Julia Ärzte zum Verlieben Band 179

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KLEINES WUNDER – GROSSE LIEBE von ALISON ROBERTS
Es ist für Schwester Isobel ein schmerzliches Wiedersehen mit Dr. Rafe Tanner – damals entschied er sich für eine andere. Doch als sie jetzt gemeinsam um das Leben eines kleinen Babys kämpfen, beginnt Isobel von einem zweiten Glück mit Rafe zu träumen …

INSELÄRZTE KÜSSEN BESSER von MARION LENNOX
Ein Zuhause braucht Gina nicht. Lieber reist die abenteuerlustige Krankenschwester um die ganze Welt! Bis ihr auf Sandpiper Island der geheimnisvolle Dr. Hugh Duncan begegnet. Sein heißer Kuss bringt sie ins Grübeln: Ist Heimat kein Ort – sondern ein anderer Mensch?

ZWISCHEN UNS EIN MEER VON SEHNSUCHT von SUE MACKAY
Als die hübsche Ärztin Georgie ihren Teenagerfreund Blake wiedersieht, herrscht zwischen ihnen noch dieselbe Anziehungskraft wie früher. Aber trotz aller Sehnsucht kann Georgie dem renommierten Chirurgen nicht verzeihen, dass er den Tod ihres Bruders nicht verhindert hat …


  • Erscheinungstag 30.06.2023
  • Bandnummer 179
  • ISBN / Artikelnummer 9783751519151
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alison Roberts, Marion Lennox, Sue MacKay

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 179

1. KAPITEL

Isobel Matthews hatte schon damit gerechnet, ihn zu sehen.

Ihren Schwager. Raphael Tanner.

Rafe …

Natürlich war er hier. Natürlich pünktlich, damit er die Feierlichkeiten nicht verpasste – so wie es Isobel trotz aller Bemühungen passiert war. Als sich der Wind die schwere Holztür des Kirchensaals schnappte und sie hinter ihr zuknallte, rechnete sie ebenfalls damit, dass er sich, wie alle anderen, umdrehen würde, um zu schauen, wer sich so unentschuldbar verspätet hatte.

Womit Isobel jedoch nicht gerechnet hatte: dass sie sich seiner Gegenwart so unglaublich bewusst war. Sie hatten nur einen Sekundenbruchteil Blickkontakt – und all die Erinnerungen von damals, die sie tief in ihrem Herzen vergraben hatte, waren plötzlich wieder da.

Sie hatte sich in Sicherheit gewiegt, dass sie diesen Kerl überwunden hatte. Dass sie ihr Leben weiterleben konnte, ohne Raphael Tanner jemals wiederzusehen. Dass sie sich nicht noch einmal so aus der Bahn werfen lassen würde.

Aber es war wohl eine falsche Sicherheit gewesen.

Rafe beendete den Blickkontakt, noch bevor er wirklich stattgefunden hatte, und drehte sich zurück zum Pfarrer, der neben ihm stand. Aber ganz offensichtlich hatte er Isobel nicht hier erwartet. Sein ganzer Körper hatte sich so schnell versteift, dass sie sich sicher war: Er wäre erleichtert gewesen, wenn sie nicht aufgetaucht wäre.

Vielleicht war sie nicht die Einzige, die ihre Erinnerungen gern weiterhin vergraben hätte.

Die Anziehungskraft, die von ihm ausging, war zu stark, als dass Isobel genauso schnell den Blick abwenden konnte. Doch dann atmete sie einmal durch und kratzte genug Mut zusammen, um sich diesen Leuten und der Situation zu stellen.

Sie spürte ihr Herz klopfen, als sie bemerkte, welchen Unterschied sieben Jahre machen konnten. Rafes Gesicht war schmaler geworden, die Linien von der Nase zu den Mundwinkeln waren tiefer. Er war jetzt Ende dreißig und wurde bereits grau – oder war es nur das Licht, das sich in den feinen Regentropfen, die er von draußen mit hereingebracht hatte, auf den dunklen Locken brach?

Neben der Tür standen zahlreiche noch tropfende Regenschirme, und viele hatten ihre schweren Mäntel angelassen, als frören sie auch hier drinnen noch. Kein Wunder, denn im Versammlungssaal der alten Kirche war es wirklich kalt. Die meisten Leute standen vor einem Tisch, auf dem Tassen und Becher sowie große Kannen mit heißem Teewasser und Kaffee waren.

Isobel hatte die Zeremonie am Grab offenbar nur um wenige Minuten verpasst.

Dabei wäre es der wichtigste Teil gewesen. Sie wusste schon jetzt, dass sie das ihr Leben lang bedauern würde – und natürlich auch, dass die anderen hier es als Bestätigung sehen würden, wie sehr sie sich von ihrer Familie entfernt hatte. Von Anfang an war ihr klar gewesen, dass es nicht einfach werden würde, herzukommen, aber es war ihr nichts anderes übrig geblieben.

Also stellte sie sich in die Schlange und bereitete sich darauf vor, mit einigen der Menschen sprechen zu müssen, die es trotz des grässlichen Aprilwetters auf sich genommen hatten, an der Beerdigung von Sharon und Lauren Matthews teilzunehmen.

Die kommenden Tage und Wochen würden noch so einiges für Isobel bereithalten, vor dem sie sich auch nicht drücken konnte. Erst, wenn alles geregelt sein würde, konnte sie wieder abreisen.

Und nie mehr wiederkommen.

Rafe führte den Pfarrer an der Schlange vorbei zum Kaffeeausschank, damit er als einer der Ersten etwas Warmes bekam. Isobel stellte sich hinten an.

Es fiel ihr nicht schwer zu erkennen, wie traurig Rafe war, und das löste auch in ihr eine neue Welle der Trauer aus, die sie seit Tagen immer wieder überfiel – genauer gesagt: seitdem sie die schreckliche Nachricht erhalten hatte, dass ihre Mutter und ihre Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren.

Während des langen, langen Flugs von Neuseeland zurück nach England und dann auch noch während der dreißig Stunden in Singapur, die sie wegen eines technischen Defekts hatte warten müssen, hatte sie viel zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Neben der Trauer verspürte sie vor allem Schuld, weil sie sich nicht rechtzeitig dazu aufgerafft hatte, die kaputte Beziehung zu ihrer Familie zu kitten. Jetzt war es zu spät. Zudem fühlte sie sich plötzlich einsam, auch wenn sie das wirklich nicht erwartet hatte. Die einzige Familie, die Isobel jemals gehabt hatte, war nun verschwunden. Für immer.

Doch hier in der Kirche trauerte sie nicht für sich selbst, sondern für Rafe. Dass sie Mitleid für ihn empfinden würde, hatte sie nicht erwartet. Es verstörte sie regelrecht, denn es bedeutete doch, dass es ihr wichtig war, ob es ihm gut ging oder nicht. Sie schnaufte verächtlich. Wie es Rafe ging, hatte sie schon seit Jahren nicht mehr interessiert.

Die Frau vor Isobel drehte sich um.

Isobel erkannte in ihr die beste Freundin und Nachbarin ihrer Mutter. Louise hieß sie, und in ihren Augen war echtes Mitgefühl zu lesen.

„Ich wusste, dass du kommen würdest, wenn du es irgendwie schaffst“, sagte sie leise. „Solch eine Tragödie. Mein Beileid, Liebste.“

„Es tut mir so leid, dass ich zu spät war“, sagte Isobel. „Dabei habe ich mich so beeilt. Es gab eine Verspätung am Flughafen, und dann der Verkehr in London, obwohl es in Strömen regnet.“

„Jetzt bist du ja hier. Und du kannst das Grab auch noch allein besuchen.“ Louise ging einen weiteren Schritt auf den Tisch zu. „Manche Dinge sagt man ja auch lieber, wenn man allein ist, oder? Der Gottesdienst war jedenfalls sehr schön.“ Sie nahm sich eine Tasse und Untertasse und beäugte die Teller und Platten weiter hinten auf dem Tisch, wo Sandwiches und Kuchen standen. „Ich muss sagen, dass Dr. Tanner all das hier wirklich gut organisiert hat. Auch wenn er das gar nicht gemusst hätte, nicht wahr?“

Nicht gemusst? Es war die Beerdigung seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Der Mutter und Großmutter seiner beiden Söhne. Wer, wenn nicht er sollte sonst die Beerdigung organisieren?

Louise hielt ihre Tasse in der einen Hand und griff mit der anderen nach einer Serviette und einem Wurstbrot. „So traurig“, sagte sie kopfschüttelnd. „Vor allem für das arme Baby …“

Baby?

Isobel hatte sich ebenfalls eine Tasse genommen, aber nun stand sie starr da und versuchte zu begreifen, was Louise gesagt hatte. Die Zwillinge mussten inzwischen sechs sein. Warum war ihr nie der Gedanke gekommen, dass Rafe und Lauren weiteren Nachwuchs bekommen hatten? Vielleicht gab es sogar noch eines zwischen den Zwillingen und dem neuen Baby. Die perfekte Familie und die gute Omi nur einige Häuser weiter, um mit der vielen Arbeit zu helfen.

Sie hörte Rafes Stimme in ihrer Erinnerung: „Ich bin ein gebranntes Kind. Das muss ich dir gleich zu Anfang sagen, Belle. Ich werde nie mehr heiraten. Oder Kinder bekommen. Niemals nie.“

Tja, zumindest nicht mit ihr. Und es tat immer noch weh, dass es gerade ihre Schwester gewesen war, die ihn seine Meinung hatte ändern lassen. Schon als Kind war Lauren immer der Liebling aller gewesen. Immer diejenige, mit der alle spielen wollten. Selbst nach so vielen Jahren und trotz ihres ganz neuen Lebens, das Isobel sich auf der anderen Seite der Erde aufgebaut hatte, tat es weh. Ihr Blick schweifte wie automatisch durch den Saal, um denjenigen Menschen zu finden, der schuld daran war, dass dieser niemals in Worte gefasste Wettbewerb zwischen den Schwestern seinen Schlusspunkt gefunden hatte.

Isobel war sich bewusst, dass sie in den kommenden Tagen irgendwann mit Rafe würde sprechen müssen, um das Erbe ihrer Mutter zu klären, aber das musste nicht hier und jetzt sein.

Rafe stand noch immer neben dem Pfarrer, und nun ging auch Louise zu den beiden hinüber – wahrscheinlich um Rafe zu sagen, wie beeindruckt sie von der Organisation der Beerdigung war. Isobel bemerkte, wie seltsam der Pfarrer Louise anlächelte, oder eher, wie seltsam es war, dass sein Lächeln so schnell wieder verschwand. Dann fiel ihm auch noch seine Teetasse aus der Hand, und die Flüssigkeit ergoss sich über die Seidenstola und das weiße Chorhemd, das er über seiner schwarzen Robe trug.

Ganz plötzlich sackte er in sich zusammen. Rafe reagierte schnell und konnte den großen Mann zumindest abstützen, sodass er nicht allzu schwer auf den Boden fiel. Er blieb so reglos, dass er das Bewusstsein verloren haben musste. Isobel reagierte sofort und automatisch, um ihm zu helfen und eventuell sein Leben zu retten. Sie stellte ihre Tasse klappernd ab und eilte die wenigen Schritte zu ihm hinüber.

Rafe kniete bereits neben dem Pfarrer. Er hatte dessen Kopf ein Stück nach hinten gekippt und lauschte nah an seinem Gesicht auf Atemgeräusche. Eine Hand hielt er über dem Zwerchfell des Mannes, um dort Bewegungen zu spüren. Mit der anderen Hand fühlte er am Hals nach einem Puls.

„Atmet er?“, fragte Isobel.

„Nein“, sagte Rafe angespannt. „Auch kein Puls.“

Rafe hob seinen Arm, ballte die Hand zur Faust und hieb dem Pfarrer fest auf die Brust. Die Umstehenden sogen erschrocken die Luft ein. Ganz unerwartet war es zu diesem kleinen Drama gekommen. Auch Louise sah ihnen mit offenem Mund zu. Sie wussten nicht, dass solch ein Fausthieb, wenn er schnell genug kam, bei einem Herzstillstand genauso effektiv sein konnte wie ein elektrischer Schock.

„Wir brauchen einen Krankenwagen. Louise, bitte den Notruf.“ Rafe fühlte erneut nach dem Puls des Pfarrers. „Sagen Sie: Herzstillstand, HLW erfolgt.“

Er fischte einen Schlüsselbund aus seiner Jacketttasche und gab ihn einem Mann, der gleich neben ihm stand.

„Mein Auto steht vor der Kirche“, sagte er. „Ein schwarzer SUV neben dem Tor. Holen Sie mir bitte meine Arzttasche und den Defibrillator aus dem Kofferraum. Schnell.“

„Wie sieht ein Defibrillator aus?“

Rafe verlor keine Zeit und reichte die Schlüssel stattdessen an Isobel weiter.

„Belle.“

Sie schnappte sich den Bund und eilte zur Tür. Vorher sah sie noch, wie Rafe seine Hände so auf der Brust des Mannes positionierte, dass er die Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen konnte. Er wusste genau, was er zu tun hatte, doch er brauchte so schnell wie möglich seine Ausrüstung. Die HLW allein konnte dabei helfen, dass der Patient genug Sauerstoff bekam und seine Zellen am Leben blieben, aber das Herz würde dadurch nicht wieder anfangen zu schlagen. Isobel rannte aus der Kirche. Zum Glück hatte sie Stiefel mit flacher Sohle an. Jetzt war es wichtig, den Pfarrer zu retten.

Weniger wichtig war es, dass zum ersten Mal seit sieben Jahren sie jemand wieder Belle genannt hatte.

Ein Herzstillstand auf einer Beerdigung. Das Leben schrieb manchmal seltsame Geschichten. Rafe Tanner hielt seine Arme durchgestreckt und arbeitete an den schnellen Kompressionen, die notwendig waren, um den Blutkreislauf seines Patienten aufrechtzuerhalten. Der Mann hatte deutliches Übergewicht, sodass es anstrengend war, die nötige Kraft aufzubringen. Als Isobel mit seiner Tasche und dem Defibrillator zurückkam, schmerzten seine Arme.

Sie war ein wenig außer Atem, ihre Schuhe voller Schlamm und ihre Haare nass vom Regen, der offenbar immer noch nicht aufgehört hatte. Ihre goldblonden Haare kringelten sich, wie sie es immer taten, wenn sie feucht wurden …

Herrje, für so etwas hatte er jetzt keine Zeit. Zum Glück musste er Isobel nicht erklären, was zu tun war. Sie hockte sich neben ihm nieder, öffnete seine Tasche und holte die schwere Schere heraus, mit der man jede Art Kleidung – sogar Lederschuhe – zerschneiden konnte. Doch sie legte sie erst einmal zur Seite, da sie wusste, dass Rafe die Kompressionen nur unterbrechen würde, wenn es gar nicht anders ging. Isobel war so schnell, dass ihre Bewegungen automatisch abzulaufen schienen. Sie kniete sich neben dem Kopf des Mannes in Position, brachte an der einen Seite des Beatmungsbeutels eine Maske an, beugte den Kopf des Patienten weiter nach hinten und hielt ihm die Maske mit geübten Bewegungen fest vor das Gesicht, sodass sie dicht abschloss. Mit einem kurzen Nicken unterbrach Rafe die Kompressionen, sodass sie dem Patienten zwei Luftstöße verabreichen konnte. Bei einem so großen Mann war es nicht einfach, Mund und Nase so zu versiegeln, dass keine Luft nach außen entwich, aber Isobel schien es nicht schwerzufallen. Sie war routiniert.

„Krankenwagen ist unterwegs“, rief Louise hinter Rafe. „In sechs Minuten sind sie hier.“

„Danke.“ Rafe war außer Atem, als er wieder mit den Kompressionen begann, doch er konnte nicht aufhören, bis sie so weit vorbereitet waren, dass sie die Kleidung des Mannes aufschneiden und die Klebepads des Defibrillators auf seiner Haut anbringen konnten.

Isobel tat genau das, was nötig war. Sie legte die Maske ab und öffnete die Klappe des externen Defibrillators, der sich sofort aktivierte und mit seiner ruhigen Roboterstimme Anweisungen gab.

„Ziehen Sie die Folie mit der Aufschrift ‚1‘ ab, und kleben Sie sie so auf die Haut des Patienten, wie auf der Abbildung dargestellt.“

Nun nahm Isobel die Schere und schnitt die dicken Schichten des weißen Chorhemds und der schwarzen Robe darunter durch. Mit dem Stoff wischte sie über die freigelegte Haut, um eine mögliche Schweißschicht zu entfernen. Unter seinem Habit trug der Pfarrer ein weißes, wollenes Unterhemd – ein guter Schutz gegen das kalte, feuchte Wetter, wie er es sich wohl gedacht hatte, als er sich heute Morgen anzog. Ihn warm zu halten, war nun auch für sie wichtig, falls sich der Krankenwagen verspäten sollte. Aber Rafe versuchte, positiv zu denken … und nicht daran, dass Isobel Matthews wieder in sein Leben getreten war.

Sie sah sich die Anleitung zu dem Pad gar nicht an, so sicher war sie. Sie positionierte es unterhalb des Schlüsselbeins und nahm gleich das zweite.

„Beenden Sie die HLW“, sagte das Gerät. „Achten Sie darauf, den Patienten nicht mehr zu berühren.“

Rafe beendete die Kompressionen und hob seine Hände.

„Herzrhythmus wird analysiert.“

Rafe wusste, dass es nur zehn Sekunden dauerte, aber es fühlte sich viel länger an. Besonders, als er den Kopf hob und Isobels Blick traf. Sie knieten sich direkt gegenüber und schienen beide nicht wegschauen zu können – ein viel zu langer, intimer Moment. Nicht einmal die Tatsache, dass sie beobachtet wurden und viele der anwesenden Menschen wussten, dass sie einmal ein Pärchen gewesen waren, schien zu helfen, sich voneinander zu lösen.

Wie viele Eindrücke und Erinnerungen konnte ein Hirn innerhalb weniger Sekunden an die Oberfläche bringen? Einzeln konnte Rafe sie kaum auseinanderhalten, aber das Ergebnis war ein Wirbelwind aus unterschiedlichsten Emotionen. Nach all den Jahren gehörte auch eine ganze Menge Wut dazu.

Warum war Isobel auf dieser Beerdigung aufgetaucht, wenn sie sich doch all die letzten sieben Jahre niemals hatte blicken lassen?

„Ein elektrischer Schock wird empfohlen“, sagte das Gerät. „Halten Sie sich fern.“

Isobel und Rafe sahen beide an sich herunter, um sicherzustellen, dass sie keinen körperlichen Kontakt zu ihrem Patienten mehr hatten. Sie lehnten sich zurück, und es schien, als müssten sie auch Distanz zwischen sich bringen.

„Drücken Sie jetzt den blinkenden orangefarbenen Knopf …“ Isobel tat, wie ihr geheißen. „Der Schock wurde verabreicht. Starten Sie wieder die HLW.“

Isobel nahm erneut die Maske und platzierte ihre Finger so, dass keine Luft entweichen konnte. Mit der anderen Hand hielt sie den Beutel fest, um sofort pumpen zu können, wenn Rafe seine Kompressionen unterbrach. Es brachte nichts, Luft in die Lungen zu drücken, wenn gleichzeitig von oben Druck ausgeübt wurde. Rafe fing laut an zu zählen.

„Achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig.“ Er hatte die Hände immer noch auf dem Brustbein liegen, aber wartete bewegungslos.

Isobel drückte auf den Beutel, aber dieses Mal war sie nicht aufmerksam genug gewesen: Die Luft entwich entlang der Maske. Man hörte es sogar zischen. Als sie noch einmal versuchte, die Maske abzudichten, hörte sie hinter sich eine Stimme.

„Der Krankenwagen ist hier.“

Isobel drückte noch einmal auf den Beutel und verstand, warum es nicht funktionierte: Ihr Patient versuchte, selbst zu atmen. Rafe bemerkte ebenfalls, was passierte. Er legte dem Mann zwei Finger an den Hals und suchte nach Isobels Blick. Einen Moment später nickte er, um zu bestätigen, dass er einen Puls gefunden hatte.

Dieser Blickkontakt war ganz anders als der, den sie nicht hatten brechen können, während der Defibrillator den Herzrhythmus analysiert hatte. Isobel war sich nicht sicher, ob all die Feindseligkeit in ihren Blicken von Rafe allein gekommen war oder ob er ihr nur das gespiegelt hatte, was er selbst in ihren Augen gesehen hatte.

Aber sie war sich sicher, dass dieses Mal keine Abneigung in seinem Blick lag. Vielmehr verständigten sie sich als zwei Profis, dass sie gute Arbeit geleistet hatten. Dass es ihnen als Team gelungen war, ein Leben zu retten.

Eine Nanosekunde später fiel ihr ein, dass sie sich so auch zum allerersten Mal getroffen hatten: in der Notaufnahme des St. Luke’s Hospital hier in Balclutha. Er auf der einen Seite eines Patienten, sie auf der anderen. An diesem Tag war so viel los gewesen, dass dieser frisch eingetroffene Notfall nur von zweien hatte behandelt werden können, die gerade erst ihren neuen Job angefangen hatten. Rafe als Arzt, Isobel als Krankenschwester. Leider hatte der Mann trotz ihrer Bemühungen nicht überlebt, und Isobel hatte all ihre Kompetenzen infrage gestellt, aber Rafe war nach der Schicht noch einmal zu ihr gekommen, um darüber zu sprechen. Er hatte ihr erklärt, warum es nicht an ihren Fähigkeiten gelegen hatte. Manchmal verlor man in diesem Job eben.

Und Isobel hatte sich an diesem Abend Hals über Kopf in Dr. Raphael Tanner verliebt.

All diese Erinnerungen hatte sie lange in sich vergraben, doch seit sie von dem Unfall ihrer Schwester und ihrer Mutter gehört hatte, kamen sie immer wieder hoch. Und hier, auf dieser furchtbaren Beerdigung, schien es immer schwieriger zu werden, sie wieder zu verdrängen. Er kniete ja schließlich direkt vor ihr! Als die Sanitäterinnen kamen, gelang es Isobel endlich, den Blickkontakt zu unterbrechen. Es gab ja schließlich auch Wichtigeres zu tun.

Der Pfarrer war wieder bei Bewusstsein und hob seine Hände, weil ihn die Maske vor seinem Gesicht zu stören schien.

„Da habt ihr ja unsere Arbeit schon erledigt“, sagte eine der Sanitäterinnen. „Gut gemacht. Wir legen ihn auf die Trage und verabreichen ihm Sauerstoff. Im Krankenwagen können wir ihn dann genauer untersuchen.“

Als der Pfarrer auf seiner Trage endlich im Fahrzeug lag, regnete es noch immer, sogar stärker als vorhin. Die Sanitäterinnen schienen froh zu sein, dass sie Hilfe hatten, um den schweren Mann zu heben, aber nun war ihnen allen kalt, durchnässt, wie sie waren. Rafe sah, dass Isobel zitterte.

„Geh besser rein“, sagte er, „und trink etwas Warmes.“

Sie schüttelte den Kopf. „Lieber nicht. Ich brauche nur trockene Klamotten, mein Koffer ist im Mietauto. Ich fahre zum Haus meiner Mutter. Ich hoffe, der Ersatzschlüssel liegt noch unter dem Blumentopf. Sonst warte ich auf Louise. Sie hat bestimmt auch einen.“

„Ich habe einen“, sagte Rafe. „Für den Notfall.“

Natürlich. Er war so ein Mann, der seiner Schwiegermutter jederzeit hilfreich zur Seite stand. Isobel sah ihn nicht an, sondern blickte dem blinkenden Blaulicht des Krankenwagens hinterher, der sich eilig von ihnen entfernte und am Ende der Straße um die Ecke bog. Sie schlang sich die Arme um den Körper, um das Zittern zu unterdrücken.

„Ich komme mit“, fügte er hinzu. „Ich kann noch ein paar Sachen holen, die die Jungs bei ihrem letzten Besuch liegen gelassen haben. Dann kannst du den Schlüssel gleich behalten.“

„Willst du nicht mit zum Krankenhaus, falls sie auf dem Weg Hilfe brauchen?“

„Der Patient ist doch stabil. Er hat eine Infusion bekommen und Sauerstoff, und sein Herzschlag wird überwacht. Ich kenne die Sanitäterinnen – selbst wenn er auf dem Weg einen zweiten Stillstand erleiden sollte, kommen sie damit zurecht. Ich schaue später im Krankenhaus nach ihm.“

Isobel nickte. „Aber drinnen im Saal wollen sie bestimmt alle mit dir reden.“ Sie biss sich auf die Lippe, als sie sich wegdrehte, um zu ihrem Mietwagen zu gehen. „Mein Beileid, übrigens.“

Ein ungläubiges Schnaufen führte dazu, dass sie sich doch noch einmal zu ihm drehte. Sie sah, wie sich die Kiefermuskeln in Rafes Gesicht bewegten, als ob er etwas sagen wollte, sich aber mühsam zurückhielt.

Er atmete tief ein und wieder aus. „Ich habe Lauren nicht mehr gesehen, seit sie mich vor fünf Jahren verlassen hat.“ Rafe hielt seine Stimme so unter Kontrolle, dass er eisig klang. „Deine Mutter habe ich in den letzten sechs Monaten einmal gesehen, weil ich wollte, dass die Jungs sie nicht vergessen. Ich bin nur hier, um der Mutter und der Großmutter meiner Söhne ein letztes Mal Respekt zu zollen.“

„Ich tue das, weil es das Richtige ist.“ – Das hatte Rafe vor Jahren gesagt, und auch dieser Satz hallte nun ganz plötzlich in ihrer Erinnerung nach. Isobel versuchte, all diese Gedanken wieder von sich zu schieben. Es würde nicht helfen, jetzt Fragen zu stellen. Sie wollte hier nur Dinge zu Ende bringen und nichts neu beginnen, was ihr den endgültigen Abschied erschweren würde.

Aber seine Aussage war wirklich eine Überraschung. Lauren hatte ihn verlassen? Hatte er wirklich kaum noch etwas mit ihrer Schwester und ihrer Mutter zu tun gehabt?

Was war nur passiert?

Seine Söhne? Hatte Lauren auch ihre Kinder verlassen?

Und was meinte Louise vorhin bloß, als sie von dem „armen Baby“ gesprochen hatte?

„Weißt du noch, wie du zum Haus deiner Mutter kommst?“ Rafe schien sich Mühe zu geben, neutral zu klingen. „Oder soll ich vorfahren?“

„Der Anwalt hat mir die Adresse geschickt, und da es dieselbe Adresse ist, an der ich früher auch gewohnt habe, werde ich es wohl finden.“ Isobel versuchte ebenfalls, sich nichts anmerken zu lassen und höflich zu klingen. „Vielen Dank.“

Wollte er sie damit darauf hinweisen, wie lang sie weg gewesen war? Dass sie die Erste in dieser Familie gewesen war, die jemanden verlassen hatte? Dass das ganze Chaos ihres Lebens irgendwie ihre eigene Schuld gewesen sei? Wusste Rafe etwa gar nicht, dass alles, was nicht sein eigener Fehler gewesen war, Lauren zuzuschreiben war? Falls das der Fall war, dann konnte sie es mit auf die Liste all der Dinge setzen, die sie klären musste, bevor sie wieder ging. Vielleicht würde es ihr so gelingen, die Erinnerungen wieder tief in sich zu vergraben.

Endgültig. Damit sie sie niemals mehr stören würden.

Sie straffte die Schultern und ging mit geradem Rücken zu ihrem Mietwagen.

2. KAPITEL

Isobel kannte die Straßen ihrer Heimatstadt noch gut. Balclutha war eine der größeren Städte nicht weit von der Küste von Kent. Die Grundschule, in die sie und Lauren gegangen waren, sah noch immer so aus wie früher. Als sie daran vorbeifuhr, meinte sie sogar, die Stimme ihrer geliebten jüngeren Schwester zu hören.

„Belle hat geflochtene Zöpfe, Mummy. So Zöpfe will ich auch.“

„Belle hat ein rotes Kleid. Warum habe ich kein rotes Kleid?“

„Warte auf mich, Belle. Du bist zu schnell …“

Das Haus ihrer Mutter in der Barrington Street sah auch noch so aus wie früher. Ein ganz normales Reihenendhaus mit kleinen Zimmern, einer steilen Treppe und einem winzigen Garten dahinter. Ein Haus, über das sich eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Töchtern und nicht viel Geld freute. Ein glückliches Zuhause. Oder?

Was allen in der Nachbarschaft sofort auffiel: dass die jüngere Tochter das Abbild ihrer Mutter war. Sie war die hübschere. Der Liebling.

„Für deine schönen, glatten Haare brauchst du keine geflochtenen Zöpfe. Komm, Schatz, ich mache dir einen Pferdeschwanz.“

„Natürlich bekommst du auch ein rotes Kleid, Lauren.“

„Warte auf deine kleine Schwester, Isobel. Sei nicht so gemein zu ihr.“

All diese Erinnerungen und Emotionen. Dazu noch die Trauer und das Schuldgefühl, das Isobel immer wieder überkam. Plus Jetlag. Es war ihr zu viel. Eine Art Taubheit senkte sich über sie, eine Art Nebel im Kopf, um all die Details auszublenden und die Gefühle zu dämpfen.

Es war, als könnte sie sich so besser aus der Entfernung betrachten, als wäre sie jemand anders: Sie war einfach nur eine Frau, die ihr Auto hinter Rafe parkte, ihr Gepäck aus dem Kofferraum holte, ihm die drei Schritte zur Haustür folgte, wartete, bis er den richtigen Schlüssel gefunden hatte, und dann mit ihm hineingehen wollte. Eine Frau, die erschrocken innehielt, als sie den Flur betraten.

„Was stinkt denn hier so furchtbar? Oh Gott …“ Rafe hielt sich die Hand vor Mund und Nase. „Der Teppich ist komplett durchnässt. Das Wasser steht mindestens drei Zentimeter hoch. Kein Wunder, dass es riecht wie im Sumpf.“

Isobel hörte, wie seine Schuhe schmatzten, als er den Flur entlangging. Sie selbst stellte ihren Koffer auf der trockenen Schwelle ab und folgte ihm. Ihre Füße waren ohnehin kalt und nass, und sie fühlte sich so elend, dass es nicht mehr schlimmer werden konnte.

„Das Wasser kommt von oben die Treppe herunter. Vielleicht ist im Bad ein Rohr geplatzt.“ Rafe schüttelte den Kopf. „Das kann schon zwei Wochen lang so gehen. Wahrscheinlich war seit dem Unfall niemand mehr hier.“

Isobel schien es, als starrte er sie böse an. Als wäre auch das hier ihr Fehler.

„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, verteidigte sie sich. „Den Brief vom Anwalt habe ich erst vor ein paar Tagen bekommen. Es hätte geholfen, wenn das Schreiben nicht erst an eine alte Arbeitsadresse gegangen wäre.“

„Es hätte geholfen, wenn jemand deine aktuelle Adresse gekannt hätte“, sagte Rafe ebenso böse. „Ich hätte dich nur über die Polizei in Neuseeland finden können, dachte mir aber, dass du es bestimmt nicht so toll fändest, wenn die einfach so bei dir geklingelt hätten.“

Der Flur führte in das Wohnzimmer, das direkt unter dem Bad lag. Auf den Wänden und Vorhängen sah man bereits schwarzen Schimmel. Die Decke wölbte sich und sah beängstigend aus. In der Mitte der Wölbung tröpfelte das Wasser sichtbar hindurch.

Rafe trat zurück. „Ich hätte nicht gedacht, dass du überhaupt kommst“, fügte er hinzu, „oder dass es dir irgendetwas ausmacht, dass deine Mutter und Schwester gestorben sind.“

Au … Es konnte also doch noch schlimmer kommen.

Seine Worte schmerzten. Dabei fühlte sich ihre Trauer ohnehin schon an wie die durchhängende Decke – als ob sie jeden Moment zusammenbrechen und von einem unendlichen Strom Tränen überschwemmt werden könnte.

„Du weißt genau, warum ich gegangen bin.“ Ihre Stimme klang brüchig. „Du wolltest doch auch, dass ich gehe. Damit es für alle einfacher ist.“

„Für alle oder vor allem für dich?“ Rafe blickte in die Küche. Auf dem Linoleum hatte sich ein See gebildet, und ein paar Lebensmittel auf der Arbeitsfläche waren mit Schimmel überzogen. Sie trugen wohl auch zu dem Gestank bei. „Du warst über sechs Jahre verschwunden, Belle. Kein einziges Wort. Kein einziges Wort.“

Da konnte sie nicht widersprechen, aber warum auch? Vielleicht wusste er nicht, wie weh es ihr schon getan hatte, nur mit ihrer Mutter in Kontakt zu bleiben. Sie hatte ein ganz neues Leben beginnen müssen. Und sie würde ihm nicht erzählen, dass sie sich dazu entschieden hatte, noch einen Abschluss zu machen und es mit einem neuen Beruf zu versuchen. Dass die Monate und Jahre vergangen waren und es mit der Zeit einfacher geworden war, alles hinter sich zu lassen.

„Vielleicht war ich noch nicht bereit, mich der Vergangenheit zu stellen“, sagte sie leise. „Vielleicht dachte ich, dass ich noch mehr Zeit hätte.“

Rafe schüttelte erneut den Kopf. Unbeeindruckt. „Tja, das war wohl nicht der Fall. Und etwas anderes ist wohl leider auch nicht so, wie du es dir gedacht hattest.“ Er machte eine große Geste, um alles um sie herum mit einzuschließen. „Hier kannst du nicht wohnen.“ Er sah sich die Decke an. „Viel zu gefährlich. Da kann jeden Moment die Badewanne durch die Decke brechen. Wir müssen hier raus.“

Er ging an Isobel vorbei in den Flur. „Ich rufe den Klempner an, damit er den Schaden repariert und sich anschaut, wie schlimm es ist. Bis dahin kommst du besser mit zu mir nach Hause.“

„Was?“ Isobel lachte laut. „Wieso sollte ich das tun?“

Rafe blieb so abrupt stehen und drehte sich um, dass sie beinahe in ihn hineinlief. Der Regen draußen war nur noch stärker geworden. Und Rafe war wütend. Oder enttäuscht? Oder verletzt? Oder alles? Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen. Es gefiel ihr gar nicht.

„Um deine Neffen kennenzulernen?“ Rafe klang bemüht gleichgültig. „Zwei kleine Jungen, die eine Mutter verloren haben, die sie kaum kannten. Von der ihre Großmutter aber immer erzählt hat, sie würde eines Tages wiederkommen, weil sie sie liebte. Was aber nie passiert ist. Sie wissen, dass es eine Tante gibt, aber dass die sie auch liebt, glauben sie wohl nicht.“ Er drehte sich um und ging die Stufen hinunter. „Denn diese Tante wollte noch nie etwas mit ihnen zu tun haben.“

Isobel zog schweigend die Tür hinter sich zu. Das stimmte nicht. Sie hatte tatsächlich ein Foto von den Zwillingen im Alter von wenigen Wochen, das ihre Mutter ihr in ihrem letzten Brief geschickt hatte. In dem hatte sie geschrieben, was für ein gesegnetes Glück sie hatten, dass Rafe und Lauren sich gefunden hatten. Den Brief hatte sie verbrannt oder zerrissen, aber das Foto ihrer Neffen bewahrte sie im Geldbeutel auf.

Rafe drückte auf seinen Autoschlüssel, und der Wagen piepte. „Vielleicht willst du ja auch deine Nichte kennenlernen.“

Isobel blieb der Mund offen stehen. „Also gibt es wirklich noch ein Baby. Aber du hast gesagt, du hast Lauren seit Jahren nicht mehr gesehen …“

Rafe öffnete die Fahrertür, während Isobel noch durch den Vorgarten ging. „Oh, es ist nicht mein Baby.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Wenn ich es mir recht überlege, bist du wohl jetzt ihre einzige lebendige Blutsverwandte.“

Sie verstand das alles nicht.

Zum Glück schien Rafe es ihr anzusehen. Er holte tief Luft. „Wir können das natürlich hier draußen im Regen besprechen, aber du bist klitschnass, und ich auch. Komm mit mir nach Hause. Ich erklär dir alles. Und danach kannst du immer noch ins Hotel, wenn du willst. Ich helfe dir auch bei der Suche.“

Er schenkte ihr ein Lächeln. Nun gut, ein halbes Lächeln. Aber er versuchte zumindest, nett zu sein, wohl mit dem Gedanken, dass sie schließlich die Tante seiner Söhne war. Das war der Grund. Richtig?

Isobel schluckte trocken. Ihre Finger waren eiskalt, und der Regen lief ihr in den Nacken. Wahrscheinlich sollte sie wirklich nicht mit ihm gehen, aber es schien, als hätte sie keine Wahl. Ihre Welt war ohnehin schon aus den Fugen geraten, und all das, was Rafe erzählte, ergab noch keinen Sinn. Sie wusste nicht einmal, ob ihr Tränen die Wangen herabliefen oder ob es der Regen war. Der Kloß in ihrem Hals war so groß, dass sie es nicht sagen konnte. Hoffentlich würde sie die wenigen Schritte zu ihrem Auto schaffen.

Rafe kam zurück in den Vorgarten. Er nahm ihr den Koffer aus der Hand und legte ihn so bestimmt in seinen Kofferraum, dass sie nicht mehr protestieren konnte. Es war sogar erleichternd, dass jemand für sie entschied. Ihr Hirn funktionierte einfach nicht mehr.

Rafe öffnete die Beifahrertür und sah sie an.

„Setz dich, Belle“, sagte er ruhig. „Wir holen deinen Wagen wann anders.“

Wenig später führte er sie in sein trockenes, warmes Haus und in ein Badezimmer mit weichen, flauschigen Handtüchern. Rafe legte ihren Koffer auf einem Stuhl ab und stellte die Dusche an.

„Die braucht ein oder zwei Minuten, um warm zu werden. In alten Häusern sind die Rohre nicht die besten.“

Bislang war ihr Eindruck von seinem Haus ein wenig unscharf. Ein großes, altes Haus in einem grünen Vorort. Großer Garten. Zentralheizung und ein angenehmer, würziger Duft, der aus der Küche kommen musste. Die Möbel wirkten ein wenig abgegriffen und gemütlich, und überall lag Spielzeug herum. Auch einen Hund gab es, einen Golden Retriever, der sich nach einer kurzen Begrüßung gehorsam in seinen Korb zurückgezogen hatte. Ein Haus, das sich wie ein richtiges Zuhause anfühlte. Ein Zuhause für eine Familie.

Rafe zog an einer Kordel, mit der sich die Lüftung einschaltete. „Nimm dir alles, was du brauchst, auch Shampoo und so.“

Isobel nickte. „Danke.“

Ihre Stimme war ein Flüstern. Das hier war noch schlimmer als der Moment auf der Beerdigung, in dem sie erkannt hatte, dass sie immer noch viel mehr Gefühle für Rafe hatte, als sie es sich jemals vorgestellt hatte. Das hier war eher wie der Anfang dieses Traums, den sie zu Beginn ihrer Beziehung damals so oft gehabt hatte. Ein Traum, in dem sie furchtbar verliebt war und ganz ohne Zweifel wusste, dass sie genau den Menschen gefunden hatte, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Sie war sich so sicher gewesen, dass er dasselbe empfand und sich trotz seines Widerstandes doch noch für eine Hochzeit mit ihr entscheiden würde. Das war ein Traum, in dem sie glücklich gewesen war – doch nur allzu bald war daraus ein Alptraum geworden, aus dem sie mit Tränen auf den Wangen und einem gebrochenen Herzen aufgewacht war.

„Komm runter, wenn du fertig bist. Und bring deine nassen Klamotten mit. Wir haben einen Wäschehänger über dem alten Herd, wo wir sie trocknen können. Ich glaube, Helen hat Gemüsesuppe gemacht. Es ist ja schon Mittag.“

Helen?

Wer war denn jetzt Helen? Seine neue Frau? Das wäre auch keine Überraschung, oder? Ein Mann wie Dr. Raphael Tanner würde nicht lange allein bleiben, und bestimmt nicht fünf Jahre lang. Ob das etwas damit zu tun hatte, dass er auch keinen Kontakt mehr zu Isobels Mutter hatte, seiner ehemaligen Schwiegermutter?

Isobel musste sich anstrengen, um mit ihren steifen Fingern die Reißverschlüsse ihrer schwarzen Stiefel zu öffnen. Sie schälte sich aus der nassen Strumpfhose und dem Rest ihrer Kleidung und stellte sich unter das Wasser, das inzwischen so heiß war, dass sie sich erst einmal daran gewöhnen musste. Dann stand sie so lange da, bis das Zittern aufhörte und sie die Zeit vergaß. Es war so warm und angenehm, und sie hoffte, dass das Wasser einige der Emotionen mit sich nehmen würde, die sie überfallen hatten.

Als sie das Wasser schließlich ausstellte, war ihre Haut rosarot, und sie fühlte sich zum ersten Mal seit Stunden wieder durchgewärmt. Aus dem Koffer holte sie ein Paar bequeme Jeans und einen übergroßen, hellen Pulli, den sie liebte. Sie rubbelte sich die Haare mit dem Handtuch trocken, machte sich aber nicht die Mühe, die von der Sonne blonden Locken zu zähmen, die ihr bis zu den Schultern reichten. Schminken wollte sie sich auch nicht. Dass die letzten Stunden sie mitgenommen hatten, sah man ohnehin. Außerdem: Warum sollte sie Rafe mit irgendetwas imponieren wollen?

Isobel nahm ihre nasse Kleidung und machte sich auf die Suche nach der Küche. Sie würde schon mit allem zurechtkommen, was hier auf sie wartete. Sie musste nur ihren Stolz herunterschlucken und die Hilfe annehmen, die Rafe ihr anbot. Rafe, der Mann, der sie damals so schmerzhaft betrogen hatte – mit ihrer eigenen Schwester.

Wie konnte es sein, dass er sie seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte, sie aber jünger und schöner aussah als je zuvor?

Lag es an ihren nackten Füßen? Oder dem riesigen Pullover, in dem sie aussah wie ein Kind, das die zu großen Kleider des Vaters trug? Oder vielleicht lag es nur daran, dass sie so blass aussah … so … verletzlich.

Er verspürte den verrückten Drang, sie in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken, wie schon vor der Haustür ihrer Mutter, als sie dort mit Tränen im Gesicht gestanden hatte. Schnell zog er den Wäschehänger zu sich heran, um sich mit körperlicher Aktivität von all seinen Gedanken und Erinnerungen abzulenken. Damals war so viel geschehen, und er hatte sich selbst geschworen, alles zu vergessen, um ein guter Ehemann für Lauren zu sein und vor allem ein guter Vater für die Zwillinge, die es verdient hatten.

„Hier … Ich hänge sie auf.“ Er nahm Isobel die klamme Wäsche ab. „Setz dich. Da ist frischer Tee, und ich wärme die Suppe auf.“

Es war seltsam, Isobels Kleidung aufzuhängen. Besonders ihre Strumpfhose. Auch jetzt kamen Bruchstücke von dem zurück, woran er sich so lange versagt hatte zu denken. Intime Momente. Wie hatte er sich nur jemals davon überzeugen lassen, dass die Ehe mit Lauren funktionieren konnte? Er war in Isobel verliebt gewesen, nicht in ihre Schwester.

Das war alles lange her, aber Beerdigungen hatten es an sich, dass man sich der Endlichkeit der Dinge bewusst wurde und überlegte, was man hätte anders machen sollen in seinem Leben. Für Isobel musste all das noch viel schwieriger sein als für ihn.

Er setzte sich an den großen Holztisch, schräg gegenüber von Isobel, weil sich das besser anfühlte als direkt ihr gegenüber. So konnte man besser woanders hinschauen, wenn der Blickkontakt zu intensiv wurde … Er goss sich eine Tasse Tee ein, während Isobel Zucker in ihrem Getränk verrührte.

„Ein sehr schönes Haus“, sagte sie. „Ich mag solche Küchen.“

Sie blickte sich um. Der Arbeitstisch stand in derselben Ecke wie der Herd und eine gemütliche alte Couch, auf der der Hund lag und friedlich schlief. In der Mitte gab es eine Spüle mit zwei Becken. Neben der Tür zur Vorratskammer fand sich ein Schrank mit einer massiven Schublade, bis zum Bersten mit Besteck gefüllt. Am ganz anderen Ende, vor den bodentiefen Fenstern, die in den Garten führten, war eine Sitzecke zum Essen.

Rafe trank einen Schluck. „Sie ist vor allem sehr funktional. Ich habe mich für dieses Haus hier entschieden, weil ich in fußläufiger Entfernung zum Kindergarten und jetzt zur Schule der Jungs wohnen wollte. Und zum medizinischen Zentrum in der Harrison Street. Da arbeite ich.“

Das überraschte sie. „Du arbeitest in einer Praxis? Als Allgemeinarzt? Bist du nicht mehr in der Notaufnahme?“

Sie machte so große Augen, dass Rafe wieder auffiel, wie blau sie waren. Das hatte er natürlich nicht vergessen, genauso wenig wie die Tatsache, dass sie sich damals zum ersten Mal in der Notaufnahme begegnet waren. Er senkte den Blick.

„Als alleinerziehender Vater ist es viel einfacher, als Allgemeinarzt zu arbeiten.“ Er würde ihr nicht erzählen, wie schwer es ihm gefallen war, den aufregenden Job als Leiter des Notfall- und Traumazentrums aufzugeben. Seine Arbeit war ihm immer wichtiger gewesen als alles andere – bis sich seine Welt so grundlegend geändert hatte. Er seufzte. „Es ist viel Zeit vergangen, Belle. Es hat sich einiges geändert.“

Sie nickte. „Natürlich. Und du hast noch einmal geheiratet?“

„Wie bitte? Nein …“ Als ob er die Zeit – oder die Lust – hätte, sich nach einer neuen Frau umzusehen. „Warum sagst du das?“

Isobel schien sich plötzlich sehr für den Tee in ihrer Tasse zu interessieren. „Weil du eine Helen erwähnt hast.“

Rafe lachte auf. „Helen ist unsere Haushälterin, und vom Alter her könnte sie meine Mutter sein. Sie ist ein echter Schatz, ohne den ich nicht zurechtkommen würde. Sie kommt jeden Vormittag für ein paar Stunden und dann noch einmal nach der Schule. Und sie macht die beste Suppe der Welt. Hast du Hunger?“

Isobel schüttelte den Kopf. „Ich will erst noch so viel wissen. Mein Magen ist ganz verknotet. Aber iss du ruhig.“

„Ich habe es auch nicht eilig.“ Rafe atmete tief durch. „Wo soll ich anfangen? Was willst du zuerst wissen?“

Isobel atmete tief durch. „Was genau ist mit Lauren und Mum passiert? Ich weiß nur, dass es einen Autounfall gab.“

„Genau. Auf der M25. Es war spät, dunkel, schlechtes Wetter. Aquaplaning. Mir wurde erzählt, dass deine Mutter einen Lastwagen überholt hat und zu früh wieder eingeschert ist. Er meinte, er konnte nicht mehr ausweichen.“

„Das verstehe ich nicht.“ Isobel schüttelte langsam den Kopf. „Mum hat die Autobahn immer gehasst, vor allem im Dunkeln. Was haben sie da gemacht?“

„Anscheinend war Lauren gerade aus Spanien wiedergekommen und in Heathrow gelandet. Deine Mutter wollte sie wohl abholen.“

„Aus Spanien?“

„Da hat sie die letzten Jahre gelebt.“

„Oh, das wusste ich nicht.“

„Nein …“

In der Stille, die auf diese Worte folgte, spürte er, wie Isobel all ihren Mut zusammennahm. Sie hielt ihre Hände um die warme Tasse, die ihr Trost zu spenden schien, und sah ihn nicht an, als sie die nächsten Fragen stellte.

„Aber warum ist sie überhaupt gegangen, Rafe? Wie konnte sie ihre Kinder allein lassen? Wie alt ist das neue Baby, und wer ist der Vater? Ich verstehe das alles nicht.“

Seltsam, dass sie noch verwundbarer wirkte, während sie versuchte, ihren Rücken gerade zu halten. Sie presste ihre Lippen aufeinander. Offensichtlich musste sie sich für das bereit machen, was kommen könnte.

Wenn er wollte, konnte er sie nun richtig verletzen, zum Beispiel, indem er ihr sagte, dass er sich wünschte, niemals auch nur irgendjemanden aus ihrer Familie kennengelernt zu haben. Manchmal war das die Wahrheit.

Aber Rafe wollte sie gar nicht verletzen, ganz im Gegenteil: Sein ständiger Wunsch, diese Frau beschützen zu wollen, war wieder da und drängte sich in den Vordergrund. Rafe mochte sich über sich selbst ärgern, aber so war es.

„Du hast mir mal etwas über Lauren erzählt“, sagte er leise. „Und zwar, dass ihr immer langweilig wurde, sobald sie etwas bekam, was sie sich gewünscht hatte. Dann hat sie sich gleich nach etwas Neuem umgesehen. So war es auch mit ihrem Leben als Ehefrau und Mutter. Ihr war langweilig, und sie ist mit ihrem Pilates-Lehrer nach Spanien abgehauen. Das hat nicht lange gehalten, aber das Leben dort hat ihr gefallen, auch allein. Wahrscheinlich ist sie nur wegen des Babys nach Hause gekommen.“ Rafe zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich wusste sie, dass ihre Mutter ihr helfen würde, ganz egal, was vorher war.“

Isobel lächelte schief. „Ja, so war es bei den beiden immer.“

„Und dann der Unfall. Deine Mutter ist also zum Flughafen gefahren, um Lauren abzuholen, und sie haben es nie bis nach Hause geschafft. Deine Mutter ist sofort gestorben.“ Rafe schluckte. „Es tut mir so leid, Belle. Ich weiß, dass ihr nie eine gute Beziehung hattet, aber das macht einen Tod ja auch nicht leichter.“

Sie hielt den Kopf geneigt, aber er sah trotzdem, dass ihr eine Träne an der Nase entlanglief. Rafe legte seine Hand auf ihre, und Isobel zog sie nicht weg.

„Lauren war schwer verletzt, aber noch am Leben, als der Krankenwagen kam. Sie ist mit dem Helikopter in die Notaufnahme des St. Luke’s gekommen, aber es war nichts mehr zu machen. Die Aorta war so verletzt, dass sie letztendlich geplatzt ist. Deswegen haben sie sich entschieden, wenigstens das Baby zu retten. Lauren war schon tot, als sie den Kaiserschnitt gemacht haben.“

„Oh mein Gott.“ Isobel klammerte sich so fest an seine Hand, dass es wehtat. Er ließ sie gewähren. „Ich dachte, sie hatte das Baby schon vorher bekommen, aber sie war noch schwanger? Wie weit war sie? Und das Baby …“

Rafe wusste, was Isobel nicht aussprechen konnte. Würde das Baby überleben?

„Es scheint der Kleinen gut zu gehen“, sagte Rafe. „Sie ist natürlich winzig, nach nur achtundzwanzig Wochen Schwangerschaft. Bei der Geburt wog sie anderthalb Kilo. Ein paar Tage lang wurde sie beatmet und hat jetzt ein CPAP, von dem sie in den nächsten Tagen entwöhnt werden soll. Wahrscheinlich wird sie auf der Intensivstation bleiben, bis sie das Alter erreicht, in dem sie bei einer normalen Geburt zur Welt gekommen wäre. Also noch acht oder neun Wochen.“

Isobel hörte ihm aufmerksam zu, und in ihren Augen sah er, welche widerstreitenden Gefühle in ihr tobten. Rafe war es nicht anders gegangen, als er zum ersten Mal von dem Baby gehört hatte. Was für eine Tragödie, dass die Mutter gestorben war. Was für ein Risiko, das die Ärzte eingegangen waren. Was für ein schrecklicher Anfang für so ein kleines Wesen, das nun ganz allein darum kämpfen musste, am Leben zu bleiben.

Aber da war auch ein wenig Hoffnung, denn das kleine Mädchen hatte überlebt, und das war doch schon fast ein Wunder.

„Es gibt keine Anzeichen für Hirnblutungen, was bei Frühchen ja immer eine Gefahr ist“, fügte er hinzu. „Im Alter von sieben Tagen haben sie Scans gemacht. Alles war gut. Und die Sanitäter und Notfallärztinnen wussten, dass sie es mit einer schwangeren Frau zu tun hatten, sodass sie Laurens Sauerstoffsättigung immer an die erste Stelle gesetzt haben.“

Isobel sah ihn an. „Was passiert jetzt mit ihr?“

Sie hatte ihren Griff gelockert, sodass Rafe ihre Hand losließ und seine Teetasse nahm. „Das muss noch entschieden werden. Aber dafür ist ja mehr als genug Zeit. Ich habe fürs Erste die Vormundschaft übernommen, weil ich der Vater ihrer einzigen bekannten Verwandten bin – ihrer Halbbrüder.“

„Deswegen weißt du auch so viel über sie.“

„Ja, und ich besuche sie jeden Tag.“

Isobel schwieg lange. Dann hörte er, wie sie tief durchatmete, und sah, wie sie zögerte – so, als wollte sie mehr erfahren, aber gleichzeitig auch nicht zu viel damit zu tun haben.

„Hat sie … Hat sie einen Namen?“

„Noch nicht. Vielleicht willst du dir einen einfallen lassen. Sie ist deine Nichte.“

Rafe stand auf und drehte sich um, bevor er ihre Reaktion sehen musste. Denn er fühlte sich schlecht, wenn er sie auf diese Weise daran erinnerte, dass sie natürlich etwas mit der ganzen Sache zu tun hatte, ob sie nun wollte oder nicht.

Außerdem hatte Isobel vielleicht keinen Hunger, aber er hatte seit dem Frühstück nichts mehr zu sich genommen. Er ging zum Herd und schöpfte sich Suppe in eine Schüssel. Dann schnitt er sich eine dicke Scheibe Sauerteigbrot dazu, das unter einem Geschirrtuch wartete. Erst dann drehte er sich wieder zu ihr.

„Willst du wirklich nichts? Schmeckt sehr gut.“

Aber Isobel saß da und hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben. Ein Schauer schien ihr den Körper hinabzulaufen, aber dieses Mal konnte sie nicht frieren, denn der alte Herd machte die Küche eher zu warm. Sie weinte – oder versuchte, ein Weinen zu unterdrücken.

Er stellte Schüssel und Brot auf dem Tisch ab und stieß die Luft aus. Er wollte Isobel nicht bemitleiden und wollte auch nicht dem Drang nachgeben, sie zu trösten oder zu beschützen. Wenn er ganz ehrlich war, wollte er plötzlich nicht einmal, dass sie hier in seinem Haus war.

Aber er hatte sie mit hergenommen, also konnte er sie jetzt wohl kaum wieder wegschicken.

„Hast du im Flugzeug geschlafen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Wie lang warst du unterwegs?“

„Ungefähr sechzig Stunden, weil es in Singapur so eine lange Verzögerung gab.“

Und dann war sie direkt zur Beerdigung gekommen. Es war ganz gleich, wie sehr Isobel sich von ihrer Mutter und Schwester entfernt hatte: Sie waren trotzdem ihre Familie gewesen, und sie musste bestimmt heftig um sie trauern.

Rafe berührte sie an der Schulter, bis sie zu ihm aufsah.

„Du musst schlafen“, sagte er. „Anweisung des Arztes. Sonst kippst du um. Ich esse noch auf und schaue dann im Krankenhaus vorbei, um zu sehen, wie es unserem Pfarrer und dem Baby geht. Danach hole ich die Jungs von der Schule ab, aber sie werden es schon schaffen, einmal ruhig miteinander zu spielen. Du schläfst einfach, solange du willst.“

Er sah genau, wie sehr Isobel sich das wünschte: schlafen und alles um sich herum vergessen.

Rafe sah sie an und wartete. Ein Lächeln gelang ihm nicht, aber er versuchte, so sanft wie möglich zu klingen. „Komm, ich zeige dir das Gästezimmer.“

3. KAPITEL

Isobel schlief und schlief. Und dann schlief sie noch ein wenig. Tief und fest, aber nicht tief genug, dass sie vor Träumen gefeit war.

Unrealistischen Träumen, zum Beispiel einem, in dem sie ein neugeborenes Baby in den Armen hielt, dessen Nabelschnur hinter ihnen her flatterte, als Isobel immer verzweifelter durch ein riesiges Haus lief und nach dem Zimmer suchte, in das das Kind gehörte. Wenn sie es nicht fand, würde das Baby sterben.

Aber auch einer, der unangenehm nah an der Realität war, weil sie sich auf dieser schicksalhaften Weihnachtsfeier des Krankenhauses wiederfand und in der Menge nach Rafe suchte, der versprochen hatte, da zu sein, aber nicht aufzufinden war. Also war sie zu seiner Wohnung gefahren und hatte mit ihrem Schlüssel, den er ihr gerade erst gegeben hatte, die Tür geöffnet. Dort sah sie leere Sektflaschen im Wohnzimmer und Rafe im Schlafzimmer … mit ihrer Schwester …

Sie erinnerte sich an Fetzen aus den Gesprächen, die sie in den Tagen darauf geführt hatten.

„Sie hat mir gesagt, du seist mit Michael zusammen.“

„Ich war mit Michael zusammen bei einer Reanimation. Ich konnte nicht pünktlich Feierabend machen.“

„Aber ich habe selbst gestern gesehen, wie ihr euch geküsst habt.“

„Er stand unter einem Mistelzweig und hat alle abgeknutscht, die ihm in den Weg kamen.“

„Lauren meinte, du wärst froh darüber, dass wir uns getrennt haben.“

„Das hast du ihr geglaubt?“

„Du weißt genau, warum …“

„Ich bin nicht deine Exfrau, Rafe. Und du hast Lauren nicht nur geglaubt – du bist gleich mit ihr ins Bett gesprungen.“

„Ich weiß wirklich nicht, wie das passiert ist. Und es wird nie wieder passieren, so viel ist klar. Ich weiß, wie dumm das war.“

„Das kann ich dir niemals verzeihen, niemals, Rafe. Ich wünschte mir, wir hätten uns niemals kennengelernt. Weißt du was? Du und Lauren, ihr verdient einander. Viel Glück …“

Und dann war da noch ein Traum, der all diese Bilder zusammenführte – sie hielt neugeborene Zwillinge im Arm und musste mitansehen, wie ihre Schwester und ihr Freund sie betrogen. Das war genug, damit sie endlich aufwachte.

Ihr Herz schlug wie wild, und sie musste noch eine Weile liegen bleiben und warten, bis es sich wieder beruhigte und der Traum verschwand wie eine düstere Wolke.

Was Lauren und Rafe damals gemacht hatten, hatte Isobel sehr geschmerzt. Sie hatte lang daran geknabbert, aber vor einigen Jahren erkannt, dass die Zeit verging und sie sich eine Zukunft wünschte, in der sie sich nicht mehr von solchen Erinnerungen jagen lassen wollte. Das war ihr in Neuseeland auch gut gelungen. Doch die körperliche und geistige Erschöpfung gestern und die erneute Begegnung mit Rafe hatten das alles wieder zunichte gemacht. Plötzlich war die Vergangenheit wieder da, und sie bekam sie nicht mehr aus dem Kopf. Daher auch die schlimmen Träume.

Sie versuchte, die kommenden Tage etwas rationaler zu betrachten: Sie musste hier in England nicht wieder heimisch werden und konnte sich zudem noch heute ein Hotelzimmer suchen. Von dort aus würde sie sich dann um das Desaster kümmern, das einmal das Haus ihrer Mutter gewesen war.

Beruhigter setzte sie sich auf und ging ins Bad, das direkt ans Zimmer anschloss. Danach starrte sie eine Weile auf ihr Telefon und überlegte, in welcher Zeitzone sie sich eigentlich befand und warum es noch dunkel draußen war. Es dauerte eine Weile, bis sie verstand, wie lang sie wirklich geschlafen hatte. Hier in Balclutha war es gerade sechs Uhr morgens.

Aber nun war sie so hellwach, dass sie nicht mehr im Bett bleiben wollte. Sie zog die Klamotten von gestern Mittag an – Jeans und den weiten Pulli.

Kaffee klang jetzt sehr verlockend.

Sie würde ganz leise in die Küche schleichen …

Der Hund hob nur kurz den Kopf und klopfte mit der Rute grüßend gegen das Sofakissen. Dann schlief er sofort wieder ein. Isobel hatte noch nie einen so alten Herd benutzt wie den in Rafes Küche, aber es gab einen Wasserkocher und Instantkaffee, und in einem enormen, gut gefüllten Kühlschrank fand sie Milch. Dann fielen ihr die zwei Plastikdosen im Regal auf, die offenbar mit Sandwiches, Apfelstückchen, geschnittenen Karotten und selbst gemachten Keksen gefüllt waren.

Pausenbrote für die Schule.

Zwei gleiche Pausenbrote für ihre zwei Neffen, eineiige Zwillinge namens Oscar und Josh.

Die Söhne von Lauren und Rafe.

Gleich fing das Gedankenkarussell wieder mit seinen Runden an. Lauren und Rafe und die Sektflaschen im Schlafzimmer … Sie brauchte wirklich einen Kaffee. Es würden in den nächsten Tagen noch so einige Begegnungen und Erinnerungen auf sie warten, da musste sie wach sein.

Isobel nahm einen Keramikbecher von einem der Haken, löffelte großzügig Instantpulver hinein, fügte Wasser und Milch hinzu. Dann sah sie braunen Zucker in einem Döschen auf dem Tisch und wollte einen Löffel voll in die Tasse rühren, doch bevor ihr das gelang, hörte sie plötzlich eine Kinderstimme hinter sich, die so laut flüsterte, wie nur Kinder flüstern konnten.

Vor Schreck rieselte ihr der Zucker auf den Tisch.

„Das ist sie, oder? Belle?“

Hilfe, sie war noch nicht bereit für die beiden … Sie legte zitternd den Löffel ab und versuchte, mit einer Hand die Zuckerkörnchen zusammenzufegen und in der anderen aufzufangen. Die ganze Zeit tat sie so, als hätte sie nichts gehört.

Da kam eine zweite Stimme dazu.

„Ja, das ist sie. Unsere Tante.“

„Weiß ich. Hat Dad ja gesagt. Tante Belle.“

Tante Belle. Das klang so gut, dass sie lächeln musste und sich zur Tür drehte.

„Hallo, ihr müsst Oscar und Josh sein.“

Die beiden gaben ihr Versteck im Flur auf und stürzten gemeinsam in die Küche. Der Hund sprang von der Couch, um sie zu begrüßen.

„Aber wer ist wer?“, fragte einer der Jungen und streichelte den Kopf des Golden Retriever. „Du kannst uns bestimmt nicht auseinanderhalten.“

Natürlich nicht. Sie sahen sich extrem ähnlich, und außerdem hatte sie sie ja noch nie getroffen. Aber was sie gleich sah: Diese beiden Jungs in ihren gleichen Dinosaurier-Schlafanzügen waren furchtbar süß. Sie hatten dunkle Locken und braune Augen wie ihr Vater, aber anders als Rafe lächelten sie breit und einladend. Sie schienen nichts gegen sie zu haben, überhaupt nichts.

„Du bist Josh“, sagte Isobel zuversichtlich.

Er sah enttäuscht aus. „Woher weißt du das?“

„Ich habe geraten“, gab sie zu. „Die Chancen standen fünfzig-fünfzig.“

„Du hast Dreck gemacht.“ Oscar zeigte auf den Tisch.

„Ich weiß.“

„Wenn wir Dreck machen, sollen wir selbst wieder sauber machen.“

Isobel nickte. „Das ist eine gute Regel, und das hatte ich auch gerade vor.“

Der Hund saß vor den Jungen, wedelte mit dem Schwanz und bellte.

„Cheddar will Frühstück.“

„Cheddar?“

„Weil er gelb ist“, erklärte Josh freundlich. „Wie der Käse.“

Dieses Mal musste Isobel richtig lachen. „Ein toller Name.“

„Gibst du ihm sein Frühstück?“

„Oh, ich weiß aber nicht, was er frisst“, wandte Isobel ein.

„Kekse. Und ein bisschen von unserem Porridge. Machst du uns Porridge?“

„Oh …“

„Ich will Apfelsirup auf meinem“, sagte Oscar.

„Und ich bunte Streusel“, fügte Josh hinzu. „Hundert Millionen. Weil das so schön ist, wenn man die unterrührt.“

„Ich weiß leider nicht, wo die Haferflocken sind.“

„Zeig ich dir.“ Oscar nahm Isobels Hand.

„Nein, ich!“ Josh nahm ihre andere Hand. „Das Porridge war meine Idee.“

Cheddar bellte erneut, drehte sich zweimal um sich selbst und lief zur Vorratskammer. Aber das nahm Isobel kaum wahr. Worauf sie achtete, waren die zwei kleinen Hände, die an ihr zogen. Es schien eine direkte Verbindung zwischen diesen Händen und ihrem Herzen zu geben, denn sie fühlte sich, als zöge jemand an ihrem Herzen. Nicht nur, weil die beiden so niedlich waren.

Da war noch etwas.

Isobel spürte eine Art der Verbindung, die sie nicht kannte, die aber ganz selbstverständlich eines zu besagen schien: Diese Jungen würden zu ihr gehören. Sie waren ihre Neffen. Ihre Familie.

Sie erstarrte bei diesem enormen Gedanken. Oscar und Josh, die immer noch an ihr zogen, ließen ihre Hände los und sahen erstaunt zu ihr herauf: Was war los?

Auch Cheddar wartete ungeduldig vor der Tür zur Vorratskammer: Was dauerte da denn so lang?

Einen Moment lang schien das ganze Universum stillzustehen, als ob es Isobel zu fragen schien, was sie vorhatte. Sollte sie es wagen und die Zwillinge in ihr Leben lassen – oder sollte sie so schnell wie möglich vor alldem hier fliehen, wie sie es in der Vergangenheit gemacht hatte?

„Was ist denn hier los?“ Rafe klang, als wäre er erst vor wenigen Sekunden aufgewacht. Sie hörte ihn schon vom anderen Ende des Flurs. „Haben wir nicht gesagt, dass wir bis sieben Uhr alle still sind?“

„Aber Tante Belle ist schon auf, Daddy. Sie macht uns Porridge“, sagte Josh.

„Sie kennt die Sieben-Uhr-Regel ja nicht“, fügte Oscar hinzu. „Wir haben ihr nur gesagt, dass wir unseren eigenen Dreck wegmachen.“

Isobel sah sich vorsichtig um, als Rafe in die Küche kam. Sie hoffte sehr, dass er nicht den gleichen Schlafanzug trug wie seine Söhne.

Zum Glück nicht.

Aber die Knöpfe seiner Jeans waren noch auf, und er zog sich gerade einen Wollpullover über. Sein Haar war verstrubbelt, dunkle Bartstoppeln zierten sein Gesicht.

Und lieber Gott … Isobel konnte an nichts anderes mehr denken als daran, wie sich diese Stoppeln morgens auf ihrer Haut angefühlt hatten …

Schnell sah sie weg. „Tut mir leid, dass du aufgewacht bist. Und die Saubermach-Regel kenne ich ja jetzt, deswegen mache ich auch sofort den Tisch sauber.“

Rafe rieb sich die Augen und ging zum Tisch. „Instantkaffee? Ich glaube, heute Morgen brauchst du richtigen Kaffee. Ich mache eine ganze Kanne. Und Jungs, ihr zieht euch an. Danach mache ich euch Porridge.“

„Aber …“

„Kein Aber.“

„Aber Daddy … Das ist ein wichtiges Aber.“

„Okay.“ Rafe stellte die Kaffeekanne wieder ab, hockte sich hin und streckte seine Arme aus. Es sah aus wie etwas, das er schon unzählige Male gemacht hatte. Ein Zwilling kuschelte sich in seinen linken Arm, einer in den rechten, und beide legten ihre eigenen Ärmchen um den Hals ihres Vaters. Isobel hörte ein Flüstern.

„Aber was, wenn Tante Belle wieder geht, während wir uns anziehen?“

Die Furcht in dieser Frage zog erneut an ihrem Herzen und quetschte es dann zusammen. Die beiden Kinder nahmen sie wie selbstverständlich auf, und sie erkannte plötzlich, was sie in den letzten sechs Jahren hier alles verpasst hatte. All diese Meilensteine: der erste Schritt, das erste Wort, der erste Schultag. Mal zwei.

Genau in diesem Moment sah Rafe sie an und schien all das aus ihrem Blick zu lesen. Was er dachte, wusste sie auch: Du hast nichts anderes verdient.

„Ich bleibe hier, Josh“, sagte Isobel leise. „Versprochen.“

„Ich bin Oscar.“ Er freute sich diebisch. „Du hast uns verwechselt.“

„Entschuldige. Das wird wohl noch eine Weile so gehen.“

„Schon gut.“ Josh nickte. „Unserer Oma ist das immer passiert.“

„Aber sie ist tot“, sagte Oscar traurig. „Wie Mummy.“

„Und Whistle.“ Josh sah Isobel aufmerksam an. „Weißt du, wer Whistle war?“

„Nein.“ Isobel biss sich auf die Lippe. Sollte sie etwas zu Mummy und Oma sagen?

„Whistle war unser Meerschweinchen. Er konnte pfeifen. Soll ich mal nachmachen?“, fragte Josh.

„Schon gut“, sagte Rafe entschieden, um dieses Gespräch zu beenden. Er strubbelte den beiden durch die dunklen Haare. „Jetzt zieht euch die Schuluniformen an.“

Die Jungs verschwanden und pfiffen dabei in hellen Tönen. Isobel biss sich erneut auf die Lippe – Mummy und Oma sind tot –, doch dann erwischte sie Rafes Blick und konnte nicht anders, als zu lächeln. Trotz der großen Verluste in der Familie, von denen sie gerade noch gesprochen hatten. Rafe lächelte ebenfalls, als er wieder auf die Beine kam und sich endgültig um den Kaffee kümmerte.

„Hier ist es nie langweilig“, sagte er. „Und ganz ehrlich, so klingen Meerschweinchen wirklich.“

Isobel sah ihm eine Weile zu, während er frisch gemahlenes Kaffeepulver in den Filter gab und den Wasserkessel auf den Herd stellte. Dann griff er nach einem feuchten Lappen und fing an, den Zucker vom Tisch zu wischen.

„Das muss ich machen“, wandte Isobel ein. „Ich habe ihn ja auch verschüttet.“

„Ich schätze, ich habe mehr Übung als du“, erwiderte er. „Und ich bin ja schon fertig. Setz dich. Sobald ich Che...

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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