Julia Ärzte zum Verlieben Band 211

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TRAUMMANN MIT GEHEIMNIS von CAROL MARINELLI

Bei einem Noteinsatz in London trifft Schwester Sorcha den faszinierenden Arzt Richard. Sofort sprühen Funken zwischen ihnen. Sorcha fühlt sich wie verzaubert. Doch nach einer zärtlichen Liebesnacht muss sie jäh fürchten, dass Richards Herz einer anderen gehört …

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  • Erscheinungstag 13.12.2025
  • Bandnummer 211
  • ISBN / Artikelnummer 8031250211
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Carol Marinelli, Denise N. Wheatley, Tina Beckett

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 211

Carol Marinelli

1. KAPITEL

Indian Summer in London

Unauffällig zu verschwinden, das war sein Plan gewesen.

Dr. Richard Lewis hatte gehofft, im Zug zu sitzen oder wenigstens das Hotel verlassen zu haben, bevor seine Abwesenheit bemerkt wurde. Wenn dann die unausweichlichen Nachrichten aufpoppten, die Fragen, wo er sei, könnte er mit einem knappen Wort antworten. Cardiff. Oder rasch schreiben, dass er morgen wieder an Bord sein würde.

Es sollte nicht sein.

„Richard!“

Frustriert schloss er kurz die Augen, bevor er sich umwandte. Monica und George eilten durch das Hotelfoyer auf ihn zu.

Im Herzen Londons fand ein großer medizinischer Kongress statt, und alle Teilnehmenden waren in diesem Hotel in der Nähe von King’s Cross untergebracht. Mit sieben von ihnen hatte er zusammen studiert. Im Laufe der Jahre waren sie Kollegen und Freunde geworden.

Zwei davon stellten ihn nun in der Hotelhalle.

Monica war Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Primary im Londoner Norden und außerdem Rednerin bei der Konferenz. George, pädiatrischer Chefarzt ebenfalls am Primary, hatte gerade einen umfassenden Vortrag gehalten. Richard war weder für das eine noch das andere geplant, sondern besuchte die Tagung, um sich auf dem Laufenden zu halten und seine Fortbildungsstunden zu mehren.

Seine einst steile Karriere war zum Halten gekommen. Zurzeit arbeitete er als Vertretungsarzt in Londoner Notaufnahmen.

„Wir haben dich gesucht“, sagte Monica. „Wir treffen uns alle auf einen Drink an der Bar auf der Dachterrasse.“

„Rafi und Thomas sind auch dabei“, fügte George hinzu. „Allerdings haben wir noch nichts beschlossen, wo wir zum Abendessen hingehen. Wonach steht dir der Sinn?“

„Plant mich nicht mit ein.“ Richard schüttelte den Kopf. „Zum Dinner bin ich nicht hier.“

„Du verlässt uns?“ Monica verbarg ihre Enttäuschung nicht. „Ich dachte, du bleibst während der gesamten Konferenz …“

„Das habe ich auch vor“, bestätigte Richard. „Ich kann nur nicht mit euch zu Abend essen. Morgen früh bin ich wieder hier.“

„Aber wir haben uns kaum gesehen, seit die Tagung angefangen hat …“

„Ich war bei jedem Vortrag – und auch gestern Abend beim Dinner.“

„Das zum offiziellen Teil gehörte“, betonte Monica. „Und da bist du zu spät gekommen, nicht wahr, George?“

George wurde leicht rot, bevor er antwortete: „Na, so spät war er auch nicht.“

Richard unterdrückte ein Lächeln. Tatsächlich war er seit gestern Morgen im Hotel gewesen, um seinem Freund dabei zu helfen, dessen Präsentation vorzubereiten. Natürlich wollte George nicht, dass die hocheffiziente Monica davon Wind bekam!

„Ein netter Abend mit der alten Truppe ist doch genau das Richtige …“, begann George nun.

„Wie in alten Zeiten“, warf Monica ein.

Es würde nie wieder wie in alten Zeit sein.

Sie warteten darauf, dass der alte Richard zurückkam. Der Mann, der er vor fünfzehn, zehn, fünf, ja, sogar noch vor drei Jahren gewesen war. Doch diese Version seines Selbst existierte nicht mehr.

Natürlich verstand er, warum ihnen das nicht klar war. Schließlich sah er aus wie immer. Er war in ihrer Clique immer der Größte gewesen und sein Haar mit fünfunddreißig voll und akkurat frisiert, seine Wangen glatt rasiert.

Höflich und kontrolliert, wie er war, gehörte Richard sicher nicht zu denen, die für Überraschungen sorgten. Vorhersehbar. Deshalb vielleicht manchmal ein bisschen langweilig. Und er war stets gut gekleidet. Auch heute, im modischen dunkelblauen Anzug, weißem Hemd und als Farbtupfer mit einer grünen Seidenkrawatte, die selbst nach fünf am Spätnachmittag akkurat gebunden saß.

Typisch Richard.

Nun, nicht ganz.

„Wir gehen morgen Abend aus“, versprach er. „Im Hotelrestaurant wird spanisch-mexikanische Küche serviert … Ich habe nur Gutes gehört.“

George wirkte nicht begeistert. „Es dürfte schwierig werden, für uns alle einen Tisch zu ergattern“, schob er jedoch formale Gründe vor, statt zu sagen, dass er woandershin wollte.

„Wie wäre es mit Indisch?“ Monica lächelte Richard an. „Das mochtest du immer am liebsten.“

„Klar.“ Richard nickte, obwohl er nicht sicher war, ob er nach wie vor Indisch am liebsten aß. „Klingt gut.“

Als Monica sich auf den Weg zur Bar machte, blieb George stehen.

„Danke, dass du wegen gestern nichts gesagt hast. Es war gut, einen Testlauf zu haben …“

George war ein brillanter Mediziner, scheute jedoch Reden vor Publikum und hatte Richard um Hilfe gebeten. Gestern hatten sie sich, ohne dass die anderen davon wussten, in Georges Suite eingeschlossen, Mahlzeiten beim Zimmerservice bestellt und waren den Vortrag durchgegangen.

„Und es hat sich mehr als bezahlt gemacht. Du warst großartig.“

„Mich wundert, dass du nicht eingenickt bist. Schließlich hast du ihn dir gestern bestimmt zwanzig Mal anhören müssen.“

„Ich habe viel gelernt.“ Richard meinte, was er sagte. „Außerdem habe ich dir gern geholfen.“

„Vielen Dank noch einmal dafür. Ich revanchiere mich gern, falls du dich jemals entscheidest, deine Studien wieder aufzunehmen …“ George zögerte. „Versteh mich nicht falsch, ich versuche nicht, dich zu drängen. Ich weiß, die anderen übertreiben es manchmal …“

Richard zog es vor, nicht zu erwähnen, dass er sich für das Abschlussexamen im Mai zur Fellowship am Royal College of Emergency Medicine angemeldet hatte. Damit erwarb er die Mitgliedschaft im Ärzteverband der Notfallmediziner und eine höhere fachliche Qualifikation. Die Entscheidung fühlte sich noch zu frisch an, als dass darüber beim Abendessen diskutiert und debattiert würde – was unausweichlich der Fall wäre, wenn er mit der Neuigkeit herausrückte.

„Sie meinen es nur gut“, sagte er deshalb lediglich und blickte betont auf seine Armbanduhr. „George, ich würde gern bleiben und reden, aber ich möchte meinen Zug nicht verpassen.“

„Natürlich nicht.“

Diesmal schaffte er es bis zur kupferbeschlagenen Drehtür …

„Richard!“

Mr. Field, sein alter Chef und Mentor, betrat das Hotel. „Auf dem Weg nach draußen?“, fragte er. „Ich rate davon ab.“ Mr. Field war sehr rot im Gesicht und schweißnass. „Ein verdammter Ofen, da draußen …“

„Davon habe ich gehört.“ In der letzten Septemberwoche, praktisch im Herbst, ächzte England unter einer Hitzewelle. „Ich glaube, ein paar Kollegen vom Primary haben sich an der Bar auf der Dachterrasse versammelt, falls Sie aus dem für die Jahreszeit ungewöhnlichen Wetter das Beste machen wollen.“

„Danke, ich bleibe lieber hier bei der Klimaanlage“, sagte Mr. Field und musterte Richard von oben bis unten. „Haben Sie abgenommen, oder sind Sie noch gewachsen?“

„Ich bin noch gewachsen“, scherzte Richard. Eigentlich hatte er sich in den letzten beiden Tagen zu viele Kommentare zu seinem Gewicht anhören müssen, aber er wusste, dass Mr. Field es nur gut meinte.

„Wie wäre es morgen mit einem gemeinsamen Lunch?“, fragte er. „Keine Sorge, ich versuche nicht, Sie zu mästen. Ich möchte etwas besprechen. Nur wir beide.“

„Sicher, gern“, entgegnete er freundlich, obwohl er sich insgeheim wunderte. Mr. Field war ein stark beschäftigter Mann, vor allem bei Veranstaltungen wie diesen.

Sie verabredeten sich – oder vielmehr sagte Mr. Field, dass seine Sekretärin Tara sich bei Richard melden würde. „Dann bis morgen …“

Richard fuhr mit der U-Bahn nach Paddington. Ein vertrauter Bahnhof, belebt und voller geschäftig dahineilender Menschen. Seit Jahren unternahm Richard diese Fahrt, und bevor er sich die Fahrkarte kaufte, blieb er in der Bahnhofshalle stehen, um auf die Anzeigentafel zu sehen. Vielleicht erwischte er noch den früheren Zug. Doch der sollte just in dem Moment abfahren.

Als neben ihm jemand frustriert aufstöhnte, ahnte Richard, warum. Einige Zugverbindungen waren plötzlich ausgefallen.

Zum Glück wurde seine unverändert angezeigt.

Da wurde die Anzeige aktualisiert, und weitere Züge wurden gestrichen. Kollektives Aufstöhnen um ihn herum.

Die Verbindung nach Cardiff stand jedoch.

Erneut eine Aktualisierung, und statt Cardiff las Richard nun Cancelled.

Er suchte nach einem späteren Zug. Aber auch der fiel aus.

Die Lautsprecherdurchsage und die genervten Kommentare seiner Mitreisenden traten in den Hintergrund, als sich in ihm ein Gefühl breitmachte, das ihn tief ausatmen ließ.

Erleichterung.

Richard verdrängte seine Gefühle nicht, er teilte sie nur nicht bereitwillig. Deshalb verspürte er auch nicht das Bedürfnis, ins Hotel zurückzukehren und die Dachterrasse aufzusuchen, um die neuste Wendung zu berichten. Geschweige denn, sein Smartphone zu zücken, um der Gruppe ein Update zu geben.

Gut, bald würde er nach King’s Cross zurückfahren, doch im Moment stand er einfach da, mit unbewegter Miene, während er seiner inneren Reaktion auf den Zugausfall nachlauschte.

Erleichterung.

Er war froh, nicht fahren zu können.

2. KAPITEL

„Verzeihung …“

Sorcha Bells Versuch, die Rolltreppe hinaufzurennen, wurde erneut vereitelt – zierliche 1,58 Meter groß und mit ihrer sanften Stimme, der man die schottische Heimat anhörte, machte sie wenig Eindruck auf die Gruppe, die ihr den Weg versperrte.

„Entschuldigen Sie“, sagte sie etwas lauter, und diesmal machten sie Platz, um sie durchzulassen.

Sie stürmte die letzten Stufen hinauf und weigerte sich, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sie ihren Zug verpassen könnte.

Das lange rote Haar wehte ihr wild ins Gesicht, als sie die Rolltreppe verließ und durch die Bahnhofshalle zu ihrem Bahnsteig raste. Ihr Kleid aus fliederfarbenem Baumwollmusselin und die cremefarbenen Espadrilles waren für einen solchen Spurt nicht gerade die ideale Kleidung, aber wenigstens musste sie sich nicht mit schwerem Gepäck abschleppen. Sorcha trug nur einen Weekender über der Schulter.

Während sie weitereilte, stellte sie erfreut fest, dass der Bahnsteig noch nicht geöffnet war und die Reisenden in geordneter Schlange davorstanden.

„Geschafft …“, stieß sie hervor. Ihr Herz hämmerte. „So schnell bin ich zuletzt beim Sport in der Schule gelaufen“, sagte sie zu niemand Bestimmtem.

Eine Frau, die genauso atemlos nach ihr ankam, lachte. „Ich auch“, keuchte sie. „Ich war sicher, dass ich ihn verpassen würde. Das ist doch der Zug nach Edinburgh?“

„Ja.“ Sorcha blickte zu der Bahnhofsuhr mit den römischen Ziffern auf, die in den vergangenen Monaten ein Fixpunkt in ihrem Leben gewesen war. Gleich fünf Uhr. „Sie müssten uns bald einlassen“, fügte sie hinzu und überlegte laut, ob der Speisewagen wohl geöffnet sei.

Während sie in der Schlange warteten, unterhielten sie sich über das Wetter hier und zu Hause und über die Comedyshow, zu der die junge Frau wollte.

Ihre Namen nannten sie nicht, dies war nur Small Talk.

Sosehr Sorcha schwierige Unterhaltungen mied, beim Small Talk brillierte sie!

„War er dieses Jahr beim Fringe?“, fragte sie. Der Name des Komikers kam ihr bekannt vor.

Das Edinburgh Fringe Festival hatte vor einem Monat Ende August stattgefunden, und sie liebte es. Da sie keine zwei Stunden von Edinburgh entfernt wohnte, besuchte sie das Festival, so oft sie konnte.

„Hätte ich gewusst, dass er auftritt, wäre ich hingegangen.“

„In diesem Jahr nicht. Anscheinend hat er …“ Sie verstummte abrupt, als ein Mann im Anzug schwankend auf sie zukam und Sorcha dabei anrempelte.

„Hey!“, rief die Frau ihm nach. „Haben Sie keine Augen im Kopf?“

Sorcha richtete sich auf, während der Mann weitertaumelte.

Dabei hätte es bleiben können.

Doch als sie ihr Ticket bereithielt und in der Schlange weiter vorrückte, ließ ihr der Zwischenfall keine Ruhe. Sorcha drehte sich um und sah sich den Mann genauer an. Mittleres Alter, gepflegt, kurz geschnittenes blondes Haar. Aber sein Gesicht war gerötet, die Haarsträhnen klebten ihm am Kopf, und ja, er schien sich kaum auf den Beinen halten zu können. Sorcha beobachtete, wie er einen jungen Mann, der gerade telefonierte, anrempelte. Man hätte ihn für betrunken halten können, doch als Unfallschwester wusste sie, dass es ein folgenschwerer Fehler sein konnte, allein Alkohol als Ursache für seinen Zustand zu vermuten.

„Miss …?“

Jemand bedeutete ihr, weiter aufzurücken, und Sorcha ging auf die Schranke zu, bereit, hindurchzugehen. Im letzten Moment wandte sie sich noch einmal um. Der Mann stand wie erstarrt da, während Menschen an ihm vorbeihasteten. Plötzlich drehte er sich leicht, verzog das Gesicht und packte seinen linken Arm.

„Miss?“, rief ihr der Bahnbedienstete zu. „Wenn Sie bitte weitergehen würden …“

„Der Mann dort …“, begann Sorcha und sah, wie er sich vorbeugte, den Arm losließ und sich an die Brust griff.

Für Erklärungen blieb keine Zeit. Sorcha verließ die Warteschlange und eilte zu ihm, hoffte insgeheim, dass sie überreagierte.

„Sir?“

Er krümmte sich, streckte die Hand aus und umklammerte ihren Arm. Einen Moment lang fürchtete sie, dass sie beide zu Boden gehen würden. Sein Griff fühlte sich an wie ein Schraubstock, und sie spürte und sah die Panik des Mannes. Nein, sie hatte nicht überreagiert. Sorcha bat einen Passanten um Hilfe, doch der eilte weiter. Als sie einen anderen ansprach, er möchte einen Krankenwagen rufen, wurde ihre Stimme von einer Lautsprechansage übertönt.

Ein Blick zur Uhr verriet, dass es zwei Minuten nach fünf war. Sie würde den Zug verpassen.

Unwichtig im Moment.

„Kommen Sie, am besten setzen Sie sich erst mal“, sagte sie so ruhig wie möglich.

Einige Meter entfernt standen Bänke, aber angesichts der Tatsache, dass der Mann zu kollabieren drohte, waren sie zu weit weg. Sorcha gelang es, ihn zu einer Wand zu führen. Erschöpft lehnte er sich dagegen, wollte sich aber nicht hinsetzen.

„Ich bin gleich wieder okay“, erklärte er und versuchte, normal zu sprechen. Doch noch immer presste er mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hand auf die Brust.

„Sie müssen sich setzen“, drängte sie. „Ich bin Sorcha, ich bin Krankenschwester. Wie heißen Sie?“

„Edward. Meine Brust …“

Er zerrte an seiner Krawatte, als würde er ersticken, ließ dann kraftlos die Hand sinken. Endlich schien er zu akzeptieren, dass er sich nicht länger auf den Beinen halten konnte, und sackte schwer gegen die Wand. Sorcha half ihm, daran hinunterzugleiten, bis er sicher auf dem Boden saß. Wieder rief sie um Hilfe.

„Ich brauche einen Krankenwagen!“

Niemand reagierte. Manche hasteten vorbei, andere standen da und blickten zu den Anzeigetafeln hinauf.

Sorcha wollte schon ihr Telefon aus der Tasche ziehen und selbst den Notruf absetzen, aber da kam die Frau, mit der sie vorhin geplaudert hatte, auf sie zugelaufen. Auch der Bahnbedienstete, der sie zum Weiterrücken aufgefordert hatte, eilte herbei.

„Was kann ich tun?“, fragte sie.

„Rufen Sie einen Krankenwagen.“ Sorcha wandte sich an den Bahnbediensteten. „Gibt es hier einen Defibrillator?“

„Ich hole ihn. Und die Ersthelferin müsste gleich hier sein.“

„Gut.“ Froh darüber, dass Unterstützung nahte, hoffte Sorcha gleichzeitig, dass sie den Defi nicht brauchen würden. Aber sie wusste auch, dass Edward jede Sekunde einen Herzstillstand erleiden konnte.

Der Mann war schwer krank, sein Gesicht nicht länger gerötet, sondern aschfahl, das blonde Haar dunkel vor Schweiß. Sorcha war überzeugt, dass er hier und jetzt einen Herzinfarkt hatte.

„Der Krankenwagen ist unterwegs“, sagte sie zu ihm und versuchte, Informationen zu sammeln – zu seiner medizinischen Vorgeschichte, zu Allergien. Aber viel bekam sie aus ihm nicht heraus. Edward sorgte sich allein um seine Frau.

„Ich muss mir Ihren Kugelschreiber ausleihen.“ Sorcha griff in seine Jacketttasche. „Bis ich einen in meiner großen Tasche gefunden habe …“

Papier fand sie jedoch schnell und schrieb seine Kontaktdaten auf.

„Meine Frau wartet auf mich …“ Er erzählte Sorcha, dass sie sich in Covent Garden verabredet hätten. „Ich komme immer zu spät.“

„Das ist okay.“ Sie fühlte ihm den Puls. Er war schwach und ungleichmäßig. Nervosität ließ ihr Herz schneller schlagen, und Sorcha gab sich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Auf keinen Fall durfte Edward ihre eigene Unruhe spüren.

Sorcha arbeitete in einer Notaufnahme in der Nähe von Edinburgh. Obwohl es ein kleines Krankenhaus war, verfügte es über ein unglaubliches Team und die beste Ausrüstung. Ganz gleich, welche Situation sie meistern musste, Sorcha fühlte sich nie allein.

Jetzt allerdings, obwohl sich gerade eine Gruppe Umstehender bildete, fühlte sie sich sehr allein.

Sie überlegte, was sie am besten unternahm, sollte Edwards Zustand sich massiv verschlimmern. Wenn sein Herz stehen blieb, würde sie ihn hinlegen und an den Defi anschließen, der hoffentlich bald gebracht wurde.

„Immer zu spät …“, murmelte Edward, als sie seine Krawatte löste.

„Heute haben Sie eine besonders gute Ausrede“, scherzte sie und nahm ihm die Krawatte ab. „Ich kann Sie sogar krankschreiben, ich habe ja Ihren Kugelschreiber.“

Er lachte leise, während sie Stift und Krawatte in seine Jackentasche schob. Wie so oft, half auch in den schlimmsten Situationen ein bisschen Humor.

Edward öffnete die Augen und suchte ihren Blick. „Gestern Abend haben wir uns deswegen gestritten“, vertraute er ihr an und lächelte reumütig.

Da ihr Gesicht das Letzte sein konnte, was er in seinem Leben sah, blendete Sorcha die Menschen um sie herum aus. „Möchten Sie, dass ich sie anrufe?“

„Noch nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie leidet unter Panikattacken.“

Er versuchte, seine Frau zu schützen. Versuchte für die Frau, die er liebte, die Normalität noch eine Weile länger aufrechtzuerhalten.

Sorcha hörte Schritte, dann eine Männerstimme. „Hier, bitte.“ Der Bahnangestellte hielt den Defi in der Hand. Sie bedankte sich, ohne Edward aus den Augen zu lassen. „Die Ersthelferin ist bei jemand anderem“, informierte der Mann sie, während er den Koffer absetzte. „Er hat sich schwer den Knöchel verstaucht. Sie fragt, wie schlimm dies ist …“

„Holen Sie jemand, der bei dem verletzten Knöchel wartet“, sagte Sorcha. Die Ersthelferin schien zu denken, dass es hier um einen leichten Schwächeanfall aufgrund der Hitze ging. „Und bitten Sie die Ersthelferin, so schnell wie möglich herzukommen.“ Sie wandte sich wieder zu Edward um. „Ich werde jetzt Ihr Hemd öffnen.“

„Bleiben Sie hier?“

„Natürlich.“ Beruhigend berührte sie ihn am Arm. „Sie machen das gut, Edward. Ich weiß, Sie haben Schmerzen.“

Wie lange brauchte der Krankenwagen?

Als sie zur Bahnhofsuhr hochblickte, stellte sie überrascht fest, dass erst wenige Minuten vergangen waren. Es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit.

Und es wurde schlimmer.

„Edward?“, rief sie, als er in sich zusammensackte.

Er hob den Kopf und nickte, leckte sich mit der Zunge über die blassen Lippen.

„Hatte ich Ihnen gesagt, wie ich heiße?“, versuchte sie, ihn am Reden zu halten.

„Sorcha.“ Wieder nickte er. „Schottin …?“

„Ja.“

„Unsere Flitterwochen …“ Er konnte den Satz nicht beenden.

„Waren Sie in Schottland? Wie heißt Ihre Frau?“

Keine Antwort.

„Edward? Sagen Sie mir den Namen Ihrer Frau.“

Er rührte sich.

„Wie heißt Ihre Frau?“, wiederholte sie mit Nachdruck.

„Anna.“

Es drängte sie zu schreien, wo denn der Krankenwagen bliebe, aber sie wollte nicht, dass Edward ihr die Angst anhörte. Außerdem wäre es zwecklos, der Wagen war unterwegs und musste jederzeit eintreffen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie das Bahnhofspersonal die Schaulustigen aufforderte, Platz zu machen, damit die Sanitäter freie Bahn hatten. Sehr gut, dachte sie dankbar.

Trotzdem fühlte sie sich allein – vor allem, als Edward sie angstvoll anblickte.

„Ich will nicht hier sterben“, sagte er.

In seinen blassblauen Augen war deutlich zu lesen, dass er genau wusste, wie es um ihn stand.

„Ich lasse es nicht zu“, versicherte sie und sah ihn an.

Es war kein leeres Versprechen. Sollte sein Herz stehen bleiben, würde sie sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen. Der Krankenwagen brachte ihn sicherlich rechtzeitig ins Krankenhaus.

Plötzlich verdrehte er die Augen, sein Kopf fiel nach hinten, Edward wurde aschgrau im Gesicht. Schweiß strömte ihm aus allen Poren. Sorcha riss die letzten Knöpfe auf, um die Defi-Elektroden anzulegen.

„Tut mir leid, dass ich so ruppig sein muss“, sagte sie, als wäre es normal, einem Fremden das Hemd vom Körper zu reißen. Sie redete weiter, bemühte sich um einen lockeren Tonfall. „Ich werde Sie jetzt auf den Rücken legen, Edward.“

„Kann ich helfen?“

Sie hörte eine tiefe ruhige Stimme und sah auf. Der Mann kniete sich an Edwards andere Seite.

„Ich muss ihn hinlegen.“

Der Neuankömmling nickte und hielt Edwards Oberkörper, und gemeinsam betteten sie ihn behutsam auf dem harten Boden. Zwar war der Fremde kein Sanitäter, wie sie gehofft hatte, doch er strahlte Ruhe und Kompetenz aus. Sorcha fühlte sich wie von einem Retter in der Not erlöst.

„So ist es besser“, sagte der Mann und tastete an Edwards Hals nach dem Puls. Die Augen auf den Patienten gerichtet, fragte er Sorcha, was passiert sei.

„Plötzlich einsetzende Brustschmerzen.“ Sie blickte zur Uhr. „Vor ungefähr acht Minuten.“ Es fühlte sich viel länger an.

„Wurde ein Krankenwagen gerufen?“

„Der ist unterwegs. Und die Ersthelferin kommt gleich.“

„Kennen Sie ihn?“

„Nein. Er fiel mir auf, weil er schwankte und sich nicht unter Kontrolle zu haben schien.“

„Okay. Mein Name ist Richard Lewis, ich bin Notfallmediziner und arbeite in der Nähe.“ Er blickte Sorcha an. „Gibt es hier einen Defi?“

„Ja, ich habe ihn hier.“

„Ausgezeichnet.“ Richard griff danach und begann, die Elektroden auf Edwards Brust zu befestigen. Dabei fragte er nach ihrem Namen.

„Sorcha.“

Hörbar außer Atem, traf die Ersthelferin ein und erklärte, dass sie am entgegengesetzten Ende des Bahnhofs gewesen war.

„Haben Sie Aspirin dabei?“, fragte Richard, und sie nickte, während sie ihre Tasche öffnete.

„Nehmen Sie die“, sagte Richard und schob ihm die Tabletten in den Mund. Die Wasserflasche, die die Ersthelferin ihm anbot, lehnte er ab. „Sie lösen sich auf.“

„Wasser …“, keuchte Edward.

Sorcha nahm eine Mullkompresse aus der Erste-Hilfe-Tasche, benetzte sie mit Wasser und befeuchtete ihm die Lippen.

Edwards Handy klingelte. Er stöhnte auf. „Meine Frau …“

„Sie waren verabredet“, erklärte Sorcha. „Er macht sich Sorgen, dass er sie in Panik versetzen könnte.“

„Ich spreche mit Ihrer Frau“, bot Richard an. Doch Edward schüttelte den Kopf, immer noch überzeugt, er müsste sie schützen.

„Sie leidet unter Panikattacken“, sagte Sorcha, damit Richard verstand, worum es Edward ging.

„Edward?“ Richard sah ihm direkt in die Augen. „Würde sie bei Ihnen sein wollen?“

Er nickte.

„Dann geben Sie ihr die Chance.“

Edward schloss die Augen und nickte wieder.

„Guter Mann“, sagte Richard.

„Sie heißt Anna“, teilte Sorcha mit, während sie mit Edwards Hilfe das Handy entsperrte.

Als es klingelte, reichte sie es Richard.

„Anna? Hier spricht Richard Lewis“, stellte er sich vor. „Ich bin Arzt …“ Präzise und ruhig erklärte er die Situation, ohne Edward aus den Augen zu lassen. „Ich weiß, es ist ein Schock für Sie“, sagte er schließlich. „Lassen Sie sich einen Moment Zeit, damit klarzukommen.“

Er wartete und nahm dann das Gespräch wieder auf. Natürlich konnte er nicht wissen, in welches Krankenhaus Edward gebracht werden würde, doch er sagte, dass es vermutlich das in der Nähe wäre.

„Machen Sie sich am besten auf den Weg dorthin. Wir geben Ihre Kontaktdaten an die Sanitäter weiter.“ Richard blieb förmlich, aber freundlich. „Ja“, fuhr er fort. „Er ist bei Bewusstsein. Möchten Sie ihn sprechen?“

Er wandte sich kurz von Edward ab, und Sorcha hörte, wie er Anna bat, Edward zu beruhigen. Und ihm zu versichern, dass es ihr gut ging.

„Das wird ihm sehr helfen. Ich reiche Sie jetzt weiter.“ Richard hielt Edward das Handy ans Ohr. „Hier ist Anna …“, sagte er.

Edward konnte kaum reden und hielt die Augen geschlossen, während er ein paar Worte herausbrachte. „Ich liebe dich auch“, sagte er zum Schluss matt.

Nun konnten sie nur noch warten. Edward reagierte kaum auf Ansprache. Trotzdem redete Sorcha weiter mit ihm, versicherte, dass sie bei ihm war und dass Anna unterwegs zu ihm sei.

„Der Krankenwagen ist da“, verkündete die Ersthelferin endlich.

Erleichtert richtete sich Sorcha auf und ließ sich auf die Fersen sinken. Die Menge teilte sich, und mit Fahrtrage, Sauerstoff und anderer medizinischer Ausrüstung ausgestattet, erschienen die Sanitäter in ihren vertrauten grünen Overalls.

„Richard!“, begrüßte ihn einer der Notfallsanitäter. „Du bist auch hier!“

„Das ist Edward …“, stellte Richard den Patienten vor, und Sorcha stand auf, um das Rettungsteam arbeiten zu lassen. Ihr war ein wenig schwindlig, und ihre Beine fühlten sich taub an, als sie sich an die Wand lehnte. Die Sanitäter arbeiteten zügig, legten einen Venenzugang und verabreichten Schmerzmittel. Das EKG bestätigte einen Herzinfarkt.

„Sie verständigen den Kardiologen im Krankenhaus, dass er Sie demnächst in Empfang nehmen kann“, erklärte Richard einem inzwischen stark benommenen Edward, während einer der Sanitäter EKG- und andere Werte an den Facharzt weiterleitete.

Sorcha kannte den Ablauf – allerdings von Krankenhausseite aus. Der Countdown startete, sobald die Ankunft eines Infarktpatienten angekündigt wurde. Ziel des Teams in der Notaufnahme war es, ihn innerhalb der folgenden neunzig Minuten auf dem OP-Tisch und einen Stent eingesetzt zu haben.

„Wann waren Sie bei ihm?“, erkundigte sich ein Sanitäter bei ihr.

„Um fünf“, antwortete sie, erinnerte sich dann jedoch, dass sie die Uhrzeit gecheckt hatte. „Zwei Minuten nach fünf, um genau zu sein.“

Sie blickte wieder zur Bahnhofsuhr, im ersten Moment verwirrt, dass seitdem erst einundzwanzig Minuten vergangen waren. Ja, sie fragte sich sogar, ob die Uhr stehen geblieben war und sie dem Sanitäter eine falsche Zeit genannt haben könnte. Doch Richard bestätigte ihre Angaben.

„Ich war kurz danach vor Ort …“

Da jede Minute zählte und ein kardiologisches Team auf den Patienten wartete, blieb Sorcha unendlich erleichtert zurück, als ein aschgrauer, fast bewusstloser Edward mit Sirene und Blaulicht ins Krankenhaus gefahren wurde.

„Gute Arbeit“, sagte Richard zur Ersthelferin und allen anderen, die mitgeholfen hatten. Dann nickte er Sorcha zu. „Gut gemacht.“

„Sie auch.“ Sorcha strich sich das zerknitterte Kleid glatt und gestand: „Ich war noch nie so froh, jemanden zu sehen.“

„Viel habe ich gar nicht getan. Als ich ankam, hatten Sie alles unter Kontrolle.“

„Oh nein, es ist immer gut aufzusehen und …“ Sie verstummte, unsicher, was sie ihm eigentlich sagen wollte. Sie hatte Hilfe gehabt – von der Frau, die den Rettungswagen gerufen hatte, und geschultem Bahnhofspersonal – und dennoch erst in dem Moment, als Richard auf der Bildfläche erschien, gewusst, dass alles gut werden würde. Dass er die Situation im Griff hatte, selbst wenn sie noch dramatischer werden sollte.

Weil er Selbstvertrauen ausstrahlte?

Präsenz zeigte?

Sorcha beschloss, später darüber nachzudenken. Jetzt würde sie erst einmal nachsehen, ob sie ihren Zug noch erwischte oder den nächsten nehmen musste.

„Ich gehe dann mal …“ Sie blickte zur Anzeigetafel hinauf. „Wahrscheinlich habe ich meinen Zug nach Edinburgh verpasst. Ich hoffe, es fährt noch einer.“

„Hier kommt niemand mehr weg“, hielt Richard sie auf. „Sämtliche Züge sind ausgefallen.“

„Aber ich wollte vorhin gerade einsteigen …“ Sorcha sah sich um. Tatsächlich stand an ihrem Bahnsteig die Anzeige auf Cancelled, und die grimmigen Mienen der wartenden Passagiere verrieten ein Übriges. „Sind wirklich alle Züge gestrichen?“

„Sieht so aus.“

„Seit wann?“

„Kurz bevor ich hörte, wie Sie nach einem Krankenwagen riefen …“ Er betrachtete sie forschend. „Sicher, dass es Ihnen gut geht, Sorcha?“

„Doch, klar.“

„Wie wäre es mit einem Drink?“

Die Einladung kam so plötzlich wie unerwartet, aber sein nächster Satz erklärte die Frage.

„Sie sind sehr blass.“

„Oh, bin ich immer …“, versuchte sie zu scherzen.

„Nein.“ Richard schüttelte den Kopf. „Vertrauen Sie mir.“

Seltsamerweise tat sie es längst …

Richard war nicht entgangen, wie Sorcha beim Aufstehen schwankte. Doch nun war sie kreideweiß im Gesicht. Die grünen Augen leuchteten intensiver, und die zarten Sommersprossen wirkten dunkler auf der hellen Haut.

„Kommen Sie, wir setzen uns.“ Er nahm sie beim Arm und schaute sich um. Nicht weit von ihnen entdeckte er einen freien Tisch vor einem Café und schlug vor, dass sie dort wartete, während er für beide bestellte.

„Ich habe kein Bargeld bei mir.“ Sie zog ihr Handy aus der Tasche. „Aber ich könnte …“

„Sorcha“, unterbrach er sie. „Mir ist lieber, Sie setzen sich, als dass ich mich um einen zweiten Kollaps innerhalb einer Stunde kümmern muss.“

„Kann ich verstehen.“ Zum Glück ließ sie sich darauf ein. „Ich hätte gern ein Wasser und … vielleicht einen Kaffee, schwarz, mit einem Schuss Milch.“

Er brachte einiges mehr mit.

„Hier, bitte.“ Richard stellte das Tablett mit Kaffee, Wasserflaschen und zwei üppig belegten Baguettes ab. „Das eine ist mit Käse und Gewürzgurke, das andere mit Hähnchenbrust und Salat. Suchen Sie sich eins aus.“

Sorcha trank zuerst Wasser und griff danach zum Hähnchen-Baguette. „Vielen Dank.“

Sie war schon nicht mehr so blass.

„Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen.“ Hungrig biss sie in das Brot. „Ich wollte als Erstes in den Speisewagen gehen.“

„Sind Sie beruflich in London?“

„Nein …“ Sie schüttelte den Kopf. „Nur für eine Übernachtung. Ich habe …“ Kurz zögerte sie. „… meine Mum besucht.“

„Bekommen Sie bei ihr nichts zu essen?“, fragte er, sah, wie sie die Lippen zusammenpresste, und ahnte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. „Entschuldigen Sie, das war respektlos.“

„Schon gut. Ich habe ihr beim Streichen geholfen, und als es Mittag wurde … Sie hatte nicht viel da.“

„Bitte?“ Er war nicht sicher, was sie meinte, was wahrscheinlich auch an ihrem starken Akzent lag.

„Lebensmittel. Nichts in den Schränken oder im Kühlschrank. Also bin ich für sie einkaufen gegangen. Deshalb kam ich zu spät zum Bahnhof.“

„Verstehe.“

Was nicht stimmte.

Anscheinend war sie aus Schottland hergekommen, um ihrer Mutter beim Renovieren zu helfen, und hatte nichts zu essen gehabt. So angespannt, wie sie geantwortet hatte, hütete er sich jedoch, weiter nachzufragen.

Obwohl es ihn interessierte. Und das überraschte ihn.

Für gewöhnlich mied er in diesen Tagen Gespräche außerhalb der Arbeit, und das aus dem einfachen Grund, weil …

„Glauben Sie, er kommt durch?“ Offensichtlich war sie mit den Gedanken noch bei Edward. „Natürlich können Sie das nicht sicher sagen, aber …“

„Doch, ich glaube, dass er es schafft“, sagte Richard. „Zumindest hat er die besten Chancen – das Krankenhaus ist ganz in der Nähe von King’s Cross. Ich schaue am Montag vorbei und sehe nach, wie es ihm geht.“

„Wirklich?“

„Ja. Zurzeit arbeite ich dort in der Notaufnahme. Normalerweise erkundige ich mich auf den Stationen nicht, was aus einem Notfallpatienten geworden ist, aber in diesem Fall ist es …“ Richard überlegte einen Moment. „Es ist persönlicher, wenn es außerhalb der Dienstzeit passiert, oder?“

Sorcha nickte. „Schon merkwürdig …“ Sie erzählte ihm, wie sie ständig zur Uhr gesehen hatte. „Ich dachte wirklich, dass sie stehen geblieben war. Es fühlte sich an, als würde die Zeit langsamer vergehen.“

„Wenn jede Sekunde zählt, achten wir mehr auf jede einzelne.“

„Ja, das muss es sein – jede Sekunde zählte.“

„Waren Sie außerhalb der Arbeit noch nie mit einem solchen Notfall konfrontiert?“

„Nein. Ich hatte große Angst.“

„Das hat man Ihnen nicht angemerkt.“

„Vielleicht, nachdem Sie dazugekommen waren. Aber ich habe mir die ganze Zeit gesagt, dass ich bloß nicht zeigen darf, welche Sorgen ich mir gemacht habe – und dass mein Anblick für Edward das Letzte sein könnte, was er sieht.“

Bei ihren eindringlichen Worten wich sein Lächeln einem nachdenklichen Ausdruck. Sorcha bekam davon nichts mit, da sie die Brotkrumen aufpickte, die von ihrem Baguette auf den Teller gefallen waren.

„Wo wollten Sie hinfahren?“, fragte sie.

„Nach Cardiff. Aber alle Züge von Paddington aus wurden plötzlich gestrichen, also bin ich zurück nach King’s Cross. Nur um festzustellen, dass hier das Gleiche passierte. Ich nehme an einer Konferenz teil.“

„Sie leben nicht in Cardiff?“

„Nein, ich wohne …“ Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden, weil eine Durchsage über Lautsprecher kam. Richard schwieg, um zuzuhören. Die Informationen waren allerdings spärlich.

„Was glauben Sie, was ‚in absehbarer Zukunft‘ heißt?“ Sorcha verdrehte die Augen.

„Es heißt, dass ich telefonieren muss“, sagte Richard.

„Gut, dann suche ich mal die Örtlichkeiten auf.“ Sorcha erhob sich. Zwar musste sie wirklich zur Toilette, wollte ihn aber auch ungestört seinen Anruf erledigen lassen. „Halten Sie mir den Platz frei?“

„Verzeihung?“ Er wirkte verwirrt oder hatte sie vielleicht nicht richtig verstanden.

„Ich meine, ich bin gleich wieder da.“

„Oh …“ Er nickte. „Natürlich.“

Vor den Kabinen hatte sich eine Schlange gebildet, und Sorcha musste warten. Sie hörte den Gesprächen um sie herum zu und erfuhr, dass wohl aufgrund einer Cyberattacke alle nationalen Bahncomputer außer Betrieb waren. Allmählich wurde ihr klar, dass sie heute nicht mehr nach Hause kommen würde. Panik wallte in ihr auf bei dem Gedanken, heute Nacht in London festzusitzen. Falls der Schaden nicht behoben wurde, würden viele Gestrandete nach einer Unterkunft suchen.

Sorcha checkte online die verfügbaren Zimmer in der Pension, wo sie gestern übernachtet hatte. Zwei waren noch frei …

Besser vorsorgen, als das Nachsehen haben.

Die Schlange bewegte sich nur im Schneckentempo weiter.

Mein gut aussehender Begleiter wundert sich bestimmt, wo ich so lange bleibe, dachte Sorcha, als sie sich schließlich die Hände wusch.

Oh ja, er sah sogar sehr gut aus.

Sie hielt einen Moment inne, während das Wasser über ihre Finger strömte. Nachdem das Adrenalin nachgelassen und sie etwas gegessen hatte – und wahrscheinlich, weil sie Abstand zu ihm hatte, dämmerte ihr, wie attraktiv Richard Lewis tatsächlich war.

Und so jemanden fragst du, ob er dir den Platz freihält! Wahrscheinlich hatte er das Handy aus der Tasche gezogen in der Hoffnung, dass sie den Wink verstand und sich verabschiedete, nachdem sie sich erholt hatte.

Sorcha blickte in den Spiegel und wurde rot. So rot wie sonst, wenn sie mit jemandem sprach, der so umwerfend aussah.

Hilfe!

Ihr Haar war zerzaust, der Staub vom Bahnsteig auf ihren Wangen gelandet, und ihr Kleid so tief heruntergezogen, dass ein BH-Träger zu sehen war.

Rasch spritzte sie sich Wasser ins Gesicht, holte ein Haarband aus der Tasche und band die wilden Locken oben auf dem Kopf zusammen. Dann richtete sie ihr Kleid und verließ den Waschraum. Auf dem Weg zurück ins Café nahm sie sich vor, etwas gesitteter aufzutreten.

Falls er noch da war.

Sie war ziemlich sicher, dass er gegangen war.

Sorcha maß dem bedrückenden Gefühl, das sie bei dem Gedanken beschlich, keine große Bedeutung bei – schließlich hatten sie kaum miteinander gesprochen. Außerdem war ihr dieses Gefühl vertraut … aufgegeben worden zu sein, nicht gut genug zu sein.

Ursache war eine grundlegende Angst, verlassen zu werden.

Sie trieb sie dazu, Beziehungen zu beenden, bevor der andere sie beendete.

Sie trieb sie hierher nach London, um das Verhältnis zu ihrer leiblichen Mutter zu klären … und sich zu heilen.

Der Tisch war verlassen, ein Kellner räumte Becher und Teller ab. Doch gerade, als sie sich in ihrer Vorahnung bestätigt fühlte, trat der Kellner beiseite, und Sorcha sah Richard aus dem Café kommen. Er nickte der Bedienung zu und setzte sich wieder an den Tisch.

Er ist noch da.

„Hey …“

Richard lächelte, als sie an den Tisch kam, und sie spürte ein nervöses Flattern im Bauch. Wie hatte sie vorhin so unbefangen mit ihm hier sitzen können?

„Ich dachte, Sie sind gegangen“, gestand sie, während sie Platz nahm.

„Warum? Sie hatten mich gebeten, Ihnen den Stuhl freizuhalten.“ Er schob ihr eine Papiertüte hin, und bei einem Blick hinein entdeckte sie zwei Mandelcroissants darin. „Die habe ich uns besorgt“, sagte er, lockerte seine Krawatte und löste den obersten Hemdknopf. „Ich habe mit dem Kellner gesprochen. Vermutlich werden wir noch eine Weile bleiben müssen. Anscheinend gab es landesweit einen Cyberangriff auf den Bahnverkehr. Gerade ist Birmingham dran.“

„Ja, ich habe es im Handy gesehen.“

Richard wirkte völlig entspannt, ganz im Gegenteil zu ihr. Was er allerdings nicht zu merken schien, als er sich ein Croissant nahm und ein Stück abriss. „Wenigstens können Sie bei Ihrer Mutter bleiben.“

„So gut kenne ich sie nicht.“ Sorcha seufzte. Erst als sie sein Stirnrunzeln sah, begriff sie, wie seltsam sich das angehört haben musste. „Sie ist meine leibliche Mutter. Und wir sind uns erst vor Kurzem begegnet.“

„Oh.“

„Es ist besser, wenn ich ihr nicht auf die Pelle rücke. Ich glaube nicht, dass sie …“ Sorcha unterbrach sich. Der umwerfende Fremde wollte bestimmt keine Einzelheiten wissen – er war nur höflich. „Wie auch immer, ich habe gerade ein Hotelzimmer gebucht.“

„Jetzt schon?“

„Ich saß einmal in Edinburgh fest, ohne Unterkunft“, erzählte sie. „Es war schrecklich.“ Konsterniert beobachtete sie, wie er sein Croissant in den Kaffee tunkte. „Iih!“

„Entschuldigung, normalerweise lasse ich mir diese scheußliche Angewohnheit nur zu Hause durchgehen.“ Er legte das matschige Croissant hin. „Es ist mein einziges Laster.“

„Lassen Sie sich von mir nicht stören.“ Sorcha griff das vorherige Thema auf: „Mir war nicht danach, eine kalte Nacht wie damals in Edinburgh zu wiederholen. Deshalb habe ich schnell eins der letzten Zimmer in der Pension reserviert, wo ich gestern übernachtet hatte.“

„Verständlich, aber schade. Mein Hotelzimmer ist ganz in der Nähe, Sie hätten es haben können.“

„Dr. Lewis!“ Sie vergaß ihre Befangenheit und tat geschockt. „Wir haben uns gerade erst kennengelernt!“

„Nein, nein …“, beeilte er sich, das Missverständnis aufzuklären, sah das vergnügte Funkeln in ihren Augen und lachte auf. „Was ich meinte“, sagte er, ein Lächeln in der Stimme, während er ihren Blick festhielt, „ist, dass ich zurzeit an einem Kongress teilnehme und deshalb sowohl meine Wohnung als auch ein Hotelzimmer habe.“

„Puh!“, stieß sie hervor, als hätte sie wirklich einen Moment lang angenommen, dass dieser sehr förmliche Mann ihr Avancen machte.

„Es scheint Ihnen nicht viel auszumachen, dass Sie aus London nicht wegkommen“, sagte er nach einer Weile.

„Nein, zumindest nicht, seit ich eine Unterkunft habe. Vielleicht sehe ich mir sogar die Stadt an. Ich war noch nie am Big Ben oder Buckingham Palace. Es waren immer Kurztrips und praktisch jedes Mal unter Zeitdruck.“

„Bei mir auch“, gestand er. „Zumindest in letzter Zeit.“

„War es wichtig?“

Er sah sie fragend an, schien nicht zu verstehen, was sie meinte.

„Die Fahrt nach Cardiff?“

„Ja.“ Sie hatte absolute Priorität, und das seit drei Jahren. Doch dann erinnerte er sich, wie erleichtert er reagiert hatte, als am Bahnhof Paddington die Anzeigen umklappten und Cancelled zeigten.

Sorcha musste das alles nicht wissen. Abgesehen davon, war er die angespannte Konversation leid, wenn die Leute versuchten, das Richtige zu sagen. Und darauf würde es auch hier hinauslaufen, wenn er ihr die Wahrheit erzählte.

Ihm gefiel, wie sie gerade miteinander waren.

„Ich komme schon noch hin“, sagte er.

Tatsächlich hatte es etwas Befreiendes, in einer Bahnhofshalle dem geschäftigen Treiben zuzusehen und sich in angenehmer Gesellschaft zu unterhalten.

„Ist es ein großer Kongress?“

„Ja, er dauert vier Tage.“

„Dann bekommen Sie sicher viele Fortbildungsstunden angerechnet?“ Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung.

Es brachte ihn zum Lächeln.

„Richtig. Es war der Hauptgrund, warum ich mich angemeldet habe. Aber jetzt bin ich begeistert dabei.“

„Also ist er es wert?“

„Auf jeden Fall.“

Sie redeten eine Weile über die Arbeit, doch für Richard war es das Schönste, einfach hier zu sitzen, mal schweigend, mal unbefangen mitzuteilen, was ihnen rundherum auffiel. Sie erfanden sogar ein neues Spiel: Handy oder Passant.

Die Regeln waren simpel, und die ahnungslosen Reisenden wurden unauffällig observiert.

„Da ist wieder jemand …“, sagte Sorcha, und beide richteten sich auf, um eine Frau im eleganten Hosenanzug zu beobachten, die von der U-Bahn kam und durch die Halle lief, um ihren Zug noch zu erreichen. Genau wie Sorcha vorhin.

„Handy!“ Sorcha fällte ihr Urteil, noch ehe die Frau abrupt stehen blieb.

Sie hatten bereits ein paar Runden gespielt, und wer sich zuerst festlegte, überließ dem anderen die zweite Möglichkeit.

Gespannt verfolgten sie, wie ihre Zielperson zur Anzeigetafel hinaufblickte und sich dann langsam umsah.

„Verdammt“, murmelte Richard, als die Frau in ihre Handtasche griff.

„Habe ich’s nicht gesagt …“ Sorcha war felsenfest überzeugt, dass ihre erste Reaktion der Blick aufs Handy sein würde.

„Moment …“, warnte Richard.

Gespannt sahen sie zu, während die Frau, ihr Smartphone in der Hand, auf eine Gruppe zuging.

„Komm schon“, drängte Richard. „Frag …“

„Nein, sieh aufs Handy. Ruf jemanden an.“

„Whoa …“, entfuhr es Richard, als die Frau plötzlich die Richtung änderte und schnurstracks zum Informationsschalter marschierte. Sie reihte sich in die Warteschlange ein, ohne auf ihrem Handy zu scrollen oder jemanden anzusprechen.

Sie lagen beide falsch. Zum ersten Mal.

Es war der schönste Zugausfall, den er je erlebt hatte.

„Ich erinnere mich …“ Sorcha nickte, als eine große Gruppe vorbeiging, die Frauen in hübschen Kleidern, die Männer in Anzügen. Alle redeten und lachten miteinander.

„An was?“

„Dieses Freitagabendgefühl.“

„Welches Gefühl?“

„Von Freiheit.“ Sie lächelte. „Wenn die Arbeitswoche vorbei ist und man nirgendwo sein muss. Ich habe in einer Firma gearbeitet.“

„Bevor Sie Krankenschwester wurden?“

„Es war schrecklich. Freitags rannten wir aus dem Büro wie die Kinder, die nach dem Schuljahr in die Sommerferien entlassen wurden.“

Richard lächelte bei ihrer Beschreibung.

„Wir kennen so etwas nicht, wir Schichtarbeiter. Es hatte etwas, wenn alle gleichzeitig Feierabend hatten.“

„Stimmt.“ Er überlegte kurz. „Als ich noch studierte, ja, da war das Wochenende der springende Punkt.“

„Schichtarbeit hat auch Vorteile“, meinte Sorcha, nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten. „Man kann seine Zahnarzttermine in der Woche auf Zeiten legen, in denen man nicht vorher oder hinterher in der Rushhour festhängt.“

„Ich hänge immer in der Rushhour fest.“ Richard seufzte. „In der U-Bahn.“

„Kann sein, dass es mir bald genauso geht. Letzte Woche hatte ich ein paar Vorstellungsgespräche. Ich hoffe, ich kann nach London ziehen und hier arbeiten, zumindest für einige Monate. Großstadterfahrung sammeln.“

Erneut schwiegen sie einträchtig.

„Warum nicht in Edinburgh oder Glasgow?“, nahm Richard den Faden wieder auf. „Beides Großstädte und näher an zu Hause.“

„Mag sein, aber …“

Stille.

„Ich möchte sie gern etwas besser kennenlernen.“

„Ihr leibliche Mutter?“ Richard wandte den Blick von der Bahnhofsszenerie ab und sah Sorcha an.

„Amanda … ich nenne sie beim Vornamen. Bei Ihnen habe ich nur ‚meine Mum‘ gesagt, weil …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Nun, es war einfacher. Ich wusste ja nicht, dass wir mehr reden würden … Zu Hause kann ich sie nicht erwähnen.“ Wieder zuckten ihre schmalen Schultern. „Es regt sie nur auf.“

„Ihre Adoptiveltern?“ Als sie nickte, fragte er nach: „Wissen sie, dass Sie heute hier sind?“

„Nein.“ Sorcha schüttelte den Kopf. „Ich fand es einfacher, nichts zu sagen.“

Für gewöhnlich ging es ihm genauso. Die Dinge sein lassen, nicht nachbohren. Außer, wenn er arbeitete oder sich um Infarktpatienten in der Bahnhofshalle kümmerte, ließ er sich grundsätzlich nicht auf weiterführende Gespräche ein. Doch das hier, so plötzlich mit ihr hier gestrandet zu sein, Wege, die sich kreuzten …

Etwas an Sorcha brachte ihn dazu, nicht nur zuzuhören, sondern mehr wissen zu wollen.

Tatsächlich war er jetzt derjenige, der die Unterhaltung vertiefte. „Einfacher für wen?“

„Für uns alle – meine Eltern wollen nichts davon hören, und ich mag nichts erzählen.“ Sie lachte flüchtig auf. „Aber nun sitze ich in der Falle.“

„Warum?“

„Morgen muss ich meine Schwester vom Flughafen abholen. Wenn ich meinen Eltern sage, dass ich in London festhänge, können sie sich denken, wo ich bin.“

„Wohnen Sie bei ihnen?“

„Du lieber Himmel, nein. Ich habe meine eigene Wohnung. Sie sind nur …“ Resigniertes Schulterzucken. „Ach, mir fällt schon etwas ein.“

„Sagen Sie doch, dass Sie mit einem Mann zum Dinner verabredet waren, bevor sämtliche Züge ausgefallen sind.“

Ihr Lachen verriet, dass sie den Vorschlag nicht hilfreich fand. Als sie wegschaute, merkte er, dass er unwillkürlich den Atem angehalten hatte. Bot er ihr nicht nur eine Ausrede für ihre Eltern an, sondern mehr?

Schlug er vor, essen zu gehen? Mit ihm?

„Ich weiß nicht, ob sie mir das abnehmen.“ Lächelnd wandte sie sich ihm zu. „Ein ziemlich langer Weg für ein Dinner-Date.“

Richard wischte den Einwand beiseite. „Sagen Sie ihnen, er ist gute Gesellschaft.“

„Das ist er in der Tat.“

„Wir könnten zuerst etwas trinken gehen.“

„Klingt großartig.“

Immerhin war es Freitagabend.

Und da war dieses Gefühl …

Freiheit. Nirgends sein zu müssen.

Wieder verhielt sich die Zeit seltsam.

Jede Sekunde zählte.

3. KAPITEL

In dieser Gegend von London war Sorcha nie gewesen.

Zum Glück kannte Richard sich aus, und bald spazierten sie eine verwinkelte Gasse entlang, hinter deren nächster Biegung ein altmodischer Pub lag.

Winzig und voller Leute.

„Es gibt einen Garten.“ Richard zeigte auf eine Tür.

„Ich hole unsere Drinks“, sagte Sorcha. „Sie suchen uns einen Tisch. Was wollen Sie trinken?“

Kurze Zeit später brachte sie die Getränke nach draußen. Richard hatte einen idyllisch unter einem Baum gelegenen Tisch gefunden. Sorcha setzte ihren Weißwein und das Mineralwasser mit Eis und Zitrone ab. „Sie sind ein billiges Date“, meinte sie lächelnd.

Es ist kein Date, korrigierte sie sich im Stillen. Sie schlugen nur gemeinsam die Zeit tot, bis wieder Züge fuhren.

Dennoch verspürte sie ein Kitzeln im Bauch, ein köstliches, schwindlig machendes Gefühl, als sie sich ansahen. Beide saßen vornübergebeugt, Sorcha mit aufgestützten Ellbogen, das Kinn mit einer Hand abgestützt, während sie sich unterhielten.

„Sie haben also in einer Firma gearbeitet“, sagte Richard. „Und was genau?“

„Meistens am Empfang.“ Sorcha stöhnte bei der Erinnerung unterdrückt auf. „Irgendwann haben sie mich da weggesetzt, weil ich angeblich zu viel mit Klienten redete. Als hätte ich denen finanzielle Ratschläge gegeben! Es war ein Wirtschaftsprüfungsunternehmen in Edinburgh, alles sehr förmlich und konservativ. Wir durften nur gedeckte Töne in Grau oder Marineblau tragen und …“

„Mode ist Ihnen wichtig?“

„Nein, das nicht, aber es war ziemlich langweilig – die Männer in Anzügen mit Krawatte und …“ Ihr Blick fiel auf seinen Anzug und die tadellos sitzende Krawatte. „Oh, ich wollte nicht andeuten …“ Sie schluckte.

„Reden Sie weiter.“

„Nun, Sie sehen im Anzug sehr gut aus.“

„Danke.“

„Und ich bin sicher, Sie sind nicht …“

„Nicht was?“

Ihm war sicher nicht entgangen, dass sie rot geworden war. Er lächelte, neckte sie wegen ihrer Verlegenheit.

„Konservativ.“

„Oh, aber das bin ich.“

„Ich wollte nur sagen, dass das Büroleben nichts für mich war. Allerdings hatte ich keine Ahnung, was ich stattdessen machen wollte.“

„Überhaupt nicht?“

„Nicht die Bohne.“ Sie überlegte. „Geheimagentin vielleicht, eine Spionin …“ Sorcha musste lachen. „Nein, im Ernst, ich hatte keine Ahnung. Meine Schwester wusste schon immer, dass sie Stewardess werden wollte …“ Sie verdrehte die Augen.

„Wie heißt Ihre Schwester?“

„Theresa, und sie ist ein Jahr jünger als ich.“

„Und wie alt sind Sie?“

„Was denken Sie?“

Richard schüttelte den Kopf. „So dumm bin ich nicht.“

„Doch, raten Sie.“

Wie alt ist Sorcha? fragte sich Richard.

Bevor sie sich zur Krankenschwester ausbilden ließ, hatte sie in einem Unternehmen gearbeitet. Demnach müsste sie Mitte, Ende zwanzig sein. Er suchte nach äußerlichen Anzeichen dafür.

Sah richtig hin.

Kein Make-up. Volle Lippen, leicht geöffnet zu einem Lächeln, das weiße Zähne erahnen ließ. Ein anziehendes Lächeln. Die wilde rote Lockenpracht, die seinen Blick als Erstes angezogen hatte, war nun hochgesteckt. Ein paar vorwitzige Strähnen tanzten auf ihren runden Wangen, und die tief stehende Abendsonne brachte die Kupfer- und Goldtöne darin zum Leuchten.

Weiterhin fiel ihm auf, dass sie keine Ohrringe trug, die Ohrläppchen waren nicht durchstochen. Als er den Blick über ihr Gesicht und über den Hals tiefer gleiten ließ, entdeckte er auch sonst keinen Schmuck. Richard setzte seine Musterung fort, betrachtete ihre schlanke Gestalt und das hübsche zartlila Kleid. Während sie sich um Edward kümmerte, hatte er höflich ignoriert, dass ihr spitzenbesetzter BH-Träger an der Schulter hervorblitzte. Jetzt hielt er es genauso und lenkte seinen Blick zurück zu ihrem Gesicht, sah in grüne Augen.

Wunderschön.

Anstatt seinen Gedanken auszusprechen, entschied er sich für eine vernünftigere Antwort. „Vierundzwanzig.“

„Ich vermute, Sie haben noch zwei Jahre abgezogen, um ...

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