie ihr einen kleinen Stapel...

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