Julia Ärzte zum Verlieben Band 213

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EIN FEUERWERK AUS LICHT UND LIEBE von SUSAN CARLISLE

Kaum in Island angekommen, ist die junge Ärztin Trice vom männlichen Charme ihres Kollegen Drake Stevansson überwältigt! Aus Blicken werden Küsse, aus Nähe Leidenschaft. Doch Drake will das Land zwischen Feuer und Eis verlassen. Was wird dann aus ihrer Liebe unter dem Nordlicht?

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  • Erscheinungstag 07.02.2026
  • Bandnummer 213
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540889
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Carlisle, Alison Roberts, Deanne Anders

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 213

Susan Carlisle

1. KAPITEL

Beatrice Shell hatte einen dicken Kloß im Hals. Suchend blickte sie auf das Land unter sich, um nach dem Städtchen Ausschau zu halten, das am Ende eines Fjords im Norden Islands liegen sollte. Das blaue Gewässer kam näher, als der Pilot des einmotorigen Flugzeugs zur Landung ansetzte. Vor sich konnte sie eine Landebahn aus schwarzem Asphalt erkennen, gesäumt von grauen Steinhaufen, die sich bis ins Wasser erstreckten. So etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen, was allerdings keine große Überraschung darstellte. Nach Island zu kommen, war Trices erste große Reise überhaupt.

Die große Passagiermaschine nach Reykjavik war zwar furchteinflößend, aber zugleich auch aufregend gewesen. In das kleine Flugzeug einzusteigen, hatte in ihr jedoch ein ganz anderes Gefühl ausgelöst. Nämlich Erschrecken. Die sechssitzige Maschine war etwas völlig anderes als das große Linienflugzeug. Bei diesem letzten Flug standen Trice die Haare zu Berge, und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Wenn sie wieder abreiste, wollte sie sich erkundigen, ob sie von hier aus nicht stattdessen eine Fähre nehmen konnte. Keine Turbulenzen und keine Sturzflüge mehr. Kleine Flugzeuge waren ganz und gar nicht ihr Ding.

Krampfhaft hielt sie sich an ihrem Sitz fest, während die Flügel sich erst in die eine und dann in die andere Richtung neigten. Der Pilot steuerte die Landebahn an. Falls er sie verpasste, würden sie im Wasser landen. Mit einem Blick streifte Trice die schneebedeckten Berge und fröstelte. Im eisig kalten Wasser …

Sie strich mit dem Finger über die kleine Narbe auf ihrem Handrücken, ehe sie sich dazu zwang, die Augen wieder zu öffnen. War dies hier nicht genau das, was sie schon seit ihrer Teenagerzeit vorgehabt hatte, als sie von ihrer seltenen Hauterkrankung erfuhr? Eine Verbindung zu finden. Zugehörigkeit.

Damals hatte sie einen Ausschlag mit Bläschenbildung bekommen, woraufhin ihre Pflegemutter sie zum Arzt gebracht hatte. Nach vielen Diskussionen, zu denen auch andere Ärzte hinzugezogen wurden, hatte Trice erfahren, dass sie an einer Hauterkrankung namens Hepatoerythropoetische Porphyrie litt, oder kurz HEP. Was sie besonders faszinierte, war die Tatsache, dass es sich um einen genetischen Defekt handelte, der insbesondere bei Menschen mit nordischer Abstammung auftrat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie keinerlei Anhaltspunkte für ihre Herkunft gehabt.

Von dem Ausbruch der Krankheit hatte Trice sich vollständig und mit nur wenig Narbenbildung erholt. Zwar würde sie das Gen immer in sich tragen, doch die Erkrankung würde nicht erneut ausbrechen, solange sie sich nicht allzu lange in der Sonne aufhielt oder die falschen Medikamente einnahm. Das Gute an der ganzen Sache war das Wissen um ihre nordische Abstammung. Und sobald sie genug Geld dafür gespart hatte, machte sie einen DNA-Test, der sie letztendlich hierher nach Island geführt hatte.

Mit quietschenden Reifen setzte das Flugzeug auf dem Asphalt auf, ruckelte etwas und rollte dann allmählich aus. Erleichtert stieß Trice den Atem aus, den sie unwillkürlich angehalten hatte. Wenigstens waren sie nicht im Wasser gelandet.

Als sich die Gelegenheit ergab, für ein Jahr in einer kleinen Klinik in Island zu arbeiten, hatte sie sich gleich um die Stelle beworben. Über die Zusage hatte sie sich unglaublich gefreut. Jetzt konnte sie Menschen medizinisch versorgen, die dieselbe genetische Herkunft besaßen wie sie selbst. Auch wenn es sich vielleicht nicht um direkte Verwandte handelte, waren sie ihr doch näher als alle anderen Leute, die sie je kennengelernt hatte.

Schließlich wagte sie einen Blick aus dem Fenster. Ein anderes Flugzeug stand vor einem flachen, weißen Gebäude, und der Pilot brachte seine Maschine daneben zum Stehen. An der Wand befand sich ein Schild mit der Aufschrift „Willkommen in Seydisfjordur“.

Trice griff nach ihrer Handtasche und der kleinen Reisetasche, ehe sie aus der Seitentür kletterte, die der Pilot geöffnet hatte. Um ihr herunterzuhelfen, bot er ihr seine Hand an, die sie gerne annahm. Auf die Nase zu fallen, wäre das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Damit würde sie nicht gerade das Vertrauen der örtlichen Bevölkerung in ihre medizinischen Fähigkeiten wecken.

Sie schaute zu den Gebäuden, die sich entlang einer einzigen Straße rund um den Fjord aneinanderreihten. Das Städtchen befand sich am Ende eines engen grünen Tals. Ein sanft wirkender Fluss mündete ins Meer, und die Rückseiten der Häuser drängten sich vor den Felswänden, die den Fjord bildeten. Die Geschäfte und Häuser leuchteten im Sonnenlicht weiß, rosa, gelb und hellblau, und einige besaßen rote Dächer. Ein malerischer Ort wie aus dem Bilderbuch.

Ihr Herz schlug schneller. Jahrelang hatte Trice davon geträumt, so weit in den Norden zu fahren, aber nie daran geglaubt, dass es wirklich passieren würde. Und nun war sie da. An dem Ort, den sie als ihre Heimat bezeichnen könnte. Ihre Vorfreude stieg immer mehr. Dies war vielleicht ihre Chance, eine Verbindung zu möglichen Verwandten zu entdecken. Egal, wie weit entfernt diese Verwandtschaft auch sein mochte.

„Miss, hier ist Ihr Koffer. Und die Klinik ist dort drüben.“ Der Mann deutete über das Wasser hinweg zu der einzigen Fläche, die breit genug war für eine Mittelstraße mit Gebäuden auf beiden Seiten. „Das weiße Gebäude mit dem Roten Kreuz drauf.“

„Vielen Dank.“ Trice zog den Griff ihres Koffers heraus. Offensichtlich sollte sie den knappen Kilometer zu Fuß gehen. Sie war dankbar für ihre warmen Socken und die Daunenweste. Für die neuen Wanderstiefel dagegen eher nicht so. Sie waren ein Abschiedsgeschenk von ihrer besten Freundin Andrea. „Und danke für den Flug.“

Der bärtige Pilot nickte kurz, ehe er zu seiner Maschine zurückkehrte.

Entschlossen rollte Trice den Koffer zu dem kleinen Flughafengebäude. Zumindest dieser Teil des Flughafens war nicht von Wasser umgeben. Da sie aus dieser Entfernung kein rotes Kreuz sehen konnte, folgte sie der Straße in das Städtchen hinein.

Es herrschte strahlender Sonnenschein, und die Luft war frisch. Doch zum Glück war der Ort nicht von Schnee bedeckt.

Trice hatte die Stelle hier in letzter Minute bekommen, weil ein anderer Arzt zurückgetreten war. Trotz der Kurzfristigkeit hatte sie die Chance sofort genutzt. In weniger als achtundvierzig Stunden hatte sie alle Formalitäten erledigt, ihre wenigen Habseligkeiten eingelagert und ein Flugzeug bestiegen, das sie in den fernen Norden brachte. Andrea, die sie für vollkommen verrückt hielt, hatte ihr dennoch alles Gute gewünscht.

Allerdings hatte Trice keine Zeit gehabt, ihre neuen Stiefel einzulaufen. Sie ließ ihre Blicke über das Gelände hinter dem Flughafen schweifen, weg von dem Städtchen. In dieser Richtung befand sich am Ufer des Fjords ein großes, rotes Firmengebäude aus Metall. Was mochte in einem so kleinen Ort wohl passieren? Verglichen mit Atlanta, wo Trice ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hatte, war dieses Städtchen gerade mal so groß wie ein Wohnviertel. Bestimmt würde sie einen Kulturschock erleben. Ob das gut oder schlecht wäre, das wusste sie nicht. Außerdem war sie zu sehr damit beschäftigt, sich von ihren schmerzenden Zehen abzulenken, um sich darüber Gedanken zu machen, wie sie ihren Einsatz hier erfolgreich bestehen könnte.

Über die Biegung der Bucht hinweg sah sie das weiße Holzhaus, vor dem ein kleines Schild mit dem Roten Kreuz hing. Also ging sie darauf zu.

Während sie weiterstapfte, schwor sie sich bei jedem Schritt, dass sie die Stiefel bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ausziehen würde. Dennoch nahm sie den Anblick der bunt gestrichenen Holzhäuser, des glitzernden blauen Wassers und der schneebedeckten weißen Berggipfel tief in sich auf. Hier hatte sie die Möglichkeit, etwas über ihre Herkunft und dadurch auch über sich selbst herauszufinden. Das spürte sie tief in ihrem Inneren.

Drake Stevansson fiel die Frau aus zwei Gründen auf. Erstens, weil er sie nicht kannte. In Seydisfjordur geboren und aufgewachsen, kannte er hier jeden. Zweitens faszinierte ihn irgendetwas an dieser Frau, selbst aus der Ferne. Vielleicht ihr leuchtend gelber Mantel, oder der pinkfarbene Koffer, den sie hinter sich herzog. So oder so war sie eine auffallende Erscheinung.

Sie folgte der langen Straßenkurve in die Stadt hinein. Drake übergab seiner Tante, der Postbeamtin, einen Umschlag, und ging dann der Unbekannten entgegen zur Klinik. Was mochte dieses interessante Wesen hierher verschlagen haben? Er hatte schon viele Kreuzfahrtpassagiere hier gesehen, aber es lag kein Schiff im Hafen. Sie musste also mit dem Flugzeug gekommen sein.

Die Frau ging weiter, wurde jedoch langsamer. Sie sah angestrengt aus. Immer wieder blieb sie stehen, um einen Fuß auszuschütteln. Wieso? Die Straße war nicht matschig.

Dann straffte sie die Schultern, reckte das Kinn und setzte ihren Weg fort. Sie hatte eindeutig etwas an sich, was aussagte: „Ich lasse mich nicht unterkriegen.“ Das sprach Drake an. Es war ein typisch isländisches Motto. Er hatte den Eindruck, dass sie den Mumm und die Entschlossenheit besaß, die man benötigte, um die lange Dunkelheit im Winter auszuhalten. Von der Kälte ganz zu schweigen. Warum ihn dieser Gedanke beschäftigte, wusste er selbst nicht. Schließlich würde er bald von hier weggehen und vielleicht nie mehr zurückkehren, außer zu Besuch.

Als Junge hatte Drake zusehen müssen, wie sein Großvater starb, weil niemand vor Ort gewesen war, der eine simple Blinddarmoperation durchführen konnte. Daraufhin hatte er beschlossen, Chirurg zu werden. Er wollte Menschen heilen. Seine Facharztausbildung hatte er so weit absolviert, dass er die Eingriffe beherrschte. Aber ihm fehlten noch die erforderlichen Übungsstunden. Daran hatte er gearbeitet, als er nach Hause gerufen wurde.

Nachdem er zur Beerdigung seines väterlichen Freundes und Mentors Dr. Johannsson zurückgekommen war, hatte er erfahren, dass es niemanden gab, der dessen Praxis weiterführte. Daraufhin hatte Drake eine Unterbrechung seiner Chirurgie-Ausbildung beantragt, um die notwendige medizinische Versorgung für seinen Heimatort zu gewährleisten. Doch jemanden zu finden, der seine Stelle übernahm, hatte sich als äußerst schwierig herausgestellt. Endlich hatte sich ein Arzt bereit erklärt, wenigstens für ein Jahr hierherzukommen. Der Bürgermeister hatte fast zwei Jahre gebraucht, um überhaupt jemanden zu finden. Dieser Mann wurde in den nächsten Tagen erwartet. Der Bürgermeister musste also weiter nach jemandem suchen, der bereit wäre, länger zu bleiben. In zwei Wochen, sobald er den neuen Arzt eingearbeitet hatte, wollte Drake abreisen.

Der einzige Grund, weshalb es ihm nicht leichtfiel, wegzugehen, war Luce, die sichtlich älter und gebrechlicher wurde. Aufgrund familiärer Umstände war er inzwischen für sie verantwortlich.

Dennoch ermutigte sie ihn dazu, Island zu verlassen. „Mach dir meinetwegen keine Sorgen. Geh und folge deinem Traum.“

Sobald Drake zur Klinik kam, blieb er davor stehen und schaute der Frau entgegen, die sich ihm näherte. Bevor sie ihn erreichte, schüttelte sie erneut ihre Füße aus.

Den Blick auf ihn gerichtet, ging sie auf ihn zu. Aus der Nähe fand Drake sie noch interessanter. Ihr blondes Haar, das so hell war wie bei vielen Leuten, die er kannte, hatte sie am Hinterkopf mit einer glitzernden Haarspange zusammengefasst. Sie trug eine feuerrote Bluse, eine weite schwarze Hose und einen gelb-rot-orange-schwarzen Schal um den Hals. Über die Schulter hatte sie eine orangefarbene Tasche geschlungen.

„Hallo. Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Drake.

Sie blieb vor ihm stehen und hob erneut einen Fuß, den sie seitwärts ausschüttelte. „Oh, gut, Sie sprechen Englisch. Ich fürchte, ich kann kein Isländisch.“

„Sie haben Glück. Zufälligerweise bin ich einer von achtundneunzig Prozent der Isländer, die Englisch sprechen.“ Er beugte sich zu ihr hinunter. Allzu gerne hätte er ihre Augen gesehen, die jedoch hinter einer Sonnenbrille verborgen waren. „Ist alles okay? Haben Sie sich verirrt?“

Sie stöhnte. „Mein Füße tun weh. Neue Stiefel.“

Er lächelte mitfühlend. „Das kenne ich, und da kann ich Ihnen helfen.“

„Schon gut. Ich muss sie bloß ausziehen. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich auf Ihre Treppe setze?“ Sie war bereits im Begriff, genau das zu tun.

„Ganz und gar nicht.“

„Ich brauche meine Tennisschuhe.“ Sie griff nach ihrem Koffer.

„Den nehme ich.“ Drake hob ihn hoch. „Kommen Sie mit rein. Dort ist es bequemer.“

„Danke.“ Sie folgte ihm in das kleine Holzhaus. Im Warteraum ließ sie sich seufzend auf einen der Plastikstühle fallen und stellte die Fersen auf.

„Ich mach das schon.“ Drake hockte sich hin.

„Das ist nicht nötig.“ Schnell zog sie ihre Füße zurück.

Er blickte in ihre blauen Augen, die ihn an den Fjord im Sonnenschein erinnerten. Sobald die wenigen Single-Männer in der Stadt diese Frau kennenlernten, würden sie vor ihrer Tür Schlange stehen. Er dagegen wäre dafür nicht mehr lange genug hier. Er umfasste einen ihrer Füße und begann, den Stiefel aufzuschnüren. „Ich bin Arzt. Es ist mein Beruf, Menschen zu helfen, die Schmerzen haben.“

„Sie sind also der Arzt hier.“ Interessiert musterte sie ihn.

„Noch für mindestens zwei Wochen.“

Sie zuckte schmerzlich zusammen, als er ihr den Stiefel abnahm und beiseitestellte. „Ganz ruhig. Sie müssen Ihren Füßen ja ganz schön was angetan haben.“

Die Unbekannte wackelte mit dem Fuß. „Wenigstens fühlt es sich jetzt besser an. Aber mir ist überhaupt nicht danach, irgendwelche anderen Schuhe anzuziehen.“

„Schauen wir mal nach.“ Behutsam streifte Drake ihr den Strumpf ab. Ihr Fuß war gerötet, geschwollen und an beiden Seiten voller Blasen. „Da haben Sie gründliche Arbeit geleistet.“

„Ich hätte es besser wissen sollen. Aber die Stiefel waren ein Geschenk, und ich wollte sie tragen, als meine Freundin mich zum Flughafen gefahren hat.“ Sie hob den Fuß, um daran zu reiben.

„Nicht! Dann wird es erst richtig wehtun. Warten Sie hier. Ich habe genau das Richtige für Sie.“ Er richtete sich auf.

„Ich würde mich lieber selbst darum kümmern“, rief sie ihm nach.

„Als der Arzt hier wäre es mir lieber, wenn ich Sie medizinisch versorge.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging Drake den Flur hinunter.

Kurz darauf kam er mit einer rechteckigen Plastikschüssel und Bittersalz zurück und schüttete eine große Portion Salz in die Schüssel.

Die Frau schob sich eine glatte Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus der Spange gelöst hatte. „Das kann ich auch in meiner Unterkunft machen.“

Er sah sie an. „Sie können ja nicht mal dorthin laufen. Ich hole jetzt warmes Wasser.“

„Wenn Sie darauf bestehen.“ Sie lächelte.

Wieder schaute er zu ihr auf. „Allerdings. In dieser Gegend nehmen wir Verletzungen aller Art sehr ernst. Falls sie außer Kontrolle geraten, müssen wir weit fahren, um sie richtig behandeln zu lassen.“

Als er diesmal zurückkam, hatte die Fremde auch den anderen Stiefel und Strumpf ausgezogen und saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl.

Drake goss das Wasser in die Schüssel. „Tauchen Sie Ihre Füße langsam ein. Sie wollen sie ja nicht zusätzlich zu den Blasen auch noch verbrennen.“

Seufzend steckte sie einen großen Zeh in das Wasser. Ihre Fußnägel waren unlackiert. Vorsichtig ließ sie beide Füße in die Flüssigkeit gleiten. „Oh, das fühlt sich wunderbar an. Vielen Dank.“

„Baden Sie die Füße ein paar Minuten lang. Ich bringe Ihnen ein Handtuch.“ Wenig später kehrte Drake mit einer Flasche Öl zurück und goss noch eine ordentliche Menge davon in das Fußbad.

„Was ist das? Es riecht gut.“ Die Frau atmete den Duft ein und streckte dabei den schmalen Hals.

Gerne hätte Drake ihr mit dem Finger über die helle glatte Haut gestrichen. „Das mische ich selbst. Fischöl mit einheimischen Kräutern. Ich benutze es, wenn Wanderer zu mir kommen und Hilfe suchen. Von denen gibt es hier zu dieser Jahreszeit einige.“

„Sie helfen also nicht zum ersten Mal bei so etwas.“ Sie bewegte ihre Füße im Wasser.

„Nein. Ich behandele mehr misshandelte Füße, als mir lieb ist.“

Sie wackelte mit den Zehen. „Das wird das letzte Mal sein, dass Sie meine behandeln müssen.“

Er setzte sich auf den Stuhl neben ihr. „Das werden wir ja sehen.“

Sie lehnte sich zurück. „Das hier tut wirklich gut.“

Ihm gefiel die Art dieser extravaganten Frau. „Haben Sie ein paar schöne warme Socken und dicke Schuhe, die nicht nagelneu sind?“

Sie nickte. „Meine Tennisschuhe. Aber allein bei dem Gedanken, sie anzuziehen, tun mir die Füße noch mehr weh.“

„Ich habe etwas, was Sie anziehen können und Ihre Füße glücklich machen wird.“ Drake ging in sein Büro, wo er die weichen Stiefel fand, die seine Großmutter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Er hatte sie in die Klinik mitgebracht, weil er dachte, er könnte sie vielleicht tragen, während er seinen Schreibkram erledigte. Nun konnte er sie endlich einmal gut einsetzen. Außerdem fügte er noch ein Paar saubere Socken hinzu.

Als er zurückkam, hatte die Frau den Kopf nach hinten gelehnt und die Augen geschlossen, öffnete sie dann jedoch wieder.

Er gab ihr die Socken. „Die sind aus Naturfasern hergestellt und werden dabei helfen, dass Ihre Füße sich nicht entzünden.“ Die Stiefel stellte er neben die Schüssel.

Die Unbekannte setzte sich auf und strich sich erneut eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie reckte das Kinn. „Ich kenne noch nicht mal Ihren Namen.“

Er streckte die Hand aus. „Ich bin Dr. Stevansson. Drake.“

Sie richtete sich kerzengerade auf. „Ach, tatsächlich? Oh je, jetzt ist mir das ja noch viel peinlicher.“

„Wieso?“

„Weil ich hier bin, um Ihre Stelle zu übernehmen. Ich bin Dr. Beatrice Shell.“

Damit hatte er nicht gerechnet. Sie war also seine Nachfolgerin. Eigentlich hätte er gleich daran denken können. Aber nichts an ihrer zierlichen Gestalt, dem sanften Gesicht und der auffälligen Kleidung deutete auf eine Person hin, von der er vermutet hätte, dass sie nach Island ziehen würde. Oder die einen Winter in Seydisfjordur überleben könnte. Außerdem hatte der Bürgermeister ihm mitgeteilt, dass ein Mann für die Stelle engagiert worden sei.

Drake hatte sich aus der Suche nach einem Nachfolger herausgehalten, was auch dem Bürgermeister lieber gewesen war. Drake hatte befürchtet, falls er an dem Bewerbungsprozess beteiligt wäre, würde er niemanden für qualifiziert genug halten. Der Bürgermeister hingegen war der Auffassung, wenn Drake nicht bleiben wollte, sollte er auch kein Mitspracherecht bei der Kandidatenauswahl haben.

„Aber ich nehme an, ich bin am richtigen Ort gelandet“, stellte Beatrice fest. „Denn Sie sind genau der, nach dem ich gesucht habe.“

Diese Idee gefiel ihm. Doch sie kam gerade, und er würde bald gehen, was bedeutete, dass zwischen ihnen nichts passieren würde. Typisch. Die erste Frau, die etwa in seinem Alter und nicht mit ihm verwandt war, tauchte gerade dann in der Stadt auf, wenn er kurz vor seiner Abreise stand.

Sie gab ihm die Hand. „Meine Freunde nennen mich Trice. Ich hatte jemanden erwartet, der deutlich älter ist.“

Er lachte. „Das kriege ich oft zu hören.“ Und zwar so oft, dass es ihm schon auf die Nerven ging. Dr. Johannsson war viele Jahre lang der hiesige Doktor gewesen. Er hatte Drake und fast alle Erwachsenen der Stadt zur Welt gebracht. Im Vergleich zu ihm war Drake sehr jung.

Drake hatte bereits während seiner gesamten Highschool-Zeit für Dr. Johannsson gearbeitet und war dann zum Medizinstudium weggegangen. Der alte Arzt hatte ihn dazu ermuntert, die Klinik zu übernehmen, doch Drakes Traum war die Chirurgie. Er glaubte, dass er mit seinen chirurgischen Fähigkeiten mehr Menschen helfen konnte. Aber das bedeutete, Luce zurückzulassen, was er nur ungern tat. Denn sie hatte nicht die geringste Absicht, aus ihrem Haus auszuziehen. Und leider gab es keine chirurgische Klinik in Seydisfjordur.

Mit einem langen Blick musterte er Trice. Nein, eine solche Frau mit ihrer temperamentvollen Art, der bunten Kleidung und der selbstbewussten Haltung hatte er nicht erwartet. Sie gefiel ihm. Viel zu sehr. Die letzte Frau, die ihm gefallen hatte, konnte gar nicht schnell genug aus Seydisfjordur verschwinden. Trice hingegen machte den Eindruck, als würde sie sich freuen, hier zu sein.

„Ich hatte einen männlichen Kollegen erwartet.“

Energisch straffte sie die Schultern. „Inzwischen sind mehr als fünfzig Prozent aller Ärzte Frauen.“ Fragend zog sie die Augenbrauen zusammen. „Hat Ihnen das niemand gesagt? Der Arzt, der eigentlich kommen sollte, ist in letzter Minute ausgestiegen. Ich habe erst vor zwei Tagen erfahren, dass ich den Job bekomme.“

Beschwichtigend hob Drake die Hände. „Das war nicht sexistisch gemeint. Es ist nur so, dass es nicht viele Frauen gibt, die in einer so abgelegenen und feindseligen Umgebung leben möchten. Ich bin bloß überrascht, das ist alles.“

„Ich bin zäher, als ich aussehe.“ Ein entschlossener Ausdruck trat in ihre Augen.

Es zuckte belustigt um seine Mundwinkel. „Das wird auch nötig sein.“

Ja, er mochte diese Frau, die sich offenbar auf ihren Aufenthalt in seiner Heimatstadt freute. Aber würde sie es im Winter genauso empfinden? Wonach suchte sie hier? Oder wovor lief sie weg? Leider würde er nicht mehr lange genug hier sein, um das herauszufinden.

Vorsichtig stellte Trice ihre Füße auf das Handtuch, das Drake auf dem Fußboden ausgebreitet hatte. „Jetzt, da ich mich gründlich blamiert habe, könnten Sie mir vielleicht sagen, wo ich wohnen werde?“

„Ich zeige es Ihnen. Sie sind bestimmt müde.“

Sie lachte. „Das wäre eine Untertreibung. Nach zwei verschiedenen Linienflugzeugen und einer Propellermaschine, um herzukommen, würde ich mich gerne ausruhen.“

„Von wo sind Sie gekommen?“

„Atlanta.“

Drake stieß einen Pfiff aus. „Die Lichter der Großstadt. Da wird Seydisfjordur für Sie eine große Umstellung sein.“

„Bis jetzt finde ich es großartig.“ Ihre Augen leuchteten vor Freude. „Ich kann es gar nicht abwarten, die Leute hier kennenzulernen.“

„Das wird nicht lange dauern. Viele werden sich anmelden, um Sie in Augenschein zu nehmen.“

Daran war Trice nicht gewöhnt. Den größten Teil ihres Lebens hatte man sie kaum beachtet. Es wäre schön, wenn die Leute hier sie wirklich kennenlernen wollten. Sie zog die dicken weichen Socken an. Mit einiger Überwindung steckte sie dann den Fuß in einen der Schuhe. Um ihre geschundenen Zehen herum fühlte er sich wundervoll an. Wesentlich entspannter schlüpfte sie dann in den anderen. „Vielen Dank. Ich hatte Angst, auch nur meine Tennisschuhe anziehen zu müssen. Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen Ihre Schuhe vollkommen sauber zurückgebe.“

„Kein Problem.“ Drake stand auf.

„Die letzten paar Minuten erwecken sicher den Eindruck, als wäre ich nicht dazu geeignet, die Stelle hier zu übernehmen. Aber morgen bin ich garantiert besser vorbereitet“, erklärte sie.

„Jeder macht mal Fehler, was Schuhwerk betrifft. Ist mir auch schon passiert“, erwiderte er mit einem Lächeln.

Trice bezweifelte, dass ihm jemals irgendwelche Fehler unterliefen. Er sah aus und klang wie der perfekte Mann. Liebenswürdig, verständnisvoll, sanft, fürsorglich und vor allem ausgesprochen männlich. Schade, dass er bald abreisen würde. Drake schien ganz anders zu sein als der Typ, mit dem sie zuletzt zusammen gewesen war. Trice erhob sich ebenfalls und humpelte zu ihrem Koffer. Dieser Mann ging achtsam mit den Herzen von Frauen um, das spürte sie.

„Den nehme ich“, meinte er. „Sie schaffen es ja kaum bis zur Tür. Dann werden Sie nicht auch noch mit dem Koffer zurechtkommen.“

Nur indem sie sich mit beiden Händen am Geländer festhielt, gelang es Trice, die Stufen hinabzusteigen.

Drake, der schnell an ihr vorbeiging, setzte den Koffer ab und beugte sich herunter. „Steigen Sie auf.“

„So ein Quatsch. Sie können mich doch nicht auf dem Rücken durch die Straße tragen!“ Sie konnte sich keine unwürdigere Art vorstellen, um ihren ersten Eindruck bei den Einwohnern hier zu hinterlassen.

„Soll ich Sie lieber in meinen Armen tragen?“

Das wiederum verbot ihr der Stolz.

Drake schaute über die Schulter. „Wie wollen Sie denn sonst dorthin kommen?“ Als sie sich suchend umsah, fuhr er fort: „Aber wenn es Ihnen lieber ist, können Sie auch hier in der Klinik bleiben.“

Trice stellte sich vor, wie es wäre, nach ihrer langen Anreise auf der Untersuchungsliege zu schlafen. Nicht sehr angenehm. „Na schön.“

„Legen Sie die Arme um meinen Hals. Es ist nur ein paar Häuser weiter.“

Sie befolgte seine Anweisung. Dann hakte er seine Arme unter ihre Knie. Ihr gesamter Oberkörper war auf diese Weise an Drakes Rücken gepresst. Plötzlich wurde ihr heiß. Eigentlich war das viel zu vertraut bei jemandem, den sie gar nicht kannte. Aber was blieb ihr anderes übrig? Laufen war keine gute Alternative.

Drake zog den Griff aus dem Koffer und machte sich mit gleichmäßig ausgreifenden Schritten auf den Weg.

An seinem Ohr sagte Trice: „Ich kann den Koffer auch später holen.“

„Ich denke, ich kriege beides gleichzeitig hin. Weder Sie noch der Koffer sind besonders schwer.“ Seine Stimme wirkte nicht im Mindesten angestrengt.

Sie konnte nicht anders, als seine Muskeln zu bewundern. Aufgrund seiner breiten Schultern vertraute sie darauf, dass er sie nicht fallen lassen würde.

Auf diese Weise gingen sie die Straße entlang, die von Gebäuden mit höchstens zwei Stockwerken gesäumt war. Unterwegs begegneten ihnen neugierige Mienen. Einige Leute traten sogar aus ihren Häusern, um Trice und Drake zu beobachten.

„Werden alle davon erfahren?“ Am liebsten hätte sie ihr Gesicht versteckt, besann sich dann jedoch eines Besseren.

„Mehr oder weniger ja“, antwortete er. „Hier in der Gegend leben nur etwa tausend Menschen, und die meisten sind mit mir verwandt. Ich wette, in einer Stunde hat jeder von Ihrer Ankunft gehört.“

„Gut zu wissen.“ Trice lächelte einer Frau zu, die herüberwinkte.

Er grinste amüsiert.

Die Leute starrten sie weiter an.

Ein älterer Mann gesellte sich zu Drake. „Wen hast du denn da?“

„Die neue Ärztin. Du kannst sie später kennenlernen. Momentan sind wir gerade beschäftigt.“

Der Mann warf ihr einen Blick zu. „Wieso trägst du sie auf dem Rücken?“

Peinlich berührt verbarg Trice das Gesicht an Drakes Schulter. Dabei spürte sie, wie Drake lachte.

„Ist sie nicht ein bisschen zu alt für Huckepack?“, fragte der Mann erstaunt.

„Gustaf, wir reden später darüber.“

Trice stöhnte, als Drake weiterging. „Nach diesem Schauspiel muss ich wahrscheinlich besonders hart arbeiten, um die Achtung der Einwohner zu gewinnen.“

„Sie werden feststellen, dass die Menschen hier sehr warmherzig und nachsichtig sind.“ Vor einem rosa gestrichenen Haus mit weißen Fenstern blieb er stehen.

Er stellte den Koffer zur Seite, ehe er ihre Beine losließ, damit Trice an seinem Rücken herunterrutschen konnte. Ein Gefühl der Hitze, das sie schon lange nicht mehr erlebt hatte, durchströmte sie. Wow, der Mann besaß wirklich einen tollen Body. Trice hatte einen einzigen langfristigen Freund gehabt, doch dessen Körperbau war längst nicht so athletisch gewesen wie der von Drake.

Genauso wenig wie seine Willensstärke. Ihr Ex stammte aus einer höheren Gesellschaftsschicht, und seine Mutter hatte sehr deutlich gemacht, dass Trices Herkunft völlig unpassend war. Ein Pflegekind ohne jegliche Verwandte wäre niemals gut genug. Ihr Freund war nicht imstande gewesen, sich gegen seine Mutter zu behaupten. Also hatten sich ihre Wege getrennt. Eine Ehe zwischen ihnen hätte vermutlich ohnehin nicht funktioniert. Trices Abenteuerlust und ihr Sinn für Humor waren bei ihm nicht immer gut angekommen. Ihr Freund war viel zu ernst gewesen. Und vor allem hatte er unter der Fuchtel seiner Familie gestanden. Trice hingegen wollte einen Mann, der auf eigenen Füßen stand.

Auch wenn sie Drake erst seit Kurzem kannte, hatte er sicher keine solchen Probleme. Doch im Grunde sollte ihr das egal sein. Sie hatte kein Bedürfnis danach, sich auf eine Beziehung einzulassen. Sie wollte nicht wieder das Risiko eingehen, bloß zweite Wahl zu sein. Das hatte sie in ihrem Leben oft genug erlebt.

Etwas an Drake sprach sie an. Vielleicht, weil er bereit gewesen war, sie auf diese Weise zu tragen. Offensichtlich hatte er seinen Spaß an den Absurditäten des Alltags.

Mit festem Griff hielt er sie am Arm fest, bis sie ihr Gleichgewicht gefunden hatte. Dann klopfte er an die Tür und öffnete sie, ohne auf eine Antwort zu warten. „Luce?“

Aus dem hinteren Teil des Hauses hörte man das Scharren eines Stuhls und schlurfende Schritte. Drake trug den Koffer ins Haus, gefolgt von Trice, die die Haustür hinter sich schloss.

Da erschien eine kleine Frau mit gebeugten Schultern und einem wettergegerbten Gesicht. „Drake, was fällt dir ein, mit einem solchen Gebrüll in mein Haus reinzuplatzen?“ Obwohl ihre Stimme unwirsch klang, schwang doch ein liebevoller Tonfall darin mit.

„Entschuldige, Luce. Ich habe deine neue Mieterin mitgebracht. Dies ist Dr. Beatrice Shell.“

Die Frau, die fast hundert Jahre alt sein musste, betrachtete Trice mit einem langen Blick. „Aus Amerika, wie ich höre.“

„Ja, Ma’am. Das ist richtig.“

„Und gute Manieren.“ Das schien ein großes Lob zu sein.

„Danke. Es freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Trice. „Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie mir eine Unterkunft zur Verfügung stellen.“

„Sie sind gekommen, um den Platz von meinem Drake einzunehmen.“ Ein trauriger Ton lag in dieser Feststellung.

„Ich bin gekommen, um für ein Jahr die Menschen hier medizinisch zu versorgen und ein Forschungsprojekt durchzuführen.“

Die alte Frau musterte Trice für einen Moment, wobei ihr Blick schließlich an deren Füßen hängen blieb. „Sie trägt dein Weihnachtsgeschenk.“ Vorwurfsvoll sah sie Drake an.

„Das stimmt. Luce ist übrigens meine Großmutter.“ Zerknirscht senkte er den Kopf.

Diese kleine Frau war offensichtlich in der Lage, einen so großen Mann wie Drake einzuschüchtern. Jedenfalls hatte sie ihn eindeutig gerügt.

„Sie leiht sie bloß aus. Ich hatte sie im Büro, falls meine Füße kalt werden, wenn ich meine Schreibarbeiten mache. Und Dr. Shell taten die Füße weh.“

„Die Schuhe sind sehr bequem.“ Trice sah die alte Frau an. „Vielen Dank ….“ Sie warf Drake einen fragenden Blick zu.

„Nennen Sie mich ruhig Luce. Das tun alle.“ Sie nickte knapp, ehe sie fortfuhr: „Ich zeige Ihnen Ihre Wohnung.“

Drake trug den Koffer, während er und Trice seiner Großmutter durch das kleine, dämmrige Haus zur Hintertür hinaus folgten. Im Garten befand sich ein noch kleineres Häuschen.

Luce schloss auf. „Sie haben hier alles, was Sie brauchen, abgesehen von einer voll ausgestatteten Küche. Es gibt eine Mikrowelle und einen Tischbackofen. Aber wenn Sie aufwendiger kochen möchten, können Sie dafür jederzeit meine Küche nutzen. Kommen Sie einfach durch die Hintertür herein.“ Sie stieß die Tür auf. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen alles.“

Trice trat nach ihr ein, und Drake stellte den Koffer ab. Allein durch seine Anwesenheit schien der Raum noch mehr zu schrumpfen. Und nachdem er sie auf dem Rücken getragen hatte, war Trice sich seiner Nähe nur allzu sehr bewusst.

Ausführlich erklärte Luce alles, doch das war nicht viel. In einer Ecke stand ein stabiles Holzbett, in der anderen ein Bücherregal, ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einer Bodenlampe. Auf einer breiten Kommode daneben war ein Fernseher. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums befand sich der Küchenbereich, der aus einem Schrank, einem Tisch und zwei Stühlen bestand. Ein kleines Duschbad war in der hintersten Ecke eingebaut. Und auf dem Fußboden lag ein runder Webteppich.

Für Trice war dies ein Paradies, da sie bisher immer nur wenige Dinge ihr eigen hatte nennen können. „Das sieht wirklich wunderbar aus. Ich weiß jetzt schon, dass ich mich hier wohlfühlen werde.“

„Falls Sie irgendetwas benötigen, fragen Sie mich einfach, oder sagen Sie es Drake. Er hilft mir dabei, die Dinge hier in Ordnung zu halten, wenn er nicht gerade mit seinen Patienten beschäftigt ist.“ Luce streifte ihn mit einem kurzen Seitenblick. „Zumindest bis zu seiner Abreise.“

„Luce, du hast doch gesagt, ich soll gehen, um glücklich zu werden.“ Lächelnd legte er seiner Großmutter den Arm um die Schultern.

„Ich möchte, dass du dir deinen Traum erfüllst. Trotzdem wirst du mir fehlen. Aber genug davon. Noch bist du ja nicht weg. Und jetzt lassen wir unsere neue Ärztin mal allein, damit sie sich häuslich einrichten kann.“ Sie schob ihn zur Tür.

Über die Schulter meinte er zu Trice: „Sehen Sie, wie ich hier behandelt werde? Kein Wunder, wenn ich zu meiner Arbeit nach London zurückwill.“

So weit weg? Wieso machte ihr das etwas aus? Sie hatte ihn doch gerade erst kennengelernt. Solche Gedanken musste sie sofort verdrängen, denn sie führten nur zu Enttäuschung und Schmerz.

„Sobald Sie für eine Führung durch die Klinik bereit sind, kommen Sie ruhig rüber. Ich bin bis fünf Uhr dort“, setzte Drake hinzu. „Aber vielleicht sollten wir das besser auf morgen verschieben.“

„Vielen Dank für Ihre Hilfe, und dass Sie mir Ihre Schuhe geliehen haben. Und natürlich fürs Huckepack-Tragen.“

Er grinste belustigt. „Gern geschehen.“

2. KAPITEL

Als sich früh am nächsten Morgen die Tür zur Klinik öffnete, schaute Drake von seiner Schreibarbeit auf. Das hellblonde Haar von Trice sah er als Erstes, und sein Herz machte unwillkürlich einen kleinen Sprung, bevor es sich wieder beruhigte. Irgendetwas an dieser Frau verzauberte ihn. Aber warum ausgerechnet jetzt? Dies war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um sich mit jemandem einzulassen. Das wäre unfair für sie beide.

„Guten Morgen“, begrüßte er Trice, als sie die Tür wieder schloss. Er stieß seinen Stuhl von dem Schreibtisch zurück, der in dem kleinen Wartebereich stand.

„Hey.“ Sie blickte sich um, als würde sie sich jede Einzelheit einprägen.

„Wie haben Sie geschlafen?“

„Gut, danke.“

„Das wundert mich nicht, nach dem anstrengenden Tag, den Sie gestern hatten.“ Drake stand auf.

Auch heute war Trice in lebhafte Farben gekleidet. Eine sonnengelbe Bluse und dazu Jeans. Das Haar hatte sie oben auf dem Kopf zu einem Knoten zusammengefasst und ein Band in derselben Farbe wie ihre Bluse darum gebunden.

Verlegen strich sie über das Klemmbrett mit der Anmeldeliste. „Über den Kaffee und das Gebäck habe ich mich gefreut. Das war sehr nett von Ihnen.“

„Ich hatte mir nur gedacht, dass Sie nach Ihrem gestrigen Tag wohl noch nicht zum Einkaufen gekommen sind.“

„Es war schön, mit einem Becher heißem Kaffee aufzuwachen, zusammen mit dem Wecker-Klopfen.“

Unwillkürlich weitete sich Drakes Brust. Er empfand eine fast allzu große Freude, weil sie sein Geschenk so zu würdigen wusste.

Trice blickte den Flur entlang. „Ich bin bereit für die Führung. Schließlich sollte ich nach meinem gestrigen Auftritt professionell wirken, wenn jemand hereinkommt. Ich muss mich ja wieder ein bisschen rehabilitieren.“

„Es gibt nichts, was Ihnen peinlich sein müsste.“ Allerdings hatte Drake mindestens dreißig Fragen zu der Aktion erhalten. Sowohl telefonisch als auch persönlich.

„Ich denke, per Huckepack mitten durch die Stadt getragen zu werden, ist durchaus etwas Peinliches. Beinahe wie Lady Godiva.“

Er lachte. „Außer, dass Sie voll bekleidet waren.“

Trice lachte ebenfalls. „Gott sei Dank.“

Sie konnte über sich selbst lachen, das gefiel ihm. Aber er fand diese Frau insgesamt viel zu reizvoll. Vor allem, da er ja bald abreisen würde. Sein Leben hatte sich sehr lange in der Warteschleife befunden, und daher tat ihm dieser scherzhafte Umgang mit Trice gut.

„Wie geht es Ihren Füßen heute?“, erkundigte er sich. „Soll ich sie mir mal ansehen?“

„Denen geht es gut, danke. Ich bringe Ihnen sogar Ihre Schuhe zurück.“ Sie hielt sie hoch.

„Ich würde Ihnen ja gerne sagen, dass Sie sie behalten können, aber dann bekäme ich den Unmut von Luce zu spüren.“

Sie lächelte. „Das dürfen wir nicht zulassen.“

Er nahm die Schuhe entgegen. „Kommen Sie, ich mache die Kurzführung mit Ihnen, während ich die hier wieder verstaue. Dann wissen Sie, wo die Schuhe sind, falls Sie sie noch mal benötigen.“

„Sie wollen sie nicht nach London mitnehmen?“

Er ging voran. „Nein. Ich brauche sie nicht, weil es dort viel wärmer ist.“

„Also, warum fahren Sie nach London?“ Langsam folgte sie ihm, wobei sie beim Vorbeigehen in jeden Raum hineinschaute.

„Ich nehme meine chirurgische Facharztausbildung wieder auf.“ Drake konnte es gar nicht erwarten. Er hatte die Chirurgie vermisst.

„Was ist denn passiert, dass Sie sie nicht beendet haben?“, fragte Trice.

„Dr. Johannsson ist gestorben. Ich bin zu seiner Beerdigung gekommen und nicht wieder zurückgegangen.“

„Warum nicht?“

Er blieb stehen. „Nach dem Tod von Dr. Johannsson brauchte die Stadt einen Arzt. Ich konnte die Leute hier nicht ohne medizinische Versorgung zurücklassen. Es hat zwei Jahre gedauert, bis der Bürgermeister einen Ersatz für mich gefunden hat. Ach, übrigens, warum haben Sie sich denn dazu entschieden, ausgerechnet hierher zu kommen?“

„Weil ich schon seit Jahren den Wunsch hatte, nach Island zu fahren. Ich interessiere mich nämlich auch dafür, HEP zu erforschen“, erwiderte Trice.

Drake war verblüfft. „Mit dieser Antwort hatte ich jetzt nicht gerechnet. Hepatopoetische Porphyrie als Forschungsthema für eine Amerikanerin? Interessant. Warum gerade diese Erkrankung?“

„Weil ich Genträgerin bin.“

Erstaunt hob er die Brauen. „Tatsächlich? Dann stammt Ihre Familie also von hier?“

„Mein DNA-Test weist auf Island hin, und zu einem geringeren Prozentsatz auch auf andere skandinavische Länder.“

„Was haben Ihre Eltern Ihnen erzählt?“

„Gar nichts. Ich bin mit drei Jahren in die Pflegeunterbringung gekommen“, erklärte sie. „Ich habe nur wenige Erinnerungen an meine Mutter, und meinen Vater kenne ich nicht. Ich war noch zu klein, um mich an irgendetwas zu erinnern, was meine Mutter gesagt haben könnte. Was ich allerdings bezweifle. Soviel ich weiß, ist sie an einer Überdosis Drogen gestorben, als ich fünf war.“

Ein mitfühlender Ausdruck trat in Drakes Augen. „Das tut mir sehr leid.“

Trice zuckte die Achseln. „Es ist nun mal so, wie es ist. Und bevor Sie fragen: Nein, ich wurde nicht adoptiert. Die Leute wollen Babys, und ich war damals schon fast sechs. Bei mir ist es also nicht passiert. Stattdessen bin ich von einem Pflegeheim ins andere gekommen.“ Sie hielt kurz inne. „Nachdem ich erfuhr, dass ich das HEP-Gen habe, und man mir erklärte, dass nur bestimmte Menschen es in sich tragen, fing ich an, alles über das Thema zu lesen, was ich auftreiben konnte. Wegen meiner ausgezeichneten Schulnoten konnte ich Medizin studieren. Ich habe einen Abschluss als Allgemeinmedizinerin, interessiere mich aber auch für Forschung. Ich wollte herkommen, weil mir diese Stelle die Gelegenheit bot, beides miteinander zu verbinden.“

Drake kannte jeden in der Stadt und war sogar mit den meisten verwandt. Die Vorstellung, seine Familie nicht zu kennen, war ihm völlig fremd. Im Gegenteil, die Chance, allein zu sein, war einer der Gründe, warum er nach London zurückkehren wollte. Denn nur allzu oft steckten seine Verwandten ihre Nase in seine Angelegenheiten. „Ich wollte nicht neugierig erscheinen.“

Trice hob die Schultern. „Ich habe mich oft gefragt, woher ich stamme. Als ich herausfand, dass ich HEP habe, war das eine Spur.“ Ihre Miene hatte sich aufgehellt.

„Sie suchen also eine Verbindung zu Ihrer Herkunftsfamilie“, meinte er verständnisvoll.

„Ja. Nein. Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass ich hier meine Großeltern finde oder so was. Aber ich interessiere mich für die Menschen, die diese Krankheit mit mir gemeinsam haben.“

„Das klingt vernünftig. Allerdings hält einen die Patientenversorgung hier ziemlich auf Trab“, gab Drake zu bedenken.

„Ich kann beides bewältigen. Und die Versorgung der Patienten wird immer an erster Stelle stehen“, entgegnete Trice.

Das hörte er gerne. Immerhin ging es ja um seine Freunde und Verwandten.

Prüfend sah sie ihn an. „Es fällt Ihnen schwer, die Verantwortung abzugeben, stimmt’s?“

War er so leicht zu durchschauen? Er senkte den Blick. „Ein bisschen schon.“

„Verständlich. Wenn ich abreise, wird es mir wahrscheinlich genauso ergehen. Das ist ganz natürlich.“

Irgendwie fühlte er sich durch das Gespräch keineswegs besser. „Kommen Sie, wir machen unsere Führung noch zu Ende.“

„Gut.“

„Im Allgemeinen haben wir nicht übermäßig viel zu tun. Es gibt Tage für Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen“, erklärte Drake. „Ansonsten behandeln wir Patienten mit den üblichen Erkrankungen, und dann gibt es auch noch die Notfälle. Da fällt mir ein, dass ich noch wegen einer Angelegenheit die Luftrettung rufen muss.“

„Wie gehen Sie mit Notfällen um?“ Trice schaute sich in dem Untersuchungsraum um.

„Ich stabilisiere den Patienten so gut es geht. Falls ich den Fall nicht behandeln kann, rufe ich dann den Luftrettungsdienst. Bei gutem Wetter wird ein Flugzeug geschickt. Bei schlechtem Wetter, was meistens im Winter der Fall ist, kommt ein Hubschrauber. Im schlimmsten Fall wird ein Hubschrauber der Küstenwache hergeschickt.“ Er war stolz auf die kleine Klinik, in der er selbst einige Verbesserungen eingeführt hatte. „Hier entlang.“

Trice folgte ihm durch den Flur. „Ich habe gesehen, dass Sie hier auch ein paar Betten haben, wo Patienten über Nacht bleiben können.“

„Ja, aber das kommt nur selten vor. Die meisten gehen lieber nach Hause, und ich schaue dann bei ihnen vorbei.“ Schon oft war er daraufhin bei deren Familien zum Essen eingeladen worden.

„Sie machen also auch Hausbesuche?“

„Ab und zu. Ich halte auch eine monatliche Kinder-Sprechstunde und eine für geriatrische Patienten ab. An den Tagen fliegt eine Krankenschwester ein, um mich dabei zu unterstützen“, erwiderte Drake.

„Das klingt alles recht unkompliziert und überschaubar.“

Trice war ausgesprochen selbstbewusst, das musste man ihr lassen.

„Solange, bis es nicht mehr so ist.“ Vom Flur aus gingen rechts mehrere Türen ab. „Hier ist eine kleine Küche, das Labor und ein Materialraum. Sie können gerne alles mitbringen, was Sie wollen.“

„Ich brauche nur eine Kaffeemaschine.“

„Die ist vorhanden. Aber wenn Sie besondere Kaffeebohnen oder aromatisierten Sirup wollen, müssten Sie diese mitbringen“, gab er zurück. „Ich habe hier bloß ganz normalen Kaffee.“

„Ich konnte solchen ausgefallenen Getränken noch nie was abgewinnen.“ Trice betrachtete die Ausstattung. „Sie scheinen für die medizinische Arbeit gut versorgt zu sein. Wie oft bestellen Sie Nachschub?“

„Einmal im Monat. Das Material wird per Schiff geliefert. Ich zeige Ihnen gleich, wo Sie die entsprechenden Informationen finden.“ Als er durch den Flur nach vorne zurückkehrte, fuhr er über die Schulter fort: „Wir haben eine Telekommunikationsverbindung mit dem Krankenhaus. Falls wir bestimmte Probleme hier nicht lösen können, wird ein Krankenwagen gerufen. Aber wie Sie sich denken können, klappt das nur dann, wenn das Wetter gut genug ist.“

Verstohlen beobachtete Trice ihren attraktiven, hochgewachsenen blonden Kollegen, während er ihr alles zeigte. Der Stolz auf die Klinik stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er sah aus wie einer jener nordischen Wikinger, deren Blut in seinen Adern floss. Es brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie er am Bug eines Langschiffes stand, den Fuß auf der obersten Planke, das Haar im Winde flatternd, während er seine Männer übers Meer zu einem Raubzug nach England führte. Die breite Brust unter dem Brustpanzer vorgestreckt, die starken Beine standhaft. Drake besaß die Ausstrahlung eines Mannes, der seine Welt beherrschte.

Trice brauchte jedoch niemanden, der ihre Welt beherrschte. Nach all den vielen Jahren, in denen ihr ständig gesagt wurde, wo sie zu leben und was sie zu tun hatte, konnte sie nun endlich selbst über ihr Leben bestimmen. Jetzt war die Zeit gekommen, um sich selbst zu verwirklichen und herauszufinden, was sie wollte. Und wohin sie gehörte.

Da ging die Tür auf, und ein etwa achtjähriger Junge kam herein. Gefolgt von einer Frau mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn. Um die Hand des Jungen war ein Geschirrtuch gewickelt.

„Was ist los, Stavn?“, fragte Drake.

Die Frau antwortete: „Er hat sich geschnitten, weil er eine Packung mit dem Messer aufschneiden wollte.“ Sie bedachte den Jungen mit einem düsteren Blick. „Er hätte es eigentlich besser wissen müssen. Ich fürchte, die Wunde muss genäht werden.“

„Ich hab doch bloß versucht, es aufzumachen, ohne meine Zähne zu benutzen“, verteidigte sich der Junge, den Tränen nahe.

Trice hockte sich zu ihm herunter. „Solche Sachen passieren eben manchmal. Ich bin Dr. Shell, und ich werde Dr. Stevanssons Stelle hier übernehmen. Es ist schön, dich kennenzulernen, Stavn. Darf ich mir deine Hand mal anschauen? Ich werde dir dabei nicht wehtun, versprochen.“

Vorsichtig wickelte sie das Geschirrtuch ab, während sie zugleich Druck auf die Handgelenksarterien ausübte, um den Blutfluss zu stoppen. „Ja, das ist ein ziemlich tiefer und langer Schnitt. Du hast anscheinend richtig doll auf das Messer gedrückt.“

Stavn nickte mit tränenerfüllten Augen.

„Dann sollten wir dich mal schnell ins Behandlungszimmer bringen und den Schnitt nähen.“ Drake wies auf den Flur. „Es ist der erste Raum.“

Er hielt Trice die Hand hin und zog sie mühelos hoch.

„Einer von uns sollte jetzt ein paar hübsche Stiche machen“, meinte sie scherzhaft.

Drake überließ es ihr, dem kleinen Patienten zu folgen. „Ich hole ein Nahtset.“

Trice betrat das Behandlungszimmer. Dort streifte sie sich sterile Handschuhe über, ehe sie einen kleinen Hocker zu dem Jungen rollte, der auf der Liege saß. „Stavn, darf ich mir deine Hand noch mal ansehen?“

Diesmal ließ er es bereitwilliger zu als vorhin.

Sie drehte seine Hand mit der Handfläche nach oben. „Dr. Stevansson und ich werden die Wunde zuerst reinigen und dann zunähen. Weißt du, was das bedeutet?“

Er nickte. „Ja, so wie meine Mutter meine Hose näht, wenn ein Loch drin ist.“

„Genau. Wir sorgen dafür, dass es nicht wehtut. Und wenn doch, musst du es uns nur sagen. Dann geben wir dir noch mehr Medizin. Eins solltest du noch wissen. Wir müssen dir eine Spritze in die Hand geben, aber das ist bloß ein ganz kurzer Piks. Wenn du dabei die Hand deiner Mutter festhältst, ist es schnell vorbei.“

Da kam Drake mit dem nötigen Material herein, und sofort wirkte das Zimmer um einiges kleiner. Er sah Trice an. „Sie nähen, und ich lege den Verband an.“

Wollte er sie auf die Probe stellen? „Einverstanden.“ Sie schaute zu Stavn. „Ist das in Ordnung für dich?“

Wieder nickte der Junge.

Sie nahm seine Hand. „Ich brauche Kochsalzlösung und eine Schüssel.“

Drake reichte ihr die Flasche und hielt die Schüssel unter Stavns Hand.

„Ich gieße diese Flüssigkeit über deine Hand“, erklärte Trice. „Wir müssen den Schnitt nämlich richtig gut auswaschen.“

Stavn saß still dabei und kerzengerade, bis Trice den Bereich um die Wunde schließlich trocken tupfte.

Drake öffnete das Nahtset. „Stavn, wenn dir schlecht wird, sag uns bitte Bescheid, ja?“

„Er hat einen ziemlich robusten Magen“, meinte seine Mutter.

„Also gut, Stavn“, sagte Trice. „Jetzt leg dich bitte hin. Deine Mutter kann deine Hand halten, aber sie muss sich ans Kopfende stellen.“

Die Mutter befolgte die Anweisung, während Trice dem Jungen half, sich hinzulegen. „Schau deine Mutter an. Ich muss dir die Spritze geben, von der ich dir erzählt habe. Das tut nur für einen Moment weh. Aber es ist wichtig, dass du dafür ganz still hältst. Danach kannst du mir zuschauen, wenn du möchtest. Wenn nicht, dann schau zu deiner Mutter.“

Drake gab ihr die aufgezogene Spritze mit dem lokalen Betäubungsmittel.

„Okay, es geht los. Stavn, erzähl mir doch mal, was du so machst.“ Behutsam führte sie die Nadel ein. „Fährst du gerne Fahrrad?“

Der Junge brummte zustimmend.

„Ich auch. Ich fahre gerne Mountainbike. Und ich war traurig, dass ich meins im Flugzeug nicht mitbringen konnte.“

„Ich hab auch ein Mountainbike.“ Stavn wurde sofort lebhafter.

Sobald Trice fertig war, berührte sie seine Handfläche. „Spürst du das?“

„Nein.“

„Sehr gut. Du machst das super. Dr. Stevansson, welchen Faden sollen wir für einen so starken Jungen wie Stavn verwenden?“

Drake tat so, als würde er überlegen. „Ich denke, wir sollten einen dickeren Faden nehmen. Er braucht etwas wirklich Starkes.“

„Das glaube ich auch.“ Trice begann, die Schnittwunde erst von innen und dann von außen zu nähen. Schließlich rollte sie ihren Hocker zurück. „Jetzt kannst du es dir mal ansehen.“

Der Junge hob kurz seine Hand und senkte sie wieder.

Drake kam zu ihm. „Den Verband lege ich dir am besten im Sitzen an.“

Stavn richtete sich auf und setzte sich an den Rand der Liege.

Rasch wickelte Drake ihm die Mullbinde um die Hand und deckte sie mit Plastikklebeband ab. „Damit sollte das Ganze trocken bleiben. Deine Hand darf nicht nass werden. Lass dir helfen, wenn es nötig ist. Und morgen möchte ich dich wiedersehen, um die Wunde zu kontrollieren.“ Er sah Trice an. „Finden Sie nicht auch, dass er einen Tag schulfrei verdient hat?“

„Absolut.“ Sie lächelte Stavn zu.

„Vielen Dank. Euch beiden“, sagte seine Mutter.

„Nichts zu danken“, antwortete Drake. „Oh, entschuldige bitte. In all der Aufregung habe ich ganz vergessen, dir unsere neue Ärztin vorzustellen. Das ist Beatrice Shell. Und das hier Mary Leesdottir.“

„Freut mich. Bitte nennen Sie mich Trice. Es tut mir leid, dass wir uns unter diesen Umständen begegnet sind.“ Sie legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. „Sie haben einen sehr tapferen Sohn. Aber vielleicht zeigen Sie ihm fürs nächste Mal, wo die Schere liegt.“

Mary nickte lächelnd, ehe sie Stavn zur Tür hinausschob.

Drake wandte sich Trice zu. „Ich habe ein gutes Gefühl dabei, die Klinik in Ihren Händen zu wissen. Sie waren eben wunderbar. Sie haben Stavn die Nervosität genommen, und ich habe noch keine bessere Naht gesehen.“ Mit einem jungenhaften Grinsen fügte er hinzu: „Außer vielleicht meine eigenen.“

„Vielen Dank für das Kompliment.“ Sie musste zugeben, es tat ihr gut.

Am zweiten Abend danach saß Drake in seinem Relaxsessel, wobei er halb auf den Fernseher schaute und halb ein Buch las. Dennoch dachte er vor allem an Trice, mit der er sich inzwischen längst duzte. In den beiden vergangenen Tagen war sie hervorragend mit allen Patienten umgegangen, ob jung oder alt.

Nachdem sie gemeinsam Stavns Verletzung behandelt hatten, war er davon überzeugt, dass Trice mit allen Problemen, die auftauchen könnten, zurechtkommen würde. Er brauchte sich also keine Sorgen um die Klinik zu machen. Schließlich war er ja auch derjenige, der abreisen würde. Das hatte sie ihm deutlich zu verstehen gegeben, was ihn gewaltig wurmte.

Drake war nicht länger für die Menschen in Seydisfjordur verantwortlich. Doch obwohl er sich nicht zuständig fühlen wollte, tat er es dennoch. Deshalb war er auch bereit gewesen, nach Dr. Johannssons Tod auszuhelfen. Eigentlich hatte er nie die Absicht gehabt, so lange zu bleiben. Er war auf dem Weg gewesen, ein ausgezeichneter Chirurg zu werden. Alle seine Kollegen hatten das gesagt. Er hatte seinen Teil dazu beigetragen, um seinen Heimatort zu unterstützen, aber jetzt war es Zeit zu gehen.

Da seine Eltern und seine beiden Geschwister mittlerweile auf der anderen Seite der Insel wohnten, würde Drake nur noch gelegentlich zu Besuch kommen. Doch hoffentlich wäre Luce bald damit einverstanden, zu seinen Eltern zu ziehen. Möglicherweise könnte er nach dem Abschluss seiner Facharztausbildung hierher zurückkehren. Dafür gab es jedoch keine Garantie, auch wenn in Seydisfjordur dringend ein Chirurg gebraucht wurde.

Während des Studiums hatte er die Vorteile einer großen Stadt kennengelernt. Die Rückkehr hierher war schwieriger gewesen als gedacht. Eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen, war in einer so abgelegenen Gegend gar nicht so einfach. Und selbst wenn er eine Frau in der Stadt fand, könnte es gut sein, dass sie nicht bereit wäre, hierherzuziehen.

Das hatte Drake auf die harte Tour gelernt, als er seine Ex-Freundin mit nach Island gebracht hatte. Damals hatte er ernsthaft erwogen, nach Seydisfjordur zurückzukehren. Dr. Johannsson hatte sich gewünscht, die Praxis an ihn zu übergeben. Drakes Freundin hatte jedoch schon den Flug verabscheut. Außerdem störte es sie, dass es keine richtigen Shopping-Möglichkeiten gab, und für die freie Natur hatte sie nicht das Geringste übrig. Und all das, noch bevor sie die Gegend mitten im Winter gesehen hatte.

Die Beziehung endete kurz darauf, als sie Drake aufgebracht entgegenschleuderte: „Nichts würde mich jemals dazu bringen, dort zu leben!“

Damit war klar, dass sie ihn nicht genug liebte, um dies überhaupt in Betracht zu ziehen. Ein solcher Fehler sollte ihm nie wieder passieren. Nein, ab jetzt würde er kein Risiko mehr eing...

Autor

Alison Roberts
<p>Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde. Sie fand eine...
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Deanne Anders
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