Julia Arztroman Band 41

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SO KÜSST NUR DR. BOWMAN von JOSIE METCALFE

Das ist doch … Dr. Amy Willmotts Herz beginnt heftig zu schlagen, als sie auf ihren neuen Kollegen im Krankenhaus trifft: Zach Bowman, ihr Schwarm aus Schulzeiten. Aber sie stammt aus wohlhabenden, er aus armen Verhältnissen. Hat ihre Liebe dennoch eine Chance?

WENN DU MICH ZÄRTLICH BERÜHRST von KATE HARDY

Die Funken sprühen, als sich ihre Hände berühren! Die junge Kinderärztin Katrina ist alarmiert: Sie darf sich nicht in den faszinierenden Dr. Morgan verlieben. Wo es doch ein offenes Geheimnis ist, dass dieser Doc zwar an Freundschaft, aber nicht an die Liebe glaubt …

ICH WILL DOCH NUR DICH! von ALISON ROBERTS

Im Operationssaal der Hunter Clinic sind sie das „Dreamteam“ – doch im Leben hat sie Rafael vielleicht für immer verloren! Abbie ist verzweifelt: Nur weil sie ihre Tochter retten wollte, ist ihre Ehe mit dem Kinderarzt in Gefahr. Kann er ihr wirklich nicht verzeihen?


  • Erscheinungstag 17.01.2026
  • Bandnummer 41
  • ISBN / Artikelnummer 8203260041
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Josie Metcalfe, Kate Hardy, Alison Roberts

JULIA ARZTROMAN BAND 41

Josie Metcalfe

1. KAPITEL

„Hast du gestern Abend ferngesehen?“, hörte Amy eine der jüngeren Krankenschwestern ihre Kollegin fragen. „Da war eine Sendung über Menschen, die im Internet nachchecken, was aus ihren alten Freunden und Klassenkameraden geworden ist.“

„Ich habe einen Teil davon geguckt“, bestätigte die andere. „Es wurde auch berichtet, wie viele Ehen in die Brüche gegangen sind, nachdem Leute plötzlich ihre erste Liebe wiedergetroffen haben.“

„Ich kann mir nicht vorstellen“, kicherte die Freundin, „dass mir so was mit meiner ersten Liebe passierte. Er hieß Alex … und hatte wohl zu wachsen aufgehört, als er zwölf wurde. Ich selbst hatte damals einen richtigen Wachstumsschub und war bald eineinhalb Köpfe größer als er.“

„Vielleicht hat ihn sein erster Kuss so erschreckt, dass er aufgehört hat zu wachsen“, mischte Amy sich lächelnd ein. Sie fragte sich, was wohl aus ihren Klassenkameraden geworden war. Zu keinem von ihnen hatte sie Kontakt gehabt, nachdem sie von der Highschool abgegangen war und mit dem Medizinstudium begonnen hatte. Als sie dann Edward heiratete, war ihr Leben durch den Beruf, die Ehe und die vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen so ausgefüllt, dass ihr keine Zeit blieb, sich um alte Schulbekanntschaften zu kümmern.

Sie war erst vor Kurzem nach Edwards plötzlichem Tod in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Aber sie verspürte kein Verlangen, alte Bekanntschaften aufzufrischen. Seitdem lebte sie zurückgezogen und ging so gut wie nie aus.

Aber die Bemerkung der Krankenschwestern hatte sie neugierig gemacht. Sie fragte sich, ob einige ihrer Klassenkameraden im Internet zu finden waren. Sie selbst war keine sehr intensive Internetnutzerin. Ihr Interesse beschränkte sich meist auf die Seiten mit medizinischen Themen.

Als sie noch in dieser Gegend gelebt hatte, beschränkten sich ihre Kontakte nur auf wenige Menschen. Die letzten drei Jahre auf der Highschool hatte sie sich ganz auf ihren Abschluss konzentriert, weil sie unbedingt für das Medizinstudium zugelassen werden wollte. Und dazu waren gute Noten die Voraussetzung. Da war nicht viel Zeit für Freundschaften geblieben und ihr Interesse an Jungs entsprechend gering …

Lügnerin, meldete sich eine innere Stimme. Da war ein Junge gewesen … das heißt, ein junger Mann von ungefähr achtzehn … der sie alles andere als kalt gelassen hatte.

Zachary Bowman, dachte sie wehmütig. Im Chemieunterricht hatte sie jedes Mal neben ihm gesessen und verstohlen einen Blick auf sein Profil geworfen, das sich scharf gegen das helle Fenster abzeichnete. Manchmal hatte sie dem Blick seiner dunklen Augen standgehalten, wenn sie zufällig mit dem Ellbogen oder der Schulter zusammenstießen und er sie mit einem entschuldigenden Lächeln anschaute.

Er war zweifellos der Traum eines jeden weiblichen Teenagers – groß, schlank, sportlich, mit einem eindrucksvollen, scharf geschnittenen Gesicht, das ihn verwegen aussehen ließ. Sie konnte sich noch genau an seine Augen erinnern. Sie waren von einem so dunklen Braun, dass sie fast so schwarz wie sein Haar wirkten. Sein Haar – manchmal hatte es sie in den Fingern gejuckt, über seine widerborstigen Locken zu streichen, aber das hatte sie nie gewagt.

Die heimliche Romanze, die nie eine war, seufzte Amy innerlich. Lediglich bei einer einzigen Gelegenheit hatten sie mehr als nur ein paar knappe Worte gewechselt, sonst waren sie sofort nach den gemeinsamen Unterrichtsstunden getrennte Wege gegangen.

Aber ganz vergessen hatte Amy ihn nie. Manchmal vergingen Monate, in denen ihr Beruf und ihre Ehe mit Edward sie voll in Anspruch nahmen und sie nicht an Zachary dachte. Aber ein paar Mal hatte sie sich gefragt, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie damals nicht so schüchtern gewesen und Zachary nicht aus dem Wege gegangen wäre. Wenn sie den Mut gehabt hätte … ja, wozu? Sich mal richtig gehen zu lassen, von sich aus aktiv zu werden?

Ironisch lachte Amy auf. Sie, Amy Willmott oder Bowes, wie ihr Mädchenname lautete, sich gehen lassen? Ein strebsames Mauerblümchen wie sie? Plötzlich kam ihr in den Sinn, wie andere sie gesehen haben mussten. Langweilig und mundfaul. Sie lachte noch einmal auf.

Wieso willst du im Internet surfen und nach alten Bekannten suchen?, fragte sie sich selbst erstaunt. Sicherlich hatte keiner ihrer Mitschüler und Kommilitonen in der Zwischenzeit auch nur einen Gedanken an sie verschwendet. Aber plötzlich war sie neugierig zu erfahren, ob Zachary tatsächlich die blendende Karriere gemacht hatte, die sie ihm zugetraut hatte.

Oder war es nicht besser, wenn sie sich die Erinnerung an ihn so bewahrte wie die ganzen fünfzehn Jahre über? Wie er seine Lederjacke anzog, lässig eines seiner langen Beine über sein Motorrad schwang – das er wie immer verbotenerweise auf dem Lehrerparkplatz abgestellt hatte –, den Helm auf den Kopf drückte und den Motor aufdröhnen ließ.

In dieser Nacht konnte Amy lange nicht einschlafen, obwohl sie einen besonders anstrengenden Tag hinter sich hatte. Wach lag sie im Dunkeln, während sie versuchte, mit Entspannungsübungen und Atemtechnik Ruhe zu finden. Jedoch gelang es ihr nicht, ihre Erinnerungen zu verdrängen.

Schließlich seufzte sie resigniert, stand auf und ging zu ihrem kleinen Schreibtisch hinüber, auf dem ihr Laptop stand.

Sie staunte, wie rasch sie die Webseite ihrer alten Highschool fand. Aber bevor sie anfing, sich durch die Jahrgänge und Hunderte von Namen hindurchzuarbeiten, hielt sie plötzlich inne. Was tue ich hier eigentlich?, frage sie sich kopfschüttelnd. Noch ein Mausklick – und sie war bei den Namen, die mit dem Buchstaben B begannen. Sie würde herausfinden, ob Zachary dort aufgeführt war. Einerseits war sie begierig zu erfahren, was aus ihm geworden war, aber gleichzeitig fürchtete sie zu lesen, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte.

Eine schlechte Nachricht würde die Erinnerung an die unschuldige Schwärmerei, die sie so viele Jahre heimlich begleitet hatte, zerstören. Wenn er sie doch nur einmal beachtet, ihr nur einmal vorgeschlagen hätte, sich mit ihr zu verabreden, vielleicht hätte er dann herausgefunden, dass sie ihm gefallen hätte. Und möglicherweise wären sie sogar zusammengeblieben.

Aber diese Vorstellungen waren damals absolut einseitig gewesen.

Sie hatten viele Monate als Zweierteam im Chemieunterricht zusammengearbeitet, aber nur das Alphabet war der Grund dafür gewesen, dass sie zusammengekommen waren. Der Name Bowman stand in der Namensliste genau hinter ihrem Namen Bowes. Er hätte also Zeit und Gelegenheit genug gehabt, sie merken zu lassen, dass er sie anziehend fand, aber er hatte nie den Versuch gemacht, privat mit ihr zu reden.

Er hätte sie ja mal zu einem Kaffee einladen können. Oder ihr vorschlagen können, sie auf seinem Motorrad mitfahren zu lassen.

Ha!

Nichts dergleichen. Ganz selten einmal hatte er sie mit einem kurzen Lächeln angesehen, wenn er mit seinem Motorrad losfuhr und sie ihm verlangend hinterhersah.

Selbst als sie einmal ihren ganzen Mut zusammengenommen und ihm gegenüber den Abschlussball erwähnte, hatte er nicht wie gehofft reagiert. Also verzichtete sie auf den Ball. Stattdessen war sie mit ihren Eltern zum Dinner in ein teures Restaurant gegangen, um ihren Abschluss zu feiern.

Den ganzen Abend sprachen ihre Eltern über ihre glänzenden Zukunftsaussichten und ermahnten sie, sich auf ihre Ausbildung zu konzentrieren und durch nichts ablenken zu lassen. Später würde sie noch genügend Gelegenheit für gesellschaftliche Aktivitäten haben – jetzt sei es erst einmal wichtig, sich um den Beruf zu kümmern. Dann würde sie auch genügend Chancen haben, interessante Leute kennenzulernen – junge Ärzte zum Beispiel.

Als Amy jetzt daran zurückdachte, versuchte sie, den Gedanken an Edward und die Schuldgefühle zu verdrängen, die jedes Mal hochkamen, wenn sie an seinen unerwarteten Tod vor einem Jahr dachte.

Sie schaute auf den Bildschirm ihres Laptops. Der Cursor blinkte neben dem ersten Namen auf der Liste ehemaliger Schüler. Sie brauchte nur ein paar Male zu klicken – und sie würde wissen, ob Zachary auf der Liste stand und welche Informationen es dort über ihn gab. Vielleicht würde sie ein altes Foto finden, auf dem er mit seinem unbändigen Haar und seinen dunklen Augen zu sehen war – das Bild also, das sie so viele Jahre in ihrem Gedächtnis gespeichert hatte.

Die Vorstellung, sie könnte erfahren, dass er seit Langem verheiratet war und mehrere Kinder hatte, störte sie mehr als die Furcht, er sei möglicherweise bei einem Unfall mit seinem Motorrad ums Leben gekommen.

Sie wusste, dass ihre momentanen Gedanken so gar nicht zu dem Leben passten, das sie bisher geführt hatte. Unterstützt und immer wieder neu motiviert von ihren Eltern, hatte sie sich bei einer der renommiertesten medizinischen Fakultäten eingeschrieben. Gleich nach ihrem Examen hatte sie Edward geheiratet. Es war eine Traumhochzeit – und sie war glücklich gewesen.

Edward Willmott war mit seinen blonden Haaren und blauen Augen fast das genaue Gegenteil von Zachary. Er war in einer schrecklichen Massenkarambolage auf der Autobahn gestorben. Das Kind, das Amy sich so gewünscht hatte, war immer wieder für das nächste Jahr geplant gewesen, weil Edward zuerst seine ehrgeizigen beruflichen Ziele verwirklichen wollte. Ein Schuldgefühl nagte an ihr, weil sie ihn oft nicht so akzeptiert hatte, wie er war, und sich erst bewusst geworden war, was sie an ihm verloren hatte, nachdem er gestorben und ihr Leben leer geworden war.

Sie hatte alles gehabt, was eine Frau sich wünschen konnte – was also brachte sie nun plötzlich dazu, in dieser Weise über Zachary nachzudenken?

„Schluss damit“, sagte sie laut, unterbrach die Internetverbindung und schaltete den Computer ab. „Du hast keinen Grund, Erkundigungen über ihn einzuziehen, schon gar nicht mitten in der Nacht. In vier Stunden musst du schon wieder aufstehen, weil du Frühdienst hast.“

Sie ging zurück ins Bett und nahm sich vor, ihre Gedanken im Zaum zu halten. Aber als sie nur drei Stunden später unausgeschlafen und missgelaunt aufwachte, merkte sie, dass sie ihre Träume nicht hatte kontrollieren können.

„Was wäre denn schon dabei gewesen, im Internet seinen Namen anzuklicken und herauszufinden, wie es ihm ergangen ist?“, sagte sie laut zu sich selbst, als sie eine Stunde früher als nötig in ihrem kleinen Wagen unterwegs zu dem Krankenhaus war, in dem sie arbeitete.

Sie hielt vor einem Fußgängerübergang an, weil eine alte, offensichtlich gehbehinderte Dame sich anschickte, die Straße zu überqueren. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie im Rückspiegel einen Wagen, der sich rasch näherte. Sie wartete darauf, jeden Augenblick das Quietschen seiner Bremsen zu hören, aber der Fahrer dachte gar nicht daran, abzubremsen.

„Oh, mein Gott“, dachte Amy noch, als das andere Auto an ihr vorbeifuhr und die alte Dame erfasste, die gerade an Amy vorbeigegangen war. Sie wurde in die Luft geschleudert und schlug mit einem dumpfen, hässlichen Geräusch auf dem Pflaster auf. Der Fahrer, der den Unfall verursacht hatte, fuhr einfach weiter.

Amy sprang aus dem Wagen und griff automatisch nach ihrer Handtasche, um ihr Handy herauszunehmen. Noch bevor sie die alte Dame erreichte, die reglos auf der Straße lag, hatte sie die Notrufnummer gewählt.

„Notfallzentrale. Wie kann ich Ihnen helfen?“, sagte eine Frauenstimme, als Amy neben der alten Dame niederkniete und sie rasch untersuchte.

„Einen Krankenwagen und die Polizei“, rief Amy in ihr Telefon. „Ein Unfall am Fußgängerübergang ungefähr eineinhalb Kilometer südlich vom Krankenhaus, gegenüber dem Supermarkt. Eine alte Frau. Sie ist bewusstlos, atmet aber noch.“

Amy war erleichtert, als sie unter ihren Fingern an der Halsschlagader der Verletzten den Pulsschlag gefühlt hatte. Aber der Aufprall war so hart gewesen, dass Amy ihn in ihrem Wagen deutlich gehört hatte. Es war zu befürchten, dass die alte Dame eine Schädelverletzung erlitten hatte. Ihr Bein, das in einem unnatürlichen Winkel abgeknickt war, schien gebrochen.

Glücklicherweise war ihr Herzschlag zu spüren, und ihr Atem ging gleichmäßig. Bis zum Eintreffen des Krankenwagens konnte Amy nicht viel tun.

„Bewegen Sie sie bitte nicht“, hörte sie plötzlich eine tiefe Stimme hinter sich. Dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter, die sie sanft, aber bestimmt wegschob. „Wenn ihr Rückgrat verletzt ist, muss sie ganz ruhig liegen bleiben.“

Amy drehte sich um. Hinter ihr stand ein Mann in Motorradkluft, der das Visier seines Helms aufklappte. Als sie in seine dunklen Augen blickte, stockte ihr der Atem. Amy wünschte, er würde seinen Helm abnehmen, damit sie seine Gesichtszüge erkennen konnte.

Sie schüttelte ihre Beklommenheit ab. „Ich weiß, dass ich sie nicht bewegen darf“, sagte sie mit leicht zittriger Stimme. „Ich bin Ärztin. Ich habe nur ihren Puls gefühlt und ihre Atmung kontrolliert.“

Nicht weit entfernt waren Sirenen zu hören. „Wenn der Krankenwagen da ist, wird sie mit Sauerstoff versorgt und bekommt einen Stützkragen umgelegt, der ihren Nacken stabilisiert“, erklärte sie. Sie warf ihm einen Blick zu und stellte fest, dass seine Augen noch immer auf sie gerichtet waren statt auf das Unfallopfer.

Dieses Mal war der Schock des Wiedererkennens so stark, dass sie schon befürchtete, er würde merken, was mit ihr los war.

Was war denn mit ihr los? Niemals hatte sie so reagiert, wenn sie einem Mann gegenüberstand, auch nicht bei Edward. Bisher war es nur einem einzigen männlichen Wesen in ihrem Leben gelungen, sie aus der Fassung zu bringen. Und das war Zachary gewesen.

Es war einfach lächerlich. Die Unterhaltung der beiden jungen Krankenschwestern am Abend zuvor über das Internet hatte mit Macht die Erinnerung an ihre Zeit auf der Highschool zurückgebracht. Und jetzt brachten die dunklen Augen dieses Mannes, die sie an Zachary erinnerten, aus dem seelischen Gleichgewicht.

„He, Doc“, sagte der Sanitäter aus dem Krankenwagen, der sich neben sie niedergekniet hatte. „Suchen Sie sich jetzt schon einen Job außerhalb des Krankenhauses? Sie wollen uns wohl arbeitslos machen.“

„Ich habe nur die Stellung gehalten, bis Sie ankamen, Harry“, meinte Amy und lächelte den jungen Mann an, den sie gut kannte. Sie rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. „Sie war gerade dabei, die Straße zu überqueren. Als sie merkte, dass der andere Wagen nicht anhielt, wollte sie noch ausweichen, aber sie hat wohl ein Problem mit der Hüfte und konnte sich nicht schnell genug bewegen. Sie ist heftig mit dem Kopf auf das Pflaster geschlagen.“

Inzwischen hatte man Harry die medizinische Ausrüstung gebracht. Vorsichtig hob er den Kopf der alten Dame an und legte ihr einen Stützkragen um. Dann betteten er und sein Kollege die Verunglückte vorsichtig auf eine fahrbare Liege, schoben sie zu dem Krankenwagen und hoben sie hinein.

Amy warf einen Blick über die Schulter. Ein Streifenwagen war ebenfalls angekommen, und einer der jungen Polizeibeamten versuchte, die inzwischen angewachsene Menge der Zuschauer zurückzuhalten, ein zweiter sprach mit dem Motorradfahrer und notierte sich seine Aussagen auf einem Notizblock.

Inzwischen hatte er seinen Motorradhelm abgenommen und hielt ihn gegen die Hüfte gestemmt. Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Offensichtlich ärgerte ihn die Befragung. Da er Amy den Rücken zukehrte, konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Aber auch so war sein Anblick recht beachtlich – breite Schultern, schmale Hüften, lange Beine. Aber sein dunkles Haar war, anders als damals bei Zachary, sehr kurz geschnitten.

Zachary war wegen seiner Haare von den Lehrern oft ermahnt worden. Aber seine widerspenstigen Locken hatten ihm irgendwie ein verwegenes Aussehen gegeben.

Was fällt dir eigentlich ein? Fassungslos über sich selbst schüttelte Amy den Kopf. Da stand sie gerade nach einem schrecklichen Unfall mitten auf der Straße und hatte nichts Besseres zu tun, als ihre Tagträume weiterzuspinnen. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich.

Sie ging zu Harry hinüber, der gerade die hintere Tür des Krankenwagens schloss, und warf einen Blick auf die alte Dame. Sie würde sich nachher im Krankenhaus sofort nach ihrem Befinden erkundigen. Hoffentlich würde die Polizei Amy nicht weiter aufhalten, denn sie musste ins Krankenhaus. Ihren Kollegen von der Nachtschicht, die so lange ausharren mussten, bis sie kam, würde es nicht gefallen, wenn sie sich zu sehr verspätete.

Der junge Polizist schien zu ahnen, was sie bewegte. „Wäre es Ihnen recht, wenn ich später ins Krankenhaus komme und Sie da befrage, Doktor?“

„Das wäre großartig.“ Erleichtert lächelte Amy ihm zu. Dann würde sie ja doch noch fast pünktlich auf der Station ankommen. „Ich bin Dr. Willmott. Und ich arbeite auf der Notaufnahmestation.“

„Danke für Ihre Unterstützung“, sagte Harry, als Amy zu ihrem Wagen gehen wollte. „Wahrscheinlich sehe ich Sie ja in ein paar Minuten. Sie haben bestimmt gleich Dienstbeginn.“

Amy nickte und winkte ihm zu. „Ich bin um kurz nach sechs auf der Station.“

Sie eilte zu ihrem Wagen, der immer noch vor dem Fußgängerüberweg stand. Sie war enttäuscht, als sie bemerkte, dass der Motorradfahrer nicht mehr zu sehen war. Als sie von Weitem den Motor einer schweren Maschine aufdröhnen hörte, beschleunigte sich ihr Pulsschlag.

„Zum Teufel auch“, murmelte sie, als sie ihren Sicherheitsgurt festmachte und sich vorsichtig in Bewegung setzte. Durch das offene Fenster sah sie, wie der Motorradfahrer den Gang einlegte und Gas gab. Wie sehr hatte sie sich damals gewünscht, Zachary würde sie mal auf seinem Motorrad mitnehmen. Sie hatte davon geträumt, wie ihre langen Haare im Wind flattern würden. Und sie hatte sich vorgestellt, was für ein Gefühl es sein würde, die Arme um seine Hüften zu schlingen und ihren Kopf an seine Schulter zu lehnen.

Hör endlich auf mit deinen Fantasien, ermahnte sie sich. Sie bog mit ihrem Wagen auf den Parkplatz des Krankenhauses ein und manövrierte ihn auf einen der Plätze, die für die Ärzte reserviert waren. Von dort waren es nur ein paar Schritte bis zum Hintereingang des Krankenhauses.

„Da bist du ja endlich“, sagte die Dame am Empfang. „Die Kollegen haben sich schon erkundigt, wo du bleibst.“

„Ich bin nur fünf Minuten verspätet, Louella“, meinte sie. „Ich wäre mehr als pünktlich gewesen, wenn dort drüben nicht der Unfall passiert wäre …“ Sie zeigte mit der Hand in die Richtung.

„Auf dem Fußgängerüberweg beim Supermarkt?“ Louella nickte. „Harry hat davon kurz berichtet, als er eben das Unfallopfer einlieferte. Er hat auch gesagt, dass du ihm geholfen hast.“

„Wer behandelt die Verletzte?“, wollte Amy wissen.

„Ben Finchley und der neue Kollege, der heute hier angefangen hat.“

Ben war einer der besten Ärzte der Abteilung. Amy wusste, die alte Dame war in guten Händen.

„Ein Neuer? Weißt du mehr über ihn?“ Sie warf einen Blick auf den Tagesplan, der an der Wand hing, und erschrak fast, als sie die endlose Liste von Patienten sah. „Ich hoffe, der neue Kollege ist kein Anfänger, der uns mehr Arbeit macht, als dass er uns hilft.“

„Glaube ich nicht“, erwiderte Louella. „Das letzte Jahr hat er in einer Notaufnahmestation in einem Krankenhaus in Südafrika verbracht, wie ich gehört habe. Ich glaube, in Johannesburg.“

Überrascht blinzelte Amy. Sie fragte sich, ob er einer der Ärzte war, die man mit Prämien nach England zurückzulocken versuchte, um dem eklatanten Ärztemangel im Land abzuhelfen. Amy hatte es nie für vertretbar gehalten, auf diese Weise Ärzte aus Gegenden, in denen sie dringend benötigt wurden, abzuziehen. Wenn man die Ärzte hier besser bezahlte, wären solche Methoden nicht erforderlich.

Wie auch immer – sie war froh, dass sie Verstärkung auf der Station erhielten. „Du meinst also, Louella, dass er gut in unser Team passen wird?“

„Davon bin ich überzeugt. Und er ist auch sonst eine echte Bereicherung. Er ist absolut das, was man einen Frauenschwarm nennt.“

„Louella! Was soll dein Mann Sam davon halten?“ Amy musste lachen. Sich mit Louella zu unterhalten war immer amüsant.

„Sam weiß, dass ich treu bin, aber ich habe auch Augen im Kopf“, versicherte ihre Kollegin. „Und er weiß auch, dass ich einen guten Geschmack habe. Hätte ich mich sonst für ihn entschieden? Aber jetzt gebe ich dir erst einmal die Liste der Patienten. Und dann mache ich Schluss und gehe nach Hause.“

Ein paar Minuten später hatte sie Amy die Liste übergeben und verabschiedete sich fröhlich. Offensichtlich freute sie sich auf zu Hause.

Eine Sekunde lang dachte Amy daran, dass ihr eigenes Leben zurzeit ganz anders verlief. Auf sie wartete niemand daheim. Sie hatte einen Job, der ihr gefiel, und sie gab sich Mühe, nicht mehr daran zu denken, was in ihrem Privatleben fehlte.

Nachdem sie bereits eine Reihe von Patienten versorgt hatte, bekam sie endlich die Gelegenheit, mit Ben Finchley zu sprechen, der wie sie auf einen Kaffee in die kleine Krankenhausküche gekommen war. „Hallo, Ben“, sagte sie. „Was ist mit der alten Dame, die Harry heute früh eingeliefert hat? Ich war dabei, als sie angefahren wurde.“

„Du meinst Ruth?“ Zu Amys Überraschung lachte er auf. „So etwas wie diese alte Lady habe ich noch nie erlebt. Sie machte einen so zerbrechlichen und schwachen Eindruck, dass ich schon das Schlimmste befürchtete. Aber als wir sie röntgten, stellte sich heraus, dass ihr bis auf ein gebrochenes Schienbein und ein paar Abschürfungen nichts passiert war.“

„Reden wir von derselben Patientin? Von der alten Frau, die von einem Wagen erfasst, herumgewirbelt und in die Luft geschleudert wurde? Ich habe selbst gesehen und gehört, wie schwer sie auf das Pflaster schlug.“

„Von genau der rede ich“, bestätigte Ben. „Wie du waren wir ebenfalls zuerst überzeugt, sie müsste sich mehrere Knochen gebrochen und möglicherweise das Rückgrat verletzt haben. Aber stattdessen war sie bei Bewusstsein und putzmunter. Da sie nun schon mal im Krankenhaus sei, wolle sie die Gelegenheit nutzen und sich ein neues Hüftgelenk einsetzen lassen. Das habe sie schon lange machen wollen, aber noch keine Zeit dafür gehabt.“

Die Geschichte klang so unglaublich, dass Amy amüsiert den Kopf schüttelte. Dankbar griff sie nach dem Becher Kaffee, den Ben ihr eingegossen hatte. „Als wir versuchten, ihr ein Schmerzmittel zu geben, bevor wir ihr Bein in Gips legten, lehnte sie ab“, fuhr Ben fort. „Davon würde ihr immer schlecht, meinte sie. Das sei beim letzten Mal, als sie im Krankenhaus war, auch so gewesen – als ihr mit zwölf Jahren der Blinddarm herausgenommen wurde.“

Über Amys Schulter hinweg sah Ben, wie jemand den Raum betrat. „He, Amy, dann kann ich dir ja gleich unseren neuen Kollegen vorstellen. Er kommt geradewegs vom anderen Ende der Welt. Darf ich vorstellen – Amy Willmott. Und das hier ist Zachary Bowman.“

2. KAPITEL

Amy stockte der Atem. Sie hatte das Gefühl, als würden sich Traum und Wirklichkeit vermischen.

Wie in Zeitlupe drehte sie sich zu dem Mann um, der hinter ihr stand.

Beklommen blickte sie in die dunklen Augen, an die sie sich so gut erinnerte. Aber sein schwarzes, gelocktes Haar, das er früher schulterlang getragen hatte, war jetzt fast militärisch kurz geschnitten.

„Das warst du also doch vorhin?“, staunte Amy. Ja, er war der Motorradfahrer vom Unfallort. Seine Figur war athletischer, seine Schultern breiter als die des jungen Mannes, den sie auf der Highschool gekannt hatte. „Warum hast du denn nichts gesagt? Hast du mich nicht erkannt?“

„Es war nicht der richtige Ort und nicht die richtige Gelegenheit, um Erinnerungen auszutauschen. Und ich war mir nicht sicher, ob du dich überhaupt noch an mich erinnern würdest. Nun, ABC, wie ist es dir inzwischen ergangen?“

„ABC? Ihr beide kennt euch?“ Ben staunte. Aber Amy hörte ihm kaum zu. Sie war immer noch völlig überwältigt von der Tatsache, dass der Mann, nach dem sie letzte Nacht im Internet suchen wollte, plötzlich vor ihr stand. Sie hatte sich neugierig gefragt, was wohl aus ihm geworden war, ob er vielleicht im Gefängnis saß oder möglicherweise schon tot war. Jetzt wusste sie es – er war Arzt und arbeitete in demselben Krankenhaus wie sie.

„Amy Bowes Clark hat auf der Highschool im Chemieunterricht neben mir gesessen.“ Zachary sagte das so beiläufig, dass es Amy einen Stich versetzte. Sie hatte ihm also nicht viel bedeutet.

„Wie du weißt, habe ich den Namen Clark nie benutzt“, erwiderte sie etwas spitz. Sie erinnerte sich daran, dass er mal eine spöttische Bemerkung darüber gemacht hatte, weil sie als Mitglied einer so angesehenen Familie auf eine ganz ordinäre Highschool ging. Aber trotzdem hatte sein Wissen um ihre Herkunft so etwas wie eine heimliche Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Und dass er sich noch an ihre Initialen erinnerte, hätte sie nicht erwartet.

„Dr. Bowman?“ Das war die Stimme einer jungen Empfangsdame, die an der Tür stand und Zachary wohlwollend musterte. Amy verspürte einen Anflug von Eifersucht, als sie sah, dass Zachary die junge Frau freundlich anlächelte.

„Die Polizei war am Telefon. Ich soll Ihnen ausrichten, dass mit dem Kennzeichen des Unfallfahrzeugs, das Sie der Polizei gegeben haben, der flüchtige Unfallfahrer ermittelt werden konnte. Um sicher zu sein, möchten sie jetzt die DNA an dem Unfallfahrzeug noch mit der Ihrer Patientin vergleichen.“ Das Lächeln, mit dem sie Zachary ansah, bevor sie ging, war eine offene Einladung.

„Haben Sie die Nummer der Polizei notiert?“

„Natürlich“, versicherte sie. „Hier auf dem Zettel. Und ich habe meine Nummer dazugeschrieben … falls Sie noch Fragen haben sollten …“

„Danke, dass Sie mir sofort Bescheid gesagt haben“, meinte Zachary, nahm den Zettel und steckte ihn ungelesen in seine Jackentasche. Dann wandte er sich wieder an Amy und Ben. „Wie sind die Vorschriften in diesem Krankenhaus wegen der Entnahme von DNA-Material?“

Ben schaute der jungen Empfangsdame nach, die etwas pikiert schien, dass Zachary ihre Notiz nicht weiter beachtet hatte. „Mein Kompliment – Sie sind erst einen Tag hier und haben schon eine Eroberung gemacht.“

„Bestimmt nur, weil ich neu bin“, meinte Zachary und zuckte mit den Achseln. Amy sah ihm an, dass ihm nicht wohl dabei war, in solcher Weise Aufsehen zu erregen.

„So geht es neuen Kollegen oder Kolleginnen häufig“, warf Amy scherzhaft ein. „Nach ein paar Tagen, wenn ein Neuer dann übermüdet und mit Bartstoppeln am Ende einer langen Schicht auftaucht, normalisiert sich alles ganz schnell.“

„Soll ich nun froh sein“, ging Zachary auf Amys lockeren Tonfall ein, „weil du mich vor Nachstellungen bewahrt hast, oder böse, da du meinem Charme anscheinend nicht viel zutraust?“

Zachary hatte sich zu Amy hinübergebeugt und so leise gesprochen, dass Ben wahrscheinlich nichts verstanden hatte. Sie bemerkte seine ungewöhnlich langen Wimpern, die von der afrikanischen Sonne ein wenig gebleicht schienen, und auch die ersten kleinen Fältchen an seinen Augenwinkeln. Er war ihr jetzt so nahe, dass sie die Wärme seines Körpers spürte und den Geruch seines Rasierwassers wahrnahm. Der dezente Duft hatte eine umwerfende Wirkung auf sie.

Er hatte die Augenbrauen fragend hochgezogen. Offensichtlich wartete er auf eine Antwort. Aber seine Nähe war so verwirrend, dass sie nicht mehr wusste, was er gefragt hatte.

Zum Glück betrat in diesem Moment eine Schwester den Raum. Sie kündigte die Ankunft mehrerer Krankenwagen an. Rasch stellte Amy ihren Becher ab und verließ nach einem letzten Blick auf Zachary die Teeküche. Sie hoffte, ihr Verstand würde wieder normal funktionieren, sobald sie das plötzliche Widersehen mit Zachary verarbeitet hatte.

Das menschliche Gehirn ist doch ein rätselhaftes Organ, dachte sie amüsiert, als sie einige Zeit später einem Patienten, der vor ihr auf dem Behandlungstisch lag, eine Kanüle in die Armvene legte. Der Mann hatte bei einem Autounfall mehrere Verletzungen erlitten.

Zuerst war Amy erleichtert gewesen, als sie sich wegen der wartenden Patienten aus Zacharys Nähe entfernen konnte. Andererseits zählte sie die Sekunden, bis sie ihn wiedersehen würde. Sie war brennend neugierig, ob ihre Reaktion auf ihn beim nächsten Treffen noch genauso heftig sein würde.

Wahrscheinlich nicht. Bestimmt war es nur der Überraschungseffekt gewesen, dass ausgerechnet der Mann, an den sie in der letzten Nacht so intensiv gedacht hatte, unerwartet vor ihr stand. Über ihre damalige Schwärmerei für ihn war sie doch längst hinweg …

Tatsächlich?, fragte eine Stimme in ihrem Kopf. Warum hältst du dann jedes Mal nach ihm Ausschau, wenn du aus dem Behandlungszimmer gehst?

„Das ist doch nur … weil ich herausfinden möchte, wie es ihm in all den Jahren ergangen ist“, sagte sie leise zu sich selbst.

„Also, wer ist Mr. Willmott?“ Amy stand in der Schlange vor der Essenausgabe in der Kantine, als sie Zacharys Stimme hinter sich hörte. Überrascht schnappte sie nach Luft.

„Dr. Willmott“, verbesserte sie ihn automatisch. Edward war sehr stolz auf seinen Doktortitel gewesen. Aber das war nur noch eine schmerzliche Erinnerung.

„Tatsächlich?“, meinte Zachary gedehnt. Er nahm ein Tablett vom Tresen und stellte sich hinter Amy an. „Dann arbeitet er vermutlich auch hier. Ist er ebenfalls auf der Notfallstation oder in einer anderen Abteilung?“

„Nein, er arbeitet nicht hier.“ Plötzlich fühlte Amy sich unwohl, weil sie mit Zachary über ihren toten Ehemann sprach. „Er ist … er ist tot. Er kam vor einem Jahr bei einem Unfall auf dem Highway ums Leben“, stieß sie hervor.

Nach den anfänglichen Beileidsbekundungen kurz nach Edwards Tod waren die Kollegen im Krankenhaus taktvoll genug gewesen, Amy nicht mit Fragen nach Einzelheiten zu quälen. Nur ihre Eltern sprachen immer wieder darüber, welchen Verlust Amy doch erlitten habe, weil ihr gut aussehender, erfolgreicher Mann aus heiterem Himmel gestorben sei. Daraufhin hatte Amy die Besuche bei ihnen eingeschränkt.

Sie war jedoch erstaunt, dass sie jetzt plötzlich den Wunsch verspürte, über das Ereignis zu sprechen. Hieß das etwa, dass sie den Verlust zu verarbeiten begann? Oder hatte es nur damit zu tun, dass sie mit Zachary darüber sprach?

Kaum hatte sie sich mit ihm an einen Ecktisch gesetzt, als es aus ihr herauszusprudeln begann. Obwohl sie ihn mehr als fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte, fühlte sie instinktiv, dass sie sich ihm anvertrauen konnte.

„Es war eine Massenkarambolage bei sehr schlechtem Wetter. Dutzende Wagen waren darin verwickelt. Eine Frau wurde aus ihrem Wagen, der direkt vor Edward fuhr, herausgeschleudert. Als er ausstieg, um ihr zu helfen, wurde er von einem anderen Wagen überrollt. Er war auf der Stelle tot.“

„Das tut mir leid“, sagte Zachary. Er war sichtbar geschockt von ihrem Bericht und suchte nach Worten des Trostes.

„Er war auf dem Rückweg von einer Konferenz“, fuhr Amy fort. „Die Polizei kam zu mir, um mir mitzuteilen, dass Edward tot war.“ Sie erschauderte bei dem Gedanken an diesen Moment, als die Beamten in der Nacht an ihre Tür geklopft hatten.

„Hattet ihr Kinder?“ Das war eine ganz normale Frage, aber sie machte Amy mit brutaler Wucht klar, was in ihrer Ehe gefehlt hatte.

„Nein. Wir waren beide mit unserer Karriere beschäftigt und wollten erst später eine Familie gründen“, erwiderte sie traurig. „Jetzt habe ich nur noch meine Eltern.“

Einen Moment lang glaubte sie, einen dunklen Schatten wahrzunehmen, der seine Augen verschleierte. Aber sie war sich nicht sicher.

Hatte ihre Bemerkung ihn an etwas Unangenehmes erinnert?

Wie viele Frauenbekanntschaften er wohl seit damals gehabt hat, dachte sie. Bestimmt eine ganz Menge, so wie er aussah. Und sein Ruf als „böser Junge“ hatte ihn für manche Kommilitonin sicher noch begehrenswerter gemacht. Warum nur versetzte ihr diese Vorstellung einen Stich?

„Lebst du immer noch in der Villa oben auf dem Hügel?“, wollte Zachary wissen.

„Nein, ich habe meine eigene kleine Wohnung, nicht weit entfernt vom Krankenhaus. Woher weißt du eigentlich von meinem Elternhaus?“

Wieder war da dieser sekundenschnelle Schatten, der über seine Augen zog, gut verborgen hinter seinen dichten Wimpern.

„Wieso ich weiß, wo das Schloss der Prinzessin lag?“, scherzte er und schaute auf seinen Teller hinunter. „Jeder auf der Highschool wusste, wo die Familie Bowes Clark lebte. Das war absolut kein Geheimnis.“

Oh, wie hatte Amy es damals gehasst, wenn die Leute sie plötzlich völlig anders behandelten, sobald sie erfuhren, wer ihre Eltern waren. Sie hatte nur ein normaler Teenager sein wollen, aber der Reichtum und die gesellschaftliche Stellung der Eltern hatten ihr Verhältnis zu anderen erheblich beeinflusst.

Unglücklicherweise waren ihre Eltern auch der Meinung gewesen, als eine Bowes Clark hätte sie ganz besondere Ansprüche an das Leben zu stellen.

Sie wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als Zacharys und ihr Pager gleichzeitig summten.

„Fast hätten wir ein Mittagessen ohne Unterbrechung geschafft“, meinte Zachary resigniert, als er zusammen mit Amy seinen Teller und seine Kaffeetasse eilig zu der Ablage hinüberbrachte, bevor sie sich rasch auf den Weg zur Station machten.

„Tut mir leid, dass ich euch beim Essen stören musste“, meinte die Kollegin, die die Arbeit der Abteilung koordinierte. „Es hat mal wieder einen größeren Unfall auf dem Highway gegeben. Mindestens fünfzehn Fahrzeuge waren darin verwickelt. Der Rettungssanitäter, der als Erster vor Ort war, hat durchgegeben, wir könnten schlimmstenfalls mit dreißig Verletzten rechnen.“

„Also, wie sieht der Einsatzplan aus, Liz?“, fragte Amy. Sie wusste, dass die nächsten Stunden dem ganzen Team wieder alles abverlangen würden.

„Würdet ihr beide die Verwundeten betreuen, die noch selbst laufen können? Wir sollten sie von den Schwerverletzten trennen, die zuerst behandelt werden müssen.“

„Hat jemand die Patienten vorgewarnt, dass einige von ihnen möglicherweise längere Zeit auf die Behandlung warten müssen?“, fragte Zachary.

„Das wollte ich gerade machen.“ Liz verzog das Gesicht. „Wenn wir mehr Ärzte und Schwestern hätten …“

„Die Politiker, die von der Praxis keine Ahnung haben, uns aber ständig vorschreiben wollen, wie wir unsere Arbeit organisieren sollten, müssten mal an solch einem Tag wie heute hier sein. Dann würden sie eines Besseren belehrt“, erwiderte Zachary.

„Glaube ich nicht“, entgegnete Liz verächtlich. „Statt unser medizinisches Personal vernünftig zu bezahlen, sodass wir nicht ständig unterbesetzt wären, schicken sie dauernd mehr Verwaltungsbeamte, die mit der Stoppuhr herumlaufen und uns Vorschriften machen wollen.“

„Wir hätten Liz nicht so aufregen sollen, ihr Job ist schwer genug“, meinte Amy zu Zachary, als sie beide in dem Behandlungszimmer ankamen, Gummihandschuhe überstreiften und die Behandlungstische für die ersten Patienten vorbereiteten.

„Die Personalknappheit bei Ärzten und Schwestern ist wirklich ein riesiges Problem“, sagte Zachary. „Während des Studiums erfährt man nicht, wie es in einem großen Krankenhaus zugeht. Es ist einfach unverantwortlich, wie die Politiker die wirklichen Probleme ignorieren …“

„Beruhige dich, sonst schießt dein Blutdruck in die Höhe.“ Amy versuchte, die Diskussion ins Scherzhafte zu ziehen, obwohl sie von Zacharys Engagement beeindruckt war.

Es war zu erwarten gewesen. Gleich nach der Behandlung der ersten Patienten gab es Ärger. Andere Patienten beschwerten sich lautstark, dass man sie nicht sofort versorgte.

In dieser Situation lernte Amy eine ganz neue Seite an Zachary kennen. Er redete beruhigend auf die Leute ein, während er sich gleichzeitig fürsorglich und aufmerksam um seine Patienten kümmerte. Amy war beeindruckt.

„Wenn seine Lehrer, die damals nicht viel von ihm gehalten haben, ihn nur so sehen könnten“, murmelte sie hinter ihrem Mundschutz.

Es war erst ein paar Stunden her, dass Amy die Absicht gehabt hatte, sich im Internet über den ehemaligen Studienkollegen zu informieren, an den sie seit Jahren kaum noch gedacht hatte. Und dann hatte er – was für ein merkwürdiger Zufall – plötzlich leibhaftig hinter ihr gestanden.

Sie stöhnte auf und reckte ihre Schultern, die ganz steif geworden waren, weil sie mehr als fünfzehn Minuten lang angestrengt und konzentriert mit einer Lupe und einer Pinzette die Glassplitter einer zersprungenen Windschutzscheibe aus dem Gesicht eines Kindes entfernt hatte.

Sie ging ein paar Schritte zur Seite, bevor sie sich erschöpft an die Wand lehnte und zusah, wie das Behandlungszimmer rasch gesäubert wurde. Zachary kam zu ihr hinüber. „Du willst doch nicht schon gehen?“, fragte er. „Ich wundere mich, dass du nach dem Studium hier in deiner Heimatstadt geblieben bist“, fuhr er fort.

Verwundert über seinen Themenwechsel blinzelte Amy auf. „Nein, zuerst war ich mit Edward in einer anderen Stadt. Nach seinem Tod bin ich wieder zurückgekehrt. Ich fühle mich hier wohl, meine Eltern sind in der Nähe – und ansonsten führe ich mein eigenes Leben. Und mein Job gefällt mir.“

Außerdem würde ich um nichts auf der Welt jetzt woanders sein wollen, dachte sie. Vielleicht finde ich ja heraus, ob du mich heute attraktiver findest als damals …

Die Erwähnung ihrer Eltern hatte sie daran erinnert, dass sie eine Nachricht auf der Mailbox ihres Handys hatte. Sie sollte sie zu einem gesellschaftlichen Dinner begleiten. Die beiden fanden es wichtig, dass Amy sich, wie sie es nannten, „mal wieder zeigte“. Den Anlass der Veranstaltung hatte sie vergessen. Ihr Vater hatte viele Verpflichtungen dieser Art, die Amy sich mittlerweile nicht mehr merken konnte.

Edward war nun schon mehr als ein Jahr tot, und ihre Mutter versuchte, sie immer wieder mit potentiellen Ehekandidaten zusammenzubringen. Und oft genug ließ sie durchblicken, dass sie und ihr Mann sich möglichst bald ein Enkelkind von ihrer Tochter wünschten, einen Erben für das beträchtliche Familienvermögen.

Eine Sekunde lang war sie in Versuchung, Zachary zu bitten, sie zu begleiten. Aber das wäre wohl ein Schock für ihre Eltern gewesen, auch wenn Zachary heute seine Haare nicht mehr so rebellisch lang trug wie damals und er inzwischen ein respektabler Arzt war – der allerdings nach wie vor mit dem Motorrad fuhr. Nein – wenn sie jemals den Mut aufbringen würde, Zachary zu bitten, mit ihr auszugehen, dann bestimmt nicht unter den prüfenden Blicken ihrer Eltern.

Rasch blickte sie auf die Uhr, während sie überlegte, ihre Eltern anzurufen und für den Abend abzusagen. Aber die Ankunft neuer Unfallopfer brachte sie von der Idee ab.

„Du schaust so angespannt auf die Uhr. Hast du heute Abend eine interessante Verabredung?“, fragte Zachary.

„Bestimmt nicht“, lachte sie. „Nur ein offizielles Dinner zusammen mit meinen Eltern, also genau das, worauf ich nach einem anstrengenden Arbeitstag wie diesem gern verzichten würde. Lieber würde ich in einem ganz normalen italienischen Restaurant eine Portion Spaghetti Bolognese oder Carbonara essen.“

Zachary lachte auf. „Ich erinnere mich, dass du schon damals auf der Highschool in der Kantine mehr Pasta verdrücken konntest als die anderen Mädchen und doch schlank bliebst. Außerdem warst du die Klügste in der ganzen Klasse – kein Wunder, dass die anderen Mädchen auf dich eifersüchtig waren.“

Amy war sprachlos – über seine lobenden Worte genauso wie über die Tatsache, dass er sich an alle diese Dinge erinnerte.

„Wenn die anderen Mädchen auf mich eifersüchtig waren, dann nur, weil der attraktivste Junge des Jahrgangs im Chemieunterricht neben mir saß“, entfuhr es ihr, bevor sie sich darüber klar wurde, was sie da sagte. Sie wurde rot. Am liebsten wäre sie im Boden versunken. Wütend auf sich selbst riss sie sich die Gummihandschuhe von den Händen und warf sie entschlossen in einen Abfalleimer.

„Der attraktivste Junge der ganzen Klasse?“, wiederholte Zachary mit einem breiten Grinsen. „Das höre ich heute zum ersten Mal.“

„Das glaube ich dir nicht. Warum hast du sonst die Haare so lang getragen, hattest immer eine Lederjacke an und bist mit dem Motorrad herumgedüst? Übrigens – jeder Junge und jedes Mädchen in der Klasse war scharf darauf, von dir zu einer Spritztour auf dem Motorrad eingeladen zu werden.“

„Bereit für die nächsten Patienten?“, rief Liz von der Tür her. Amy nickte.

„Das sind die letzten Unfallopfer. Wegen des enormen Staus auf dem Highway kommen sie erst jetzt hier an“, erklärte Liz.

„Bringt sie herein“, meinte Zachary. Als Liz verschwand, machte er einen langen Schritt auf Amy zu und stand so dicht neben ihr, dass ihre Schultern sich berührten. Amy lief eine Gänsehaut über den Rücken. Mit seinen dunklen Augen blickte er sie direkt an.

„Eines Tages“, murmelte er ihr ins Ohr, „werde ich dir sagen, warum ich mich damals so verhalten habe.“

3. KAPITEL

Zachary ließ sich an die Seitenlehne der hölzernen Bank zurücksinken und legte mit einem erleichterten Stöhnen die Füße hoch. War das ein Tag gewesen!

Vorsichtig trank er einen Schluck von dem heißen Kaffee, den er mit hinausgebracht hatte. Er war froh, dass er am zweiten Tag diese Bank in einem versteckten Winkel des kleinen Gartens entdeckt hatte, der hinter dem Gebäude lag, in dem die Notaufnahme untergebracht war. Hier konnte man ein paar Minuten Ruhe finden.

Er schaute zum Himmel empor, aber es waren kaum Sterne zu sehen. In dem afrikanischen Flüchtlingslager war das ganz anders gewesen. Wenn dort die Dunkelheit hereinbrach, hatte sich der Himmel in ein millionenfaches Lichtermeer verwandelt. Die Sterne hatten hell und klar geleuchtet. Manchmal glaubte er, sie mit den Händen greifen zu können.

Das war natürlich Unsinn. Genau wie sein Traum in der Nacht zuvor, in dem Amy auf dem Rücksitz seines Motorrades gesessen, die Arme um seine Hüften geschlungen und sich mit ihrem Körper an ihn gepresst hatte. So waren sie in die Nacht hinausgefahren.

Er fragte sich, ob ihn sein Unterbewusstsein an diesen Ort zurückgeführt hatte, weil er sie wiedertreffen wollte. Wenn er geahnt hätte, dass die elegante junge Frau, die sich über die verletzte alte Dame auf dem Fußgängerüberweg beugte, seine ABC war, hätte er sich ihr gegenüber anders verhalten und nicht wortlos den Unfallort verlassen. Als er ihr dann im Krankenhaus plötzlich gegenüberstand, hatte er seine Erinnerungen, die mit Macht auf ihn einströmten, kaum beherrschen können.

„Ha“, sagte er laut in die Dunkelheit. „Du hängst immer noch deinen Jugendträumen nach. In den vergangenen fünfzehn Jahren hättest du ruhig erwachsener werden können.“

Er hatte nie den Eindruck gehabt, dass sie ihn ermutigen wollte – weder damals noch heute. Für ihn war und blieb sie die Prinzessin, etwas Besonderes. Selbst wenn sie beide in ihren nicht sehr attraktiven Ärztekitteln völlig gleich angezogen waren, wirkte sie für ihn kühl und elegant, während er …

Er starrte auf seine zerknautschten Jeans. Das gleiche Outfit hatte er schon auf der Highschool getragen. Die anderen hatten das für cool gehalten, aber er hatte damals kein Geld gehabt, um sich andere Kleidung zu leisten.

„Normale“ Kleidung hätte sowieso sein Image bei den Lehrern und Mitschülern nicht verbessert. Sie hielten ihn für faul und aufsässig und waren überzeugt, er würde ein Versager werden. Nur Amy hatte sich mit ihm ohne Vorurteile unterhalten. Sie war es gewesen, die den Gedanken in ihm geweckt hatte, etwas aus seinem Leben zu machen. Auf die Idee, sie könnte an ihm Interesse haben, war er im Traum nicht gekommen.

Im Gegenteil, er war aus gutem Grund zu der Überzeugung gelangt, dass sie nicht das geringste Interesse an ihm hätte. Das hatte ihn zwei, drei Wochen lang in Depressionen gestürzt. Aber danach hatte er sich viel Mühe im Unterricht gegeben und schließlich seinen Abschluss mit guten Noten bestanden. Das hatte ihn darin bestärkt, alles zu versuchen, um im Beruf erfolgreich zu werden.

„Und so soll es auch bleiben“, sagte er in die schwarze Nacht. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es Zeit wurde, sich auf den Weg zu dem Wohltätigkeitsdinner zu machen, bei dem die Ärzteschaft die Aufgabe hatte, den reichen Leuten, die bedeutende Summen für den Unterhalt des Krankenhauses stifteten, ihre Referenz zu erweisen.

Zachary schwang seine Füße von der Bank und erhob sich. „So, und nun vergiss nicht die Lektion, die du damals gelernt hast – Prinzessinnen und arme Schlucker passen nicht zusammen.“

Zacharys Pulsschlag beschleunigte sich, als Amy eine Stunde später den Raum betrat. Sie hatte ihre honigblonden Haare zu einer bezaubernden Frisur aufgesteckt. Das dunkelblaue Seidenkleid betonte ihre schlanke Figur und erinnerte ihn mit den feinen silbernen Streifen an den funkelnden Nachthimmel in Afrika.

„Hör auf mit dem Unsinn“, murmelte er und nahm ein Glas Wein von dem Tablett, das ein Kellner ihm hinhielt. Er gab sich Mühe, nicht in Amys Nähe zu kommen, aber irgendwie hatte er sie immer im Blick. Ihr honigfarbenes Haar leuchtete in der Menge und wirkte auf ihn wie ein Fanal.

Schließlich seufzte er und gab seinem Wunsch, ihr nahe zu sein, nach.

„Dr. Willmott, wenn ich mich nicht irre“, sagte er, als er neben sie trat. „Sie sehen großartig aus.“

„Zachary.“ Die Freude, die aus ihren Augen leuchtete, wirkte auf ihn wie ein Adrenalinstoß. Ihre Pupillen weiteten sich vor Überraschung, als sie ihren Blick über sein Smokingjackett gleiten ließ. „Du siehst ebenfalls blendend aus. Große, schlanke Männer wirken immer besonders gut im Smoking – wie James Bond, elegant und selbstbewusst.“

„Elegant und selbstbewusst? Ich glaube, das gefällt mir“, meinte Zachary.

„Es ist nicht so, dass ich deine alte Lederjacke nicht mag“, sagt sie schnell.

„Soso, gnädige Frau sind ein Lederfetischist“, entgegnete Zachary empört. „Gut, dass ich das weiß.“

Amy kicherte. Ihre Augen funkelten vor Vergnügen bei seinem Scherz.

Mit einem Schlag besserte sich Zacharys Stimmung. „Wenn ich gewusst hätte, dass du auch zu dieser Veranstaltung kommst, hätte ich dich ja abholen können“, meinte er. „Dann hätte ich nicht mit Schrecken daran denken müssen, den Abend allein inmitten von lauter Fremden zu verbringen.“

„Soll ich dein Händchen halten?“, neckte sie ihn. Genau danach war ihm. Bisher hatte er sie nur ein- oder zweimal zufällig leicht berührt, wenn sie gemeinsam einen Patienten behandelten. Und jedes Mal war es, als ob ein elektrischer Schlag ihn getroffen hätte.

„Amy, meine Liebe“, sagte eine sonore, kultivierte Männerstimme hinter ihnen. „Willst du mir nicht deinen Freund vorstellen?“

Zacharys Nackenhaare stellten sich ruckartig auf. Es war mehr als fünfzehn Jahre her, seit er diese Stimme zum letzten Mal gehört hatte, ohne sie jemals vergessen zu haben.

„Vater.“ Amy und Zachary drehten sich um und standen einem älteren Ehepaar gegenüber. „Hallo, Mutter“, sagte Amy mit einem Lächeln, das weit weniger herzlich und offen war als das, mit dem sie Zachary zuvor begrüßt hatte. „Ein hübsches Kleid, die Farbe steht dir gut.“

„Amy.“ Mrs. Bowes Clark umarmte ihre Tochter, war aber sorgsam darauf bedacht, ihr elegantes burgunderrotes Kleid nicht in Unordnung zu bringen. „Warum hast du das Kleid nicht angezogen, das ich dir extra für heute Abend geschickt hatte?“

„Entschuldige, Mutter, aber ich habe das Paket erst gesehen, als ich schon dabei war, das Haus zu verlassen. Ich hatte es sehr eilig, weil bei uns so viel zu tun war.“

„Und warum stellst du uns nicht deinen Freund vor?“, wiederholte der Vater.

„Natürlich! Wie unhöflich von mir“, rief sie. „Zachary, das sind meine Eltern, Fiona und William Bowes Clark. Vater, Mutter – das ist Dr. Zachary Bowman. Er hat gerade auf der Notfallstation des Krankenhauses angefangen. Ihr erinnert euch vielleicht nicht, aber wir waren im letzten Jahr vor dem Medizinstudium zusammen auf der Highschool.“

Zachary sah, dass Amys Vater eins und eins zusammenzuzählen begann und dass er sich plötzlich an seinen Namen erinnerte. Nur der Titel und seine Stellung im Krankenhaus schienen ihn zu verwirren.

Doktor Bowman“, wiederholte er ungläubig, wobei er das Wort Doktor in die Länge zog. Dann drehte er sich um und stellte sich mit einer raschen Bewegung zwischen Zachary und seine Tochter. „Amy, wir haben deine Tischkarte auf unseren Tisch gestellt, direkt neben die von Jeremy Crossley.“

Zachary merkte, dass Amy ungehalten war wegen der Unhöflichkeit ihres Vaters ihm gegenüber. Er sah, wie ein ärgerlicher Ausdruck über ihr Gesicht huschte. Offensichtlich schätzte sie es nicht, wenn über ihren Kopf hinweg Entscheidungen für sie getroffen wurden.

Entschlossen hob sie ihr Kinn. „Oh, wie schade“, erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Aber ich habe Zachary schon versprochen, seine Tischdame zu sein. Vielleicht könnt ihr mir Mr. Cross ja ein andermal vorstellen.“

„Crossley“, verbesserte die Mutter rasch. „Jeremy Crossley … erinnerst du dich? Ich habe dir kürzlich erzählt, dass er sich in eine große Firma eingekauft hat, mit der dein Vater eng zusammenarbeitet.“

„Wie schön für ihn“, meinte Amy munter. Zachary musste sich anstrengen, um nicht loszulachen. Plötzlich verstand er, was hier vor sich ging. Amys Eltern waren auf der Suche nach einem neuen Ehemann für sie. Aber Amy schien es gar nicht zu gefallen, gedrängt und bevormundet zu werden. Zachary wusste nur eins ganz sicher – Amys Vater betrachtete ihn auf keinen Fall als einen geeigneten Kandidaten.

Aber wenn Amy seine Unterstützung haben wollte, um sich gegen solche Bevormundung zu wehren, dann sollte ihm das recht sein. Er würde sein Bestes geben.

„Schatz, ich glaube, es wird Zeit, dass wir an unseren Tisch gehen.“ Zachary legte seinen Arm um Amy und merkte, dass sie einen Moment lang ganz steif wurde bei dieser besitzergreifenden Geste. Eine Sekunde lang fürchtete er, sie könnte sich vor ihren Eltern von ihm losmachen.

Aber als er in ihre silbergrauen Augen sah, die plötzlich übermütig glitzerten, lächelte er beruhigt. Und dann spürte er, wie sie einen halben Schritt näher an ihn herantrat, sodass er ihren schlanken Körper fühlen konnte.

„Das ist eine gute Idee“, stimmte Amy zu. „Dann können wir uns noch unseren Tischnachbarn vorstellen, bevor das Dinner beginnt.“ Sie wandte sich an ihre verblüfften Eltern. „Genießt den Abend. Ich wünsche dir, Vater, dass eine Menge Spenden für das Krankenhaus zusammenkommen. Ich rufe euch am Wochenende an.“

Zachary konnte nur noch eine wortlose Verbeugung in Richtung des sprachlosen Elternpaares machen, bevor er mit Amy am Arm in den großen Speisesaal mit den festlich gedeckten Tischen hinüberging.

Alle Achtung, dachte er, wie schnell Amy sich die Verabredung mit ihm hatte einfallen lassen, um nicht an den Tisch ihrer Eltern gehen zu müssen. Mit ihm! Und als er sie „Schatz“ genannt und dann seinen Arm um sie gelegt hatte, war sie nur einen kurzen Moment verblüfft gewesen. Lediglich ihren Augen hatte er angesehen, dass es sie nicht unbeeindruckt gelassen hatte.

Nun ging sie an seiner Seite, hatte seine Hand genommen und ihre Finger fest mit seinen verschränkt – wie ein Liebespaar.

Schatz“, flüsterte sie ihm zu. Sie hatte eine Augenbraue hochgezogen, aber ihre Augen funkelten vor Vergnügen.

„Wäre ‚Liebling‘ dir lieber gewesen?“, fragte er mit rauer Stimme.

„Mir war es egal, wie du mich in dem Moment genannt hast – Hauptsache, du hast mich von Mutters neuestem Heiratskandidaten erlöst.“

„Aha, dann war ich wohl nur das kleinere von zwei Übeln“, meinte er betont scherzhaft, obwohl ihre Bemerkung ihn getroffen hatte.

„Bitte, so habe ich das doch nicht gemeint“, erwiderte sie heftig und so laut, dass einige Leute in der Nähe die Ohren spitzten. Sie schaute um sich. „Hier können wir nicht reden“, meinte sie und zog ihn hinüber in eine ruhigere Ecke des Raumes.

„Suchen Sie Ihren Tisch?“, fragte ein freundlicher Kellner. Amy schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht spiegelte genau das wider, was Zachary selbst dachte.

„Hat es irgendeine spürbare Auswirkung auf die Spendensumme, wenn wir uns brav hinsetzen und unser Dinner zu uns nehmen?“, fragte er leise.

„Nicht im Geringsten – es sei denn, du bist bereit, für viel Geld eine Menge Spendenbons zu kaufen“, flüsterte sie. Sie wusste genau, was er meinte, weil sie gerade das Gleiche gedacht hatte. „Was hältst du davon, wenn wir uns unauffällig verdrücken? Wie wäre es mit ein paar Fisch und Chips aus der Hand statt des langweiligen Hühnchens hier?“

„Ist denn der Imbissstand am Abend noch auf?“, wollte er wissen. Früher hatte er dort viele Monate als Aushilfe gejobbt, um sich das Geld für sein Motorrad zu verdienen. Aber seit er wieder hier war, hatte er noch nicht dort vorbeigeschaut und wusste deshalb nicht, ob es den Stand überhaupt noch gab.

„Natürlich ist er noch offen“, sagte Amy. Sie griff seine Hand und zog ihn zum Ausgang. „Ohne Melvins und Sheilas Imbissstand wäre die Stadt gar nicht vorstellbar.“

An der Garderobe ließ sie sich schnell ihren Mantel geben, blieb dann aber ruckartig stehen. „Um Gottes willen, so kann ich dich nicht begleiten“, rief sie.

Zachary zuckte zusammen. Damit hätte er rechnen müssen. Wie hatte er glauben können, sie hätte sich wirklich in diesen fünfzehn Jahren geändert? Wahrscheinlich hätte sie es doch vorgezogen, in ihrem schicken Kleid neben Jeremy Wer-auch-immer zu sitzen. Einmal Prinzessin, immer Prinzessin …

„In dem Kleid kann ich doch nicht auf dem Rücksitz deines Motorrades sitzen“, fuhr sie fort. „Der Rock wird mir sofort um die Ohren fliegen.“

Erleichtert atmete Zachary auf. Das also hatte sie gemeint.

„Kein Problem“, erwiderte er und klimperte mit einem Schlüsselbund. „Da ich nicht immer mit dem Motorrad herumfahren kann, habe ich einen kleinen Wagen gemietet.“

„Hast du Angst, dass dir Mücken auf den Zähnen kleben, wenn du im Krankenhaus ankommst?“, neckte sie ihn, als sie die paar Schritte hinüber zum Parkplatz gingen. „Donnerwetter“, sagte sie, als sie den blitzenden Sportwagen sah, auf den er zusteuerte. „Das ist dein kleiner Wagen? Wie schnell ist er?“

„Bis zum Imbissstand müssen wir uns an die Geschwindigkeitsbeschränkung halten“, meinte er, als er ihr die Tür aufhielt.

„Spielverderber.“ Lachend schaute sie zu ihm auf. Er m...

Autor

Kate Hardy
<p>Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
Mehr erfahren
Alison Roberts
<p>Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde. Sie fand eine...
Mehr erfahren
Josie Metcalfe
Als älteste Tochter einer großen Familie war Josie nie einsam, doch da ihr Vater bei der Armee war und häufig versetzt wurde, hatte sie selten Gelegenheiten, Freundschaften zu schließen. So wurden Bücher ihre Freunde und Fluchtmöglichkeit vor ihren lebhaften Geschwistern zugleich. Nach dem Schulabschluss wurde sie zur Lehrerin ausgebildet, mit...
Mehr erfahren
Kate Hardy
<p>Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
Mehr erfahren
Alison Roberts
<p>Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde. Sie fand eine...
Mehr erfahren