Herz in sinnlicher Gefahr

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Wunderschön, verletzlich – und die pure Verlockung! Der griechische Milliardär Zeus Papandreo will Jane nur für eine kurze Affäre – ohne Verpflichtungen und ohne Gefühle. Doch auf seiner Luxusjacht im glitzernden Mittelmeer erwacht zwischen ihnen eine Leidenschaft, die heißer brennt als die Sonne und selbst von den kühlen Wellen nicht gelöscht werden kann. Schon bald spürt er, dass er mehr will als flüchtige Nächte. Bis ein gefährliches Geheimnis ans Licht kommt und alles zu zerstören droht!


  • Erscheinungstag 03.02.2026
  • Bandnummer 2738
  • ISBN / Artikelnummer 0800262738
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Clare Connelly

Herz in sinnlicher Gefahr

PROLOG

Das Mondlicht fiel über den dunklen Holzfußboden im Arbeitszimmer seines Vaters, ein Anblick, den Zeus Papandreo immer geliebt hatte. Als kleiner Junge hatte er oft hier gestanden, aufs ferne Meer geschaut und sich vorgestellt, er sei nicht in einem Zimmer, sondern auf einem Schiff weit draußen auf dem Ozean, frei und wild, König der Meere, König von allem.

Schon damals hatte ihn ein Gefühl von Macht durchflutet, von Kraft und Entschlossenheit. An diesem Abend jedoch fühlte er sich ohnmächtig. So ohnmächtig, dass es ihm den Atem raubte.

„Sie ist dreiundzwanzig.“

Zeus schloss die Augen und wünschte sich, sein Vater hätte einen anderen Weg gewählt, ihm diese Nachricht mitzuteilen. Schriftlich? Am Telefon? Irgendeinen Weg, der ihm etwas mehr Zeit gelassen hätte, um diese niederschmetternde Neuigkeit zu verarbeiten.

„Sie heißt Charlotte.“

Er wollte auf irgendetwas einschlagen. Irgendetwas oder irgendwen schütteln. Seinen Vater. Er fuhr herum, zutiefst angewidert und wütend, während er blitzschnell die erforderlichen Schlussfolgerungen zog.

„Heißt das, du hast meine Mutter betrogen, während sie sich der Chemotherapie unterzog?“

Aristotle Papandreo erblasste. „Es war nicht … ja. Ich habe sie betrogen.“ Das Geständnis schien den älteren Mann all seine Kraft zu kosten. Sein Kopf sank nach vorn, bis sein Kinn seine Brust berührte.

In Zeus’ Wange zuckte ein Muskel. Vor drei Monaten hatte seine Mutter ihren jahrzehntelangen Kampf gegen den Krebs verloren. Nach zahllosen Schlachten, die sie tapfer auf sich genommen hatte, fest entschlossen, so viel wie möglich aus ihrem Leben herauszuholen, auch wenn es ihr am Ende so schwer geworden war. Ihr Mut und ihre Stärke waren bewundernswert gewesen, und Zeus kam nicht umhin, daraus eigene Kraft zu schöpfen.

Er stieß einen lauten Fluch aus, der in der Dunkelheit des Raums deutlich wahrzunehmen war. Sein Vater zuckte zusammen.

„Und die Frau, mit der du geschlafen hast, hat ein Kind von dir bekommen?“, fragte er angewidert.

„Deine Schwester.“

Hör auf!“ Zeus fluchte erneut. „Nenn sie nicht so.“

„Sie ist aber deine Schwester, Zeus. Dann sollte man sie auch so nennen.“

Zeus biss die Zähne zusammen. Er ging zur Hausbar seines Vaters und schenkte sich einen großzügigen Scotch ein.

„Ich konnte es dir nicht sagen, solange deine Mutter …“

„Sie hat es nicht gewusst?“

„Natürlich nicht“, brummelte sein Vater. „Das hätte ich ihr nie angetan.“

Zeus’ Augen glitzerten. „Aber hinter jedem Rock her zu sein, war in Ordnung, ja?“

„Es gab nur diese eine.“ Aristotle hielt einen Finger hoch.

„Oh, dann ist es natürlich etwas ganz anderes.“

„Du weißt nicht, wie das damals war, Zeus.“

„Meinst du, ja?“ Ohne seinen Vater aus den Augen zu lassen, genehmigte er sich noch einen kräftigen Schluck. „Ich war zwar erst neun Jahre alt, aber ich erinnere mich noch sehr gut.“

Sein Vater schaute auf seine Hände. „Mariah – Charlottes Mutter … es ist einfach passiert.“

„Verschon mich.“

„Sie ist deine Schwester“, begann Aristotle erneut, entschiedener diesmal. „Und es wird Zeit, dass wir sie in die Familie aufnehmen.“

Zeus umklammerte das Whiskeyglas so fest, dass er überrascht war, dass es nicht zersplitterte. „Nicht mit mir.“

„Ich treffe mich nächste Woche mit meinen Anwälten, um die Angelegenheit zu besprechen. Ich möchte sicherstellen, dass sie bekommt, was ihr zusteht.“

Zeus richtete sich auf. „Redest du von Geld?“ Geld interessierte ihn nicht. Davon hatten sie mehr als genug.

„Sie ist eine Papandreo“, beharrte Aristotle. „Hierauf hat sie ebenfalls ein Anrecht.“ Er machte eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasste. Aber sie wussten beide, dass er nicht die Villa meinte, sondern das sich seit Generationen in Familienbesitz befindliche Unternehmen.

„Machst du Witze?“ Zeus atmete langsam und wütend aus. „Das ist mein Geburtsrecht. Nicht ihres.“

„Sie ist deine …“

„Sag’s nicht. Nur weil du vor dreiundzwanzig Jahren deine Hose nicht anlassen konntest, heißt das noch lange nicht, dass du sie mir jetzt unterschieben kannst.“

„Ach, und das sagt ausgerechnet jemand wie du, ja?“, fragte Aristotle scharf, weil Zeus für seine endlose Reihe an flüchtigen Affären bekannt war. Der ältere Mann stieß einen rauen Seufzer aus und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Hast du die Firmeneigentumsbedingungen vergessen, Zeus?“

Zeus straffte die Schultern und blickte seinem Vater in die Augen. Über den veralteten Begriff des Firmeneigentums hatte er nie weiter nachgedacht, einfach, weil außer ihm niemand als Erbe infrage gekommen war. Mit seinen fünfundsechzig Jahren war sein Vater immer noch jung und fit, und obwohl Zeus seit fünf Jahren die Position als CEO innehatte, war Aristotle weiterhin im Unternehmen tätig.

Deshalb war die Tatsache, dass irgendein Vorfahr der Familie vor Jahrhunderten im Unternehmenskodex verfügt hatte, dass der Alleinerbe der Papandreo Group bereits vor Antritt des Erbes verheiratet sein musste, für Zeus bedeutungslos gewesen. Weil da ja niemand war, der ihm sein Erbe streitig machen konnte.

Bis jetzt jedenfalls.

„Das ist eine völlig idiotische Auflage“, murmelte er. „Sie hätte heute vor keinem Gericht mehr Bestand.“

„Ich habe versucht, sie zu ändern“, sagte Aristotle. „Es geht nicht.“

„Ich glaube dir nicht.“

„Dann versuch es selbst, du wirst schon sehen. Doch wie auch immer, Charlotte ist meine Tochter, und ich bin es ihr schuldig, sie auch so zu behandeln.“

„Heißt das, dir wäre es egal, dass sie den Konzern erbt und dann natürlich auch leitet, wenn sie vor mir heiratet?“

„Ich würde euch beide gern als Team sehen“, stellte Aristotle klar.

„Nie im Leben!“ Zeus spie die Worte förmlich aus. „Sie bedeutet mir nichts. Nichts außer dem Beweis für deine Untreue.“

„Du bist wütend …“

„Kein Witz.“

„Das kann ich verstehen. Ich bin auch wütend, schon seit langer Zeit. Und zwar auf mich selbst, wegen meiner Schwäche. Um deiner Mutter den Schmerz zu ersparen, habe ich Charlotte ihr Leben lang verleugnet. Aber jetzt verdient sie es, nach Hause zu kommen. Und was den Konzern betrifft …“ Er sah seinen Sohn traurig an. „Wenn du unter diesen Umständen immer noch der Alleinerbe sein willst, weißt du ja, was du zu tun hast.“

Zeus war sehr still, während die Botschaft seines Vaters langsam bei ihm einsickerte und er tief erschüttert zurückblieb.

„Heiraten?“

„Und zwar vor ihr“, bestätigte Aristotle.

„Sie ist erst dreiundzwanzig.“

„Richtig. Aber vielleicht will sie sich ja die Gelegenheit, ein Multimilliarden-Dollar-Unternehmen zu übernehmen, nicht entgehen lassen.“

Zeus fühlte sich schlagartig all seiner Handlungsmöglichkeiten beraubt. War es nicht sehr wahrscheinlich, dass sie alle Hebel in Bewegung setzte, um sich das Erbe zu sichern? Wer würde das nicht tun? Von einer Welle des Abscheus erfasst, schloss er die Augen.

„Warum hast du mir das nicht schon längst erzählt?“

„Ich konnte es nicht. Nicht solange …“

„Nicht solange meine Mutter noch lebte.“ Zeus verschränkte die Arme vor der Brust, nicht gewillt, seinem Vater auch nur das geringste Verständnis entgegenzubringen. Einem Mann, den er vor zehn Minuten noch sehr geliebt hatte. „Du widerst mich an“, sagte er kopfschüttelnd. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verließ die Tür hinter sich zuknallend den Raum.

Doch es gelang ihm nicht, den Gedankenwust, den das Geständnis seines Vaters in ihm ausgelöst hatte, so einfach beiseitezuschieben. Sein Weltbild war zusammengebrochen, und das machte ihn verletzlich. Er, Zeus Papandreo, war dazu bestimmt, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Des Vaters, den er vergöttert hatte, bis er erfahren musste, dass dieser eben doch kein Gott, sondern auch nur ein Mensch war.

Sein Vater hatte seine Mutter betrogen. Er hatte eine uneheliche Tochter.

Mit all den Konsequenzen, die das mit sich brachte. Nichtsdestotrotz schien diese Heirat plötzlich unausweichlich. Nicht nur, um gegenüber dem unehelichen Kind seines Vaters sein Recht durchzusetzen, sondern auch, um seinen Vater zu verletzen. Es war ein Akt der Selbstbehauptung, ein deutliches Zeichen dafür, wer ab jetzt das Sagen hatte.

Er war Zeus Papandreo und in dieser Sache nicht aufzuhalten.

„Um Himmels willen, das kannst du nicht machen, Lottie!“ Jane schüttelte aufstöhnend so vehement den Kopf, dass ihr das lange blonde Haar um das hübsche herzförmige Gesicht flog. „Du kannst unmöglich einen Mann heiraten, den du nicht kennst.“

„Warum denn nicht?“ Lottie fuhr herum, die Hände in die schlanken Hüften gestützt. „Ist dir überhaupt klar, wie viel dieses Unternehmen wert ist?“

„Eine ganze Menge, ich weiß. Na und? Geld hast du doch selbst genug.“

„Ja, schon“, murmelte Lottie. „Aber nicht so viel.“

Jane musterte ihre beste Freundin aus Kindheitstagen mit einem mulmigen Gefühl, weil Lottie so finster entschlossen wirkte. Und weil sie aus Erfahrung wusste, dass die Freundin in solchen Situationen um nichts in der Welt umzustimmen war. Aber irgendetwas an dieser Geschichte passte einfach nicht zusammen.

„Irgendwie komme ich da nicht mehr mit. Du hast doch noch nie etwas von ihm gewollt. Du wohnst hier in meinem winzigen Gästezimmer, leihst dir meine Klamotten und schmarotzt dich durch meine Streaming-Abos, anstatt dir mit Geld aus deinem üppigen Treuhandfonds eine eigene Wohnung zu kaufen oder wenigstens für das ganze Zeug hier zu bezahlen.“

Jetzt glitzerte in Lotties Augen ein schelmischer Ausdruck, der Jane an ihre gemeinsame Zeit im Internat erinnerte, wenn sie zusammen wieder einmal etwas angestellt hatten.

„Vielleicht geht es ja gar nicht um Geld“, sagte sie mit einem Schulterzucken.

„Sondern?“

Lottie verzog die vollen roten Lippen, bevor sie nach ihrem Kaffeebecher griff und einen Schluck trank. Obwohl sie bei ihrer englischen Mutter aufgewachsen war und mit ihrer hellen Haut, den weit auseinanderstehenden grünen Augen und dem kastanienbraunen Haar der Inbegriff einer englischen Rose war, ließ sich doch nicht übersehen, dass sie gewisse griechische Eigenheiten hatte. Unter anderem eine Vorliebe für starken schwarzen Kaffee zu jeder Tageszeit.

„Sie haben mich mein ganzes Leben lang ignoriert“, sagte sie ausdruckslos. Doch Jane hörte ihre Verletztheit … oder vielleicht war es auch nur ein Echo aus der Vergangenheit. Sie wusste, dass diese Zurückweisung Lottie geprägt hatte, die auch zwischen ihnen beiden ein verbindendes Element war. Jane hatte zwar Eltern, aber die waren kaum jemals für sie da gewesen. Abgesehen von ein paar pflichtschuldig absolvierten Urlauben hier und da hatte man sie dem Personal überlassen. Nach außen hin wirkten Lottie und Jane zufrieden, doch untereinander waren sie ehrlich. Sie kannten die Wahrheit. Von den Eltern abgelehnt oder nicht wahrgenommen zu werden war schrecklich, und sie hatten beide mehr als genug darunter gelitten.

„Ich weiß“, murmelte Jane mitfühlend.

„Und jetzt kommt er plötzlich an und erzählt mir, dass ich unter bestimmten Umständen das Familienunternehmen übernehmen kann und dasselbe Recht darauf habe wie Zeus.“ In der Nennung des Namens schwang ihre ganze Verachtung mit, was Jane gut nachfühlen konnte. Während Lottie dazu verurteilt gewesen war, ein Schattendasein zu führen und ihren Vater nie zu erwähnen – wegen der Schweigevereinbarung, die Lotties Mutter gegen eine hohe Abfindung hatte unterschreiben müssen –, stand Zeus als der geliebte einzige Sohn und zukünftige Erbe der Papandreo Group im Licht der Öffentlichkeit.

„Früher hätte ich es nie gewollt“, sagte sie, wobei ihre meergrünen Augen wütend aufblitzten. „Bis ich kapiert habe, dass ich einfach nur zugreifen muss.“

„Aber warum willst du es jetzt?“, bohrte Jane nach.

„Denk doch nur, was wir damit alles machen könnten“, erwiderte Lottie eindringlich, während sie das Zimmer durchquerte und vor ihrer besten Freundin in die Hocke ging. Dabei nahm sie Janes Hand und drückte sie leicht. „Wie viel Gutes wir bewirken könnten.“

Jane biss sich auf die Lippe, während sie an die vielen nächtlichen Gespräche mit Lottie dachte. An all die Pläne, die sie im Lauf der Jahre geschmiedet hatten, um benachteiligten Menschen zu helfen. Sie und Lottie hatten sich auf den Eliteschulen, die sie besucht hatten, stets als Außenseiterinnen gefühlt, anders als ihre Mitschülerinnen. Ihr starkes Gerechtigkeitsempfinden hatte sie schließlich dazu gebracht, nach ihrer Ausbildung Karrieren im gemeinnützigen Bereich anzustreben.

„Mit dir und mir an der Spitze der Papandreo Group könnten wir die Richtung radikal ändern. Statt immer nur nach dem größtmöglichen Profit zu schielen, könnten wir unsere Gelder einfach abziehen. Alle.

Jane schnappte nach Luft. „Du redest davon, den Konzern zu zerschlagen?“

„Ja.“ Lottie straffte sich entschlossen. „So viel Reichtum ist schlicht obszön.“

Jane widersprach nicht.

„Aber versteh mich nicht falsch“, sagte Lottie. „Es geht mir nicht nur um Rache. Natürlich würde ich jede verdammte Minute genießen, in der ich den Konzern auseinandernehme und mich dabei an den Mienen seiner ehemaligen Eigentümer ergötzen“, sagte sie mit jetzt geröteten Wangen. „Vor allem aber geht es darum, dass wir mit dem vielen Geld wirklich etwas verändern könnten. Davon haben wir doch immer geträumt, Jane.“

Und so war es auch. Tausend Pläne, die sie geschmiedet hatten, schienen plötzlich in Reichweite. Janes Atmung beschleunigte sich.

„Also gut.“ Sie drückte Lotties Hand. Weil es im Fall des Falles nichts auf der ganzen Welt gab, das sie für ihre beste Freundin nicht tun würde. Sie hatten zu viel zusammen durchgemacht, wussten zu viel über das Leben, den Schmerz und die Schwächen der anderen, um in einem Moment der Not nicht zusammenzuhalten. „Wie kann ich dir helfen?“

„Ich bin froh, dass du das fragst, weil ich deine Hilfe nämlich wirklich brauche.“

1. KAPITEL

Als Jane eine Woche später die glamouröse Bar im teuren Geschäftsviertel der Athener Innenstadt betrat, fühlte sie sich ziemlich wacklig auf den Beinen. Wenn auch nicht vor Nervosität, sondern weil sie zum ersten Mal seit Jahren Schuhe mit megahohen Absätzen trug. Genau gesagt lag ihr gesamtes Outfit weit außerhalb ihrer Komfortzone. Die Sachen gehörten eigentlich Lottie, die ein Händchen dafür hatte, in Secondhandshops günstige Teile zu ergattern, um ihre selbst auferlegten Budgetbeschränkungen einzuhalten. Anfangs hatte Jane schon befürchtet, in dem Top aus goldfarbener Seide, das sie zu einem weißen Minirock trug, mit den Riemchenstilettos und einer klobigen goldenen Halskette hoffnungslos overdressed zu sein. Aber sie merkte rasch, dass Lottie auch in diesem Fall wieder einmal das richtige Gespür bewiesen hatte.

Hier war es nicht wie in ihrem Stammpub in Clapham, so viel war klar. Der Ort verströmte pure Eleganz und kultivierte Raffinesse, von den mit butterweichem Leder bezogenen Sitzbänken über die erlesene Kunst an den Wänden bis hin zur kunstvoll inszenierten gedämpften Beleuchtung.

Jane unterdrückte den Drang, sich auf die Lippe zu beißen, was zu ihrer momentanen Rolle nicht passte. An diesem Abend war sie Jane Fisher, die selbstbewusste Tochter eines der renommiertesten Menschenrechtsanwälte der Welt, Absolventin einer britischen Eliteuniversität und bereit, es mit der ganzen Welt aufzunehmen.

Oder genauer mit Zeus Papandreo.

„Du musst nur ein bisschen mit ihm flirten“, hatte Lottie erklärt. „Einfach so, dass er sich … na ja, du weißt schon … in dich verliebt.“

Woraufhin Jane prompt widersprochen hatte. „Na hör mal! Wie soll ich das denn anstellen?“

Lottie hatte nur verächtlich geschnauft. „Es gibt wahrscheinlich keinen Kerl, dem du aus Versehen einen zweiten Blick gönnst, ohne dass er auf der Stelle Kinder mit dir will, das weißt du genau.“

Bei Lotties Worten war Jane sofort die Hitze in die Wangen gestiegen. Sie hasste es, Aufmerksamkeit zu erregen, und hatte es schon unzählige Male verflucht, dass sie ihrer Promi-Mutter so ähnlich sah. Besonders nach Steven.

„Er wird genauso auf dich abfahren wie jeder andere auch, versprochen.“

Jane hatte laut gestöhnt. „Und wie lange muss ich das durchhalten?“

„Bis ich verheiratet bin. Aber ich kann verdammt schnell sein, glaub mir. Bestimmt frisst er dir schon nach einer Stunde aus der Hand … und ich werde dir ewig dankbar sein. Ich bin wirklich untröstlich, dass ich dich darum bitten muss, Jane. Ich … ich weiß, dass es hart wird für dich. Aber du bist die Einzige, der ich vertraue. Die Einzige, die mir helfen kann.“

So viel zu Lotties Plan. Jetzt sah Jane sich unauffällig um, auf der Suche nach dem Mann, dessen Gesicht sie dank einer gemeinsamen weinseligen Internetrecherche mit Lottie mittlerweile in- und auswendig kannte. Sie hatten herausgefunden, dass sein Büro gleich um die Ecke lag, weshalb er, seit er vor ein paar Jahren die Leitung der Papandreo Group übernommen hatte, immer wieder mit schönen Frauen beim Verlassen der Bar fotografiert worden war.

Ihn von seinem Platz zu vertreiben war für Lottie oberstes Gebot, und Jane konnte es ihrer Freundin nicht verübeln. Je mehr sie über Zeus Papandreo in Erfahrung brachte, desto unsympathischer wurde er ihr. Obwohl es jetzt vor allem darum ging, Lottie zu helfen, hatte doch die Idee, ihm zum Wohl der gesamten Frauenwelt einen gehörigen Denkzettel zu verpassen, etwas Unwiderstehliches. Männer wie er hatten es definitiv verdient, dass man ihnen ab und zu ihre Grenzen zeigte. Da fiel ihr prompt Steven ein … verdammt, er war wirklich der letzte Mann, an den sie jetzt denken wollte. Und gleichzeitig verspürte sie wieder diesen vertrauten Schmerz, noch genauso heftig wie damals mit siebzehn, als er ihr das Herz gebrochen hatte.

Es hieß zwar, dass die Zeit alle Wunden heilt, doch das konnte Jane nicht bestätigen. Ihre Wunden waren auch nach sechs Jahren noch längst nicht verheilt. Ebenso wie die Wunden, die ihre Eltern ihr im Lauf des Lebens zugefügt hatten. Manche Verletzungen waren einfach zu tief, um zu verheilen. Das zu akzeptieren war letztlich immer noch besser als der fruchtlose Versuch, dagegen anzukämpfen.

Noch während sie sich umsah, versuchten zwei Männer an der Bar ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Als sie instinktiv hinschaute, und ihre Blicke sich begegneten, rief ihr der eine zu: „Wie wär’s mit einem Drink?“

Sie lehnte ab und sah sich wieder verstohlen um. Zeus war noch immer nirgends in Sicht. Ohne die beiden weiter zu beachten, ging sie an ihnen vorbei und fand am anderen Ende der Theke einen freien Platz. Nachdem sie sich ein Mineralwasser bestellt hatte – sie brauchte einen klaren Kopf –, öffnete sie eine der News-Apps auf ihrem Telefon und begann einen langen Bericht über einen Krieg in Übersee zu lesen. Die dort beschriebenen Gräuel bewirkten, dass ihr ganz flau im Magen wurde und sie wie so oft den Drang verspürte, auf der Stelle zu helfen.

Noch ehe Jane mit dem Artikel fertig war, verspürte sie ein heftiges Prickeln im Nacken. Obwohl die Gäste nicht wirklich verstummten, fühlte es sich für sie so an, als ob sich eine merkwürdige Stille in dem Raum ausbreitete oder als hätte sie Watte in den Ohren. Als sie zum Eingang schaute, fiel ihr Blick auf Zeus Papandreo, der genauso selbstherrlich wie erwartet hereingeschlendert kam. Nur dass sie im gleichen Moment auch noch etwas anderes an ihm wahrnahm. Was sie aber vielleicht auch nur auf ihn projizierte.

Er wirkte, als würde er eine schwere Last auf den Schultern tragen, unter der er fast zusammenzubrechen drohte. Doch dieser Eindruck wurde sofort von einem arrogant dominanten Blick verdrängt, sodass Jane fast glaubte, sich getäuscht zu haben. Obwohl der Raum überfüllt war, bahnte er sich umstandslos seinen Weg zur Bar, nickte dem Barkeeper kurz zu und deutete auf eine Flasche Scotch im obersten Regal. Der Barmann griff danach, schenkte ein und schob Zeus das Glas mit einem höflichen Nicken über den Tresen.

Zeus trank einen Schluck und schaute sich dann, einen Ellbogen auf dem Tresen aufgestützt, im Raum um. Jane beobachtete, wie sein Blick an mehreren Frauen in Business-Outfit hängen blieb, die lebhaft plaudernd in einer Ecke beisammenstanden und vermutlich direkt aus dem Büro kamen. Als sie sah, dass er anerkennend eine Augenbraue hochzog, klopfte ihr Herz plötzlich wie wild.

Vorhang auf.

Sie setzte sich aufrechter hin, warf ihr glänzendes Haar über eine Schulter und positionierte sich so, dass die Wölbung ihrer Brüste unter ihrem Shirt gut sichtbar war. Natürlich schauten die beiden Männer, die ihr vorhin einen Drink spendieren wollten, in ihre Richtung, und sie spürte, dass sie rot wurde. Auch wenn sie willens war, für Lottie den Vamp zu geben, fühlte sie sich in dieser Rolle doch mehr als unwohl.

Sie ließ einen Finger an der Seite ihres beschlagenen Glases nach unten gleiten und fuhr sich in dem Moment, in dem Zeus auf sie aufmerksam wurde, ganz langsam damit über die Lippen. Ihre Blicke blieben aneinander hängen, wobei sie fast so etwas wie einen Stromschlag verspürte.

Seine Augen. Sie waren so … intensiv.

Es waren dunkle, grüblerisch dreinblickende Mandelaugen, die gesäumt waren von langen, dunklen Wimpern, sodass es fast wirkte, als wären sie mit Kajal geschminkt. Jane fühlte sich von ihnen durchbohrt, als könnte er mit einem einzigen Blick bis auf den Grund ihrer Seele schauen.

Sie drückte ihre Fingerspitzen an die Lippen, ließ sie kurz dort verweilen, bevor sie die Hand sinken ließ und den Mund zu einem arrogant abweisenden Lächeln verzog.

Immer schön cool bleiben, hatte Lottie ihr geraten, und Jane sah es genauso. Vermittle ihm, dass er sich bei dir richtig Mühe geben muss. Es wird ihn verrückt machen. Aber er wird nicht aufgeben, bis er glaubt, dich genau da zu haben, wo er dich haben will.

Jane nippte an ihrem Mineralwasser, legte die Hand mit den sorgfältig manikürten Fingernägeln um das geschliffene Glas, während ein Barkeeper in der Nähe eine Flasche Champagner entkorkte, die er mit zwei Gläsern in einen Eiskübel stellte. Jane konzentrierte sich wieder auf ihr Telefon, allerdings nur kurz. Wenig später stand der Sektkühler direkt vor ihr. „Mit schönen Grüßen von dem Gast da drüben“, sagte der Mann und deutete mit dem Kopf auf Zeus.

Janes Puls beschleunigte sich, während sie betont langsam ihren Blick über die Gäste schweifen ließ, bevor er auf Zeus landete. Der zog in einer leicht flirtenden Geste eine Augenbraue hoch. Sie reagierte mit einem ironischen Lächeln und einem fragenden Gesichtsausdruck.

Daraufhin kam er prompt auf sie zu, aber neben ihr war kein Barhocker frei, sodass er sich in die Lücke zwischen ihr und ihrem Sitznachbarn schob. Jetzt war er so nah, dass sie die Wärme seines Körpers spürte und ihr der würzige Duft seines Aftershaves in die Nase stieg. Er war so nah, dass sie in die Dunkelheit dieser faszinierenden obsidianfarbenen Augen eintauchen konnte. Einen Moment lang hatte sie Gewissensbisse, weil sie plante, ihn in eine Falle zu locken. Doch nur einen Moment, denn immerhin waren seine Motive ja genauso unlauter. 

„Ich habe Sie hier noch nie gesehen“, begann er. Seine mit einem schwachen Akzent unterlegte Stimme war tief und rau. Jane erschauerte leicht, als er sich anschickte, den Champagner zusammen mit einem Glas aus dem Kühler zu nehmen. „Darf ich?“

Seltsamerweise bekam sie Herzklopfen … was natürlich nur ihrem Plan geschuldet war. Obwohl es keine Rolle spielte, warum ihr irgendwie leicht schwummrig war.

„Gern, danke.“ Sie nickte.

„Und wer sind Sie?“, fuhr er fort, während er einschenkte.

„Ist das nicht ein bisschen sehr direkt?“, fragte sie mit einem schwachen Lächeln und blickte einen Moment lang starr auf das gefüllte Glas, das er ihr hinhielt. Dabei überlegte sie, wie sie es am besten entgegennehmen könnte, ohne seine große Hand zu berühren, die fast das ganze Glas umschloss.

Am Ende blieb ihr nichts anderes übrig, als den Schauer so gut wie möglich zu ignorieren, der sie überlief, als sich ihre Hände streiften. Als sie aufschaute, wurde ihr Mund ganz trocken. Zeus’ Lippen umspielte ein arrogantes, wissendes Lächeln, und das war etwas, wogegen sie ausgesprochen allergisch war. Wahrscheinlich glaubte er, sie bereits in der Tasche zu haben. Nun, er würde sich noch wundern.

„Zufälligerweise mag ich es direkt“, sagte er. „Sie nicht?“ Als sie nichts erwiderte, fuhr er fort: „Wie heißen Sie?“

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