Im Bann des geheimnisvollen Italieners

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Entschlossen fliegt Sameera von San Fransisco nach Italien. Am Comer See will sie ihren Ex-Freund Matteo überraschen. Ihn vielleicht sogar zurückgewinnen! Doch dabei platzt sie mitten in Matteos Verlobungsfeier mit einer anderen – und findet sich selbst mit seinem arroganten, verboten attraktiven Halbbruder wieder: dem mächtigen Alessandro Ricci, CEO des Ricci International Finances Unternehmens. Er ist das Gegenteil des jugendlichen, lebenslustigen Matteo. Und doch der faszinierendste, sinnlichste Mann, dem Sameera jemals begegnet ist …


  • Erscheinungstag 21.07.2026
  • Bandnummer 2763
  • ISBN / Artikelnummer 0800260015
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Tara Pammi

Im Bann des geheimnisvollen Italieners

1. KAPITEL

Sameera Fischer stand vor den breiten Marmorstufen am Eingang der schönsten Villa am Ufer des Comer Sees und versuchte, nicht zu hyperventilieren.

Es war das erste Mal, dass sie über den Atlantik geflogen war. Das erste Mal, dass sie überhaupt in ein Flugzeug gestiegen war. Das erste Mal, dass sie nicht von ihren überfürsorglichen Eltern begleitet wurde.

Der Grund für ihre Reise war ein enger Freund – beziehungsweise Ex-Freund –, der sie seit Monaten ignorierte, aber das konnte ihre Zufriedenheit über das, was sie erreicht hatte, nicht trüben.

Allerdings war es beunruhigend, wie viel Matteo über den gesellschaftlichen Status seiner Familie verschwiegen hatte. Sameera war vielleicht eine naive Dreiundzwanzigjährige, die zum ersten Mal San Francisco verlassen hatte, aber selbst sie erkannte, dass dieses Anwesen Millionen wert sein musste.

Die hell erleuchtete Villa funkelte in der schwarzen Nacht, dahinter lag der schimmernde See vor den schneebedeckten Alpen. Elegant gekleidete Menschen und das riesige Festzelt auf dem Gelände ließen keinen Zweifel: Sie war mitten in einer großen Party gelandet.

Bei einem seiner Besuche in San Francisco hatte Matteo ihr Fotos gezeigt, aber immer nur Ausschnitte. Die Gärten, die er so liebte, aber nicht den See, zu dem sie führten. Sein Motorrad, aber nicht den knallroten Ferrari, der daneben stand. Den Blick auf den Comer See, aber nicht den Ort, von dem aus er das Foto aufgenommen hatte.

Von dem Moment an, als sie in das Flugzeug nach Mailand gestiegen war, ein Erste-Klasse-Ticket, gefolgt von einer Chauffeurfahrt an den Comer See, dämmerte ihr eine beunruhigende Erkenntnis: Matteo war keineswegs der einfache Manager bei Ricci International Finances, als der er sich ausgegeben hatte. Vielleicht hätte sein Nachname Ricci ein Hinweis sein müssen, aber sie hatte nie einen Grund gehabt, ihm zu misstrauen.

Ihre Verwirrung, weil er von einem Tag auf den anderen einfach den Kontakt abgebrochen hatte, wurde nur noch größer.

Vor vier Monaten hatten sie sich heftig gestritten. Sam war nicht mehr achtzehn wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Sie hatte erkannt, dass ihre Beziehung ans Ende gekommen war. Matteo würde immer ihr erster Freund bleiben, ein lieber Mensch, der in einer schweren Zeit für sie da gewesen war. Aber sie hatten einfach nichts mehr gemeinsam.

Es machte sie traurig, dass sie ihn nach all seiner Geduld über fast fünf Jahre Fernbeziehung so enttäuscht hatte, indem sie sich von ihm trennte. Deshalb hatte es sich wie eine gute Idee angefühlt, ihn hier zu überraschen. Ihre Freundschaft war es wert, gerettet zu werden, auch wenn die Liebe vorbei war. Und sein plötzliches Schweigen beunruhigte sie, weil es so gar nicht zu ihm passte.

Als sie auf die schillernde Gesellschaft vor der Villa blickte, überkamen sie Zweifel. Sollte sie sich leise davonschleichen? Warten, bis Matteo wieder in San Francisco auftauchte? Würde er überhaupt zurückkommen? Nachdem er ihre Nachrichten seit Monaten einfach ignorierte?

Nein, sie konnte jetzt nicht aufgeben. Weder ihre Freundschaft noch sich selbst.

Dieser Sommer könnte der erste sein, in dem sie die Welt wie eine ganz normale Dreiundzwanzigjährige erlebte. Ein Sommer, in dem sie nicht mit der erdrückenden Schuld leben musste, das Leben ihrer Eltern zerstört zu haben. Ein Sommer, in dem sie mutig, neugierig und furchtlos war.

Alessandro Ricci stand am Fenster seines Schlafzimmers in der Familienvilla, blickte auf die Gäste hinunter und verspürte einen Anflug von Scham. Er war der ältere Sohn und doch mied er die Verwandtschaft, die wichtigen Gäste, die Familie Bianchi und seine emotional überschwängliche Tante.

Seiner Tante reichte es nicht, dass ihr Sohn Matteo endlich sesshaft geworden war. Statt damit zufrieden zu sein, beklagte sie bei jeder Gelegenheit, dass Alessandro noch immer Single war. Er war Matteos älterer Halbbruder. Nachdem seine Mutter bei seiner Geburt gestorben war, hatte seine Tante ihn großgezogen wie ihren eigenen Sohn.

Da sie der einzige Mensch auf der Welt war, den er wirklich liebte, wies er sie nie zurecht. Stattdessen versteckte er sich.

Seine Anwesenheit legte ohnehin einen dunklen Schatten über solche Feste. Besonders jetzt, bei der Verlobung seines völlig verwöhnten, nutzlosen Halbbruders Matteo mit der milliardenschweren Bianchi-Erbin. Eine Verbindung, die Alessandro selbst eingefädelt hatte, als wäre er ein verdammter Zuhälter. Nicht, dass er die Milliardeninvestition in Ricci International Finances nicht zu schätzen wusste.

Selbst nach all den Jahren erinnerte ihn die heutige Feier an seine eigene Verlobung vor achtzehn Jahren. Daran, wie unfassbar glücklich er damals gewesen war. Wie strahlend schön Violetta ausgesehen hatte. Und wie überheblich er gewesen war. So sicher, dass ihm die ganze Welt zu Füßen lag.

In den Monaten nach Violettas Tod war er bitter geworden und hatte das Glück anderer Menschen gehasst. Er verachtete ihr Mitleid, diese sorgenvollen und doch fast angsterfüllten Blicke. Als hätten sie Angst um ihn und gleichzeitig vor ihm.

In den darauffolgenden Jahren hatte er sich in eine Reihe von Affären gestürzt, mit Frauen, die wussten, worauf sie sich einließen. Doch das kurze Verfallsdatum dieser Beziehungen hatte nur dazu geführt, dass die jungen Frauen – und ihre Mütter – ihn umso mehr als den gequälten Mann betrachteten, der nur durch Liebe gerettet werden konnte.

Bald war die Einsamkeit zu seiner Rüstung geworden. Doch in den letzten Monaten hatte selbst sein wortkarger Vater ihm besorgte Blicke zugeworfen und angefangen, von der Zeit nach Alessandros Geburt zu sprechen. Davon, wie verloren und gebrochen er gewesen war, nachdem Alessandros Mutter bei der Entbindung gestorben war. Und wie er sich gerettet hatte, indem er die jüngere Schwester seiner Frau geheiratet hatte, Maria.

Sein Vater wusste nicht, dass es für Alessandro längst zu spät war. Jeden einzelnen Tag hatte er an Violettas Seite verbracht, während sie den Kampf gegen den heimtückischen Krebs verlor, der auch aus ihm alles Sanfte und Gute herausgesogen hatte. Jede Minute, in der er ihren Kampf mitansehen und diese gnadenlose Ohnmacht aushalten musste, war sein Herz ein Stück mehr zerbrochen, bis nichts mehr davon übrig war.

Inzwischen war er viel zu sehr an seine eigene Gesellschaft gewöhnt und viel zu kritisch gegenüber anderen Menschen. Matteo würde schon für Erben des Ricci-Vermögens sorgen. Er selbst hatte seine Arbeit.

Die Verbindung zwischen seinem Bruder und Angelina Bianchi basierte auf Vernunft, auch wenn sich inzwischen wohl eine gewisse Zuneigung zwischen ihnen entwickelt hatte. Jeder wusste, dass Angelina schon mit sechzehn ein Auge auf Matteo geworfen hatte. Auch wenn Alessandro das nie zugeben würde, verstand er, warum Matteo anfangs nichts mit ihr zu tun haben wollte.

Angelina hatte ihren mächtigen Vater Vittorio Bianchi mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf Matteo aufmerksam gemacht, mit der andere ein Zuchtpferd auswählten. Danach hatte sie ihn mit einer Entschlossenheit verfolgt, die selbst den skrupellosen Geschäftsmann Alessandro beeindruckte. Als Matteo in den letzten sechs Monaten begonnen hatte, ihr Interesse zu erwidern, hatte Vittorio die Verbindung sofort mit einem großzügigen Investitionsangebot versüßt.

Doch Alessandro hatte nicht nur wegen des Kapitals der Bianchis zugestimmt. Angelina war klug, ausgeglichen, geschäftstüchtig und würde eines Tages das Bianchi-Vermögen erben. Sie war genau die Art von stabiler Partnerin, die Matteo brauchte.

Mit etwas Glück musste Alessandro sich in Zukunft nicht mehr mit Matteos geplatzten Geschäftsideen herumschlagen, mit seinen lauten Freunden, die ihm auf der Tasche lagen, oder den Schuldenlöchern, in die er regelmäßig fiel. Wenn Angelina es schaffte, ihn bei Ricci International Finances unterzubringen, konnte Alessandro endlich aufhören, sich Sorgen um seinen Bruder zu machen.

Die Silhouette einer jungen Frau am Rand der Menschenmenge zog seine Aufmerksamkeit auf sich. In einem grob gestrickten Pullover, schmal geschnittenen Jeans und dunklen Stiefeln hob sie sich deutlich von den elegant gekleideten Gästen ab, die lachend und plaudernd zusammenstanden.

Das Licht rund um den Springbrunnen warf einen warmen Schein auf die junge Frau und betonte die vollen, weichen Lippen und die Nase, die einen Hauch zu groß war für ihr schmales Gesicht. Ihre Haut schimmerte in einem sanften, goldbraunen Ton und wirkte heller als seine eigene.

Langsam ging sie auf die breiten Stufen der Villa zu. Der Riemen ihrer Umhängetasche zeichnete sich über ihrem schlanken Körper ab, als sie in den Lichtkreis der mächtigen Flutlichter trat, genau dorthin, wo sie am besten zu sehen war.

Damit er sich an ihr sattsehen konnte ... Der Gedanke erschreckte ihn, aber nicht genug, um seinen Blick von ihr zu lösen.

Die junge Frau schaute sich suchend um wie ein Jungvogel, der zögert, sein Nest zu verlassen. Ihre Finger spielten nervös mit dem Saum ihres Pullovers.

Dann seufzte sie, schob die Tasche von der Schulter, zupfte kurz an dem Pullover und zog ihn schließlich über den Kopf. Ein Windstoß drückte die seidige, ärmellose Bluse mit dem hohen, gerüschten Kragen an ihren Körper und zeichnete kleine Brüste, eine schmale Taille und die feine Linie ihrer Hüften nach. Mit den ausgeprägten Schlüsselbeinen wirkte sie fast zerbrechlich.

Ein kaum wahrnehmbares Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, bis es in weichen Wellen um ihr Gesicht fiel. Dabei glitt die Bluse ein Stück nach oben, und ein schmaler, seidiger Streifen Haut kam zum Vorschein. Etwas glitzerte in ihrem Bauchnabel.

Das Verlangen traf Alessandro wie ein Schlag in den Magen. Er wandte sich ab und fragte sich, was zum Teufel mit ihm los war. Etwas an ihrem Anblick traf ihn unmittelbar, körperlich, so instinktiv, dass er sich nicht abwenden konnte. Es dauerte nur Sekunden, bis sein Blick wieder zu ihr zurückfand.

Sie zog einen leichten Schmollmund, trug Lippenstift auf, straffte die Schultern und begann, die Stufen hinaufzusteigen.

In ihren Bewegungen lag eine natürliche Sinnlichkeit. Er sah etwas schmerzhaft Echtes und Mutiges in ihrem Lächeln, während sie offensichtlich gegen ihre Nervosität ankämpfte.

Als ihm klar wurde, warum sie ihn so fesselte, stellte er das Glas in seiner Hand auf die Fensterbank. Er ahnte, was es sie kostete, ihre Angst abzuschütteln und hinaus in die Nacht zu treten. Zurück ins Leben. Einen Schritt, den er selbst seit achtzehn Jahren nicht mehr getan hatte. Nicht, dass er das wollte.

Sie schien dieselbe ungestillte Sehnsucht nach Leben in sich zu tragen, die auch er einmal gekannt hatte.

Plötzlich war er die erstickende Stille seines Schlafzimmers leid, das Echo seiner einsamen Gedanken.

Er wollte draußen sein, dort, wo sie war. Wollte wissen, was für sie so kostbar war, dass sie ihre Ängste überwunden hatte. Wollte den Zauber dieses Lächelns auf ihren Lippen schmecken, ihn einatmen, die ungekünstelte Freude darin auskosten.

Eine heftige Sehnsucht durchzuckte Alessandro und erinnerte ihn daran, dass er immer noch lebendig war. Er wollte sie, egal auf welche Weise oder in welcher Form er sie haben konnte.

Sam ließ den Blick über die Regale in der großen Bibliothek gleiten. Sie hatte diesen Raum zufällig entdeckt, als sich hinter ihr die schweren Flügeltüren geöffnet hatten.

Auch wenn sie sich endlich in die Menge gewagt hatte, um Matteo zu suchen, fiel es ihr jetzt schwer, sich in der riesigen Villa zurechtzufinden, ganz zu schweigen von dem Außengelände mit Festzelt. Sie hatte gehofft, dass ihre Seidenbluse ein Upgrade zu ihrem alten Pullover war, aber sie stach trotzdem zwischen den teuer gekleideten Gästen heraus. Zum Glück war sie auf der Suche nach Matteo ins Haus geschlüpft und dabei auf die Bibliothek gestoßen.

Sie war kurz davor, Matteo endlich wiederzusehen, doch plötzlich zögerte sie. Würde er sich überhaupt freuen, dass sie den ganzen Weg hierhergekommen war, obwohl er auf ihre Nachrichten nicht geantwortet hatte? Oder war er immer noch wütend, weil sie ihre Beziehung beendet hatte?

Sie zwang sich, tief durchzuatmen. Der vertraute Duft nach alten Büchern, Zigarren und in die Jahre gekommenem Leder versetzte sie augenblicklich zurück in das kleine Cottage ihres Großvaters, das sie als Kind so geliebt hatte. Die Stille und Geborgenheit der Bibliothek lösten langsam die Unruhe, die der Lärm der Party in ihr ausgelöst hatte.

Der große Mahagonischreibtisch mit den abgewetzten Kanten, der weiche Ledersessel mit dem Abdruck eines Körpers, die Bücher über klassische Musik und antike Kulturen ... Der Raum hatte eine Seele. Das komplette Gegenteil von dem prunkvollen Reichtum draußen.

Es war ein Raum, in dem gelebt und der geliebt wurde. Ein Zufluchtsort. Genau wie ihr Dachzimmer im Haus ihrer Eltern. Ganz sicher gehörte er nicht Matteo.

Eilig verließ sie die gemütliche Leseecke und stellte sich vor, wie überrascht Matteo sein würde. Sein verschmitztes Grinsen. Die vertraute Wärme seiner Umarmung. Wie er sie immer zum Lachen gebracht hatte ...

Doch der Mann, der an die Tür gelehnt stand, war nicht Matteo, sondern offenbar derjenige, dem dieses Arbeitszimmer gehörte.

Er sah Matteo zwar ähnlich, hatte jedoch nicht dessen hellbraune Augen, dunkelblondes Haar und fast weiche, hübsche Gesichtszüge, sondern dieser Mann wirkte finsterer, fast streng. Sie sah eine hohe Stirn, tief liegende Augen, eine gerade Nase, schmale, ausdrucksvolle Lippen und ein markantes Kinn.

Seine Ausstrahlung sinnlicher Männlichkeit ließ sie ihre eigene Haut plötzlich viel zu deutlich spüren. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und heißes Pulsieren erfüllte ihren ganzen Körper.

Wenn Matteo Licht, Charme und Lachen gewesen war, dann war dieser Mann Dunkelheit, Leidenschaft und etwas, das sie nicht verstand.

Anders als die anderen Gäste trug er keinen Smoking. Und im Gegensatz zu ihnen brauchte er keine Diamantmanschettenknöpfe oder Designerstoffe, um Blicke auf sich zu ziehen.

Er lehnte mit dem Rücken an den geschlossenen Türen, die Beine locker überkreuzt, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Seine dunklen Augen ruhten ruhig, aber durchdringend auf ihr, als hätte er genau auf diesen Moment gewartet.

Er war groß. So groß, dass sie mit ihren eins fünfundsiebzig genau mit dem Mund an der Vertiefung seiner Kehle landen würde, wenn sie auf ihn zuging. Das eng anliegende Hemd schmiegte sich an einen muskulösen Oberkörper und ließ das Grau seiner Augen noch intensiver wirken. Die oberen Knöpfe waren geöffnet, sodass die kraftvolle Linie seines Halses zu sehen war, und Sam verspürte den verrückten Drang, genau dort mit der Zunge über seine Haut zu fahren ...

Das unausgesprochene Verlangen in seinem Blick ließ ihren Atem aus dem Rhythmus geraten. Als gehörte er nicht mehr ihr, sondern ihm. Als hätte er längst die Kontrolle darüber übernommen.

Er sah sie an, als wolle er sie mit einem Atemzug in sich aufnehmen. Auch ohne große Erfahrung mit erotischer Anziehungskraft wusste Sam genau, was in diesem Moment zwischen ihnen geschah. Sie spürte mit jeder Faser dieses tiefe, kaum kontrollierbare Ziehen in ihrem Inneren. Es war die Antwort ihres Körpers auf die Intensität, die von diesem Mann ausging.

Sie wollte etwas sagen, irgendetwas, um den Bann zu brechen. Aber sie brachte es nicht über sich, aus dieser unsichtbaren Schwerkraft zu treten, die sie beide gefangen hielt. Ihr Körper fühlte sich fremd und neu an, aufgeladen mit einer ungestümen, verlangenden Energie.

Plötzlich erlosch die Intensität in seinem Blick. Von einem Herzschlag zum nächsten, als wäre es nichts für ihn, diesen Schalter einfach umzulegen. Hastig, fast schmerzhaft strömte Luft in ihre Lungen zurück.

Sam blinzelte, als hätte dieser Fremde ihr Innerstes offengelegt, jedes Gefühl, jede Unsicherheit. Sie hatte in ihrem Leben oft genug Momente erlebt, in denen sie sich klein und ohnmächtig gefühlt hatte. Doch diese Verletzlichkeit hier war anders.

Sie spürte, wie Hitze in ihre Wangen stieg. „Sie sind nicht Matteo.“ Ein Hauch von Vorwurf lag in ihrer Stimme.

Seine Mundwinkel zuckten kaum merklich. Dann stieß er sich von der Tür ab. Seine Bewegungen waren kontrolliert, als würde er seine wilde Energie beherrschen.

„Tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen.“

„Aber Sie gehören zu diesem Raum“, fügte sie hinzu, um ihn zu besänftigen.

„So hat das noch niemand ausgedrückt.“ Er ließ den Blick durch die Bibliothek gleiten, die er als Büro nutzte, und seinen Mund umspielte ein kaum sichtbares Lächeln.

Mit jedem Schritt, den er näher kam, traf sie die Energie so heftig wie der Aufprall, wenn sie beim Training gegen den Boxsack schlug. „Sie machen sich über mich lustig.“

Er blinzelte. „Da bin ich mir nicht so sicher.“

Es kam ihr vor, als zöge eine unsichtbare Kraft ihren Körper zu seinem. „Warum habe ich das Gefühl, dass Sie nie unsicher sind?“

Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, aber sein Blick blieb kalt und stürmisch. „Sie sind schön und klug.“

„Ich bin nicht ‚schön‘“, widersprach sie, halb, um gegen die Wirkung anzukämpfen, die seine Worte auf sie hatten, und halb, weil es einfach nicht stimmte.

Sie war zu dünn, zu groß, zu kantig, um schön zu sein. Nicht, dass sie mit ihrem Aussehen unzufrieden war. Sie hatte zu viel überlebt, um nicht stolz auf sich und ihren Körper zu sein.

Ihre Augen waren groß, das schon. In ihren Zügen lag eine gewisse angenehme Symmetrie, und laut ihrer Cousine besaß Sam den Körper eines Models. Aber sie hatte sich nie fürs Modeln interessiert. Schönheitsideale waren ohnehin nur lächerliche Maßstäbe, die die Gesellschaft Frauen aufzwang. Das Leben hatte ihr früh genug eine gesunde Portion Realität verpasst. Aber bei diesem Mann war ihr Widerspruch reiner Selbstschutz. „Ich mag keine falschen Komplimente.“

Er blieb ein paar Schritte vor ihr stehen. Wieder hatte sie das Gefühl, dass jede seiner Bewegungen berechnet war. Mit leicht erhobener Braue ließ er seinen Blick über sie gleiten. Langsam, besitzergreifend, so gründlich, dass ihre Haut zu glühen schien. Als sein Blick wieder zu ihrem Gesicht zurückkehrte, loderte darin eine stille Herausforderung.

Ihre Finger juckten, als wollten sie die Linie seiner Brauen nachzeichnen, die scharfen Ebenen seiner Wangenknochen. Und der Grund war nicht nur, dass sie eine Porträtkünstlerin war, die charaktervolle Gesichter liebte.

Verärgert über ihre eigene heftige Reaktion, erwiderte sie: „Ich suche Matteo.“

„Haben Sie dem Personal Bescheid gesagt?“

„Nein, aber er weiß, dass ich hier bin.“

„Woher?“

„Stellen Sie sich absichtlich dumm?“, fragte sie mit einer Vertrautheit, die sie selbst überraschte.

„Ich glaube nicht“, erwiderte er ruhig und ungerührt von ihrem Ton. Doch in dieser Gelassenheit lag etwas Leeres, als wäre sie nur gespielt. „Ich möchte einfach erfahren, woher Matteo wissen soll, dass Sie hier sind, wenn Sie ihn gar nicht haben rufen lassen.“

So formuliert war seine Frage berechtigt. „Sie haben recht. Er weiß vielleicht nicht, dass ich jetzt in diesem Moment hier bin. Aber er weiß, dass ich in Italien bin.“

„Woher?“

„Ich habe das offene Flugticket benutzt, das er mir gegeben hat. Der Reiseagent hat ihm bestimmt Bescheid gegeben, dass ich unterwegs bin. Darum stand ja auch ein Chauffeur am Flughafen und hat mich abgeholt.“

„Dieses Flugticket ...“

„Warum verhören Sie mich eigentlich?“

„Sie sind in mein Haus gekommen – nein, hereinstolziert –, als wären Sie eingeladen, Miss ...?“

„Fischer“, sagte Sam, ohne ihren vollständigen Namen zu nennen. Denn sie wollte ihn hören, aus seinem Mund. Und das war wirklich seltsam.

„Natürlich bin ich eingeladen. Ich bin keine Einbrecherin“, fügte sie harsch hinzu.

„Erweisen Sie mir bitte die Höflichkeit, mir zu sagen, wer Sie sind. Wer hat Sie denn eingeladen?“

„Sie sind unverschämt.“

„Ich möchte nur verstehen, warum Sie hier sind, Miss Fischer.“

Sie rieb sich mit einem Finger die Schläfe. „Matteo hat mich eingeladen.“

„Für heute Abend?“

„Nicht direkt. Er hat mich vor Monaten eingeladen. Es war eine offene Einladung. Ich wollte ihn überraschen. Und jetzt sagen Sie mir bitte, wer Sie sind.“

„Ich bin Alessandro Ricci.“

Sie erkannte den Namen sofort. „Sie sind der Chef von Ricci International Finances. Sie haben doch kürzlich diesen großen Deal mit der Softwarefirma abgeschlossen, bei der mein Vater in Kalifornien arbeitet.“

„Sì.“

Langsam ergab alles Sinn. Der immense Reichtum. Der Nachname. Ricci International Finances. Die Ähnlichkeit zwischen Alessandro und Matteo.

„Und Matteo ist ...?“

„Mein jüngerer Halbbruder.“

Sam presste eine Hand an ihren Hals und wich einen Schritt zurück. „Also ist Matteo reich. So wie Sie?“

„Sì.“

Ihr Fuß blieb an der Teppichkante hängen, und der Mann fing sie auf, obwohl er eben noch einige Schritte entfernt gestanden hatte. Seine Hand landete an ihrem unteren Rücken. Der schmale Streifen Haut zwischen Bluse und Jeans brannte unter der rauen Berührung seiner Finger.

Hitze schoss durch Sam hindurch und sammelte sich tief in ihrem Unterleib. Wie würden sich diese Finger auf mehr nackter Haut anfühlen? Auf ihren schmerzhaft gespannten Brüsten? Auf ihrem Bauch? Zwischen ihren ...

Erschrocken riss sie sich von ihm los und versuchte, ihren unruhigen Atem zu zügeln. Verdammt, dieser Mann ist ein Fremder. Und Matteos älterer Bruder. Ein Mann, der so weit außerhalb ihrer Welt lebte, dass er ebenso gut der außerirdische Herrscher aus einem der kitschigen Liebesromane ihrer Cousine hätte sein können.

„Sie wussten also nicht, dass Matteo aus einer wohlhabenden Familie stammt“, sagte Mr. Ricci hinter ihr.

„Wir haben uns vor Jahren kennengelernt“, erwiderte Sam automatisch. „Er hat den Comer See erwähnt, ja. Aber kein Anwesen direkt am Ufer.“

„Meine Familie besitzt den größten Teil der Stadt.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Danke für die Klarstellung.“

Er musterte sie unnachgiebig. „Woher kennen Sie ihn?“

„Ich habe genug von Ihren Fragen beantwortet. Ich will Matteo sehen.“

„Nicht, bevor Sie mir sagen, warum.“

„Sonst was?“, entgegnete sie. Die Müdigkeit ließ ihre Stimme gereizter klingen, als ihr lieb war. „Werfen Sie mich sonst raus?“

„Ich versuche, Sie vor einer möglicherweise peinlichen Situation zu bewahren.“

Sam lachte laut auf. „Sie reden genauso, wie er es beschrieben hat.“

Matteo hatte von seinem Bruder gesprochen. Hin und wieder. Doch er hatte niemals seinen Namen erwähnt.

„Und das wäre?“

„Wie jemand, der immer glaubt, zu wissen, was für alle anderen das Beste ist. Wie Arroganz und Rücksichtslosigkeit in menschlicher Form. Wie ...“

Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über seine Lippen. „Sie kennen mich also?“

„Ich kenne Sie vom Hörensagen. Der perfekte große Bruder. Kalt, rücksichtslos, brillant. Ein Mann, der Maschinen besser versteht als Menschen“, zitierte sie Matteo Wort für Wort.

Sie war ein furchtbarer Gast, das wusste sie, und doch wollte ein Teil von ihr die eiserne Selbstbeherrschung dieses Mannes auf die Probe stellen.

Aber er sah sie weiter einfach nur an, und Sam begriff, dass in Matteos scherzhaften Bemerkungen über seinen großen Bruder mehr Wahrheit lag, als sie gedacht hatte. Alessandro besaß diesen Hauch von Unnahbarkeit, als bewegte er sich außerhalb dieser Welt, außerhalb dieser unbequemen Gefühle. So, wie sie selbst es lange getan hatte.

War das der Grund, warum sie sich so stark zueinander hingezogen fühlten?

„So gern ich auch abstreiten möchte, dass ich das Monster bin, als das Matteo mich dargestellt hat – glauben Sie mir, es ist besser für Sie, wenn Sie mir alles sagen. Ich weiß tatsächlich, was gut für Sie ist.“

„Na schön. Matteo und ich waren einmal zusammen.“

Sein Stirnrunzeln wurde zu einem finsteren Ausdruck. „Wie lange?“

„Fast fünf Jahre. Ich habe ihn seit unserem Streit und der Trennung vor vier Monaten nicht mehr gesehen.“

„Wo haben Sie ihn kennengelernt?“

Sie funkelte ihn an, doch die Lüge kam mühelos. „In einem Café in San Francisco.“

„Und er hat Sie einfach angesprochen?“

„Ja, so läuft das normalerweise. Eine interessierte Person fragt die andere nach einem Date“, sagte sie trocken.

Ihr Versuch von Sarkasmus prallte wirkungslos an ihm ab.

„Wie alt sind Sie, Miss Fischer?“ Zum ersten Mal, seit er den Raum betreten hatte, hörte sie einen Anflug von Vorsicht in seiner Stimme.

„Was hat das denn mit irgendetwas zu tun?“

„Beantworten Sie meine Frage.“

„Dreiundzwanzig.“

Wieder dieses kaum wahrnehmbare Zucken in seinem Gesicht. „Also waren Sie achtzehn, als Sie ihn kennengelernt haben.“

„Achtzehn, ja. Matteo war dreiundzwanzig“, entgegnete Sam hitzig.

Das war dieselbe Diskussion, die sie auch mit ihren Eltern geführt hatte, nachdem sie ihnen Matteo vorgestellt hatte. Ihre Mutter war völlig ausgeflippt bei dem Gedanken, dass ihre kleine, zerbrechliche Tochter plötzlich mit einem erwachsenen Mann ausging.

„Ich bin sehr reif für dreiundzwanzig“, fügte sie unsinnigerweise hinzu.

Alessandro Ricci stieß ein kurzes, spöttisches Schnauben aus. Selbst das klang bei ihm elegant. „Und was fangen Sie mit diesem reifen Kopf an?“

„Ich bin eine zertifizierte Spezialistin darin, arrogante italienische Männer zu nerven, die mich wie eine Kleinkriminelle behandeln.“

Er runzelte die Stirn, blinzelte, und langsam erschien ein wunderschönes Lächeln. Die scharfen Linien seines Gesichts wurden weicher, und für einen Augenblick erhaschte sie einen Blick auf den Mann hinter all der Strenge.

Wenn er sie jemals richtig anlächelte, würde sie wahrscheinlich in Ohnmacht fallen. So schön war es.

„Ich wüsste Ihren Humor mehr zu schätzen, wenn Sie meine Fragen beantworten würden.“

Sein vernünftiger Tonfall verstärkte ihre Gereiztheit nur noch. „Ich bin Porträtkünstlerin.“

Das Stirnrunzeln kehrte zurück, und doch klangen seine Worte jetzt weich. Zu weich. „Sie sind also die Künstlerin, die Matteo in den letzten Jahren alle paar Monate regelmäßig wie ein Uhrwerk besucht hat. Sie sind Sam.“

Autor

Tara Pammi

Tara schreibt sexy Romanzen mit anbetungswürdigen Helden und sexy Heldinnen. Ihre Heldinnen sind manchmal laut und rebellisch und manchmal schüchtern und nerdig, aber jede von ihnen findet ihren perfekten Helden. Denn jede Frau verdient eine Liebesgeschichte! Tara lebt in Texas mit ihrem ganz persönlichen Helden und zwei Heldinnen in der...

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