Julia Arztroman Band 44

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VERWIRRENDE GEFÜHLE FÜR DR. MACINTYRE von JENNIFER TAYLOR

Dr. James MacIntyre stürzt in ein Wechselbad der Gefühle, als er in der Notaufnahme mit Bella zusammenarbeiten muss. Einerseits ist er wütend auf die schöne Ärztin, weil sie seinen ehemals besten Freund verlassen hat. Andererseits begehrt er sie mehr denn je …

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  • Erscheinungstag 11.04.2026
  • Bandnummer 44
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540841
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jennifer Taylor, Kate Hardy, Fiona McArthur

JULIA ARZTROMAN BAND 44

Jennifer Taylor

1. KAPITEL

Sie hatte sich überhaupt nicht verändert – immer noch so groß und schlank, das rotgoldene Haar im Nacken zu einem eleganten Knoten geschlungen. Bella English sah so wunderschön aus wie an dem Tag, als Mac sie das letzte Mal gesehen hatte: an ihrem Hochzeitstag.

„Mac, ich hörte schon, dass du wieder da bist. Schön, dich zu sehen, Kumpel. Wie geht es dir?“

„Super, danke, Lou.“ James MacIntyre – alle nannten ihn Mac – drehte sich um und lächelte Lou, den Pförtner, an.

Aus den Augenwinkeln konnte Mac immer noch Bella sehen, doch sein Blick ruhte weiterhin auf Lou. Nachdem Mac vor ein paar Tagen mit seinem alten Freund Tim gesprochen hatte, war er jetzt nicht allzu erpicht darauf, mit Bella zu reden.

„Ich muss sagen, du siehst super aus, Lou. Offensichtlich hat es dir gutgetan, in die pädiatrische Notaufnahme zu wechseln. Du wirkst bestimmt zehn Jahre jünger als damals, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.“

„Das wäre schön.“ Lous runzeliges Gesicht verwandelte sich in ein schiefes Grinsen. „Aber ich bräuchte sicher zehn Operationen, um wie eine Dalverston-Version von George Clooney auszusehen.“ Er blickte Mac kurz über die Schulter, schaute ihn wieder an und zwinkerte ihm dann zu. „Okay, ich gehe jetzt besser. Ich sehe dich später.“

„Bis dann.“ Mac brauchte sich gar nicht umzudrehen, um zu wissen, wer da kam. Er konnte ihr Parfüm riechen, diesen leichten Duft von Freesien, den sie immer trug. Sie hatte ihm einmal erzählt, dass dieser Duft speziell für sie kreiert worden war. Und er fand, dass er perfekt zu ihr passte.

Bella war die Art von Frau, die ihr eigenes Parfüm trug. Nichts an ihr war gewöhnlich oder alltäglich.

Mac drehte sich langsam um und registrierte all die Details, die er schon vergessen geglaubt hatte. Obwohl Bella immer schlank gewesen war, wirkte sie jetzt jedoch fast dünn. Und obwohl ihr Teint zart aussah wie in seiner Erinnerung, bemerkte er die dunklen Ringe unter ihren grünen Augen – offensichtlich eine Folge vieler schlafloser Nächte. War es das schlechte Gewissen, das ihr den Schlaf raubte?

Bitterkeit stieg in Mac auf. Er wusste nicht, ob Bella auch nur die Spur eines schlechten Gewissens verspürte, nachdem sie ihre Ehe mit Tim beendet hat.

„Hallo, Mac. Ich hörte, dass du wieder da bist. Wie geht es dir?“

Mac verspürte unwillkürlich den Drang, Bella an den Schultern zu packen und sie zu schütteln, so sehr wünschte er sich eine Antwort auf die Frage, warum sie Tim verlassen hatte. Sie hatte Tims Leben ruiniert – war ihr das denn gar nicht klar? Und kümmerte es sie nicht, dass sie alle Versprechen gebrochen hatte, die sie ihrem Mann vor drei Jahren gegeben hatte?

Liebe, Ehrlichkeit und Respekt. Mac erinnerte sich an die Trauung, an Bellas klare Stimme, als sie Tim ewige Treue geschworen hatte. Und er hatte ihr jedes Wort geglaubt. Er fühlte sich genauso hintergangen, wie Tim sich jetzt fühlen musste.

Der Gedanke schockierte ihn so, dass er ihr nicht sofort antwortete. Bella und er waren nie mehr als Freunde gewesen – darauf hatte er immer geachtet. Warum also war er so enttäuscht von ihr?

Er blendete die Überlegung aus, denn er wusste, dass es töricht war. Wenn er in den nächsten Wochen mit Bella arbeiten sollte, durfte das Geschehene ihnen nicht im Wege stehen.

„Gut, danke“, sagte er darum. „Ich bin schon sehr gespannt auf die neue Abteilung.“ Er schaute sich um und nickte. „Ich muss sagen, es sieht großartig aus. Offensichtlich hat man keine Kosten und Mühen gescheut.“

„Nein, alles ist auf dem neuesten Stand. Wir sind schon fast einen Monat hier, und ich muss mich noch immer kneifen, wenn ich zur Arbeit komme. Ich kann gar nicht fassen, was für tolle Geräte wir zur Verfügung haben.“

Bellas Lachen klang rauchig, und Mac fühlte, wie sich auch die kleinsten Härchen an seinem Körper aufrichteten. Er hatte ihr Lachen fast vergessen. Vergessen, wie sanft es war und wie sexy.

Ihr Lachen war damals das Erste gewesen, was ihm an ihr aufgefallen war. Es war in der Uni gewesen. Er stand in der Schlange in der Mensa und hörte hinter sich eine Frau lachen. Er hatte sich umgedreht, um zu sehen, wem dieses Lachen gehörte …

Mac schob die Erinnerung daran beiseite, er konnte jetzt keine weitere Ablenkung gebrauchen. Er wusste, wem gegenüber er loyal war, und er wusste, dass er auf Tims Seite stand. Tim hatte ihm alles von der Beziehung zu Bella erzählt, vom Anfang bis zum Ende. Und auch wenn Mac wusste, dass immer zwei beteiligt waren, wenn eine Beziehung scheiterte, so wusste er doch, dass Bella die Hauptschuld trug.

Nein, Tims größter Fehler war es gewesen, dass er Bella geliebt hatte und zu nachsichtig mit ihr gewesen war.

„Bist du deshalb hierher nach Dalverston gekommen?“, fragte Mac. „Wegen der Aussicht, auf so einer tollen Station zu arbeiten? Ich war ziemlich überrascht, als ich hörte, dass du London verlassen hast.“

„Es war einer der Gründe, ja.“

Bellas Miene war ernst geworden, und Macs Herz zog sich zusammen, als er den Schmerz in ihren Augen bemerkte. Tim war verletzt, aber Bella litt auch, wie es schien. Diese Erkenntnis berührte ihn mehr, als sie sollte. Er versuchte, sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen, als sie fortfuhr.

„Ich musste weg, und dies schien mir das Richtige zu sein. Es ist ein Neuanfang für mich, und hoffentlich ist es das auch für Tim.“

Bella konnte die Feindseligkeit regelrecht spüren, die Mac ausstrahlte, und es verletzte sie, dass er sie verurteilte und ihr offensichtlich die Schuld gab.

Ihr war klar, dass Tim ihm seine Version der Geschichte erzählt haben musste. Sie hoffte zwar, dass Mac sich auch ihre Version anhören würde, bevor er ein endgültiges Urteil über sie fällte. Aber wie es schien, gab es für ihn keinen Zweifel an Tims Geschichte.

Sie war diejenige, die ihre Ehe zerstört hatte, und Tim war das unschuldige Opfer.

Sie wandte sich ab, weil sie sich nicht verteidigen wollte. Sie hatte sich geschworen, sich nicht zu rechtfertigen, als sie erfuhr, welche Lügen Tim über sie verbreitete. Sie hatte es bei anderen Paaren mit ansehen müssen, was passierte, wenn zwei Menschen sich einen Rosenkrieg lieferten. Auf dieses Niveau wollte sie sich nicht begeben – das hatte sie sich fest vorgenommen. Die Leute glaubten sowieso, was sie glauben wollten.

Wenn sie alles abstritt, was Tim behauptete, nämlich dass sie für ihn nicht gut gewesen war, dass sie seine Karriere zerstört und ihre Ehe beendet hatte, weil sie kein Baby bekommen wollte, würde ihr das sowieso kaum jemand glauben.

In ihrer Beziehung war sie stets die Zurückhaltende gewesen, diejenige, die länger brauchte, um Freundschaften zu schließen, während Tim immer gern im Mittelpunkt stand. Er scharte Menschen um sich, fand sehr schnell neue Freunde, und wenn er sie kurze Zeit später wieder fallen ließ, schien ihm das niemand übel zu nehmen. Nein, wenn die Leute die Wahl hatten, würden sie Tims Version glauben. Ebenso wie Mac, wie es schien.

Sie verspürte einen scharfen Schmerz bei dieser Erkenntnis, als sie ihm den Weg zur Aufnahme zeigte. Obwohl sie wusste, dass es albern war, hasste sie den Gedanken, dass sie in Macs Ansehen gesunken war.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, als sie sich Janet Davies zuwandte, der Kollegin am Empfang. Sie würde Mac nicht merken lassen, wie es in ihr aussah.

„Dies ist Dr. MacIntyre, Janet. Er wird Dr. Timpson vertreten, bis sie sich von ihrem Unfall erholt hat.“

„Oh, ich kenne Mac. Wer tut das nicht?“ Janet kam um die Theke herum und umarmte ihn. „Also, wo waren Sie diesmal? Afrika? Indien? In der äußersten Mongolei?“

Mac erwiderte die Umarmung, und er lächelte so strahlend, dass es Bella warm ums Herz wurde.

„Philippinen“, antwortete er.

Er hatte schon immer ein wundervolles Lächeln, dachte Bella. Er hatte sie allerdings nie so ehrlich und warm angelächelt wie gerade Janet.

„Oje.“ Janet verzog das Gesicht. „War es wirklich so schlimm, wie es im Fernsehen aussah?“

„Schlimmer.“ Mac schüttelte den Kopf, und eine dunkelbraune Haarsträhne fiel ihm in die Stirn.

Sie müssten geschnitten werden, fand Bella. Aber es stand ihm gut, die leicht zerzausten Haare betonten irgendwie seine Männlichkeit. Mac sah genauso aus, wie er war: ein Mann, der in jeder Situation unerschütterlich war, jemand, auf den man sich immer verlassen konnte, der einen nie im Stich ließ.

Bellas Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen. Mit Mac hätte sie das vergangene harte Jahr überstehen können.

„Der Taifun hat ganze Städte zerstört, und die Menschen hatten nur noch das, was sie am Leibe trugen. Es war ein harter Job. Am Anfang konnten wir kaum eine Basisversorgung leisten“, erzählte Mac weiter.

„Wie furchtbar!“ Janet schüttelte sich, als sie wieder an ihren Platz ging. „Das macht einen dankbar, hier zu leben, oder?“

„Das ist wohl wahr.“ Mac lächelte. „Auch wenn es hier mehr regnet als in anderen Teilen der Welt.“

Janet lachte, als sie zum Telefon griff.

Bella wandte sich zum Whiteboard und checkte die Namen, die dort aufgelistet waren, fest entschlossen, nun mit ihrer Arbeit weiterzumachen. Möglich, dass sie und Mac einiges zu klären hatten, doch in erster Linie waren sie Kollegen – und das war die Hauptsache.

Auf der Liste standen drei Namen von Kindern, die bereits untersucht worden waren und bei denen noch Ergebnisse ausstanden. Sie zeigte auf einen der Namen, als Mac sich ihr zuwandte.

„Es wäre schön, wenn du sie dir mal anschauen würdest. Chloe Adams, acht Jahre alt, heute Morgen um vier Uhr eingeliefert. Sie klagte über starke Kopfschmerzen, und sie hat sich auch übergeben.“ Bella seufzte. „Sie leidet wohl schon länger an quälenden Kopfschmerzen. Ihre Mutter ist mit ihr zum Kinderarzt gegangen, der eine Infektion vermutete, aber davon bin ich nicht überzeugt.“

„Was denkst du?“, fragte Mac. „Meinst du, dass es etwas Ernstes ist?“

„Ja, ich habe Ausfallerscheinungen bei der Koordination bemerkt, als ich sie untersucht habe. Möglicherweise ein Tumor. Ich habe ihre Mutter gefragt, ob sie irgendetwas bemerkt hat – einen schwerfälligen Gang, Stolpern, Gleichgewichtsverlust, aber sie sagte Nein.“ Bella zuckte die Schultern. „Chloe ist eines von fünf Geschwistern, und ich habe den Eindruck, dass ihre Mutter mit der Situation überfordert ist, weil der Vater die Familie Anfang des Jahres verlassen hat.“

„Ich verstehe. Es muss hart sein, wenn man auf diese Weise verlassen wird“, bemerkte Mac vielsagend.

So vielsagend, dass Bella wusste, dass er auf ihre Situation anspielte.

Ihre Wangen röteten sich, als sie zu den Kabinen gingen. Sie hatte Tim nicht verlassen. Sie war gegangen, weil Tim es ihr unmöglich gemacht hatte, zu bleiben. Sie hatte versucht, ihm zu helfen, hatte alles getan, was sie konnte, doch es hatte nichts genutzt.

Tim konnte nicht von den Schmerzmitteln lassen. Oh, er hatte es versprochen, sogar zigmal geschworen, aber er hatte gelogen. Die Drogen hatten ihn verändert – aus dem Mann, den sie geheiratet hatte, hatten sie einen Lügner gemacht.

Sie und Tim waren an einen Punkt gekommen, an dem sie nichts anderes mehr tun konnte, als zu gehen. Und sie war sicher, dass es für ihn das Beste gewesen war. Danach hatte er schließlich Hilfe angenommen und einen Entzug gemacht. Vielleicht hätte sie wieder zu ihm zurückgehen sollen …

Bella hatte ernsthaft darüber nachgedacht. Aber dann hatte sie von seiner Affäre erfahren. Sie war am Boden zerstört gewesen – und hätte bestenfalls noch aus Pflichtgefühl zu ihm zurückkehren können, aber das wäre weder richtig noch fair gewesen, nicht für ihn und auch nicht für sie.

Plötzlich musste sie sich fragen, ob sie Tim jemals geliebt hatte. Warum war sie nicht bereit gewesen, um ihn zu kämpfen? Die Wahrheit war, dass sie sich über ihre Gefühle nie wirklich im Klaren gewesen war. Als einzige Tochter karriereorientierter Eltern hatte sie früh gelernt, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Selbst als erwachsene Frau hatte sie Gefühle nur schwer zulassen können.

Sie hatte gedacht, Tim sei eine sichere Wahl – ein Mann aus ihren Kreisen, mit ihm zusammen zu sein hatte sich gut und richtig angefühlt.

Mit Mac war es ganz anders. Obwohl sie und Mac immer nur Freunde gewesen waren, hatten seine Selbstsicherheit und Lebenserfahrung sie von Anfang an verunsichert. Alles an ihm kam ihr irgendwie fremd vor. Gefährlich. Er war eine Bedrohung für ihren Seelenfrieden. Immer noch.

Bella holte tief Luft. Wenn sie Mac all die Jahre als gefährlich empfunden hatte, dann war er es jetzt erst recht, wo sie sich so verletzlich fühlte.

„Mrs. Adams? Ich bin Dr. MacIntyre. Dr. English bat mich, nach Ihrer Tochter zu schauen.“

Mac lächelte die etwas gequält dreinschauende Frau an, die neben dem Bett saß. Er wusste, dass Bella hinter ihm stand, und versuchte deshalb umso mehr, sich auf die andere Frau zu konzentrieren. Er hatte sich geschworen, sich sachlich zu verhalten und Bella nicht mit Vorwürfen zu konfrontieren. Sie mochte ihre Ehe unwürdig beendet haben, doch es war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sie darauf anzusprechen oder darüber zu diskutieren.

„Sie fühlt sich schon viel besser, stimmt’s, Chloe?“ Donna Adams sah ihre Tochter an und bedeutete ihr, zuzustimmen.

Mac seufzte. Egal, wie lange es dauern würde oder wie unangenehm es für die Mutter werden würde, sie mussten Chloes Problemen auf den Grund gehen.

„Das ist schön“, sagte er. „Aber ich denke, wir sollten auf jeden Fall ein paar weitere Tests durchführen.“ Er schenkte dem Mädchen ein beruhigendes Lächeln. „Wir wollen diese schrecklichen Kopfschmerzen ein für alle Mal loswerden, wenn es irgendwie geht, was meinst du, Chloe?“

„Ja.“ Sie lächelte schüchtern zurück und drückte ihren alten Teddybären an sich.

Mac setzte sich zu ihr auf die Bettkante. „Wie heißt dein Teddy? Ich habe auch so einen Bären, er heißt Bruno.“

„William.“ Chloe umarmte ihren Teddy. „Er ist mein bester Freund, und er ist immer bei mir.“

„Oh, das gefällt ihm sicher, oder?“ Mac umfasste eine Tatze des Bären und schüttelte sie feierlich. „Nett, dich kennenzulernen, William. Ich heiße Dr. Mac.“

Chloe kicherte. Mac wusste, wie wichtig es war, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er lächelte sie erneut an. „So, jetzt kennen wir uns alle. Ich muss dir ein paar Fragen stellen, Chloe. Keine Bange, es gibt keine richtigen und falschen Antworten. Und wenn dein Freund William dir helfen möchte, ist das völlig in Ordnung, okay?“

„Okay.“ Chloe stimmte freudig zu.

„So, Chloe. Hast du schon mal bemerkt, dass du nicht ganz sicher auf deinen Füßen stehst und meinst, umzufallen?“

„Manchmal“, murmelte Chloe. Sie blickte zu ihrer Mutter und beeilte sich, fortzufahren. „An einem Tag wollte ich ein Blatt Papier holen, um ein Bild zu malen, und fiel hin. Der Lehrer dachte, dass ich Unfug mache, und schickte mich auf den Flur.“

„Ich verstehe.“ Mac schaute zu Bella und sah sie nicken. Gleichgewichtsstörungen konnten ein Hinweis auf eine zerebrale Störung sein, und das war häufig ein Indiz für einen Tumor. Obwohl er inständig hoffte, dass es nicht so war, sprach einiges dafür.

„Hast du manchmal Schwierigkeiten beim Laufen, so als würden dir deine Füße nicht gehorchen?“, fuhr er freundlich fort.

„Ja, manchmal scheinen sie den falschen Weg zu gehen“, erklärte Chloe ihm arglos.

„Entschuldigen Sie, Doktor, aber was hat das mit Chloes Kopfschmerzen zu tun?“, wollte Donna Adams wissen.

„All das hilft uns, ein Bild von Chloes Zustand zu bekommen“, erklärte Mac, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Wenn sich ihr Verdacht bestätigte, würde noch genügend Zeit bleiben, der Frau offen zu sagen, dass ihre Tochter ernsthaft krank war.

Er stand auf und lächelte Chloe an. „Wir werden einen speziellen Scan machen, Chloe. So können wir besser sehen, was in deinem Kopf passiert. Ich muss nur telefonieren, und dann nehmen wir dich und deine Mama mit nach unten.“

„Wird das lange dauern?“, fragte Donna Adams ängstlich. „Es ist nur, ich muss die anderen Kinder zur Schule bringen. Im Moment sind sie bei der Nachbarin, aber sie ist schon über achtzig, und ich kann ihr das nicht so lange zumuten.“

„Das Scannen selbst dauert nicht lange“, sagte Bella freundlich. „Aber Chloe wird hierbleiben müssen, bis wir die Ergebnisse haben. Gibt es sonst niemanden, der sich um die Kinder kümmern kann?“

„Nein.“ Donna Adams klang bitter. „Es gibt niemanden, und ihr Vater ist auf und davon.“ Sie schaute auf ihre Tochter und seufzte. „Ich fürchte, dann können sie eben heute nicht in die Schule gehen.“

Mac schwieg, als sie das Krankenzimmer verließen, aber das hieß nicht, dass er nicht über die Situation nachdachte.

Ein Versprechen zu brechen und einfach zu gehen käme für ihn nie infrage. Er musste nur an die Verzweiflung seines Vaters denken, als seine Mutter sie verlassen hatte, um zu wissen, dass er so etwas niemals tun würde. Wenn er etwas versprach, würde er dazu stehen, egal, was passierte.

Er blickte Bella nachdenklich an. Tim auf die Art zu verlassen, wie sie es getan hatte, war nicht akzeptabel. Sie hatte Tim bei ihrer Hochzeit Liebe und Wertschätzung geschworen und nichts davon gehalten. Sie konnte ihn doch nicht beim ersten Anzeichen von Problemen einfach fallen lassen!

Mac fühlte sich schuldig, weil er als Freund nicht für Tim da gewesen war, als der ihn gebraucht hatte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was Tim durchgemacht haben musste. Bella hätte für Tim da sein müssen! Kein Wunder, dass sein Freund am Boden zerstört war.

Mac biss die Zähne zusammen, als er Bella in ihr Büro folgte. Vielleicht war es unfair, ein solches Urteil über sie zu fällen. Aber er hatte immer gedacht, Bella sei die ideale Frau. Nicht nur, weil sie wunderschön war, sondern auch wegen ihrer Intelligenz. Er hatte sich damals in Cambridge sofort von ihr angezogen gefühlt, gleichzeitig hatte er so etwas wie Ehrfurcht vor ihr verspürt. Dass sie sich stets ein wenig von ihren Kommilitonen zurückgezogen hatte, verstärkte ihren Reiz noch.

Mac war nie der zurückhaltende Typ gewesen. Er war am Rand von Manchester aufgewachsen und hatte sich Zurückhaltung nicht leisten können. Er begriff früh, dass er kämpfen musste, um zu überleben, und hatte sich darum voll auf sein Ziel, Arzt zu werden, konzentriert.

Bella war so ganz anders gewesen als die Mädchen, die er vorher gekannt hatte. Anders als die anderen Mädchen an der Uni, obwohl auch sie aus guten Verhältnissen kamen. Doch Bella war einfach perfekt.

Jetzt festzustellen, dass sie auch Fehler hatte, traf Mac hart. Jahrelang hatte er sie auf ein Podest gestellt, nur um dann festzustellen, dass sie genauso war wie jede andere: eine Frau, die Versprechen gab und sie wieder brach. Sie war nichts Besonderes, keine Klasse für sich, wie er immer gedacht hatte, sondern erreichbar – auch für ihn.

Mac runzelte die Stirn. Es war das erste Mal, dass diese Gedanken in ihm aufstiegen, und sie gefielen ihm nicht. Die ganze Situation gefiel ihm nicht. Denn nun gab es für ihn keinen Grund mehr, Bella zu als unerreichbar zu betrachten.

Leider bestätigten die Ergebnisse von Chloes Untersuchung Bellas Verdacht.

Sie deutete auf den Bildschirm. „Da gibt es keinen Zweifel, oder? Es ist definitiv ein Tumor.“

„Ja.“ Mac beugte sich vor, um besser sehen zu können, und ihre Schultern berührten sich.

Bella rückte ein wenig beiseite. Ihr gefiel es nicht, wie ihr Körper auf Mac reagierte. Dass ihr Herz begann, viel schneller zu schlagen. Sie räusperte sich. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war, dass Mac glaubte, er habe irgendeine Wirkung auf sie.

„Möglicherweise ist es ein Medulloblastom, was meinst du?“ Sie versuchte, ganz ruhig zu wirken. „Es kommt häufig bei Kindern vor.“

„Oh, ja. Die Tatsache, dass es sich im Kleinhirn ausgebreitet hat, spricht dafür.“

„Chloe muss sofort behandelt werden“, sagte Bella und versuchte, ihre Gedanken nicht wieder abschweifen zu lassen. Aber Mac machte sie nervös.

Das war zu erwarten gewesen. Seit sie gehört hatte, dass er wieder in England war, fühlte sie sich irgendwie unbehaglich. Immerhin war er Tims bester Freund, und es musste hart für ihn gewesen sein, zu hören, was passiert war. Es war nicht verwunderlich, dass jetzt eine gewisse Spannung zwischen ihnen herrschte.

Sie verdrängte den Gedanken. „Soweit ich weiß, wächst das Medulloblastom sehr schnell und kann sich zügig im gesamten Hirn ausbreiten.“

„Das ist richtig. Chloe muss schnellstens von einem Onkologen untersucht werden. Sie braucht Chemotherapie und möglicherweise auch Bestrahlung, damit sie überleben kann.“ Mac schüttelte den Kopf, und Bella bemerkte seinen besorgten Blick. „Es tut mir so leid für die Mutter. Es wird ein riesiger Schock für sie sein.“

„Es wird schwer für sie werden, vor allem, weil sie sich auch um die anderen Kinder kümmern muss“, meinte Bella. „Sie muss zwischen der Klinik und ihrem Zuhause hin- und herfahren, und das alles ohne Unterstützung.“

„Ja, es wird nicht einfach sein“, sagte Mac.

Bella wusste, was er dachte. Sie hätte Tim unterstützen und ihm in seiner schweren Stunde zur Seite stehen müssen. Sie hatte das Bedürfnis, Mac zu erzählen, wie es wirklich gewesen war – ihre eigene Version der Geschichte. Aber sie entschied sich, es nicht zu tun. Er würde nur glauben, dass sie Tim die Schuld geben wollte, und das wäre das Gegenteil von dem, was sie erreichen wollte. Es war hart, aber sie konnte nichts tun.

Sie schaltete den Monitor aus und ging zur Tür. „Ich werde mit Mrs. Adams sprechen“, sagte sie über die Schulter zu Mac. „Je eher sie es erfährt, desto besser.“

„Gut. Möchtest du, dass ich in der Onkologie anrufe?“, bot Mac an und folgte ihr auf den Flur.

„Wenn es dir nichts ausmacht? Oh, Moment, sie haben eine neue Telefonnummer“, fiel Bella ein. „Sie sind wegen der Renovierung im Nebengebäude. Ich besorge sie dir.“

Sie wandte sich um, um zurück ins Büro zu gehen, prallte gegen Mac und schwankte. Er fasste sie an den Schultern, bis sie wieder Halt hatte.

„Entschuldigung.“ Er lächelte. „Ich habe nicht erwartet, dass du dich so schnell umdrehst. Es war mein Fehler. Sorry.“

„Ist ja nichts passiert“, versicherte sie ihm schnell, obwohl sie spürte, wie sich eine fiebrige Hitze in ihrem Körper ausbreitete, ausgehend von ihrer Schulter, wo sie seine berührt hatte. Sie trat einen Schritt zurück, um Abstand zwischen sie zu bringen. „Janet müsste die neue Nummer haben, fällt mir gerade ein“, sagte sie hastig. „Lass mich bitte wissen, was sie sagen, ja?“

„Werde ich machen.“ Mac deutete eine Verbeugung an und ging Richtung Aufnahme davon.

Bella schaute ihm nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, und ging dann wieder Richtung Krankenzimmer. Die nächsten Minuten würden nicht einfach werden. Eltern schlechte Nachrichten zu überbringen war immer schwierig, und es war ein Aspekt ihres Berufs, der ihr nicht gefiel.

Ihr stockte der Atem, als ihr bewusst wurde, was Mac mit seiner Berührung ausgelöst hatte. Es fühlte sich an, als würde sie innerlich in Flammen stehen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass eine simple Berührung jemals eine solche Reaktion in ihr ausgelöst hatte, selbst Tims Berührungen nicht.

Was hatte das zu bedeuten? Oder bedeutete es gar nichts? War es vielleicht nur ein Beweis dafür, dass ihr in ihrem Leben Nähe und Zärtlichkeit fehlten?

Seit Tim der Medikamentensucht verfallen war, hatten sie keinen Sex mehr gehabt. Ihn hatte nur noch interessiert, wo er seinen Stoff herbekam. Es war gut zwei Jahre her, seit sie zuletzt miteinander geschlafen hatten, und seitdem hatte es auch keinen anderen Mann gegeben. War das der Grund, warum ihr Körper so heftig reagierte?

Es war nicht Macs Berührung an sich, sagte sie sich. Es lag nur an einem allgemeinen Mangel an Berührungen.

So musste es sein. Sie atmete auf. Das war die Erklärung.

2. KAPITEL

Es war ein anstrengender Tag gewesen, aber Mac hatte jede Sekunde seiner Schicht genossen. Obwohl er schon lange in der Notfallmedizin arbeitete, war diese Kindernotaufnahme mit seinen bisherigen Erfahrungen nicht zu vergleichen.

Die neu eröffnete Pädiatrische Ambulanz und Notaufnahme versorgte kleine Patienten aus der gesamten Umgebung, nicht nur aus Dalverston. Die Station befand sich in einem separaten Teil der Klinik und besaß die neuesten medizinischen Geräte.

Alles war auf die Kinder ausgerichtet, vom hellen und großzügigen Wartebereich mit den gemütlichen Sofas statt harter Plastikstühle bis hin zu modernstem Röntgen-Equipment und Computertomografen, die in gemütlichen, kinderfreundlichen Räumen untergebracht waren. Bunte Gemälde schmückten die Wände, und die Mitarbeiter trugen farbige Poloshirts statt der weißen Kittel. Sogar die Krankenhemden der Kinder waren mit Comicfiguren bedruckt und hatten Klettverschlüsse statt der Bänder, die man umständlich zuknoten musste. Auch wenn Mac wusste, dass viele dieser Besonderheiten vielleicht Kleinigkeiten sein mochten, so wusste er auch, dass sie ihm und seinem Team die Arbeit erleichterten, weil die Kinder sich so wohler fühlten.

Als seine Schicht endete, war er sehr zufrieden. Nicht nur, dass er hier seine Fähigkeiten in der Kinderheilkunde weiterentwickeln konnte, es war auch eine Arbeit, die ihm Spaß machte.

Ein paar Krankenschwestern machten mit ihm zusammen Feierabend, und so hielt Mac ihnen die Tür auf und verbeugte sich gut gelaunt, als sie vor ihm hinausgingen.

„Nach Ihnen, meine Damen“, sagte er und lächelte sie an.

„Danke, mein Herr“, erwiderte eine von ihnen, und die anderen lachten.

Mac lachte mit ihnen. Er genoss das heitere Geplänkel nach den schweren Momenten bei der Arbeit. Bei seiner letzten Hilfsaktion im Ausland war er mit viel Leid konfrontiert worden. Nun empfand er es als eine Wohltat, sich ein wenig unbeschwerter zu geben. Dabei bereute er die Zeit im Ausland nicht – er würde es jederzeit wieder tun. Er dachte oft, dass er es wirklich gut hatte: Er konnte Menschen helfen, die seine Fähigkeiten dringend brauchten, und er hatte einen Beruf, den er liebte. Mehr konnte er sich nicht wünschen.

Außer vielleicht einem Menschen, der dieses Leben mit ihm teilte.

„Danke.“

Die Stimme mit dem kühlen Tonfall unterbrach seine Gedanken. Mac erstarrte, als er Bellas Stimme erkannte. Irgendwie fühlte er sich ertappt. Obwohl er und Bella im Laufe des Tages mehrmals miteinander gesprochen hatten, hatte er darauf geachtet, dass es nur um die Arbeit ging. Er hatte sich geschworen, kein Wort über Tim zu verlieren, doch er musste sich fast auf die Zunge beißen, um diesen Vorsatz einzuhalten.

Bella hatte Tim im Stich gelassen. Ihr Verhalten hatte Mac furchtbar enttäuscht, weil er so etwas niemals von ihr erwartet hatte.

„Gerne.“ Er zwang sich zu lächeln, obwohl in seinem Innern widerstreitende Gefühle tobten. Einerseits ging ihn die ganze Sache nichts an. Andererseits hatte er schwer damit zu kämpfen, dass sie dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, offenbar so gar nicht entsprach.

„War es ein anstrengender Tag?“, fragte er und versuchte gleichzeitig, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Es würde nichts bringen, ihr zu erklären, wie enttäuscht er von ihr war. Warum sollte es sie interessieren, wie er sich fühlte, wenn es ihr offensichtlich auch egal war, wie es Tim ging?

„Ja, das war es. Es kommen immer mehr Kinder zu uns, seit sich herumgesprochen hat, dass wir eröffnet haben.“

Bella zuckte mit den Schultern, und er registrierte ihre schlanke Figur in dem eleganten smaragdgrünen Mantel. Mac wusste, ohne die Marke zu erkennen, dass es ein teurer Designermantel war. Bella war wohlhabend, und das sah man ihr an, obwohl sie niemals mit ihrem Reichtum protzte. Es war ein bisschen albern, aber Mac versuchte, etwas Positives an ihr zu finden, etwas, das ihre andere Seite ausglich.

Sein Lächeln entspannte sich. „Es nimmt den Druck von den anderen Notaufnahmen, wenn viele Kinder nun hier behandelt werden können. Das kann eigentlich nur gut sein.“

„Ja“, stimmte sie zu. „Zumal so viele Notaufnahmen in der Umgebung schließen mussten und das die Probleme noch verstärkt hat.“

Sie ging auf den angrenzenden Parkplatz zu, und es war klar, dass sie nicht erwartete, dass er sie begleitete. Mac zögerte – und wunderte sich gleichzeitig über sich selbst. Außer fernzusehen, hatte er nichts für den Abend geplant.

„Hast du nicht Lust, mitzukommen und eine Kleinigkeit zu essen?“, fragte er spontan, ehe er sich anders entscheiden konnte.

Er sah die Überraschung in ihren Augen, als sie sich umdrehte. Aus irgendeinem Grund wollte er den Abend mit ihr verbringen. Warum? Das wollte er gar nicht so genau wissen, darum fügte er rasch hinzu: „Nichts Großes, vielleicht ein Curry oder so.“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“ Bella blieb stehen, schaute ihm direkt in die Augen, und er sah, dass sich ihr Blick verändert hatte. „Es ist offensichtlich, Mac, was du denkst. Du gibst mir die Schuld an dem, was passiert ist, stimmt’s?“

„Warum erzählst du mir nicht einfach deine Sicht der Dinge?“ Er schob die Hände in die Manteltaschen und wünschte, er würde sich nur halb so gleichgültig fühlen, wie er gerade vorgab.

Vielleicht war es nicht richtig, ihr die Schuld zu geben, aber er konnte nicht anders. All die Jahre war sie für ihn der Inbegriff von Perfektion gewesen, und er wollte nicht, dass sich das änderte. Jetzt, wo Bella von ihrem Podest gefallen war, war sie eine Frau wie jede andere. Eine Frau, die auf ihn sehr anziehend wirkte.

Der Gedanke machte ihn nervös und ließ ihn einen Schritt auf sie zugehen, um davon abzulenken. „Es scheint mir nur fair zu sein.“

„Tut mir leid, aber nein. Ich habe nicht vor, mich zu rechtfertigen, weder vor dir noch vor jemand anderem.“ Sie ging weiter und ignorierte ihn völlig.

Mac sah ihr hinterher, als sie in ihr Auto stieg und davonfuhr. Er fragte sich, warum sie so starrköpfig war. Abgesehen davon, dass er die Wahrheit wissen wollte, sollte es doch auch für sie Sinn machen, zu erklären, warum sie ihre Ehe beendet hatte. Niemand nahm gern die Schuld für etwas auf sich, das er nicht getan hatte – und da ging es Bella sicher nicht anders. Es sei denn, der Fehler war so gravierend, dass sie es nicht zugeben wollte.

Mac presste die Lippen aufeinander. Bella wusste genau, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte, als sie Tim verließ, obwohl er sie so verzweifelt gebraucht hätte. Deshalb konnte sie den Gedanken, über diesen Fehler zu sprechen, anscheinend nicht ertragen. Macs Meinung über sie sank tiefer und tiefer. Bella war wirklich sehr weit davon entfernt, perfekt zu sein.

Bella verbrachte einen schrecklichen Abend. Nicht einmal der neueste Bestseller konnte sie ablenken. Hätte sie tun sollen, was Mac ihr vorgeschlagen hatte? Darüber reden, was in ihrer Ehe passiert war, und ihre Version der Geschichte erzählen? Die ganze Wahrheit?

Sie dachte darüber nach, wünschte sich in einem Moment, sie hätte es getan, und verwarf die Idee im nächsten Augenblick wieder.

Wenn sie es tat, hatte sie keine Garantie, dass Mac ihr glauben würde. Der Gedanke, er könnte sie für eine Lügnerin halten, war mehr, als sie ertragen konnte. Es war bestimmt besser, nichts zu sagen, als mit seiner Verachtung zu leben.

Am nächsten Tag musste sie erst zur Mittagszeit in der Klinik sein. Als sie ankam, standen die Patienten schon Schlange. Janet winkte ihr zu, und sie winkte zurück, ohne stehen zu bleiben.

Ein Kind schrie, und Bella beschloss nachzusehen, was passiert war, bevor die anderen Kinder auch noch unruhig wurden. Das Schreien kam aus einem Behandlungsraum. Sie öffnete die Tür und runzelte die Stirn, als ihr das schrille Gebrüll eines kleinen Jungen entgegenschlug.

„Was ist los?“, fragte sie und legte ihren Mantel über einen Stuhl.

„Alfie ist von seinem Dreirad gefallen und hat sich das Knie aufgeschlagen“, sagte Laura Watson, eine der erfahreneren Schwestern. Sie verdrehte die Augen. „Aber er will mich nicht nachsehen lassen.“

„Ich verstehe.“ Bella kniete sich vor den Jungen hin. Er klammerte sich an eine Frau, die seine Großmutter zu sein schien. „Das ist ein schreckliches Geräusch, Alfie. Du verschreckst Robbie, wenn du so schreist.“

Der kleine Junge verstummte und betrachtete sie durch seine gespreizten Finger, die er sich vors Gesicht hielt. Dass er jetzt neugierig war, lenkte ihn vom Schreien ab.

Bella lächelte ihn an. „Schon besser. Hast du Robbie schon getroffen? Er ist ziemlich schüchtern und kommt nur aus seinem Schrank, wenn er meint, niemand schaut hin. Ich sehe mal nach, ob ich ihn finden kann.“

Sie stand auf, ging durch den Raum und öffnete einen der Schränke, in dem Verbandszeug lagerte. Sie nahm Robbie aus dem Schrank und brachte ihn zu dem kleinen Jungen.

„Schau mal, Robbie saß brav in seinem Schrank und hat gewartet, dass er endlich rausdarf.“ Sie gab dem Jungen den Plüschhasen und sah die ältere Frau an. „Wenn Sie ihn auf das Bett legen könnten, werde ich mir sein Knie ansehen“, sagte sie leise.

Die Frau trug Alfie zum Bett. „Himmel. Ich dachte schon, er hört nie auf zu schreien.“ Sie lächelte Bella an. „Sie haben wohl auch Kinder?“

„Leider nein.“ Bella ignorierte, wie sich ihr Herz leicht zusammenzog, und zwang sich zu lächeln.

Eine Familie zu haben war immer ihr größter Wunsch gewesen. Sie hatte geglaubt, der Erfüllung dieses Wunsches durch ihre Ehe mit Tim ein wenig näher gekommen zu sein. Doch Tim hatte kein Interesse an einer eigenen Familie.

Wann immer sie das Thema angesprochen hatte, wischte Tim es beiseite und sagte, er sei noch nicht bereit für die Verantwortung. Erst als sie die Scheidung verlangt hatte, versuchte Tim das Ruder mit dem Versprechen, nun doch eine Familie gründen zu wollen, herumzureißen.

Bella war nicht mehr darauf eingegangen. Das Letzte, das sie wollte, war ein Kind, das ihre Ehe kitten sollte.

„Sie sollten aber Kinder haben.“ Alfies Großmutter lachte und verwuschelte ihrem Enkel das Haar. „Okay, es ist viel Arbeit, aber Kinder zu haben ist das Schönste auf der Welt. Und es gibt keinen Zweifel, dass Sie eine gute Mutter wären.“

Mac stand vor dem Behandlungsraum. Die Tür war nur angelehnt, und so konnte er jedes Wort hören. Er runzelte die Stirn über das Bedauern in Bellas Stimme, als sie sagte, dass sie keine Kinder hatte. Wie meinte sie das? Immerhin war sie es gewesen, die im Gegensatz zu Tim keine Kinder gewollt hatte.

Tim hatte ihm erzählt, dass Bella der Meinung war, sich erst um ihre Karriere kümmern zu müssen, und dass Kinder nun wirklich ganz unten auf ihrer Prioritätenliste stünden. So hatte es eben aber nicht geklungen, oder? Hatte Tim ihm wirklich die Wahrheit erzählt?

Es war das erste Mal, dass Mac der Gedanke kam, sein Freund habe ihm vielleicht nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er hatte Tim immer geglaubt. Doch was, wenn sein Freund versucht hatte, sich in einem besseren Licht darzustellen, um die Verantwortung auf Bella zu lenken? Was, wenn es alles gar nicht Bellas Schuld war? Jedenfalls war es für Bella sicher nicht leicht gewesen, mit Tims Medikamentenabhängigkeit klarzukommen.

Mac hatte selbst in einer Entzugsklinik gearbeitet. Er wusste aus Erfahrung, wie unberechenbar das Verhalten von Suchtabhängigen sein konnte. Es musste hart für Bella gewesen sein, Tim zu helfen, denn er hatte es ihr sicher nicht leicht gemacht.

Als Mac sich abwandte und zu den Krankenzimmern ging, wurde ihm klar, dass er der Wahrheit auf den Grund gehen musste. Obwohl Tim sein ältester Freund war, fand er, dass er es Bella schuldig war. Der Gedanke, dass er Bella derart unrecht getan haben könnte, bedrückte ihn.

Bis kurz vor Feierabend hatte Mac keine Chance, mit Bella zu sprechen. Er war auf dem Weg ins Büro, als sie ihm auf dem Flur entgegenkam. Sie lächelte ihn kühl an und wollte an ihm vorbeigehen.

„Hast du eine Sekunde?“, fragte er und streckte die Hand aus. Seine Finger berührten ihren Arm, und es durchzuckte ihn wie ein Stromschlag. „Ich muss dich etwas fragen.“

„Ich bin gerade auf dem Weg, das Labor anzurufen, ich brauche ein paar Ergebnisse“, sagte sie ruhig. Aber er konnte an ihrer Stimme merken, dass auch sie diesen Funken gespürt hatte.

„Oh, ich möchte dich nicht aufhalten. Vielleicht können wir uns später sehen? Du machst gleich Pause, oder? Sollen wir uns in der Kantine auf einen Kaffee treffen?“

Was ist nur los mit mir? fragte sich Mac, noch während er Bella ansprach. Sie war Tims Frau. Oder streng genommen seine Exfrau, dennoch schien es ihm falsch zu sein, was er hier tat, aber er konnte nicht anders.

„Warum?“, entgegnete sie. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber warum sollten wir zusammen einen Kaffee trinken?“

Sie sah ihn aus ihren grünen Augen fragend an, und Mac fühlte sich mehr als unwohl. Wenn sie erfuhr, dass er herausfinden wollte, wer die Schuld am Scheitern ihrer Ehe trug, würde er sich bei ihr nicht unbedingt beliebt machen. Er entschied sich für den Mittelweg.

„Wir sollten die Fronten klären“, sagte er diplomatisch. „Ich habe das Gefühl, dass du dich unwohl dabei fühlst, mit mir zu arbeiten. Das möchte ich nicht. Und ich schätze, du möchtest es auch nicht.“

„Meinst du? Ich habe kein Problem damit. Und jetzt entschuldige mich bitte …“

Sie ließ ihn stehen, während er ihr nur hinterhersehen konnte und sich wünschte, er hätte nichts gesagt. Alles in allem hatte er nichts erreicht, außer die Situation noch unangenehmer zu machen.

Mac seufzte und wandte sich wieder seinem Büro zu. Das sollte ihn lehren, seine Nase nicht in fremde Angelegenheiten zu stecken. Was zwischen Bella und Tim passiert war, ging ihn nichts an, und er war gut beraten, sich nicht einzumischen.

Bella arbeitete ihre Schicht ohne Unterbrechung durch. Obwohl viel zu tun war, hätte sie durchaus eine Pause machen können, aber sie wollte nicht. Macs Wunsch, mit ihr zu reden, hatte sie verwirrt. Also konzentrierte sie sich lieber auf ihre Arbeit, statt weiter darüber nachzudenken. Gerade war sie mit ihrem letzten Patienten beschäftigt, einem zehnjährigen Jungen, der vom Fahrrad gefallen war und sich den Arm gebrochen hatte. Das Röntgenbild bestätigte ihren Verdacht, und sie schickte den Jungen zum Eingipsen.

Helen Robertson, eine der neuen Schwestern auf der Station, lächelte sie an, als sie Bella auf dem Weg zum Ausgang entgegenkam.

„Willst du schnell nach Hause, um die Füße hochzulegen? Oder planst du eine wilde Nacht?“

„Auf keinen Fall. Ich will nur noch nach Hause, etwas essen und dann ins Bett.“ Bella lachte. „Meine wilden Nächte sind wirklich vorbei.“

„Jetzt hör sich das einer an. Das klingt ja, als wärst du schon fast in Rente.“ Helen sah an ihr vorbei und zog eine Augenbraue hoch. „Vielleicht kannst du sie ja vom Gegenteil überzeugen.“

Bella schaute sich um, und ihr Herz machte einen Satz, als sie Mac hinter sich stehen sah. Sie wusste, dass er schon seit Stunden Feierabend hatte, und verstand nicht, was er noch hier machte. Hatte er etwa gewartet, um mit ihr zu reden?

Der Gedanke bereitete ihr Unbehagen. Sie hatte keine Lust auf eine Unterhaltung, weder über ihre Ehe noch über Tim. Sie müsste ihm die Wahrheit sagen, und möglicherweise würde er ihr nicht glauben. Und der Gedanke, er könnte sie für eine Lügnerin halten, war unerträglich.

Sie trug sich schnell aus dem Schichtplan aus und notierte die Zeit. Mac redete noch mit Helen, sie lachte über etwas, das er gesagt hatte, und Bella beeilte sich, das Gebäude zu verlassen und zum Parkplatz zu gehen. Obwohl sie Schritte hinter sich hörte, wurde sie nicht langsamer.

Mac hatte kein Recht, sie zu verfolgen! Sie hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass sie nicht daran interessiert war, mit ihm über ihre Ehe zu diskutieren, und das sollte er respektieren.

Ärgerlich drehte sie sich um. „Lass es! Ich möchte nicht mit dir reden, lass mich in Ruhe.“

„Warum? Wovor hast du Angst?“ Er zuckte mit den Schultern. „Wenn ich du wäre, würde ich meine Version der Geschichte erzählen wollen. Es sei denn, ich hätte etwas zu verbergen. Hast du, Bella?“

„Nein.“ Sie stieß ein bitteres Lachen aus, obwohl sie ihm auf keinen Fall zeigen wollte, wie sehr er sie mit dieser Unterstellung verletzte. „Ich habe nichts zu verbergen. Aber Tim hat dir erzählt, was passiert ist, und du glaubst offensichtlich ihm. Was soll ich also noch sagen? Warum bin ich dir Rechenschaft schuldig?“

„Weil ich dachte, wir wären Freunde. Und weil ich sehe, dass du leidest. Vielleicht kann ich dir helfen, dass es etwas leichter wird. Das ist alles.“

Bella hatte das Gefühl, dass er noch etwas sagen wollte, aber sich nicht sicher war. Und sie – wollte sie es hören? Er sprach weiter, ob sie wollte oder nicht.

„Was ich sagen will, Bella, ist, dass du mir etwas bedeutest. Ich mache mir Sorgen um dich.“

3. KAPITEL

Mac hielt den Atem an und hoffte, dass Bella ihm glaubte. Es war die Wahrheit: Es beschäftigte ihn, dass sie litt, und er fragte sich, was wirklich passiert war. Was Tim ihm über Bella erzählt hatte, war so untypisch für sie. Die Bella, die er kannte, hätte niemals einfach so ihr Eheversprechen gebrochen, es sei denn, es gäbe einen triftigen Grund dafür.

„Mag sein, dass du meinst, was du sagst, Mac, aber es macht keinen Unterschied.“ Ihr eisiger Ton ließ ihn zusammenzucken.

„Ich meine es so“, sagte er und ärgerte sich über sich selbst. Welchen Grund könnte es geben, Tim so zu behandeln, wie sie es getan hatte?

Tim hatte sie verzweifelt gebraucht, und sie hatte ihn fallen gelassen. Solch ein Verhalten war nicht zu entschuldigen, oder? Die letzten Zweifel schienen sich in Luft aufzulösen.

„Von mir aus.“ Sie schaute ihn nicht an.

Mac wusste, dass sie ihm nicht glaubte. Dass sie seinen Worten misstraute, versetzte ihm einen Stich. Sah sie denn nicht, dass er die Wahrheit sagte? Wusste sie nicht, dass er in einer so wichtigen Angelegenheit nicht lügen würde?

Es lag ihm auf der Zunge, ihr zu widersprechen, doch dann wurde ihm klar, dass er sich genauso verhielt wie sie. Denn er glaubte ihr ja auch nicht. Und er gab ihr die Schuld an der kaputten Ehe. Welches Recht hatte er da, sie um etwas zu bitten, das er ihr verweigerte?

Der Gedanke ließ ihn verstummen. Bella dachte offenbar, er hätte aufgegeben, denn sie ging zu ihrem Auto, schloss auf und stieg ein. Erst das Geräusch des Motors rüttelte ihn auf. Er musste etwas tun!

Vielleicht hatte Bella Fehler begangen, aber er hatte auch den Schmerz in ihren Augen gesehen. Spontan eilte er zu ihrem Wagen, öffnete die Beifahrertür und schob sich auf den Beifahrersitz. Er hob begütigend die Hände, als sie sich ihm mit wütender Miene zuwandte.

„Ich weiß, was du jetzt sagen willst, Bella. Du willst nicht über Tim sprechen. Ich weiß auch, dass ich meine Nase in Dinge stecke, die mich nichts angehen …“

„Ja, das tust du“, blaffte sie ihn an, und ihre Augen funkelten.

„Okay. Entschuldige. Aber ich meine wirklich, was ich sage. Ich mache mir Sorgen um dich.“ Er griff nach ihrer Hand, ließ sie aber schnell wieder los, als er spürte, wie die vertraute Hitze in ihm aufstieg. Er wollte sie nicht verängstigen, und auf keinen Fall wollte er, dass sie glaubte, er würde ihre Verletzlichkeit ausnutzen.

Wieder hatte er das seltsame Gefühl, als ob zwischen ihnen die Luft knisterte, und eine Welle der Verlegenheit ergriff ihn so unvorbereitet, dass ihm die Knie weich wurden. Er hätte sich setzen müssen, wenn er nicht schon sitzen würde.

Ernsthaft mit Bella zu flirten war ihm nie in den Sinn gekommen. Von dem Augenblick an, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war ihm klar gewesen, dass sie für ihn unerreichbar war, und er konnte sehr gut damit leben.

An der Uni hatte er sich mit vielen Frauen getroffen, und er musste sich wirklich nicht verstecken. Er hatte allerdings immer darauf geachtet, dass er keine zu nah an sich heranließ.

Er wollte sich nicht binden, hatte sich aber ehrlich gefreut, als Bella und Tim ein Paar geworden waren. Sie passten einfach so gut zusammen – er hätte sich für die beiden keine besseren Partner vorstellen können. Auch als sie wenig später ihre Verlobung bekannt gaben, war er glücklich gewesen, als Tim ihn fragte, ob er sein Trauzeuge sein wolle.

Erst bei der Hochzeit war ein seltsames Gefühl in ihm aufgestiegen. Zu hören, wie Bella Tim ihre Liebe schwor, ihre Ehrlichkeit und Treue bis zum Ende ihrer Tage, hatte in ihm den Eindruck erweckt, etwas Kostbares unwiederbringlich verloren zu haben.

Mac verdrängte die Erinnerung an jenen Moment. Es war zu spät. Er hatte diese Hochzeit nicht verhindert. Er hätte ja auch schlecht mitten in der Zeremonie aufspringen und verkünden können, dass Bella Tim nicht heiraten sollte, weil er sie selbst wollte.

Stattdessen hatte er einfach gelernt, mit dem Gefühl des Verlusts zu leben. Deshalb hatte er beschlossen, nach der Hochzeit bei der Hilfsorganisation „Worlds Together“ anzuheuern.

Inzwischen hatte er an Dutzenden Hilfseinsätzen teilgenommen und unzähligen Menschen geholfen, doch der Schmerz war nie ganz verschwunden. Drei Jahre lang hatte er Zeit gehabt, seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, drei Jahre, um seine Gefühle zu verstecken.

Wenn ihn vor ein paar Wochen jemand gefragt hätte, wie es ihm gehe, hätte er gesagt: alles bestens. Aber jetzt?

Jetzt war alles anders. Bella war nicht länger Tims Frau. Jetzt war sie wieder zu haben.

Mac unterdrückte einen Seufzer. Ja, er wollte Bella helfen. Aber es war gut möglich, dass er sich selbst damit, wenn es um seinen Seelenfrieden ging, keinen Gefallen tat.

Bella wusste nicht, was vor sich ging, doch sie spürte die Anspannung, die in der Luft lag. Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen und überlegte, was sie jetzt sagen sollte.

Würde Mac ihr Auto verlassen, wenn sie ihn darum bat? Oder würde er ihre Bitte ignorieren? Es war die Ungewissheit, die Tatsache, dass sie Mac nicht einschätzen konnte, die ihr Angst machte.

Macs Verhalten ihr gegenüber war in der Vergangenheit immer einwandfrei gewesen. Er hatte sie mit einer altmodischen Höflichkeit behandelt, die sie gleichzeitig ein wenig seltsam, aber auch liebenswürdig fand. Macs Empathie und seine Reife hatten ihn in ihren Augen zu etwas Besonderem gemacht. Deshalb hatte sie auch immer so gern Zeit mit ihm verbracht, stellte sie jetzt überrascht fest. Er hatte es nie nötig gehabt, sich wichtig zu machen oder mit seinen Fähigkeiten anzugeben. Wenn Mac im Raum war, bemerkten ihn die Leute.

Der Gedanke erstaunte Bella. Ihr war zuvor nie aufgefallen, wie sehr Mac sie eigentlich beeindruckt hatte. Er besaß Qualitäten auf so vielen Gebieten, und sein sozialer Hintergrund war so anders als ihrer. Bei ihm hatte sie immer Angst gehabt, etwas Dummes zu sagen.

Sie hatte als Ärztin inzwischen viele Menschen mit ähnlichem Hintergrund wie Mac behandelt und wusste, wie schwer sie es hatten. Und sie wusste, was es für Mac bedeutete, Arzt geworden zu sein, welchen Herausforderungen er hatte trotzen müssen. Nur wenige hätten diesen Kampf so souverän gewonnen wie Mac.

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Bella beugte sich vor und legte erschöpft die Stirn auf das Lenkrad.

„Bist du in Ordnung? Bella, was ist los?“

Macs besorgte Stimme zu hören ließ Tränen in ihren Augen aufsteigen. „Es ist alles zu viel“, flüsterte sie, plötzlich unfähig zu lügen.

„Kein Wunder!“ Mac klang wütend, als er wieder aus dem Wagen stieg. Er ging um das Auto herum und öffnete ihre Tür. „Wenn ich mir vorstelle, was du durchgemacht hast.“ Er half ihr aus dem Wagen, trug sie zur Beifahrerseite und ließ sie vorsichtig auf den Sitz gleiten, schnallte sie an und schaute auf sie herab. „Okay, wohin? Direkt zu dir nach Hause oder zu mir? Du entscheidest.“

Bella biss sich auf die Lippen und wog beide Möglichkeiten ab, wohl wissend, dass es besser wäre, er würde sie nach Hause bringen. Sie wollte nicht mit ihm sprechen. Nicht jetzt, wo sie sich so schutzlos und verletzlich vorkam.

„Komm schon, Bella, sag mir, wohin ich dich bringen soll.“

Seine Stimme klang so zärtlich und gleichzeitig so überzeugend. Und Bella wollte sich so gern überzeugen lassen …

„Zu dir.“

Mac nickte, als er ihre Tür schloss, dann setzte er sich ans Steuer und fuhr aus der Parklücke heraus. Er sagte kein Wort, als sie das Klinikgelände verließen. Bella wusste nicht, wie und wo er wohnte, und bislang hatte sie das auch nicht interessiert. Wie auch immer er lebte, es war mit Sicherheit besser als ihre sterile Mietwohnung.

Sie fuhren mehr als fünfzehn Minuten und ließen die Stadt allmählich hinter sich. Bella hatte noch nicht viel von ihrer neuen Umgebung gesehen, seit sie nach Dalverston gezogen war, und sie hatte keine Ahnung, wo sie waren. In der Ferne erkannte sie einen Fluss.

Mac verlangsamte die Fahrt und hielt an einem Grünstreifen neben der Straße.

„Von hier aus müssen wir laufen“, sagte er. „Es ist nicht weit, ungefähr fünf Minuten, aber mit dem Wagen geht es nicht weiter.“

Bella nickte, als sie den Sicherheitsgurt löste. Sie stieg aus und sog die milde frische Luft ein. In der Ferne hörte sie den Fluss, das Flüstern der Strömung und das abendliche Konzert der zwitschernden Vögel. Es war so friedlich, dass sie aufseufzte. „Es ist wunderbar, nichts von dem Verkehr zu hören.“

„Ja, einer der großen Vorteile, wenn man außerhalb der Stadt wohnt.“

Mac lächelte so charmant, dass ihr die Luft wegblieb. Er drehte sich um und ging voraus, sie folgte ihm und fand ihren Atem wieder.

Es war die Art, wie er lächelte, die sie aus dem Konzept gebracht hatte. Bedeutete dieses Lächeln, dass er ihr verziehen hatte? Die Welt schien nicht ganz so unwirtlich zu sein, jetzt, nachdem Mac sie angelächelt hatte. War das nicht verrückt?

Mac blieb stehen, als sie das Flussufer erreicht hatten. Es war fast neun Uhr abends, und es wurde schnell dunkel. In einem Monat würde es um diese Zeit hell genug sein, um am Fluss entlangzugehen, aber jetzt befürchtete Mac, dass Bella im Dunkeln ausrutschen könnte. Er bot ihr seine Hand und lächelte sie an. Nur, damit sie sich sicher fühlte, nicht wegen der verwirrenden Gefühle, die in ihm tobten.

„Du hältst dich besser an mich, der Weg ist ein wenig glitschig nach dem Regen. Ich möchte nicht, dass du im Matsch landest.“ Er bemerkte ihr Zögern, bevor sie ihre Hand in seine schob.

Mac hielt den Atem an – sein Körper reagierte nur zu deutlich auf ihre Berührung.

Okay, er musste zugeben, dass er schon lange nicht mehr mit einer Frau geschlafen hatte, aber er wollte es auch nicht anders. Er war es leid, Verabredungen nur um der Verabredung willen zu treffen. Dates waren ihm nicht mehr wichtig. Es hatte sich richtig angefühlt, sich alldem zu entziehen. Trotzdem war seine Abstinenz kein Grund, um sich jetzt auf diese unpassende Weise nach Bella zu sehnen. Sie hatte schon genug Probleme, und er musste ihr Leben nicht noch komplizierter machen.

Sie gingen weiter am Fluss entlang, vorbei an einigen Booten, die hier vor Anker lagen. Beim letzten Boot in der Reihe blieb Mac stehen. Was würde Bella wohl von seinem Zuhause halten? Obwohl er sein altes Boot liebte – nicht nur das Boot selbst, auch die Stille auf dem Fluss und die Tatsache, dass es sein erstes eigenes Zuhause war –, fürchtete er, dass Bella enttäuscht sein könnte. Obwohl er versuchte, es zu ignorieren, wurde er nervös.

„Das ist es“, verkündete er mit gespielter Munterkeit und zuckte zusammen. Es war gar nicht seine Art, sich so zu verstellen. Das hatte er doch nicht nötig. Wenn Bella sein Zuhause nicht mochte, sollte ihm das egal sein. Es machte keinen Unterschied. Oder?

„Du lebst auf einem Boot?“

Er bemerkte die freudige Überraschung in ihrer Stimme, und sein Herz machte einen Sprung. „Ja. Ich habe es mit hierhergebracht. Ich habe kein passendes Haus gefunden, und für mich ist es die perfekte Basis, wenn ich in England bin. Komm, ich zeige dir alles.“

Er half ihr an Bord, öffnete die Kabinentür und zündete die Öllampe an, sodass sie sehen konnte, wo sie hintrat. „Die Stufen sind steil, sei vorsichtig.“

Bella nickte, als sie vorsichtig nach unten stieg. Mac folgte ihr und zündete weitere Lampen an, bis die Kabine angenehm hell erleuchtet war. Bella schaute sich um. Ihr Gesicht war in dem warmen Licht noch schöner. Macs Körper reagierte umgehend.

„Es ist wunderschön. So warm und heimelig … Oh, ich würde alles geben, hier zu leben, es ist wunderbar!“

Mac zweifelte nicht daran, dass sie das ehrlich meinte, und sein Herz machte erneut einen Freudensprung. Er wusste nicht, warum ihm ihre Meinung so viel bedeutete, aber das tat sie.

Er lachte auf. „Ich habe mir Sorgen gemacht, dass es dir nicht gefallen könnte“, sagte er, als er seine Fassung zurückgewonnen hatte. „Es ist schon anders als das, was du gewohnt bist.“

„Darum liebe ich es so sehr“, entgegnete sie. „Was interessiert mich hochtrabende Architektur? Das hier ist es, was mir gefällt, ein richtiges Zuhause.“

Sie ließ sich auf das alte Sofa fallen, das er in vielen Stunden wieder aufgepolstert hatte, und lächelte zu ihm hoch. Mac fühlte sich geschmeichelt, dass Bella sein Zuhause gefiel. Sie mochte es wirklich. Er hätte sich am liebsten selbst High Five gegeben, auch wenn das ziemlich albern aussehen würde.

„Danke. Aber sei nicht so verschwenderisch mit deinen Komplimenten, sonst steigen sie mir noch zu Kopf“, versuchte er den Moment mit einem Scherz zu überspielen. „Keine gute Idee, in einem so kleinen Raum wie diesem.“

„Nicht klein, sondern kompakt. Oder besser gesagt: ein Juwel. Um es mal in Maklersprache ...

Autor

Kate Hardy

Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...

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Fiona Mc Arthur

Fiona MacArthur ist Hebamme und Lehrerin. Sie ist Mutter von fünf Söhnen und ist mit ihrem persönlichen Helden, einem pensionierten Rettungssanitäter, verheiratet. Die australische Schriftstellerin schreibt medizinische Liebesromane, meistens über Geburt und Geburtshilfe.

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