Julia Arztroman Band 48

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IST ES LIEBE, DR. TAYLOR? von KARIN BAINE

Eine feste Beziehung kommt für die freiheitsliebende Violet nicht infrage. Ihre diskrete Affäre mit Dr. Nate Taylor hingegen scheint perfekt, um sich von der Sorge um ihren kranken Vater abzulenken. Allerdings hat sie nicht mit den Folgen ihrer heißen Nächte gerechnet …

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  • Erscheinungstag 01.08.2026
  • Bandnummer 48
  • ISBN / Artikelnummer 8203260048
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Karin Baine, Tina Beckett, Alison Roberts

JULIA ARZTROMAN BAND 48

Karin Baine

1. KAPITEL

Violet Dempseys Erfahrung nach war der Familienraum in einem Krankenhaus der Ort, an dem Hoffnungen und gute Nachrichten oft ihr Ende fanden. In einem dieser so harmlos wirkenden Nebenräume hatte sie vom Schicksal ihrer Mutter erfahren und wartete nun auf Informationen darüber, wie es um ihren Vater stand. Er kämpfte ein Stockwerk tiefer auf der Kardiologie um sein Leben, während sie auf die Wände starrte und darauf wartete, dass an die Tür geklopft wurde.

Sie wusste, wie entscheidend die ersten Stunden nach einem Herzinfarkt waren, und hatte sie damit verbracht, einen Flug von London nach Nordirland zu organisieren. Selbst die verhältnismäßig kurze Fahrt von Belfast zum Silent Valley Hospital in County Down war ihr wie eine Ewigkeit erschienen.

Das Verhältnis zu ihrem Vater war angespannt – um es milde auszudrücken –, seit sie sich geweigert hatte, ihre Rolle als Tochter des Earls zu spielen. Das hieß aber nicht, dass sie kein Mitgefühl hatte. Nachdem sie allerdings erleben musste, welche Anstrengungen es ihre Mutter gekostet hatte, den gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen, hatte Violet beschlossen, ihr eigenes Leben zu leben, und nicht das, was ihr Vater für sie vorsah. Seitdem sprachen sie kaum noch ein Wort miteinander.

Es klopfte, und Violet sprang auf. Gleich würde sie es erfahren – Leben oder Tod. Sie verspürte einen dumpfen Druck im Magen, als sich die Tür öffnete und der Überbringer der Botschaft hereinkam. Aber es war kein Fremder, der mit ausdrucksloser Miene eintrat.

„Nate?“

Er war größer, breitschultriger und besser gekleidet als damals, aber sie erkannte die charmanten Grübchen in dem lächelnden Gesicht sofort wieder. Vor zwölf Jahren hatte sie sich von diesem gut aussehenden Gesicht verabschiedet, und nichts war ihr jemals so schwergefallen. Sie hatte keine Ahnung, was er hier machte, aber Nate hatte schon immer gewusst, wann sie ihn brauchte.

„Hallo, Violet. Oder sollte ich sagen, Lady Violet? Schon eine Weile her, dass wir uns gesehen haben.“ Er schloss die Tür und setzte sich ihr gegenüber.

„Stimmt, aber ich erinnere mich gut daran, dass du für Förmlichkeiten nie viel übrighattest. Violet genügt.“ Sie hoffte, dass er sie nicht reizen, sondern nur auf den Arm nehmen wollte. Nate wusste am allerbesten, wie sehr sie ihren Titel hasste.

Es waren nicht die besten Umstände gewesen, unter denen sie sich getrennt hatten, besser gesagt, sie hatte ihn ohne ein Wort der Erklärung einfach verlassen. Obwohl er jedes Recht hätte, ihr Vorwürfe zu machen, hoffte sie doch, dass er es nicht tun würde. Für den Nate, den sie gekannt hatte, hatte sie immer an erster Stelle gestanden. Es war schon seltsam genug, die männliche Version des Teenagers von damals vor sich zu sehen, ohne zu wissen, ob er sich vielleicht völlig verändert hatte.

Das früher wilde dunkelblonde Haar trug er jetzt im Nacken und an den Seiten kurz geschnitten, und ein modischer, sexy Dreitagebart zierte das markante Kinn. Der Sohn eines Dienstboten auf Strachmore Castle hatte die rustikalen Holzfällerhemden gegen maßgeschneiderte Kleidung getauscht und würde jetzt gut in die Freundeskreise von Violets Familie passen – was weder er noch die Freunde ihres Vaters je gewollt hätten. Ein impulsiver Teenagerkuss hatte die Freundschaft zwischen Violet und Nate beendet und sie nach London vertrieben, bevor sie eine Beziehung eingehen konnten, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen wäre.

Nate räusperte sich, und ihr wurde bewusst, dass sie ihn länger angestarrt hatte, als es eine alte Freundin tun sollte. Ihr stieg das Blut ins Gesicht, als sie an ihre letzte Begegnung dachte.

„Ich vermute, du bist auf Bitten deines Vaters hier? Er hat mir erzählt, dass er es war, der den Rettungswagen angerufen hat.“ Bewusst lenkte sie das Gespräch weg von gefährlichem Terrain, von flüchtigen heißen Momenten, die sie bis heute nicht vergessen hatte.

Nate beugte sich vor und zwang Violet damit, ihm in die haselnussbraunen Augen zu blicken, in denen sie sich früher so leicht verloren hatte. „Dad hat ihn gefunden, aber deswegen bin ich nicht hier. Wir führen diese Unterhaltung aus … professionellen Gründen. Ich bin der Kardiologe deines Vaters.“

Violet öffnete den Mund, wollte ihm sagen, er solle den Unsinn lassen, schwieg dann aber, als sie sah, dass Nate es ernst meinte. Jetzt fiel ihr auch ein, dass die diensthabende Schwester kurz einen Dr. Taylor erwähnt hatte. Doch nie im Leben hätte Violet dabei an ihn gedacht.

„Ich wusste gar nicht, dass du Medizin studiert hast“, stieß sie hervor, bevor ihr bewusst wurde, wie überheblich das klingen mochte. Als hätte sich das verwöhnte Grafentöchterlein davongemacht, ohne einen einzigen Gedanken an ihn zu verschwenden, weil ihr die gemeinsame Zeit absolut nichts bedeutete …

Es war ja nicht so, dass er ihr egal war oder sie nicht an ihn gedacht hätte – im Gegenteil. Sie hatte Angst gehabt, dass sie sich zu sehr dafür interessieren könnte, was Nate Taylor machte. Um sich von ihrer Familie abzugrenzen und wirklich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, war es notwendig gewesen, jeglichen Kontakt zu dem Menschen zu kappen, der sie als Einziger hätte bewegen können, zu bleiben.

„Ich wollte damit sagen, dass ich den Kontakt zur Familie auf ein Minimum beschränke.“ Natürlich war sie nicht davon ausgegangen, dass er all die Jahre damit verbracht hatte, sich zusammen mit seinem Vater um das gräfliche Anwesen zu kümmern und darauf zu warten, dass sie zurückkehrte. Sie hatte ihn nur nicht für so … ehrgeizig gehalten.

„Ich dachte mir, als Mediziner verdiene ich besser und habe einen angeseheneren Beruf, als wenn ich meine Familientradition fortsetze und in die Dienste anderer trete.“

Genau dieses Thema hatte damals ihre Unterhaltungen im Bootshaus dominiert. Ein anderes Leben zu führen, als ihre Eltern es für sie vorgesehen hatten. Ein besseres.

„Du hast wirklich etwas aus dir gemacht.“ Was ihr eigentlich nicht wichtig war, denn Nate war schon immer ein anständiger, mitfühlender Mensch gewesen.

„Bestimmt hat es einige Leute hier überrascht, dass ich es geschafft habe, die Grenzen meiner Herkunft zu überwinden. Wie ich gehört habe, bist du Krankenschwester geworden und wirst dir also ein Bild davon machen können, wie ernst es um deinen Vater steht.“

Er scheute sich nicht, sie damit zu beschämen, dass er mehr über ihren beruflichen Werdegang wusste als sie über seinen.

Hatte er im Internet gezielt nach Informationen über sie gesucht oder seine Mutter befragt? Als Haushälterin auf Strachmore Castle war Mrs. Taylor immer gern auf dem Laufenden, und ab und zu bekam Violet einen gut gemeinten Anruf von ihr. Obwohl sie sehr zurückhaltend war, was ihr neues Leben betraf, so verriet Violet manchmal doch unabsichtlich einige Einzelheiten über Erfolge und Misserfolge. Die Misserfolge hatten meist mit Beziehungen zu tun, und es war klar, dass seine Mutter besonders gern erfahren hätte, ob sie inzwischen verheiratet war. Nicht im Leben! Für Violet bedeutete die Ehe, alles aufzugeben, um einen anderen glücklich zu machen. Sie selbst hatte bei ihrer Mutter erlebt, wohin das führte.

„Die seelische Gesundheit ist eher mein Fachgebiet.“ Nach dem Freitod ihrer Mutter hatte sie sich so hilflos gefühlt, dass sie unbedingt einen Beruf ergreifen wollte, in dem sie psychisch belasteten Menschen helfen konnte.

Das hatte er offenbar nicht gewusst. „Das ist durchaus verständlich … und bewundernswert.“

Das Lob tat gut. Aber sie hatte es nicht darauf angelegt. „Sag mir, wie es ihm geht“, kehrte sie zum ursprünglichen Thema zurück. „Wird er es schaffen?“

„Wie du weißt, hat dein Vater einen Herzinfarkt erlitten. Sein Herz stand still, als die Rettungssanitäter ankamen. Sie mussten ihn vor Ort reanimieren.“

Violet hätte nicht genau beschreiben können, was sie empfand. Zu widersprüchlich waren ihre Gefühle. Zwar hatte sie ihren Vater seit dem Tod ihrer Mutter verabscheut und sich insgeheim gefragt, warum sie und nicht er gestorben war. Doch jetzt, wo sie auch ihn zu verlieren drohte, wurde ihr bewusst, dass die schlechten Erinnerungen nichts daran änderten, dass er ihr Vater war. Jetzt verstand sie auch, warum ihre Mutter ihn trotz der leidvollen Situation nicht einfach hatte verlassen können. Manchmal bedeutete es eine Last, ein Gewissen zu haben.

„Einen Herzinfarkt“, wiederholte sie. Auch wenn sie es schon von anderen gehört hatte, so klang es doch aus Nates Mund real.

Er nickte. „Das zeigen auch die Bluttests. Sein Herzmuskel ist geschädigt. Alle sechs bis acht Stunden werden wir ihm Blut abnehmen und ein EKG machen, um die Herzaktivität zu kontrollieren und abzuklären, dass es keine weiteren Komplikationen gibt. Die nächsten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden sind entscheidend. Unsere erste Maßnahme wäre eine Not-Angioplastie gewesen, um die Arterien zu weiten, damit das Blut besser fließt, aber leider hat sich dein Vater dagegen ausgesprochen.“

Nate beschönigte nichts. Er wusste, dass sie eine klare Sprache bevorzugte. Nebulöse Formulierungen konnten alles noch schlimmer machen, weil die bedrückende Wahrheit nur scheibchenweise und viel später ans Licht kam. Violet hatte nicht vergessen, wie ihr Vater sie anfangs hatte glauben machen wollen, dass die tödliche Überdosis ihrer Mutter ein unglücklicher Zufall gewesen war.

Sie schloss die Augen und atmete einmal tief durch, drängte die alten Gefühle zurück und auch die Hilflosigkeit, weil sie ihren starrsinnigen Vater nicht dazu bringen würde, seinen Zustand zu akzeptieren.

„Weiß man den Grund?“ Violet wusste nicht, wie ihr Vater jetzt lebte, aber sie bezweifelte, dass er seinen Whiskey- und Zigarrenkonsum eingeschränkt hatte. Er war ein Mann, der tat, was ihm beliebte. Die Folgen interessierten ihn nicht.

„Soweit ich weiß, gibt es keine familiären Vorbelastungen und auch keine akuten Gesundheitsprobleme. Nach weiteren Untersuchungen werden wir mehr wissen. Im Moment ist es am wichtigsten, mehr Schäden am Herzen zu vermeiden.“

„Leider konnte ich den Schwestern keine ausführlichen Informationen geben.“ Sie schnitt eine Grimasse, als sie sich vorstellte, welch schlechte Meinung das Personal bereits über sie haben musste, weil sie nichts Konkretes über ihren Vater wusste.

„Ist schon okay. Ich weiß ja, dass es … Schwierigkeiten zwischen euch gab. Wir haben uns die Informationen anderweitig besorgt.“

Zweifelsohne meinte er damit seine Eltern, die eine enge Bindung an ihren Vater hatten, was ihr auch nichts ausmachte. Aber manchmal fühlte sie sich unzulänglich, sogar überflüssig. Es war tatsächlich so, dass niemand sie je wirklich gebraucht hatte. Und daran hatte sich nichts geändert.

„Kann ich ihn sehen?“ Egal, wie brüchig ihre Beziehung seit dem Tod ihrer Mutter war, und trotz der Tatsache, dass er ein schwieriger Mensch war, blieb er doch ihr einziger lebender Verwandter. Nur weil sie nicht die Tochter war, die er sich wünschte, so war er ihr immer noch nahe. Das machte es leider noch schwieriger.

„Ich werde sehen, was ich tun kann, damit du ein paar Minuten mit ihm hast“, versprach Nate.

Violet überraschte es, dass er es nicht dabei beließ, ihr nur die Fakten zu nennen. Vielleicht war seine Geste den alten Zeiten geschuldet – den Tagen, bevor alles kompliziert wurde und sie etwas getan hatte, wofür er sie verachtete.

So folgte sie ihm. Nate durchquerte die Intensivstation mit einer Sicherheit und Autorität, die sie vorher nie an ihm gekannt hatte.

Das Bett ihres Vaters stand in der linken Ecke des Raums am Fenster. Glücklicherweise hatte er nur einen direkten Bettnachbarn, über den er sich beschweren konnte, wenn er wieder bei Kräften und mehr er selbst war.

Lord Dempsey würde es gar nicht schmecken, in einem staatlichen Krankenhaus aufzuwachen anstatt in einer exklusiven Privatklinik.

„Im Moment ist er wegen der hohen Schmerzmitteldosis nicht ansprechbar.“

Nate ging mit ihr zum Bett hinüber, und zum ersten Mal in ihrem Leben tat der Vater ihr leid. Der Mann, der ihre Mutter mehr oder weniger in den Tod getrieben hatte, weil sie seine gesellschaftlichen Ambitionen nicht länger ertragen hatte, war nun ein alter, kranker Mann im Krankenhaushemd. Sein weißes Haar war aufs Kissen gebettet, er war an Schläuche und Kabel angeschlossen.

Monitore zeigten seine Vitalfunktionen an, die intravenösen Zugänge pumpten ihm die lebenserhaltenden Medikamente in den schwachen Körper, und Sauerstoff bekam er über eine Atemmaske. Aber Violet konnte nicht weinen. Nates Schulter war sicher vor ihren Tränen, anders als früher. Auf keinen Fall würde sie Schwäche zeigen. Sie war stärker als ihre Mutter, sie würde sich nicht beherrschen lassen!

„Wie stehen seine Chancen?“

Ihre Frage klang so emotionslos, dass Nate fürchtete, Violet könne unter Schock stehen. Dann würde er auch sie behandeln müssen – das hätte ihm heute Nacht gerade noch gefehlt.

Erst ein einziges Mal hatte er sie so unterkühlt erlebt. Er wusste, dass sie seit Beginn des Studiums nicht mehr nach Hause gekommen war. Aber trotz allem war es ihr Vater, der hier lag. Viele Jahre hatten sich in ihr Furcht und Groll gegen ihn angesammelt, ob sie ihn nun liebte oder nicht. Sie musste doch irgendeine Reaktion zeigen, jetzt, da sie wusste, dass er sterben konnte, ohne dass sie sich ausgesprochen hatten.

Seit Nate erfahren hatte, dass sie hier im Gebäude war, gingen ihm tausend Fragen durch den Kopf, von denen die meisten mit „Warum“ anfingen. Ihm war keine andere Wahl geblieben, als sein Leben weiterzuleben, nachdem sie verschwunden war. Dennoch hatte er nie aufgehört, sich zu fragen, was er getan hatte, um sie von sich fortzutreiben.

Sie wiederzusehen, holte verwirrende und widersprüchliche Gefühle wieder an die Oberfläche. Auch wenn er nicht mehr der Teenager mit gebrochenem Herzen war, so schmerzte es doch noch immer. Anstatt seine Liebe zu akzeptieren oder ihm ihre zu gestehen, war sie einfach gegangen und hatte sich geweigert, ihn zu treffen, bis sie nach London ging. Es war das einzige Mal gewesen, dass sie ihn nicht um Rat gefragt oder ihn in ihre Pläne eingeweiht hatte. Das einzige Mal, dass sie ihm den Rücken zuwandte, anstatt um seine Hilfe zu bitten.

Nate hatte versucht, aus der ganzen schmerzlichen Angelegenheit das Beste zu machen, sonst wäre er auf Strachmore geblieben und in die Fußstapfen seiner Eltern getreten. Sie hatten die besten Jahre ihres Lebens gegeben, um das Schloss zu führen, hatten alles andere aus Loyalität den Dempseys gegenüber geopfert. Und sie hatten erwartet, dass auch Nate ihnen dienen würde.

Doch er schwor sich, ein anderes Leben zu führen. Er hatte Pläne, die weit über Strachmore Castle hinausgingen.

Sie enthielten allerdings einen Wermutstropfen – Violet. Wahrscheinlich hätte er all seine Hoffnungen und Pläne aufgegeben, um mit ihr zusammen zu sein. Aber das hatte nicht genügt. Er hatte ihr nicht genügt. Nate begriff, dass er wegmusste von Strachmore, und er war ihr dankbar, dass sie ihm den letzten Anstoß dazu gegeben hatte. Und das war auch ein Grund, warum er darauf bestanden hatte, heute Abend persönlich mit ihr zu sprechen.

Oft schon hatte er sich den Moment vorgestellt, wenn sie sich wiedersahen. Er hatte alle Examen mit Auszeichnung bestanden, ein Beweis, dass er ihrer doch würdig war. Und ihr dies eines Tages zu zeigen, hatte ihn während seiner Ausbildung immer wieder angetrieben.

Er war natürlich neugierig zu sehen, wie sie sich in den vergangenen Jahren entwickelt hatte. Wenn der Tod ihrer Mutter sie seelisch verändert hatte, so prägte das Leben in London sie auf jeden Fall äußerlich. Und obwohl sie es bestimmt hasste, sah man ihr die adlige Herkunft an der Haltung und bei jeder Bewegung an. Das früher schulterlange Haar trug sie zu einem kurzen modischen Bob geschnitten, und selbst lässig gekleidet in hautenger Jeans und einer seidenen Pünktchenbluse war sie der Inbegriff der modernen, weltgewandten Großstädterin. Aber all das konnte die wirkliche Violet nicht vor ihm verbergen. Ihre blauen Augen blickten bekümmert wie immer, und er brachte es nicht über sich, sie mit der Vergangenheit zu konfrontieren.

Es hatte Zeit, bis sie beide bereit waren, miteinander zu reden und nicht mehr so zu tun, als wäre dieses Wiedersehen nichts Besonderes. Auch wenn ihr Leben weitergegangen war, musste er wissen, warum sie ihn damals verlassen hatte. Erst dann konnte er dieses Kapitel abschließen. Dass Violet ihn zurückgewiesen hatte, war der einzige Fehlschlag in seinem Leben gewesen. Ein wunder Punkt, mit dem zu leben ihm nicht leichtgefallen war.

Aber im Moment musste er seine persönlichen Gefühle zurückstellen und sie behandeln wie alle Angehörigen eines schwer kranken Patienten. Früher hätte er nicht gezögert, sie in die Arme zu ziehen, um sie zu trösten, aber sie hatten sich nicht aus freien Stücken hier getroffen. Sie waren auch keine Teenager mehr, verbündet in der Rebellion gegen die Eltern, sondern Erwachsene, Fremde, die kaum etwas voneinander wussten. Nate hatte beschlossen, professionelle Distanz zu wahren.

Allerdings hatte die Begegnung mit dem Earl ihn wieder daran erinnert, was Violet und ihre Mutter durchgemacht haben mussten. Es war frustrierend gewesen, die Angioplastie nicht durchführen zu dürfen, weil Lord Dempsey zu stur war, um einen medizinisch begründeten Rat anzunehmen. Was das betraf, verstand er, dass Violet ihr Elternhaus lieber verlassen hatte, als mit ansehen zu müssen, wie ihr Vater sich zugrunde richtete. Selbst in den Fängen des Todes glaubte er, alles besser zu wissen. So, als könnte er das Schicksal aufhalten, indem er es starrsinnig ignorierte.

„Noch ist er nicht außer Gefahr, aber in besten Händen. Wir haben ihm frühzeitig blutverdünnende Mittel geben können, um weitere Schädigungen zu verhindern. Je schneller wir einen Herzinfarktpatienten behandeln, desto größer sind seine Überlebenschancen.“ Obwohl diese Behandlung tägliche Routine war, so reagierte doch jeder Patient anders, litt unter verschiedenen Herzmuskelschäden und musste entsprechend behandelt werden.

„Natürlich wünsche ich mir trotz allem, dass er wieder gesund wird. Ich bin nicht herzlos.“ Violet beugte sich übers Bett, und einen Augenblick lang dachte Nate, dass sie ihren Vater berühren würde. Aber dann richtete sie sich rasch wieder auf.

„Ich weiß. Und er weiß es sicher auch.“ Allein dass sie hier war, zeigte es. Ihr Vater war ihr immer noch wichtig und sie ihm bestimmt auch. Das Problem war nur, dass sie beide dickköpfig waren und niemand den ersten Schritt tun wollte. Nate hoffte aufrichtig, dass sie noch genügend Zeit hatten, sich zumindest wieder einander anzunähern.

Auch Nate hatte es nicht immer einfach mit seinen Eltern gehabt, doch er besuchte sie regelmäßig. Natürlich achtete er darauf, dass sie sich nicht in sein Leben einmischten oder er nicht in irgendein Drama auf Strachmore Castle verwickelt wurde. Und das war ihm auch gelungen … bis jetzt.

Plötzlich fielen die Zacken auf dem Monitor zu einer flachen Linie zusammen, und ein schriller Alarm ertönte. Ein zweiter Herzinfarkt gleich nach dem ersten war nicht ungewöhnlich, vor allem, wenn der Patient noch geschwächt war und eine lebensrettende Behandlung verweigert hatte.

„Violet, ich muss dich leider bitten, zu gehen.“ Einen Menschen wiederzubeleben, war nicht so schön, wie man es in Filmen sah. Auf keinen Fall sollten Angehörige dabei sein.

„Nate?“ Ihre Lippen bebten, und eine stumme Bitte stand in ihren großen blauen Augen.

„Ich werde alles tun, um ihn zu retten, das verspreche ich dir.“

Ein feiner Schweißfilm bildete sich auf Nates Stirn, als er den Defibrillator auflud, den eine Schwester ans Bett gerollt hatte.

„Abstand!“

Der erste Elektroschock, mit dem Nate das geschwächte Herz wieder zum Schlagen bringen wollte, war für den Earl und Violet, für eine zweite Chance, dass Vater und Tochter sich aussöhnen konnten. Nate setzte die Wiederbelebungsmaßnahmen fort, und bei jeder Kompression, die er mit flachen Händen und durchgestreckten Armen auf den Brustkorb ausübte, dachte er an seine Eltern und an deren Bindungen an diesen Mann.

So viel zu seinem Wunsch, dass niemand von ihm abhängig sein sollte. Jetzt lag es an ihm, zwei Familien den Tag zu retten. Und ein Leben.

2. KAPITEL

Nate, wie er über das Bett gebeugt rhythmisch auf die Brust ihres Vaters drückte, war das Letzte, was Violet sah, bevor sie den Raum verließ. Dann schloss sich die Tür hinter ihr, und sie bekam nichts mehr davon mit, wie ihr Vater um sein Leben kämpfte.

Eine Schwester begleitete sie zurück in das kleine Zimmer, das sie vor wenigen Minuten verlassen hatte, und wo sie nun wieder warten musste. Ihr Herz raste, sie spürte einen dumpfen Druck im Bauch. Es lag nicht in ihrer Macht, einen zweiten, vielleicht tödlichen Infarkt zu verhindern.

Von Nate hing alles ab. Sie vertraute darauf, dass er alles nur Menschenmögliche tun würde. Er hatte sie noch nie im Stich gelassen – sie ihn allerdings schon. Als er sie geküsst hatte und ihr gestand, dass er sie liebte, hatte sie sich von ihm abgewandt, statt ihm zu sagen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Aber Liebe war das Einzige, was sie ihm nicht geben konnte. Sie wagte es nicht, weil sie miterlebt hatte, wie die Liebe ihre Mutter umbrachte.

Bewundernswert fand sie Nates professionelle Haltung, als sie ihm ihren Vater anvertraute. Er strahlte aber eine Distanziertheit aus, die sie an ihm nicht kannte. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie ohne Erklärung und ohne Abschied nach London gegangen war. Er hatte wahrscheinlich längst mit der Vergangenheit abgeschlossen und sah keine Notwendigkeit, mit ihr darüber zu reden.

Im Grunde war sie ihm dafür dankbar. Zumindest heute hätte sie weitere seelische Belastungen nicht verkraftet.

Für jemanden, der seine Gefühle so gut wie möglich vor anderen verbarg, hatte sie genug ertragen müssen, da konnte sie keine weiteren Dämonen der Vergangenheit brauchen.

Und doch verließ sie sich wieder einmal auf ihn, so wie jedes Mal, wenn ihre Eltern sich gestritten hatten, empfand Mitleid mit sich selbst und fragte sich, wie ihr Leben wohl weitergehen würde.

Es klopfte leise an der Tür, und eine Schwester erschien mit einem Tablett in den Händen. „Ich dachte, Sie könnten eine Tasse Tee gebrauchen.“

„Danke.“ Violet lächelte gezwungen. Seit dem dramatischen Anruf hatte sie nichts mehr gegessen, aber sie würde auch jetzt nichts hinunterbringen. Nicht einmal das schlichte Gebäck, das auf einem Tellerchen neben der Tasse lag.

„Sie müssen etwas zu sich nehmen, stärken Sie sich“, sagte die Schwester freundlich. „Sie sind keine Hilfe für Ihren Vater, wenn Sie vor Hunger ohnmächtig werden.“

Violet wusste nicht, welche Hilfe sie für ihren Vater sein konnte, ohnmächtig oder nicht. Aber die Schwester blieb stehen, bis sie von einem Keks abbiss und einen Schluck Tee trank. Erst dann ging sie wieder hinaus.

Als sich die Tür das nächste Mal öffnete, kam Nate herein. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, bestimmt, weil sie noch nicht wusste, wie es um ihren Vater stand. Es hatte sicher nichts mit dem Anblick von Dr. Taylor zu tun, der die Ärmel aufgekrempelt hatte und damit seine muskulösen, sonnengebräunten Unterarme entblößte. Und dessen Haar zerzaust war, als käme er gerade aus dem Bett.

„Wir haben ihn zurückgeholt“, verkündete Nate als Erstes, und Violet stieß die angehaltene Luft wieder aus.

„Danke“, wisperte sie und ihre Kehle brannte von ungeweinten Tränen. Bis heute war ihr nicht klar gewesen, wie viel es ihr bedeutete, nicht allein auf der Welt zu sein.

„Wir halten ihn unter strenger Beobachtung. Ein zweiter Infarkt nach dem ersten ist nicht ungewöhnlich, aber jetzt ist dein Vater stabil.“

Dass Nate sich so um ihren Vater kümmerte, erleichterte sie ungemein. Besonders, da ihr Vater Nate früher so verächtlich behandelt hatte, weil er aus einer niedrigeren Klasse stammte. Ob er wohl geahnt hatte, wie gefährlich nahe sie einer intensiven Beziehung gewesen waren? Niemals hätte Nate den Ansprüchen ihres Vaters an einen Schwiegersohn genügt, der einmal seinen Titel erben sollte. Aber das hätte Nate auch nicht gewollt, Strachmore Castle bedeutete ihm genauso wenig wie ihr. Außerdem wollte sich Violet niemals an jemanden binden, weder aus Liebe noch aus einem anderen Grund.

„Danke, dass du es mir persönlich mitteilst. Ich weiß, du wirst bestimmt anderswo dringend gebraucht.“

„Soll ich dir ein Taxi bestellen? Musst du irgendwohin?“ Er warf einen Blick auf ihren kleinen Handkoffer.

Wahrscheinlich wollte er sie so schnell wie möglich loswerden.

Violet hatte nur das Notwendigste eingepackt, eher aus Panik als aus Optimismus. „Kann ich nicht hier übernachten? Ich stelle mir zwei Stühle zusammen, das reicht.“ Da ihr Vater noch immer nicht über den Berg war, wollte sie auf jeden Fall in seiner Nähe sein.

„Du kannst hier nicht schlafen. Ganz sicher bist du ziemlich erschöpft.“ Er schwieg einen Moment, dann fuhr er fort: „Ich fahre dich nach Strachmore und hole die Schlüssel von Mum.“

Er schien entschlossen, sie für die Nacht unterzubringen, als wäre sie ein streunender Hund, den er an der Straße aufgegriffen hatte, und um den er sich erst einmal kümmern musste, bis jemand anders es übernahm. So war es immer zwischen ihnen gewesen. Hatte sie irgendwelche Probleme, fand Nate eine Lösung. Bis auf das letzte Mal war er ihr immer nur zu gern zu Hilfe gekommen.

„Also, ich möchte dich nicht länger aufhalten, bestimmt hast du noch andere Patienten. Wenn ich hierbleibe, bin ich außerdem in der Nähe, falls etwas passiert.“

Strachmore Castle erschien ihr kaum einladender als dieser winzige fensterlose Raum.

Nate blickte sie an. „Ich hatte schon vor Stunden Dienstschluss. Du kannst voll und ganz über mich verfügen.“

Ein Schauer überlief sie unwillkürlich. Bestimmt, weil er ihretwegen aus alter Loyalität Überstunden machte, nicht weil ihr Körper auf ihn reagierte.

„Das kann ich nicht von dir verlangen.“

„Das hast du auch nicht. Ich habe es dir freiwillig angeboten.“ Er griff nach ihrer Tasche und ging zur Tür. Als sie ihm nicht folgte, wandte er sich zu ihr um. „Die Nachtschwester wird dich und auch mich anrufen, falls die Lage sich ändert. Dann hole ich dich ab, und wir sind innerhalb kürzester Zeit hier.“

„Du willst es wirklich tun?“

Es fiel ihr keine Ausrede mehr ein.

Violet wartete im Wagen, während er kurz bei seinen Eltern reinschaute, und hoffte, er würde sich beeilen. Je länger sie zusammen waren, desto wahrscheinlicher wurde es, dass ihr Verschwinden von damals zum Thema wurde. Sie aber war noch nicht so weit, sich dem zu stellen, ebenso wenig den Taylors. Gegen die beiden hatte sie nichts, warum auch, aber sie war absolut nicht in der Stimmung für große Wiedersehensszenen oder bohrende Fragen, warum sie sich hier so lange nicht hatte blicken lassen. Nate ließ den Motor laufen, ihm ging es wohl ebenso wie ihr. Wahrscheinlich wollte auch er, dass der Tag so schnell wie möglich endete.

Sie schmiegte sich in den weichen Ledersitz, der eindeutig bequemer war als die Stühle im Wartezimmer. Es war ungewohnt, in einem schnittigen roten Sportwagen durch die Gegend chauffiert zu werden. Der Junge, der sich damals mit zahlreichen Gelegenheitsjobs ein bisschen Geld verdiente, war nicht wiederzuerkennen. Violet kam es so vor, als sollte der leuchtend rote Wagen jedem, der früher wegen seiner Herkunft auf Nate herabgesehen hatte, signalisieren, dass er es an die Spitze der Gesellschaft geschafft hatte.

Welch eine Ironie des Schicksals, dass das jüngste Mitglied der Familie Dempsey die öffentlichen Verkehrsmittel nutzte, um von A nach B zu kommen. In der Großstadt fand Violet es praktischer. Ihr Vater würde sich darüber ärgern, weil es in seinen Augen nicht standesgemäß war – für Violet ein Grund mehr, dabei zu bleiben!

Im dämmrigen Abendlicht sah sie Nate zurückkehren. Im maßgeschneiderten Anzug und nicht mehr in verschlissenen Jeans könnte er ohne Zweifel als Schlossherr durchgehen. Allerdings würde er in jeder Kleidung atemberaubend aussehen. Ohne auch!

Oh … woher kam das jetzt? Anscheinend hatten sich ihre Teenagerhormone, die sie längst überwunden geglaubt hatte, in erwachsene verwandelt. Oder es lag eher daran, dass sie einen sehr anstrengenden Tag hinter sich hatte und seine widerstrebende Freundlichkeit für etwas Erotisches hielt.

Sie räusperte sich, als er die Wagentür öffnete und wieder neben sie auf den Fahrersitz glitt. Dass er so dicht neben ihr saß, dass seine Schenkel ihr Bein beinahe berührten, machte die Situation nicht einfacher.

„Mum macht sich Vorwürfe, dass sie vor deiner Ankunft das Haus nicht geputzt hat. Ich habe ihr versichert, dass ich für dich den roten Teppich ausrollen werde, aber wir sollten schnellstens von hier verschwinden, bevor wir in einen Wischlappen und Staubtücher schwingenden Reinigungstrupp geraten.“

Violet überging seine ironische Bemerkung. Sie war einfach nur dankbar, dass er sie vor Mrs. Taylors eindringlichen Fragen schützte. „Ich bin sicher, dass das Haus so makellos rein ist wie immer, wenn deine Mutter das Sagen hat. Ich wünschte, ich könnte sie klonen und mit nach London nehmen.“

Anders als Strachmore Castle würde es ihre kleine Wohnung niemals auf die Titelseite eines Hochglanzmagazins schaffen. Aber es bedeutete Violet viel, dass sie sich das Geld für die Miete selbst verdiente – das zählte mehr als glänzendes Silber und blanke Marmorfußböden.

Nate legte den Rückwärtsgang ein, den Arm über ihre Rückenlehne gelegt, und schaute nach hinten. Der Duft nach Seife und Mann umfing Violet, und einen Moment geriet sie in Versuchung, sich an seine breite Brust zu schmiegen. Er könnte ihr Trost und noch vieles mehr bieten. Doch aus genau diesem Grund sollte sie ihn auch weiterhin nur als Freund betrachten, als Arzt ihres Vaters, und nicht als das erste männliche Wesen, das bei ihr erotische Fantasien geweckt hatte.

„Weißt du schon, wie lange du bleiben wirst? Ich meine, wartet jemand zu Hause auf dich?“ Er blickte wieder auf die dunkle Straße, die vom Cottage zum Haupthaus führte, deswegen konnte Violet nicht sagen, ob er sie aushorchen wollte oder nur Konversation machte.

„Ich bleibe so lange wie nötig. Das ist kein Problem, ich habe noch reichlich Überstunden.“ Sie zog es vor, zu arbeiten, anstatt sich freie Tage zu nehmen, an denen ihr nichts anderes übrig blieb, als über Dinge nachzugrübeln, die sie nicht ändern konnte.

„Falls du etwas brauchst, kannst du dich jederzeit an meine Eltern wenden.“

„Danke. Du hast mehr als genug getan, indem du mich hergebracht hast, und ich möchte nicht deine bessere Hälfte verärgern, indem ich dich noch länger in Beschlag nehme.“ Okay, sie hatte ihre Neugier nicht im Griff. Er war ihre erste Liebe gewesen, er hatte sie als Erster geküsst, da war es doch nur natürlich, dass das grüne Eifersuchtsmonster seinen Kopf hob.

„Die Gefahr besteht nicht. Ich bin überzeugter Junggeselle.“

Ihr nächster Gedanke war wie ein Eimer Eiswasser. Auf einmal bekam sein gepflegtes Aussehen eine andere Bedeutung. „Du bist doch nicht …?“

„Nein, ich bin nicht schwul, Violet. Ich dachte, du vor allen anderen Frauen müsstest das eigentlich wissen.“

Er wandte ihr das Gesicht zu, und auch wenn sie in dem dämmrigen Licht nicht mehr scharf sehen konnte, bildete sie sich ein, dass er auf ihren Mund starrte und sich auch an den Kuss damals erinnerte.

Zehn Jahre lang hatte sie die Erinnerung daran unterdrücken können, aber jetzt und hier, wo sie sich so nahe waren, konnte sie nur noch daran denken. Auf das erste zögernde Erforschen war rasch ungehemmte Leidenschaft gefolgt, die sie seitdem nie wieder erlebt hatte. Heute war sie auf der Hut, wenn ein Mann ihr Avancen machte. Damals hatte sie Nates warme Lippen auf ihren gespürt und keinen einzigen Gedanken an die Folgen oder mögliche Komplikationen verschwendet. Das kam erst später, als sie versuchte, sich eine gemeinsame Zukunft mit ihm vorzustellen, und kläglich gescheitert war. Er passte nicht in ihre Welt und sie nicht in seine. Ironischerweise schienen sie inzwischen die Plätze getauscht zu haben.

Als im Licht der Scheinwerfer die Steinsäulen des im achtzehnten Jahrhundert gebauten Hauses vor ihnen auftauchten, verschwanden die Schmetterlinge in ihrem Bauch und machten leichter Übelkeit Platz.

„Trautes Heim, Glück allein“, lenkte Nates humorvoller Versuch sie etwas von den Erinnerungen ab, die sie überfielen.

An ihren Vater, der vor Wut förmlich schäumte, als sie gegen seinen Willen heimlich mit Nate auf ein Rockkonzert ging.

Wie sie sich im alten Dienerquartier versteckte, anstatt mit den Montgomerys zu Abend zu essen, deren Sohn ihrem Vater eine angemessene Partie schien. Damals war sie siebzehn gewesen.

An die leere Tablettenflasche auf dem Nachttisch ihrer Mutter.

Schwarzer Humor war die richtige Medizin gegen schwarze Erinnerungen.

„Nur für den Fall, dass du es nicht erkennen kannst, ich sehe dich gerade mit einem vernichtenden Blick an“, antwortete sie.

Nate lachte aus voller Kehle auf, und für einen Moment kam hinter dem ernsten Arzt der Freund von damals zum Vorschein. „Die Lippen, als hättest du gerade in eine Zitrone gebissen, die Augen schmale Schlitze – ich kann es mir gut vorstellen.“

Er hielt schließlich vor dem Haus und stellte den Motor ab. Das Geräusch der Handbremse, als er sie anzog, klang endgültig, so als gebe es kein Zurück mehr. Violet fröstelte es plötzlich.

„Danke für alles“, sagte sie tapfer. „Ich schaffe es auch allein ins Haus.“

„Nein. Ich habe strikte Anweisung, Lady Violet auf ihren Stammsitz zu begleiten. Vergiss nicht, unter anderen Umständen wäre ich vielleicht dein Laufbursche geworden.“

Es war natürlich ironisch gemeint. Weder hätte sie die Lady Violet gespielt noch er den Laufburschen.

Sie seufzte tief und gab sich geschlagen. Ein ironischer Nate war ihr allemal lieber als eine Mrs. Taylor, die wie eine Glucke um sie herum scharwenzelte. Außerdem war sie froh, dass sie das Haus, das so viele düstere Erinnerungen barg, nicht allein betreten musste.

Nate hatte gedacht, dass er immun war gegen alles, was mit den Dempseys zusammenhing, seit Violet ihm als Teenager das Herz gebrochen hatte. Weit gefehlt! Ein Blick in diese großen blauen Augen, und schon übernahm er die Pflichten der Dienerschaft, die es hier einst gegeben hatte – des Chauffeurs, des Butlers und der Hauswirtschafterin in einer Person.

Jetzt redete er sich ein, dass er nur seine Eltern daran hindern wollte, hier aufzutauchen, und deshalb versprochen hatte, ihr ein Kaminfeuer anzuzünden. Immer besorgt um das Wohl ihrer Dienstherren ertrug es seine Mutter nicht, dass Lady Violet in ein kaltes, leeres Haus zurückkehrte.

Trotz ihrer gemeinsamen Vergangenheit fühlte Nate sich verpflichtet, Violet zu helfen. Es wäre unfair, sie aus gekränktem Stolz im Wartezimmer übernachten zu lassen, weil sie ihn damals verlassen hatte. Und nun war er wieder in die frühere Rolle als Helfer in der Not geschlüpft und würde wohl niemals der Held ihrer Träume werden.

Da war es besser, seine Pflichten als Gentleman zu erfüllen. Sobald er sie sicher in ihrem Heim wusste, konnte er guten Gewissens wieder verschwinden. Sich an ihr zu rächen, war unter seiner Würde.

„Setz du den Wasserkessel auf, ich mache den Kamin an.“ Er öffnete die schwere Eingangstür mit der Ehrfurcht, die ein so stattliches Heim verdiente – ganz anders als sein gegenwärtiger Bewohner! Es war ein wunderschönes Gebäude, randvoll gefüllt mit Geschichte und Geschichten, die jeden Zuhörer in staunenden Bann schlugen. Für die, die es gerade betraten, hielt es allerdings auch schlechte Erinnerungen bereit. Während Violet die im Turm gefangene Prinzessin gewesen war, hatte er am untersten Ende der gesellschaftlichen Rangordnung des Hausherrn rangiert. Er hatte dieses Problem durch Ehrgeiz und harte Arbeit für sich gelöst, aber Violet offenbar noch lange nicht. Auch wenn Nate immer noch einen Groll gegen sie hegte, so war er doch nicht ohne jedes Mitgefühl. Am besten wäre es, so zu tun, als wäre dies eine ganz normale Situation, als würden sie das Heim einer anderen Familie betreten und nicht das Haus ihrer Vorfahren. Was leichter gesagt als getan war, angesichts des riesigen Kronleuchters, der über ihren Köpfen wie ein Schatz aus kostbaren Diamanten funkelte.

„Inzwischen sind selbst hier moderne Errungenschaften wie eine Zentralheizung eingezogen. Es ist also nicht nötig, den Kamin anzuheizen“, wehrte sie seinen Vorschlag ab.

„Teewasser kocht sich auch von selbst?“

Sie stürzte davon, wie früher, wenn sein Spott ihr zu viel wurde. Nate blickte ihr belustigt nach. „Nur Milch, keinen Zucker“, rief er ihr hinterher und machte sich auf den Weg ins Studierzimmer.

Es war der kleinste Raum im Erdgeschoss und leicht zu beheizen. Die blassblauen Wände, die ornamentverzierte Decke und die antiken Möbel der Eingangshalle waren zwar hübsch, milderten aber nicht die kühle Atmosphäre, die hier herrschte. Natürlich war ein Kaminfeuer nicht nötig, aber es verbreitete Gemütlichkeit, etwas, das diesem Haus definitiv fehlte.

Nate ging an Wänden vorbei, die mit Gemälden von Violets Vorfahren behängt waren. Alle schienen ihn missbilligend anzustarren, mit dem gleichen hochnäsig strengen Ausdruck wie Samuel Dempsey. Nate fragte sich, ob es zu den ungeschriebenen Gesetzen in diesem Haus gehörte, nicht zu lächeln, und ob Violet sich auch diesem Diktat widersetzt hatte. Mit eiserner Faust zu herrschen, mochte in früheren Zeiten funktioniert haben, aber soweit er es beurteilen konnte, hatte es die Familie zerrissen, anstatt sie zusammenzuhalten.

„Hat man ihn hier gefunden?“

Er hatte Violet nicht hereinkommen hören und kniete gerade vor dem Kamin, um Feuer zu machen. Erst als er sich umdrehte, verstand er, warum sie so betroffen klang.

Die Papiere ihres Vater waren auf dem Mahagonischreibtisch und dem Fußboden verstreut, sein Sessel lag umgeworfen ein paar Schritte davon entfernt, ein Whiskeyglas gleich daneben, dessen Inhalt längst in den antiken Teppich gesickert war.

„Es tut mir so leid, Violet, ich habe es gar nicht gesehen. Wir können gern in den Salon gehen, und ich schaffe hier Ordnung.“ Er nahm ihr die beiden Tassen aus den zitternden Händen, bevor sie Tee auf den teuren Möbeln verschüttete.

„Schon gut. Ich habe mich nur erschrocken.“ Sie richtete den schweren Sessel wieder auf, und Nate stellte die Tassen ab, um ihr zu helfen.

Beide bückten sich gleichzeitig nach dem Whiskeyglas, dabei streifte Violet es mit ihrem Armband. Spontan griff Nate nach ihrem Handgelenk.

„Ist es das, was ich dir damals gekauft habe?“ Es war nur ein billiges Armkettchen aus Türkisperlen, mit einem kleinen Anhänger in Form eines Seepferdchens daran. So ganz anders als die Diamanten und Perlen, die ihre Mutter sonst trug. Nate war überrascht, dass es nicht längst das Zeitliche gesegnet hatte, und erst recht erstaunt, dass sie es immer noch trug.

Sie lächelte schwach. „Ja, damals im Aquarium.“

An dem Tag, der alles zwischen ihnen geändert hatte.

„Du warst von diesen verdammten Seepferdchen fasziniert.“

Ewigkeiten hatte sie vor ihnen gestanden, und er hatte ihr ein Andenken an diesen gemeinsamen Sommernachmittag geben wollen. Er hatte nicht wissen können, dass es ihr letzter gewesen war.

„Sie wirkten so … friedlich. Ich habe sie um ihr einfaches Leben beneidet. Und die weiblichen Seepferdchen darum, dass sie ein viel freieres Leben als die meisten Frauen führen. Sie gibt nur ihre Eier weiter, und die Männchen gebären den Nachwuchs. Bei ihr liegt nicht die Last der Verantwortung für den Fortbestand der Familie.“ Es sagte viel darüber aus, wie sie ihre Kindheit und Jugend empfunden hatte, wenn sie die zarten, in ein Aquarium eingesperrten Tierchen beneidet hatte.

Er schob den Daumen unter die Türkisperlen und betrachtete das schlichte Schmuckstück. Warum trug sie es immer noch? Hieß das, dass der Tag damals, dass er, Nate, ihr damals doch etwas bedeutet hatte? Er fühlte, wie ihr Puls beschleunigte, ihre Blicke trafen sich, und auf einmal war wieder diese überwältigende erotische Spannung zwischen ihnen da.

Er wusste nicht, wer sich zuerst vorbeugte, aber plötzlich waren sie nur noch einen Hauch von einem Kuss entfernt. Violets Lider flatterten, schlossen sich, sie öffnete die Lippen, als erwarte sie seinen Kuss. Nichts wünschte er sich in diesem Moment mehr, als der Versuchung nachzugeben. Obwohl sie ihn damals so verletzt hatte, hatte er seit dem ersten Wiedersehen nichts anderes gewollt. Aber Violet konnte ihn nicht einfach fallen lassen und dann zurückholen, wann es ihr gefiel. Vor allem nicht, ohne sich bei ihm zu entschuldigen oder ihm zumindest zu erklären, warum sie ihm die kalte Schulter gezeigt hatte.

Körperliche Anziehung durfte nicht stärker sein als der gesunde Menschenverstand. Ein Kuss bedeutete so viel mehr, wenn es die erste Liebe war, die Frau, die einem rücksichtslos das Herz gebrochen hatte.

Nate ließ das Armband los und trat einen Schritt zurück. Die Schlaguhren im Zimmer begannen im selben Moment, die späte Stunde anzuzeigen. Sie klangen wie Totenglöckchen – für wen oder was auch immer.

Als Nate sie nicht an sich zog und leidenschaftlich küsste, mochte Violet die Augen gar nicht wieder öffnen und ihn ansehen, so beschämt war sie. Wieder hatte sie es getan – war ihrem Herzen gefolgt statt ihrem Verstand. Glücklicherweise hatte diesmal wenigstens einer von ihnen seinen Kopf gebraucht. Bei dem Gedanken, welchen Riesenfehler sie beinahe wieder gemacht hätte, lief es ihr kalt über den Rücken. Ihr Leben war auch so schon kompliziert genug, da musste sie es durch alte Gefühle nicht noch schwieriger machen. Es würde nur wieder Schaden anrichten. Daran sollte sie denken, wenn sie versucht war, sich in seine Arme zu schmiegen, der einzige Ort, an dem sie alle Probleme vergessen konnte.

„Kein Wunder, dass Mum unbedingt hier aufräumen wollte, bevor du auch nur einen Fuß ins Haus setzt“, sagte er und bückte sich nach den Papieren. „Ich vermute, sie haben einfach hinter sich abgeschlossen, nachdem der Krankenwagen abgefahren war.“

Gemeinsam räumten sie den Rest auf und stapelten die Unterlagen ihres Vaters ordentlich auf dem Schreibtisch.

„Violet, sieh mal.“ Nate hielt einen Stapel Briefe hoch, die er aufgehoben hatte.

„Ja?“

„Alles Rechnungen. Die meisten eine letzte Mahnung.“

„Lass mich mal sehen.“ Sie sah sich ein Schreiben nach dem anderen an, und ihre Befürchtungen bestätigten sich. Ihr Vater steckte bis zum Hals in finanziellen Schwierigkeiten.

Violet ließ sich schwer in den Sessel fallen, allmählich wuchs ihr die Situation über den Kopf. Zuerst der Herzinfarkt und nun das. Aber sie musste einen Weg finden, auch dieses Problem zu lösen. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie.

„Du wusstest nichts davon?“, fragte Nate mit sanfter Stimme, als wolle er ihr nicht noch mehr Angst machen.

All die Jahre hatte ihr Vater die Fassade aufrechterhalten, dass das Familienvermögen unerschöpflich sei, und viele hatten es auch geglaubt. Violet wusste es besser.

„Das Anwesen verschlingt seit Jahren viel Geld, aber mir war nicht klar, dass es so schlimm steht.“

Oft genug hatte es vor dem Tod ihrer Mutter böse Auseinandersetzungen gegeben, weil er nicht eingestehen wollte, dass die Mittel knapper wurden, sondern weiterhin großzügig Geld verschwendete.

Diese Sorgen und die Unsicherheit hatten sicherlich dazu beigetragen, dass sich die angegriffene Gesundheit ihrer Mutter noch verschlechterte. Aber er war nicht bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen – bis heute.

„Das heißt, es gibt keinen magischen Topf mit Gold unter den Dielenbrettern?“

„Leider nicht.“ Sie warf den Rechnungsstapel auf den Schreibtisch.

Wie auch immer es mit ihrem Vater weiterging, an ihr blieb es hängen, das Problem zu lösen. Vielleicht hätte sie doch mit siebzehn Lord Montgomerys Sohn heiraten sollen. Dann wäre sie jetzt wenigstens in der Lage, finanziell zu helfen, möglicherweise wäre sogar ihre Mutter noch am Leben.

Die akute finanzielle Notlage drohte all das zunichtezumachen, was sie in den letzten Jahren aufgebaut hatte. Hier hatte sich nichts verändert, seit sie fortgegangen war. Auf einmal fühlte sie sich wieder wie das verängstige junge Mädchen von damals, allein und überwältigt von allem, was ihr Vater ihr auflud.

Am liebsten hätte sie ihn zur Rede gestellt, ihn angeschrien und geweint und für immer den Kontakt abgebrochen. Aber das konnte sie nicht tun. Sie saß hier fest, wieder einmal.

„Darum kümmere ich mich morgen, wenn ich weiß, dass er die Nacht überstanden hat. Kann sein, dass ich ihn dann höchstpersönlich erwürge.“

Nate zog die Brauen hoch. „Das meinst du nicht ernst, das weiß ich. Es gibt immer einen Ausweg. Ihr Dempseys seid einfach zu stolz. Du musst so etwas nicht allein bewältigen.“

„Du bist der einzige Mensch, der immer für mich da war“, sprach sie ihre Gedanken aus.

Er war das einzige Licht in dieser Dunkelheit, und nur zu gern hätte sie sich zu ihm geflüchtet, damit er sie beschützte. Sie wünschte sich, eine kurze Weile nicht an morgen oder übermorgen denken zu müssen. Er konnte ihr helfen zu vergessen, sie mitnehmen an einen Ort, an dem es keine Probleme gab. Warum nicht noch einen weiteren Fehler begehen, wo sowieso alles um sie herum zusammenbrach?

Auf einmal war sie es leid, stark zu sein und Strachmores Probleme allein bewältigen zu müssen.

„Bleib heute Nacht bei mir, Nate.“

Nates Körper reagierte, und er war versucht, nicht auf seinen Verstand zu hören, der sofort alle möglichen Gründe anführte, warum es eine ganz schlechte Idee wäre, zu bleiben. Aber morgen würden sie beide es bedauern. Schon früher war sie die Königin des Aufschiebens gewesen, wenn es darum ging, Schwierigkeiten anzupacken und aus dem Weg zu räumen. Und er der Narr, der sie bei Laune hielt und von allem ablenkte, was sie hinter diesen Schlossmauern bedrückte.

Doch damit war es endgültig vorbei. Er hatte dafür gesorgt, dass er Herr in seinem eigenen Schloss war.

„Ich glaube, es ist besser, wenn ich nach Hause fahre.“

Sie hatte ihm schon einmal deutlich gemacht, dass er nicht gut genug für sie war, und er hatte keine Lust, heute den Tröster zu spielen.

Sie erhob sich, stand dicht vor ihm und strich ihm mit dem Finger übers Hemd. „Erzähl mir nicht, dass du nicht daran gedacht hast, an uns beide …“

Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Er sah sie beide im Bett, wie sie sich der Leidenschaft überließen, die sie schon damals empfunden hatten.

Er holte tief Luft, versuchte, seine Gedanken zu ordnen und sich über ihre klar zu werden. Für sie war es emotional ein sehr belastender Tag gewesen, und nie hatte er solche Situationen bei ihr ausgenutzt. Sicher, er begehrte sie, und es tat ihm gut, dass sie ihn auch wollte. Aber das änderte nichts an den Umständen. Freunde oder Geliebte? Er ermahnte sich, dass beides zusammen unmöglich war. Vor allem, wenn er bei Verstand bleiben wollte.

„Wir sind beide erwachsen und ungebunden. Uns ist klar, dass es nur Sex wäre, mehr nicht. Ich brauche die Ablenkung“, sagte sie und bestätigte genau das, was er gedacht hatte. Ebenso gut hätte sie einen Escort-Service in Anspruch nehmen können. Er selbst bedeutete ihr nichts.

Normalerweise hätte er nichts gegen eine Nacht mit ihr gehabt. Im Gegenteil. Es hätte verhindert, dass alles zu kompliziert wurde. Aber sie war nicht irgendeine Frau. Einen One-Night-Stand sollte man nicht mit der Frau haben, die einen schon einmal bedenkenlos zurückgewiesen hatte.

„Das Bett miteinander zu teilen, ist leider nicht das Gleiche wie im Bootshaus herumzuhängen und so zu tun, als gäbe es die wirkliche Welt um uns herum gar nicht.“

Seine offenen Worte zeigten Wirkung. Der kokette Blick verschwand, und sie sah ihn mit großen Augen an, als hätte er sie geohrfeigt.

Er war sich ziemlich sicher, dass er damals ein ähnliches Gesicht gemacht hatte, kurz bevor sie sich abwandte und aus seinem Leben verschwand. Aber er empfand keine Genugtuung.

„Du hast recht. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist.“

Scham war nun in ihren Augen zu lesen, und auch das hatte er nicht gewollt.

„Ich würde nichts lieber tun, als mit dir zu schlafen, aber ich halte es für einen Fehler. Für uns beide. Schlaf dich aus, und dann sehen wir uns morgen früh.“

Er wusste, dass sie nicht allein sein wollte, aber er durfte nicht wieder in die alte Rolle zurückfallen und zur Verfügung stehen, wann immer sie ihn rief. Er hatte zu viel in diese Beziehung investiert und für die Folgen bezahlt.

„Du bist immer der Vernünftigere gewesen.“ Sie lächelte bebend, und Nate wusste, er musste hier raus, bevor Tränen flossen. Denn dann würde er nicht mehr gehen können.

„Und du immer die Impulsivere.“ Wie oft hatte er ihr irgendeine Dummheit ausreden müssen, wie zum Beispiel, Abführmittel ins Essen zu mischen, um eine Party ihres Vaters zu sabotieren. Vielleicht hatte sie ihm deswegen nichts davon erzählt, dass sie nach London gehen würde – weil sie fürchtete, er könnte es ihr ausreden.

Ihr Vorschlag war wahrscheinlich eher ein Hilferuf als das echte Verlangen, mit ihm zu schlafen, aber das machte es nicht einfacher, zu widerstehen.

„Gute Nacht, Violet.“

Nate fragte sich, ob es ihr damals so schwergefallen war, wegzugehen wie ihm jetzt.

3. KAPITEL

Das Problem beim Landleben war die Ruhe. Es gab keine Verkehrsgeräusche, die Violets Gedanken übertönen konnten.

Fast die ganze Nacht über hatte ihr immer wieder der Moment vor Augen gestanden, wie sie sich vor Nate lächerlich machte. Was mochte er jetzt von ihr denken? Sie hatte sich ihm angeboten wie eine Nymphomanin. Sie fröstelte bei der Erinnerung an seinen verächtlichen Gesichtsausdruck, als er ihr Angebot zurückwies. Er hatte freundlich zu ihr sein wollen, mehr als sie verdiente, und sie hatte so getan, als wäre sie allein an seinem Körper interessiert. Nichts lag ihr ferner. Na ja, es stimmte schon, seit sie ihn zum ersten Mal wiedergesehen hatte, war er ihr nicht mehr aus dem Sinn gegangen, aber sie brauchte ihn für so viel mehr. Sie hatte versucht, ihm Sex anzubieten, damit er bei ihr blieb, obwohl sie sich doch seine Nähe mehr als alles andere wünschte.

Der Tag war einfach zu viel für sie gewesen, ihr Verstand hatte ausgesetzt. Es gab keine andere Erklärung für gestern Nacht. In den vergangen Jahren hatte sie so stark und unabhängig sein müssen, dass sie schließlich eine Freundschaft als Schwäche ansah. Erst gestern, nach Nates Einsatz, erkannte sie, wie wichtig es war, dass jemand einem in solchen belastenden Situationen den Rücken stärkte. Sie war so durcheinander gewesen, dass sie geglaubt hatte, mit Nate zu schlafen wäre der einzige Weg, ihre alte Beziehung wieder aufleben zu lassen. Die Zeit zurückzuholen, als sie noch jung und naiv gewesen war. Nate hatte ihr klargemacht, dass es nur Erinnerungen waren. Außerdem hatte sie kein Recht, irgendetwas von ihm zu erwarten. Schließlich war sie es gewesen, die ihre romantische Traumwelt hatte platzen lassen. Welchen Sinn hatte es denn gehabt, fortzugehen und dann wiederzukommen und ihn sogleich mit Strachmores Problemen zu überhäufen, die nicht seine waren?

Nüchtern betrachtet, war sein Verhalten genau richtig gewesen. Dennoch schmerzte es. Aber hatte er nicht einfach nur das getan, was sie damals von ihm gewollt hatte – Abstand halten, sein Leben ohne sie leben? Sie sollte froh darüber sein. Dieser eine Kuss damals war so voller Liebe und Leidenschaft gewesen, und sie allein hatte diese Gefühle durch ihr Verhalten zerstört – auch wenn sie zu der Zeit glaubte, es wäre für beide das Beste.

Nur gut, dass sie nicht miteinander geschlafen hatten, wie schlimm und peinlich wäre der nächste Tag gewesen, wenn sie ihm wiederbegegnet wäre?

Die Sonne war schon aufgegangen, und Violet wollte schnell ins Krankenhaus. Aber wie immer, wenn es um ihren Vater ging, konnte sie keinen kühlen Kopf bewahren. Gestern Abend hatte sie Angst um ihn gehabt, und doch löste er in ihr eine latente innere Abwehr aus, weil sie seinetwegen hier sein musste. Die mit Rosentapeten bedeckten Wände und das riesige Himmelbett mochten der Traum jedes kleinen Mädchens sein, aber für sie war es wie ein Gefängnis gewesen, ein Ort der Unfreiheit. Und jetzt, obwohl sie längst erwachsen war, ging es ihr wieder so.

Sie warf die Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett. Der dicke weiche Teppich unter ihren Füßen fühlte sich so ganz anders an als die schlichten Holzdielen in ihrer Wohnung.

Sie wanderte durch die langen Flure und versuchte, etwas Schönes in den schimmernden, vergoldeten Gefäßen und Bilderrahmen und in den handgeschnitzten Möbeln zu entdecken. Doch es gelang ihr nicht. Sie wäre lieber in einer Einzimmerwohnung aufgewachsen, wenn sie dadurch ihre Mutter heute noch bei sich hätte. Ihr Vater war da anders. Selbst als seine Frau ihn angefleht hatte, das Luxusleben zu reduzieren oder das Familiensilber zu verkaufen, um Schulden bezahlen zu können, hatte er sich strikt geweigert. Und er verlangte von ihr, weiterhin die Fassade des Wohlstands aufrechtzuerhalten. Rauschende, extravagante Feste folgten, sollten die Gerüchte über finanzielle Engpässe widerlegen. Gezwungenermaßen hatte ihre Mutter die glamouröse, großzügige Gastgeberin gespielt und ihre Sorgen mit einem Medikamenten-Cocktail hinuntergeschluckt.

Violet ließ ihre Hand über den Mahagonitreppenlauf gleiten. Es brachte Erinnerungen an glückliche Zeiten zurück, in der das Haus ihr Spielplatz gewesen war. Auf dem Handlauf war sie von einem Stockwerk ins andere hinuntergerutscht. In der Schule hatte sie nur wenige Freundinnen gehabt, und so musste sie sich irgendwie beschäftigen, während sie auf Nate wartete, der erst zusammen mit seinem Vater das Anwesen in Ordnung bringen musste. Zumindest bei ihm brauchte sie nicht jemanden zu spielen, der sie gar nicht war. Gestern Abend hätte sie es gar nicht erst versuchen sollen.

Vielleicht hatte er von Anfang an hinter ihre Mauern geschaut, wie schon früher immer, und erkannt, dass sie nur aus Furcht so handelte. Das wäre ihr lieber als der Gedanke, dass er sie nicht mehr attraktiv fand …

„Hallo, Dad.“

Violet freute sich, dass es ihrem Vater besser ging und sein Gesicht...

Autor

Tina Beckett
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Alison Roberts

Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde. Sie fand eine...

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