Historical Saison Band 127

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Zwei Romane von Catherine Tinley

Miss Rose und der Viscount

Die junge Waise Rose reist mit ihren Schwestern nach London, um herauszufinden, wer ihre Mutter war. Weder Bälle und Soireen noch Heirat interessieren sie – bis ihr Herz überraschend für den unwiderstehlichen James, Viscount Ashbourne, entflammt. Doch ihre geheimnisvolle Herkunft verbietet jede Zukunft an seiner Seite …

Miss Isobel und der Kuss des Prinzen

Angesichts ihrer mageren Mitgift muss Isobel ihre einzige Saison nutzen, um eine gute Partie zu machen. Warum nur ist sie ausgerechnet so fasziniert von Prinz Claudio? Abgesehen davon, dass sie nicht standesgemäß ist, will er niemals heiraten. Aber dann kompromittiert er sie plötzlich mit einem sinnlichen Kuss. Was nun?


  • Erscheinungstag 11.07.2026
  • Bandnummer 127
  • ISBN / Artikelnummer 8090260127
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Catherine Tinley

HISTORICAL SAISON BAND 127

Catherine Tinley

1. KAPITEL

Schottland, Februar 1791

Lauf! Maria eilte so schnell dahin, wie es ihr Zustand zuließ. Besorgt warf sie einen Blick über die Schulter und erwartete jeden Moment, dass sie hinter ihr auftauchen würden. Wenn sie sie sahen, würden sie sie sicherlich erkennen … und dann könnten sie und ihr ungeborenes Kind genauso in Gefahr sein wie ihr Geliebter …

Nein! Der Gedanke an ihn drohte, sie zu überwältigen. Trauer. Qual. Verlust.

Sie musste jetzt stark sein, für sein Kind. Maria verfluchte erneut das Unglück, das dafür gesorgt hatte, dass ihre Feinde sich ausgerechnet in dem Gasthaus aufhielten, an dem die Postkutsche pausierte, mit der sie reiste. Sie huschte aus dem Hof des Gasthauses hinaus auf die schmale Dorfstraße, in der verzweifelten Hoffnung, dass sie keinen Grund haben würden, sofort zu ihrer Kutsche zurückzukehren.

Zum Glück hatte sie das Wappen auf der Kutsche durch das kleine Fenster erkannt und war sofort aufgestanden, mit Umhang, Haube und Retikül in der Hand, und hatte das Gasthaus durch eine Seitentür verlassen, gerade als sie eintraten. Dummerweise hatte sie einen Blick zurückgeworfen und für einen Moment in die kalten blauen Augen der Frau gesehen, obwohl die Maria glücklicherweise nicht wahrgenommen zu haben schien.

Dennoch, ich wurde gesehen.

In einer Minute, zwei oder zehn, könnte der Frau plötzlich bewusst werden, wen sie da vor sich gehabt hatte, und sich fragen, warum Maria hier war, allein und so seltsam gekleidet. Wenn die Frau begriff, was vor sich ging, könnte Maria in echter Gefahr schweben.

Dieses Unglück war, wie sie erkannte, weniger das Ergebnis eines Zufall als vielmehr das eines Mangels an Voraussicht ihrerseits. Dies hier war schließlich die Great North Road und dieses Gasthaus die letzte Möglichkeit zur Einkehr vor Edinburgh. Die meisten Kutschen hielten hier an, egal ob es sich um eine gut gefederte Privatkutsche wie die ihrer Feinde oder um eine gewöhnliche Postkutsche handelte. Man musste damit rechnen, dass man hier jemandem über den Weg lief, den man kannte. Dass genau die Menschen, die ihr Böses wollten, heute dieses Gasthaus besuchten, war maximales Pech.

Nachdem sie das Dorf hinter sich gelassen hatte, befand sich Maria nun inmitten von Feldern, die von niedrigen Hecken eingefriedet waren.

Da sie keine Ahnung hatte, wohin die kurvenreiche Straße führte, ging sie einfach weiter, in dem Bestreben, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und ihre Feinde zu bringen.

Verfolgten sie sie? Hatten sie irgendwie die Wahrheit herausgefunden? Oder hatte es gar nichts mit ihr zu tun, dass sie zur gleichen Zeit wie sie unterwegs waren? Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zu ihrem Haus in Newtown, wie ihr auf einmal klar wurde. Ein Haus, das sie nie gesehen, aber einmal zu besuchen gehofft hatte, vielleicht sogar, um dort ein Zuhause zu finden. Sie schauderte. Wie abrupt ihre Träume zerstört worden waren, wie grob sie von jenen gestohlen worden waren, die ihr schlechtes Wesen hinter einer Fassade feinsinniger Manieren verbargen.

Die Passagiere der Postkutsche hatten gerade einmal Zeit für einen schnellen Happen und einen Besuch im Ruheraum. Zwanzig Minuten, hatte der Kutscher gesagt. Wer nicht rechtzeitig wieder in der Kutsche sitze, werde zurückgelassen. Maria befürchtete, dass sie sich in einem so kleinen Gasthof nicht einmal zehn Minuten vor ihren Feinden verstecken könnte, und schlagartig erkannte sie, dass ihre Reise mit der Postkutsche hier zu Ende war und sie versuchen musste, anders in die Stadt zu gelangen.

Vor ihr befand sich eine Kreuzung. Linton, stand auf dem bemalten Schild, wie auch andere Ziele: Gifford. Lennoxlove. Haddington, von wo sie gekommen war.

Lennoxlove.

Sie dachte einen Moment nach.

Lennox. Love. Maria Lennox.

Sie probierte es in Gedanken aus und nickte …

Es ist ein ebenso guter Name wie jeder andere.

Sie eilte am Schild vorbei und entschied sich für die schmalere Straße. Die ruhigere. Irgendwo hier würde sie Unterschlupf finden. Vielleicht ein verlassenes Häuschen oder eine Scheune. Ein Versteck für ein oder zwei Nächte, bis sie sicher sein konnte, dass die Gefahr vorüber war.

Sie ging weiter, ständig lauschend und um sich spähend. Hoffentlich hatte die Frau sie nicht erkannt. Oder einer der anderen. Nun, warum sollten sie? Die Stimme der Vernunft in ihr beruhigte sie ein wenig. In schäbiger Kleidung, mit dem Umhang einer Magd und einer alten Haube in der Hand … Nein, sie hatten sie bestimmt nicht bemerkt … für diese Menschen war eine solche Person doch unsichtbar. Und doch saß ihr die Angst in den Knochen. Denn wenn sie sie doch erkannt hätten, wäre es ziemlich sicher, dass sie wussten, was geschehen war.

Monatelang hatte sie sich versteckt gehalten, bis die Nachricht kam, dass ihr Aufenthaltsort womöglich durchgesickert war und dass diejenigen, vor denen sie sich so fürchtete, sich bereits auf den Weg gemacht haben könnten. Sie hätte bei den Menschen, die sie liebten, Zuflucht suchen können, doch wollte sie um jeden Preis verhindern, dass ihre Lieben unschuldig zu Schaden kamen. Und so hatte sie diesen Weg eingeschlagen – sie hatte ihre treue Zofe gehen lassen, niemandem von ihren Absichten erzählt und eine Fahrkarte für die Postkutsche nach Schottland gekauft.

Es hatte ihm in Schottland immer gefallen, er hatte oft davon gesprochen, dass sie hier ein Zuhause finden würden. Und natürlich waren sie schon einmal zusammen in Schottland gewesen … Sie schüttelte den Kopf. Würden sich ihre romantischen Vorstellungen als ihr Untergang erweisen?

Abrupt blieb sie mitten auf der Straße stehen.

Meine Truhe!

Sie stellte sich vor, wie sie auf dem Dach der Postkutsche festgezurrt lag, und ihr wurde klar, dass sie keine Chance hatte, sie zurückzubekommen. Um umzukehren war es jetzt zu spät, da die kurze Pause im Gasthaus bereits zu Ende gegangen sein musste. Würde man nach ihr suchen, wenn sie nicht auftauchte? Nein, wahrscheinlich nicht. Und wenn die Kutsche Edinburgh, ihr endgültiges Ziel, erreichte, würden der Kutscher und sein Knecht zweifellos ihre Sachen verkaufen und die Gegenstände ohne Wert einfach wegwerfen.

Ohne Wert.

Die Miniaturen – einschließlich der von Mama und Papa – waren weg. Ihre Papiere, die sie so sorgfältig versteckt hatte, waren weg. Die Briefe, die er ihr geschickt hatte, waren weg. Alle bis auf einen. Sie berührte ihr Retikül, ein wenig getröstet von dem Knistern des Papiers darin. Der letzte Brief. Der, in dem er sie aufgefordert hatte fortzulaufen, so schnell und so weit weg wie möglich. Und das hatte sie getan. Instinktiv hatte sie sich für Schottland entschieden, um in der Stadt Zuflucht zu suchen, in der er als Kind so glücklich gewesen war. Bevor alles anders geworden war.

Sie ließ eine Hand in ihr Retikül schlüpfen und befühlte dessen Inhalt. Ihre Ohrringe, ein Geschenk ihrer Großmutter, waren noch da, in einer winzigen Holzschatulle. Schnell tastete sie nach dem anderen Gegenstand und atmete erleichtert auf. Das gefaltete Tuch aus Samt war da, sein Inhalt geschützt. Dies war ein Schatz, der zu kostbar für ihre Truhe gewesen war. Ein Schatz, der so einzigartig, so ungewöhnlich war, dass er ihr zum Verhängnis werden könnte. Ein Schatz, den sie nicht verlieren durfte.

„Du bist mein wahrer Schatz“, murmelte sie und legte eine Hand auf ihren geschwollenen Bauch. „Du bist jetzt alles für mich, denn es gibt niemanden sonst.“ Ihre große Liebe hatte sie verloren, und von ihrer Familie hatte sie sich abwenden müssen. Bei dem Gedanken packte sie plötzlich ein tiefer Schmerz. Als er sich langsam zu einem Crescendo steigerte, keuchte sie vor Entsetzen. Es war zu früh! Nach ihrer Schätzung war sie etwas mehr als acht Monate schwanger.

„Nein!“ Sobald der Schmerz nachließ, zwang sie sich, weiterzugehen. Das Baby würde Wärme und Schutz brauchen. Sie konnte ihr erstes und einziges Kind nicht hier draußen, mitten im Nirgendwo, zur Welt bringen! Die Februarluft war kalt; der Atem stieg weiß vor ihr auf. Heute Nacht würde es Frost geben.

Sie schaffte es, sich noch eine Meile weiterzuschleppen, während die Sonne im Westen golden wurde, und die Wehen kamen und gingen. Oh, sie hatte schon seit Tagen Wehen – Scheinwehen, wie sie es nannten –, aber sie hatte sich nichts dabei gedacht, da ihre Schwangerschaft noch nicht weit genug fortgeschritten war, um davon auszugehen, dass es tatsächlich so weit sein könnte. Angst und Sorgen hatten die schmerzhaften Wehen jedes Mal zum Stillstand gebracht. Aber jetzt nicht mehr. Dieses Baby – das wahrscheinlich groß und gesund sein würde, wenn man den Kommentaren anderer Frauen über den Umfang ihres Bauches Glauben schenken wollte – hatte beschlossen, dass es Zeit war, geboren zu werden, und nichts würde es aufhalten können.

Sie hielt inne. Zu ihrer Rechten befand sich ein imposantes Tor, dessen große Türen offen standen. Eine gepflegte Auffahrt, die sich dahinter erstreckte, lud sie ein hindurchzugehen. Ein Wappen, das in das schmiedeeiserne Tor eingearbeitet war, fiel ihr ins Auge. Es war ein Adler, der seine Flügel weit ausgebreitet hatte, als wollte er Schutz bieten. Plötzlich traf sie eine Entscheidung. Hier würde es Hütten und Scheunen, Ställe und Holzschuppen geben. Hier könnte sie ihr Kind in Sicherheit zur Welt bringen.

Der Kies knirschte unter ihren Füßen, als sie die Auffahrt entlangging. Schemenhaft konnte sie ein großes Herrenhaus vor sich ausmachen, solide gebaut aus rotem Sandstein, mit Fenstern, in denen Kerzenlicht brannte, was ihr Gefühl verstärkte, allein und verlassen zu sein. Die Dämmerung ging nun in Dunkelheit über, und sie konnte nicht mehr sehen, wohin sie ihre Füße setzte. Eine weitere Wehe brandete durch sie hindurch, und sie stöhnte, blieb stehen und schaukelte sanft von einer Seite zur anderen.

„Wer ist da?“ Die Stimme war schrill, und Maria blinzelte, als ihr eine Laterne ins Gesicht gehalten wurde.

Es war zu viel. Der Schreck, nach allem, was sie durchgemacht hatte, raubte ihr die letzte Kraft, schnell und absolut. Die Welt wurde schwarz.

2. KAPITEL

Belvedere School for Young Ladies,

Elgin, Schottland, Februar 1812

„Ist das alles?“

Rose nickte, als Agnes, das Mädchen für alles in der Belvedere School, den Deckel ihrer Truhe schloss und ihn mit einer Endgültigkeit zuschlug, dass Rose zusammenzuckte. „Danke, Agnes“, murmelte sie leise. „Sie werden mir fehlen.“

„Ja, gehen Sie nur, Miss! Die Welt wartet auf Sie! Warum sollten Sie mich oder diesen Ort vermissen? Was für Abenteuer Sie da draußen wohl erleben werden!“

Abenteuer?

Allein der Gedanke, Belvedere zu verlassen, die Schule, die fast elf Jahre lang ihr Zuhause gewesen war, verursachte Rose ein mulmiges Gefühl im Magen. „Das wäre doch für Izzy viel passender. Ich sollte viel lieber hierbleiben, wo alles vertraut ist.“

„Miss Isobel hegt eine Vorliebe für Abenteuer, und das ist die Wahrheit!“ Agnes bekam einen sinnierenden Gesichtsausdruck. „Sie sind alle drei unterschiedlich. Isobel stürzt sich kampfeslustig Hals über Kopf auf jede Herausforderung, Annabelle bewahrt stets die Ruhe und denkt erst einmal gründlich nach, während Sie, Miss Rosabella …“

„Ich werde wahrscheinlich in einer Ecke kauern und darauf warten, dass meine Schwestern das Problem lösen!“

Agnes schüttelte den Kopf. „Nein. Sie sind diejenige, die bei der Lösung des Problems an die Gefühle der Menschen denkt. Wenn Annabelle der Verstand und Isobel die Kraft ist, dann sind Sie das Herz.“

Rose traten Tränen in die Augen. „Was für ein schöner Satz!“ Impulsiv umarmte sie Agnes. „Danke, Agnes!“

Sie zog ihre Handschuhe an und setzte ihre Haube auf und nahm das Retikül, das sie erst vergangenes Jahr im Nähkurs selbst angefertigt hatte, und warf einen letzten Blick in das Schlafzimmer, das ihr und ihren Schwestern gehört hatte, seit sie als junge Mädchen hierhergekommen waren. Drei schmale Betten. Ein Schrank. Das Dachfenster mit seinem Stück Himmel.

Ich werde diesen Ort vielleicht nie wiedersehen.

Schwer schluckend ging sie die Treppe hinunter in den Salon, wo ihre Schwestern warteten.

London

Drei Schwestern? Und du hast zugestimmt?“ Lord James Arthur Henry Drummond, der Viscount Ashbourne, Gentleman und Liebling des ton, konnte kaum glauben, was er da eben gehört hatte.

„Mein Bruder bittet mich nicht oft um einen Gefallen. Ich dachte …“ Der Gesichtsausdruck seiner Tante wurde bei seiner Reaktion plötzlich niedergeschlagen. „Warum, denkst du, hätte ich nicht zustimmen sollen?“

James zuckte mit den Schultern. „Die Entscheidung liegt bei dir, Tante.“ Er machte eine Geste, die den wunderschön gestalteten Salon in seinem Haus in Mayfair umfasste. „Als Dowager Viscountess bist du die Herrin von Ashbourne House und kannst natürlich so viele Gäste empfangen, wie du möchtest. Es ist nur …“

„Ja?“ Sie legte die Stirn in sorgenvolle Falten.

Herr im Himmel, sie hat das überhaupt nicht durchdacht!

„Nicht nur ein, sondern gleich drei kichernde Mädchen, alle auf einen Haufen, Tante? Du hast doch selbst oft genug erlebt, wie diese jungen Dinger sich aufführen! Sie flirten und verstellen sich und haben nichts Interessantes zu sagen! Und doch hast zugestimmt, drei von ihnen aufzunehmen. Ich …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht verstehen! Haben sie denn keine Mutter, die sie in die Gesellschaft einführt?“

„Es sind Waisenkinder!“, erklärte sie traurig. „Mein Bruder ist ihr Vormund, aber wie er zu Recht betont, ist er nicht die richtige Person, um sich während ihrer ersten Saison um sie zu kümmern. Wie du weißt, ist er Junggeselle und verlässt Schottland nie. Sie sind ihm noch nie begegnet!“ Sie seufzte. „Tatsächlich habe ich selbst Ian in den letzten …“ Sie dachte einen Moment nach. „Mein Gott, ist es schon zwölf Jahre her, dass ich ihn in Edinburgh besucht habe?“

„In der Tat, ich hatte fast vergessen, dass du einen Bruder hast, das muss ich zugeben, Tante. Als du meinen Onkel geheiratet hast, wurden wir zu deiner Familie. Ich, meine Eltern und mein Onkel.“

Sie tätschelte ihm liebevoll die Hand. „Und ich hätte mir keine bessere Familie wünschen können.“ Sie schüttelte den Kopf. „Mein Mann ist jetzt tot, und deine Eltern auch. Jetzt habe ich nur noch dich … und meinen Bruder. Und er bittet mich so selten um etwas, dass ich mich verpflichtet fühle, dies für ihn zu tun. Es ist meine Pflicht.“

Pflicht.

Beide wussten um die Bedeutung von Familie, um die Ehre, die mit dem Familiennamen einhergingen. James’ Tante war Lady Ashbourne geworden, als sie den älteren Bruder seines Vaters geheiratet hatte, aber sie würde sich wohl immer ihrem Mädchennamen und ihrem einzigen Blutsverwandten verbunden fühlen, vermutete er.

„Das verstehe ich, Tante. Aber erwartet er, dass du Ehemänner für alle drei findest? In einer Saison?“ Als Reaktion auf ihr zögerliches Nicken gab er einen verzweifelten Laut von sich. „Aber die meisten Familien verheiraten ihre Töchter nacheinander und erlauben der Zweitältesten ihr Debüt erst, wenn die Älteste verlobt ist.“ Ein neuer Gedanke kam ihm in den Sinn. „Ihre Mitgift?“

Sie verzog das Gesicht. „Nicht mehr als respektabel. Aber er versichert mir, dass sie sehr schön sind und ein charmantes Auftreten haben!“

„Und du glaubst ihm?“

Ihre Augen weiteten sich. „Es stimmt, dass die Leute manchmal ein wenig übertreiben …“

„Ein wenig? Wir haben beide schon über die sogenannten Schönheiten gestaunt, die sich als wenig mehr als leidlich attraktiv herausstellten. Und diejenigen, die tatsächlich ein hübsches Gesicht haben …“ Seine Stimme wurde leiser, wissend, dass sie ihn verstehen würde.

„Sie sind oft verwöhnt und frech und bekommen bei der kleinsten Unannehmlichkeit Wutanfälle. Ich weiß, ich weiß …“ Sie legte sich eine Hand an die Stirn. „Aber was soll ich tun? Es ist alles arrangiert. Er erwartet, dass sie spätestens Ende des Monats nach London reisen.“

„Könnest du ihm nicht zurückschreiben und ihm sagen, dass du deine Meinung geändert hast?“

„Nein. Es ist zu spät. Ich kann ihn nicht im Stich lassen.“ Sie straffte die Schultern. „Ich muss einfach das Beste daraus machen. Es ist ja nur für eine Saison.“

James unterdrückte einen Seufzer. Seit er vor zwei Jahren nach dem Tod seines Onkels den Titel geerbt hatte, genoss er ein friedliches Leben. Seine Tante führte den Haushalt für ihn, und er konnte seinen Aufgaben nachgehen. Nachdem er in jener schrecklichen Nacht bei einem Kutschenunfall sowohl seine Eltern als auch seinen Onkel verloren hatte, war er unerwartet und ganz plötzlich zum Familienoberhaupt geworden und trug nun alle Verantwortung.

Ihm gefror das Blut in den Adern, als er sich an die schicksalhafte Nacht erinnerte – ein Gefühl, das ihm vertraut war. Seine Tante hatte sich unwohl gefühlt und war nicht mit zu der Party gegangen, zu der sie alle eingeladen gewesen waren, während er selbst mit seinen Freunden auf Sauftour gewesen war, als die Nachricht kam. Plötzlich nüchtern, wurde er zu einem Ort des Grauens gebracht. Die Kutsche war umgekippt und in einen See gefallen, und der Anblick der Leichen der drei Menschen, die er am meisten liebte, hatte ihn nie wieder losgelassen.

Diese Nacht hatte ihn für immer verändert – sie hatte ihn von sorglos und leichtsinnig zu vorsichtig und pflichtbewusst gemacht. Das Leben war kostbar und vielleicht kürzer, als man ahnte. Es war wichtig, es zu genießen, ja, aber Entscheidungen wollten mit Bedacht getroffen werden. Leider hatte er den Verdacht, dass seine Tante diese Entscheidung unüberlegt getroffen hatte – getrieben von einem Pflichtgefühl gegenüber ihrem Bruder.

Sie hätte es mit mir besprechen sollen.

Er war sich sicher, dass er sie davon hätte abbringen können – wobei er natürlich ihr Recht respektierte, im Ashbourne House Gäste zu empfangen, wie sie es für richtig hielt.

Er seufzte innerlich. Aufgrund der überstürzten Entscheidung seiner Tante, nicht nur eine, sondern drei Debütantinnen aufzunehmen, war ihm nun klar, dass es mit seinem Frieden in dieser Saison vorbei sein würde. Nicht nur das, sondern er würde zweifellos dazu aufgefordert werden, seiner gutherzigen Tante bei allem Unheil und Chaos zur Seite zu stehen, das diese Mädchen anrichten würden.

Nun, dachte er grimmig, wenn sie glauben, meiner geliebten Tante auf der Nase herumtanzen zu können, werden sie bald erfahren, dass ich ein Wörtchen mitzureden habe!

Elgin, Schottland

Rose saß wie so oft in den letzten Jahren in Mr. Marnochs Büro und dachte darüber nach, dass sich jetzt alles ändern sollte. Ihr Vormund, ein Anwalt in den mittleren Jahren mit einem freundlichen Lächeln und einer humorvollen Art, war heute ernster als sonst. Sein Auftreten war nüchtern, sein Lächeln fehlte. Als Rose Blicke mit Izzy und Anna austauschte, stellte sie fest, dass ihre Schwestern es auch so wahrnahmen.

„Willkommen, Mädchen, willkommen! Und so ist dieser Tag endlich gekommen!“ Er sah von einer zur anderen. „Sagt mir, wer von euch ist wer?“

Sie sagten es ihm und erinnerten ihn daran, dass sie bestimmte Farben trugen, damit sie besser zu unterscheiden waren. Für Rose sah Annas Gesicht völlig anders aus als das von Izzy und ihr eigenes, aber sie waren zweifellos eineiige Drillinge. Nur das Personal und die Schülerinnen in Belvedere hatten gelernt, zwischen ihnen zu unterscheiden. Alle anderen schienen sie eher als eine Einheit, denn als Individuen zu sehen. Heute trug Anna wie gewohnt ein kühles Blau, das ihre azurblauen Augen hervorhob und ihr selbstbewusstes, ruhiges Auftreten widerspiegelte. Izzys Musselinkleid war weiß mit Narzissen am Saum und am Mieder, die sie eigenhändig gestickt hatte.

Rose trug wie üblich rosa. Sowohl sie als auch Anna wagten sich gelegentlich an Lavendel- und Fliederfarben heran, aber Rose hatte nie vergessen, dass das Band, das die Hebamme ihr bei der Geburt ums Handgelenk gebunden hatte, rosa gewesen war und Mama dazu inspiriert hatte, sie Rosabella zu nennen. Die Bänder am Handgelenk – die Hebamme machte es so bei jeder Geburt, bei der mehr als ein Baby zur Welt kam – hatten nicht nur dazu gedient, die Reihenfolge der Geburt zu markieren, sondern waren auch der Grund, aus dem die Mädchen jeweils ihre Farbe gewählt hatten.

„Ihr seid alle wunderschön“, hatte Mama oft gesagt. „Meine drei Wunder! Ich war fest entschlossen, dass ihr alle diese Schönheit in euren Namen tragen würdet.“

Daher Belle. Annabelle, Isobel und Rosabella. Oder kurz Anna, Izzy und Rose.

„Wie ihr wisst, hat eure Mutter …“, begann Mr. Marnoch, und Rose richtete sich auf. Er war einer der wenigen Menschen, die Mama gekannt hatten, und Rose war immer begierig auf jede Information, die er mit ihnen teilen mochte. „Mrs. Lennox hat mich vor über zehn Jahren zu eurem Vormund gemacht, als sie wusste, dass ihre Tage gezählt waren, und ich muss sagen, es war ein Privileg, euch dabei zuzusehen, wie ihr zu jungen Frauen herangewachsen seid.“

Die Stille dehnte sich aus, und Rose war bewusst, dass Anna und Izzy genauso gebannt waren wie sie.

„Gestern wurdet ihr einundzwanzig und habt die Belvedere School beendet. Eure Mutter hat sich sehr um euch gekümmert, wie ich weiß, denn sie war fast fünf Jahre lang meine Sekretärin. Sie hat keine klaren Anweisungen hinterlassen, aber als euer Vormund habe ich dafür gesorgt, dass ihr nach London reisen und am Hof vorgestellt werdet und die Freuden der Saison genießen könnt. Meine verwitwete Schwester, Lady Ashbourne, wird sich um euch kümmern. Sie hat einen Viscount geheiratet, wie ihr wisst.“ Er konnte den Stolz in seiner Stimme über die vorteilhafte Heirat seiner Schwester nicht verbergen, aber innerlich war Rose am Boden zerstört.

Schottland verlassen! An einen neuen, beängstigenden und … und anderen Ort gehen?

„Wir waren uns dieser Möglichkeit nicht bewusst, Mr. Marnoch.“ Annas Ton war neutral. „Wir hatten darüber gesprochen, Stellen in der Nähe zu finden. In Elgin selbst oder möglicherweise in Inverness.“

„Stellen? Ihr dachtet, ihr könntet arbeiten?“ Anna hätte genauso gut eine Karriere auf der Bühne vorschlagen können, so entsetzt war er. „Niemals! Ihr seid junge Damen – Töchter einer Lady! Ihr gehört nicht zu der Klasse, die arbeiten muss!“

„Aber Mama hat gearbeitet!“ Izzys Tonfall war rebellisch. „Sie hat für Sie gearbeitet!“

„Die Umstände eurer Mutter waren so, dass … aber sie war von vornehmer Geburt.“ Mr. Marnoch nickte nachdrücklich.

„Nun denn“, meldete sich Anna zu Wort, praktisch veranlagt wie immer, „wenn wir nicht arbeiten, wie sollen wir dann überleben? Belvedere war unser Zuhause. Und obwohl wir ‚junge Damen‘ sind, sind wir meiner Meinung nach nicht reich, und deshalb ist es sinnvoll, dass wir alle einem Beruf nachgehen. Wir haben ausführlich darüber gesprochen.“

Das hatten sie, und Rose, deren Talent darin bestand, die jüngeren Mädchen in Belvedere zu unterrichten, hatte davon geträumt, Lehrerin zu werden. Tatsächlich hatte sie das Thema bereits bei Miss Logie, der Schulleiterin von Belvedere, angesprochen, die nicht abgeneigt gewesen war, sie einzustellen, aber davor zu bedenken gegeben hatte, dass sie die Erlaubnis ihres Vormunds benötigten, bevor eine von ihnen eine Arbeit aufnehmen könne.

„Was das angeht …“ Mr. Marnoch errötete leicht, und Rose wurde schlagartig klar, dass er sie belog. Aber warum? „Ihr habt alle eine kleine Mitgift – nicht mehr als respektabel, fürchte ich. Außerdem schicke ich meiner Schwester ein Taschengeld, damit ihr in London angemessen gekleidet seid. Das würde euch doch gefallen, oder?“

Anna zuckte mit den Schultern. „Wir sind nicht dazu erzogen worden, den Firlefanz der Mode zu schätzen, sondern stattdessen gesunden Menschenverstand, Mitgefühl und Freundlichkeit gegenüber anderen.“

„Obwohl es vielleicht Spaß brächte, neue Kleider zu tragen!“, rief Izzy und in ihren Augen funkelte es vergnügt. „Ich denke, eine Reise nach London wäre wunderbar!“

Rose nahm all ihren Mut zusammen und sagte zaghaft: „Ich würde viel lieber hierbleiben.“

Mr. Marnoch hielt inne, schaute von einer zur anderen und schüttelte dann den Kopf. „Eure Mutter war eine einzigartige Frau“, erklärte er schließlich, „mit einem starken eigenen Willen. Es ist kaum überraschend, dass ihr Mädchen ihr in dieser Hinsicht ähnelt, womit ich meine, dass ihr eigene Meinungen habt. Das Problem ist, dass ihr in dieser Angelegenheit unterschiedlicher Meinung zu sein scheint.“

Das stimmte. Izzy schien begierig darauf zu sein, nach London zu reisen, sich unter Fremde zu mischen und in Gesellschaft zu sein. Bedeutete das nicht, dass sie der Königin persönlich vorgestellt werden würden? Bei dem Gedanken schauderte es Rose. In Wahrheit wäre sie zufrieden, die Belvedere nie zu verlassen und ihr Leben inmitten ihrer Schülerinnen und ihrer geliebten Bücher zu verbringen. Belvedere war ein sicherer Ort. London war es definitiv nicht.

Rose warf Anna einen Blick zu, die nachdenklich wirkte. Anna handelte immer eher mit dem Kopf als mit dem Herzen. Zweifellos würde sie die Vor- und Nachteile von Mr. Marnochs Plan kühl abwägen.

Ich bin offenbar in der Unterzahl.

Ihr Vormund war noch nicht fertig. Er öffnete eine Schublade unter seinem Schreibtisch und holte drei gefaltete Papiere heraus. „Nun gut. Wenn ich euch so nicht überzeugen kann, werde ich euch einen zusätzlichen Anreiz bieten.“

Er nahm die drei Papiere, mischte sie und behielt dabei Rose und ihre Schwestern im Auge. „Ich hatte mir schon so etwas gedacht, und ich gebe zu, dass ich selbst eine gewisse Neugier verspüre …“

Er legte die Papiere auf die Kante seines Schreibtisches, eines vor jede von ihnen. Es war klar, dass er sie den Mädchen nach dem Zufallsprinzip zugeteilt hatte. „Eure Mutter hat mich zu eurem Vormund ernannt, bis ihr fünfundzwanzig seid oder heiratet. Sie hat mir eine versiegelte Schachtel mit der strengen Anweisung hinterlassen, sie erst zu öffnen, wenn meine Vormundschaft endet. Es gibt da ein Geheimnis, und angesichts eures schnellen Verstandes frage ich mich, ob ihr vielleicht Spaß daran hättet, in London nach Antworten zu suchen. Sie war zwar äußerst zurückhaltend, aber ich weiß, dass sie Engländerin war, und sie hat einmal erwähnt, dass sie vor vielen Jahren ihre eigene Saison hatte. Das bedeutet, dass sie zum ton gehörte, dem ranghöchsten Teil der englischen Gesellschaft.“

„Und was ist mit unserem Vater?“ Izzys Augen leuchteten vor Neugier.

Mr. Marnoch zuckte mit den Schultern. „Sie hat mir nichts über ihn erzählt, außer dass er gestorben ist. Erinnerst du dich überhaupt an ihn?“

Verzweifelt durchsuchte Rose ihre Erinnerungen, wie sie es schon oft getan hatten.

Nichts.

Obwohl sie genau gleich alt waren, waren Annas Erinnerungen am klarsten. Sie alle konnten sich an flüchtige Eindrücke des Ortes erinnern, an dem sie gelebt hatten, bevor sie im Alter von fünf Jahren nach Elgin gekommen waren, und sie alle erinnerten sich natürlich an Mama, denn sie waren zehn Jahre alt, als sie an einer langsam fortschreitenden Krankheit starb. Rose schluckte, weil ihr plötzlich die Kehle wie zugeschnürt war.

„Wir erinnern uns überhaupt nicht an ihn“, antwortete Anna nüchtern. „Hat er jemals mit Mama korrespondiert, nachdem wir hierhergezogen waren?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht. Sie hat sich von Anfang an als Witwe bezeichnet, also glaube ich, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr lebte. Ihr wisst doch, dass sie mit euch hierherkam, als ihr fünf Jahre alt wart, und natürlich wurde ich euer Vormund, als ihr zehn wart.“

Es folgte eine Pause, als sie sich alle an diese schreckliche Zeit erinnerten. Den Verlust von Mama. Mr. Marnochs freundliche Hilflosigkeit. Der Umzug von dem kleinen gemieteten Häuschen neben Mr. Marnochs Anwaltskanzlei in die Schule außerhalb der Stadt. Belvedere. Es war für sie zu einem Zuhause geworden.

Er nickte den Papieren zu. „Ich hoffe, ihr werdet mir eine gewisse Theatralik in dieser Angelegenheit verzeihen, aber ich bin etwas eingeschränkt. Ich muss den Wunsch eurer Mutter respektieren, den Inhalt des Schachtel in meinem Tresor nicht zu teilen, aber ich sehe auch, dass ihr jetzt junge Frauen seid, und es wäre nur verständlich, wenn ihr euch mehr Informationen über eure Herkunft wünschtet.“ Er holte tief Luft und fügte dann in einem formelleren Ton hinzu: „Hier sind drei Aufgaben, eine für jede von euch. Ihr müsst die Herausforderung natürlich nicht annehmen.“

Izzy hatte nicht einmal abgewartet, bis er fertig war. Sie hatte das Blatt Papier vor sich aufgehoben, es schnell gelesen und rief nun aus: „Ich soll den Namen unseres Vaters herausfinden? Aber wie? Wie soll ich das machen?“

Mr. Marnoch zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Ich habe alles aufgeschrieben, was ich über die Angelegenheit weiß. Der Rest liegt bei euch.“

Anna las ihre Aufgabe. Stirnrunzelnd faltete sie das Blatt sorgfältig zusammen und steckte es in ihr Retikül. „Das ist recht anspruchsvoll – der Versuch, die Umstände zu ergründen, die dazu führten, dass Mama nach Elgin kam.“

Mit zitternder Hand ergriff Rose das Blatt vor sich. Sie las die Worte, die in Mr. Marnochs ordentlicher Handschrift darauf geschrieben standen:

Deine Aufgabe ist es herauszufinden, wer deine Mutter war. Ihre Familie, ihre Herkunft. Wie hieß sie, bevor sie den Namen Lennox annahm? Sie hatte eine Saison in London, und ihr Drillinge seht ihr ein wenig ähnlich, obwohl ihre Augen haselnussbraun und nicht blau waren.

Ja! Sofort erinnerte sie sich an Mamas Augen. Haselnussbraun mit grünen Sprenkeln. Eine Welle der Sehnsucht durchbrandete sie. Mama! Würde sie Antworten finden, wenn sie nach London ging? Es würde ihr Mut abverlangen, den Ort, den sie kannte, hinter sich zu lassen und ihre Pläne, Lehrerin zu werden, aufzuschieben.

Aber vielleicht würde ich herausfinden, wer sie war … wer ich bin.

Ihre Schwestern sahen sie an – Anna mit ruhiger Gelassenheit, Izzy mit kaum unterdrückter Aufregung.

Sie würden es vorziehen, mich nicht überstimmen zu müssen.

Sie musste ihre eigene Entscheidung treffen.

Kann ich das tun? Elgin verlassen, vielleicht nie wieder zurückkehren?

Ihre Mutter war so stark gewesen. Sie war noch jung gewesen und hatte es geschafft, sich in Elgin ein Leben aufzubauen, mit drei Fünfjährigen. Dann, nur ein paar Jahre später, als sie ihrem qualvollen, langsamen Tod direkt ins Auge blickte, hatte sie dafür gesorgt, dass ihre Töchter geschützt waren, und Mr. Marnoch überredet, ihr Vormund zu werden. Verglichen mit den Prüfungen, denen sich Mama gestellt hatte, war eine Reise nach London nichts.

Es ist das Mindeste, was ich für sie tun kann, vielleicht ihren richtigen Namen herauszufinden und ihr Andenken zu ehren.

Rose blickte Mr. Marnoch in die Augen und nickte. „Ich werde versuchen, in Erfahrung zu bringen, wer Mama war. Sehr gut. Ich werde es tun, wenn meine Schwestern auch nach London reisen wollen.“ Ihr zitterte die Stimme ein wenig. „Ich weiß nicht, ob ich Erfolg haben werde, aber ich werde mein Bestes geben. Darf ich Anna und Izzy um Hilfe bitten?“

Anna drückte ihr die Hand, während Izzys Augen vor Freude leuchteten. Sie wussten beide, dass Rose am zurückhaltendsten war, und wenn sie bereit war, sich der Sache zu stellen, bedeutete das, dass sie sich alle einig waren.

„Natürlich!“, antwortete Mr. Marnoch. „Ich meine, dass ihr bei allen drei Aufgaben zusammenarbeiten solltet. Ebenso glaube ich fest daran, dass ihr mehr Erfolgschancen habt, wenn jede von euch sich einem anderen Schwerpunkt widmet.“

„Das ergibt Sinn“, sagte Anna. „Zusammen können wir mehr erreichen.“

„Ich kann es kaum erwarten loszulegen“, erklärte Izzy strahlend. „Wann fahren wir nach London?“

„Es spricht nichts gegen eine baldige Abreise, denke ich. Meine Schwester hat bereits geschrieben, dass sie euch erwartet. Wäre es euch recht, nächsten Donnerstag aufzubrechen? Bis dahin bleibt ihr im Gasthaus.“

„Perfekt!“, rief Izzy und rieb sich die Hände.

Rose konnte Izzys Begeisterung fühlen, aber nicht mithalten, denn alles, was sie empfand, waren Nervosität und Beklommenheit. Obwohl sie sich viel weniger sicher war, ob sie Erfolg haben würden, wusste sie, dass ihr Vorhaben eine große Bedeutung hatte, und war fest entschlossen, alles zu tun, um mehr über ihre Mutter zu erfahren.

London wartete auf sie, groß und fremd und … und beängstigend. Für Rose gab es jetzt jedoch einen guten Grund, diese Reise ins Unbekannte anzutreten.

Meine Schwestern werden bei mir sein, und wir können das schaffen. Für Mama.

3. KAPITEL

London

Es war spät, als die Kutsche endlich vor Ashbourne House hielt. Die Dunkelheit lag wie ein Leichentuch über den Gebäuden, und die Luft war stickig von Rauch, üblen Gerüchen und der allgemein herrschenden Enge. Selbst Edinburgh hatte sich nicht so erdrückend angefühlt.

Wie Rose hatte auch Izzy während des letzten Teils der langen Reise nicht geschlafen, und Rose fragte sich kurz, ob ihre Schwester die gleiche nervöse Angst verspürte wie sie. Ein Blick in Izzys leuchtende Augen und ihren eifrigen Gesichtsausdruck, der von den Laternen zu beiden Seiten der Eingangstür des imposanten Stadthauses erhellt wurde, genügte, um zu wissen, dass dem nicht so war.

„Wach auf, Anna! Wir sind da!“ Sie rüttelte Anna an der Schulter und wandte sich dann wieder dem Fenster zu. „Was für ein elegantes Haus!“

Anna gähnte, streckte sich und richtete sich dann auf. „Vergesst nicht eure Retiküle, Mädchen. Hüte auf!“

„Ich hoffe, Lady Ashbourne ist eine freundliche Person!“, murmelte Rose, als sie aus der Kutsche stiegen. Von all ihren Sorgen schien dies derzeit die vordringlichste zu sein. Mit Blick aufs Haus sah sie, wie sich die Eingangstür öffnete, und ein großer Butler in voller Livree herauskam, sich steif an einer Seite positionierte und darauf zu warten schien, dass sie das Haus betraten.

Wie förmlich!

„Wenn sie ihrem Bruder auch nur ein bisschen ähnelt, wird sie mehr als freundlich sein“, erwiderte Anna ruhig, woraufhin Rose sich gleich ein wenig beruhigt fühlte.

Natürlich!

Mr. Marnoch war ein Schatz, und seine Schwester war wahrscheinlich genauso warmherzig.

Als Rose ihren Schwestern ins Haus folgte, hatte sie den Eindruck von Eleganz, Reichtum und Opulenz – und sie waren immer noch nur im Eingangsbereich. Das Stadthaus der Ashbournes war das Gegenteil des einfachen Komforts von der Belvedere oder dem vertrauten Chaos in Mr. Marnochs Büro. Hier gab es glänzende Bodenfliesen, edle Konsolentische, Wände, die mit Gemälden in dekorativen Stuckrahmen geschmückt waren, und eine prächtige Treppe. Roses Augen huschten überall hin – nach links, rechts, oben und unten, in dem vergeblichen Versuch, alle Details zu erfassen.

Die Mädchen gaben ihre Hüte und Mäntel einer Haushälterin mit gestärkter weißer Schürze und folgten dem Butler wie gewünscht nach oben. In der Belvedere befand sich der Salon im Erdgeschoss, und dort hatten sie sich auch mit Mr. Marnoch getroffen, wenn er zu einem seiner regelmäßigen Besuche kam. Sie hatten auch die Gewohnheit gehabt, ihn regelmäßig in seinem Büro zu besuchen, und seine beiden Angestellten kannten sie gut. Rose seufzte innerlich. Mr. Balmore und Mr. Redburn schienen tausend Meilen entfernt zu sein.

Natürlich hatte man ihr gesagt, dass die Londoner Aristokratie ihre Gäste in den öffentlichen Räumen im ersten Stock empfing, weit weg vom gemeinen Mob und den Gerüchen der Straße. Das alles kam ihr vollkommen fremd vor. Der Butler blieb vor einer hohen Tür mit vergoldeten Griffen stehen und erfragte höflichst ihre Namen und sogar ihre Geburtsreihenfolge, wobei sein Gesichtsausdruck unbewegt blieb. Er öffnete die Tür und kündigte sie an.

„Miss Lennox, Miss Isobel Lennox, Miss Rosabella Lennox!“

Natürlich! Anna, die mit zwanzig Minuten Vorsprung Älteste, wurde die Ehre zuteil, „Miss Lennox“ zu sein, während Izzy und Rose zu „jüngeren Schwestern“ degradiert wurden.

Herr, was für eine Förmlichkeit!

Ihre Gastgeberin – eine gut aussehende Frau um die vierzig – hatte sich erhoben, um sie zu begrüßen, aber ihr Lächeln verblasste, als die drei Mädchen einen Knicks machten. Sie blinzelte, schaute erstaunt von einer zur anderen und wieder zurück. „Aber – ich verstehe nicht … Zwillinge – nein, Drillinge – die wie ein Ei dem anderen gleichen!“ Sie hatte sich ihre rechte Hand an die Brust gelegt. „Ian muss vergessen haben, es zu erwähnen …“ Sie schüttelte sich und begann von Neuem. „Verzeihen Sie mir, meine Lieben! Ich hatte nicht erwartet, dass Sie drei wie ein Triptychon aus Spiegeln aussehen würden!“ Sie trat vor und streckte eine Hand aus. „Wer von Ihnen ist Miss Lennox?“

„Ich bin Annabelle.“ Anna trat vor, nahm die Hand der Frau und knickste wieder. „Ich trage meistens Blau. Das ist meine Schwester Isobel …“

Izzy lächelte. „Ich trage meistens Grün und Gelb!“

„Und Rose – Rosabella – ist die Jüngste, sie wurde eine halbe Stunde nach Izzy geboren, laut unserer Mama.“

Rose ergriff Lady Ashbournes Hand und lächelte ihr schüchtern zu, während sie einen Knicks machte.

„Und tragen Sie normalerweise Rosa, meine Liebe?“

„Ja.“

„Rosenrosa! Dann werde ich mir wohl zuerst Ihren Namen am besten merken können“, erklärte Lady Ashbourne. „Na so was! Drillinge!“ Sie durchquerte den Raum und betätigte einen von zwei Klingelzügen an der Wand. „Wir werden Tee trinken, und ich werde versuchen, mich von dem Schock zu erholen. Setzen Sie sich doch!“

Sie taten, wie ihnen geheißen, aßen Kuchen zum Abendessen und beantworteten Lady Ashbournes Fragen, so gut sie konnten. Nein, sie wussten wenig über ihre familiäre Herkunft, auf beiden Seiten. Ja, die Reise war interessant und einigermaßen komfortabel gewesen. Nein, sie waren noch nie in London gewesen.

„Ihr Bruder, Mr. Marnoch, war uns ein hervorragender Vormund“, sagte Anna. „Wir haben seine Freundlichkeit und Großzügigkeit in diesen zehn Jahren und mehr sehr geschätzt.“

„Ja, Ian ist ein guter Mann“, antwortete ihre Gastgeberin und klang in diesem Moment deutlich schottisch. „Es hat mich traurig gestimmt, dass er als eingefleischter Junggeselle nie Vater werden würde. Ich wusste, dass er vor einigen Jahren die Vormundschaft für drei Waisenkinder übernommen hat, aber ich dachte, er hätte Sie alle auf ein Internat geschickt.“

„Aber ja!“, beeilte sich Izzy, sie aufzuklären. „Er hat uns auf die Belvedere-Schule für junge Damen geschickt, die am Stadtrand von Elgin liegt. Wir haben ihn sehr oft gesehen.“

„Belvedere?“ Sie nickte, und ihre Miene wurde versonnen. „Ich erinnere mich an ein altes Herrenhaus mit diesem Namen aus meiner Kindheit in Elgin. Man hat es also in eine Schule verwandelt, was?“

„Nachdem unsere Mama gestorben war, war es ein schönes Zuhause für uns“, erklärte Anna. „Die Lehrerinnen sind verständnisvoll und herzlich, und wir haben, glaube ich, eine vernünftige Ausbildung erhalten – obwohl …“ Sie runzelte die Stirn. „Wir hatten nie mit einer Londoner Saison gerechnet, und ich glaube nicht, dass unsere Lehrerinnen daran gedacht haben, uns darauf vorzubereiten. Ich fürchte, wir könnten Sie enttäuschen, Mylady. Wenn Sie es vorziehen, müssen wir nicht ausgehen.“

Rose fühlte sich gezwungen, etwas zu sagen, denn auszugehen war das Letzte, worauf sie erpicht war. Sicherlich konnte Lady Ashbourne ihnen helfen, auch in der Behaglichkeit ihres prunkvollen und luxuriösen Heims etwas über Mama herauszufinden? „Darin kann ich Anna zur zustimmen. Wir werden uns vollkommen damit zufriedengeben, eine ruhige Zeit hier in der Hauptstadt zu verbringen, wenn es Ihnen lieber sein sollte.“

„Nun!“ Lady Ashbourne wirkte etwas verdutzt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben würde, an dem junge Ladys freiwillig anbieten, auf ihr Debüt zu verzichten!“

„Meine Schwestern …“, sagte Izzy, „können für sich selbst sprechen. Aber ich für meinen Teil würde liebend gern auf einem Ball tanzen, ins Theater gehen und hübsche Kleider tragen!“

„Das sollten Sie auch, meine Liebe!“ Lady Ashbourne hob eine Hand. „Moment … Sie sind Isobel, ja?“

„Ja. Sie werden merken, dass ich die Abenteuerlustige bin, während Rose schüchtern und Anna überaus praktisch und nüchtern veranlagt ist.“

Schüchtern? Ich bin nicht schüchtern!

Vor ein paar Jahren hätte Rose diese Aussage heftig bestritten. Sie war nicht schüchtern, nur vorsichtig. Vorsichtig und zurückhaltend und eher schweigsam – manchmal sogar, wenn sie etwas zu sagen hatte.

Unter den richtigen Umständen konnte sie so mutig sein wie jeder andere. Nur nicht … tollkühn. Und Mut erforderte in der Regel eine gehörige Portion innerer Stärke, bevor man handelte. Sie warf Izzy einen Seitenblick zu und beschloss, das Wort zu ergreifen, und sei es nur, um Izzy zu widerlegen, die behauptete, Rose wäre schüchtern.

„Natürlich“, begann sie leise, „klingen solche Veranstaltungen … interessant. Aber mir ist eben auch bewusst, dass unsere Ausbildung in der Belvedere, obwohl sie für uns durchaus zufriedenstellend war, uns vielleicht nicht gerade darauf vorbereitet hat, in das Herz der feinen Gesellschaft vorzudringen.“

„Tatsächlich? Nun, ich gehe felsenfest davon aus, dass Sie eine angemessene Ausbildung erhalten haben. Was wurde Ihnen denn beigebracht?“

Rose nickte. „Unsere Griechisch- und Lateinkenntnisse sind ausgezeichnet, und wir können auch recht gut Französisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch sprechen. In Algebra und Geografie sowie Logik haben wir uns ordentlich geschlagen. Außerdem können wir alle einigermaßen gut singen und Klavier spielen. Und Izzy ist eine hervorragende Künstlerin.“

„Ich verstehe.“ Lady Ashbourne sah ein wenig verwirrt aus.

Anna stimmte ein: „Wir hatten auch Unterricht in Benimm, Haushaltsführung und Stickerei. Wir können alle recht passabel sticken. Allerdings …“

Izzy übernahm das Wort, ihre Augen funkelten. „Allerdings ist unser Wissen über die in Mr. Debretts Buch aufgeführten Familien oberflächlich, denn die Namen sagen uns nichts. Und unser Tanzunterricht konzentrierte sich mehr auf schottische Volkstänze als auf das, was derzeit in London beliebt ist.“

„Ich verstehe“, wiederholte Lady Ashbourne und runzelte die Stirn. „Für mich klingt das, als hätten Sie eine Ausbildung erhalten, die eher für junge Gentlemen als für junge Ladys geeignet ist.“

„Wirklich?“ Anna sah genauso verwirrt aus, wie Rose sich fühlte. „Inwiefern?“

„Die weiblichen Talente sind zweifellos vorhanden.“ Sie zählte sie an ihren Fingern auf. „Haushaltsführung. Stickerei. Benimm. Musik. Aber was den Rest angeht … lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben. Es wäre nicht gut, zu belesen oder zu gelehrt zu wirken. Das könnte auf die Gentlemen abstoßend wirken. Und auf einige Damen auch.“

Die drei sahen einander überrascht an. Anna erholte sich als Erste. „Wir sind bereit, uns von Ihnen leiten zu lassen, Lady Ashbourne. Und wie ich bereits sagte, müssen wir nicht in die Gesellschaft hinausgehen, wenn Sie es für unangemessen halten.“

„Danke, Anna. Ich werde darüber nachdenken. Aber jetzt sind Sie sicher erschöpft und bereit für Ihre Betten.“

Sie läutete erneut und informierte ein Dienstmädchen, dass die jungen Damen bereit seien, sich zurückzuziehen, und bat sie, die Haushälterin zu holen. Wenige Augenblicke später teilte ihnen Mrs. Coleby, die Haushälterin – eine kühle, effiziente Frau in ihren mittleren Jahren-, zügig jeweils ein persönliches Dienstmädchen zu, das sich als Zofe um ihre Bedürfnisse kümmern sollte.

Als die drei Zofen vor den Drillingen einen Knicks machten, musste Rose die Lippen fest aufeinanderpressen, um zu verhindern, dass ihr die Kinnlade herunterklappte. Sie konnte es kaum glauben. Niemals hätte sie erwartet, dass eine Zofe ihr dienen würde. Irgendwie fühlte es sich falsch an. Agnes war im Laufe der Jahre zu einer Art Freundin für sie geworden. Diese Mädchen, in identischen Uniformen und mit identischen neutralen Gesichtsausdrücken, sahen ziemlich unterwürfig aus.

Sie wünschten ihrer Gastgeberin eine gute Nacht und folgten der Haushälterin in den zweiten Stock, wo sich, wie sie ihnen kühl mitteilte, die Familienzimmer befanden.

„Miss Lennox.“ Sie öffnete eine Tür und neigte den Kopf, um anzudeuten, dass Anna das erste Zimmer links betreten sollte.

Oh nein! Wir sollen getrennte Zimmer haben!

Hilflos sah Rose zu, wie Anna mit ihrer Zofe das Zimmer betrat und die Tür hinter ihnen geschlossen wurde.

„Miss Isobel.“ Izzy verschwand mit ihrer Zofe in einem anderen Zimmer, und Rose blieb mit der Haushälterin und ihrer eigenen Zofe zurück.

„Miss Rosabella.“ Rose schluckte schwer, dankte ihr und wagte sich in den ihr zugewiesenen Raum, der opulent und prächtig eingerichtet war, mit einem großen Himmelbett, einem Kamin und eleganten Möbeln im französischen Stil. Die Fenster waren mit Vorhängen aus Seidenbrokat in einem goldgelben Farbton verhängt, passend zum Bettüberwurf und den blassgelben Tapeten.

Gelb? Das hätte Isobels Zimmer sein sollen!

„Bitte setzen Sie sich, Miss.“ Das Mädchen, das bereits Roses Truhe ausgepackt hatte, stand neben dem Frisiertisch und einem vergoldeten Stuhl, und Rose tat, was man ihr sagte. Sie saß regungslos da, während die Zofe ihr die Haarnadeln entfernte und ihr das lange Haar bürstete. Danach half sie ihr beim Umkleiden. Die Zofe ging und nahm Roses Tageskleidung und Stiefel mit – zum Putzen, wie sie sagte.

Noch nie in ihrem Leben hatte Rose allein geschlafen. Aus einem Impuls heraus öffnete sie die Tür. Waren Anna und Izzy schon im Bett? Oder waren ihre Zofen noch bei ihnen? Sie lauschte, konnte aber kein Geräusch hören, und so wagte sie es, auf Zehenspitzen hinauszuhuschen.

Die Gemächer waren groß, und so brauchte sie fast zwanzig Schritte, um zu Izzys Tür zu gelangen. Sie hielt inne und lauschte, aber die Türen waren massiv, und sie konnte nichts hören. Plötzlich erregte eine Bewegung vor ihr ihre Aufmerksamkeit, und sie hob den Kopf, erstarrte, als sie jemandem gegenüberstand, der eben die Treppe hinaufgestiegen sein musste.

Es war ein Mann. Jung und gut aussehend trug er Kniebundhosen, Weste und Jacke, die für die Abendgarderobe der Reichen und Aristokratie de rigueur war. Dieser Gentleman sah aus wie eine der Figuren, die Rose in den Kunstbüchern der Bibliothek der Belvedere gesehen hatte. Er war ein Michelangelo. Ein Leonardo. Ein Raffael.

Ihr pochte das Herz so laut, dass sie das Gefühl hatte, es würde ihr jeden Moment aus der Brust springen. Ihr Atem ging flach, ihr Körper war wie erstarrt vor Schreck und etwas anderem, das sie nicht benennen konnte. Etwas, das sie noch nie zuvor empfunden hatte. Er war so schön.

Und Rose stand da, nur mit ihrem Nachthemd bekleidet, und starrte ihn an! Mit einem erstickten Schrei floh sie in die Sicherheit ihres Schlafgemachs. Sie legte die Strecke in einem Bruchteil der Zeit zurück, die sie gebraucht hatte, um zu Izzys Zimmer zu gelangen, stürzte in ihr Zimmer, schloss die Tür und lehnte sich mit geschlossenen Augen dagegen. Das Bild des Fremden jedoch konnte sie nicht aus ihrem Kopf verbannen.

Obwohl sie ihn nur kurz gesehen hatte, hatte sich sein Erscheinungsbild ihr eingeprägt. Sein Haar, dunkel und dicht. Seine Augen, weit aufgerissen vor Überraschung, als er sie rasch von Kopf bis Fuß musterte, seine Hand am Hals verharrend, wo er gerade im Begriff gewesen war, sein Halstuch zu lockern, als sie ihn zum ersten Mal erblickt hatte.

Wer war er? Vielleicht ein Verwandter von Lady Ashbourne? Ihr Sohn? Nein, denn er sah aus, als wäre er zwischen fünfundzwanzig und dreißig, und Lady Ashbourne konnte nicht älter als fünfundvierzig sein.

Oh, warum war ich nicht vorsichtiger?

Wirklich, sie hätte jetzt eine Portion von Annas Pragmatismus gebraucht, anstatt einem Moment des Wahnsinns zu erliegen, der eher zu Izzy gepasst hätte!

Sie schluckte und gestand sich die Wahrheit ein. Es war Schwäche gewesen, nicht Tapferkeit, die sie dazu gebracht hatte, die Sicherheit ihres Zimmers zu verlassen. In dieser Hinsicht war sie ganz sie selbst gewesen. Sie hatte sich einfach davor gefürchtet, allein zu sein. Zweifellos empfanden auch ihre Schwestern es als seltsam, sich plötzlich in einem Einzelzimmer wiedergefunden zu haben. Im Gegensatz zu ihr waren sie jedoch willensstark genug, um an Ort und Stelle zu bleiben.

Während sie sich die ganze Zeit selbst Vorwürfe machte, blies sie nacheinander alle Kerzen in ihrem Schlafzimmer aus – so viele Kerzen! – bis auf die eine auf ihrem Nachttisch.

Als sie ins Bett schlüpfte, wusste sie, dass es ihr trotz Erschöpfung schwerfallen würde, in den Schlaf zu finden. Nicht nur befand sie sich in einem fremden Zimmer und vermisste die beruhigenden Atemgeräusche von Anna und Izzy, sondern sie hatte auch gerade eine unerwartete Begegnung mit einem Mann gehabt, während sie so gut wie unbekleidet gewesen war!

Doch es war mehr als das. Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Bild von ihm, die Hand an seinem Kragen und sein Blick, der sich mit ihrem verband. Der unbekannte Gentleman und die Wirkung seiner Ausstrahlung auf sie brachten sie vollkommen durcheinander. Noch nie zuvor hatte sie ein Kunstwerk gesehen, das lebte, atmete und sie auf eine solche Weise ansah. Die Erinnerungen ließen ihren Puls erneut rasen und ihren Atem beschleunigen. Was in aller Welt war nur los mit ihr?

James ging weiter in sein Schlafzimmer und unterdrückte ein leises Lachen. Die Besucherinnen seiner Tante waren also eingetroffen? Er war völlig überrumpelt davon gewesen, eine so liebliche Erscheinung in seinem eigenen Haus zu erblicken, als er die Treppe hinaufgestiegen war, um sich zu Bett zu begeben. In der Tat pochte sein Herz auf höchst unangenehme Weise, selbst jetzt noch.

Er war zwar weiterhin entschlossen, seine Tante vor jeglichem Ärger zu bewahren, aber er wusste, dass er zumindest bei diesem Mädchen jetzt die Oberhand hatte. Ihr Schrei hatte ihm verraten, dass die Begegnung mit einem fremden Gentleman sie, die nur ein Nachthemd trug, verstört und schockiert hatte.

Gut!

Als einziger Sohn eines jüngeren Sohnes war James als Kind nicht darauf vorbereitet worden, den Titel zu erben. Aber im Laufe der Jahre und da seine Tante kinderlos geblieben war, war ihm allmählich klar geworden, dass er eines Tages das Familienoberhaupt sein würde. Da sein lieber Onkel sich stets bei guter Gesundheit befunden hatte, hatte James in Oxford ein ziemlich wildes Leben geführt, da er wusste, dass jede Verantwortung in ferner Zukunft liegen würde – so hatte er zumindest gedacht. Der Tod seines Onkels kam vollkommen unerwartet, und was noch schlimmer war, James’ Eltern waren bei demselben Kutschenunfall ums Leben gekommen.

Damit war Lady Ashbourne, James’ kinderlose, verwitwete Tante, ganz allein. Obwohl sie jenseits der vierzig war, hatte James’ Tante die Hoffnung auf ein eigenes Kind noch nicht ganz aufgegeben, bis zu dem Tag, an dem ihr Mann starb.

Nun lag die Verantwortung bei ihm, und er nahm sie ernst. Eines Tages würde er eine Frau finden müssen, die gut genug war, um diesem Haus als Herrin zu dienen.

Er seufzte. Unwahrscheinlich. Die letzten Saisons hatten ihm den Heiratsmarkt im Allgemeinen und Almack’s im Besonderen verdorben. Schon vor dem Tod seiner Eltern hatte er Almack’s und die entsprechenden Veranstaltungen gemieden und die Spielhöllen und Bierstuben Londons bevorzugt. Jetzt machte er seine Aufwartung auf Bällen und Soireen, aber er wusste, dass er entschieden nicht auf der Suche nach einer Ehefrau war.

Dennoch war ihm bewusst, dass er eines Tages eine Wahl treffen musste.

Aber dafür ist noch reichlich Zeit.

Seine Gedanken wanderten zu der jungen Frau, die er gerade gesehen hatte, und bei der Erinnerung daran zog sich etwas in ihm zusammen: ungebändigtes goldenes Haar, ein wunderschönes Gesicht und dieses Nachthemd! Es war ihr gelungen, gleichzeitig sittsam und doch verführerisch zu sein. Sie war vom Hals bis zu den Knöcheln bedeckt gewesen, doch selbst im Kerzenlicht hatte er ihre köstlichen Kurven gesehen.

Sie ahnte es gewiss nicht, aber der dünne Musselinstoff ihres Nachthemds hatte wenig der Fantasie überlassen. Oder genauer gesagt, es erforderte nur wenig Vorstellungskraft von ihm. Genau die richtige Menge, um eine überaus verlockende Wirkung zu entfalten. Wäre sie nackt gewesen, wäre sie weitaus weniger bezaubernd gewesen.

Dennoch war eine Frage beantwortet worden. Zumindest eine der Lennox-Schwestern gehörte nicht zur Kategorie „schlicht und langweilig“. Stattdessen gehörte sie vermutlich zur anderen: „schön und wahrscheinlich schrecklich verwöhnt“.

4. KAPITEL

Rose folgte ihrer Zofe die Treppe hinunter ins Frühstückszimmer, ihr Geist benebelt vom Schlafmangel. Eigentlich hätte sie wie eine Tote schlafen sollen, aber es war ihr kaum gelungen, Ruhe zu finden.

Sie hatte ihre Schwestern vermisst … und der fremde Gentlemen hatte sie zutiefst beunruhigt. Träume, an die sie sich nur noc...

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