Historical Saison Band 87

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EINE GOUVERNANTE IN NÖTEN von CATHERINE TINLEY
Für Marianne ist die Stelle als Gouvernante die letzte Hoffnung! Nachdem sie von zu Hause geflohen ist, muss sie allein für sich sorgen. Umso schwerer fällt es ihr, nicht bei ihrem Arbeitgeber Schutz zu suchen, dem attraktiven William Ashington. Dabei würde ein einziger Kuss von ihm ausreichen, ihre Einsamkeit zu besiegen!

EIN BESCHÜTZER FÜR LADY HETTA von ELIZABETH BEACON
Es ist Magnus Hailes Pflicht, die schöne junge Hetta und ihren kleinen Sohn zu beschützen. Immerhin ist es der Mörder seines Vaters, der die beiden bedroht! Doch schneller, als ihm lieb ist, kommt etwas Stärkeres als Pflichtgefühl ins Spiel. Dabei hat Magnus sich geschworen, nie wieder sein Herz zu verschenken!


  • Erscheinungstag 18.01.2022
  • Bandnummer 87
  • ISBN / Artikelnummer 8090220087
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Catherine Tinley, Elizabeth Beacon

HISTORICAL SAISON BAND 87

1. KAPITEL

Cambridgeshire, England, Januar 1810

Marianne schlich auf Zehenspitzen den Flur entlang zum Dienstbotenaufgang und versuchte, dabei kein Geräusch zu machen. Wie anders nachts alles aussah! Ein silberner Mondstrahl fiel durchs Fenster und schien geradewegs auf sie zu zeigen: Seht her! Sie versucht zu fliehen!

Ihre Röcke raschelten, als sie durch die Dunkelheit eilte, und ihr Mantel bauschte sich hinter ihr wie eine schwarze Wolke. Sorgsam achtete sie darauf, dass sie mit ihren Hutschachteln nirgends anstieß. Schon das Knarren der Holzdielen kam ihr unnatürlich laut vor. Schatten, ungewohnt und beängstigend, schienen überall zu lauern, während sie die kleine Kerze fest umklammerte und weiterhuschte.

Unten klapperte ein Fenster, als es von einer Windbö erfasst wurde, und in der Ferne jaulte ein Fuchs. Die Kerze flackerte leicht, als Marianne den Treppenabsatz erreichte.

Angsterfüllt blieb sie stehen und lauschte, ob womöglich irgendjemand sie gehört hatte und nachsehen kam.

Nichts.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und das Blut rauschte so laut durch ihre Adern, dass sie kaum etwas anderes hören konnte. Ihr Mund war trocken, ihre Handflächen feucht vor Angst. Aber sie durfte nicht trödeln! Je länger sie blieb, desto größer war die Gefahr, entdeckt zu werden.

Sie hielt die Kerze hoch und schob vorsichtig den Türriegel zur Seite. Es knarrte und Marianne biss sich auf die Lippe. Hastig trat sie ins Treppenhaus und schloss die Tür wieder hinter sich.

Erleichtert atmete sie auf. Die erste Herausforderung hatte sie gemeistert. Jetzt ging es weiter.

Entschlossen lief sie die Steintreppe hinunter, wobei ihr der Klang ihrer robusten Stiefel ohrenbetäubend laut vorkam. Die geschlossene Tür oben verhinderte hoffentlich, dass jemand von dem Geräusch aufwachte.

Unten angekommen eilte sie zu dem Zimmer, das die Haushälterin zusammen mit ihrer Tochter bewohnte. Wie abgesprochen war die Tür nur angelehnt. Als Marianne sie erreichte, kam ihr Mrs. Bailey schon entgegen und zog sie schnell herein.

„Oh, Miss Marianne! Ich hätte nie gedacht, dass es je so weit kommen würde!“ Jane, die Tochter der Haushälterin und Mariannes Zofe, schniefte in ein Taschentuch.

„Pst, Jane!“, ermahnte Mrs. Bailey ihre Tochter, obwohl auch sie den Tränen nahe war.

Marianne stellte die Kerze ab und berührte die Hand des Mädchens. „Wir haben doch darüber gesprochen. Du weißt, dass es das Beste ist, Jane.“

Sie flüsterten, wohl wissend, dass die Hausmädchen in den Zimmern nebenan schliefen. „Soll ich denn nicht wenigstens mit Ihnen kommen?“, fragte Jane.

Gerührt schloss Marianne sie kurz in die Arme. „Ich finde es ganz lieb, dass du mit mir kommen würdest, aber wir wissen alle, dass das keinen Sinn macht. Dein Platz ist hier bei deiner Mutter.“

Jetzt musste sich auch Mrs. Bailey eine Träne abwischen. „Ihrer armen Mutter würde das Herz brechen, wenn sie wüsste, dass Sie von zu Hause weglaufen, Miss!“

Marianne verspürte den vertrauten Stich im Herzen. Mama und Papa waren vor ungefähr zehn Monaten gestorben und sie litt noch sehr darunter.

„Mama würde wollen, dass ich in Sicherheit bin, und das ist hier nicht mehr der Fall.“ Schon darüber zu reden machte ihr Angst.

„Ich weiß, Miss Grant. Es ist das Beste, was Sie tun können.“ Mrs. Bailey schüttelte grimmig den Kopf. „Also, was haben Sie eingepackt?“

Marianne deutete auf die Hutschachteln. „Ich habe so viel wie möglich hineingestopft. Mein anderes schwarzes Kleid, zwei saubere Unterkleider, Pantoffeln und mein Retikül. Ein Buch und Mamas Schmuck.“ Sie reckte ihr Kinn. „Ich weigere mich, ihm den hierzulassen!“

„Der gehört ja auch Ihnen, Miss. Das ging eindeutig aus dem Testament hervor, sagt man. Und als Ihre Eltern Master Henry zu Ihrem Vormund bestellt haben, haben sie geglaubt, es wäre das Beste.“

„Ich weiß.“

Mama und Papa hatten sich geweigert, der Wahrheit ins Auge zu sehen – dass Henry kein guter Mensch war und Recht und Unrecht nicht unterscheiden konnte. Ihre Eltern hätten sie niemals wissentlich in Gefahr gebracht.

„Er ist doch Ihr Bruder!“

„Mein Stiefbruder.“ Das war bisher nie wirklich von Bedeutung gewesen. „Sie wissen ja, Mrs. Bailey, dass mein leiblicher Vater starb, als ich noch ein Baby war.“

Die Haushälterin nickte. „Master Grant und Ihre Mutter haben gut zueinandergepasst. Beide verwitwet, beide mit einem Kind. Es schien eine gute Lösung.“ Sie zögerte kurz. „Ich habe mich oft gefragt, ob Master Henry so geworden ist, weil er als Junge seine Mutter verloren hat.“

Marianne hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. „Er ist, wer er ist. Ich weiß nur, dass ich fliehen muss, ehe er … mir etwas antut.“

„Natürlich müssen Sie das“

Die Tatsache, dass Mrs. Bailey Marianne gerettet hatte, als Henry sie vor einigen Stunden in ihrem Zimmer in die Ecke getrieben hatte, blieb unausgesprochen. Er war betrunken gewesen, natürlich, aber sein sündhaftes Interesse an seiner Stiefschwester war nichts Neues.

Marianne war sich bewusst, dass die Dienstboten sie in den vergangenen Monaten beschützt hatten, indem sie dafür gesorgt hatten, dass Henry niemals allein mit ihr war. Bis heute war darüber nie ein Wort verloren worden, aber der Butler hatte gerade letzte Woche erst veranlasst, dass ein neues Schloss in Mariannes Zimmertür eingebaut wurde. Hinter der verschlossenen Tür hatte sie ein wenig Ruhe finden können.

Bis heute Abend, als Henry schon in ihrem Zimmer auf sie gewartet hatte.

Im festen Glauben, dass er noch mit seinen anrüchigen Freunden im Salon saß und sich dem Brandy hingab, war Marianne nach oben geeilt, um in ihrem Zimmer Zuflucht zu suchen. Mit einem Seufzer der Erleichterung hatte sie die Tür hinter sich zugemacht und abgeschlossen. In diesem Moment hatte sie Henrys Stimme gehört: „Guten Abend, meine liebe Marianne.“

Sie war herumgewirbelt und hatte gesehen, dass er lässig auf ihrem Bett lag und seine hungrigen Blicke an ihrem Körper hinabgleiten ließ. Eine Sekunde lang war sie wie erstarrt gewesen, dann hatte sie sich wortlos umgedreht und die Tür wieder aufgeschlossen.

Bevor sie sie jedoch öffnen konnte, war Henry schon bei ihr gewesen. Er hatte sie von hinten gepackt und ihr unaussprechliche Dinge ins Ohr geflüstert. Sie hatte laut aufgeschrien und glücklicherweise war Mrs. Bailey in der Nähe gewesen, um mutig einzugreifen.

„Oh, Sir!“, hatte sie gesagt und war ins Zimmer gekommen. Sie gab vor, Mariannes Notlage genauso wenig zu bemerken wie Henrys Hände auf ihrem Körper, sondern hatte mit vorgetäuschter Entrüstung weitergesprochen. „Einer Ihrer Freunde hat sich heftig übergeben, und alle wundern sich, wo Sie sind, Sir.“

„Verdammt!“

Henry hatte Marianne losgelassen und war verschwunden. Vorher hatte er ihr aber noch einen letzten Blick zugeworfen. Ich werde gewinnen, hatte dieser Blick versprochen. Du kannst mir nicht ewig entkommen.

Mrs. Bailey hatte versucht, Marianne zu beruhigen und zu trösten. „Oh, mein armes Mädchen! Dass er so etwas tun würde!“

„Bitte, gehen Sie – damit er nicht auch auf Sie wütend wird“, hatte Marianne sie gedrängt, obwohl sie am ganzen Körper gezittert hatte. „Wenn nicht schnell genug saubergemacht wird, verliert er vielleicht wieder die Beherrschung!“

„Ein Lakai kümmert sich bereits darum“, hatte ihr die Haushälterin versichert. „Abends lasse ich die Hausmädchen nicht zu ihnen.“

Sie wussten beide, warum. Die Mädchen hatten ebenfalls unter Henrys zügellosem Verhalten und dem seiner betrunkenen Freunde zu leiden.

Auch am helllichten Tag benahmen sie sich rüpelhaft, hielten sich aber noch weitestgehend zurück. Abends hingegen, berauscht von Portwein und Brandy, wurden sie immer vulgärer, dreister und zügelloser. Und der gesamte Haushalt litt darunter.

Marianne, die sich darauf berufen konnte, in Trauer zu sein, aß allein im kleineren Speisezimmer. Sie wusste kaum, wer sich dieses Mal im Haus aufhielt. Abgesehen von Henrys beiden besten Freunden variierten die Gäste, selbst wenn sie sich alle mehr oder weniger glichen. Es handelte sich um junge Herren, die sich nach der neuesten Mode kleideten und ihr Geld bei den gefragtesten Schneidern und Schuhmachern ausgaben. Selbst ihr Verhalten war ähnlich. Es beruhte auf angeborener Arroganz und dem festen Glauben, sich alles nehmen zu können, wonach ihnen der Sinn stand, vor allem schutzlose Frauen. Offenbar zählte Marianne nun dazu.

Henry wusste durchaus, dass die Gesellschaft es nicht gutheißen würde, wenn er – so kurz nach dem tragischen Tod seines Vaters und seiner Stiefmutter – die übliche Zecherei weiterhin in aller Öffentlichkeit veranstaltete. Daher hatte er beschlossen, seine Freunde zu einer Reihe von Hauspartys einzuladen. Seitdem war Mariannes Zuhause regelmäßig von einer Horde junger Männer heimgesucht worden. Sie blieben fünf, sechs Nächte und ließen sich keinen Spaß entgehen.

Die Hausmädchen versuchten, ihnen möglichst aus dem Weg zu gehen, und Mrs. Bailey hatte drei ältere Frauen eingestellt, die die jungen Herren bedienten. Gleichzeitig bemühte sie sich, Jane und die anderen Mädchen zu beschützen. Einige der alten Dienstboten hatten bereits gekündigt. Die wenigen, die geblieben waren, hofften, dass Henry nach Ablauf des Trauerjahres nach London zurückkehren würde. Dann könnten sie ab März wieder in Ruhe leben.

Henrys Versuch heute Abend, sich Marianne aufzudrängen, hatte alles geändert.

Anders als bisher war es nicht nur eine schlüpfrige Bemerkung gewesen oder der unbeholfene Versuch einer Umarmung. Henry hatte üble Absichten, und Marianne wusste jetzt sicher, dass sie in Gefahr war. Die Flucht war ihre einzige Chance. Und Mrs. Bailey stimmte ihr zu.

„Hier ist die Adresse der Agentur, von der ich Ihnen erzählt habe.“ Die Haushälterin reichte ihr einen Zettel. „Ich habe gehört, dass sie auch Leute vermitteln, die ohne Referenzen kommen. Der Himmel weiß, ob wir nicht bald alle dort landen.“

„Danke.“ Marianne schob den Zettel in die Tasche, in der bereits ihr schmales Portemonnaie steckte.

Obwohl es ihr weder an Essen noch an angemessener Kleidung gemangelt hatte und sie über ein großzügiges Taschengeld verfügte, hatte sie nie Zugang zu größeren Summen Bargelds gehabt. Also würde sie sich jetzt mit den wenigen Münzen, die sie noch besaß, begnügen müssen. Entschlossen griff sie nach den Hutschachteln und wandte sich zum Gehen.

„Mr. Harris wartet am Tor auf Sie.“ Die Haushälterin sprach von einem der Pächter. „Er wird Sie in seinem Karren zum ‚Hawk and Hound‘ bringen, wo Sie morgen früh um fünf Uhr die Postkutsche nehmen können. Gegen Abend sind Sie dann in London. Ich habe Ihnen auch die Namen von zwei anständigen Gasthäusern aufgeschrieben. Eins davon wird hoffentlich ein freies Zimmer haben. Bleiben Sie dort, bis Sie eine Stelle als Gouvernante gefunden haben.“ Sie ergriff Mariannes Hand. „Es tut mir so leid, dass Sie Ihr Zuhause verlassen müssen, Miss. Bitte, passen Sie auf sich auf.“

„Das mache ich.“ Marianne nickte, als wüsste sie, was sie tat.

Aber als sie in der Dunkelheit die Auffahrt hinunterging, fort von dem einzigen Heim, das sie je gekannt hatte, wurde ihr das Herz schwer. Wie soll ich nur zurechtkommen? Ich musste noch nie für mich selbst sorgen! Betrübt dachte sie über ihre Lage nach. Sie war zu einer Dame erzogen worden, konnte Harfe spielen, zeichnen und nähen. Als junges Mädchen hatte sie gern gelesen und gern gelernt. Sie hatte jedoch keine Ahnung, wie man sich ein Billett für die Postkutsche kaufte, Sachen wusch oder mit Geld umging.

Sie war auch noch nie ohne Begleitung irgendwo hingefahren. Entweder war ihre Mutter bei ihr gewesen, ihre Gouvernante oder eine Zofe. Doch diese Zeiten waren vorbei. Jetzt musste sie lernen, sich allein anzukleiden und zu frisieren und sich um ihre Sachen zu kümmern. Und versuchen, in der Hölle von London zu bestehen.

London! Sie wusste wenig über die Stadt, war nie dort gewesen. In ihrer Vorstellung war London gleichbedeutend mit allen Arten von Lastern. In London lebten Henry und seine arroganten, sittenlosen Freunde. Die Stadt, so stellte sie es sich vor, war überlaufen mit verabscheuenswerten jungen Männern, die tranken, sich übergaben und pöbelnd durch die Straßen und Spielhöllen zogen.

Mama und Papa waren nie gern nach London gefahren und hatten immer erleichtert aufgeatmet, wenn sie aufs Land zurückgekehrt waren. Sie hatten Marianne nie mitgenommen, sondern sie stattdessen in der Obhut ihres Kindermädchens oder ihrer Gouvernante gelassen, was Marianne nur recht gewesen war. Schon als Kind hatte sie verstanden, dass London ein übler Ort war und sich darüber gewundert, dass Henry so erpicht darauf war, dorthin zu fahren.

Später hatte Henry darauf bestanden, eine eigene Wohnung in der Stadt zu beziehen. Papa hatte widerstrebend nachgegeben. Henry war nach London gezogen, selten nach Hause gekommen, und alle waren irgendwie erleichtert gewesen.

Und jetzt verließ sie mitten in einer kalten Januarnacht ihr Zuhause, mit wenig Geld, ohne Anstandsdame und ohne zu wissen, wie sie zurechtkommen sollte. Und machte sich ausgerechnet auf den Weg nach London.

Sie unterdrückte ein hysterisches Kichern. Merkwürdigerweise munterte die Absurdität des Ganzen sie auf. Dass sie in solch einer Situation lachen konnte!

Sie reckte ihr Kinn, straffte die Schultern und marschierte weiter.

Netherton, Bedfordshire

William Ashington, von seinen Freunden nur Ash genannt, rieb sich die Hände, um die Kälte zu vertreiben. Die Worte des Pfarrers rauschten an ihm vorbei. „Der Allmächtige hat unseren lieben Bruder zu sich gerufen, daher übergeben wir hiermit seinen Leib – Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub …“

Ash warf eine Handvoll Erde auf Johns Sarg. Der Verlust des Mannes, der für ihn viel mehr als nur ein Cousin gewesen war, schmerzte ihn sehr. John war fast wie ein Bruder für ihn gewesen – jedenfalls bis zu dem Sommer, als sie beide achtzehn geworden waren. Immerhin hatten sie in den vergangenen Jahren zu einer etwas gezwungenen Freundschaft zurückgefunden, doch es war nie wieder wie früher gewesen.

Wie auch?

Als der Pfarrer geendet hatte, wandte Ash sich vom Grab ab, nahm die Beileidsbekundungen entgegen und murmelte angemessene Antworten.

„Mylord?“ Es war der Pfarrer. Ash zuckte zusammen, als ihm klar wurde, dass er gemeint war. Es war so seltsam, dass er durch Johns Tod nun nicht länger der einfache Mr. Ashington, sondern plötzlich der Earl of Kingswood war.

„Ja?“

Der Pfarrer schüttelte ihm die Hand und dankte ihm fürs Kommen. „Eine Beerdigung ist immer eine traurige Angelegenheit, aber solch einen jungen Mann zur letzten Ruhe zu betten, ist besonders tragisch. Er war ja kaum über dreißig!“

Ich weiß, dachte Ash. Denn John und ich sind fast gleich alt … gewesen.

„Und seine arme Witwe mit ihrer Tochter, die jetzt ganz allein sind …“ Der Pfarrer seufzte, dann blickte er Ash eindringlich an. „Lord Kingswood … äh … der vorherige Lord Kingswood hat in seinen letzten Wochen häufig mit mir über sie gesprochen.“

„Tatsächlich.“ Johns Witwe war der letzte Mensch, an den Ash denken wollte. Zum Glück nahmen Damen an Beerdigungen nicht teil.

„Er hat auch von Ihnen gesprochen.“ Der Pfarrer sah ihn direkt an. „Ich glaube, er bedauerte die Entfremdung zwischen Ihnen.“

Ash fühlte sich immer unbehaglicher. Er war es nicht gewohnt, persönliche Dinge mit jemandem zu besprechen, den er gerade erst kennengelernt hatte. Genau genommen besprach er persönliche Angelegenheiten mit niemandem.

Wie immer in solch heiklen Momenten, machte er ein ausdrucksloses Gesicht und schwieg.

Der Pfarrer ließ noch ein paar belanglose Bemerkungen fallen. Ash hörte höflich zu, dankte dem Geistlichen und wandte sich zu seiner Kutsche. Tully, sein Kutscher, wartete bereits auf ihn. Wenn sie jetzt losfuhren, könnten sie am Abend wieder in London sein.

„Äh …“

Der Pfarrer.

„Ja?“ Ash wurde langsam ungeduldig, zwang sich jedoch, höflich zu bleiben.

„Ich wurde gebeten, Ihnen das hier zu geben.“ Er reichte Ash einen versiegelten Brief.

Ash runzelte die Stirn. Zögernd nahm er den Brief entgegen, öffnete ihn und überflog den Inhalt.

„Zum Teufel!“, schimpfte er, was den Pfarrer veranlasste, eine Augenbraue hochzuziehen. „Der Anwalt will, dass ich nach der Beerdigung ins Herrenhaus komme.“

Der Pfarrer schaute ihn verwundert an. Die Bitte des Anwalts war völlig verständlich. Der Vierte Earl of Kingswood war gerade zu Grabe getragen worden und Ash war nun der Fünfte Earl.

Ein Titel, mit dem er niemals gerechnet hatte.

Warum auch? John war zweiunddreißig gewesen und hätte noch reichlich Zeit gehabt, mit Fanny einen Sohn zu zeugen. Für Ash war es selbstverständlich gewesen, dass John irgendwann Söhne haben würde, und dass er – Ash – niemals all die Verantwortung auf sich nehmen müsste, die John schon so lange getragen hatte.

Ash überlegte. Konnte er die Bitte ignorieren und wie geplant sofort nach London zurückkehren? Er könnte den Anwalt bitten, ihn dort aufzusuchen. Nein. Das würde respektlos und unhöflich wirken. Verdammt. Er musste der Bitte folgen. Und würde dann vermutlich sie wiedertreffen.

Fanny. Johns Gattin – Johns Witwe, korrigierte er sich. Nach all den Jahren, in denen er ihr erfolgreich aus dem Weg gegangen war.

Entschlossen setzte er seinen Hut auf, verabschiedete sich vom Pfarrer und ging zur Kutsche. Bringen wir es rasch hinter uns, dachte er.

2. KAPITEL

Marianne erinnerte sich daran zu atmen. Ihre Schultern waren verspannt und Angst breitete sich in ihr aus. Sie hatte ihre Gebühr bezahlt und ihren Namen in das Registrierungsbuch in der Agentur eingetragen, die Mrs. Bailey ihr empfohlen hatte. Und jetzt wartete sie.

Natürlich hatte sie nicht ihren richtigen Namen genannt. Während der langen Reise nach London hatte sie sich überlegt, dass sie den besser nicht benutzte, falls Henry nach ihr suchen sollte. Sie wollte den Nachnamen ihres Vaters – ihres leiblichen Vaters – angeben, weil sie überzeugt war, dass Henry sich nicht an ihn erinnern würde.

Nachdem sie den Großteil ihrer zwanzig Lebensjahre als Marianne Grant verbracht hatte, würde sie wieder den Nachnamen annehmen, den sie bei der Geburt erhalten hatte: Bolton. Charles Bolton hatte ihr seine dunkelbraunen Augen, sein dunkles Haar sowie, laut ihrer Mama, sein gelassenes Naturell vererbt. Die Grants dagegen waren sehr viel hitzköpfiger.

Marianne saß in einem Raum mit einem Dutzend anderer potenzieller Dienstboten, die alle geduldig darauf warteten, aufgerufen zu werden. Unter ihnen befanden sich zwei junge Damen, die ehrbar gekleidet waren und womöglich auch eine Anstellung als Gouvernante suchten.

Die Tür zum Büro wurde geöffnet und alle blickten auf. Der junge Mann, der vor einigen Augenblicken hereingerufen worden war, trat aus der Tür. Mit gesenktem Kopf ging er davon.

Ob das wohl ein Lakai war? überlegte Marianne.

„Miss Bolton? Miss Anne Bolton?“

Erschrocken erkannte Marianne, dass man sie aufrief. Die Dame, die in der vergangenen Stunde die Leute hereingebeten hatte, stand im Türrahmen. Anne Bolton war der Name, unter dem Marianne sich in das Register eingetragen hatte. Da er für sie noch neu und ungewohnt war, hatte sie nicht sofort darauf reagiert.

Errötend stand sie auf. „Ich bin Miss Bolton.“

Die Dame musterte sie. „Kommen Sie mit.“

Mit hoch erhobenem Kopf folgte Marianne ihr ins Büro und schloss die Tür. Sie hoffte inständig, dass niemand ihre zitternden Hände bemerkt hatte.

„Bitte setzen Sie sich, Miss Bolton.“

Marianne gehorchte, während die Dame hinter einem imposanten Schreibtisch aus Rosenholz Platz nahm. So viel hing von den nächsten Minuten und der Entscheidung dieser Frau ab!

„Ich bin Mrs. Gray, die Leiterin dieser Agentur.“

Sie war eine schon etwas ältere Dame mit stahlgrauem Haar, stechenden Augen und dunkler Haut. Offensichtlich stammten ihre Vorfahren aus Afrika. Sie trug ein schlichtes, hochgeschlossenes graues Kleid und keinen Schmuck. Trotzdem war sie unverkennbar eine Autoritätsperson.

„Wie ich sehe, suchen Sie nach einer Anstellung als Gouvernante“, sagte sie, „aber Sie haben keine Referenzen. Erzählen Sie mir von sich und warum Sie hier sind.“

Mit klopfendem Herzen begann Marianne erst zögernd, dann immer flüssiger, die Geschichte zu erzählen, die sie sich ausgedacht hatte. Mrs. Grey hörte ihr reglos zu. Zweifel überkamen Marianne. Vielleicht hätte sie doch nicht vorgeben sollen, dass ihr Vater Anwalt gewesen war und ihr kaum Geld und keinerlei Verbindungen hinterlassen hatte. Wenn Mrs. Gray nun Beweise verlangte?

„Wann ist Ihr Vater gestorben?“

„Vor ungefähr zehn Monaten.“ Marianne spürte einen Kloß im Hals, wie immer, wenn sie an Papa dachte.

Mrs. Gray kniff die Augen zusammen. „Und Ihre Mutter?“

„Ist ebenfalls tot.“ Marianne schluckte und ballte die Hände zu Fäusten, um die Trauer zu unterdrücken, die sie zu überwältigen drohte.

Mrs. Gray ließ ihren Blick kurz zu Mariannes Händen schweifen, ehe sie sich etwas zurücklehnte. „Erzählen Sie mir von Ihrer Ausbildung, Miss Bolton. Welche Fähigkeiten haben Sie?“ Mrs. Gray sprach sachlich, ohne einen Hinweis darauf, ob sie Marianne eine Chance geben würde oder nicht.

Zurückhaltend erzählte Marianne von ihren musikalischen Fähigkeiten und dass sie zeichnen und malen sowie sticken und nähen konnte. Außerdem erklärte sie, dass sie sich sowohl auf Französisch als auch Italienisch unterhalten könne …“

„Und was wissen Sie über Mathematik, Logik und Latein?“

Marianne blinzelte. Mrs. Gray hatte ihr die Frage in perfektem Italienisch gestellt! „Ich habe die grundlegenden mathematischen Fragen studiert“, erwiderte sie gleichfalls auf Italienisch.

Mrs. Gray setzte ihre Befragung auf Französisch, dann auf Latein fort. Glücklicherweise war Marianne eine gute Schülerin gewesen und konnte auf alle Fragen antworten. War das ein anerkennendes Funkeln in Mrs. Grays Augen? Die ältere Dame schwieg einen Moment.

Marianne zwang sich still zu sitzen. Bitte, flehte sie in Gedanken. Was sollte sie nur tun, wenn sie keine Anstellung als Gouvernante fand? Nach Hause zurück konnte sie nicht. Sie hatte kein Zuhause mehr. Also hing alles von Mrs. Gray ab.

Ist das kalt hier, dachte Ash und trat näher an den Kamin in Johns Arbeitszimmer. Hoffentlich konnte er bald wieder weg; er war keineswegs scharf auf eine längere Begegnung mit der trauernden Witwe.

Fröstelnd hielt er seine Hände in die Nähe des Feuers. Im selben Moment wurde die Zimmertür geöffnet und wieder geschlossen. Eine dicke Rauchwolke stieg aus dem Kamin auf. Ash wich hustend zurück.

Werden die Kamine hier nicht gekehrt?

Er war schon lange nicht mehr in Ledbury House gewesen, doch er konnte sich nicht erinnern, dass es jemals so heruntergekommen gewirkt hatte.

„Lord Kingswood! Danke, dass Sie gekommen sind.“ Der Anwalt, ein Herr mittleren Alters, verbeugte sich formvollendet. „Mein Name ist Richardson.“

Ash nickte. „Ich habe Ihre Nachricht erhalten. Verstehe ich es richtig, dass Sie das Testament sofort verlesen wollen?“ Er blieb höflich, obgleich er es kaum erwarten konnte, wieder zu verschwinden.

„Ich bin dazu verpflichtet, Ihnen den Umfang Ihres Erbes zu erläutern, sowie eine Reihe von anderen Dingen zu erklären, die der Vierte Earl in seinem Letzten Willen bestimmt hat.“ Der Anwalt trat hinter Johns Schreibtisch und zog mehrere Papiere aus einer Aktenmappe.

Ash stand da und wünschte sich nichts sehnlicher, als zu gehen und niemals wiederzukommen. Mit jeder Faser seines Körpers wehrte er sich dagegen, dass er der neue Earl of Kingswood war. Das Letzte, was er brauchte, waren andere Dinge, die sein Leben kompliziert machen würden.

„Was für andere Dinge? Und warum glaubte John – mein Cousin –, er müsse mir noch weitere Verantwortung aufhalsen, abgesehen von dem Titel?“

Mr. Richardson schüttelte den Kopf. „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Meine Aufgabe besteht lediglich darin, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen des Testaments erfüllt werden.“ Sorgfältig arrangierte er die Papiere auf dem Schreibtisch.

„Ich verstehe“, erwiderte Ash.

Aber leider tat er es nicht. Überhaupt nicht. Warum wollte John ihm noch mehr aufbürden, obwohl er genau wusste, dass Ash es hassen würde? Zumal sie seit sechszehn Jahren nicht mehr die besten Freunde gewesen waren.

John hatte sich hier auf seinem uralten Landsitz zusammen mit Gemahlin und Tochter eingerichtet und war selten in der Stadt aufgetaucht. Ash dagegen verließ London kaum, es sei denn, er war zu einer Hausparty auf dem Land eingeladen. Ihn langweilte das Landleben.

Ergeben fügte er sich in sein Schicksal, noch bleiben zu müssen, selbst wenn es bedeutete, dass er …

„Mr. Richardson! Vielen Dank, dass Sie in dieser schweren Zeit bei uns sind.“

Ash drehte sich herum und sah, wie Fanny ins Zimmer kam, gefolgt von einem Mädchen, das ihre Tochter sein musste.

Fanny hatte schon immer gewusst, wie man einen großen Auftritt hinlegte. Ihr schwarzes Kleid war aus feinster Seide, ihr blondes Haar kunstvoll frisiert und das Häubchen tat ihrer Schönheit keinen Abbruch. Die Augen in der Farbe von Kornblumen, der schön geschwungene Mund und die bezaubernden Grübchen, die ihn damals fast um den Verstand gebracht hatten, waren unverändert. Wenn es jemandem gelang, in Trauerkleidung attraktiv auszusehen, dann war es Fanny.

Unwillig erinnerte er sich an die Faszination, die sie stets auf ihn ausgeübt hatte, und für einen Moment fühlte er sich wieder wie achtzehn.

Sie blieb stehen und tat so, als hätte sie ihn eben erst entdeckt. „Nanu, Ash! Ich wusste gar nicht, dass du schon hier bist.“

Sie log. Die Dienstboten hatten ihr bestimmt gemeldet, dass er angekommen und mit dem Anwalt ins Arbeitszimmer gegangen war.

Er verneigte sich. „Guten Tag, Fanny.“ Er machte keine Anstalten, ihre Hand zu ergreifen. Oder sie zu küssen.

„Das ist ziemlich unerwartet“, murmelte sie. Es blieb unklar, ob sie die sofortige Verlesung des Testaments meinte oder die Tatsache, dass Ash den Titel geerbt hatte.

„Für mich auch.“ Nachdrücklich blickte er zu ihrer Tochter. „Und das ist …?“

„Meine Tochter Cecily.“ Das Mädchen, genauso hübsch wie ihre Mutter – allerdings mit Johns braunen Augen – knickste höflich und musterte ihn neugierig.

„Ich war der Cousin und ein alter Freund deines Vaters.“

„Wir sind alle Freunde, Ash.“ Fanny setzte sich auf ein ausgeblichenes Sofa und strich ihre Röcke glatt. Dann bedeutete sie ihrer Tochter, sich zu ihr zu setzen. „Darf ich dir etwas zu trinken anbieten? Tee vielleicht?“

„Ein Brandy wäre mir lieber.“ Er würde etwas Stärkeres brauchen, wenn er die nächste halbe Stunde überstehen wollte.

Sie presste die Lippen zusammen und griff nach dem Klingelzug.

Ash seufzte innerlich. Fanny hatte sich kein bisschen verändert.

Mrs. Gray hatte sich während des Gesprächs mit Marianne Notizen gemacht. Nun hob sie den Kopf und sah sie direkt an. „Es ist schwierig, eine Stelle für eine Gouvernante zu finden, die über keine Referenzen, keine Empfehlungen verfügt.“

„Das verstehe ich.“ Marianne bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Es wäre nicht hilfreich, ihre Verzweiflung offen zu zeigen. „Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich eine gute Gouvernante sein werde. Zu Hause, als meine Eltern noch lebten, habe ich unserem Hausmädchen das Lesen und Schreiben beigebracht. Es hat mir Spaß gemacht, und ich glaube, dass ich es gut kann.“

Das stimmt auch, dachte sie. Ich habe Jane unterrichtet – obwohl es ein klein wenig geschwindelt ist, so zu tun, als wäre sie unser einziges Hausmädchen gewesen. Ach je, es ist so schwierig, eine Lügnerin zu sein!

Mrs. Gray klopfte mit dem Finger auf den Tisch und überlegte. „Es gibt da eine Möglichkeit. Ein junges Mädchen, dessen Vater kürzlich gestorben ist.“

Sofort hatte Marianne Mitleid mit dem unbekannten Mädchen. Sie wusste genau, wie es sich anfühlte, die geliebten Eltern zu verlieren.

Mrs. Gray betrachtete sie eingehend und nickte zufrieden. „Sie lebt mit ihrer Mutter zurückgezogen auf dem Land.“ Ein scharfer Blick traf Marianne. „Es macht Ihnen doch nichts aus, London zu verlassen, um in einem abgeschiedenen kleinen Ort zu leben? Werden Sie das bunte Treiben der Stadt vermissen?“

Marianne erschauderte bei dem bloßen Gedanken an das Treiben von London. Seit sie gestern Abend angekommen war, hatten der Lärm, die Gerüche und das Gefühl von überall lauernder Gefahr sie fast überwältigt. „Ich hege nicht den Wunsch, in London zu leben. Ich bin auf dem Land großgeworden und wäre sehr zufrieden, wieder dorthin zurückzukehren.“

Außerdem würde es für Henry schwieriger werden, sie zu finden. Falls er es überhaupt versuchte.

„Ich habe noch eine Frage.“ Mrs. Gray musterte sie eindringlich. „Diejenigen, die zu mir kommen, wissen, dass ich gelegentlich Menschen vermittele, die andere Agenturen ablehnen. Aber ich bestehe darauf, dass meine Leute einen einwandfreien Charakter haben.“

Marianne reckte das Kinn. Niemand hatte jemals ihren Charakter infrage gestellt! „Ich kann Ihnen versichern, Mrs. Gray, dass mein Charakter tadellos ist.“

„Kein Grund, hochnäsig zu werden, Miss …“, sie blickte auf ihre Papiere, „… Miss Bolton.“

Marianne errötete. Mrs. Grays Skepsis bezüglich des Namens war offensichtlich.

Wieder schienen sich die dunklen Augen der Frau in sie zu bohren. „Sind Sie in anderen Umständen?“

Marianne rang nach Luft. „Natürlich nicht! Ich habe niemals … Ich meine, ich würde nicht im Traum daran denken … ich meine, NEIN!“ Sie sah Mrs. Gray direkt an. „Definitiv nicht.“

„Gut.“

Als hätte sie Marianne nicht gerade eine unglaublich unhöfliche Frage gestellt, nahm Mrs. Gray ein neues Blatt Papier und begann zu schreiben.

„Sie werden Unterkunft und Verpflegung erhalten sowie ein jährliches Gehalt und ein kleines Taschengeld. Pro Monat stehen Ihnen zwei freie Tage zu. Nehmen Sie am Donnerstag die Postkutsche nach Bedford vom Gasthaus ‚Angel‘ und steigen Sie in Netherton aus. Ich werde dafür sorgen, dass jemand Sie dort abholt und nach Ledbury House bringt.“

Sie blickte auf.

„Denken Sie dran, Lady Kingswood und ihre Tochter, Lady Cecily, befinden sich in Trauer, sie werden also sehr zurückgezogen leben. Ich habe schon andere Dienstboten dorthin vermittelt, die jedoch wieder gegangen sind, weil ihnen das Haus zu einsam war. Ich glaube, deshalb hat auch Lady Cecilys letzte Gouvernante gekündigt. Das Kind braucht jemanden, der bereit ist, länger zu bleiben. Nachdem sie schon ihren Vater verloren hat …“

„Ich verstehe.“

Zurückgezogen leben, das klang perfekt! Marianne hatte das ruhige Landleben mit ihren Eltern geliebt. Hatte Nachbarn und Freunde besucht, ohne sich jemals nach den sogenannten Vergnügungen der Stadt zu sehnen.

„Lady Kingswood hat mir die Auswahl einer neuen Gouvernante anvertraut. Also, enttäuschen Sie mich nicht!“ Mrs. Gray reichte ihr das Papier.

Marianne versicherte ihr, dass sie sich auf sie verlassen konnte. Dann las sie sich das Dokument durch. Es nannte die Adresse von Ledbury House in Netherton und fasste die Bedingungen ihrer Anstellung zusammen.

Einerseits war sie unendlich erleichtert, anderseits kam ihr das alles noch absolut unwirklich vor. Es war merkwürdig, dass sie von nun an nicht mehr Miss Marianne Grant war, eine junge, wohlhabende Dame aus gutem Hause, sondern Miss Anne Bolton, Gouvernante, Waise und fast völlig verarmt.

Sie schluckte. Die Alternative hieß völlige Armut oder – möge Gott es verhindern – die Rückkehr zu Henry. Allein der Gedanke jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Sie würde dafür sorgen, dass das hier funktionierte, würde vorsichtig sein und, ganz wichtig, eine zuverlässige Gouvernante.

Sie blickte wieder auf das Papier. Der Lohn war erschreckend niedrig, viel weniger als ihr bisheriges Nadelgeld, das sie achtlos für Nichtigkeiten ausgegeben hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie man mit Geld umging und würde jetzt lernen müssen, mit diesem geringen Betrag all ihre Ausgaben zu decken.

Sie straffte die Schultern. Ich schaffe das! Ich muss!

„Und nun zum Familiennachlass.“

Mr. Richardson, dachte Ash, hätte einen exzellenten Folterknecht abgegeben. Er hatte ihn nicht nur dazu gezwungen, in dieses gottverlassene Haus zu kommen und Fannys Gesellschaft zu ertragen, sondern verlas das Testament von John Ashington, dem Vierten Earl of Kingswood, gewissenhaft Wort für Wort und unfassbar langsam. Mit regloser Miene hatte Ash sich angehört, welche Besitztümer nun ihm gehörten – das beinhaltete vor allem dieses Haus mit den nicht gekehrten Kaminen.

Ash trank noch einen Schluck Brandy. Glücklicherweise war der Anwalt inzwischen beim Familiennachlass angekommen, sodass er sicher bald verschwinden konnte.

Fanny richtete sich auf und ein Funkeln trat in ihre Augen. Nur das Haus und die Gärten waren als unveräußerliches Erbe an den Titel gebunden. Der Rest des Landsitzes würde vermutlich an Cecily gehen und treuhänderisch verwaltet werden, bis sie volljährig war. Und vermutlich würde auch Fanny einen beachtlichen Teil erben.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Ash, ob Fanny sich für John entschieden hatte, weil er den Titel innegehabt hatte. Wenn er selbst Earl gewesen wäre, hätte sie dann ihn genommen? Damals, als John und er sich in dasselbe Mädchen verliebt hatten?

Ash zwang sich, die zynischen Gedanken zu unterdrücken und stattdessen dem Anwalt zuzuhören.

Mr. Richardson las weiter vor – und was er als Nächstes sagte, ließ Fanny überrascht nach Luft schnappen. Cecily sollte nur eine beachtliche Mitgift sowie den Schmuck von Johns Mutter erhalten. Also bekam Fanny alles?

Ash blickte verstohlen zu ihr. Sie zitterte vor Aufregung.

„Meiner geliebten Gemahlin“, fuhr Mr. Richardson fort, „hinterlasse ich das Witwenhaus, solange sie unverheiratet bleibt …“ Er erläuterte weitere finanzielle Regelungen, die angemessen, aber nicht besonders großzügig waren.

„Was? Was?“ Fanny klang nicht begeistert. „Wenn er weder Cecily noch mir alles vermacht hat, wem denn dann?“

Sie sah erbost zu Ash. „Dir!

Zu dieser Erkenntnis kam Ash auch langsam.

„Meinen übrigen Besitz hinterlasse ich meinem Cousin, dem Fünften Earl of Kingswood, Mr. William Albert James Ashington …“

Ausdruckslos las der Anwalt all die Dinge vor, die Ash erben sollte. Gleich darauf kam der nächste Paukenschlag.

„Ich stelle meine Tochter, Lady Cecily Frances Kingswood unter die Vormundschaft des Fünften Earls …“

„Was? Nein!“ Fanny kreischte fast. „Mr. Richardson, das kann nicht wahr sein!“

Ash gefror das Blut in den Adern. Vormund für ein zwölfjähriges Mädchen? Und die Mutter blieb außen vor? Was zum Teufel hatte John sich dabei gedacht?

Der Anwalt hielt inne, hustete und schaute Fanny direkt an. Der Blick ließ sie verstummen, doch ihre Augen sprühten vor Zorn. Mr. Richardson verlas das Testament bis zum Ende.

John erklärte darin, dass Ash sich eng mit Fanny absprechen solle, damit sie Cecily gemeinsam mit liebevoller Bestimmtheit erzogen. Liebevolle Bestimmtheit? Was sollte das denn bedeuten?

Ash schwirrte der Kopf. Verdammt, warum hatte John das getan? Traute er Fanny nicht zu, dass sie das Kind vernünftig großzog?

Das war wirklich das Letzte, was Ash wollte: die Verantwortung für ein Kind! Wieso war Fanny nicht als Vormund eingesetzt worden und Ash und der Anwalt als Vermögensverwalter? So wurde es normalerweise gehandhabt.

Das Gefühl von Ungeduld und leichter Neugier, das er anfangs verspürt hatte, war zu Bestürzung und Verärgerung geworden.

Fanny brach in Tränen aus und machte die Sache damit nicht besser. Cecily indes wirkte einfach nur verwirrt. Ash tauschte einen knappen Blick mit Mr. Richardson. Für einen kurzen Moment waren sie in männlicher Solidarität verbunden, dann schloss er die Augen. Würde dieser Albtraum niemals enden?

Erleichtert verließ Marianne das Büro von Mrs. Gray und fasste an ihr Retikül, um sich zu vergewissern, dass sie die Papiere auch wirklich eingesteckt hatte. Das war ihre Zukunft: Gouvernante einer noch unbekannten jungen Dame, die kürzlich ihren Vater verloren hatte und abgeschieden mit ihrer Mutter auf dem Land lebte. Es klang … perfekt.

Zum ersten Mal, seit sie den Entschluss gefasst hatte davonzulaufen, verspürte Marianne einen Anflug von Hoffnung. Vielleicht würde sich doch noch alles zum Guten wenden. Sie hatte eine Anstellung und würde ein Dach über dem Kopf haben. Solange Henry sie nicht fand, war alles gut.

Natürlich wusste sie nicht, ob er überhaupt nach ihr suchte. Vielleicht war er zufrieden, dass sie verschwunden war. Andererseits verfolgte sie der letzte, niederträchtige Blick, den er ihr zugeworfen hatte, noch immer. Henry war durchaus fähig, wie besessen nach ihr zu suchen, aus dem einfachen Grund, weil sie sich seinem Willen entzogen hatte.

Sie schüttelte ihre Angst ab. Es gab nichts, was sie tun konnte, außer vorsichtig zu sein. Bis jetzt war ja alles gut verlaufen.

Mit neuem Selbstbewusstsein machte sie sich auf den Weg zu dem bescheidenen Gasthaus, in dem sie abgestiegen war. Am Donnerstag würde ihr neues Leben wirklich beginnen.

„Wollen Sie mir erzählen, dass es keinen Weg gibt, das hier zu vermeiden?“

„Lord Kingswood, ich führe nur den Letzten Willen aus. Ich habe ihn nicht aufgesetzt.“ Mr. Richardson blieb unbeeindruckt.

Fanny hatte weinend und auf ihrer Tochter gestützt das Zimmer verlassen – ganz die arme Witwe, der großes Unrecht widerfahren war. Ash war überzeugt, dass auch der Anwalt insgeheim erleichtert aufgeatmet hatte, als die Tür sich hinter ihr schloss. Anscheinend hatte Fanny die Fähigkeit, eine Szene zu machen, nicht verlernt.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

Als der Anwalt schwieg, fuhr Ash fort: „Sagen Sie mir, wie ich mich da rauswinden und Lady Kingswood die Erziehung ihres Kind selbst überlassen kann.“

„Mit Ihrer Erlaubnis kann Lady Kingswood natürlich ihre Tochter erziehen.“

„Aber es ist nicht richtig, dass sie dafür meine Erlaubnis braucht. Sie ist die Mutter des Kindes. Warum soll ich der Vormund sein?“

Der Anwalt zuckte mit den Schultern. „Ihr Cousin wird seine Gründe gehabt haben. Er hat sie mir nicht erläutert.“

Ash versuchte es mit einem anderen Ansatz. „Was ist mit Lady Kingswoods Erbe? Kann ich ihr noch mehr zukommen lassen, als mein Cousin vorgesehen hat?“

„Der Teil des Besitzes kann, wie Sie wissen, veräußert werden. Sie können ihn also verkaufen oder verschenken. Allerdings …“ er hob eine Hand, um Ashs Reaktion zu unterbinden, „… nachdem sämtliche Beerdigungskosten und andere Schulden bezahlt sind, wird nicht mehr viel übrigbleiben. Lord Kingswood war länger als ein Jahr lang krank, wie Sie vielleicht wissen.“

„Nein, ich wusste es nicht.“ Schuldgefühle stiegen in ihm auf. Verdammt! Warum hatte er von Johns Krankheit nichts gewusst?

„Während dieser Zeit haben die Investitionen des Earl und seine Besitzungen dramatisch gelitten, weil sich niemand darum gekümmert hat. Sein Verwalter war schon älter und ist wenige Wochen vor Lord Kingswood verstorben, sodass die Verwaltung des Gutes auf den Schultern von Lady Kingswood lag. Da sie … äh … keine Kenntnisse in solchen Dingen hat …“ Er verstummte.

„Aber ich doch auch nicht!“ Ash fuhr sich missmutig durch sein dichtes Haar. „Wenn der Besitz unter der Verwaltung von Lady Kingswood gelitten hat, wie soll ich es denn besser machen? Ich bin schließlich genauso unerfahren.“

„Ich fürchte, auf diese Frage habe ich keine Antwort. Ich kann Ihnen jedoch versichern, wenn die Angelegenheiten weiter in Lady Kingswoods Händen bleiben …“ Wieder beendete er den Satz nicht.

Ash überlegte. Die junge Fanny, an die er sich erinnerte, war eine Schönheit gewesen, eine lebhafte Tänzerin, mit der man zudem amüsante Gespräche führen konnte. Er wusste allerdings nichts über die Frau, zu der sie inzwischen geworden war.

„Wollen Sie damit andeuten, dass Lady Kingswood unfähig ist, einfachste Dinge zu regeln?“

„Sie werden sicherlich verstehen, dass ich mich dazu nicht äußere.“

„Verdammt!“ Ash schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. Er saß in der Falle! Ein Titel, finanzielle Verantwortung und jetzt noch das. Eine Zwölfjährige, die er erziehen sollte, und ein Landgut, das er aus den roten Zahlen führen musste.

Der Anwalt zeigte auf drei große Truhen, die in der Ecke standen. „Lady Kingswood hat mich darüber informiert, dass alle Dokumente, die mit dem Besitz und allen anderen geschäftlichen Angelegenheiten von Lord Kingswood zu tun haben, darin aufbewahrt sind.“

Ash öffnete eine der Truhen. Sie war voll mit Papieren, die einfach hineingestopft worden waren. Es würde mindestens eine Woche dauern, nur diese Truhe zu sortieren.

„Ich verstehe.“

Seine Gedanken überschlugen sich. Es würde Wochen dauern, das alles zu regeln. Wahrscheinlich schon Wochen, um überhaupt das Ausmaß der Verbindlichkeiten, die er geerbt hatte, aufzulisten. Dabei war sein Leben bereits gut ausgefüllt: Er musste Freunde treffen, an Gesellschaften teilnehmen, sich ein neues Pferd anschauen …

Er traf eine Entscheidung. „Ich werde, wie geplant, noch heute nach London fahren, aber am Donnerstag zurückkehren, sobald ich meine dringendsten Angelegenheiten geregelt habe.“

Innerlich kochte er vor Wut. Warum hat man mir das alles aufgebürdet? Verdammt, John, warum musstest du sterben?

3. KAPITEL

Das Gasthaus in Netherton sieht ähnlich aus wie das ‚Hawk and Hound‘, stellte Marianne fest, als die Kutsche in den Hof fuhr.

Es ist nur ein Gasthof. Die Menschen hier sind nicht anders als zu Hause. Ich schaffe das!

Diesen Satz hatte sie schon unzählige Male im Stillen wiederholt, seit sie von zu Hause fort war. Heute hatte sie zum zweiten Mal in ihrem Leben die Tortur einer Postkutschenfahrt durchmachen müssen und war froh, dass sie endlich aussteigen konnte. Sie zeigte dem Kutscher ihre Hutschachteln, damit er sie abladen konnte. Anschließend eilte er ins Gasthaus, wo es warm war und Erfrischungen gab.

Marianne stand in der kalten Januarluft und sah sich im Hof um. Nur ein anderes Gefährt stand noch hier, ein eleganter, hochrädriger Phaeton. Sie hatte solche Wagen schon gesehen; sie waren der absolute Hit bei den jungen Londonern. Henry besaß natürlich auch einen, obwohl seiner deutlich kleiner war.

Wo war dann aber der Karren oder die Kutsche, die sie nach Ledbury House bringen sollte? Mrs. Gray hatte nur gesagt, dass sie die Familie über ihre Ankunft unterrichten würde. Marianne hatte keine Ahnung, wer sie hier abholen würde.

Zögernd folgte sie dem Kutscher ins Gasthaus, das düster wirkte, sich jedoch als gemütlich und gut gepflegt herausstellte. Im Kamin brannte ein Feuer, das behagliche Wärme verbreitete.

Marianne ging hinüber zum Tresen, wo eine Frau – vermutlich die Wirtin – emsig Ale ausschenkte. Auf ihrem Weg durch die Schrankstube musterte Marianne verstohlen die Fremden, die dort saßen. Seit ihrer Flucht hatte sie sich nicht mehr sicher gefühlt. Sie hatte zwar keine Erfahrung, welche Gefahren unterwegs lauern konnten, trotzdem war sie ständig auf der Hut.

Ihre Mitreisenden hatten sich bereits an verschiedenen Tischen niedergelassen. Außerdem bemerkte sie zwei Bauern, die jeder einen Krug Bier vor sich stehen hatten.

Dann erblickte sie ihn. Ihr Herz begann schneller zu schlagen und ihre Nackenhaare stellten sich auf.

Er saß mit dem Rücken zu ihr an einem Tisch in der Nähe des Tresens. Als erstes fiel ihr sein dunkles, modisch frisiertes Haar auf. Sein Reisemantel war äußerst elegant und hatte mehrere Kragen. Darunter kamen lange Beine in eng anliegenden Hosen und glänzende schwarze Stiefel zum Vorschein. Er sah genauso aus wie Henry und seine Kumpanen.

Nur dieses Mal, rief sie sich ins Gedächtnis, hast du keinen Grund, dich vor ihm zu fürchten.

Sie ging weiter und versuchte, ruhig zu bleiben. Als sie an seinem Tisch vorbeiging, blickte sie verstohlen zur Seite. Sie wollte sich vergewissern, dass er niemand war, den sie kannte.

Dieser Herr war etwas älter als Henry – vielleicht Ende zwanzig, Anfang dreißig. Sein dichtes, dunkles Haar war perfekt und tatsächlich ähnlich frisiert. Aber sein Gesicht hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem ihres Stiefbruders. Dieser Mann war gutaussehend – oder zumindest wäre er es, wenn er nicht so grimmig dreinschauen würde. Seine kantigen Gesichtszüge waren das genaue Gegenteil von Henrys leicht pausbäckigem Gesicht mit dem fliehenden Kinn. Und auch seine Figur unterschied sich stark von Henrys, denn dieser Gentleman war schlank und muskulös. Seine Kleidung war im Grunde das Einzige, was an Henry und seine Freunde erinnerte.

Als würde er ihre Gegenwart spüren, hob der Mann den Blick und schaute Marianne so direkt an, dass sie errötete. Seine blauen Augen erinnerten sie an einen Sommerhimmel, an dem gerade ein Sturm aufzog. Oje, er war mehr als attraktiv! Und sie musste feststellen, dass sein Blick merkwürdige Gefühle in ihr auslöste.

Fast widerstrebend wandte sie sich ab und trat an den Tresen.

„Ja, Miss?“

Marianne lächelte höflich. Sie fühlte sich ein wenig verloren und zittrig, und sie spürte, dass der Gentleman sie noch immer musterte. Doch sie schaffte es, der Wirtin mit fester Stimme zu antworten: „Ich sollte hier jemanden treffen. Ich komme mit der Postkutsche aus London.“

„Wen wollen Sie denn treffen, Miss?“

Marianne runzelte die Stirn. „Ich weiß es nicht genau.“

Panik stieg in ihr auf. Was ist, wenn etwas schiefgelaufen ist? Was ist, wenn es gar keine Stelle für eine Gouvernante gibt?

„Ich soll als Gouvernante in Ledbury House anfangen. Man hat mir gesagt, ich solle heute die Postkutsche nehmen.“

„Ledbury House? Dieser Gentleman …“, die Wirtin deutete auf den Mann mit den blauen Augen, „… will ebenfalls dorthin. Vielleicht sollen Sie mit ihm fahren?“

Erschrocken drehte Marianne sich zu ihm herum. Er hatte offensichtlich zugehört und wirkte nun noch grimmiger als vorher. Fragend zog er eine Augenbraue hoch.

„Interessant …“, murmelte er. „Wer hätte geahnt, welche Freuden dieser Tag noch bereithält?“

Marianne war sprachlos. Was sollte sie davon halten? Er klang zwar nicht direkt unhöflich, aber alles andere als begeistert. Da sie höflichere Umgangsformen gewöhnt war, wappnete sie sich innerlich.

Anscheinend spiegelte sich das, was sie empfand, auf ihrem Gesicht, denn seine Miene verriet auf einmal einen Anflug von Reue.

„Ich bezweifle nicht“, sagte er leise wie zu sich selbst, „dass Fanny an diesem Chaos Schuld ist und ich es in Ordnung bringen muss. Nun, diesmal tue ich es, aber dann ist Schluss.“ Nach dieser rätselhaften Aussage trank er seinen Krug leer und stand auf. „Sie kommen am besten mit mir.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, marschierte er zur Tür.

Marianne blieb angewurzelt stehen. Sollte sie mit ihm gehen? Einem Fremden? Ohne Begleitung? Miss Marianne Grant, eine Lady, hätte das niemals getan. Miss Anne Bolton, die Gouvernante, konnte es.

Marianne war sich bewusst, dass alle Augen auf sie gerichtet waren, und spürte plötzlich, wie Entschlossenheit in ihr aufstieg. Normalerweise war sie ein gutmütiger, zurückhaltender Mensch, der am liebsten unbeachtet mit einem Buch dasaß und auf Harmonie und Frieden hoffte.

Dieser unbekannte Gentleman erwartete von ihr, dass sie zu ihm in den Wagen stieg – ohne Anstandsdame, ohne Zofe oder sonstige Begleitung. Vielleicht hatte er einen Reitknecht? Tja, selbst wenn nicht, war offensichtlich, dass alle von der Gouvernante erwarteten, dass sie mit ihm ging und dankbar war für die Mitfahrgelegenheit.

Sie war fast erleichtert, dass sie ihm misstraute, obwohl er so gut aussah und irgendwie faszinierend wirkte. Es war sicher besser, wenn sie sich vor ihm in Acht nahm, als wenn sie ihn anziehend fand und sich bei ihm in Sicherheit wähnte.

Einerseits verspürte sie den Wunsch, sich irgendwo hinzusetzen und auf einen unbekannten Retter zu warten. Andererseits hatte sie das noch stärkere Verlangen wegzulaufen, um nicht allein mit diesem Mann mit seiner Kutsche fahren zu müssen. Schließlich entschied sie, dass es am einfachsten wäre, mit ihm zu gehen und ihm halbwegs zu vertrauen.

Ihr blieb sowieso keine andere Wahl. Sie musste nach Ledbury House gelangen, denn dort gab es etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf.

Du bist nicht länger Miss Marianne Grant, ermahnte sie sich, sondern eine Gouvernante. Du brauchst diese Anstellung. Hoffentlich konnte sie den letzten Teil ihrer Reise hinter sich bringen, ohne von diesem Herrn belästigt zu werden.

Sie schluckte, nickte der Wirtin zum Abschied zu und folgte dem Mann nach draußen.

Der wies gerade die Stallknechte an, sofort die Pferde anzuspannen. Zwei Männer und ein Junge gehorchten unverzüglich und führten kurz darauf vier perfekt aufeinander abgestimmte Grauschimmel in den Hof. Der Gentleman streckte Marianne, die unsicher neben ihn getreten war, die Hand entgegen.

Verwirrt blickte Marianne ihn an.

„Ihre Hutschachteln?“

„Oh!“ Sie reichte sie ihm und er verstaute sie im Phaeton. Einer der Stallknechte half ihr auf die Kutsche und ihr Begleiter kletterte neben sie. Nachdem er den Knechten ein paar Münzen zugeworfen hatte, trieb er die Pferde an.

Marianne war noch nie mit solch einem Wagen gefahren. Er schwebte weit über dem Boden, hatte keine wirklichen Seitenwände, und neben ihr saß ein Fremder, der sie Gott weiß wohin mitnahm.

Doch das war jetzt wohl ihr Los als Gouvernante. Es gab weder Verwandte noch Bedienstete, die sie beschützten. Ihr konnte alles Mögliche passieren und niemand würde davon erfahren oder sich darum kümmern.

Kein Wunder, dass die Angst, die in diesen Tagen ihr ständiger Begleiter war, sich wieder laut und vernehmlich bemerkbar machte.

Der Mann lenkte die Kutsche durch die engen Straßen von Netherton hinaus aufs offene Land, wo er die Pferde zu einer schnelleren Gangart antrieb, die Marianne nicht ungefährlich erschien.

Sie zog ihren Umhang noch enger um sich, um sich vor der Kälte zu schützen, und umklammerte mit der linken Hand die Armlehne der Sitzbank. Als der Fremde eine Kurve in viel zu hohem Tempo nahm – ihrer Meinung nach jedenfalls –, rang sie unwillkürlich nach Luft.

Ihr Begleiter hatte es offenbar gehört, denn er hob eine Augenbraue, wurde aber nur unwesentlich langsamer.

Marianne biss sich auf die Lippen. Bisher hatte der Mann noch keinerlei Interesse an ihr gezeigt. Außer … Sie dachte an den ersten Blick, den sie ausgetauscht hatten, als sie etwas … Sonderbares gefühlt hatte. War es ihm genauso gegangen? Oder hatte sie es sich nur eingebildet?

Auf der schmalen Sitzbank hatten gerade einmal zwei Menschen Platz, sodass er unangenehm nahe bei ihr saß. Sein linker Oberschenkel berührte ihr rechtes Bein. Sie spürte, wie sich seine Muskeln an- und entspannten, während er den Phaeton lenkte. Sogar seinen Duft konnte sie wahrnehmen: eine nicht unangenehme Mischung aus Pinienholz und Seife.

Er kam ihr unglaublich groß, kräftig und gefährlich vor. Und sie hatte keine Ahnung, wer er war, da er es nicht für nötig befunden hatte, sich vorzustellen.

Sie fuhren gerade durch eine weitere Kurve, als ihnen ein breiter Karren entgegenkam. Marianne stöhnte auf und sah den unausweichlichen Zusammenstoß bereits vor sich. Sie fuhren viel zu schnell, und die Straße war zu eng, um auszuweichen. Schicksalsergeben umklammerte sie die Lehne noch fester und schloss die Augen.

Sekunden vergingen. Nichts. Sie fuhren noch immer! Als sie die Augen wieder öffnete, stellte sie fest, dass sie den Karren ohne Kollision passiert hatten. Erleichtert ließ sie sich zurückfallen.

„Entschuldigen Sie.“

Überrascht schaute sie auf.

Ihr Begleiter nahm kurz den Blick von der Straße, um sie mit einem reumütigen Grinsen anzusehen. „Ich bin zu schnell gefahren. Ich habe meine schlechte Laune an Ihnen und allen anderen ausgelassen.“

Das kam unerwartet! Sie neigte höflich den Kopf, war jedoch unfähig, ihm zu widersprechen. „Das haben Sie.“

Er hob erneut eine Augenbraue, musste jedoch lachen. Es war ein überraschend angenehmer Klang.

„Sollen wir noch einmal von vorn beginnen?“

Er zügelte die Pferde ein wenig und drehte sich halb zu ihr herum. „Ashington – William Ashington. Und zudem, seit Kurzem, Earl Kingswood.“ Er deutete eine kurze Verbeugung an.

„Ich bin Miss Bolton“, erwiderte sie misstrauisch.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Bolton. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Sie die neue Gouvernante in Ledbury House?“

„Das stimmt.“

Seine plötzliche Höflichkeit erschien ihr genauso verdächtig wie sein vorheriges Benehmen. Aber vielleicht konnte sie ihm einige Informationen über die Familie entlocken.

„Ich soll die Gouvernante eines Mädchens sein, oder einer jungen Dame, die dort mit ihrer verwitweten Mutter lebt.“

„Lady Cecily, ja. Lord Kingswood ist erst kürzlich gestorben.“

Ein Ausdruck von Schmerz huschte kurz über sein Gesicht. Interessant. Er war also der neue Earl und der vorherige Earl war der Vater von Lady Cecily.

„Wissen Sie, wie alt Lady Cecily ist?“

Er überlegte laut. „John und Fanny haben vierundneunzig geheiratet. Ich glaube, ihr Kind wurde drei, vier Jahre oder so später geboren, also …“, er wandte sich zu Marianne, „… muss sie zwölf oder dreizehn sein.“

„Zwölf oder dreizehn!“

Darauf war Marianne nicht gefasst gewesen. Sie hatte auf ein jüngeres Kind gehofft, mit dem der Umgang vielleicht leichter gewesen wäre. Hinzu kam, dass eine junge Dame in diesem Alter schon bald keine Gouvernante mehr benötigte.

„Ist das ein Problem?“

„Oh, nein! Natürlich nicht. Ich war nur davon ausgegangen, dass sie jünger wäre.“ Sie wartete, doch er äußerte sich nicht weiter dazu. „Ist Lady Cecily eine ruhige junge Lady oder eher lebhaft?“

Er schnaubte. „Ich habe sie genau einmal getroffen – das reicht definitiv nicht, um ihren Charakter einschätzen zu können.“

Sein Tonfall deutete an, dass ihn das Thema nicht besonders interessierte, deshalb versuchte sie es mit einem anderen Ansatz. „Sie sind also kein regelmäßiger Besucher in Ledbury House?“

„Ich war in den letzten sechzehn Jahren genau zweimal dort: einmal kurz vor der Trauung von Lord und Lady Kingswood und letzte Woche zu Lord Kingswoods Beerdigung.“

„Oh.“ Das war ein wenig verwirrend. Wieso stand er der Familie nicht nahe? Wieso hatte er sie so selten besucht, obwohl er der Nächste in der Erbfolge war?

Verstohlen blickte sie zu ihm. Die herablassende Höflichkeit, die er gerade noch ausgestrahlt hatte, war verschwunden. Stattdessen wirkte er wieder so grimmig wie im Gasthaus. Sie seufzte insgeheim. Zu gern würde sie wissen, warum er so schlechter Stimmung war. Oder hatte sie vielleicht etwas Falsches gesagt? Sicherlich war es das Beste, weiterhin auf der Hut zu bleiben.

Schweigend fuhren sie weiter, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Angesichts seiner Fähigkeiten als Pferdelenker entspannte sich Marianne ein wenig. Nach einigen weiteren schwierigen Kurven, die er meisterhaft nahm, rief sie spontan: „Oh, gut gemacht!“ Sofort schlug sie eine Hand vor den Mund. „Entschuldigen Sie! Es steht mir nicht zu, Ihren Fahrstil zu kommentieren.“ Mit angehaltenem Atem wartete sie auf seine Erwiderung.

Überrascht zog er die Augenbrauen in die Höhe. „Wohl wahr. Wie auch immer, ich will es Ihnen nachsehen, da Sie meinen Fahrkünsten inzwischen ein wenig vertrauen, nachdem Sie anfangs Todesängste ausgestanden haben.“

Sie errötete. „Oje! War es so offensichtlich?“

„So, wie Sie sich festgeklammert und bei jeder Kurve nach Luft geschnappt haben? Ja, das war offensichtlich.“

„Ich bin noch nie so schnell gefahren und habe auch noch nie in einer so hohen Kutsche gesessen. Das war ziemlich beängstigend. Allerdings möchte ich Ihre Fahrkünste natürlich nicht beurteilen.“

Er warf ihr einen skeptischen Blick zu. „Nicht?“

Sie errötete noch stärker. Er wusste sehr wohl, dass sie ihn beurteilt hatte.

„Miss Bolton, haben Sie je vom Four Horse Club gehört?“

„Nein. Was ist das?“

„Vergessen Sie es.“ Er lachte leise.

„Nun, ich glaube, dass Sie ein sehr guter Fahrer sind.“

Aus irgendeinem Grund ließ ihn das laut auflachen. Ihr fiel auf, wie gut ihm das Lachen zu Gesicht stand. Als ihr bewusst wurde, was ihr da gerade durch den Sinn ging, unterband sie den Gedanken sofort.

„Miss Bolton“, erklärte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. „Ich muss gestehen, ich bin dankbar, dass das Schicksal Sie heute nach Netherton geführt hat, denn Sie machen diese langweilige Fahrt zu einem Vergnügen. Der Four Horse Club ist übrigens für diejenigen Gentlemen, die eine gewisse Fähigkeit im Lenken von Kutschen erlangt haben. So, wir sind da.“

Sie bogen nach links durch ein schmiedeeisernes Tor und Marianne sah das Haus vor sich. Es wirkte groß, aber einladend, verfügte über zwei Geschosse mit hohen Fenstern und eine imposante Eingangstür.

„Was für ein schönes Haus!“, rief sie.

Lord Kingswood schnaubte. „Von Weitem mag es ganz hübsch wirken, doch es hat schon bessere Zeiten gesehen.“

Das stimmte. Je näher sie kamen, desto offensichtlicher wurden die Mängel. Einige der Fenster waren lange nicht geputzt worden und draußen lag alles voller Laub vom vergangenen Herbst.

Oh, was bedeutete das für sie? Konnte sich die Familie überhaupt eine Gouvernante leisten? Würde es ihr hier gutgehen? Ihr Puls beschleunigte sich, als ihr bewusst wurde, dass sie gleich Lady Cecily und deren Mutter treffen würde. Wenn sie sie nun nicht mochten?

Lord Kingswood blickte sie an. „Sie sind ja plötzlich so still. Keine Angst – ich bin sicher, die Damen werden sich über Ihre Ankunft freuen.“

Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Das hoffe ich.“

Als er ihr kurz darauf beim Aussteigen half, spürte sie die beruhigende Wärme seiner rechten Hand durch ihren Handschuh hindurch.

Sie blickte zu ihm auf und bemerkte dabei, wie viel größer er war. „Danke.“

Kurz drückte er ihre Hand, und als er sie losließ, fühlte Marianne sich seltsam verlassen.

In der geöffneten Haustür standen zwei Damen in Trauerkleidung. Das waren also Lady Kingswood und ihre Tochter.

Lord Kingswood ging zielstrebig hinüber, Marianne folgte ihm zögernd.

„Guten Tag, Fanny“, sagte er freundlich. „Guten Tag, Cecily.“

Marianne blickte in die Gesichter der beiden und verlor den Mut. Sie schienen nicht sonderlich erfreut. Der Eindruck wurde bestätigt, als Lady Kingswood sich an Lord Kingswood wandte.

„Ash! Du bist also zurückgekommen, wie angedroht. Wie kannst du es wagen, hier wieder aufzukreuzen, nach allem, was du uns angetan hast!“ Sie musterte Marianne. „Und wer sind Sie? Eins seiner Flittchen, nehme ich an! Nun, in meinem Haus sind Sie nicht willkommen. Kehren Sie lieber gleich dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind!“

4. KAPITEL

Marianne fiel die Kinnlade herunter. Was? Was sagt die Frau da? Das Blut rauschte in ihren Ohren. All ihre Hoffnungen auf eine freundliche Begrüßung, Sicherheit und ein Dach über dem Kopf lösten sich auf der Stelle in Rauch auf. Wie angewurzelt blieb sie stehen und versuchte zu begreifen, was hier passierte.

Lady Kingswoods Gesicht war wutverzerrt, während ihre Tochter sie stützte und ebenfalls wütend wirkte. Beiden war alles Blut aus dem Gesicht gewichen, und Marianne ahnte, dass sie vermutlich ähnlich bleich war.

Lord Kingswood ging weiter, doch die Spannung in seinem Körper war unübersehbar.

„Du meine Güte, Fanny, hör auf, hier ein Drama aufzuführen.“

Drama aufführen?“ Lady Kingswoods Stimme klang schrill. „Du hältst das für einen guten Witz, was? Du glaubst hoffentlich nicht ernsthaft, dass du hier einfach auftauchen kannst, noch dazu mit deiner Mätresse im Schlepptau?“ Sie trat einen Schritt nach hinten. „Du bist hier nicht willkommen. Und sie auch nicht!“

„Nun reicht es aber, Fanny. Sie ist die neue Gouvernante, kein Flittchen. Und wenn du endlich mal aufhören würdest, dich so zu echauffieren, würdest du das auch erkennen.“ Sein Tonfall war ruhig und gelassen. „Außerdem weißt du genau, dass du mich nicht davon abhalten kannst, Ledbury House zu betreten. Und du kannst mir auch nicht vorschreiben, wen ich mitbringe.“

Sie schnappte nach Luft. „Dass du es wagst, so mit mir zu reden! Wenn John hier wäre …“

„Ja, John ist jedoch nicht da, oder?“ Er ging an ihr vorbei ins Haus.

Marianne hatte ein wenig Mitleid mit der Lady. Selbst wenn sie Marianne gerade beleidigt hatte, war Lady Kingswood doch erst vor Kurzem Witwe geworden und litt gewiss noch sehr unter dem Verlust.

Die beiden Damen waren dem Earl gefolgt. Marianne hörte, wie sie drinnen weiter stritten, ohne verstehen zu können, was gesagt wurde.

Die Tür stand noch immer offen, trotzdem blieb Marianne, wo sie war. Was sollte sie jetzt tun? Wie sollte sie zurück nach Netherton gelangen? Sie würde wohl zu Fuß gehen und später einige ihrer wenigen Münzen für die Kutschfahrt nach London opfern müssen.

Sie eilte hinter dem Phaeton her, um sich vom Stallknecht ihre Hutschachteln geben zu lassen. Er wich ihrem Blick aus, offenbar war auch ihm die Situation peinlich.

Marianne straffte die Schultern, drehte sich um und schickte sich an, die Auffahrt wieder hinunterzugehen. Denk nicht darüber nach. Nicht über die Tatsache, dass du keine Anstellung hast. Dass du nun eine Stunde gehen musst, bis du ins Dorf kommst. Dass du heute Nacht keine Bleibe hast.

Konnte sie es sich leisten, im Gasthaus etwas zu essen? Sobald sie ein Billett für die Kutsche gekauft hatte, musste sie ihr Geld zählen, um das entscheiden zu können.

Hör auf! Sie dachte genau an die Dinge, die sie besser aus ihren Gedanken verbannen sollte. Geh einfach weiter, befahl sie sich.

„Miss Bolton!“

Überrascht drehte sie sich um. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die beiden Streithähne sich überhaupt an sie erinnern würden.

Lord Kingswood kam wütend auf sie zu. „Wo zum Teufel wollen Sie hin?“

„Nach Netherton natürlich.“

„Der Herr schütze mich vor melodramatischen Frauen!“ Er hob den Blick gen Himmel. „Geben Sie mir die!“

Sprachlos stand sie da und versuchte zu verstehen, was passierte. Er nahm ihr das Gepäck ab.

„A … aber“, stammelte sie. „Lady Kingswood … Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sie mich als Gouvernante akzeptiert, wenn sie denkt …“ Sie brach ab, weil sie die ungehörigen Worte der Lady nicht wiederholen wollte.

„Doch, das glaube ich!“, stieß er aus. „Und jetzt, Miss Bolton, kommen Sie bitte mit ins Haus und hören auf, solch ein Theater zu machen. Es ist zu kalt, um hier draußen zu stehen und solchen Unsinn zu reden!“

Er drehte sich um und ging zurück. Als wäre sie auf unsichtbare Weise mit ihren Hutschachteln verbunden, folgte Marianne ihm nach drinnen. Dort saß Lady Kingswood in der Eingangshalle auf einem Stuhl und schluchzte, während ihre Tochter sie zu trösten versuchte und dem Earl dabei einen bösen Blick zuwarf.

„So, Fanny“, sagte er laut. „Und jetzt entschuldige dich bei der neuen Gouvernante.“

„Oh, nein“, protestierte Marianne. „Das ist wirklich nicht nötig.“

„Oh doch. Lady Kingswood hat voreilige Schlüsse gezogen und uns beide beleidigt. Fanny! Hör auf zu heulen!“

Die Lady schluchzte nur noch lauter. Voll des Mitleids ging Marianne zu ihr und berührte ihre Hand. „Bitte, Lady Kingswood, es ist nicht nötig. Ich sehe ja, wie mitgenommen Sie sind. Gibt es etwas, was wir für Sie tun können?“ Sie sah zu Cecily. „Würde es Ihrer Mutter vielleicht besser gehen, wenn sie in ein anderes Zimmer wechselte?“

„Ja“, antwortete das Mädchen. „Mama, komm mit ins Wohnzimmer. Wir trinken einen Tee.“

Lady Kingswood gab ihnen zu verstehen, dass sie damit einverstanden war, und Marianne und Cecily halfen ihr hoch, um sie den Flur entlangzuführen.

Der Earl folgte ihnen nicht, aber Marianne konnte hören, wie er vor sich brummelte.

Marianne erinnerte sich an ihre eigene Trauer nach dem Tod ihrer Eltern. Auch sie war damals in ein schwarzes Loch gefallen und genau wie Lady Kingswood manchmal so überwältigt gewesen, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Was auch immer zwischen der Witwe und dem Earl vor sich ging, es hatte sie nicht zu interessieren. Aber einen Menschen in Not konnte sie nicht ignorieren.

Als Lady Cecily die erste Tür auf der linken Seite öffnete, erhellte die fahle Januarsonne ein Zimmer, das wohl einmal gemütlich gewesen war. Jetzt müsste es gründlich gereinigt werden und die Tür könnte einen neuen Anstrich gebrauchen. Immerhin war das Sofa, auf dem Lady Kingswood sich ausstreckte, äußerst zweckdienlich.

„Lady Kingswood, möchten Sie einen Tee? Kräutertee vielleicht?“, fragte Marianne leise.

„Tee …“, lautete die kaum hörbare Antwort.

Lady Cecily setzte sich auf die Sofakante und nahm die Hand ihrer Mutter. Marianne schaute sich nach einem Klingelzug um. Als sie ihn entdeckte, ging sie hinüber und zog daran.

„Der geht nicht mehr.“ Cecily stand auf und öffnete die Tür. „Mrs. Cullen! Mrs. Cullen!“ Ihre Stimme war ungewöhnlich laut – nahezu ungehörig laut für eine junge Dame. „Einige Klingeln funktionieren noch, aber diese hier nicht.“

Ohne auf Mariannes Reaktion zu achten, kehrte sie zu ihrer Mutter zurück. Marianne setzte sich in einen Sessel und nutzte die Gelegenheit, die beiden zu betrachten.

Lady Cecily war ein hübsches Mädchen mit blonden Haaren, einer zierlichen Figur und ausdruckstarken bernsteinfarbenen Augen. Sie besaß eine gute Haltung und war ihrer Mutter offensichtlich sehr zugetan. Lady Kingswood, die die Augen geschlossen und eine Hand auf die Stirn gelegt hatte, war eine ebenfalls gutaussehende Dame mit hellen Haaren und einigen kleinen Falten in den Mundwinkeln. Marianne vermutete, dass sie Anfang dreißig war. Wenn Cecily zwölf war, dann hatte Lady Kingswood früh geheiratet. Und war früh Witwe geworden.

Soweit Marianne wusste, war das nicht ungewöhnlich. Als sie selbst siebzehn geworden war, hatten ihre Eltern ihr angeboten, eine Saison in London zu verbringen. Ein Angebot, das sie entsetzt abgelehnt hatte. Nach London? Wo Henry sein Unwesen trieb? Allein bei dem Gedanken daran war sie zusammengezuckt.

Ihre Eltern, die sich wie sie auf dem Land wohler fühlten, hatten das Thema fallengelassen, Marianne aber ermutigt, die Bälle und Veranstaltungen in der näheren Umgebung zu besuchen. Daran hatte sie Freude gehabt und dort auch einige Freundschaften mit Gleichaltrigen geschlossen. Sie hatte zwei höfliche, jedoch nicht sonderlich aufregende Heiratsanträge erhalten, die sie beide abgelehnt hatte. Stattdessen hatte sie das Leben mit ihrer Familie genossen.

Bis zu jener tragischen Nacht, in der sie beide Elternteile verloren hatte.

Der vertraute Schmerz überkam sie wieder, und sie musste einige Male tief durchatmen, ehe sie sich wieder gefangen hatte. Um sich abzulenken, überlegte sie, wo Mrs. Cullen wohl blieb. Lady Cecily saß weiterhin geduldig bei ihrer Mutter, offenbar nicht überrascht, dass es so lange dauerte.

Schließlich hörte Marianne Schritte und die Tür wurde geöffnet. Die Dienstbotin, die hereintrat und sicherlich Mrs. Cullen war, wirkte erschöpft. Sie war mittleren Alters, hatte rote Haare und Sommersprossen und trug ein schlichtes graues Kleid mit einer weißen Schürze.

Sie knickste. „Ja, Miss?“

„Meiner Mutter geht es nicht gut. Können wir bitte Tee bekommen?“

„Natürlich, sofort, Miss.“

„Ach, und Mrs. Cullen, das hier ist meine neue Gouvernante. Miss …“ Sie sah erwartungsvoll zu Marianne.

„Miss Bolton. Anne Bolton“, ergänzte Marianne, der die Lüge inzwischen schon leichter über die Lippen kam. Das war kein gutes Zeichen. „Ich bin gerade erst angekommen.“

„Ja, hat Thomas schon berichtet. Willkommen, Miss Bolton.“

Marianne dankte ihr und runzelte fragend die Stirn. Wer war Thomas?

Mrs. Cullen bemerkte ihre Verwirrung. „Oh, Thomas ist der Stallknecht und Gärtner, und ich bin die Köchin.“ Sie errötete leicht. „Entschuldigen Sie, dass ich so plappere. Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Bolton. Jetzt mache ich schnell Tee.“

Sie eilte hinaus. Marianne war erleichtert, dass wenigstens ein Mitglied des Haushalts sie ganz normal begrüßt hatte.

„Thomas ist mit Mrs. Cullens Tochter Agnes verheiratet. Agnes ist unser Mädchen für alles“, erklärte ihr Lady Cecily schüchtern.

Marianne lächelte ihr aufmunternd zu. „Mrs. Cullen … Thomas … Agnes. Ich werde versuchen, mir all die Namen zu merken. Wie viele Dienstboten gibt es noch?“

„Keine. Wir hatten auch eine Haushälterin, einen Lakaien und zwei Hausmädchen, aber die sind alle weg. Und unser Verwalter ist gestorben. Er war alt … nicht so wie Papa.“

„Keine?“ Marianne war bestürzt.

Ein Haus dieser Größe, noch dazu das Haus eines Earls, und dann nur drei Dienstboten?

Vom Sofa ertönte ein leises Stöhnen.

„Mama!“ Sofort wandte Lady Cecily sich ihr wieder zu.

„Hilf mir auf.“

Mithilfe ihrer Tochter setzte Lady Kingswood sich hin. Ihr Gesicht war gerötet, trotzdem war sie unverkennbar eine sehr hübsche Frau. Marianne fiel auf, dass die Lady ein Kleid aus feinster Seide trug und Cecilys Kleidung ebenfalls teuer aussah.

Wieso, überlegte Marianne, gibt es dann so gut wie kein Personal? Und warum ist hier alles so heruntergekommen?

Lady Kingswood holte tief Luft. „Miss Bolton“, begann sie und sah Marianne scharf an. „Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir eben so freundlich begegnet sind, dennoch gibt es da einige Fragen, die ich Ihnen stellen muss.“

Marianne schluckte. „Natürlich.“

„Ich habe eine Agentur in London damit beauftragt, eine Gouvernante zu finden, aber ich habe keine Nachricht erhalten, dass sie jemanden gefunden haben. Ich hatte keine Ahnung von Ihrer Ankunft.“

„Man hat mir die Stelle auch erst vor zwei Tagen gegeben, mir allerdings versichert, dass man Ihnen schreiben und mitteilen würde, dass ich heute ankomme.“

„Es ist kein Brief eingetroffen.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Wie kommt es also, dass Sie mit A… mit Lord Kingswood angereist sind?“

Mit wenigen Worten erklärte Marianne ihr die Umstände, hatte jedoch das Gefühl, dass die Lady nicht wirklich überzeugt war.

„Ich versichere Ihnen“, sagte sie daher eindringlich, „dass ich Lord Kingswood heute zum ersten Mal begegnet bin.“

„Hm …“ Lady Kingswood bemerkte, dass Cecily verwirrt von einer zur anderen schaute und ließ das Thema fallen. „Cecily, gib mir bitte meinen Schal. Es ist eisig hier drinnen.“

Stimmt, dachte Marianne, die entgegen der guten Sitten noch immer in ihrem Mantel mit Hut und Handschuhen dasaß. Diskret zog sie die Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche.

Cecily reichte ihrer Mutter den Schal und meinte: „Das Feuer ist hier noch nicht angezündet worden, Mama. Agnes hilft Mrs. Cullen jetzt bestimmt bei der Zubereitung des Abendessens. Wir werden warten müssen, bis sie den Kamin im Salon wieder anmacht.“

Lady Kingswood schien sich etwas unbehaglich zu fühlen. „Ich sollte das vielleicht erklären“, wandte sie sich an Marianne. „Wir haben während der Krankheit meines Mannes gewisse Einsparungen vornehmen müssen. Natürlich nur vorübergehend.“

„Natürlich.“ Was sollte sie sonst sagen?

Zum Glück erschien Mrs. Cullen in diesem Moment mit heißem Tee und köstlich duftendem Gebäck. Marianne, die seit dem Abend zuvor nichts gegessen hatte, merkte, dass ihr der Magen knurrte.

„Das Abendessen ist in einer halben Stunde fertig, Mylady. Weil der neue Earl und Miss Bolton jetzt ja mitessen, habe ich zusätzliches Gemüse gemacht und einen Kuchen in den Ofen geschoben.“ Sie blickte zu Marianne. „Sobald Sie Ihren Tee ausgetrunken haben, zeige ich Ihnen Ihr Zimmer, wenn Sie möchten.“

Marianne bedankte sich und spürte, dass sich die Atmosphäre im Zimmer nach der Erwähnung von Lord Kingswood angespannt hatte.

„Mama“, sagte Lady Cecily plötzlich, nachdem ihre Mutter den Tee eingeschenkt hatte, „kann Lord Kingswood wirklich jeden, den er will, mit nach Ledbury House bringen?“

„Ja“, erwiderte Lady Kingswood grimmig, „und es gibt nichts, das wir dagegen tun können. Das Gesetz erlaubt es. Er ist jetzt der Herr im Haus.“

„Aber das ist nicht fair!“

Auch das stimmt, dachte Marianne. Genau wie sie waren auch die beiden Ladys Opfer des Gesetzes. Männer schrieben etwas in ihr Testament und die Frauen hatten darunter zu leiden. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sie einen geliebten Menschen verloren hatten, standen ihnen kaum Rechte zu. Im Fall der beiden Damen hier bedeutete es, dass sie sich dem Willen des arroganten Lord Kingswood fügen mussten. So wie Marianne Henry und seine Freunde hatte erdulden müssen, die in ihr Zuhause eingedrungen waren und sie letztlich vertrieben hatten.

Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Nun, sie würde tun, was in ihrer Macht stand, um Lady Kingswood und ihrer Tochter so zu helfen, wie Mrs. Bailey ihr geholfen hatte.

„Das ist das Zimmer, das von Lady Cecilys vorheriger Gouvernante benutzt worden ist. Da ich nicht wusste, dass Sie eintreffen würden, hatte ich noch keine Zeit, es zu putzen und alles herzurichten, aber ich kümmere mich darum, sobald ich Zeit habe.“

Mrs. Cullen trat zurück, damit Marianne als Erste eintreten konnte. Das Zimmer war relativ klein, hatte jedoch einen Kamin, einen Schrank und eine Kommode sowie ein Bett mit einer sauberen Matratze. Obwohl dringend Staub gewischt werden musste und man durch die Fenster kaum noch hindurchschauen konnte, war es alles in allem ein ansprechendes Zimmer.

Marianne ging zum Fenster. Die Aussicht war schön – sie blickte auf die Auffahrt, den verwilderten Garten und den angrenzenden Wald.

„Es ist ein hübsches Zimmer. Hatte Lady Cecily schon viele Gouvernanten?“

„Ach …“, Mrs. Cullen errötete leicht. „Wir leben hier sehr abgeschieden, und die Damen fahren selten nach London, sodass die Leute sich lieber andere Stellungen suchen. Nicht nur die Gouvernanten.“

„Aber Sie sind geblieben – genau wie Ihre Tochter?“

Autor

Elizabeth Beacon
Das ganze Leben lang war Elizabeth Beacon auf der Suche nach einer Tätigkeit, in der sie ihre Leidenschaft für Geschichte und Romane vereinbaren konnte. Letztendlich wurde sie fündig. Doch zunächst entwickelte sie eine verbotenen Liebe zu Georgette Heyer`s wundervollen Regency Liebesromanen, welche sie während der naturwissenschaftlichen Schulstunden heimlich las. Dies...
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