Historical Saison Band 124

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NUR EIN ABENTEUER FÜR MISS RICCI? von BRONWYN SCOTT

Wagemutig beschließt die abenteuerlustige Josefina Ricci, die Welt zu bereisen. Im englischen Küstenort Seasalter wird der jungen italienischen Künstlerin angeboten, einen vermeintlich langweiligen Gentleman zu porträtieren. Doch Owen Ganns blitzende Augen versprechen ihr das vielleicht größte Abenteuer: Leidenschaft …

LIEBE IST SÜSSER ALS RACHE, MYLORD von ANN LETHBRIDGE

Vom Wunsch nach Vergeltung getrieben, kehrt Damian, der neue Earl of Dart, nach England zurück. Als er erfährt, dass Pamela, die Tochter seines Feindes, nun als Köchin arbeitet, stellt er sie sofort ein. Er hat sie in der Hand! Doch die anmutige Cinderella weckt in ihm eine brennende Sehnsucht – stärker als sein Rachedurst?


  • Erscheinungstag 07.03.2026
  • Bandnummer 124
  • ISBN / Artikelnummer 8090260124
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Bronwyn Scott, Ann Lethbridge

HISTORICAL SAISON BAND 124

Bronwyn Scott

1. KAPITEL

Seasalter, Kent

Josefina spürte eine Wildheit in sich, die Mitternacht und Wahnsinn gleichermaßen geschuldet war. Sie war wie berauscht davon, dass sie ihren Auftrag ausgeführt hatte und das auch noch bei Vollmond! Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß ein Siegesgeheul aus, als die letzten Kisten im hellen Mondschein in der versteckten Bucht von Shucker’s Cove ausgeladen wurden.

Padraig O’Malley, der Schmugglerkapitän, lachte und warf ihr einen Beutel zu. „Josefina, fang.“

Josefina wog den kleinen Beutel aus Waschleder in der Hand. Man konnte nie zu viel Geld haben. Ein Jahr auf Reisen von einer Stadt in die nächste, um zu malen, hatte ihr das klargemacht. Sie prüfte das Gewicht der Münzen. In dem Beutel befand sich genug, um den Münzvorrat unter ihrer Matratze in der Kunstschule aufzufüllen.

„Hey, Fina, willst du jetzt gleich nachzählen?“ Padraig, der Ire, lachte in sich hinein. Er legte beiläufig einen Arm um sie und trank einen Schluck aus seiner Taschenflasche. Er war gut gelaunt; die Ladung war leicht und ohne Zwischenfälle angekommen. „Sieh dir die anderen Jungs an, Fina. Die nehmen ihren Lohn und stellen keine Fragen.“

„Ich bin keiner von den Jungs, oder?“ Josefina warf ihr Haar verschämt, aber kokett über ihre Schulter. Padraig war der Anführer der Bande von Seasalter. Er entschied, welche Ladungen sie annahmen und wann. Er entschied auch, wie sie weiterbefördert, für welchen Preis sie verkauft wurden und wer welchen Anteil am Gewinn bekam. Es lohnte sich, freundlich zu ihm zu sein.

„Nein, natürlich nicht.“ Er reichte ihr die Flasche und sie trank einen ordentlichen Schluck. „Aber du kannst trinken wie sie.“

Josefina drückte ihm die Flasche so heftig in die Hand, dass sie sie an seine breite Brust drückte. Padraig strotzte vor Kraft, er war ein bulliger Kerl. „Das gefällt dir doch an mir“, flirtete sie weiter. Sie wusste genau, dass das nicht das Einzige war, was er an ihr mochte. Es war besser, ihn auf Abstand zu halten, wenn er berauscht vom Alkohol und vom Erfolg war. Sie konnte mit solchen Männern umgehen, aber es war ihr lieber, wenn es keine Probleme gab.

Josefina verschwand in der Dunkelheit der Nacht zwischen den Mitgliedern der Mannschaft, die sich langsam zerstreuten. „Gute Nacht, Charlie, gute Nacht, Thomas, gute Nacht, Ned“, rief sie, dann war sie außer Sichtweite, allein auf der Faversham Road, die zur Kunstschule führte. Bis Mai hatte sie noch ein Zimmer für sich allein und drei Mahlzeiten am Tag. Dafür musste sie nichts weiter tun, als ein Bild zu malen.

Josefina warf den kleinen Beutel hoch und hörte zu, wie die Münzen klimperten. Es war so befriedigend, ihr eigenes Geld zu haben und dazu noch ein Dach über dem Kopf und genug zu essen für den Winter, alles aus eigener Kraft. Wie anders war ihr Leben noch vor einem Jahr gewesen! Jetzt war das Leben einfacher, freier. Sie ging hin, wo sie wollte, und blieb, solange sie Lust dazu hatte. Sie aß, sie trank, sie malte, was sie wollte. Sie war vierundzwanzig, kein Kind mehr. Niemand sagte ihr, was sie tun sollte, auch wenn es früher viele Menschen gegeben hatte, die es versucht hatten, die es auch heute noch versucht hätten. Männer wie Signor Bartolli. Nur dass niemand wusste, wo sie war.

Genau das wollte sie. Es gefiel ihr so gut, dass sie das luxuriöse Leben in der Villa ihres Vaters und all die Annehmlichkeiten, die sein Reichtum und sein Ruhm mit sich brachten, hinter sich gelassen hatte. Sein Tod hatte für sie die Freiheit bedeutet und sie war geflohen, sobald die Käfigtür geöffnet worden war. Wenn sie aus dem Beispiel ihres Vaters irgendetwas gelernt hatte, dann dass ein goldener Käfig immer noch ein Käfig war. Er hatte sein Leben lang vor seinen Auftraggebern gebuckelt, gemalt, was sie sich gewünscht hatten. Er hatte dort gelebt, wo sie lebten. Er konnte nicht reisen, wohin er wollte, und hatte die Orte, aus denen seine eigenen Träume gemacht waren, nie gesehen: die ägyptischen Pyramiden, die tropischen Inseln der Karibik, die bemalten Ureinwohner von Amerika. Sie aber würde es tun. Sie würde sich all das ansehen, es alles für ihn malen. Genau wie sie es ihm vor seinem Tod versprochen hatte.

Josefina sah zu den Sternen hinauf und verlor sich für einen Moment in der Fantasie, dass ihr Vater von hoch oben im Himmel zu ihr herabschaute. Was würde er wohl denken, wenn er sie jetzt sehen könnte? Würde er ihre Entscheidung gutheißen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen? Wäre er entsetzt, dass sie den Luxus aufgegeben hatte, für den er sein Leben lang gearbeitet hatte, um ein Vagabundenleben zu führen, um sich mitten in der Nacht auf den Feldwegen von einem verschlafenen Nest wie Seasalter herumzutreiben?

Sie hoffte, dass er ihre Entscheidung verstanden hätte. Sie hatte sich entschieden, das Versprechen zu halten, das sie ihm und auch sich selbst gegeben hatte. Sie würde nie wieder zurückkehren, auch wenn das bedeutete, dass sie weniger Kleider zum Anziehen hatte, von denen außerdem keines so elegant war wie die, die sie in ihrem Kleiderschrank zurückgelassen hatte. Selbst wenn es bedeutete, dass sie jeden Penny zweimal umdrehen und sich einer Schmugglerbande anschließen musste, wenn sie sich einem Abenteuer nach dem anderen stellen musste, solange sie unterwegs war. Sie wollte nicht die verwöhnte Tochter oder Ehefrau eines reichen Mannes sein, eine Prinzessin in einem Turm. Sie wollte frei sein.

Das sagte sie sich, wenn sie tief in der Nacht in ihrem warmem Bett im Wohnheim lag, doch in letzter Zeit schien das nicht mehr auszureichen. Sie warf den Beutel noch einmal. Sie hatte ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, die Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Und im Mai war sie frei, sich auf den Weg zu machen, frei, nach Amerika in See zu stechen. Was sollte es denn sonst noch geben? Sie hatte genug. Mehr als genug.

Er hatte genug gesehen. Die kleine Närrin glaubte wohl, sie konnte ein Verbrechen gegen die Krone dadurch verschleiern, dass sie sich mitten in der Nacht allein auf den Heimweg machte. Owen Gann brauchte kein Fernrohr, um die Dummheit zu erkennen, die darin lag, nicht einmal von hier oben vom Dachreiter seines Herrenhauses in Seasalter aus, von wo er auf die Küste von Kent hinabblickte. Heute Nacht hielt er hier oben unauffällig Wache, während Padraig O’Malleys Leute ihre monatliche Lieferung an Land brachten.

Er hatte nichts gegen Schmuggelei. Er war in Seasalter aufgewachsen und wusste sehr gut, dass sie für viele notwendig war, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Früher einmal war es ihm nicht anders ergangen. Heute verdiente er sein Geld auf ehrliche Weise, bei Tageslicht und ohne Furcht vor dem Gesetz. Das war offenbar nur einer der vielen Unterschiede zwischen ihm und ihr. Er war vorsichtig und beherrscht. Sie weder das eine noch das andere.

Ihr Lachen war von der Bucht her bis zu ihm hinauf zu hören. Es bewies, dass ihr jegliche Umsicht fehlte, jegliche Furcht. Im Mondschein trat ihr Profil deutlich hervor, als sie den Kopf in den Nacken warf. Ihre dunkle Gestalt wirkte geschmeidig. Sie trug Hosen, die ihrer Figur auch aus der Ferne betrachtet schmeichelten. Sie war im Mondlicht nicht zu verkennen: Josefina Ricci, der italienische Schützling von Artemisia Stansfield, Lady St. Helier, der führenden Künstlerin in Seasalter. Verdammt und zugenäht. Sie war die Letzte, die heute Nacht am Strand sein sollte, wo sie in illegale Geschäfte verwickelt war, die im Lichte des Vollmonds für jeden deutlich erkennbar waren, Steuereintreiber und berittene Beamte eingeschlossen.

Josefina Ricci war immer auf der Suche nach Nervenkitzel, das war von Anfang an klar gewesen. Aber Owen hatte nicht damit gerechnet, dass sie so weit gehen würde, sich an kriminellen Aktivitäten zu beteiligen. Er hatte vielleicht Verständnis für Schmuggelei, die Krone aber keineswegs. Jetzt holte er sein Fernrohr aus der Tasche und ließ seinen Blick noch einmal über den Strand schweifen, um sicherzugehen, dass die Schmuggler in Sicherheit waren. Die Bucht lag versteckt und im Augenblick waren keine Steuereintreiber in diesem Teil von Kent im Einsatz. Er war sich sicher, dass die Informanten der Schmuggler ihnen berichtet hatte, dass keine Gefahr bestand, aber dennoch, man konnte nicht vorsichtig genug sein. Und irgendjemand musste Josefina zuliebe Vorsicht walten lassen, wenn sie von sich aus nicht vorsichtig sein wollte. Padraig O’Malley würde es nicht sein. O’Malley war für seinen Wagemut berüchtigt, auch wenn Owen es nicht „Wagemut“ genannt hätte – er nannte es Leichtsinn. Er sah zum Himmel hinauf und fluchte noch einmal. Die Nacht war viel zu hell für jeden außer den unerschrockensten Schmugglern oder den verzweifeltsten.

Es war erst Januar und die See war rau, auf die Schmuggelbande von Seasalter traf wahrscheinlich am ehesten Letzteres zu. Im Winter gab es für Schmuggler wenig zu tun, der Ärmelkanal stellte ein unkalkulierbares Risiko für eine der beiden Haupteinnahmequellen der Familien von Seasalter dar, denn hier tobten monatelang Stürme mit Orkanböen. Austern waren die andere Möglichkeit. Austern konnten zwar im Januar geerntet werden, wenn das Meer mitspielte, aber das Fehlen von sicheren Einkünften aus dem Schmuggel im Winter sorgte hier für lange Zeiten der Eintönigkeit, unterbrochen nur vom jährlichen Weihnachtsfest der Kunstschule und seinem eigenen „Austernball“ im Februar, auf dem die Leute fröhlich sein und sich für den Rest des Winters wappnen konnten.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Strand sicher war, steckte Owen sein Fernrohr weg. Sicherer Strand hin oder her, das änderte nichts an seiner Meinung. Die Landung heute Nacht war zu gefährlich, aber andererseits konnte er sich den Luxus einer solchen Meinung leisten. O’Malley hingegen nicht. Owen erinnerte sich noch gut an die Zeit, als er das auch nicht gekonnt hatte, an die langen Winter seiner Kindheit, als sich seine Familie in den kalten Monaten von Oktober bis April hatte durchschlagen müssen und ihr Einkommen durch Schmuggel und ein bisschen Fischerei aufgebessert hatte, und dann an die Zeit, als die Verantwortung für das Einkommen seiner Familie allein auf seinen eigenen jugendlichen Schultern geruht hatte.

Damals war die Bruderschaft der Schmuggler die Rettung für seine Familie gewesen. Er würde sie jetzt, da er eigenes Geld hatte und ihre Unterstützung nicht mehr brauchte, nicht im Stich lassen. Sie war für ihn da gewesen und er war für sie da gewesen. Diese Männer heute Nacht da draußen am Strand hatten vielleicht keine Wahl, aber sie schon. Er hätte gern gewusst, was Josefina Ricci dazu trieb, da draußen den Mond anzuheulen – eine Handlung so unvorsichtig wie die Landung selbst.

Und ihr Anblick dabei zog ihn an, traf ihn bis tief ins Mark.

Auch wenn ein Teil von ihm sich darüber ärgerte, dass sie so leichtsinnig gewesen war, sich O’Malley anzuschließen – wie konnte sie es wagen, so ein Risiko einzugehen, nach allem, was Artemisia für sie getan hatte? Ein anderer Teil von ihm jubilierte, wenn auch vorsichtig. Der Teil von ihm, der sich angewöhnt hatte, in Schmuggelnächten mit seinem Fernrohr auf den Dachreiter zu klettern, um die Bande aus der Ferne zu beschützen. Er redete sich ein, dass er sich das angewöhnt hatte, weil er den Schmugglern etwas schuldig war, weil er einen leichtsinnigen kleinen Bruder hatte, den er beinahe verloren hatte. Aber wahrscheinlich steckte hinter seiner erhöhten Wachsamkeit mehr als das.

Josefina erinnerte ihn an seinen Bruder Simon. Sie war ebenfalls ein Freigeist, ein frischer Wind in jedem Raum, den sie betrat. Wie Simon war sie leichtsinnig. Sie konnte einfach nicht anders. Leichtsinn gehörte zu ihrem Wesen. Selbst die Umstände ihrer Ankunft waren von Leichtsinn durchdrungen gewesen – ihre Anwesenheit in Seasalter war das Ergebnis einer Wette um weibliche Talente in der Malerei, die Artemisia Stansfield, die Leiterin der Kunstschule, mit ihrem Erzfeind Sir Aldred Gray abgeschlossen hatte.

Es hieß, dass Artemisia und ihre Schwester Adelaide Josefina zufällig unter den Straßenkünstlern von Covent Garden aufgegabelt hatten, um sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern, als Wiedergutmachung und als Rache, nachdem Sir Aldred festgestellt hatte, dass eine Frau nicht so gut malen konnte wie ein Mann – und eine Frau auf gar keinen Fall einer anderen beibringen konnte, so gut zu malen wie ein Mann. Er hatte damit Artemisias Kunstschule beleidigen wollen und Artemisia hatte sofort reagiert, sie hatte noch an Ort und Stelle mit Sir Aldred gewettet, dass sie eine umherziehende Künstlerin vom Markt holen und eine Künstlerin aus ihr machen konnte, die auf der Frühjahrsausstellung der Royal Academy einen Preis gewann. Hundert Pfund standen auf dem Spiel, aber Owen wusste, dass es um mehr ging als das Geld.

Als er Josefina in dieser Nacht beobachtete, fragte Owen sich jedoch, ob sich die gefürchtete Artemisia nicht doch zu viel zugemutet hatte. Wusste sie, dass sich ihr neuer Schützling mit Padraig O’Malleys Schmugglerbande herumtrieb? Er hatte Josefina in der Schule, bei der Zusammenkunft zum Ferienende, das erste Mal gesehen. Sie hatte richtiggehend gefunkelt, war der Mittelpunkt des Fests gewesen. Ganz gleich, wo er hingesehen hatte, sie war dort gewesen. Das Rot ihres Kleides war nie ganz aus seinem Sichtfeld verschwunden. Ihr helles, klares Lachen hatte sein Ohr auch durch die unzähligen anderen Gespräche hindurch erreicht. Nachdem an diesem Abend die Möbel zur Seite gerückt und der Teppich zusammengerollt worden waren, hatte er sie ein paar Mal zu einem der zwanglosen Volkstänze aufgefordert.

Sie war an diesem Abend wie eine lachende, lebhafte Flamme gewesen, die alles, was ihr begegnete, in Brand steckte, und daran hatte sich seitdem auch nichts geändert. Es gab Gerüchte, dass sie bei einer Zusammenkunft im Dorf, im Crown, dem einzigen Gasthaus von Seasalter, ordentlich getrunken, mit Padraig O’Malley auf den Tischen getanzt und sich sogar von ihm hatte küssen lassen. Es war ein öffentlicher Kuss unter allgemeinem Gelächter gewesen, wegen so etwas musste ein Mann nicht eifersüchtig sein, aber es hatte ihn trotzdem beunruhigt. Owen wollte der Mann sein, der mit ihr auf den Tischen tanzte, der, mit dem sie eine Flasche billigen Schnaps trank, den sie um Mitternacht küsste. Er wusste, dass das nicht in Ordnung war, aber so war es. Er war eifersüchtig auf Padraig. Er war wahrscheinlich zehn Jahre älter als sie; er trank nicht aus der Flasche und machte keine risikoreichen Geschäfte bei Vollmond. Aber manchmal, wenn die Nacht so hell war wie heute, und er die Last seiner Verantwortung spürte, wünschte er sich, er könnte es.

Wie es wohl wäre, wieder so jung zu sein? So frei? Mit niemandem, der von einem abhängig war? Er war jetzt fast vierzig. Er führte ein Austernimperium, das Meeresfrüchte nach London und an den habsburgischen Hof verkaufte. Er hatte eine ganze Reihe von Austernfabriken an der Küste von Kent: Seasalter, Whitstable, Haversham.

Er hatte es weit gebracht, seitdem er als Fünfzehnjähriger mit Schmugglern im Bunde gewesen war, damit er Medikamente für seine kranke Mutter kaufen konnte, seitdem er als Sechzehnjähriger mit seinem Vater auf den Austernbänken der Familie gearbeitet und als Siebzehnjähriger – nach dem Tod seines Vaters – die Verantwortung für seinen Bruder übernommen hatte. In seinen Zwanzigern hatte er alle Möglichkeiten genutzt, die sich ihm geboten hatten, und so der Kette aus Verantwortlichkeiten noch ein weiteres Glied hinzugefügt.

Er war nicht länger Owen Gann, der Austernmann, sondern Owen Gann, der Austernkönig von Seasalter, von ganz Kent – diesen Titel hatte er sich ein Leben lang erarbeitet, damit niemand, der auf ihn angewiesen war, unter Geldmangel leiden musste, wie seine Mutter es getan hatte. Aber selbst hehre Ziele hatten ihren Preis. Dieses Ziel hatte ihm einen Preis abverlangt, an den er sich erinnerte, wenn er Josefina Ricci ansah, sein Blut zu singen und sein Geist vor Sehnsucht zu beben begann. Er wünschte sich nicht, dass längst vergangene Zeiten wieder zum Leben erwachten, sondern, dass ihm die Tage, die vor ihm lagen, etwas anderes brachten – weniger Buchführung und mehr … andere Dinge.

Eine Wolke schob sich vor den Mond, sodass er die Schmuggler am Strand nicht mehr erkennen konnte. Josefinas lebhafte Gestalt verschwand aus seinem Blickfeld, als sie die Straße betrat, die die zwei Meilen bis zur Kunstschule führte. Owen stand noch eine Weile in der Dunkelheit und dachte über seine Möglichkeiten nach, auch wenn er die Antwort schon kannte. Er würde sich nicht auf die faule Haut legen, während Artemisias Schützling allein durch die Nacht lief. Er hatte zu arbeiten. Er war gerade dabei, eine riesige Investition zu tätigen, die er schon seit Jahren plante, aber seine Bücher würden ihn nicht zu Gesicht bekommen, ehe sie sicher zu Hause angekommen war.

Owen drehte sich um und machte sich auf den Weg nach unten. Wenn er sich beeilte, konnte er sie noch vor der Abzweigung nach Faversham einholen. Seine Bücher kamen sicher einen Abend lang ohne ihn aus. Reiche Männer machten abends die Buchhaltung, so viel hatte er gelernt. Sie zählten ihr Geld und überlegten sich anschließend, wie sie es vermehren konnten. Leider bewegten ihn diese Aussichten viel weniger als früher. Vielleicht hatte ein Mann einfach irgendwann genug, und vielleicht hatte er diesen Punkt erreicht.

2. KAPITEL

Josefina war gerade an der Abzweigung angekommen, als sich ihr eine große, breitschultrige Gestalt in den Weg stellte. Ihr erster Gedanke war, dass Padraig ihr gefolgt war. Josefina umfasste den Griff des Messers, das sie an der Taille trug. Ihr Misstrauen war nicht direkt Furcht; sie weigerte sich, Angst vor einem Mann zu haben. Im Mondlicht war sein weißgoldenes Haar zu sehen und sie löste den Griff um ihr Messer. Sie kannte den Mann, Padraig war es nicht. Er war sogar das genaue Gegenteil von Padraig.

„Mr. Gann, was für eine seltsame Zeit für einen Spaziergang.“ Er trug Stiefel, einen Mantel und eine Weste, doch darunter war sein Hemd aufgeknöpft, als wäre er bereits dabei gewesen, sich für die Nacht zurückzuziehen. Wohin zurückzuziehen? Das Bett einer Geliebten? War er auf dem Weg nach Hause? Es war nicht unmöglich, dass der begehrteste Junggeselle von Kent irgendwo eine geheime Affäre hatte, aber vielleicht … unwahrscheinlich? Er war der rechtschaffenste Mann, den man sich vorstellen konnte.

„Für Sie auch, Signorina Ricci“, erwiderte er mit Nachdruck und fiel mit ihr in Gleichschritt. Sie hätten auch auf einem Nachmittagsspaziergang sein können. „Weiß Lady St. Helier, dass sich eine ihrer Schülerinnen nachts allein herumtreibt?“

Josefina warf den Kopf zurück. „Ich bin wohl kaum eins von den Mädchen. Die Älteste von den anderen ist sechzehn.“

„Und Sie sind so viel älter, ist das der Punkt? Erfahren genug, um im Dunkeln allein unterwegs zu sein?“ Gann lachte verhalten, ein tiefer, skeptischer Bariton in der Nacht. „Was hätten Sie getan, wenn ich kein so ehrenhafter Mensch wäre?“ Er beugte sich dich zu ihr hinüber und sie konnte seine nach Salbei und Rosmarin duftende Seife riechen. Er war ehrenwert und anspruchsvoll. „Ich könnte auch ein Steuereintreiber sein. Oder Padraig O’Malley. Ein hübsches Kopfschütteln ist nicht genug, damit so einer einen in Ruhe lässt.“

Josefina verzog das Gesicht. „Das haben Sie gesehen?“ Sie überlegte genau, was in dieser Bemerkung alles enthalten war. Er hatte nicht nur gesehen, dass sie schmuggelten, sondern auch Padraig und seine Vertraulichkeiten am Strand.

Gann zuckte nachlässig mit den Schultern. Seine Schultern waren breit, ganz und gar nicht die eines Gentleman. „Das hätte jeder sehen können. Wenn man bei Vollmond eine Ladung annimmt, muss man schon sehr verzweifelt sein. Sind Sie verzweifelt, Signorina, oder nur leichtsinnig?“ In seinen Worten lagen Spott und Tadel.

„Sie haben etwas dagegen“, wehrte sich Josefina. Etwas gegen Schmuggler. Etwas gegen Padraig O’Malley, vielleicht sogar dagegen, ein wenig Freude an aufregenden Momenten im Leben zu haben. Sie waren bis zu der Stelle gekommen, wo der Weg zur Schule von der Straße abzweigte. Er hatte etwas dagegen und dennoch war er hier. „Sind Sie gekommen, um mich zu tadeln oder um mich sicher nach Hause zu bringen?“

„Vielleicht beides, Signorina.“ Gann lächelte ein wenig und entfernte sich einen Schritt von ihr. „Ich denke, von hier aus kommen Sie allein weiter, ohne sich in Schwierigkeiten zu bringen?“

Es lag ihr auf der Zunge, ihm zu sagen, dass sie den ganzen Weg auch ohne seine Hilfe geschafft hätte, aber er hatte sie bereits allein gelassen, sein breiter Rücken und sein blondes Haar verschwanden in der Dunkelheit. Josefina wäre es am liebsten gewesen, wenn er genauso leicht aus ihren Gedanken verschwunden wäre, aber er schien entschlossen, dort zu bleiben, denn sie dachte an nichts anderes mehr, als daran, dass er gekommen war, um sie um Mitternacht nach Hause zu begleiten. Wie interessant. Er kannte sie kaum. Was er über sie wusste, stammte von Lady St. Helier und war auf einen oder zwei Tänze beim Fest zum Ferienende beschränkt. Darauf gründete sich kaum etwas anderes als eine Bekanntschaft.

Nicht, dass sie auf der Suche nach etwas anderem gewesen wäre. Sie hatte ihr Messer, um sich zu verteidigen, und ihre Zeit in Seasalter war auf wenige Monate begrenzt. Wenn der Mai kam und das Wetter besser wurde, wollte sie die Welt sehen und inzwischen hatte sie auch Geld zum Reisen. Sie war nicht auf der Suche nach einer Verbindung. Und er? Was hatte ihn zu seinem nächtlichen Ausflug veranlasst?

Eine Frau musste diese Fragen immer stellen, auch wenn der Mann rechtschaffen wirkte. Es war eine Möglichkeit, wie sich eine kluge Frau schützen konnte. Das hatte sie schon zu Hause gelernt, aus einer enttäuschenden Begegnung mit Signor Bartolli, einem Mann, den sie für einen Freund gehalten hatte. Enttäuschend war ein milder Ausdruck für das, was letztendlich zwischen ihnen vorgefallen war. Er hatte ihr im Tausch für posthumen Zugang zu dem Namen und dem guten Ruf ihres Vaters angeboten, sie zu heiraten. Er hatte sich mehr für sie als Weg zum Ruhm interessiert, als für sie selbst. Er hatte sich auf jeden Fall nicht für ihr Nein als Antwort interessiert, sondern auf verschiedene Weise, unter anderem durch Drohungen und Gewalt, deutlich gemacht, dass seine Frage, ob sie ihn heiraten wollte, rein rhetorisch gewesen war. Männer boten einem gar nichts, nicht einmal ihren Schutz, ohne Gegenleistung an. Wahrscheinlich gehörte „ohne Gegenleistung“ nicht einmal zu Ganns Wortschatz. Er war wohlhabend und in der Welt solcher Männer hatte alles seinen Preis. Diese Welt war ein riesengroßes Kassenbuch.

Gann war überhaupt nicht ihr Typ. Der Tadel heute Abend in seiner Stimme bewies es. Owen Gann hatte kein bisschen Abenteuerlust. Er mochte Sicherheiten. Geschäftsleute wurden nicht reich, weil sie Risiken eingingen. Ihre Risiken waren wohl bedacht, mit genau berechneten Wahrscheinlichkeiten. Sie wusste, dass er sein ganzes Leben in Kent verbracht hatte. Sie wollte die Welt sehen. Er hatte etwas gegen Leichtsinn an sich; sie begrüßte ihn. Sie und er hätten nicht verschiedener sein können. Und doch hatte sie einen einzigen leisen Gedanken im Kopf, als sie einschlief: Er war gekommen, um sie nach Hause zu bringen.

Er war gekommen, um sie zu verpetzen! Am nächsten Morgen hörte Josefina Stimmen im Empfangssalon der Schule. Sie blieb wie angewurzelt stehen und ihr stockte vor Schreck der Atem. Sie presste sich so dicht wie möglich an die Wand im Korridor, damit man sie vom Salon aus nicht sehen konnte. Sie musste sich zuerst überlegen, was sie sagen wollte. Von ihrem Platz aus konnte sie allerdings beide sehen – Lady St. Helier und ihn, Owen Gann. Was für ein merkwürdiges Verständnis von männlicher Ehre, ein Gentleman musste die Geheimnisse einer Lady doch wahren.

Hatte Lady St. Helier sie deswegen in den Salon kommen lassen? Damit Gann sie für ihre Verbrechen zur Rede stellen konnte? Was würde Lady St. Helier von ihr denken? Würde sie sie wegschicken? Bei dieser Vorstellung verfiel Josefina für einen Moment in Panik. Sie wollte die Sicherheit der Schule nicht im tiefsten Winter aufgeben. Hier war meilenweit nichts. Es würde Tage dauern, nach London zu gelangen, auch wenn ein Pferd oder eine Kutsche eine Tagesreise daraus machen konnten. Es wäre auf jeden Fall unangenehm. Sie würde ihre schwer verdienten Ersparnisse dafür brauchen, den Winter zu überstehen, und im Frühling kaum noch etwas zum Reisen übrig haben.

Sie hatte also ganz praktische Gründe dafür, Seasalter noch nicht zu verlassen. Aber ihr Gewissen sagte ihr, dass sie ehrlich sein musste. War sie nur aus diesen praktischen Gründen in Panik geraten? Oder lag es daran, dass sie sich nach den drei Wochen hier bereits wohlzufühlen begann? Eingelullt von warmen Mahlzeiten und einem warmen Bett? Ganz sicher nicht. Sie verwarf den Gedanken. Sie musste das Versprechen halten, das sie ihrem Vater gegeben hatte. Sie würde jetzt nicht klein beigeben, nachdem sie so weit gekommen war, und Lady St. Helier auch nicht. Sie richtete sich kerzengerade auf. Die Wette bedeutete ihrer Lehrerin viel zu viel. Wenn sie ihren sorgfältig ausgewählten Schützling auf die Straße setzte, kam das einer Niederlage gleich. Nach allem, was Josefina über Lady St. Helier wusste, war sie keine Frau, die eine Niederlage einfach hinnahm, schon gar nicht gegen einen Mann. Sie würde sie nicht hinauswerfen, ganz gleich, was Owen Gann zu sagen gehabt hatte.

„Ich weiß nicht, wo Josefina bleibt. Ich habe ihr gesagt, sie soll sofort kommen.“ Lady St. Heliers Stimme drang bis in den Korridor.

„Ich habe Zeit.“ Gann schwieg einen Moment. „Vielleicht ist sie dagegen?“

Josefina runzelte die Stirn. Das Gespräch klang nicht so, als wäre Gann gekommen, um sie zu verpetzen. Ihre Neugier war geweckt, zu sehr, um zu behaupten, dass sie Kopfschmerzen hatte und sich von einem Dienstmädchen entschuldigen zu lassen. Josefina strich ihre Röcke glatt und betrat den Salon. Dabei rang sie sich eine höfliche Entschuldigung ab. „Lady St. Helier, es tut mir leid, dass ich zu spät bin.“ Sie machte einen kleinen Knicks und richtete den Blick dabei auf den Boden. Ihr Vater hatte immer gesagt, dass es nie schadete, wenn man ein bisschen Demut zeigte. Auf jeden Fall war es besser, zu Boden zu blicken, als Owen Gann in die Augen zu sehen. Es war immer noch möglich, dass er sie bloßstellte.

Lady St. Helier forderte sie mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen. „Sie erinnern sich doch an unseren Gast, Mr. Gann? Sie haben ihn auf unserem kleinen Fest kennengelernt.“

„Ja, ich erinnere mich an ihn.“ Jetzt hatte sie keine andere Wahl, als ihn anzusehen. Er war heute ausgesprochen anständig angezogen; sein Hemd war bis oben zugeknöpft, seine gemusterte Weste ebenfalls, seine Krawatte sorgfältig gebunden. Der Mann, der um Mitternacht nachlässig gekleidet neben ihr hergegangen war, war verschwunden. Die Stiefel dieses Mannes waren auf Hochglanz poliert, seine Hose gebügelt und ... Nun ja, auf seine Hosen kam es nicht an. Ein Mädchen sollte sich nicht damit befassen, wie eng die Hosen eines Mannes saßen. In der Dunkelheit um Mitternacht war so etwas nicht zu erkennen gewesen. Bei Tageslicht war es jedoch etwas ganz anderes, ohne seinen Mantel, der alles verdeckte, war es nicht leicht, seine Oberschenkel zu übersehen.

Josefina zwang sich, den Blick auf sein Gesicht zu richten – so war es bestimmt sicherer. Aber der Anblick seines perfekt frisierten Haars, das im Morgenlicht golden glänzte, war ganz und gar nicht sicherer, genauso wenig wie sein markantes, perfekt rasiertes Kinn. Von seinen blauen Augen ganz abgesehen, mit denen er sie ruhig und heiter ansah. Sie erstarrte. Er lachte über sie, insgeheim nur, aber sein Blick ließ keinen Zweifel daran. Sie musste ihm klarmachen, dass seine Anwesenheit sie nicht berührte. „Was führt Sie heute Morgen zu uns, Mr. Gann?“

„Sie, Signorina Ricci.“ Er lächelte und seine Augen funkelten dabei immer noch.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein kann“, erwiderte sie kühl. Das war alles ein Spiel für ihn. Er spottete über sie, wedelte vor ihren Augen mit ihrem Geheimnis, sodass das Gespräch insgeheim voller Andeutungen war. Sie hatte ihm nicht zugetraut, dass er so verschmitzt sein konnte. Am Abend des Fests hatte er, außer als er mit ihr getanzt hatte, mit älteren Männern in einer Ecke gestanden und sich mit ihnen unterhalten.

„Das können Sie nicht, ja?“ Er lachte verhalten und ließ anschließend das Schweigen so lang werden, dass es unangenehm war.

Lady St. Helier sah sie nacheinander über den Rand ihrer Teetasse hinweg an. Dann stellte sie sie ab und räusperte sich. „Ich habe über das Gemälde für die Wette mit Sir Aldred nachgedacht, Josefina. Nachdem ich mir Ihre Arbeit angesehen hatte, habe ich beschlossen, dass Sie ein Porträt malen sollten. Auf diese Weise könnten Sie Ihre gegebenen und die hier erworbenen Fähigkeiten am besten zeigen. Mr. Gann hat sich bereit erklärt, Ihnen Modell zu sitzen.“

Josefina starrte Lady St. Helier an. Enttäuschung überkam sie. „Ich hatte mir überlegt, ein Landschaftsbild zu malen.“ Landschaftsbilder waren ihre Spezialität.

„Ich möchte für die Wette ein Porträt haben. Es ist immerhin meine Wette.“ Lady St. Helier war höflich nachdrücklich und in Josefina flammte Wut auf, obwohl sie die Bedingungen gekannt hatte. Natürlich lag die Entscheidung bei Lady St. Helier. Aber das verhinderte nicht, dass die Erinnerung schmerzte. Wie oft hatte man ihrem Vater ähnliche Befehle gegeben?

„Aber natürlich, Mylady. Es war nur ein Vorschlag.“ Josefina hielt den Blick auf ihren eigenen Schoß gerichtet. Vielleicht war das genau der Anstoß, den sie brauchte, um sich nicht einlullen zu lassen. Sie war nur vorübergehend in Seasalter. Sie würde Lady St. Helier dabei helfen, die verfluchte Wette zu gewinnen, und sich im Frühling auf den Weg machen. Wie sie es versprochen hatte.

„Lady St. Helier hat vor ein paar Jahren mit einem Porträt gewonnen.“ Gann versuchte zu schlichten. „Sie können keine bessere Mentorin finden.“ Sie durchbohrte ihn für seine Mühe mit ihrem Blick. Sie hatte früher schon Mentoren gehabt. Der Künstlerkreis ihres Vaters war voll davon gewesen, von Männern, die sie als Onkel betrachtet hatte und die ihr geholfen hatten, ihr Handwerk zu erlernen. Dieselben Männer hatten ihr Stellen in ihren Werkstätten angeboten, als ihr Vater krank geworden war. Einer oder zwei von ihnen, unter anderem Signor Bartolli, hatten ihr sogar mehr angeboten. Aber sie war weder an einer Lehrstelle noch an einer Ehe interessiert gewesen. Beides führte zum selben Ergebnis: dem Verlust ihrer Freiheit.

Lady St. Helier erhob sich und wollte hinausgehen. „Das hätten wir geklärt, dann lasse ich Sie beide jetzt die Einzelheiten besprechen. Wenn ein paar erste Skizzen fertig sind, können wir uns über Ihre Vorgehensweise unterhalten, Josefina.“

Gann ergriff erst wieder das Wort, als Lady St. Helier verschwunden war. „Vielleicht haben Sie nichts gegen das Porträt, sondern gegen das Modell.“

„Ich bin nicht enttäuscht, sondern nur überrascht von, ähm, der Angelegenheit, in der Sie heute Morgen hier sind“, stellte sie höflich fest.

„Sie finden einen Freundschaftsbesuch merkwürdig?“ Er grinste. Er spielte schon wieder mit ihr, aber dieses Mal war sie darauf vorbereitet.

Sie wies mit einem Nicken auf die beiden unbenutzten Teetassen auf dem Tablett. „Freundschaftsbesuche in England sind mit Teetrinken verbunden. Sie hatten keinen.“

„Ich trinke das Zeug nie.“ Gann lachte leise, sein Bariton hörte sich genauso an wie letzte Nacht auf der Straße. „Ist Tee nichts für Italienerinnen?“

„Nicht wirklich. Wir trinken gerne Kaffee, wenn er auf die türkische Art zubereitet ist.“ Türkischer Kaffee, stark und heiß, wie sie ihn in den Cafés an den Kanälen von Venedig getrunken hatte, als sie und die Freunde ihres Vaters den Gondeln nachgesehen hatten. Die ganze Welt kam nach Venedig. Vielleicht hatte ihr Vater Venedig deswegen mehr geliebt als jeden anderen Ort. Venedig hatte die Welt zu ihm geführt, als er nicht hinaus in die Welt gehen konnte.

„Ich habe davon gehört.“ Gann lächelte zögernd und sah sie nachdenklich an. „Nach Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen ist das ein Vergnügen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.“ Er wurde ernst. „Sie dachten, ich bin hier, um Artemisia von Ihren Streichen von letzter Nacht zu erzählen.“ Er sprach leise, vertraulich, damit niemand sie belauschen konnte. Selbst jetzt wahrte er noch ihr Geheimnis.

„Ja, das dachte ich.“ Josefina sah ihm direkt in die Augen. „Es ist allerdings kein Streich, sondern Arbeit.“

Er schreckte vor ihrem Tadel nicht zurück. „Es ist gefährlich, ganz gleich, wie Sie es nennen. Sie sind nicht von hier, vielleicht ist Ihnen das nicht ganz klar. Schmuggler werden gehenkt oder deportiert und man kennt keine Gnade mit ihnen. Die Krone hat schon Kinder für Schmuggelei aufgehängt. Sie wird bei einer Frau nicht zögern.“

Josefina warf den Kopf zurück. „Ich glaube kaum, dass es um eine so große Summe geht.“

Gann sah sie an und zog dabei eine seiner blonden Augenbrauen hoch. „Vor ein paar Jahren hat allein der Teeschmuggel die Krone sieben Millionen Pfund gekostet.“ Erwischt. Sie hätte es besser wissen müssen, als ihn in Geldangelegenheiten herauszufordern.

„Vielleicht denken Sie beim nächsten Mal darüber nach, wenn O’Malley sie fragt, ob Sie mitmachen. Das ist für die Krone keine Kleinigkeit. Sie erwischen so wenige Schmuggler, dass sie an allen, die fangen, ein Exempel statuieren.“ Er schwieg einen Moment und streckte die Hand nach einem Zitronensahnetörtchen auf dem Teetablett aus. „Ich mache mir nichts aus Tee, aber das Gebäck schmeckt mir. Meine Schwägerin Elianora stellt es in ihrer Bäckerei her. Ich muss zugeben, dass ich eine Schwäche für Süßes habe.“

Ein reicher Mann hatte eine Bäckerin als Schwägerin? Er war wohl nicht immer reich gewesen. Das war ein interessantes Detail, das in das Gespräch eingeflossen und anschließend gleich unter den Tisch gekehrt worden war.

Er biss in das Biskuittörtchen und musterte sie, während das Schweigen zwischen ihnen immer länger wurde. „Ich will, dass Sie mir Ihr Wort geben, dass Sie sich nicht noch einmal mit dieser Bande einlassen. Es ist zu gefährlich.“

„Wir werden schon nicht erwischt“, widersprach Josefina, die nicht zugeben wollte, dass die Gefahr tatsächlich bestand. „Die Bucht liegt versteckt und Padraig sagt, dass er den berittenen Beamten in der Tasche hat.“

„Einen von ihnen ja“, widersprach Owen und aß sein Törtchen auf. „Aber nicht alle. Lieutenant Hawthorne auf jeden Fall nicht. Er ist neu, er ist ehrgeizig und im Augenblick ist er ganz allein auf seinem Posten, ohne dass unser Mann ihn bändigen kann. Unser Mann verbringt den Winter auf Befehl der Krone in der Stadt. Er kommt nicht vor dem Frühjahr zurück.“ Owen verzog das Gesicht. „Das ist aber nicht der einzige Grund, warum es gefährlich ist. Ich würde niemandem empfehlen, sich um Mitternacht mit Padraig O’Malley irgendwo herumzutreiben. Das könnte alle möglichen unbeabsichtigten Folgen haben.“

Zum Beispiel dass man Lady St. Helier verständigte? Josefinas Wut flammte wieder auf. Er versuchte, ihr Leben mit väterlicher Erpressung zu ordnen. Das würde sie nicht zulassen. Sie stand auf und beendete damit das Gespräch. „Ich möchte nicht, dass mir irgendjemand sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe, Mr. Gann. Sie haben kein Recht dazu. Ich male ein Porträt von Ihnen. Das ist alles.“

„Sie missverstehen mich, Signorina.“ Sein Tonfall war streng, als er aufstand, um ihr die Stirn zu bieten, überragte er sie weit. „Ich habe nicht vor, Ihnen meinen Willen aufzuzwingen. Aber da Lady St. Helier keine Kenntnis von Ihren geschäftlichen Verbindungen hat, kann Sie Ihnen auch keinen Rat geben. Deshalb muss jemand anderes Sie daran erinnern, dass alles, was Sie tun, auf diese Schule und auf sie zurückfällt. Sie haben hier alle Möglichkeiten. Sorgen Sie nicht dafür, dass sie es bereut.“

Bei dieser Mahnung regte sich allerdings ihr Gewissen, aber natürlich würde sie sich das vor Gann niemals anmerken lassen. Sie wollte nicht, dass die Schule in einen Skandal verwickelt wurde, aber sie brauchte das Geld und sie brauchte den Nervenkitzel. „Ich weiß Ihre Sorge sehr zu schätzen, Mr. Gann. Ich versichere Ihnen, dass ich in allen Belangen auf mich selbst aufpassen kann.“ Sie nickte und drehte sich um. In der Tür blieb sie stehen. „Gestern Nacht haben Sie mich gefragt, was ich getan hätte, wenn nicht Sie der Mann auf der Straße gewesen wären.“ Sie sah ihm über ihre Schulter hinweg in die undurchdringlichen blauen Augen. „Ich hätte ihn aufgeschlitzt.“

3. KAPITEL

„Ich habe gehört, dass du dich malen lässt.“ Simon Gann ließ sich auf den Ledersessel sinken, der Owens Schreibtisch gegenüberstand. Im Kamin hinter ihm prasselte ein gemütliches Feuer und die geschnitzte Uhr auf dem Sims läutete friedlich acht Uhr abends. Alles war in Ordnung oder zumindest so gut wie. Owen musste zugeben, dass der Besuch seines Bruders ihn neugierig und besorgt machte.

„Ist es nicht ein bisschen spät für einen Besuch?“, witzelte Owen, nachdem er sich versichert hatte, dass es keine schlechten Nachrichten über seine Schwägerin und seine vor ein paar Wochen zur Welt gekommene Nichte gab. Er sah seinen Bruder seltener, als ihm lieb gewesen wäre. Simon hatte als Bäcker, Ehemann und jetzt auch als Vater viel zu tun.

„Ellie hatte die Idee, dass ich herkomme.“ Simon grinste auch ein Jahr nach der Hochzeit noch jedes Mal, wenn der Name seiner Ehefrau fiel. „Sie sagt, dass ein Mann ein bisschen Abstand vom Alltag braucht.“

Das war großzügig von ihr, wo sie doch vor Sonnenaufgang die Backstube öffneten, um das Morgenbrot zu backen, und sie sich um ein Neugeborenes kümmern musste. Außerdem war es klug, fand Owen. Simon und Ellie wohnten mit Ellies Vater zusammen über der Bäckerei. Die Wohnung war gemütlich, aber klein, nach der Ankunft des Kindes noch beengter. „ich kann mir vorstellen, dass es schön ist, einen Augenblick seine Ruhe zu haben“, sagte Owen. „Babys sind ein lautstarker Segen.“

Simon runzelte für einen Moment die Stirn. Dann hatte er verstanden und musste lachen. „Oh nein, Ellie hat nicht mich gemeint. Sie hat dich gemeint. Sie findet, dass du zu viel arbeitest.“

Das war nicht ganz falsch. Mit dem Austernball im Februar und seinem Investitionsprojekt waren seine geistigen und finanziellen Möglichkeiten so gut wie ausgeschöpft. „Ich arbeite immer viel“, wiegelte Owen ab. „Bist du sicher, dass sie nicht dich gemeint hat?“, spottete er gutmütig und Simon lachte.

„Nun ja, vielleicht hat sie uns beide gemeint. Meine Ellie ist eine aufmerksame Frau. Es ist schön, einen Augenblick Ruhe in Gesellschaft von einem anderen Mann zu haben“, räumte Simon ein. „Aber ich habe trotz des Geschreis keinen Grund, mich zu beklagen. Meine Tochter ist ein Engel und meine Frau ist eine Heilige. Sie steht jede Nacht zweimal mit dem Baby auf und kümmert sich trotzdem um das Morgenbrot und alles andere.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie sie das schafft.“

„Ich könnte es ihr einfacher machen. Euch beiden. Mein Angebot steht noch. Hier ist genug Platz für eine Familie“, sagte Owen. „Ellie bräuchte sich nicht um die Hausarbeit zu kümmern und mit dem Baby würde ihr auch jemand helfen.“

„Wir wollen niemandem zur Last fallen“, lehnte Simon höflich ab.

„Das würdet ihr nicht und es wäre doch auch nur vorübergehend, wenn es das ist, worüber du dir Sorgen machst.“ Owen konnte ihm genauso freundlich widersprechen wie Simon ablehnen. Er ging zu den Karaffen auf der Anrichte hinüber und schenkte zwei Gläser Brandy ein, von denen er eins seinem Bruder reichte. „Wir könnten euch im Frühling ein Haus bauen. Das Grundstück neben der Kirche steht zum Verkauf und es wäre außerdem näher an der Bäckerei.“

Simon schüttelte den Kopf. „Ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber Ellie und ich sind mit dem, was wir haben, zufrieden.“ Er trank einen Schluck Brandy und lächelte nachdenklich. „Weißt du noch, als wir Kinder waren, da dachten wir immer, die Wohnung über der Bäckerei wäre die vornehmste, die es gibt. Die Foakes hatten vier ganze Zimmer, die wegen des Ofens immer warm waren und nach Brot und Brötchen geduftet haben.“

Owen nickte. Das Haus der Foakes war ihnen in ihrer Kindheit immer als ideales Zuhause erschienen, wo niemand hungern musste. Brot gab es immer und nach dem Abendessen sogar fast jeden Abend einen Nachtisch. Wie anders war es da in der dunklen, oft kalten Fischerhütte gewesen, in der Simon und er aufgewachsen waren, wo nicht sicher war, ob es ein Abendessen gab, von Nachtisch ganz zu schweigen.

Simon reckte sich mit weit ausgebreiteten Armen herzhaft in seinem Sessel. „Jetzt lebe ich diesen Traum, Owen.“ Er zwinkerte ihm zufrieden zu. „Und ich darf noch dazu jeden Abend mit der Tochter des Bäckers ins Bett gehen.“

Owen nippte an seinem eigenen Glas und lehnte sich an die Anrichte. Simon war früher auf der Suche nach Gewürzen durch den Nahen Osten gereist. Er hatte sich ein eigenes Vermögen aufbauen wollen, anstatt in die Firma seines Bruders einzutreten und an Owens Rockzipfel zu hängen. Dieses Abenteuer hätte Simon fast das Leben gekostet. Sein Schiff war gesunken und Simon hatte so lange auf einer Insel vor der Ostküste von Afrika festgesessen, dass man ihn für tot gehalten hatte. Owen gönnte ihm das Glück, das er gefunden hatte, von Herzen.

„Habt ihr noch einmal darüber nachgedacht, eine Bäckerei in London zu eröffnen?“ Simon und Ellie hofften, dass sie Ellie als bevorzugte Lieferantin für süße Köstlichkeiten bei den Ladys in London etablieren konnten. Ellie war eine außergewöhnliche Bäckerin. Der Gedanke hatte Hand und Fuß. „Ich könnte meinen Verwalter in der Stadt bitten, sich nach einem geeigneten Ladenlokal umzusehen. Bis zum Beginn der Saison ist noch genug Zeit.“

„Ja, wir denken noch darüber nach, aber, nein, dein Verwalter muss nichts unternehmen. Wir schaffen das schon“, warf Simon ein. „Ich glaube, Ellie hatte recht. Du musst wirklich mal hier raus, wenn du deine Abende mit nichts anderem verbringst, als dir Gedanken über mich und Ellie zu machen.“ Es war freundlich gesagt, aber Owen sah ein, dass es nicht unbedingt falsch war. Er war immer im gleichen Trott. Geld zu verdienen und es zu vermehren hatte ein wenig seinen Glanz verloren – selbst sein Investitionsprojekt hatte ein Stück weit seine Faszination verloren und er wollte sie unbedingt wiederfinden.

Simon beugte sich vor. „Du kümmerst dich immer um alle, Owen. Das hast du schon als kleiner Junge getan. Zuerst um Mutter, dann um mich. Jetzt um deine Arbeiter, die Schmuggler. Vielleicht ist es an der Zeit, dass du dich um dich selbst kümmerst.“ Er sah Owen mit dem Blick an, den alle glücklich verheirateten Männer bekamen, als er ihm diesen Rat gab. „Eine Frau und Kinder würden Leben in dieses Haus bringen. Keine Abende mehr, die du ganz allein mit deiner Buchhaltung verbringst.“ Das hatte Simon noch nie so direkt gesagt.

„Ich habe eine Familie, Simon. Dich, Ellie und das Baby.“ Sie waren die einzigen Menschen auf der Welt, bei denen er sicher war, dass sie ihn um seiner selbst willen liebten, die Menschen, die alle Seiten an ihm kannten, reich und arm, und die ihn dennoch liebten. Es gab andere, von denen er das nicht hätte sagen können. „Außerdem wäre es sicher schwierig, eine Frau zu finden, die zu mir passt, die nichts dagegen hätte, ein Leben ‚dazwischen‘ zu führen.“ Denn Frauen, die auf Status aus waren – die Töchter von Baronets und zweitältesten Söhnen –, bekamen durch eine Ehe mit ihm zwar Reichtum und Annehmlichkeiten, die ihren Vätern fehlten, aber seine Ehefrau würde keinen Titel tragen, sie würden niemals Teil der vornehmen Gesellschaft werden. Söhne von Austernzüchtern konnten nur bis zu einem gewissen Grad aufsteigen. Für die vornehme Gesellschaft würde er immer eine Kuriosität bleiben, jemand, den man einlud, um ihn anzugaffen. Auf der anderen Seite ließ sich eine handfeste Frau wie Simons Ellie zu sehr einschüchtern. Die Austernzüchter von Seasalter hielten ihn für einen Halbgott, zu abgehoben, um mit Alltäglichkeiten zu ihm zu kommen, trotz seiner bescheidenen Herkunft zu anders, aber für die Londoner Gesellschaft trotzdem nicht abgehoben genug.

Simon seufzte spöttisch. „Dir hängt doch wohl nicht etwa immer noch der Korb nach, den dir Alyse Newton gegeben hat, oder?“ Er trank den Rest aus seinem Glas in einem Zug aus. „Du bist als Sieger aus der Sache hervorgegangen. Du bist jetzt viel reicher, als du damals warst, als du ihr den Hof gemacht hast. Sie bereut es wahrscheinlich jeden Abend.“

Owen lächelte grimmig. Alyse Newton bereute vielleicht gewisse Dinge. Sie war inzwischen Lady Stanley, Ehefrau eines Diplomaten, der sie alle zwei Jahre von Posten zu Posten schleppte, wo er sich in den entlegensten Winkeln des Empire um die Angelegenheiten Englands kümmern musste. Er hoffte, dass die Opfer, die sie gebracht hatte, es wert gewesen waren. Ein Titel war etwas, das Owen ihr nicht geben konnte, doch er war bereit gewesen, ihr so viel mehr zu geben: sein Herz, seine Liebe. Beides hatte er seitdem niemandem mehr angeboten. Für eine Frau wie Alyse hatte es nicht gereicht.

Simon stand auf und sah auf die Uhr. „Willst du nicht auf einen Schlummertrunk mit mir in die Crown kommen? Wir haben das gute Zeug getrunken. Lass uns jetzt das schlechte trinken, wie in alten Zeiten. Ich dachte, ich gucke mal bei den Männern vorbei, bevor ich mich auf den Heimweg mache.“

Der Vorschlag war verführerisch. Ein Spaziergang in der Kälte, mehr Zeit mit seinem Bruder, eine Gelegenheit, in Kontakt mit den einfachen Männern von Seasalter zu kommen. „Ich kann es mir nicht leisten, die Buchhaltung schon wieder schleifen zu lassen.“

Simon hob eine blonde Augenbraue. „Du hast dir einen Abend freigenommen?“

„Gestern. Die Schmuggler waren unterwegs.“ Simon wusste von seinem Wachtposten.

„Ah, du kümmerst dich schon wieder um alle.“ Simon grinste.

„Sie haben sich früher um uns gekümmert“, sagte Owen. Dabei hatte er das Gefühl, sich verteidigen zu müssen.

„Ja, das haben sie, Gott sei Dank, sonst wären wir vielleicht verhungert.“ Simon neigte den Kopf. „Das ist aber nicht alles, oder? Sie fehlen dir.“

Owen schnaubte. „Ich schulde ihnen etwas. Es fehlt mir nicht, illegale Geschäfte zu machen.“ Er klopfte seinem Bruder auf die Schulter. „Danke für deinen Besuch und für die Einladung. Du kannst deiner Frau sagen, dass es mir gut geht und dass du deiner Pflicht auf vorbildliche Art und Weise nachgekommen bist. Gib meiner Nichte einen Kuss von mir.“

Simon sah ihn misstrauisch an. „Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?“

Owen nickte. „Ganz sicher.“

Im Haus war es sehr still, nachdem Simon gegangen war. Owen konnte jedes Knistern des Feuers hören, jedes Ticken der Uhr. Die Geräusche, die Gemütlichkeit vermittelt hatten, solange Simon bei ihm gewesen war, betonten jetzt, wie allein er war.

Die Spalten seiner Geschäftsbücher verschwammen vor seinen Augen. Owen wischte sich müde über das Gesicht. Wofür tat er das alles, wenn Simon kein einziges Pfund von ihm annehmen wollte? Simon hatte immerhin noch sein eigenes Vermögen, das er von seinen Reisen mitgebracht hatte, und er wollte unabhängig sein. Es gab weder Mutter noch Vater, die Owen im Alter unterstützen musste. Dafür war er zu spät reich geworden. Es gab natürlich seine kleine Nichte Rose. Vielleicht erlaubte Simon ihm, sie zu verwöhnen.

Vielleicht faszinierten ihn seine Geschäfte deswegen nicht mehr so sehr, ging er ihnen deshalb nur noch nachlässig nach. Er brauchte nicht noch mehr Geld. Es gab niemanden, für den er es ausgeben konnte, niemanden, der ihn brauchte. Nun ja, das war nicht die ganze Wahrheit. Seine Arbeiter brauchten ihn. Sie verließen sich auf seine Fabriken und die Austernernte, um über die Runden zu kommen. Aber insgeheim wusste er, dass das nicht dasselbe war. Seine Arbeiter brauchten, was er ihnen bieten konnte. Sie brauchten nicht ihn. Jeder, der Geld hatte, konnte das. Er konnte die Fabriken an einen anderen rechtschaffenen Mann verkaufen und dieser Mann war für sie genauso gut.

Es war ein ernüchternder Gedanke, dass er für viele einfach austauschbar war. Es war ebenso beunruhigend, dass er den Gipfel seines Erfolges erreicht hatte und sich nun fragen musste, wofür er das alles getan hatte. Als hätte man vergessen, warum man überhaupt auf einen Berg gestiegen war, nachdem man den Gipfel erreicht hatte. Owen schüttelte sich und stand auf. Dabei schob er die Geschäftsbücher von sich. Es war nur die Nacht, die ihm das einredete, sonst nichts. Es war das Beste, wenn er jetzt etwas Erbauliches las und sich dann hinlegte. Dann konnte er hoffentlich morgen früh aufstehen und seine Arbeit beenden, ehe er sich mit Josefina Ricci traf.

Beim Gedanken an Josefina lächelte er schief. Er stieg die Treppe hinauf, ein Buch unter einen Arm geklemmt, die Lampe in der anderen Hand. Ging sie heute Abend auch früh zu Bett, weil sie einen ereignisreichen Tag vor sich hatte? Irgendwie glaubte er nicht wirklich daran. Sie schien in der Gegenwart zu leben, von einem Augenblick zum nächsten. Vielleicht war sie jetzt gerade in der Crown und trank mit den Männer auf Simons neugeborene Tochter. Vielleicht war Padraig O’Malley auch dort und hatte einen Arm um sie gelegt wie am Strand. Ob sie mit ihm schäkerte? Ihm die Taschenflasche abnahm? Ob O’Malley ihr bis nach Hause folgte und dafür aufgeschlitzt wurde?

„Ich hätte ihn aufgeschlitzt.“

Owen sah ihr Gesicht immer noch vor sich, ganz ernsthaft, als sie diese Abschiedsworte gesagt hatte. Sie hatte nicht gezögert. Im Augenblick der Gefahr schien sie sich ihrer selbst sehr sicher zu sein. Ihre Antwort war von tödlichem, unzweifelhaftem Ernst gewesen. Wusste sie aus Erfahrung, wie sie reagierte? Er hoffte nicht, aber sie war eine Frau, die allein auf sich gestellt war. Für so eine Frau konnte die Welt ein gnadenloser Ort sein. So eine Frau brauchte einen Beschützer wahrscheinlich mehr als alle anderen. Oben an der Treppe angekommen, schob er den Gedanken beiseite, ehe er gefährliche Ausmaße annehmen konnte. Er würde nicht dieser Beschützer sein. Sie hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie keinen brauchte. Aber vielleicht konnte er trotzdem aus der Ferne ein wachsames Auge auf sie haben, wie auf die Schmuggler. Er würde da sein. Nur für den Fall der Fälle.

4. KAPITEL

Sie wollte ihn nicht warten lassen. Das gehörte sich nicht und sie hatte es bereits einmal getan. Sie wollte nicht berechenbar sein. Josefina trottete den Kiesweg zu Owen Ganns Haus hinauf und versuchte dabei, so gut es ging dem Schlamm und den Pfützen aus dem Weg zu gehen, die sich im Winter in Seasalter auf allen Wegen bildeten. Der englische Winter war ganz anders als der Winter in Venedig: kälter und feuchter. Die Piazza San Marco wurde zwar von Zeit zu Zeit überflutet, aber eine Feuchtigkeit wie in England hatte sie noch nie erlebt, eine, die einem direkt bis in die Knochen drang und dort blieb. Manchmal fragte sie sich, ob ihr jemals wieder warm sein würde. Josefina wich einer Pfütze aus und lachte über sich selbst. Natürlich würde es das, im Mai, wenn sie sich auf den Weg nach Amerika und in die Karibik machte, wo es türkisblaues Wasser und weiße Sandstrände gab.

Der Weg machte eine Kurve und sie bekam Owen Ganns Haus zu Gesicht, ein Backsteingebäude, das höchstens dem Namen nach ein Gutshaus war. Herrenhaus war angemessener. Ihr Künstlerauge bemerkte die Symmetrie des Gebäudes; das Haus war durch einen Säulengang in zwei ausgewogene Hälften unterteilt, unter dem Kutscher anhalten und ihre Fahrgäste aussteigen lassen konnten. Auf jeder Seite gab es in regelmäßigen Abständen sechs Fenster mit weißen Fensterläden, drei oben und drei unten, wobei die linke Seite des Hauses in einem einstöckigen quadratischen Anbau endete, in dem sich die Küche befinden musste. Für einen Ort wie diesen war es auf jeden Fall ein elegantes Haus.

Außerdem war es sauber. Als sie auf die Eingangstür zuging, sah sie, dass diese schneeweiß ohne einen einzigen Schmutzfleck war und der Türklopfer aus Messing glänzte. Selbst die weißen Fensterläden waren sauber und der Efeu, der die Fenster einrahmte, wuchs in einer ordentlichen Linie. Owen Gann war stolz auf sein Heim. Das Haus seines Erwachsenenlebens. Das hier war nicht das Haus eines armen Mannes, wenn sie seine beiläufige Bemerkung richtig verstanden hatte. Wahrscheinlich blieb das Haus einer Familie hier und da in ihrem Besitz, obwohl ihr Vermögen aufgebraucht war, aber nicht hier in Seasalter, wo es keine Adelsfamilien oder Gutsbesitzer gab. Josefina hob den Türklopfer. Das hier musste ein Haus sein, das er gekauft hatte.

Ein Mann, der wie ein Butler auf dem Land gekleidet war, öffnete auf ihr Klopfen hin die Tür und führte sie in einen Salon, wo ein Feuer im Kamin brannte und Owen Gann sie erwartete. Sie hatte gehofft, dass sie auf ihn warten würde. Wenn sie im Salon allein gewesen wäre, hätte sie die Gelegenheit bekommen, sich unauffällig ein Bild von ihm zu machen.

Er stand auf, als der Butler sie ankündigte. „Signorina Ricci, willkommen.“ Er zeigte auf einen Sessel am Kamin, der seinem gegenüberstand. „Kaffee bitte, Pease“, wies er den Butler an und schenkte ihr gleichzeitig ein schiefes Lächeln. „Kein Tee für uns, habe ich recht, Signorina?“ Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schlug die langen Beine übereinander. Dabei musterte er die kleine Umhängetasche, die sie neben ihren Sessel stellte. „Haben Sie Ihr Material draußen gelassen?“

„Nein, ich habe alles dabei.“ Sie holte ein Notizbuch aus der Tasche und lächelte über seine Verwunderung. „In der Malerei braucht man nicht für alles eine Staffelei, Mr. Gann. Ich kann nicht malen, was ich nicht kenne, und Sie kenne ich nicht, zumindest nicht gut genug, um Sie zu malen.“ Er war ein Mann, der alles hatte – Reichtum und Einfluss –, trotzdem trieb er sich um Mitternacht auf der Straße herum, um eine Frau nach Hause zu begleiten, die er nur flüchtig kannte. Er war ein Mann, der teure Kleidung trug, aber eher wie ein Arbeiter oder Fischer gebaut war, ein Mann, der sie tadelte, weil sie Risiken einging, aber ihre Geheimnisse für sich behielt, obwohl er die Gelegenheit hatte, sie aufzudecken. Die Bruchstücke passten nicht zusammen. Wie sollte sie jemanden malen, auf den sie sich keinen Reim machen konnte?

Der Butler kam mit dem Kaffeetablett zurück, auf dem sich auch Brötchen befanden, die mit einer Schokoladencreme gefüllt waren, wie man sie sonst nur in einer Pariser Konditorei bekam. „Es ist kein türkischer Kaffee, aber er wird uns schon schmecken.“ Gann schenkte aus einer silbernen Kanne in zwei teure cremeweiße Porzellantassen ein. Ihre Schlichtheit machte sie elegant. Sie waren wie der Mann selbst. Die Kostspieligkeit seiner Kleidung führte nicht zu Pomp. Sie machte sich eine Notiz.

„Sollen wir anfangen, während wir unseren Kaffee trinken? Sie sind sicher ein vielbeschäftigter Mann. Erzählen Sie mir von sich. Womit verdienen Sie Ihr Geld?“

„Ich verkaufe Austern, Signorina. Ich verkaufe sie in ganz England und ich verschicke sie an Königshäuser wie die Habsburger, wo man englische Austern für die besten der Welt hält.“ Wie sollte sie einen Mann malen, der Austern verkaufte? Sie wusste nichts über Austern, außer dass ihr Vater und seine Freunde Witze darüber machten, dass sie ein natürliches Aphrodisiakum waren. Großartig. Damit konnte sie sicher niemanden beeindrucken.

„Haben Sie Ihr Vermögen mit Austern gemacht?“ Vielleicht war das Porträt eines reichen Mannes der bessere Weg. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie sie ihn in seinem Haus malte, umgeben von seinem silbernen Service und dem Porzellan von Wedgwood. Sollte sie ihn vor dem Kamin in Position bringen, in seinem extrem männlichen Sessel aus dunklem Leder und Holz? „Haben Sie einen Hund?“, unterbrach sie ihn, als ihr ein Gedanke kam. Ein Hund wäre schön, ein großer, vielleicht ein schwarz-brauner Jagdhund, dessen Kopf bis zur Sessellehne reichte, groß und majestätisch und aufmerksam wie sein Herr.

„Nein.“ Gann sah sie so durchdringend an, dass selbst der redegewandteste Mann ihm gegenüber sprachlos gewesen wäre. „Ich habe keinen Hund.“ Zu dumm. Hunde ließen unnahbare Männer menschlicher wirken. „Soll ich fortfahren? Ich glaube, ich war ge...

Autor

Ann Lethbridge
Ann Lethbridge wuchs in England auf. Dort machte sie ihren Abschluss in Wirtschaft und Geschichte. Sie hatte schon immer einen Faible für die glamouröse Welt der Regency Ära, wie bei Georgette Heyer beschrieben. Es war diese Liebe, die sie zum Schreiben ihres ersten Regency Romans 2000 brachte. Sie empfand das...
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