Herz an Herz Weihnachten Band 2

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SÜSSE KÜSSE IM LICHTERGLANZ von LEONIE SCHÄFER

Wenn die Kerzen am Schwibbogen leuchten, beginnt im idyllischen Erzgebirge die schönste Zeit des Jahres. Doch Hanna ist gar nicht festlich zumute: Das Seniorenheim, in dem sie arbeitet, soll schließen. Schuld ist Anwalt Lucas Seibold. Der sie zu allem Überfluss magisch anzieht …

HERZFUNKELTAGE von LUISA APENBERG

Plätzchenduft, Tannengrün und Lichterglanz in Lübeck? Nichts für Ärztin Lou! Nach einem Schicksalsschlag meidet sie jeden Weihnachtszauber. Aber nun soll sie den Kindern ihrer kranken Freundin einen märchenhaften Advent bescheren – ausgerechnet mit deren so arrogantem wie attraktivem Onkel …

SCHNEEFLOCKENZAUBER FÜR UNS ZWEI von ISABELL FUCHS

Silbrig glitzert der Schnee, als Merle zu Weihnachten heimkehrt ins Zillertal. Um nicht als Einzige als Single dazustehen, bringt sie ihren Nachbarn Felix mit, der spontan ihren Freund spielt. Doch auf einer romantischen Schlittenfahrt im Fackelschein knistert es ungeahnt zwischen ihnen …


Leseprobe

Leonie Schäfer, Luisa Apenberg, Isabell Fuchs

HERZ AN HERZ WEIHNACHTEN BAND 2

Home is where my heart is! – Zu Hause ist, wo mein Herz ist!

Es gibt wenig, was Menschen so sehr verbindet, wie das eigene Land. Knapp 200 Länder zählen die Vereinten Nationen, dabei hat jedes Land seinen eigenen Charakter, ist geprägt von der Schönheit seiner Landschaft und der Vielfalt seiner Lebensweise.

Die Wurzeln der Heimat geben uns oft Sicherheit und Vertrauen – hier lebt die Familie, hier treffen wir Freunde und helfen Nachbarn. Hier hat man vielleicht zum ersten Mal sein Herz verloren oder auch die große Liebe gefunden. Heimat schenkt den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit, sie verleiht Kraft und Zuversicht – überall auf der Welt!

Aber wir lieben auch das Reisen und sind neugierig auf andere Länder und fühlen uns in vielen von ihnen zu Hause. Und wir sind neugierig auf Landschaften und Städte in unserem eigenen Land.

Wir möchten mit unserer neuen Romanreihe HERZ AN HERZ neugierig machen auf die schönsten Gegenden in Deutschland, auf malerische Landschaften an Nord- und Ostsee, auf schneebedeckte Berge im Süden, idyllische Seen, pulsierende Städte und romantische Ortschaften, die Sie vielleicht noch nicht kennen und beim Lesen ins Herz schließen können – ebenso wie unsere Heldinnen und Helden, die sich auf den Weg machen, die große Liebe zu finden. Oder wartet das große Glück am Ende vielleicht vor der Haustür?

Ab jetzt alle vier Wochen neu: der große Sammelband voller Glück. Drei neue Romane. Drei Happy Ends. Ein zu Herzen gehendes Lesevergnügen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Ihr CORA Verlag

Leonie Schäfer

1. KAPITEL

Diese Kälte macht mich fertig!

Hanna zog den Reißverschluss ihres Parkas bis unters Kinn hoch und stapfte den schmalen Trampelpfad entlang, der sich hinter dem Seniorenheim Waldidyll den Hang hinaufzog. Unter ihren Stiefeln knirschte der gefrorene Schnee.

„Du könntest auch einfach mal Nein sagen, wenn du wieder für einen Kollegen einspringen sollst.“

Vanessas Stimme drang aus dem Handy an ihr Ohr und lenkte sie von ihren klammen Fingern ab. Im Hintergrund rauschte der Verkehr und mischte sich mit dem Trommeln von Schritten und ungeduldigem Hupen. Eine andere Welt.

„Ich hätte dich wirklich gern bei mir. Wir könnten so viel Spaß haben, weißt du.“

„Ich wäre jetzt auch lieber mit dir in New York, aber …“

„Die Arbeit geht nun mal vor. Ja, ich weiß.“ Ein leises Seufzen begleitete diese Worte. „Wann hast du dir eigentlich das letzte Mal einen freien Tag gegönnt? Haben damals noch die Dinosaurier die Erde bevölkert?“

„Ich bin nicht so alt, weißt du.“ New York! Hanna schloss sekundenlang die Augen und stellte sich vor, wie sie gemeinsam mit ihrer Freundin die Stadt erkundete.

Sie würden am Rockefeller Center Eislaufen, sich vom fröhlichen Trubel treiben lassen und den gigantischen Weihnachtsbaum mit den ungezählten Lichtern bewundern. Es wäre wie in einem dieser romantischen Weihnachtsfilme, die sie so liebte, nur dass es kein Film wäre, sondern echt. Nur sie beide und die Stadt, die niemals schlief.

Bei diesem Gedanken machte ihr Herz einen sehnsüchtigen Satz, doch das war nichts als ein schöner Traum. Sie hatte noch nie auch nur einen Fuß in ein Flugzeug gesetzt – geschweige denn ferne Länder erkundet. Dabei hätte sie so gern mehr von der Welt gesehen. Die ägyptischen Pyramiden zum Beispiel. Den Nil. Die endlosen Dünen der Namib-Wüste. Orte, an denen die Zeit innezuhalten schien …

Während sie selbst noch nie weiter als bis zum Scharmützelsee gereist war, war ihre Freundin als Reporterin gut die Hälfte des Jahres auf Achse. Vanessa war gerade nach New York geschickt worden. Für eine Reportage sollte sie herausfinden, wie viel Weihnachtszauber sich mit einem kleinen Budget erleben ließ – genauer gesagt, mit hundert Dollar für drei Tage.

Hundert Dollar schienen nur ein Trinkgeld zu sein. Viel zu wenig für den Weihnachtstrubel im Big Apple. Doch Vanessa war einer Herausforderung noch nie aus dem Weg gegangen. Seit ihrer Ankunft versorgte ihre Freundin sie mit Fotos: von einer Fahrt mit der Staten Island Ferry im Flockenwirbel, einem Orgelkonzert in der festlich geschmückten St. Patrick’s Cathedral …

„Irgendwann fliegen wir zusammen nach New York“, sagte Hanna. „Und bis dahin iss ein paar heiße Maroni für mich mit, okay?“

„Die sprengen leider mein Budget. Aber wenn ich deinen absoluten Lieblingsschauspieler Jake Gyllenhaal treffe, gebe ich ihm deine Nummer. Wie wär’s damit?“

„Deal.“

„Und während ich weg bin, vergiss nicht, dir mal was zu gönnen. Angel dir einen süßen Typen und geh mit ihm auf den Weihnachtsmarkt. Hab Spaß und denk nicht immer nur an die Arbeit.“

„Hey, ich liebe meine Arbeit.“

„Aber am Ende ist es trotzdem nur ein Job.“

Hanna schüttelte den Kopf. „Nicht für mich.“

„Hanna …“ Die Stimme ihrer Freundin wurde weicher. „Du versteckst dich auf diesem Berg vor dem Leben.“

„Ich verstecke mich bestimmt nicht.“ Hanna blieb stehen und schaute auf die Stadt zu ihren Füßen. Das Schwarzwasser schlängelte sich zwischen den verschneiten Grundstücken hindurch. Im blassen Morgenlicht stieg Dunst vom Fluss auf. Auf den Dächern saßen weiße Hauben. Und über allem thronte das Schloss, als würde es über die Stadt wachen. „Ich passe nur auf, dass hier alles weiterläuft.“

„Tut es das denn?“

„Ich bin mir nicht sicher …“ Hannas Blick glitt zu der alten Villa, die sich etwas unterhalb an den Hang schmiegte.

Das Waldidyll stand am Ende einer schmalen, serpentinenförmigen Straße auf dem Galgenberg. Selbst im winterlichen Grau wirkte das Haus mit seiner sonnengelben Fassade wie ein warmer Sonnenstrahl. Es wurde von einem parkähnlichen Garten umgeben, in dem Hanna in ihrer Freizeit gern spazieren ging oder las. Im Sommer leuchteten hier Beete mit Rosen und Bougainvilleen in allen Farben, und Bänke luden unter dicht belaubten, uralten Linden zum Verweilen ein.

Jetzt schlummerte der Garten unter einer weißen Schneedecke und wartete darauf, im Frühjahr wiedererweckt zu werden.

Einem Frühjahr, von dem ungewiss war, ob es das Waldidyll dann noch geben würde. Hanna schluckte, die Sorgen klemmten wie Kletten in ihrer Kehle und ließen sich nicht so einfach vertreiben.

Das Waldidyll war ein privat geführtes Seniorenheim. Die behaglich eingerichteten Zimmer boten Raum für achtzehn Senioren. Hanna war examinierte Altenpflegerin und arbeitete seit fast fünf Jahren hier. Sie wohnte in einem der Zimmer unter dem Dach, wo die Unterkünfte für die Angestellten untergebracht waren.

Für sie war das Seniorenheim so viel mehr als ein Job.

Es war ihr Zuhause.

Der Gedanke, es bald zu verlieren, jagte ihr Angst ein.

„Wir brauchen nur einen neuen Verwalter, dann läuft alles wieder in geordneten Bahnen“, sagte sie, nicht sicher, ob sie ihre Freundin oder sich selbst überzeugen wollte.

„Hast du nicht gesagt, dass der Neue längst da sein müsste?“

„Das stimmt, aber du weißt ja, wie das ist. Überall fehlt es an Leuten. Wahrscheinlich wurde noch niemand gefunden, der den Posten übernehmen könnte.“

„Wollen wir es hoffen.“ Vanessa gähnte hörbar. „Entschuldige. Ich bin gerade am Hotel angekommen und sollte jetzt schlafen gehen. Es war ein langer Tag. Ich melde mich morgen wieder.“

„Wie spät ist es bei euch?“

„Kurz vor ein Uhr.“

„Na dann, ab ins Bett mit dir. Gute Nacht!“

„Dasselbe würde ich dir auch wünschen, aber dein Tag fängt gerade an, oder?“

Hanna nickte, auch wenn ihre Freundin das nicht sehen konnte. „Schlaf gut.“

„Und du pass gut auf dich auf“, sagte Vanessa sanft. „Und auf deine Leute.“

Meine Leute. Ein Lächeln schlich sich auf Hannas Gesicht. „Mach ich.“

Sie beendete das Gespräch, steckte ihr Handy in die Tasche ihres Parkas und atmete tief die kalte Luft ein. Dann trat sie ans Vogelhaus, in dem nur noch ein paar leere Hülsen lagen. Sie hatte hier oben auf dem Berg eine Futterstation eingerichtet und füllte das Häuschen nun mit Körnern und zwei geviertelten Äpfeln. Auch eine halbe Kokosnuss mit selbst gemachtem Fettfutter hängte sie auf.

Daheim in Slakvov hatte sie früher immer die Vögel im Garten gefüttert. Dasselbe jetzt hier zu tun, half ihr, sich zu Hause zu fühlen. Sie hatten viele Tiere gehabt. Ihr Vater hatte Tauben gezüchtet, es hatte zwei Hunde und allerhand Hühner und Katzen gegeben. Das vermisste sie sehr. Hier hatte sie kein Haustier.

Miau! Unvermittelt spürte sie eine leichte Bewegung an ihren Beinen. Stromer schmiegte sich an sie und schnurrte, als wollte er sie vom Gegenteil überzeugen.

„Wie konnte ich dich nur vergessen?“ Hanna ging in die Hocke und strich durch sein dichtes, orangerotes Fell. Stromer war ein einäugiger Kater, dessen Körper Spuren eines bewegten Lebens trug. Er kam und ging, wie es ihm gefiel. Ein festes Zuhause schien er nicht zu haben.

Eines Tages war er einfach da gewesen und kam seitdem regelmäßig – sehr zur Freude der Bewohner des Waldidylls. Sie versorgten ihn mit Futter, Leckerbissen und Streicheleinheiten. Und wann immer er blutend von einem Revierkampf heimkam, packte Carl, der Hausmeister, ihn in eine Transportbox und ließ ihn beim Tierarzt durchchecken. Nur für alle Fälle.

Carl war es auch, dem Hanna bei ihrer Rückkehr zum Waldidyll begegnete. Der hünenhafte Mann stand breitbeinig in der Auffahrt und schaufelte den Schnee weg. Er war so warm angezogen, dass zwischen Kapuze und Schal nur ein schmaler Streifen seines runden Gesichts sichtbar war. Schwungvoll wirbelte er das Weiß zur Seite.

„Ist die Schneefräse schon wieder kaputt?“, rief sie ihm zu.

Der Achtundfünfzigjährige hielt inne und nickte bekräftigend. „Das Ding beschert mir jeden Tag mehr graue Haare. Es streikt bei jedem zweiten Einsatz.“

„So geht das wirklich nicht. Du hast genug anderes zu tun, als immer wieder daran herumzuschrauben. Sobald der neue Verwalter auftaucht, fragen wir ihn, ob Geld für eine neue Schneefräse da ist.“

„Lass nur. Ich kann sie reparieren, muss mich bloß um ein Ersatzteil kümmern. Das mach ich heute Nachmittag.“ Er stützte sich auf den Stiel der Schneeschaufel.

Carl hatte ein ausgesprochen ruhiges Gemüt. Er kam mit allem und jedem gut aus, aber wenn es etwas gab, das er aus tiefstem Herzen verabscheute, dann war es Verschwendung. Er reparierte Geräte und Maschinen so lange, bis sie auseinanderfielen.

„Ist gut, dass du zurück bist. Britta hat sich beschwert, weil Herr Gruber seine Schuhe im Kühlschrank ‚geparkt‘ hat. Und Frau Seidel behauptet, der Geist des berühmten erzgebirgischen Dichters Anton Günther habe ihr heute Nacht die Wolle verknotet.“

„Verstanden. Ich kümmere mich darum. Erst die Schuhe, dann der Geist.“ Hanna betrat die Villa, streifte ihren Parka ab und hing ihn im Flur an einen Haken. Das alte Haus stammte noch aus der Jugendstilzeit. Lediglich der Aufzug, mit dem die Bewohner ihre Zimmer in der oberen Etage erreichen konnten, war erst wenige Jahre alt.

Sie holte die Schuhe bei der Köchin ab, die sich beschwerte, weil sie den Kühlschrank nun einmal mehr putzen musste. Dann stieg sie die Treppe nach oben und fand die Tür von Mattes Grubers Bleibe weit offen. Der Fünfundachtzigjährige bewohnte ein Eckzimmer. Zahlreiche gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien hingen an den Wänden, darunter ein Hochzeitsbild und Fotos von ihm selbst, umgeben von Kumpeln aus dem Bergbau. Er hatte fast fünfzig Jahre für die Wismut gearbeitet und war Bergarbeiter gewesen, bis sein Gedächtnis nachließ.

„Guten Morgen, Herr Gruber!“, begrüßte sie ihn.

„Glück auf, Mädel“, brummte er mit einer Stimme, die klang, als würde sie über ein Reibeisen gezogen.

„Ich hab hier Ihre Schuhe. Soll ich Ihnen helfen, sie anzuziehen? Dann können Sie zum Frühstück hinuntergehen.“ Hanna wartete sein Nicken ab, bevor sie sich vor ihn kniete. Seine Schuhe verschwanden regelmäßig und tauchten an den unterschiedlichsten Orten wieder auf. Einmal sogar auf dem Dach der Villa, bis heute wusste niemand, wie sie da hingekommen waren.

„Hab keine Zeit zum Frühstücken“, wehrte er ab. „Bin spät dran. Muss zum Schacht.“

„Der Schacht hat heute Ruhetag, aber nach dem Frühstück wartet Carl unten für eine Partie Schach auf Sie.“

„Schach.“ Seine Miene hellte sich auf. „Diesmal besiege ich Carl. Er weiß es nur noch nicht.“

Ein verschmitztes Lächeln huschte über das faltige Gesicht des alten Mannes. Er griff nach seiner blau gemusterten Strickjacke und sah sie so ratlos an, als hätte er vergessen, wie man sie anzog. Hanna ging ihm zur Hand.

„Ich möchte meinem Sohn schreiben, aber ich habe kein Briefpapier. Brauche es so selten, aber an Weihnachten, da muss man doch schreiben. Oder nicht?“ Er sah sie unsicher an.

„Ich bringe Ihnen nachher ein paar Bögen“, versprach Hanna. Sie wusste, dass sein Sohn seit der Wende in Bayern lebte und sich nur sporadisch meldete. Jede Nachricht von ihm war ein Freudentag für den alten Herrn.

Sie blickte sich um und stutzte plötzlich. Auf dem Fensterbrett reihte sich eine Sammlung von Kakteen aneinander. Was allerdings fehlte, waren Weihnachtslichter. Es gab nicht mal eine einzelne Kerze. „Sie haben ja noch gar nichts dekoriert, Herr Gruber.“

„Dekoriert?“ Eine kleine Furche grub sich zwischen seinen Augenbrauen ein. „Was denn dekoriert?“

„Für Weihnachten.“

„Ist das schon wieder? Sind Sie sicher?“

„Ja.“ Hanna wies ihn nicht darauf hin, dass er eben noch von seiner Weihnachtspost gesprochen hatte. Stattdessen bot sie ihm an: „Wie wäre es, wenn wir nachher zusammen den Schwibbogen auspacken und Ihre Räuchermänner aufstellen?“

„Das würde mir gefallen.“ Er rieb sich das bärtige Kinn. „Haben Sie einen Wunsch für Weihnachten, Hanna?“

„Nein. Eigentlich nicht.“

„Gar keinen, nicht den allerkleinsten?“ Er sah sie an und schien ihr plötzlich bis auf den Grund ihres Herzens zu blicken. „Wenn Sie Ihre Augen schließen und sich etwas wünschen sollen … Was sehen Sie?“

Hanna kniff die Lider zusammen und wollte gerade verkünden, dass da wirklich nichts war, als sie plötzlich zwei braune Augen vor sich sah, die sie liebevoll anblickten … starke Arme, die sie hielten … und zwei Kinder, die um sie herumsprangen und fröhlich lachten …

Das Bild wirkte so real, dass sie die Augen aufriss und sich sekundenlang seltsam beraubt fühlte, als ihr aufging, dass es nur in ihrer Vorstellung existiert hatte. Eine eigene Familie war ihr Herzenswunsch. Davon war sie allerdings weit, sehr weit entfernt.

Sie stieß einen zittrigen Atemzug aus, strich sich über die Stirn und verbot sich, sich in Träumen zu verlieren, die nicht real waren und es vielleicht auch niemals werden würden.

Draußen schneite es wieder, als sie Mattes Gruber hinunter in das Speisezimmer begleitete. Hier saßen einige Bewohner des Waldidylls beisammen, tranken Kaffee und unterhielten sich. Der Raum wurde von einem Kachelofen behaglich warm gehalten. Im Hintergrund kam leise Weihnachtsmusik aus dem Radio.

Lene Seidel saß in ihrem Rollstuhl in der „Loge“, dem Fensterplatz, mit Blick auf das Schloss Schwarzenberg. Sie hatte eine warme Decke über ihren Knien und einen Becher Kaffee in der Hand.

„Guten Morgen, Frau Seidel. Ich habe gehört, Ihre Wolle habe sich verheddert. Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“

„Das ist lieb von Ihnen, aber Thea ist mir schon zur Hand gegangen. Sie sagt, ich hätte ihn mir nur eingebildet, aber das habe ich bestimmt nicht.“

„Wen eingebildet?“

„Den Mann, der gestern Abend ums Haus gestrichen ist.“

„Sie meinen Anton Günther?“

„Was? Aber nein. Der ist doch längst tot. Nein, es war jemand, den ich nicht kannte. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Als würde er etwas im Schilde führen und dabei nicht gesehen werden wollen.“

Hanna krauste die Stirn. „Können Sie ihn beschreiben?“

„Ich glaube nicht. Es war schon dunkel, und er hat auch nicht direkt zu mir hochgesehen.“ Die Mittsiebzigerin legte sich eine Hand auf die Brust. „Glauben Sie, das war ein Einbrecher, der die Lage auskundschaften wollte?“

„Es könnte auch der Postbote gewesen sein“, überlegte Hanna.

„Abends im Dunkeln?“ Die ältere Frau schüttelte energisch den Kopf. „Sicher nicht.“

„Erzähl dem Mädchen doch keine Sachen, Lene“, mahnte eine dunkle Stimme.

Bruno Hartwig saß bereits am Frühstückstisch. Er war früher Schauspieler am Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg gewesen und liebte dramatische Auftritte. Er sah Lene tadelnd an. „Du liest zu viele Krimis. Was sollte ein Einbrecher denn bei uns stehlen wollen? Etwa unseren Gebissreiniger?“

„Das weiß ich nicht, aber ich bin sicher, dass da jemand war.“

„Wir werden die Augen offen halten. Ich sage Carl Bescheid, dass er aufpassen soll“, versprach Hanna. Das brachte ihr einen dankbaren Blick der älteren Frau ein.

Neben dem Schauspieler saß Frau Kahlert vor einer Tasse Kamillentee. Sie hatte die neueste Ausgabe der Freien Presse vor sich und schnalzte gerade tadelnd mit der Zunge. „Schwibbogen schreibt man nur mit zwei b, nicht mit dreien. Das ist ja unerträglich. Liest denn da niemand Korrektur?“, murmelte sie und strich den überzähligen Buchstaben mit einem Rotstift aus, ehe sie weiterlas.

Hanna beschloss, sich einen Kaffee aus der Küche zu holen, bevor sie sich daranmachte, die restlichen Lichterketten im Wintergarten aufzuhängen. Als sie an der Haustür vorbeikam, bemerkte sie hinter dem Milchglas eine Bewegung. Nanu? Besuch? So früh am Tag? Sie stutzte, ging zur Tür und zog sie auf.

Draußen stand ein Mann. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet. Unwillkürlich zuckte sie zusammen.

Der Einbrecher von gestern Abend?

Allerdings war der Unbekannte nicht unbedingt gekleidet wie ein Langfinger. Der tadellose Sitz seines Mantels verriet die teure Maßanfertigung. Dazu trug er eine schwarze Hose und Lederschuhe mit dicken Sohlen und einem italienischen Label. Sein Haar war dunkelbraun und vom Winterwind zerzaust. Ein paar Schneeflocken glitzerten darin.

Hinter ihm parkte ein blauer Sportwagen in der Einfahrt, dessen schnittige Form verriet, dass er vermutlich mehr gekostet hatte, als Hanna in fünf Jahren verdiente.

Sein Blick blieb an ihr hängen, und einen Herzschlag lang flammte Wärme in seinen Augen auf. Doch dann pressten sich seine Lippen zu einem Strich zusammen, und ein finsterer Ausdruck legte sich über seine Miene.

Hanna strich sich die Hände an der Hose ab. „Guten Morgen“, wünschte sie ihm. „Kann ich Ihnen helfen?“

Der Besucher zog eine Visitenkarte aus seiner Manteltasche und reichte sie ihr. „Mein Name ist Lucas Seibold.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich bin hier, um alles vorzubereiten.“

Irgendetwas an seinen Worten beunruhigte sie, aber sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. „Was meinen Sie mit ‚vorbereiten‘?“

Er presste die Kiefer zusammen, und Hanna hätte schwören können, dass sie es knirschen hörte.

„Ich bin im Auftrag der Erben hier.“

Die Erben? Hannas Hände begannen zu zittern. Sie konnte nichts dagegen tun. Dann ist es jetzt also so weit? Ach du lieber Himmel!

Sekundenlang sagte keiner von ihnen beiden ein Wort. In der Stille hätte man eine Nadel vom Tannenbaum fallen hören können.

„Lassen Sie mich herein“, sagte er.

Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie ein Befehl, und Hanna beschlich das dumpfe Gefühl, dass ihr nicht gefallen würde, was er zu sagen hatte.

2. KAPITEL

„Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“

Der Blick des Fremden bohrte sich in sie, als würde er sie unter dem Mikroskop begutachten. Hanna fühlte sich, als wäre sie wieder zwölf und ins Büro des Schulleiters zitiert worden. Unter anderen Umständen hätte sie den Besucher an ihren Chef verwiesen, aber der war nicht mehr da. Nach seinem Tod hatte es irgendwie weitergehen müssen, deshalb hatte sie die Leitungsaufgaben übernommen, die keinen Aufschub duldeten.

„Natürlich.“ Sie überlegte kurz und entschied, dass es besser war, zuerst allein mit ihm zu sprechen. Sein Besuch kündigte weitreichende Veränderungen an. Sie wollte vorbereitet sein, wenn sie die anderen darüber informierte. „Bitte, kommen Sie herein.“

Sie führte ihn in den Wintergarten, in dem sich jetzt, zur Frühstückszeit, niemand aufhielt. Es war ihr Lieblingsort im ganzen Haus. Sobald sie die Glastür öffnete, war es, als würde sie in eine andere Welt treten. Das Licht hier war unglaublich schön. Die hohen Fenster ließen selbst an grauen Tagen alles weich und freundlich wirken.

Überall standen Pflanzen, Palmen in hellen Töpfen und Sukkulenten auf den Fensterbänken. Die Möbel waren eine Mischung aus alt und neu: ein modernes Sofa mit weichen Kissen, ein Marmortisch, auf dem ein Schachbrett stand, und ein Sammelsurium alter Sessel.

Wenn es schneite, wirbelten die Flocken vor den Fenstern, als würden sie tanzen, und man saß hier drinnen und fand einen Moment zum Atemholen.

Für Hanna war dieser Raum ein Rückzugsort. Jetzt jedoch fühlte es sich an, als würde ihre Welt jeden Augenblick in tausend Stücke reißen.

Beklommen schaute sie zu, wie der Fremde seinen Mantel ablegte und ihn auf einem Stuhl drapierte. Darunter trug er ein weißes Hemd und ein dunkles Jackett samt passender Weste. Er war gekleidet, als wäre er auf dem Weg zu einem Staatsempfang. Wollte er damit ein Statement setzen? Seht her, was ich schon alles erreicht habe. Legt euch bloß nicht mit mir an.

Hanna schaute auf die Visitenkarte in ihrer Hand hinunter.

Lucas Seibold, Rechtsanwalt. Kanzlei Winkler & Seibold. Darunter stand eine Adresse in Berlin.

Der Knoten in ihrem Bauch schnürte sich fester zusammen. Seibold hatte einen weiten Weg auf sich genommen für diesen Besuch.

„Ich bin Hanna Svoboda“, stellte sie sich vor. „Ich arbeite hier als Altenpflegerin.“

„Svoboda?“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Dann stammen Sie aus Tschechien?“

„Mein Vater kommt aus der Nähe von Brünn. Dort bin ich aufgewachsen.“

„Ich verstehe.“

Ihre Unterhaltung geriet ins Stocken. Hanna merkte, wie ihre Finger feucht wurden. Sie widerstand dem Impuls, sie an ihrer Hose abzuwischen, ertappte sich aber dabei, dass sie auf ihrer Unterlippe kaute. Hastig hörte sie damit auf und hoffte, ihr Besucher merkte nicht, wie angespannt sie war.

„Möchten Sie etwas trinken?“, bot sie ihm an. „Einen Kaffee vielleicht? Oder etwas anderes?“

„Danke, ich brauche nichts.“ Er machte eine Geste, als wollte er ihr Angebot wegwischen. „Ich würde gern sofort zum Zweck meines Besuchs kommen.“

„Natürlich.“ Effizient. Das war das Wort, das ihr in den Sinn kam. Sie bezweifelte, dass er sich jemals gehen ließ. Er saß so kerzengerade, als wären sie vor Gericht und jedes Nachgeben könnte als Schwäche ausgelegt werden. Sie konnte ihn sich nicht entspannt auf einem Sofa lümmelnd vorstellen. Vermutlich trieb er in der wenigen Freizeit, die er sich gestattete, ausgiebig Sport. Alles an ihm war straff und fest.

Nachdem er sich auf einem Stuhl niedergelassen hatte, zog er eine Mappe aus seiner Tasche und legte sie vor sich auf dem Marmortisch ab. Hanna setzte sich ebenfalls und wäre um ein Haar wieder aufgesprungen, so unruhig war sie. Es fühlte sich an, als würde es glühende Funken auf sie herabregnen.

Der Mann heftete seinen Blick auf sie. „Ich vermute, Sie wurden vom früheren Besitzer des Seniorenheims eingestellt. Von Herrn Ralph Fichtner. Ist das korrekt?“

„Ja.“ Ein kurzer, scharfer Schmerz grub sich in ihr Herz. „Das stimmt.“

„Dann wissen Sie auch, dass Herr Fichtner verstorben ist.“

„Vor zweieinhalb Monaten.“ Hanna nickte. Ihr Chef war ein ruhiger, immer freundlicher Mensch gewesen. Ein Fels in der Brandung, bis ein Aneurysma ihn mit gerade mal sechsundfünfzig Jahren aus dem Leben riss. Unfassbar für jeden, der ihn gekannt hatte.

Er hatte eine Praxis für Schönheitschirurgie in Berlin-Zehlendorf geführt, bis er entschieden hatte, dass es genug war. Es zog ihn heim ins Erzgebirge, also hatte er seine Praxis verkauft, die Villa auf dem Galgenberg erworben, sie renoviert und einen Ort für achtzehn Menschen geschaffen, die zu gebrechlich waren, um allein zu leben.

Nein, nicht einfach nur einen Ort. Ein Zuhause.

Lucas Seibold schlug die Mappe auf. „Ich soll alles für den Verkauf vorbereiten.“

„Für den Verkauf?“ Entsetzt sah Hanna ihn an. „Die Villa soll verkauft werden? Aber an wen denn?“

„An denjenigen, der am meisten dafür bezahlt.“

Das bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. Ein neuer Besitzer würde die Villa übernehmen, und allein der Himmel wusste, was dann mit dem Seniorenheim geschah. Es gab keine Garantie, dass der Betrieb weiterging.

Hanna schüttelte den Kopf. „Das hätte Herr Fichtner nicht gewollt.“

„Es spielt keine Rolle, was er gewollt hat.“

„Aber das sollte es. Er hat das alles hier aufgebaut.“

„Mag sein, aber er ist nicht mehr da. Und er hat kein Testament hinterlassen, um seinen letzten Willen auszudrücken.“

Die kalte Wahrheit in diesen Worten brach Hanna das Herz.

Ralph Fichtner war nicht mehr da. Er konnte seine schützende Hand nicht mehr über die Menschen hier halten. Nun lag es an ihnen, sein Vermächtnis zu bewahren.

Er hatte das Leben jedes Einzelnen hier zum Besseren gewendet, das durfte nicht verlorengehen. Dieser Anwalt schien zu glauben, es wäre nicht mehr wichtig, aber das war es!

„Gibt es eine Klausel im Verkaufsvertrag, dass der neue Besitzer das Seniorenheim weiterführen muss?“, fragte sie.

„Nein, die ist nicht vorgesehen.“

„Also könnte er das Heim schließen, sobald der Vertrag abgeschlossen ist?“

„Nun …“ Lucas Seibold stockte, und seine Augen verdunkelten sich wie die See an einem stürmischen Tag. „Sie missverstehen anscheinend den Zweck meines Besuches. Ich bin hier, um alles vorzubereiten.“

„Ja, das sagten Sie bereits.“ Plötzlich ging ihr auf, was das bedeutete, und sie schnappte nach Luft. „Sie wollen alles vorbereiten, indem Sie …“

„Indem ich das Waldidyll schließe, ja.“

„Aber das können Sie nicht tun!“

„Deswegen wurde ich hergeschickt.“

Der Boden unter ihr schien zu wanken, und sie umklammerte die Tischkante.

„Leider hat Ihr verstorbener Chef es versäumt, seinen Nachlass zu ordnen. Er hat keinerlei Vorkehrungen getroffen.“

„Weil er dachte, er hätte noch Zeit“, flüsterte Hanna.

„Das war ausgesprochen nachlässig von ihm. Er hinterlässt drei Ex-Frauen und fünf Kinder. Die Kinder erben seinen Besitz zu gleichen Teilen. Darunter auch diese Villa. Sie können sich nicht über die weitere Verwendung einigen, deshalb wollen sie das Haus so schnell wie möglich verkaufen und das Geld unter sich aufteilen.“

Hannas Schultern sanken herab. „Fünf Kinder. Alle erwachsen. Und keins will das Vermächtnis des Vaters fortführen?“

„Wundert Sie das wirklich? Sie haben alle ein eigenes Leben. Weit weg von hier.“ Lucas Seibold hob die Hände. „Nun sind Sie im Bilde. Es wäre mir recht, wenn Sie Ihre Kollegen unterrichten würden, bis ich die Zeit finde, mit jedem Einzelnen zu sprechen. Die Schließung wird so bald wie möglich vollzogen, aber natürlich erhalten Sie alle Ihren Lohn bis zum Ende der gesetzlich vorgeschriebenen Kündigungsfrist.“

Hanna hörte ihn kaum, so sehr rauschte es in ihren Ohren. Er schien es nicht zu bemerken, denn er fuhr fort: „Ich werde ein paar Tage bleiben, um mir ein Bild vom Besitz zu machen und den Verkauf in die Wege zu leiten. Man hat mir gesagt, ich könne mich in den Wohnräumen des früheren Besitzers einquartieren. Würden Sie mir zeigen, wo sich die befinden?“

Hanna konnte sich nicht aufraffen, ihm zu antworten. In ihrem Kopf ging alles drunter und drüber. Sie schaffte es kaum, einen klaren Gedanken zu fassen.

Wenn das Heim geschlossen wurde, würden sie alle auf der Straße stehen … einfach alle Bewohner des Waldidylls. Und das Team hätte keine Arbeit mehr. Carl, Pauline, Ravi … keiner von ihnen. Sie würde ihr Heim verlieren, ihr gemütliches Zimmer unter dem Dach.

„Das darf nicht passieren“, stieß sie hervor. „Die Villa ist doch unser Zuhause. Hier leben Menschen!“

„Die Bewohner können auf andere Heime verteilt werden.“

„So einfach ist das nicht. Einige würden damit nicht zurechtkommen, sie sind dement. Wenn sie woanders untergebracht werden, würden sie es nicht verstehen.“

Mattes Gruber zum Beispiel. Es brach ihr das Herz, daran zu denken, wie durcheinander er sein würde. Wer sollte seine Schuhe suchen, wenn er sie wieder mal an einer völlig verrückten Stelle vergaß? Würde man sich woanders ebenso um ihn und die anderen kümmern können wie hier? Ihr Chef hatte dafür gesorgt, dass die Bewohner des Waldidylls wie eine Familie waren. Wenn man sie jetzt auseinanderrisse, würde das ihr ganzes Leben verändern.

„Wie lange?“, krächzte sie. „Wie viel Zeit bleibt uns?“

„Nicht viel. Ich habe vor, die Schließung innerhalb der nächsten vierzehn Tage über die Bühne zu bringen.“

„Aber dann …“ Hanna keuchte entsetzt. „Dann schließt das Heim ja noch vor Weihnachten!“

„Das ist der Plan“, bestätigte er. „Mir ist klar, dass das unerwartet kommt, aber der Verkauf ist beschlossene Sache. Ein Aufschub würde daran nichts ändern.“

„Aber das darf nicht passieren. Die Villa ist das Zuhause von achtzehn älteren Menschen. Bitte lernen Sie sie kennen, dann merken Sie, wie viel Gutes hier getan wird. Helfen Sie uns, den Verkauf abzuwenden und das Heim zu erhalten.“

„Dafür wurde ich nicht hergeschickt.“

„Aber es wäre das Richtige.“

„Sie verstehen anscheinend immer noch nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe einen Auftrag, und den werde ich erfüllen.“

„Wer sind Sie?“, entfuhr es ihr, bevor sie die Worte zurückhalten konnte. „Der verflixte Terminator? Haben Sie denn keinen eigenen Willen? Kein Gewissen?“

Seine Augen verdunkelten sich, und er presste die Lippen so fest zusammen, dass sie nur noch ein Strich waren. „Falls Sie wissen wollen, ob ich Prinzipien habe, von denen ich niemals abweiche, so lautet die Antwort ja“, versetzte er kühl. „Es liegt an Ihnen, ob Sie mich unterstützen oder nicht.“

„Ich werde Ihnen sicher nicht dabei helfen, unser Heim zu schließen!“

„Das ist schade. Ich vermute, Sie könnten die Veränderungen für alle Bewohner leichter machen, aber wenn Sie das nicht wollen, schaffe ich das auch allein.“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Hanna funkelte ihn aufgebracht an. „Sie drehen mir die Worte im Mund herum.“

„Und Sie sollten besser einsehen, dass Sie nichts gegen den Verkauf ausrichten können. Je eher Sie das akzeptieren, umso leichter wird es für alle hier.“ Er sah sie eindringlich an. „Ich bin nicht Ihr Feind.“

„Ach nein?“ Hanna sah ihn scharf an. „Und warum verhalten Sie sich dann wie einer?“

3. KAPITEL

Himmel noch mal! Dieses Quartier ist wirklich eine Zumutung.

Lucas konnte sich nicht entsinnen, wann er das letzte Mal so schlecht untergebracht gewesen war. Selbst die Zellen während seiner Klosterwanderung vor einigen Jahren waren behaglicher gewesen als diese Räume. Von den niedrigen Decken hier, die mit dunklem Holz verkleidet waren und dadurch wirkten wie Sargdeckel, würde er ganz sicher Albträume bekommen. Falls es ihm überhaupt gelang, auch nur ein Auge zuzumachen.

Er packte seinen Koffer aus und verstaute seine Garderobe in dem wuchtigen Kleiderschrank, der groß genug war, um notfalls auch als Gästezimmer zu fungieren.

Die Wände waren mit Regalen bedeckt, in denen Trophäen ausgestellt wurden. Genauer gesagt: mit Angeltrophäen. Außerdem war jede freie Ecke mit Vitrinen und Truhen voller Angelzubehör gepflastert. Köder, Angelruten und präparierte Fische zierten jeden freien Winkel.

Lucas schüttelte sich innerlich.

Er wusste, dass er anspruchsvoll war und sich nicht mit weniger als dem Besten zufriedengab – warum auch nicht? Er hatte hart gearbeitet, um so weit zu kommen.

Fische. Wohin man auch sah. Präpariert. Als Foto gerahmt. Oder als Gemälde.

Wer um alles in der Welt hatte früher hier gelebt? Neptun persönlich?

Schnaubend wandte er sich von den geschuppten Scheußlichkeiten ab, schnappte sich seinen Laptop und ging hinüber in das Arbeitszimmer. Das war nicht minder dunkel und drückend ausgestattet, aber wenigstens gab es hier keine toten Fische zu bewundern.

Er stellte den Laptop auf dem Schreibtisch ab, klappte ihn auf und schaltete ihn ein.

Da er das WLAN-Passwort des Heims nicht kannte, nutzte er kurzerhand sein iPhone als Hotspot und loggte sich ins Internet ein. Ein kurzer prüfender Blick auf seine E-Mails ließ ihn die Stirn runzeln. „Was, verdammt …“

Er griff zum Telefon und wählte die Nummer seiner Assistentin. Lucy war nach dem ersten Klingeln am Apparat.

„Wo bleiben die Zuarbeiten zum Weingerber-Fall?“, bellte er statt einer Begrüßung ins Handy.

Ein kurzes, leises Einatmen war zu vernehmen.

„Ich habe noch nicht alle Dokumente eingescannt, Herr Seibold. Der Scanner hat gestreikt, und ich musste den Techniker rufen. Aber in fünf Minuten haben Sie alles vorliegen.“

„Fünf Minuten“, wiederholte er und fuhr sich genervt mit einer Hand durchs Haar. Er verabscheute es, bei der Arbeit aufgehalten zu werden. Diesen Nachmittag hatte er für die Vorbereitungen auf ein Plädoyer nutzen wollen. Dafür brauchte er diese Dokumente.

„Allerhöchstens zehn“, versicherte sie ihm und fügte schnell hinzu: „Tut mir wirklich leid. Gegen die Tücken der Technik ist kein Kraut gewachsen.“

Er schnaubte und hielt nur mit Mühe einen Fluch zurück. Lucy war zuverlässig. Das wusste er. Sonst hätte er sie längst gefeuert. Sie hatte nichts falsch gemacht.

Fehler waren etwas, das er weder sich selbst noch anderen verzieh. Das hatte seinen Grund, doch den hatte er in den hintersten Winkel seiner Erinnerungen verbannt. Verschüttet unter einem Berg aus Schuldgefühlen und Trauer. Er erlaubte sich nur selten, daran zu rühren, und reagierte gereizt, wenn jemand sich diesem Thema auch nur näherte.

„Ich bereite alle Schriftsätze für den Verkauf des Seniorenheims vor, bevor ich in den Weihnachtsurlaub gehe“, versicherte Lucy ihm. „Wenn Sie wieder in Berlin sind, liegt alles hier bereit.“

„Gut.“ Es gefiel ihm nicht, dass seine Gehilfin ab morgen ganze vier Wochen verreisen würde. Lucy hatte wegen der vielen Aufträge in der Kanzlei allerdings den Sommer über durchgearbeitet und sogar darauf verzichtet, nach ihrer Hochzeit in die Flitterwochen zu fliegen. Die wollte sie nun mit ihrem Mann über Weihnachten nachholen.

Lucas wünschte seiner Assistentin einen guten Urlaub und legte auf.

Alle um ihn herum schienen Pläne für die Weihnachtstage zu haben. Seine Mandanten jedenfalls.

Was seine eigene Familie anging … so würde jeder für sich feiern.

Seine Mutter mit einem ihrer zahlreichen Liebhaber in ihrem Ferienhaus auf Sylt. Sein Vater würde sich vermutlich in seinem Büro vergraben und nicht einmal merken, dass Weihnachten war. Und sein Bruder … Nun, was Lars anging, so hatte er keine Ahnung, was der über die Feiertage plante. Sie hatten kein Wort mehr miteinander gesprochen, seit Lucas ihn verklagt hatte.

Weihnachten war in seiner Familie noch nie ein Fest der Freude oder des Zusammenseins gewesen. Früher, als die Ehe seiner Eltern noch bestand, waren sie meistens verreist. Irgendwohin, wo es eine Kinderbetreuung gab, der sie ihn und seinen Bruder überlassen konnten, und wo sie sich möglichst wenig mit ihnen befassen mussten.

Lucas wusste, dass sie tief im Herzen nicht so lieblos waren, wie sie schienen. Dass es der Verlust war, der sie gebrochen hatte und es ihnen unmöglich machte, irgendetwas anderes als Trauer zu empfinden. Eine alles verzehrende Trauer, die sie mit allem betäubten, was irgendwie Linderung versprach. Doch das zu wissen machte es nicht leichter, die Einsamkeit zu ertragen, die ihn quälte, seit …

Nein, nicht daran rühren. Er schob diese Erinnerung weit von sich. Damals hatte er einen Panzer um sein Herz errichtet, und damit war er gut gefahren. Das würde er beibehalten. Er hatte sich auf die Schule und später auf sein Studium konzentriert und all seine Kräfte in seine Karriere investiert. Das hatte ihn zu einem verdammt guten Anwalt gemacht – und zu einem verdammt einsamen Mann. Doch damit kam er klar.

Es war die Trauer in den Augen seiner Eltern, mit der er nicht zurechtkam. Daher war er nicht enttäuscht gewesen, als sie ihm beide mitgeteilt hatten, dass sie sich zu Weihnachten nicht sehen würden, wie auch schon in den Jahren zuvor.

So etwas wie Zusammenhalt gab es bei ihnen nicht. Zusammenhalt war nichts als eine Illusion. Auch wenn Hanna Svoboda das anders sehen mochte.

Hanna … Ihre feurig blitzenden Augen und ihre Überzeugung, mit der sie sich für das Seniorenheim und seinen Erhalt eingesetzt hatte, imponierten ihm. Sie schien daran zu glauben, dass ein Zuhause unersetzlich war.

Lucas schnaubte leise. Sie würde noch lernen, dass nichts und niemand unersetzlich war. Schon gar kein Klotz von einem Haus.

Die Senioren würden woanders hinziehen und dort genauso klarkommen wie hier. Daran hatte er nicht den geringsten Zweifel. Er würde die Wünsche der Erbengemeinschaft durchsetzen und die Räumung des Waldidylls in die Wege leiten.

Als er an die Trauer und das Entsetzen in Hannas Augen dachte, entschied er sich jedoch, bei der Erbengemeinschaft nachzufragen, ob sie einen Aufschub erlauben würde.

Ein paar Wochen, damit die Senioren das Weihnachtsfest noch in ihrer gewohnten Umgebung feiern konnten. Warum eigentlich nicht, wenn es ihnen so wichtig war?

Er griff zum Telefon. Sein Kontakt war die älteste Tochter des Verstorbenen.

Auf seine Nachfrage erhielt er jedoch ein entschiedenes Nein zur Antwort.

„Wir wollen keine Verzögerung“, informierte sie ihn. „Ziehen Sie die Schließung so schnell wie möglich durch, damit der Verkauf über die Bühne gehen kann. Haben Sie mich verstanden?“

„Natürlich.“ Ihm war es egal, denn er machte sich nicht sonderlich viel aus den Feiertagen, die seiner Erfahrung nach meistens in Zank und Streit endeten.

Hanna schienen diese Dinge wichtiger zu sein. Das hatte ihre Bitte deutlich verraten. Früher hatte er selbst daran geglaubt, dass Weihnachten etwas zu bedeuten hatte. Dass es die Familie zusammenbrachte und dass das etwas Gutes war.

Was für ein Idiot er gewesen war.

Nein, er war nicht scharf auf Weihnachtsbäume und Flockenwirbel. In ein paar Tagen würde er im Flieger sitzen und sich eine Woche in der Sonne gönnen. Vorher musste er nur noch seine Aufgabe erfüllen und das Seniorenheim schließen.

Genau das würde er auch tun. Komme, was da wolle!

4. KAPITEL

Hanna warf einen Blick in das Speisezimmer und sah, dass die Senioren noch beim Frühstück saßen. Für sie fühlte es sich an, als wären Stunden vergangen, seit sie den Anwalt hereingelassen hatte. Tatsächlich waren es jedoch kaum mehr als zwanzig Minuten.

Zwanzig Minuten, in denen ihre Welt eingestürzt war.

Ihr ganzes Leben bestand aus ihrer Arbeit. Und jetzt bedrohte das Auftauchen dieses Anwalts einfach alles, was sie sich hier aufgebaut hatte. Es war ein einziger Albtraum!

Sie traf Carl in der Eingangshalle. Er kam gerade vom Schneeschippen herein – von der Mütze bis zu seinen Stiefeln mit Schnee bedeckt.

„Wir müssen reden“, unterrichtete sie ihn. „In der Küche.“

„Die war ohnehin mein Ziel“, brummelte er. „Vorhin hat es wunderbar geduftet. Ich schätze, Britta hat einen Schwung Plätzchen gebacken. Ich wollte mich zum Kosten anbieten.“

„Kannst du Janine Bescheid sagen, dass sie in die Küche kommen soll?“

„Sicher. Was ist denn los?“

„Das sage ich euch, wenn wir alle zusammen sind.“

„Geht klar.“ Damit strebte der Hausmeister davon.

Hanna machte sich auf die Suche nach ihren übrigen Kollegen. Sie fand Pauline und Ravi im Wäschezimmer, wo sie einen Schwung Bettwäsche einsortierten, der an diesem Morgen von der Wäscherei geliefert worden war.

Ravi war ebenso wie Hanna Pflegefachkraft. Er war ein paar Jahre älter als sie und stammte aus Nordindien. Die Senioren liebten ihn, weil er stets freundlich und geduldig war und zahllose Anekdoten von seiner weit verzweigten Familie zu erzählen hatte. Nicht zuletzt schwärmten die weiblichen Bewohner des Heims für ihn. Frau Seidel schwor, dass er aussah wie einer der Stars aus den Bollywood-Filmen, die sie so gern sah. Ravi behauptete zwar immer lachend, dass er nicht tanzen könne, selbst wenn sein Leben davon abhinge, aber das tat ihrer Bewunderung für ihn keinen Abbruch.

„Kommt bitte zu einer Besprechung in die Küche“, sagte Hanna. Ihre Stimme klirrte vor Anspannung, und ihre Hände waren eiskalt. „Wir brauchen das ganze Team.“

„Das wird schwierig.“ Ravi hob den Kopf. „Mila hat heute frei. Und mein Onkel kommt erst später zur Arbeit.“

Richtig, daran hatte sie nicht gedacht. Sein Onkel Ramesh war ein kleiner, stets gut gelaunter Mann, der jeden Tag für eine Stunde zum Sport mit den Senioren kam. Sie erwog, auf ihn zu warten, aber dann würden die anderen alle Hände voll zu tun haben mit ihren täglichen Aufgaben.

„Wir erzählen ihnen später alles“, entschied sie.

Ravi und Pauline tauschten einen sorgenvollen Blick.

Hanna wünschte, sie könnte ihnen die Bombe ersparen, die sie gleich platzen lassen würde. Doch sie mussten erfahren, welches Unheil sich über ihnen allen zusammenbraute. Vielleicht fiel ihnen gemeinsam ein Weg ein, wie sie es abwenden konnten.

Sie gingen in die Küche und trafen zusammen mit Janine ein. Die Hauswirtschafterin leitete die Reinigungskräfte an und sorgte dafür, dass die Villa immer blitzsauber war. Sie trug ihr Herz auf der Zunge und sagte stets offen, was sie dachte. Hanna wusste, dass sie alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern war, und ihr Herz wurde schwer, weil sie ihr gleich beibringen musste, dass sie drauf und dran war, ihre Arbeit zu verlieren.

„Rieche ich da etwa Plätzchen?“, rief Janine.

„Auf deine Nase ist Verlass.“ Britta stand vor einer gewaltigen Schüssel mit Teig, die Arme bis zu den Ellenbogen mit Mehl bestäubt. „Das hier wird die zweite Ladung.“

„Meinst du, ich könnte ein paar abbekommen? Die Jungs sollen morgen welche für das Schulfest mitbringen, und nachdem ich letztes Jahr fast verklagt wurde, weil bei einem Vater eine Krone zu Bruch ging, als er in einen meiner Kekse biss, will ich in diesem Jahr lieber nichts riskieren.“ Janine krauste die Nase.

Britta lachte. „Komm heute Nachmittag zu mir, dann habe ich eine Tüte mit Weihnachtsplätzchen für euer Schulfest für dich.“

„Du bist meine Rettung. Vielen Dank.“

Britta war seit fast vier Jahren als Köchin im Waldidyll. Früher hatte sie auf Kreuzfahrtschiffen gekocht. Jetzt war die Küche in der alten Villa ihr Wirkungskreis. Sie hielt immer eine Kanne mit heißem Kaffee und eine Schale mit Gebäck bereit. Wer sein Herz ausschütten wollte, war bei Britta genau richtig.

Jetzt lehnte sie sich an eins der Fenster und sah sie prüfend an. „Also, was ist los? Warum halten wir hier Kriegsrat?“

Hanna schwieg sekundenlang. Die Worte klemmten wie Kletten in ihrer Kehle und machten ihr den Hals eng, aber es half ja nichts. Die anderen mussten erfahren, was los war. Also holte sie tief Luft und begann zu erzählen, vom Anwalt aus Berlin, von seinem Auftrag und vom drohenden Aus für das Seniorenheim.

Als sie geendet hatte, legte sich Stille über die Küche.

Alle schienen den Atem anzuhalten. Niemand fand Worte, um seine Gefühle auszudrücken.

Janine fasste sich als Erste und fragte: „Wo ist dieser Anwalt jetzt?“

„Oben.“ Hanna deutete zur Zimmerdecke.

„Im Himmel? Also hast du ihn um die Ecke gebracht? Großartig. Dann ist unser Problem ja gelöst.“

Hanna lachte zittrig. „Mal abgesehen davon, dass wir dann eine Leiche zu beseitigen hätten … seit wann lösen wir unsere Probleme mit Gewalt?“

„Seit man uns dichtmachen will?“

Janine war ungewöhnlich blass, und als sie sich nun mit einer Hand über die Stirn fuhr, zitterten ihre Finger.

„Also werden wir alles verlieren“, sagte Pauline leise.

„Nein“, begehrte Hanna auf. „Das darf nicht passieren.“

„Darf es wirklich nicht“, pflichtete Ravi ihr bei. „Unsere Senioren sind hier zu Hause. Ich glaube nicht, dass sie es verkraften, wenn wir Sie jetzt woanders hinschicken. Ihr wisst ja, was man über alte Bäume und das Verpflanzen sagt.“

Hanna nickte kaum merklich. Es gab mehrere Bewohner mit Alzheimer oder einer Demenz bei ihnen. Für sie wäre ein Umzug schlichtweg eine Katastrophe.

„Dagegen muss man doch etwas tun können“, meinte Britta.

„Das müssen und das werden wir“, bekräftigte Ravi. „Wir geben nicht einfach klein bei. Wir werden kämpfen.“

„Wie denn?“, warf Pauline ein. „Sie haben jedes Recht, das Heim zu schließen, oder etwa nicht?“

„Es muss doch einen Bestandsschutz oder so was für uns geben“, meinte Janine.

„Ich glaube nicht, dass wir etwas ausrichten können“, ließ sich Carl vernehmen. „Die Villa gehört den Erben. Sie dürfen damit tun oder lassen, was immer ihnen beliebt. Das zu leugnen, wäre nichts als eine falsche Hoffnung, an die wir uns klammern.“

„Das wissen wir erst, wenn wir es versucht haben“, sagte Britta.

Hanna schwieg. Sie wollte gern glauben, dass sie etwas ausrichten konnten. Aber tief im Herzen fragte sie sich, ob Carl nicht recht hatte. Ob die Schließung nicht unausweichlich war und sie gegen Windmühlen kämpften.

„Die Frage ist nicht, ob sie uns dichtmachen werden, sondern wann.“ Carl blickte ernst in die Runde. „Damit müssen wir uns abfinden.“

„Nein“, widersprach Ravi. „So einfach machen wir es denen nicht. Denken wir wenigstens darüber nach, was wir gegen die Schließung tun können. Ich werde mit meinem Onkel reden. Sein Nachbar ist Anwalt. Vielleicht weiß der Rat.“

Leises Raunen füllte den Raum, als sich das Team beratschlagte und Ideen und Sorgen miteinander teilte.

Schließlich wandte sich Janine wieder an alle: „Und unsere Senioren? Was machen wir mit ihnen? Sagen wir ihnen, wie die Dinge liegen?“

„Nein“, sagte Britta entschieden. „Ich bin dafür, dass wir es ihnen ersparen, bis wir wissen, dass die Sache aussichtslos ist. Solange noch Hoffnung besteht, sollten wir sie nicht beunruhigen.“

Carl wiegte den Kopf. Er schien mit diesem Vorschlag nicht einverstanden zu sein.

Pauline blickte sich mit Tränen in den Augen um. „Ich stimme Britta zu. Es ist bald Weihnachten. Das sollte die schönste Zeit im Jahr sein. Die sollten wir unseren Bewohnern nicht vermiesen.“

„Stimmen wir ab“, schlug Ravi vor.

Und so geschah es.

Alle waren dafür, den Heimbewohnern noch nichts von den anstehenden Veränderungen zu erzählen. Selbst Carl schloss sich an.

Sie alle klammerten sich an die Hoffnung auf ein Wunder, doch Wunder waren selten.

5. KAPITEL

Der Kleinbus rumpelte gemächlich über die schmalen Straßen von Schwarzenberg.

Die Stadt glänzte im Schein der Weihnachtslichter. Normalerweise wärmte ihr diese Aussicht das Herz. An diesem Abend konnte Hanna den Ausblick jedoch nicht genießen. Die drohende Schließung des Waldidylls trübte jeden ihrer Gedanken.

Sie war es gewohnt, die Dinge zu regeln, früher für ihren kranken Großvater und ihren Bruder, jetzt für die Bewohner, die ihr anvertraut waren. Doch diesmal lag es nicht in ihrer Hand, das Unausweichliche abzuwenden. Dieses Wissen machte ihr schwer zu schaffen.

Irgendetwas mussten sie doch tun können! Nur was? Was könnte sie unternehmen?

Hanna saß auf dem Beifahrersitz. Ihre Wangen waren warm von der Heizung und ein bisschen auch von der Musik. Sie waren mit den Senioren beim Weihnachtskonzert von Vicente Patiz gewesen. Der Musiker stammte aus dem Erzgebirge und hatte sie für zwei Stunden in eine andere Welt entführt. Für diese kurze Zeit hatte sie tatsächlich einmal vergessen können, was sie bedrückte.

Ein Lied hatte sie besonders berührt. Es war so wunderbar leicht gewesen. So warm. Wie das Licht in einem Fenster. Sie hatte dabei an Zuhause denken müssen. An das Waldidyll. Und gleichzeitig an all die Orte, die sie nie gesehen hatte, den Grand Canyon, den Yellowstone-Nationalpark, die Weite, die größer war als alles, was sie kannte.

Sie hatte immer davon geträumt, zu reisen, aber sie war bisher nie dazu gekommen. Die Pflege ihres Großvaters … die Arbeit … Doch die Musik hatte sie mitgerissen und für einen Moment hatte sie beides gespürt, ihr Zuhause und die Ferne.

Nun sah sie sich zu den Senioren um und fragte: „Hat es Ihnen gefallen?“

„Und wie“, gab Mattes Gruber versonnen zurück. „Es war schön.“

„Und ob es das war“, bekräftigte sein Sitznachbar. „Und ob es das war.“

Von den hinteren Reihen kam bestätigendes Gemurmel. Hanna blickte in lauter lächelnde Gesichter. Ja, der Abend war ein Erfolg gewesen.

Es schneite wieder. Draußen zog die Stadt an ihnen vorbei wie ein lebendig gewordenes Weihnachtsbild. Unterhalb des Schlosses schmiegten sich die Häuser dicht aneinander, ihre Fenster hell erleuchtet. In fast jedem stand ein Schwibbogen.

Hanna liebte es, wie die Stadt in der Weihnachtszeit strahlte. Auch in ihrem Zimmer stand ein Schwibbogen am Fenster. Es war ein halbkreisförmiger Lichterbogen aus Holz, dessen Form an den Eingang eines Stollens erinnerte. Entlang des Bogens saßen mehrere Lichter. In seinem Inneren entfaltete sich eine kleine Szenerie: fein geschnitzte Figuren in einer verschneiten Dorfansicht.

Der Schwibbogen war in einer Zeit erfunden worden, in der die Winter im Erzgebirge lang und dunkel waren. Die Lichter sollten den Familien der Bergleute Hoffnung geben. Sie waren ein stilles Versprechen, dass das Licht zurückkehren würde.

Versonnen lehnte Hanna den Kopf an die Fensterscheibe. Die Gassen draußen wirkten wie aus einer anderen Zeit, rustikal, verschneit und fast ein bisschen verwunschen. Überall war Bewegung. Menschen, die mit Tüten in den Händen unterwegs waren, Paare, die dicht nebeneinander gingen.

Der Bus rollte weiter auf die Zufahrtsstraße zum Galgenberg. Die Lichter wurden weniger, die Dunkelheit tiefer. Und dann war da wieder der Wald. Tief verschneit, die Fichten neigten sich unter dem Schnee, der im Schein der Scheinwerfer kurz aufleuchtete.

„Ich fand das Lied vom Schmetterling am schönsten“, sagte Pauline. „Es hat mich an daheim erinnert.“

„Ja“, murmelte Ravi versonnen. „Das hatte was.“

Hannas Blick glitt über die vertrauten Gesichter. Frau Kahlert hatte ihre Hände im Schoß gefaltet, wirkte aber hellwach. Mattes Gruber hatte den Kopf an die Scheibe gelehnt und schien schon halb zu schlafen. Bruno Hartwig lockerte seinen Schal und summte dabei vor sich hin.

Ein leises Stechen fuhr ihr durch die Brust. Sie hatte den Senioren noch nichts von der drohenden Schließung des Heims erzählt, weil sie ihnen die Weihnachtszeit nicht verderben wollte, doch jetzt fragte sie sich, ob sie es ihnen nicht sagen musste.

„Was für ein schöner Abend“, murmelte Bruno. „Dass wir das erleben durften. So ein Glück.“

In den Reihen hinter ihm wurde zustimmend genickt. Wer noch nicht döste, blickte fröhlich und zufrieden vor sich hin. Hanna brachte es nicht über sich, diese Freude mit unsicheren Zukunftsaussichten zu trüben.

„Hanna?“

Sie blinzelte und drehte sich um. „Ja?“

Frau Kahlert sah sie an. „Das machen wir nächstes Jahr wieder, oder?“

Für einen Moment wurde es still im Bus. Hanna fing einen bangen Blick von Pauline auf, zögerte kurz und nickte dann. Es fühlte sich an wie ein Versprechen, das sie nicht nur den Senioren, sondern auch sich selbst gab. Sie würde einen Weg finden, um es wahrzumachen.

Das hier, das war nicht nur ein Job. Die Heimbewohner waren wie eine Familie für sie. Und sie würde für sie kämpfen. Dieser Anwa...

Autor

Luisa Apenberg
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Isabell Fuchs
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